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Buch 1 - Die Flucht

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / Het
12.02.2020
13.11.2020
27
57.070
5
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16.02.2020 1.828
 
Die nahende Weihe




Der Ruhm der Paladine hatte die jungen Leute Lordaerons eingefangen. Seitdem die Ritter der silbernen Hand in Unterzahl die Hauptstadt gegen die grüne Flut der Orks verteidigt hatten, war es der Traum vieler gewesen, ein Paladin zu werden.
Auch Falathras verfolgte dieses Ziel und bald würde es so weit sein. All die Mühen und strengen Regeln, die ihm auferlegt wurden, der ganze Aufwand hätte sich gelohnt, sobald er sich offiziell Paladin nennen durfte. Seine Weihe war in zwei Wochen angesetzt und Falathras zählte jeden einzelnen Tag bis dorthin. Er hörte sich Geschichten von den Heldentaten des scharlachroten Kreuzzugs an, der die Plage der Untoten ausrottete und malte sich aus, dass er bald einer dieser heroischen Streiter für das Gute sein würde.

Für den Moment war Falathras in der behaglichen Wohnung seiner Familie und lag mit ausgestreckten Beinen auf dem Bett. Die gestrengen Priester erlaubten den Knappen nur am Wochenende Ausgang, um sie vor den Sünden und Verlockungen der Großstadt zu schützen, wie sie es nannten und verlangten von den Familien der Initianden, dass sie der Aufsicht ihrer Eltern unterstellt wären.
Die Familie Morgenglanz war im gehobenen Mittelstand angesiedelt und so besaß jedes ihrer Kinder ein eigenes Zimmer, anstatt alle in einem Raum wie Bauern mit dem Vieh zusammengedrängt zu sein. Leider waren seine Eltern stockkonservativ und so folgten sie den Anordnungen der Priester wie vertrauensselige Lämmer. Für die Dauer des Wochenendes war er hier gefangen.

Falathras schaute auf die Bilder, die er an der Wand aufgehängt hatte. Er hatte seine Idole des zweiten Kriegs nach den Schilderungen, die er von Reisenden und Geschichtenerzählern gehört hatte, eigenhändig auf Papier gebracht. Bei Alleria Windläufer war dem spätpubertierenden Falathras der Bleistift beim Zeichnen in der Brustregion ein wenig ausgerutscht. Der Einzige, bei dem er sich der Realitätstreue sicher sein konnte, war Uther Lichtbringer. Er hatte ihn schon ein paar Mal in der Kathedrale gesehen und träumte davon, eines Tages ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Zwischen Alleria und Uther hatte er eine Zeichnung von sich selbst, wie er sich in zehn Jahren sah, gehängt. Er hatte braune Kohle für seine Haare benutzt und sich dabei auch noch einen markanten Bart verpasst. In glänzender Rüstung stand er mit erhobener Waffe da und fixierte mit seinen grünen Augen den Betrachter.

„Es gibt Abendessen!“, drang die Stimme seiner Mutter, Irene aus der ein Stockwerk tieferen Küche.

„Ich komme gleich!“, rief er hinab. Mit gleich meinte er einen Zeitpunkt in der näheren Zukunft, der nicht notwendigerweise eintreten musste. Er war im Moment schließlich nicht unter der Fuchtel der Kirchenmänner. Die Priester wussten nicht, was es hieß, ein Paladin zu sein. Das Licht erlebte man durch den Glauben an sich selbst und es gibt nur weniges, was das Selbstvertrauen so sehr schärft, wie Erfolg in der Schlacht.

Falathras lag noch eine Weile faul auf seinem Bett und als ein erneuter Ruf seinen Frieden störte, zog er sich langsam die Socken an und taumelte die Treppe hinunter.

„Das Essen wird kalt“, warf ihm Irene mit in die Hüfte gestemmten Händen vor. „Tanalarn kommt immerhin auch gleich, wenn ich ihn rufe.“

Falathras winkte ab und löffelte seine Suppe. Sie schmeckte schal und er verzog sein Gesicht ein wenig.

„Junger Mann“, sagte ihm Tharis, sein Vater in befehlsgebietendem Ton, „du solltest auf deine Mutter hören. Ein Soldat ohne gutes Essen ist ein toter Soldat.“

Falathras‘ älterer Bruder Tharisson pflichtete ihm bei: „Das stimmt. Ich glaube, ich werde eine Frau heiraten, die mir gutes Essen macht.“

Falathras rollte die Augen. Diese Suppe war gewiss kein Meisterwerk. Zwischen Tharisson und Tanalarn war er das mittlere Kind. Seine Eltern liebten ihn, aber sein Vater bevorzugte Tharisson, der mit seinen rabenschwarzen Haaren nach Vater schlug, und die mütterliche Liebe war für Tanalarn bestimmt.

