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Die Schöne und das Biest - 30 Jahre später - Kapitel 3

GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Catherine Chandler Jamie Joe Maxwell OC (Own Character) Vincent
11.02.2020
11.02.2020
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Nähe und Distanz


Der HERR spricht:
Siehe, ich sende einen Engel vor dir her,
der dich behüte auf dem Wege
und dich bringe an den Ort,
den ich bestimmt habe.
(2.Mose 23,20)



New York; Museum of Modern Art; Simon Mallory (Direktor)


Es war noch früh am Morgen. Simon Mallory wusste, dass er allein sein würde. Genau das hatte er beabsichtigt. Mit dem Code für den Hintereingang verschaffte er sich Zutritt zu dem Gebäude. Der Sicherheitsdienst war gerade mit der Wachablösung beschäftigt. Er kannte die Zeiten. Außerdem war es nichts Ungewöhnliches, dass er morgens früher im Museum auftauchte. Das hatte er schon öfter gemacht. Der Mann vom Sicherheitsdienst würde lediglich registrieren, dass er sich mit seinem Code eingeloggt hatte und bereits im Haus war. Also Zeit genug für ihn. Mit dem hinteren Fahrstuhl fuhr er hoch in die oberste Etage, wo sein Büro lag. Mit der Aktentasche in der Hand schloss er hastig seine Bürotür auf. Er musste sich beeilen. Die Tasche warf er förmlich auf den Schreibtisch. Schon wandte er sich dem Gemälde an der Wand hinter seinem Schreibtisch zu. Mit gekonntem Griff hob er das Bild von der Wand. Dahinter kam ein in die Wand eingelassener Tresor zum Vorschein. Er gab die nur ihm bekannte Zahlenkombination ein und öffnete die eiserne Tür. Zu spät bemerkte er, dass er nicht mehr allein war. Abrupt wandte er sich zu dem Schatten hinter sich um. Noch bevor er sein Erschrecken über die Erscheinung äußern konnte, traf ihn der Schlag an der Schläfe. Der Fremde schlug noch einmal mit ganzer Kraft zu. Dann wandte er sich dem offenen Tresor zu. Schnell durchsuchte er den Inhalt, fand, was er suchte und steckte es ein. Ohne einen weiteren Blick auf den am Boden liegenden Simon Mallory wandte sich der Fremde ab und verließ das Büro.

New York; Catherines Appartementhaus; Catherine, Victoria Thompson, Jake (Jacob), Rebekka Rose

Vorsichtig, damit niemand sie bemerkte, schlich Catherine durch den Keller. Sie musste nur noch eine Treppe hoch, um den Aufzug zu erreichen. Sie hatte die Nacht nicht in ihrem Appartement verbracht und hoffte, unbemerkt von den Wachposten des FBI nach oben zu kommen. Wie hätte sie auch die Fragen der Leute beantworten sollen. Sie musste den Durchgang im Keller, der zu den unterirdischen Tunneln führte, unbedingt geheim halten. Es reichte schon, dass sie ihrem Sohn Rede und Antwort stehen musste, den sie am Abend zuvor einfach allein gelassen hatte. Vorsichtig spähte Catherine in den Flur, an dem der Aufzug lag. Nichts war zu sehen. Erleichtert drückte sie auf den Knopf nach oben und war dankbar, dass der Lift so schnell unten war. Eilig betrat sie ihn und drückte auf die 18. Etage.


Victoria Thompson war ausgeruht. Die letzte Nacht hatte sie durchschlafen können. Dafür war sie sehr dankbar in Anbetracht der Ereignisse der letzten Tage. Sicherlich waren sie noch nicht ganz durch mit der Geschichte um den kleinen Tyler Biggs. Schließlich war er vorübergehend bei ihrer Mutter gewesen, die sich verständlicherweise weiter Sorgen um den Jungen machte.

Vicky hatte auf das Frühstück verzichtet und sich nur für den Weg bis zum Appartement von Cathy Chandler einen Coffee to Go geholt. Als sie das Gebäude erreichte, nickte sie kurz dem diensthabenden Wachposten zu, der draußen aufpasste, dass kein Fremder unbemerkt das Haus betrat. Als sie die Lobby betrat, sah sie aus den Augenwinkeln, dass die Tür des Aufzuges offen stand. Schnell lief sie zu der sich schließenden Tür und schob ihre freie Hand in den noch offenen Spalt. Erwartungsgemäß öffnete sich die Tür wieder, und Vicky sah in das erstaunte Gesicht von Catherine Chandler. Verblüfft hielt sie inne und vergaß beinahe, die sich erneut schließende Aufzugstür. Sie drückte die Tür ein zweites Mal auseinander und betrat den Aufzug.

