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Buch 1 - Die Flucht

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / Het
12.02.2020
13.11.2020
27
57.070
5
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10.06.2020 1.695
 
Der Flüchtlingszug aus Lordaeron schleppte sich Tag um Tag voran und jeder Schritt war ein Aufbegehren gegen den Vormarsch der Geißel, die das Land in ihrem Würgegriff hielt. In der Nacht konnte Falathras Rauchschwaden am Horizont ausmachen. Kaedran sorgte dafür, dass sie alle einen Bogen um diesen Ort machten.
Dieser Pfad führte sie in die Ausläufer des Silberwalds. Uralte Bäume aus einer Zeit, in der noch die Trolle hier gehaust haben mussten, standen in Reih und Glied und nur wenig Licht drang durch die zahlreich benadelten Äste. Die Finsternis erfüllte den Silberwald wie ein vertrautes Geheimnis. Man konnte sich mit der Zeit daran gewöhnen, doch man wusste nie, was sich dahinter verbarg.

Immerhin passt das zu deiner Laune, sagte eine hinterlistige Stimme in Falathras‘ Gedanken. Er war so kurz davor gewesen! Endlich hätte er seine wahren Gefühle für Ivrendre offenlegen können. Nun erging er sich in Selbstmitleid, das er jedoch gut vor den anderen zu verstecken wusste.

Mit einem Mal stoppte der Treck. Kaedran hatte seine Hand erhoben. „Das ist ein guter Platz.“
Das Plätschern eines Baches rauschte leise. Die Zugtiere wurden von ihren Wägen losgemacht, damit sie ihren Durst stillen konnten. Schneefeder breitete die Schwingen aus und krähte. Mit der Schnelligkeit eines Adlers und der Würde eines Löwen hob sie ab und manövrierte sich geschickt zwischen den tieferen Zweigen und Ästen hindurch. Es würde nicht lange dauern, bevor sie wieder mit Beute im Schnabel zurückkäme. Sie hatte in der kurzen Zeit, die sie bei ihnen war, schon oft unter Beweis gestellt, was für eine großartige Jägerin sie war.

Ein paar Initianden fühlten sich von Schneefeders Beispiel angespornt und machten sich auf die Suche nach Beeren und anderen Waldesfrüchten, mit denen sie ihr karges Abendmahl verbessern konnten. Adunas kam mit ihnen, um Schneefeder im Auge zu behalten.

Missmutig schleppte sich Falathras durch die Tätigkeiten, die von ihm erwartet wurden. Den Wagen sicher abstellen. Steine für das Lagerfeuer zu finden. Gras und Moos für seine Ruhestätte zusammenzuklauben. Er führte die Handgriffe mechanisch und ohne Geist aus.

Die beerenpflückenden Initianden rannten schreiend zum Lager. Falathras sah auf. Sie liefen vor etwas weg. Noch bevor seine Augen die Gefahr erkannten, wusste seine Nase Bescheid. Untote konnte man gegen den Wind selbst auf große Distanzen riechen.

Adunas sprang über Stock und Stein. Falathras musste ihm zugutehalten, dass er nicht wie die anderen Initianden vor Angst schrie. Doch ausgerechnet ihn holten die Ghule als erstes ein. Eine von der ungnädigen Hand des Schicksals an der unglücklichsten Stelle platzierte Wurzel brachte ihn zu Fall. Die Ghule witterten Blut und stürzten sich auf ihn. Falathras rannte. Jede Muskelfaser stand unter Anspannung.

Zu langsam.

Ein Ghul wurde mitten in der Luft zerfetzt. Schneefeders Schnabel durchstieß dessen Körper und zerriss das madendurchsetzte Fleisch in alle Einzelteile. Den zweiten Ghul schlitzte sie wiederholt mit ihren Adlerpranken auf. Ein weiterer wurde von einem Schwanzhieb umgefegt, woraufhin er von spitzem Untergehölz aufgespießt wurde. Sie verteidigte Adunas mit ihrem Leben.

Doch ein Ghul kam durch diese wilde Mauer aus Krallen hindurch. Falathras war immer noch zu weit entfernt, um etwas zu ausrichten zu können. Im Augenwinkel sah er etwas leuchtendes vorbeiflitzen. Der Ghul wurde zurückgeschleudert. Violette Dreiecke, Vierecke und so weiter bohrten sich in ihn. Falathras verfolgte die Flugbahn zurück. Cyrgar stand mit erhobenem Stab und sich formierenden Feuerbällen in seinen Händen da. Der Ghul rappelte sich wieder auf. Cyrgar entfesselte seinen nächsten Zauber. Der Ghul wurde verbrannt, bevor er sich erneut auf Adunas stürzen konnte.

