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Buch 1 - Die Flucht

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / Het
12.02.2020
13.11.2020
27
57.070
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13.06.2020 1.835
 
Falathras‘ schlechte Laune hatte sich auf die ganze Karawane ausgebreitet. Zu schmerzhaft waren die Ereignisse des vergangenen Tages, die unangenehm in den Herzen aller widerhallten. Nach dem Massaker durch die Untoten waren sämtliche Sinne geschärft. Alle waren bis an die Zähne bewaffnet und bereit, mit allem zu kämpfen, was sie hatten. Der Frieden des Silberwalds war dahin. Den einzigen Lichtblick bildete das nicht mehr allzu ferne Süderstade, zu dem die Truppen der Geißel hoffentlich noch nicht vorgedrungen waren.

Als sie die hochgewachsenen Bäume des Silberwalds hinter sich ließen, schnitt Ivrendre das Thema an, das sie alle beschäftigte: „Ein Kind zu enthaupten…“ Sie warf einen Blick zur Spitze des Trecks, wo sich Kaedran aufhielt. „War das wirklich nötig?“

„Wir alle haben die Kratzer von den Ghulen gesehen“, entgegnete Falathras mit müder Stimme, die verriet, dass er in letzter Zeit zu viel Unheil mitansehen musste. „Das wäre kein Leben mehr gewesen.“

„Das hat der arme Junge auch gewusst“, warf Adunas ein. Er spielte dabei auf etwas an, das jedes Kind in Lordaeron lernte. Besser tot als untot. Während im gebirgigen Alterac, das auch nach der Absetzung des verräterischen Königs Perenolde noch ein Hort der Intrigen war, die Unterlegenen einer Familienfehde ihrem Nachwuchs giftige Kräuter verabreichten, um ihnen ein Schicksal als Gefangene oder gar Sklaven zu ersparen, griff man in Lordaeron zu handfesteren Methoden. Auch Untote konnten nicht ohne Kopf überleben und somit war eine kopflose Leiche unattraktiv für die meisten Nekromanten.

Ivrendre lehnte sich zu Falathras vor und berührte ihn am Unterarm. „Fala, wenn dein kleiner Bruder unter Kaedrans Richtschwert gestanden wäre, was hättest du getan?“

Falathras blieb still. In seinen Gedanken rumorte es. Tanalarn. Ich könnte ihm niemals ein Leid antun oder etwa doch?

Ivrendre zog ihre Hand wieder zurück. „Das dachte ich mir.“

Schließlich fand Falathras doch Worte: „Die abscheulichen Taten, zu denen uns die Geißel zwingt; Entscheidungen zu treffen, über die wir lieber nicht nachdenken wollen… Sind wir dann wirklich besser als die Untoten?“

„Nein.“ Ivrendre war entschlossen. „Habt ihr von der Säuberung von Stratholme gehört?“

„Geschichten“, brummte Adunas, während er den Dreck unter seinen Fingernägeln herauspulte.

„Die Wahrheit“, beteuerte Ivrendre und warf Adunas einen strengen Blick zu. „Unser Prinz Arthas, sein Name sei verflucht und möge das Licht ihn verbrennen, hat Kaedrans Tat im großangelegten Maßstab begangen. Gerüchte gingen um, dass die Seuche in Stratholme Einzug gehalten hatte. Also ritt Arthas zur einst größten Stadt in den Wäldern des Ostens. Dann schlachteten er und seine Handlanger alle Einwohner ab. Untertanen, die zu schützen, er geschworen hatte. Männer, Frauen, Kinder. Kaedran war auch dort, während er den Seuchenriesen erschlagen hat.“

„Ja, diese Geschichte habe ich auch gehört“, sagte Adunas. „Die Soldaten des Königs sagen aber, dass es ein Angriff der Geißel war.“

Ivrendre gab Adunas einen Klaps auf die Finger. „Natürlich wollte der König nicht, dass bekannt wird, was für ein Monster sein Sohn in Wahrheit ist. Nun, letzten Endes wurde ihm dieses blinde Vertrauen in sein Kind zum Verhängnis.“

„Kaedran“, murmelte Falathras. Eines seiner Idole schien doch auch nur menschlich zu sein, mit all den Fehlern, die damit einhergingen. Er ballte die Fäuste. „Ich werde ihn konfrontieren.“

So schwang er sich vom Wagen und lief nach vorne. Auf seinem Weg zu Kaedran konnte er Tanalarn im Gespräch mit Vater Bermorn sehen. Es sah so aus, als ob sich die beiden wieder verstünden.
Ich werde nicht vergessen, was du für mich leistest, Bruder! Ich könnte mich niemals so ungezwungen mit diesem alten Zausel unterhalten.

Falathras hatte den Wagen des Kommandanten eingeholt. „Kaedran Silberschwert!“, rief er aus.

