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Buch 1 - Die Flucht

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / Het
12.02.2020
13.11.2020
27
57.070
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12.07.2020 1.600
 
Zorn.
Verwirrung.
Wut.
Hass. Auf die anderen. Auf sich selbst. Auf alle.
Seine Welt stand in Flammen. Das Fundament, auf dem er stand, war erschüttert.

Eilig stapfte er durch die vom Platzregen aufgeworfenen Schlammpfützen davon. Luftblasen napften an seinen Schuhen. War es seine Schuld? Oder war es die von Adunas? Immerhin hatte er ihm Ivrendre weggenommen. Vielleicht war Ivrendre schuld?
Nein, nicht Ivrendre. Das führt zu nichts. Ich, ich ganz allein.

Falathras musste weg von allen anderen. Nur er selbst und seine Gedanken. Für mehr hatte er jetzt keine Kraft. Keine Geduld mehr. Das würde er nicht schaffen können. Er stand am Rande des Zusammenbruchs.
Was soll ich nur tun?

Die steife Seebrise schlug gegen seine kaltgefrorene Haut, aber er spürte sie nicht. Das in ihm lodernde Feuer verdrängte alles. Falathras schleppte sich durch die feindlichen und dunklen Straßen Süderstades und lehnte sich an eine Mauer. Seine Gefühle waren so hart wie der Stein. Er hielt sich die Hände an seinen Kopf. Langsam sank er herab. Die Mauer kratzte an seinem Rücken.

„Verpiss dich, du Hundsfott! Ich will keine dreckigen Obdachlosen bei meinem Haus!“, brüllte jemand aus einem Hausfenster über ihm.

Falathras schenkte diesen Worten keine Beachtung. Sie konnten ihm nichts anhaben, denn sie trafen nicht. Er konnte nur auf andere Art und Weise mitten ins Herz getroffen werden.

Lag in Kaedrans Worten doch ein Funken Wahrheit? Wenn Liebe keine Rose, sondern nur ihr Stachel war, dann sollte man ihr vielleicht aus dem Weg gehen, all die Probleme und Enttäuschungen vermeiden, die sie mit sich brachte. Falathras war jung und naiv gewesen. Für ihn war Liebe wie ein sanft dahinfließender Fluss voll des Guten gewesen. Dieser Fluss war zum reißenden Mahlstrom voller Wasserungeheuer geworden.
Kaedran hatte schon drei Mal so lange auf Azeroth gelebt als Falathras und er hatte seine Erfahrungen und die Lehren, die er daraus gezogen hatte, an Falathras weitergeben wollen. Der Zirkel, der seit dem Anbeginn des Lebens für Unglück und Enttäuschung sorgte, sollte kein weiteres Mal beginnen. Dafür war es zu spät. Falathras war schon der unbarmherzigen Hand des Schicksals begegnet. Sie führte die Liebenden zueinander, aber ohne Rücksicht darauf, ob es auch diejenigen waren, die eigentlich füreinander bestimmt waren. Wenn es die Würfel freute, fielen sie so, dass es kein glückliches Ende, sondern nur Drama gab.

Falathras wusste nicht ob der Regen sich bloß auf seinem Gesicht niederschlug, oder ob er gerade Tränen vergoss. Zum Glück war das Wetter so schlecht. Er wollte die Wahrheit nicht wissen. Sie war zu schwer, ein düster am Talschluss thronender Berg, der den ganzen Tag lang keinen einzigen Sonnenstrahl vorbeiließ. Es würde nie einen Sommer geben, nur den Winter.

Konnte er Ivrendre und Adunas noch unbefangen unter die Augen treten? Vielleicht sollte er sich jetzt einfach aus dem Staub machen. Ihnen allen Ärger ersparen. Die Silberne Hand war nicht der einzige Paladin-Orden.
Es gab noch immer den scharlachroten Kreuzzug. Manche kritisierten die Wahl ihrer Methoden, doch die Erfolge der Scharlachroten sprachen für sich. Unter der Führung des Aschenbringers, Alexandros Mograine zogen sie von Sieg zu Sieg gegen die Untoten. Das wäre ein Neuanfang, bei dem er zugleich seine Profession behalten könnte. Er müsste nicht irgendeinem Handwerk, das er nie gelernt hatte, nachgehen und für sein täglich Brot sorgen. An der Seite des Aschenbringers könnte er der Held werden, von dem er seit Kindheitstagen geträumt hatte. Er würde Lordaeron und alle, die darin lebten, beschützen können.