Die Gefahr war noch nicht gebannt. Mittlerweile war die Ghulschar mitten im Lager angekommen. Falathras hechtete zurück und spaltete auf seinem Weg ein paar Ghulen den Kopf. Nach Kaedran und Cyrgar musste er die meiste Erfahrung im Kampf gegen Untote haben. Unter den Initianden waren einige sogar noch jünger als Tanalarn. Kinder ohne jegliches Kampfvermögen.
Falathras vertraute auf sein Schwert. Die Klinge und die in ihm brennende Wut leiteten ihn. Es zog ihn zum Epizentrum des Gemetzels. Die Initianden waren zu Kaedran geflüchtet. Er wütete wie ein silberner Blitz unter den Untoten. Aber er konnte nicht überall sein. Schmerzensschreie ertönten. Dort versagte er daran, die Schwachen zu beschützen.

Nun war Falathras zur Entlastung gekommen. Er deckte Kaedran den Rücken. Den Untoten versetzte er tödliche Wespenstiche. Die eigenen Leute schützte er mit seiner Klinge und notfalls seinem Körper. So weit kam es zu seinem Glück nicht. Die Ghule sahen, dass sie doch keine leichte Beute waren. Die Intelligenteren unter ihnen fürchteten den endgültigen Tod. Sie schnappten sich ein paar Leichen und zerrten sie davon. Fast genauso schnell, wie sie gekommen waren, verschwanden sie.

Schwer und stoßweise atmend schwang Falathras noch einen letzten Hieb, der ins Leere ging. Er drehte sich um. Die Ghule waren abgewehrt, doch der Preis, der bezahlt wurde, war hoch. Zu hoch? Auf jeden toten Ghul kam ein toter oder verwundeter Initiand, wobei man die Verwundeten eigentlich direkt zu den Toten zählen konnte. Schlimmer noch: Es hatte vor allem die Jüngsten, die sich nicht verteidigen konnten, getroffen.
Falathras sah sich hektisch nach Tanalarn um. Sein Bruder durfte nicht durch diesen hämischen Würfelwurf des Schicksals ermordet worden sein! Als er ihn von einem Wagen herabklettern sah, fiel ihm ein Stein vom Herzen.

Falathras ließ sein Schwert fallen und umarmte Tanalarn stürmisch.

„Ich weiß das zu schätzen, dass du dich um mich sorgst, aber du stinkst“, murmelte Tanalarn mit erstickter Stimme.

Falathras wich zurück. „Ich stinke?“

„Du hast gekämpft wie ein Berserker. Das alte Gammelblut der Ghule ist überall auf dir. Du solltest dich waschen.“

Falathras wurde rot. So konnte er Ivrendre erst recht nicht unter die Augen treten. Er musste sich dringend waschen. Ein Blick auf die anderen Überlebenden bestätigte ihm, dass er mit diesem Gedanken nicht allein war. Kaedrans sonst so silberweißes Haar hatte nun einen schmutzbraunen Ton angenommen. Adunas‘ Gesicht war gänzlich verschmiert. Ivrendre jedoch war am dreckigsten von allen. Sie hatte sich vor die Initianden gestellt und jeden Ghul niedergemacht, der ihren Schützlingen zu nahe kommen drohte. Falathras indes würde sie selbst unter der dicksten Schicht von Matsch und getrocknetem Blut erkennen.
Der Kampf gegen die Ghule war kurz, aber brutal gewesen. Der einzige, der sich nicht schmutzig gemacht hatte, war Cyrgar. Trotzdem konnte Falathras seinen Anteil am Sieg nicht kleinreden. Er hatte bemerkt, wie Cyrgars Zauber einen Ghul nach dem anderen niedergestreckt hatten.

Stille – Die Stille des Todes – legte sich über das Schlachtfeld. Keiner wagte es, durch eine unbedachte Bewegung oder Äußerung das Andenken der Toten zu entehren. Schließlich sprach Kaedran: „Wer wurde von den Ghulen verletzt?“

Schweigen. Einzig das Raunen der Bäume war zu hören.

„Wer wurde von einem Ghul gekratzt?“
Zögernd zeigten ein paar Hände auf.
„Ihr wisst, was das bedeutet?“, sagte Kaedran ernst und mit finsterem Blick.

