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Buch 1 - Die Flucht

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / Het
12.02.2020
13.11.2020
27
57.070
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23.02.2020 1.852
 
Ivrendre lebte in einem Haus, das ähnlich dem der Familie Morgenglanz war. In Falathras‘ Augen konnte sie sich glücklich schätzen, dass ihre Eltern den Priestern bei weitem nicht so hörig waren wie die seinen und ihr mehr Freiheiten gewährten. Falathras löste ein paar Kieselsteine aus den Spalten des gepflasterten Bodens. Tock, Tock, prallten sie an das Zimmerfenster von Ivrendre.

Falathras wartete im Schatten der zu einer Allee aufgereihten Bäume. Still dankte er demjenigen, der sie dorthin gepflanzt hatte. Die Sommer in Lordaeron konnten wirklich heiß sein. Manchmal stand die Sonne so glühend am Himmel, dass sich Falathras darüber wunderte, dass Lordaeron nicht in Flammen aufging.

Bald trat Ivrendre aus dem Haus hervor. Falathras blieb der Atem weg.

Seit sechs Jahren befanden sie sich in der Ausbildung zu Paladinen und so lange kannten sie sich auch schon. Doch sie waren nicht mehr nur einfache Kindheitsfreunde. Falathras stand in seinem sechzehnten Jahr und mit seiner Weihe würde er zum Mann werden und ihm war nicht entgangen, dass Ivrendre zu einer Frau herangereift war. Seit neuestem trug sie ihr brünettes Haar den lordaeroner Traditionen gemäß offen und in sanften Wellen fiel es über ihren Busen hinab.
Falathras schalt sich in Gedanken, dass ihm in letzter Zeit immer ihre Brüste auffielen. Er hatte nicht vor, zu einem dieser gruseligen Greise zu werden, von denen man sich in Tavernen so weit weg wie nur möglich setzte.

Es war, wie Tanalarn gesagt hatte. Falathras besaß in dieser Angelegenheit keinen Mumm und so blieben ihm nichts als verstohlene Blicke. Er hatte Angst, durch unbedachte Worte oder Taten ihre Freundschaft zu belasten. Er riss sich zusammen und begrüßte Ivrendre als ein Freund und nicht als ihr Liebhaber, der zu sein er sich insgeheim wünschte: „Guten Abend, Ivrendre.“

Ivrendre wischte sich eine ihrer langen Haarsträhnen aus dem Gesicht und sah Falathras schelmisch mit ihren grünen Augen an. „Hast du daran gedacht, Vater Bermorn eins auszuwischen?“

Zum ersten Mal an diesem trüben Tag war Falathras wirklich glücklich. Man sagte, dass die Augen das Tor zur Seele eines Menschen seien und Ivrendre, die dieselben grünen Iriden wie er besaß, hatte seine Gedanken ausgesprochen.

Er gab sich verblüfft: „Woher wusstest du das?“

Ivrendre gab ihm einen freundschaftlichen Knuff in die Seite. „Weil ich dich kenne, Falathras Morgenglanz.“

Aber du kennst nicht die wahren Gefühle, die ich für dich hege. Falathras verdrängte seine Gedanken. „Deine Freundschaft bedeutet mir mehr als alles andere.“

Ivrendre musste nicht nicken, sie wusste das schon seit langer Zeit. „Was ist dein Plan?“

„Ähm, darüber habe ich nicht nachgedacht.“

„Das ist wieder mal typisch für dich, Fala. Lass mich mal denken…“, Ivrendre fuhr sich wiederholt mit dem Daumen über ihre Kieferlinie, wie sie es immer tat, wenn sie über etwas nachdachte. „Du weißt ja, dass Vater Bermorn am Sonntagabend immer die Speisekammern des Internats auffüllt. Was hältst du davon, wenn wir in die Tomaten etwas Schnellschisskraut hineinmischen?“

„Du weißt, dass ich ohnehin keine Tomaten mag.“

„Ich auch nicht.“

„Also uns betrifft die Sache nicht und wir können uns dann über die Notdurft-Not der anderen freuen!“ Falathras lachte leise in sich hinein und Ivrendre stimmte ein.

„Wir müssen erst mal das Kraut besorgen, Iv.“ Falathras wurde verlegen und verräterische Röte schlich sich in sein Gesicht. „Hast du Geld? Ich habe mich von zuhause fortschleichen müssen und es dort liegen gelassen.“

„Das ist doch kein Problem“, sagte Ivrendre und zeigte ihm einige Silberlinge aus ihren Taschen. „Außerdem weiß ich, wie knausrig dein Vater sein kann.“

Ivrendre spielte auf eine Episode von vor drei Jahren an, wo sie zum Essen bei den Morgenglanzs eingeladen war und alle außer Tharis mit Brot und wässriger Suppe abgespeist wurden. Sich selbst gegenüber zeigte sich Tharis natürlich immer großzügig.