Auch Ivrendre.
Letztlich drehte sich alles in seinem Dasein um sie.
Ivrendre…



Eine Hand legte sich auf Falathras‘ Schulter. Sein dem Boden zugewandter Kopf neigte sich nach oben. Als er Adunas erkannte, verzerrten sich seine Gesichtszüge. „Was willst du?“, grollte Falathras unwirsch. Er verschränkte die Arme zum Zeichen, dass er nicht mit ihm reden wollte.

Adunas hob entschuldigend die Hände und ließ sich langsam neben ihm nieder. Er achtete nicht darauf, dass er jetzt auch durch den Schlamm beschmutzt wurde. „Du liebst Ivrendre, nicht wahr?“

Falathras antwortete nicht. Er brütete stumm vor sich hin und es wirkte, als ob er mit seinem Blick einen Kieselstein vor ihm zum Explodieren bringen wollte.

„Mach dir keine Sorgen. Ich bin nicht an ihr interessiert.“

Falathras stutzte. „Dann… bist du Männern zugetan?“

Adunas lachte und Falathras stimmte vorsichtig ein. „Nein, auch das nicht. Ich fühle mich zu niemandem körperlich hingezogen. Du kannst unbesorgt sein. Ich bin keine Gefahr für dich. Der Kuss, den Ivrendre mir gab, war nicht für einen Liebhaber, sondern nur für einen Freund bestimmt. Das ist alles und dabei wird es auch bleiben.“

Falathras schlug sich die Hand vor das Gesicht. „Warum bin ich nur so…“

„Paranoid?“, vervollständigte Adunas seinen Satz. „Du solltest mit Ivrendre reden. Das ist nicht gut für dich, wenn du ständig deine wahren Gefühle für sie verheimlichst.“

„Da hast du allerdings recht. Ich muss nur den richtigen Zeitpunkt finden.“

„Siehst du? Darum bin ich froh, dass ich von diesem ganzen Gefühlsdrama nicht betroffen bin. Das spart Zeit und Nerven.“

Falathras fing an zu lachen und kriegte sich nicht mehr ein. Die Tränen auf seinem Gesicht, die sich mit den Regentropfen vermischten, waren Tränen der Freude. „Im Moment hast du es wirklich leichter als ich. Ich habe es schon mal versucht, aber dann bist du dazwischengekommen.“

„Wirklich? Das war nicht meine Absicht.“

Falathras gab ihm einen Boxhieb zu spüren. „Du ruinierst immer alles.“

„Das ist nicht gerecht“, wehrte sich Adunas. „In den Kampf stürzt du dich, als ob du das schon dein ganzes Leben lang machst, aber im Zwischenmenschlichen bist du eine echte Niete, der schlimmste Feigling, den ich kenne.“

Falathras nickte stumm. Adunas trifft wieder ins Schwarze. Ohne ein Schwert in der Hand bin ich zu nichts gebrauchen.

Sein Freund reichte ihm die Hand. „Komm. Du wirst deinen Schlaf brauchen. Morgen reisen wir ab.“



Falathras ließ sich von ihm zurück ins Lager führen. Auf dem Rückweg erkannte er, dass er in seinem Wahn durch halb Süderstade getaumelt war. Adunas hatte ihn trotz des Starkregens gesucht und gefunden.
Womit habe ich mir solche Freunde verdient? Fast hätte ich sie wegen eines Hirngespinsts von mir verlassen. Mich dem scharlachroten Kreuzzug anzuschließen… Falathras schlug sich jene düsteren Gedanken aus dem Kopf.