 „Cathy. Was machst du hier?“ Natürlich nahm Vicky zur Kenntnis, dass Catherine Chandler angezogen in dem Aufzug stand und offensichtlich nach oben fahren wollte. Es war noch früh.

Catherine überlegte fieberhaft, wie sie ihre Aufmachung erklären könnte. „Ich…“

Vicky kam ihr zuvor. „Jetzt sag nicht, dass du nur mal gerade frische Luft schnappen warst so früh am Morgen.“

Catherine schloss ihren Mund wieder.

 „Weiß dein Sohn, dass du nicht in der Wohnung warst?“

 „Er weiß es“, sagte Catherine selbstsicher.

Fragend hob Vicky die Augenbraue nach oben als warte sie auf weitere Erklärungen.

 „Das hört sich vielleicht merkwürdig an“, begann Catherine dann, „aber du musst dir keine Sorgen machen. Und Jacob weiß wirklich Bescheid.“ Letztendlich war ihr klar, dass Vicky schon von Berufs wegen misstrauisch sein musste. Sie konnte nur hoffen, dass ihr Sohn die Zweifel seiner Kollegin irgendwie zerstreuen konnte.

 „Also ich weiß nicht, was ich davon halten soll.“ Vicky ließ ihren Gedanken freien Lauf. „Es erscheint mir schon merkwürdig, dass er dich unbeaufsichtigt herum laufen lässt. Versteh mich bitte nicht falsch, aber du schwebst, soweit ich weiß, nach wir vor in Gefahr.“

Die Aufzugstür öffnete sich und enthob Catherine vorerst einer Antwort, doch sie konnte die Neugier und die Fragen von Victoria Thompson förmlich spüren. Zielstrebig ging sie voran und öffnete die Tür zu ihrem Appartement. Vorsichtig betraten beide Frauen die Wohnung. Aus der Küche erklang leise Musik aus dem Radio. Jacob war also schon wach, dachte Catherine. Sie ging zur Küche, um ihn zu begrüßen. Er musste ihr Kommen gehört haben.

 „Jacob“, rief sie schon vom Eingang aus. „Vicky und ich sind da.“

Das Klappern aus der Küche verstummte. Neugierig betrat Catherine den Raum und blieb verblüfft stehen. Hinter sich spürte sie Victoria Thompson.

 „Ähm… hallo“, begrüßte sie die adrette junge Frau, die an der Anrichte mit der Kaffeemaschine stand.

 „Wer sind Sie?“ fragte Vicky direkt und mit einem fordernden Ton in der Stimme.

 „Ähm, ich bin…“, stammelte die Frau und zupfte nervös an dem Herrenoberhemd herum, dass sie scheinbar als einziges Kleidungsstück trug.

 „Sie sind doch Mrs. Rose“, stellte Catherine verblüfft fest. „Vom Museum für Moderne Kunst in Berlin.“

Erleichtert nickte die junge Frau. „Ja, ich bin Rebekka Rose.“ Dann hielt sie für einen Moment gleichfalls verblüfft inne und sah die ältere Frau erstaunt an. „Und Sie sind Mrs. Burton. Wir kennen uns.“

Langsam nickte Catherine und nahm die leicht bekleidete Frau in ihrer Küche genauer in Augenschein.

 „Mrs. Burton?“ fragte Vicky irritiert und sah von Catherine zu Rebekka Rose.

 „Darf ich fragen, was Sie in meiner Küche machen?“ fragte Catherine jetzt.

 „Ihre Küche…“, Rebekka Rose schnappte nach Luft und schien sich am liebsten in Luft auflösen zu wollen.

 „Sehe ich das richtig, dass du diese Frau kennst?“ fragte Vicky.

Catherine nickte bedächtig.

 „Mom? Bist du das?“ Auf die Fragen folgten eilige Schritte auf der Treppe.

 „Ja, ich bin hier“, rief Catherine und fühlte ein Lachen in sich aufsteigen. Hatte sie ihren Sohn gerade in flagranti mit einer Frau erwischt?