„Er sagt, dass ich mal was Vernünftiges machen soll, ein Priester wie Tanalarn zu werden oder in seiner Kompanie als Gardist Wache zu halten, nur…“

„Ich weiß, Fala, ich weiß. Lass uns gehen.“



Die Marktstände Lordaerons waren ein undurchschaubares Wirrwarr, das sich gleich den Lebensadern der Stadt entlang den Straßen und ihren Verzweigungen erstreckte. Jede Fingerbreit an Raum wurde genutzt und manche Händler teilten sich zu dritt oder zu viert einen Stand, um die hohen Mietkosten auf eine erträgliche Summe aufteilen zu können. Waren aus ehrlichen und eher zwielichtigen Quellen wurden feilgeboten. Geld war Geld, egal ob Blut daran haftete.

„Arkanhandschuhe des Wals für nur ein Gold und ein Dutzend Silber!“, pries ein Schreihals, dessen Robe ihn als Verzauberer aus der fliegenden Stadt Dalaran auswies, sein Produkt an.

Grünhäutige Goblins mit übergroßen Spitzohren gierten gemeinsam mit den hiesigen Händlern um die Wette nach dem Inhalt der Geldbörsen der Kundschaft.

Glücklicherweise kannten Ivrendre und Falathras auch die dunklen und chaotischen Seiten Lordaerons und so fanden sie den Weg zu einem Kräuterladen, der unter der Ladentheke auch die giftigen Gewächse der Natur verhökerte.

„Was kann ich für dich tun, junger Mann?“, erkundigte sich die Geschäftsinhaberin und lehnte sich über den Tresen vor. Ihre von daumendicken Brillengläsern überdachten Augen waren unterschiedlich groß. Sie glubschte auf Ivrendre und zog mit spindeldürren Fingern eine unscheinbare Pflanze hervor. „Wollt ihr etwas von Khadgars Schnurrbart?“

Nachdem Falathras sie verständnislos angeblickt hatte, fügte sie eine Erklärung hinzu: „Damit euer Liebchen nicht schwanger wird.“

Ivrendre hob eine Augenbraue und Falathras druckste verlegen rum: „Äh, also… hmm, deshalb sind wir nicht gekommen.“ Er wartete einen Moment lang, bis er sich wieder gesammelt hatte. „Wir wollen eine Portion Schnellschisskraut.“

„Sicher, dass du nicht zu etwas mit potenterer Wirkung greifen möchtest?“

Falathras fühlte sich unter dem Starren ihrer ungleichen Augen so, als ob die Alte geradewegs in seine Seele blicken konnte. Er war wie ein Kaninchen vor der Flinte eines Jägers. Ein Schweißtropfen brach ihm in seinem Nacken aus und rann zwischen seine Schulterblätter. Er bedeutete Ivrendre, das angemessene Geld hinauszulegen und dann nahm er mitsamt dem Kraut auch seine Beine in die Hand und verließ den Laden.

„Kommt bald wieder zum Einkaufen her!“, rief ihnen die alte Hexe nach.



Befreit schöpfte Falathras neue Luft. „Wir haben, was wir wollten und jetzt auf zur Vorratskammer.“ Mit Elan ging er voran.

Ivrendre trug ein selbstgewisses Lächeln. „Die Verkäuferin war sehr nett, findest du nicht. Sehr zuvorkommend.“

Falathras bemühte sich um Neutralität in seiner Stimme. „Ja. Vielleicht. Aber sie war auch etwas zu voreilig.“

Ivrendre machte eine wegwerfende Handbewegung. „Lass dich von sowas nicht aus der Ruhe bringen. So sind alte Frauen halt. Sehen in allem nur Opfer, die sie miteinander verkuppeln können.“

Die in Falathras aufgestaute Anspannung entwich. „Ja, so ist es.“

Gut, dass Ivrendre nicht weiter Gedanken an meine Unterhaltung mit der Kräuterkundlerin verschwendet.

Der Schweiß, der ihn im Geschäft befallen hatte, war mittlerweile wieder in der merklich kühleren Luft aufgelöst. Der Tag neigte sich dem Ende zu und der heiße Südwind war gezähmt.



Alles Licht verging, als die Sonne von den Bergen im Nordwesten aufgespießt wurde. Dann flammte die Helligkeit wieder auf. In Lordaeron verhieß der Anbruch der Nacht noch nicht das Ende des Tagwerks. Die breiten Straßen waren gut ausgeleuchtet und die geschäftige Betriebsamkeit der Metropole konnte ungestört weiter vonstattengehen. Falathras und Ivrendre entschieden sich für die weniger illuminierten Winkel. Wie Motten auf dem Weg zum Licht zog es sie zur strahlenden Kathedrale hin.

„Äh, dort ist es taghell. Wie sollen wir uns da ungesehen reinschleichen?“, äußerte Falathras seine Zweifel.

„Gibt es das Licht, wenn niemand es sehen kann?“, sagte Ivrendre kryptisch.