„Was ist euer Begehr?“

Falathras kletterte auf den Wagen hinauf, bevor er Kaedran auf seine Taten ansprach: „Ich weiß von der Säuberung von Stratholme. Habt ihr damals auch schon Kinder ermordet?“

Cyrgar, der neben Kaedran auf dem Kutschbock saß, spitzte die Ohren, hielt sich aber ansonsten aus der Diskussion heraus.

Kaedran wurde leichenblass. „Das Licht behüte! Ich hatte keinen Anteil an den Säuberungen. Ich ging direkt zur Quelle der Seuche. Die Herren der Geißel haben inmitten von Stratholme den Seuchenriesen mithilfe eines Tarnzaubers verborgen und seine faulen Ausdünstungen haben nach und nach alle Einwohner der Stadt infiziert.“

„Aber ihr habt auch nichts gegen Arthas unternommen!“

Kaedrans graue Augen waren voller Gram und Weh. „Uther hat damals dieselben Worte wie ihr benutzt. Unsere Freundschaft ist an jenem Tag zerbrochen.“

Jetzt war es an Falathras, überrascht zu sein. „Ich dachte, dass ihr und Uther euch gut versteht. Während dem Fall von Lordaeron, als wir am Westtor standen, habe ich gelauscht. Ihr habt ihn Freund genannt und Uther schien dieselben Empfindungen zu hegen.“

„Sicher, wir empfinden gegenseitigen Respekt und ich wünsche mir jeden Tag, dass ich in Uthers Augen wieder mehr Achtung als nur die eines Verbündeten erlangen kann. Aber er hat mir nicht verziehen und ich glaube, dass er sich nicht einmal selbst die Geschehnisse dieses Tages verzeihen konnte.“

„Wieso? Uther hatte doch nichts mit der Säuberung von Stratholme zu tun?“

„Er macht sich schreckliche Vorwürfe, dass Arthas, der immerhin sein Schüler war, an jenem Tag den ersten Schritt auf der von Leichen gepflasterten Straße des Bösen und der ewigen Verdammnis gemacht hat. Er denkt, dass er das alles verhindern hätte können, wenn er im Vorfeld die Zeichen erkannt hätte, sich mehr um Arthas gekümmert hätte. Vielleicht hätte Arthas dann auf ihn gehört und gewartet, bis die Druiden der Nachtelfen ein Heilmittel für die Seuche gefunden haben.“

„Ein Heilmittel?!“ Falathras war komplett verwirrt und verstand die Welt nicht mehr. Eine Kur für die Seuche würde alles ändern.

„Wir warten noch heute darauf. Anscheinend ist die Seuche unheilbar. Man müsste der Geißel eigentlich fast schon zu ihrer perfiden Genialität gratulieren. Die Seuche ist die perfekte Kriegswaffe. Sie kann ins Essen oder in die Luft gemischt werden, selbst die dümmsten Ghule können immer noch die Seuche weiterverbreiten und sie selbst sind nicht davon betroffen.“

Kaedran sah Falathras tief in die Augen. „Ich habe mich damals von meiner geistigen Heimat getrennt. Einst war ich ein Mitglied des scharlachroten Kreuzzugs. Der Eifer, mit dem sie Arthas bei der Säuberung unterstützten, war mir nicht geheuer. Ich verließ meine einstigen Kameraden, weil ich nicht das Blut von Unschuldigen vergießen wollte. Doch gestern hatte ich keine Wahl. Die Seuche kann man nicht heilen und alle, die ich töten musste, wussten darum. Ich hoffe, dass ihr niemals in eine solche Lage geraten werdet, Falathras Morgenglanz.“

„Es ist gut, dass ihr so ehrlich seid. Ich muss gestehen, ich habe euch schlimmer Dinge verdächtigt.“

Kaedran winkte ab. „Das ist mein Fehler. Ihr seid zwar noch nicht zum Paladin geweiht, aber wenn die Dinge anders verlaufen wären, stündet ihr jetzt als Ebenbürtiger vor mir. Ich habe zu viel vor euch geheim gehalten. Kein Wunder, dass euch solche Gedanken kommen. Wenn ihr Fragen zum weiteren Verlauf unserer Flucht habt oder Vorschläge, kommt zu mir oder Cyrgar.“

„Danke“, sagte Falathras und nickte. Als er wieder aufsah, sah er, dass Kaedran ihm väterlich zuzwinkerte.

„Außerdem besteht für euch dann hoffentlich nicht mehr die Notwendigkeit, eure Langohren nach geheimen Gesprächen auszustrecken.“

Falathras wurde rot. Er hatte sich tatsächlich während ihrem Gespräch verplappert. Zum Glück scheint Kaedran kein nachtragender Mensch zu sein.