Jake schob Vicky und seine Mutter zur Seite. „Becka“, sagte er nur und nahm ihre leicht bekleidete Aufmachung wahr.

 „Oh Jake, es tut mir leid. Ich wollte nur Kaffee machen“, sprudelte es aus Rebekka Rose heraus.

Catherine sah, wie ihr Sohn und Rebekka sich für einen Moment wie gebannt ansahen. Unwillkürlich musste sie lächeln. „Also ich gehe erstmal in mein Schlafzimmer und ziehe mir etwas anderes an“, meinte sie bedeutungsvoll und hoffte, dass der Wink verstanden wurde.

 „Ähm, also ich hätte gerne eine Erklärung“, verlangte Vicky.

Catherine winkte mit der Hand ab. „Später.“


Jake fluchte still in sich hinein und sah, wie seine Mutter in ihrem Schlafzimmer verschwand. Diese Situation hatte er nicht voraus geplant. Konsterniert stand er im Wohnzimmer und blickte von Becka zu seiner Kollegin und wieder zurück.

 „Ich…“, versuchte Becka irgendetwas zu sagen.

Diesmal winkte Victoria Thompson ab. „Ich lasse Sie mal besser beide allein.“ Sie warf Jake noch einen Blick mit sichtlichem Interesse zu. „Dann können Sie sich in Ruhe anziehen“, fügte sie noch süffisant hinzu.

Als die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, starrte Jake vor sich auf den Boden und überlegte, wie er die Situation wieder gerade bügeln konnte.

 „Es tut mir leid“, flüsterte Becka nur und verschwand nach oben auf die Galerie.

 „Fuck“, fluchte Jake. Er fühlte sich wie ein Schuljunge, der bei etwas Verbotenem ertappt worden war.

Natürlich war er selbst schuld an der Situation. Beckas Auftauchen am vorherigen Abend unten in der Lobby hatte ihn zunächst überrascht und aus dem Konzept gebracht. Sie waren zusammen nach oben gegangen ins Appartement und hatten über alles Mögliche geredet. Er hatte seine Mutter bei seinem Vater in den Tunneln in Sicherheit gewusst und die Möglichkeiten, die das Appartement bot, genutzt. Es war ja nicht das erste Mal, dass er mit einer Frau geschlafen hatte. Er hatte nur nicht über die Nacht hinaus gedacht und daran, dass seine Mutter irgendwann wieder auftauchen würde. Und der Blick seiner Kollegin hatte Bände gesprochen. Jacob war so in Gedanken vertieft, dass er gar nicht mitbekam, wie seine Mutter aus dem Schlafzimmer kam. Sie hatte sich umgezogen.

Freundlich sah Catherine ihn an. „Wo ist Mrs. Rose?“

 „Ähm“, begann Jake und fühlte sich gleichzeitig verwirrt und seltsamerweise beschämt.

 „Sie kann gerne mit uns frühstücken. Dann kann sie uns erzählen, was sie nach New York führt und ob es schon Neuigkeiten bei der Aufklärung von dem Mord an Dr. Lau in Berlin gibt.“

Jake war verwirrt. Die Freundlichkeit seiner Mutter überraschte ihn. Wollte sie denn keine Erklärung von ihm? Er fühlte sich unsicher. Was dachte sie jetzt von ihm. Dass er mit jeder Frau schlief, die er haben konnte? Und würde sie es seinem Vater sagen? Aber vielleicht wusste sein Vater sowieso mehr. Jake hatte nie wirklich mit ihm über sein Leben in der Welt gesprochen, aber vermutlich ahnte sein Vater mehr, als er jemals gesagt hatte.

 „Warum gehst du nicht nach oben und ziehst dich fertig an“, sprach Catherine ihn an. „Ich mache Frühstück.“

Er fuhr herum, doch da kam Rebekka schon die Treppe herunter, fertig angezogen mit ihrer Tasche. Sie wirkte verlegen.

 „Ähm, ich gehe besser.“ Sie sah Jake an.

 „Kommen Sie“, unterbrache Catherine den Augenkontakt. „Frühstücken Sie mit uns. Dann können wir uns unterhalten.“

Unsicher schaute Rebekka von Jake zu Catherine und wieder zurück. Catherine fasste sie behutsam am Arm und schob sie in die Küche.

In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Appartement und Vicky kam zurück. „Sie sind ja immer noch nicht angezogen“, meinte sie mit einem Blick auf Jake und grinste ironisch.