Am Lagerplatz angekommen, sah er sofort ein bekanntes Gesicht auf ihn zustürmen.
Ivrendre stürzte sich förmlich auf ihn und umarmte ihn. „Wo warst du? Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.“

Falathras suchte nach Worten. Er sah, wie Adunas lautlos Worte formte. Las er aus dem Lippenspiel ein "Ich liebe dich" heraus? Er schüttelte unmerklich den Kopf. „Ich habe einen nächtlichen Spaziergang gemacht. War vielleicht nicht die beste Idee in meinem Leben.“

„Ach, Fala“, sagte Ivrendre bedauernd und schelmisch zugleich, „du weißt doch, dass du nie zu lange allein sein darfst, weil dir sonst komische Gedanken kommen.“

Diese Worte saßen. Sie trafen ihn in die Magengrube. Er versuchte, sich nichts anzumerken lassen. „Das stimmt. Aber Adunas hat mich gefunden, bevor ich etwas dummes anstellen konnte.“

Ivrendre stellte sich auf die Zehenspitzen, um die zehn Fingerbreit Größenunterschied zwischen ihnen auszugleichen. „Ich muss mich bei dir bedanken. Kaedran hat mit mir gesprochen und gesagt, dass er mich gleich nach dir für die Weihe in Erwägung zieht. Du hast dich bei ihm sicher für mich eingesetzt.“

Falathras wurde rot. Niemand konnte ihm das im schummrigen Dämmerlicht ansehen, doch er wusste es. „Nun, du bist mir bei meiner Prüfung schon zur Seite gestanden. Außerdem bin ich derjenige, der sich bedanken muss. Ohne meine Abenteuer mit dir hätten wir jetzt kein Schiff.“

„Wie denn das?“, wunderte sich Ivrendre.

„Erinnerst du dich an die zwielichtigen Kneipen am Ufer des Lordamere-Sees? Das Messer innen Rücken, Einbrecher-Edes ehrliche Bar und das Lokal zur scharlachroten Ganovi? In genau so einer Taverne haben wir die nötigen Informationen bekommen.“

Adunas starrte abwechselnd Ivrendre und Falathras an. „Was für eine Vergangenheit müsst ihr haben?!“

„Wenn du weiterhin unser Freund bist, wirst du vielleicht auch an solchen Erfahrungen teilhaben“, versprach ihm Ivrendre zwinkernd.

„Also dann“, sagte Falathras gähnend. „Wir sollten uns jetzt aufs Ohr hauen.“



Sie verabschiedeten sich und dann gingen sie zu ihren jeweiligen Zelten. Die Männer schliefen wieder getrennt von den Frauen, offenbar wollte Kaedran den stets auf die Einhaltung der Traditionen pochenden Vater Bermorn nicht zu sehr verärgern.
Adunas und Falathras teilten sich ein Zelt.

Falathras war schon im Halbschlummer, als Adunas ihn ansprach: „Jetzt verstehe ich besser, warum du nicht den nötigen Mumm hast, um Ivrendre die Wahrheit zu sagen. Du hast Angst um eure langjährige Freundschaft. Diese Sorge macht dich zu einem guten Freund.“

Falathras wälzte sich auf die andere Seite, sodass er nicht mehr von Adunas abgewandt war. „Ja, das mag sein, allerdings entschuldigt es mein Verhalten nicht. Ich wäre vorhin fast abgehauen, hätte euch im Stich gelassen, nur weil ich dachte, dass ich nicht das bekomme, was ich will.“

„Es zeigt nur, dass deine Liebe zu Ivrendre sehr groß ist und wie alle großen Dinge kann es auch großes Unheil mit sich bringen. Unser Prinz wollte Lordaeron beschützen und diese große Liebe zu seinem Land ließ ihn seine Gräueltaten in Stratholme verüben. Liebe macht unvernünftig und dafür brauchst du dich nicht zu schämen.“

„Adunas?“

„Ja.“

„Wieso kennst du dich so gut aus in diesen Dingen?“

„Ich bin nicht davon betroffen, also nehme ich an, dass ich da wohl etwas drüberstehe und einen besseren Überblick habe.“

„Gut und jetzt halt die Klappe, ich versuche einzuschlafen.“

„Gute Nacht.“

„Was habe ich gesagt?“

„Halt die Klappe.“

„Dann halt die Klappe!“ Falathras wendete sich wieder auf die andere Seite und vergrub sein Gesicht im Polster. Er konnte Adunas mittlerweile gut leiden, was aber nicht automatisch bedeutete, dass er ihm nicht mehr auf die Nerven gehen konnte.
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