„He, Tanalarn, welche Bücherwürmerworte werdet ihr als nächstes bis zum Erbrechen auswendig lernen?“, zog er seinen jüngeren Bruder auf. Tanalarn war nämlich zum Gefallen der Mutter in die Priesterausbildung gegangen, wo es garantiert war, dass er niemals an der Front mit der Waffe in Händen stehen musste.

„Jetzt rede nicht so mit großer Klappe, nur deswegen, weil du bald deine Weihe hast, bist du trotzdem noch der Alte“, sagte Tanalarn aufgebracht und schwang sein Besteck drohend gegen Falathras.

„Endlich!“ Falathras stand auf und schlug die Hände auf den Tisch. Er hatte auf diesen Moment gewartet. „Endlich spricht mal jemand darüber, dass ich bald zum Paladin werde. Das ganze Wochenende wisst ihr schon darüber Bescheid und keiner hat es für nötig gehalten, mir dazu zu gratulieren. Tanalarns Worte sind zwar nur wenig besser als Nichtbeachtung, aber es ist besser.“

Irene lehnte sich tröstend zu ihm vor und streichelte sein Haar. „Sind denn die alten Wege so schlecht? Musstest du ausgerechnet zu diesen radikalen… Paladinen gehen? Vater Bermorn predigt, dass die Paladine nur eine modische Erscheinung sind, die morgen wieder verschwunden sein wird.“

Vater Bermorn! Er war der allgegenwärtige Arm der konservativen Priester im Internat und die schlängelnde Botschaft seiner rückständigen Worte fand selbst bis nach zuhause ihren Weg! Falathras duckte sich unter der Hand seiner Mutter weg und konfrontierte seinen Vater. „Hast du auch mal was zu sagen?“

Tharis kratzte sich mit der großen Hand am Kopf. „Mein Junge, diese neuartigen Lichtschleuderer haben deinen Kopf mit Unsinn gefüllt. Führ mal ein paar Stunden lang einen echten Wachdienst aus, dann wirst du froh sein für jedes bisschen Erholung, das du bekommst. Lass deinem Vater wenigstens am Wochenende seine heilige Ruhe.“ Tharis sank wieder in seinem Stuhl zusammen, die Hände auf den biergefüllten Bauch gelegt.

Tharisson ignorierte ihn, wie üblich. Er war zehn Jahre älter als Falathras und hatte ihn früher, wenn Falathras nach einem Spielkameraden gesucht hatte, nie erhört. Sein Desinteresse hatte zu einer Kluft zwischen den beiden Geschwistern geführt und keiner traute sich, den Sprung auf die andere Seite zu wagen.

Falathras war fassungslos. Er knallte sein Besteck wutentbrannt auf den Teller und hechtete die Treppenstufen hinauf in sein Zimmer. Wamm!, schlug er die Tür zu. Dahinter rutschte er mit dem Rücken an der Tür langsam nach unten, die Hände frustriert von sich gestreckt.

Gedämpft drangen die Geräusche des Abendmahls zu ihm. Eine laute Stille war durch seinen furiosen Abgang entstanden. Schließlich durchbrach Tharis die Mauer des Schweigens: „Ich weiß nicht, was der Junge in letzter Zeit hat.“

Falathras schlug sich die Hand an den Kopf. Seine Familie brachte ihm nicht nur keine Unterstützung entgegen, sie wussten nicht einmal, was ihm am Herzen lag.

„Das ist eine Phase“, sagte seine Mutter. „Als Tharisson in diesem Alter war, hat er auch Schwierigkeiten gemacht, nicht wahr?“

Besteck kratzte über einen Teller und schließlich erwiderte Tharisson: „Ja, das war, bevor ich meinen ersten Dienst in der Stadtwache hatte. Nichts gegen die Paladine, aber man sollte die Dinge nach althergebrachter Art lösen. Das Kriegshandwerk überlässt man den Soldaten und die Priester sollen ihre Litaneien herunterbeten. Was soll es bringen, wenn man die zwei miteinander vermischt?“

Stuhlgescharre ertönte und Tanalarns Stimme erhob sich: „Ich werde Fala seinen Teller nachbringen. Ihr solltet euch alle schämen! Er hat recht, seine Weihe wird ein großes Ereignis in seinem Leben sein und ihr seid allesamt zu…“ Er überließ das Ende dieses Satzes der Vorstellung seiner Familie.

„Wage es nicht, deinem Bruder etwas zu bringen! Er muss lernen, sich zu benehmen, notfalls muss er mit hungrigem Magen ins Bett gehen.“

„Mutter, denkst du nicht, dass Vater noch ein Bier braucht, das seine Laune etwas verbessert?“, wandte sich Tanalarn an Irene.