Die Älteste unter den betroffenen Initianden trat hervor. Sie musste etwa im selben Alter wie Ivrendre sein. Sie musste mehrmals schlucken, bevor sie ein paar grausame Worte hervorbrachte: „Wir müssen sterben.“

Kaedran nickte und hielt sein Schwert nach oben. „Die Transformation in einen Ghul soll sehr schmerzhaft sein. Besser ein schneller Tod als langsames Siechtum.“

Die Initiandin, deren Namen Falathras nicht kannte, stellte sich mit dem Hals zur Schwertschneide hin. „Ich bin bereit. Lieber der Tod als ein Leben in ewiger Verdammnis.“

Kaedran deutete auf einen umgefallenen Baumstamm. „Lege dort bitte deinen Kopf hin, damit ich das ganze so schmerzlos wie möglich gestalten kann. Irgendwelche letzten Worte?“

„Lordaeron ist nichts als Staub. Wir hätten alle früher fliehen müssen. Jetzt werden wir alle so enden wie ich!“

„Das ist genug!“, sagte Falathras wutentbrannt.

Ivrendre schloss sich ihm an: „Mit solchem Gerede macht man den Kindern Angst!“

„Ruhe!“ Mit Kaedrans Blick war nicht zu spaßen. „Die letzten Worte von Todgeweihten sind heilig und nichts Gutes kann aus Unterbrechungen erwachsen. Soll ich beginnen?“ Sein Blick ging zur Initiandin.

„Ja.“ Sie kniete sich hin und präsentierte ihren Hals der scharfen Klinge.

Kaedran holte aus und schlug mit ganzer Kraft los. Der Körper der Initiandin sackte jeglicher Lebenskraft beraubt in sich zusammen.
So ging es eine Zeit lang weiter. Schließlich war nur noch eine letzte Henkerstat zu vollbringen. Diese würde aber die schwerste sein. Kein Jugendlicher, sondern ein Kind, das Kaedran mit großen Augen ansah, war verblieben. „Tut es weh?“

Kaedran atmete schwer. Er setzte an, stutzte und schließlich sagte er: „Es tut weh, aber nur kurz.“

Der kleine Junge, der gerade erst in das Priesterseminar eingeschrieben worden sein musste, machte dasselbe, wie alle vor ihm. Er kniete sich vor den Baumstamm. Kaedran schwang sein Schwert schneller als je zuvor.
Tschack!
Dieses einzelne Geräusch drang Falathras durch Mark und Bein. Nicht nur er, sondern auch viele andere der Überlebenden saugten die Luft deutlich hörbar ein.

Kaedran war fertig. Er sah sein Schwert an und warf es von sich. „Verbrennen wir unsere Toten.“

Was er gerade gesagt hatte, ging gegen jede lordaeronische Tradition. Tote mussten in der geweihten Erde ihrer Heimat bestattet werden. Nach den Schrecken, die alle erleben mussten, hatte jedoch niemand mehr etwas dagegen einzuwenden. Die Nekromanten der Geißel ließen sich von der dünnen Erdschicht über den letzten Ruhestätten der Toten nicht abhalten. Feuer war die einzig verbliebene Möglichkeit, zu der auch viele Verzweifelte während dem Fall von Lordaeron gegriffen hatten.

Die für das Lagerfeuer bestimmten Holzscheite wurden umfunktioniert und jeder beteiligte sich daran, weiteres Holz zu sammeln. Wenn man schon den uralten heidnischen Begräbnisritualen der Urzeit folgen musste, dann sollte es nicht aussehen, als ob man sich keine Mühe gegeben hätte. Selbst Vater Bermorn sagte ausnahmsweise mal nichts dagegen.

Die Sonne war schon längst untergegangen. Sie hatten Äste so ineinander verschränkt, dass sie die Toten darauf aufbahren konnten. Denjenigen, die hingerichtet werden mussten, legte man ihre Köpfe bei, sodass ihre Körper in der Dunkelheit wieder den Eindruck der Unversehrtheit erweckten.

Kaedran entfachte das Feuer. Die Flammen schlugen hoch in die Nacht. In weiser Voraussicht hatten sie das Holz an der einzigen lichten Stelle des Waldes aufgeschichtet. Man erwies den Toten keinen Dienst, wenn sich die Überlebenden auch noch zu ihnen gesellten. Keine Beerdigungspredigt und kein Choral ertönte. Einzig das Prasseln der hungrigen Flammenzungen geleitete die Toten in das nächste Leben, wo sie eins mit dem Licht sein würden. Groß ragte der Scheiterhaufen auf, wetteifernd mit den Begräbnissen der alten Häuptlinge aus Zeiten, in denen alle Kronen noch ungeschmiedet waren.
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