Wie ein Blitz traf nun eine Idee auf Falathras. „Wenn uns keiner sieht, dann sind wir auch nicht schuldig. Keine Zeugen, keine Anklage. Aber was genau meinst du damit?“

Ivrendre nahm Falathras an der Hand und zog ihn mit sich zur hinteren Seite der Kathedrale. Falathras entfuhr ein kleiner Laut der Überraschung, den er sogleich mit der Hand auf dem Mund unterdrückte.

Ivrendre zeigte auf eine kleine Öffnung in den sonst makellos konstruierten Wänden. „Vater Bermorn überlässt es den Dienstboten, seine Einkäufe in die Speisekammer einzuräumen. Wenn er mit seinem Diener nach innen geht, um seine Befehle zu erteilen, gibt es ein kurzes Zeitfenster, in dem keiner zum Aufpassen da ist.“

Falathras hob seine Hand in einer anerkennenden Geste. „Du weißt all das so genau, weil du das schon seit einiger Zeit geplant hast, habe ich Recht?“

Ivrendre kicherte leise und da wusste Falathras, dass ihnen nichts mehr geschehen konnte. Wenn Ivrendre einen lange durchgewälzten Plan ausführte, wären sämtliche Schwachstellen schon ausgemerzt.

„Ich bewundere dich dafür, dass sich alles so spontan anfühlt.“ Falathras sprach klar und ehrlich, denn er selbst war mit einem Hang zu etwas übertriebener Flexibilität gesegnet.

Ich lasse die Sande der Zeit auf mich zukommen und werde von ihnen dahingetrieben, aber Ivrendre reitet auf ihren Wellen.

Ivrendre nahm sein Kompliment dankend entgegen. „Es ist nur halb so spaßig, wenn man den ganzen Plan schon vorher kennt“

„Iv, warum müssen die Priester immer darauf bestehen, dass wir nur Gemüse und sonst nichts zum Essen bekommen?“

Ivrendre spitze die Ohren und machte sich bereit. „Pst!“

Sie und Falathras versteckten sich hinter einer Ausbuchtung. Langsam trug der Wind den wohlbekannten Geruch von Gemüse in all seinen Ausformungen zu ihnen. Vater Bermorn war gekommen. Wie angekündigt trug er seine Einkäufe heran, wobei sein Diener den größten Teil von ihnen trug.

„Du darfst dich jetzt erholen“, sagte er und legte seinem Diener die Hand auf die Stirn.

Ehrfürchtig verneigte sich sein Diener. „Habt Dank, Herr. Soll ich noch mit euch die anderen Träger holen gehen?“

„Nein, du hast deine Pflicht schon getan. Geh nach Hause zu deiner Familie.“

Erneut verbeugte sich der Diener. Auf seinem Heimweg kam er am Versteck von Falathras und Ivrendre vorbei. Sie drückten sich ein wenig tiefer in die Wand hinein und hielten den Atem an. Trotzdem war das kein sehr gutes Versteck. In der Nacht war die Kathedrale von solch einem Leuchten erfüllt, dass selbst die dunklen Ecken anderswo in Lordaeron als hell gegolten hätten. Glücklicherweise war der Diener von einem langen Tag der Arbeit schon erschöpft. Seine Sinne waren abgekämpft. Er trachtete nach einer Handvoll Schlaf und so schweifte sein Blick nichtsahnend über Falathras und Ivrendre hinweg.

„Das war knapp“, flüsterte Falathras. Sie warteten noch eine Weile, bis Bermorns Diener hinter der nächsten Ecke abgebogen war.

Sofort eilten sie zu den stehengelassenen Waren. Sie zerrieben das Schnellschisskraut und schmissen schnell Stücke zwischen die Tomaten. Nachdem sie genug von dem Kraut hinzugefügt hatten, dass selbst eine ganze Kompanie daran zu leiden hätte, huschten sie wieder über den Kathedralenplatz hinweg zurück in die Schatten.

Falathras schlug in Ivrendres erhobene Hand ein. Sie verabschiedeten sich hier und gingen ihrer Wege. Falathras war wieder zum Haus seiner Familie zurückgekehrt. Heimlich war er wieder über sein Fenster eingestiegen. Er bekam etwas Tadel von seinen Eltern, während Tanalarn für seine priesterliche Vermittlung gelobt wurde. Nach außen hin tat Falathras natürlich so, als ob er bedauerte und er beteuerte, dass er niemals wieder das Abendmahl in solchem Unfrieden zurücklassen würde, doch insgeheim bereute er nichts. Er mochte diese Momente mit Ivrendre nicht missen.

Morgen würde er sie wiedersehen. Natürlich auch das Ergebnis ihres Streiches. Mit diesen freudvollen Gedanken überließ er sich dem Schlaf. So fröhlich er ob des gelungenen Schelmenstücks auch war, wusste er zu seinem und Ivrendres zukünftigem Schaden nicht, dass übelwollende Augen sie dabei beobachtet hatten.
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