Kaedran legte ihm die Hand auf die Schulter. „Das passt schon. In eurem Alter war ich genauso schlimm.“

Nachdem das Vertrauen zwischen ihnen wiederhergestellt war, hob Falathras die Hand.
„Wir sind hier nicht im Unterricht“, knurrte Kaedran mit scherzhaftem Unterton. „Spuck es einfach aus.“

„Was bindet einen Mann an sein Land? Ich habe mir diese Frage gestellt und ich würde gerne wissen, was euch an Lordaeron bindet.“

„Ah, da hast du eine schwere Frage gestellt. Was bindet einen Mann? Sein Blut, seine Familie? Ehre und Ruhm? Ich schätze, ich will einfach nur Frieden für Lordaeron. Mein Vaterland hat bessere Tage gesehen und ich wünsche mir, dass diese Zeiten wiederkehren.“

Falathras sah Kaedran mit leuchtenden Augen an. „Dann wollt ihr dasselbe wie ich. Früher hat unsere Familie immer Ausflüge zu unseren Verwandten in den östlichen Wäldern getätigt.“
Onkel Voren und Tante Beranice… Vater war damals noch nicht so unumgänglich. Wir alle waren damals glücklicher.

„In den Pestländern“, sagte Kaedran mit düsterer Vorahnung, wohin sich die Geschichte entwickeln würde.

„Genau. Das Holzfällerdorf von meiner Tante und meinem Onkel wurde kurz vor unserem letzten Besuch dort von Untoten überfallen. Als wir dort ankamen, waren alle schon tot oder schlimmer. Mein Vater musste seinen Bruder, meinen Onkel eigenhändig umbringen. Aber eine Erinnerung hat sich besonders eingeprägt. Das Land war verdorben. Die Nadelbäume waren braun verfärbt und morsch. Überall wuchsen diese Pilze und sie stanken nach verfaultem Fleisch. Ich kann diesen Anblick nicht ertragen. Das Wirken der Geißel ist widernatürlich! Ich will nicht, dass noch mehr von Lordaeron so aussieht wie das Dorf meiner Verwandten.“

„Dann habt ihr euch eure Frage beantwortet. Ihr wünscht, euer Land unversehrt zu sehen. Ich habe gesehen, wie ihr gekämpft habt. Euer blutiges Schwert, niemals unsicher oder zögernd, stets seinen Weg in eure Feinde findend. Eure Energie, sie stammt aus dem, was ihr erlebt habt.“

„Genauso wie eure. Ich verstehe nicht, warum Uther sich von euch entfernt hat.“

Kaedran ließ den Kopf hängen. „Trotzdem hoffe ich, dass Uther den Fall von Lordaeron überlebt hat. Der alten Zeiten wegen.“

Cyrgar machte sich mit weitreichenden Gestiken bemerkbar. „Warum befindet niemand meine Kriegskunst für preisenswert? Ich habe einen Nekrophagen nach dem anderen mit arkanen Geschossen und Feuerbällen niedergestreckt!“

„Warum habt ihr nicht wie in Lordaeron mal eben alle Ghule mit einer riesigen Explosion weggefegt?“

Cyrgars Handbewegungen verlangsamten sich und er wurde ernst. „Mit der Magie des Arcanums ist nicht zu spaßen. Ich hätte auch alle anderen im Kampfgetümmel, euch miteingeschlossen treffen können. Kein Krieger würde eine Fliege mit einem Streitkolben zerquetschen, während sie sich auf einer kunstvoll ausgearbeiteten Fensterscheibe ausruht, wenn der bloße Pollex auch reicht.“

„Pollex?“, sagten Kaedran und Falathras wie aus einem Munde. Manchmal drückte sich Cyrgar so hochtrabend aus, dass ihn höchstens ein anderer Magier aus Dalaran verstehen konnte.

„Daumen“, erklärte Cyrgar.

„Oh, jetzt verstehe ich den Vergleich. Das habe ich nicht bedacht“, sagte Falathras entschuldigend. „Wartet mal. Heißt das, dass ihr uns in Lordaeron genauso gut auch in Brathühner verwandeln hättet können?“

Cyrgar zuckte die Achseln. „Es war eine verzweifelte Lage, die eine schnelle Reactio erforderte.“

Falathras schwang drohend die Faust in der Luft. „Wenn ich euch nicht mein Leben schulden würde, hätte diese Faust schon längst euer Auge getroffen.“

„Nichts, was ein bisschen Zauberkraft nicht wieder richten könnte“, behauptete Cyrgar eitel.

Sie beide mussten lachen und nach einer Weile musste sich auch Kaedran der allgemeinen Erheiterung anschließen. „Es ist gut, selbst in solch düsteren Zeiten Momente der Freude zu erkennen“, sagte er mit noch immer schmunzelnden Lippen.
Es ist unglaublich, wie unbeugsam der menschliche Wille sein kann. Gestern mussten wir den Tod eines Kindes durch die Hand eines der unseren erleben und heute keimt bereits wieder Hoffnung auf.

„Süderstade!“, schrie jemand ein paar Wägen weiter hinten. Am Horizont ragte die Silhouette der Hafenstadt auf. Sich ausbreitende Euphorie verlieh allen frischen Elan. Endlich würden sich all die Fährnisse, die seit während der überhasteten Flucht aus der Hauptstadt zu erdulden hatten, ausgezahlt haben.
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