 „Ich verstehe das nicht so ganz. Sie sind also nicht Jessica Burton?“ Catherine nickte zustimmend zu Rebekkas Frage, ehe diese fortfuhr. „Aber Sie haben doch sehr lange in Berlin gelebt. Dr. Lau hatte immer von der langen Verbindung zu Ihnen geschwärmt.“

 „Über zehn Jahre“, bestätigte Catherine, während sie an ihrem Kaffee nippte.

Neugierig blickte sie zwischen Rebekka Rose und ihrem Sohn hin und her. Jacob schien mit der Situation sichtlich überfordert und schwieg. Catherine musste innerlich schmunzeln. Sicherlich hatte sich ihr Leben in der letzten Zeit dramatisch verändert. Doch dass sie ihren Sohn dabei erwischen würde, dass er die Nacht mit einer Frau verbracht hatte, damit hätte sie nie im Leben gerechnet. Gleichzeitig musste sie an Vincent denken. Wie dachte er über das Leben seines Sohnes. Und wieviel konnte er wirklich mitbekommen. Was wusste er über Jacobs Leben als FBI-Agent und als Mann? Catherine wurde aus ihren Überlegungen gerissen.

Victoria Thompson hatte sich in das Gespräch eingeschaltet. „Was führt Sie dann also aus Berlin nach New York? Wenn ihr Chef vor so kurzer Zeit ermordet wurde, haben Sie doch mit Sicherheit andere Sorgen, als einen Kurztrip hierher.“

Nervös unter Vickys argwöhnischen Blicken schielte Rebekka zu Jacob hinüber. „Ich wollte…“, sie stockte und warf ihm einen Blick zu. „Jake und ich hatten uns in Berlin bei seinen Ermittlungen kennengelernt. Ich hatte mich bei seinem Kollegen in Berlin nach ihm erkundigt, weil er so plötzlich hatte abreisen müssen und ich nichts mehr von ihm gehört hatte.“

 „Und da setzen Sie sich mal eben ins Flugzeug und düsen nach New York.“ Victoria Thompson wirkte durch und durch misstrauisch.

Geräuschvoll schob Jacob die Tasse vor sich zur Seite und erhob sich. „Ich bringe dich am besten zu deinem Hotel“, meinte er zu Rebekka. Überrascht sah sie ihn an.

 „Willst du nicht noch eine Tasse Kaffee? Du hast kaum gefrühstückt“, sagte Catherine zu ihm.

Jake winkte ab und wartete, bis Rebekka den letzten Schluck Kaffee ausgetrunken hatte und ebenfalls aufstand.

 „War nett, Sie wiedergesehen zu haben, Mrs. Burt…, ich meine Mrs. Chandler.“

 „Ja, hat mich auch gefreut.“ Catherine nickte ihr zu.

Steif gaben sich Rebekka und Vicky die Hand und verabschiedeten sich.

 „Sie bleiben hier und passen auf“, sagte Jake unnötigerweise zu Vicky.

 „Natürlich“, antwortete sie spitz und beobachtete argwöhnisch, wie er mit Rebekka Rose das Appartement verließ.


New York; Catherines Appartement; Catherine, Victoria Thompson


Als Victoria Thompson von der Eingangstür zurück in die Küche kam, räumte Catherine bereits den Tisch auf. Zunächst wortlos half Vicky ihr.

Catherine musste unwillkürlich schmunzeln. „Du magst Miss Rose ganz offensichtlich nicht.“

Sofort hielt Vicky in ihren Bewegungen inne. „Nenn es beruflich bedingtes Misstrauen, aber ihre Geschichte ist doch recht dünn.“ Mit diesen Worten räumte sie das Geschirr in die Spülmaschine.

 „Nun ja“, meinte Catherine, „ich bin schon davon ausgegangen, dass mein Sohn ein normales Leben führt, auch wenn die Situation heute Morgen etwas überraschend war.“

Vicky schloss die Klappe der Spülmaschine geräuschvoll und sah Catherine an. „Was weißt du von dieser Rebekka Rose?“

 „Nicht viel. Sie ist, besser gesagt, sie war die Assistentin von Dr. Lau, dem Direktor des Museums für Moderne Kunst in Berlin.“

 „Der ermordet wurde“, stellte Vicky fest.