Am Esstisch wurde es ruhiger. Tharis war auf diese Art und Weise leicht zu besänftigen.

Fußschritte näherten sich Falathras‘ Zimmertür. Falathras musste nicht unter der Tür durchlinsen, um zu wissen, dass es sich um Tanalarn handelte.

„Hier ist dein restliches Abendessen.“

Falathras entwich ein Seufzer der Erleichterung. Er und Tanalarn standen allen geschwisterlichen Differenzen zum Trotz immer zusammen. Er nahm seinen Mut zusammen und entschuldigte sich: „Was ich vorhin gesagt habe…, das mit den Priestern und so, das habe ich nicht ernst gemeint.“

„Ich weiß. Findest du es nicht auch komisch, dass unsere Familie Morgenglanz heißt, sich außer uns aber keiner für andere Deutungen des Lichts interessiert?“

Falathras machte Tanalarn die Tür auf. „Nun, Mutter interessiert sich für dich. Vielleicht kannst du ihr mit der Zeit zeigen, dass nicht alles Neue schlecht sein muss, egal was solche alten und verbohrten Talarträger wie Vater Bermorn predigen.“

Tanalarn wiegte ein wenig schuldbewusst den Kopf. Sein Haar, das er sich lang wachsen ließ, fiel ihm dabei in die Stirn. Wieder empfand Falathras ein wenig Neid. Das war wieder eine dieser Sachen, die ihm nicht erlaubt waren. Sein Vater zwang ihn zu einem soldatischen Haarschnitt. Falathras nahm die Speisereste entgegen und löffelte sie auf.

„Mich würde es nicht kümmern, hier für dich die Stellung zu halten, damit du dich in die Straßen schleichen und dich mit Ivrendre treffen kannst“, bot ihm Tanalarn an.

„Du würdest das für mich tun?“, sagte Falathras freudig. Sämtlicher Ärger wäre vergessen, wenn er einen Moment der Freiheit erleben konnte.

Tanalarn nickte bestimmt. „Ich werde ihnen sagen, dass du dich in deinem Zimmer eingesperrt hast, ich aber mit dir wie ein echter Seelsorger reden werde.“

„Früh übt sich der angehende Priester.“ Begeistert umarmte Falathras seinen Bruder. „Ich werde versuchen, bald wieder da zu sein.“ Er schlüpfte in seine Schuhe und hob das Fenster an. „Bis dann.“

„Wir sehen uns. Findest du diesmal endlich deinen Mut und redest mit ihr?“

Falathras stieg ohne Antwort auf Tanalarns Frage aus dem Fenster und nutzte die weißen Dächer von Lordaeron, um wie ein Dieb voranzukommen. Die Sonne war noch nicht untergegangen und er fühlte ihren warmen Schein auf seiner Haut. Während ihn eine sanfte Sommerbrise umschmeichelte, dachte er: Das ist Freiheit.
Er balancierte über einige schmale Mauern, bis er eine Stelle fand, an der auch seine Kletterkünste ausreichten, um sicher hinunterzukommen. Einen Weg nach unten gibt es immer.

Die Straßen waren belebt und in einer Metropole wie Lordaeron wunderte sich niemand über einen Einzelnen, der aus heiterem Himmel auf die Straße hinabsprang.
In dieser Millionenstadt gab es weitaus seltsamere Gestalten. Gierige Goblins aus dem fernen Süden, der ein oder andere Langohrige aus Quel’Thalas und Menschen aus aller Herren Länder tummelten sich hier.
Wie die Priester sagten, war Lordaeron in der Tat ein Sündenpfuhl, und Falathras fand es großartig. Viele unterschiedliche Gerüche vermengten sich in den Gassen. Der kalte Hauch der Straße wurde von dem ledrigen Geruch weitgereister Schuhe, die mit Schlamm verkrustet waren, überlagert und der Schweiß der hartarbeitenden Menschen war eine weitere wichtige Zutat. Falathras stellte sich vor, dass er ein Hund wäre und an allen möglichen Stellen eine olfaktorische Offenbarung fände.

Er beendete seine weitschweifenden Tagträumereien und folgte den verwinkelten Straßen, die zum Haus von Ivrendre führten. Ihre Eltern missachteten den ihr von den Priestern auferlegten Hausarrest. Bestimmt würde sie mit ihm kommen. Falathras‘ Herz klopfte vor Aufregung.

Voller Vorfreude sagte er zu sich selbst: „Es ist an der Zeit, etwas zu unternehmen, was die Kerle in den Talaren so sehr schockiert, dass sie uns wieder am liebsten dazu zwingen möchten, die Internatsräume blitzeblank zu putzen.“
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