Catherine nickte. „Ich habe oft mit ihm zusammen gearbeitet, als ich noch Jessica Burton hieß und in Berlin lebte.“

 „Was ist nach dem Tod von Dr. Lau passiert?“

 „Das kann ich dir gar nicht sagen“, erzählte Catherine. „Ich habe von den Ermittlungen nichts mehr mitbekommen, weil sich ganz offensichtlich jemand vorgenommen hatte, mich umzubringen, und ich dann kurz entschlossen nach New York gekommen bin.“

 „Also bleibt die Frage, warum Rebekka Rose nach New York gekommen ist“, meinte Vicky.

 „Wegen Jacob?“ fragte Catherine in den Raum.

 „Und woher hatte sie die Adresse des Appartements?“ fragte Vicky weiter. „Das Appartement läuft auf deinen Namen und du wohnst hier erst seit kurzer Zeit.“

Catherine nickte bedächtig zu Vickys Schlussfolgerungen. Es klopfte an der Tür und die Frauen wurden aus ihren Überlegungen gerissen.


New York; Jake (Jacob) Chandler, Rebekka Rose


 “Ich habe dich in Schwierigkeiten gebracht. Das tut mir leid.“

Jake winkte nur kurz ab. „Du musst dich nicht entschuldigen“, meinte er.

 „Aber…“, widersprach sie.

 „Lass es.“ Seine Antwort war zu barsch ausgefallen. Er merkte es sofort.

Rebekka schwieg daraufhin. Sie fuhren mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage. Jake hatte keine Skrupel, das Dienstfahrzeug zu nehmen.

 „In welchem Hotel bist du untergekommen?“ fragte er.

 „Hilton“, antwortete Rebekka.

Jake pfiff laut durch die Zähne. „Gibt es vielleicht irgendetwas, was du mir noch sagen musst?“

 „Wieso?“ Becka wirkte verdattert.

 „Das Hotel ist normalerweise für Leute abonniert, die über das entsprechende Kleingeld verfügen“, meinte er sarkastisch.

Rebekka verstand. „Oh, also, ich habe es nicht selbst gebucht.“

 „Womit wir an dem Punkt wären, zu dem wir gestern Abend nicht gekommen sind“, meinte Jake.

Sie hatten sich am Abend nicht mit belanglosem Geplauder aufgehalten. Irgendwie hatte sich Jake wie verzaubert gefühlt. Viele Dinge waren in der letzten Zeit passiert, die er nicht verarbeitet hatte. Das Auftauchen seiner Mutter hatte sein Leben auf den Kopf gestellt. Dabei zuzusehen, wie seine Eltern sich allmählich wieder miteinander vertraut machten, hatte Gefühle in ihm geweckt, derer er sich vorher nicht bewusst gewesen war. Als Rebekka dann so plötzlich unten in der Lobby gestanden hatte, war das wie ein Ventil gewesen. Im Prinzip hatte es schon in Berlin zwischen ihnen geknistert, dort hatten jedoch andere Dinge im Vordergrund gestanden. Gestern Abend hatte er sich nicht unnötig mit Fragen aufgehalten und seinen Gefühlen einfach freien Lauf gelassen.

 „Weshalb bist du in New York?“ fragte er jetzt direkt.

 „Oh, das ist ganz einfach“, antwortete Rebekka. „Ich habe ein Vorstellungsgespräch.“ Trotz dieser einfachen Antwort wirkte sie irgendwie nervös.

 „Du willst nach New York ziehen?“ fragte Jake weiter.

Sie nickte bestätigend. „Ich habe mich als Assistentin bei dem Direktor des Museums für Moderne Kunst beworben. Das war schon vor Monaten gewesen, bevor wir uns kennengelernt haben. Die Stelle in Berlin war für mich sowieso nur vorübergehend gedacht. Ich wollte unbedingt aus Deutschland heraus kommen.“

Jake nickte und dachte nach. „Hast du denn irgendetwas mitbekommen von den Ermittlungen zu dem Mord an deinem Chef.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht viel. Sämtliche Mitarbeiter des Museums wurden befragt. Ich natürlich auch. Soweit ich weiß, tappt die Polizei im Dunkeln.“

 „Dann ist das gestohlene Bild auch nicht wieder aufgetaucht?“ fragte Jake nach.

 „Nein. Du meinst das von Kristopher Gentian?“

Er nickte, während er den Wagen sicher durch den Stadtverkehr von New York steuerte. Rebekka blickte vorsichtig zu ihm hinüber. „Du stellst viele Fragen.“

Er nickte. „Beruflich bedingt“, antwortete er knapp.

 „Mrs Burton…, entschuldige, ich meine Mrs. Chandler ist wirklich deine Mutter?“ fragte Becka.

 „Ja“, antwortete Jake knapp.

 „Das ist sehr überraschend“, stellte sie fest.

 „Oh ja“, bestätigte Jake. „Das ist es.“

Mehr nicht. Er hatte nicht vor, Rebekka die genauen Details zu erläutern. Dafür war es noch viel zu früh in ihrer Beziehung. Er hielt vor ihrem Hotel an.

Sie zögerte beim Aussteigen. „Sehen wir uns wieder?“ fragte sie schüchtern.

Er nickte. „Ich habe deine Handynummer. Ich rufe dich an.“

Sie sah ihn an, als zweifelte sie an seinen Worten. „Es war trotz allem schön, dich wiederzusehen.“ Sie beugte sich vor und küsste ihn schnell auf den Mund.

Als sie ausstieg, rief er ihr nach. „Eine Frage habe ich noch.“

Sie wandte sich zu ihm um.

 „Woher wusstest du, wo du mich finden würdest?“ fragte er.


New York; in den Tunneln; Vincent und Pascal

Es war still hier unten in den Tunneln. Die typische Ruhe im Untergrund, nur unterbrochen durch das ferne und nahe Rattern der U-Bahn und den ewigen gleichsamen Klängen der Rohre, die der Kommunikation der Gemeinschaft dienten, die hier unten lebte. Mit sich und der Welt zufrieden ging Vincent durch die Tunnel, umgeben von dem schwachen Licht der Kerzen. Seine Augen waren noch immer exzellent. Vincent fragte sich nicht mehr, warum er von manchen menschlichen Schwächen, die im Alter auftraten, verschont wurde. Er nahm es hin und war dankbar. Sehr dankbar. Er fühlte eine tiefe, innige Dankbarkeit, wie nie zuvor. Catherine lebte und war in New York. Und ihr Sohn Jacob war bei ihr. Die beiden Menschen, die er über alles auf der Welt liebte, waren so nahe. Mit diesem Wissen erfüllte ihn eine Zufriedenheit, die neu und unermesslich war. Er war glücklich. Er ging mit einem Lächeln durch die Tunnel, das von innen nach außen leuchtete.

 „Gibt es etwas Neues?“ fragte er Pascal, als er in der Rohrkammer angekommen war.

 „Von hier unten nicht“, antwortete Pascal. „Das Übliche.“

 „Sind die Wachen alle auf ihren Posten?“

 „Ich denke schon. Gibt es irgendwelche Probleme?“ Pascal sah Vincent fragend an. „Oder erwartest du eine Nachricht?“

Vincent schüttelte nur den Kopf, doch Pascal sah ihn aufmerksam an. „Catherine war die ganze Nacht hier unten, nicht wahr?“

Vincent nickte nur zufrieden und dachte an die vergangene Nacht zurück. Nachdem das Konzert im Central Park geendet hatte, waren Catherine und er schweigend durch die Tunnel gegangen. Verträumt und neu vertraut. Es war wundervoll gewesen. Deswegen war er von Hoffnung erfüllt. Eine neue Hoffnung auf etwas, das er längst verloren geglaubt hatte.

 „Du siehst irgendwie glücklich aus“, stellte Pascal fest.

Wieder nickte Vincent lächelnd. Er versuchte Worte zu finden. „Es ist…, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.“

Pascal lächelte seinen Freund nur an. „Du musst gar nichts sagen. Ich freue mich für dich und Catherine. Auch wenn vielleicht noch nicht alles so ist, wie ihr es gerne hättet.“

Vincent nickte bestätigend. „Ich weiß. Wir brauchen Zeit.“ Er zögerte einen Moment. „Es ist, als würden wir uns neu begegnen. Beängstigend und voller Magie.“ Er brach ab.

 „Du musst nichts weiter erklären. Es reicht, dass jetzt alles gut wird“, meinte Pascal.

Vincent wiegte nachdenklich den Kopf. „Noch sind nicht alle Hürden aus dem Weg geräumt. Catherines Leben ist weiter in Gefahr. Und Jacob muss lernen, dass er eine Mutter hat, die ihn sehr liebt. So sehr, dass sie alles für ihn hingegeben hat.“

 „Dann hat er sein Misstrauen auch jetzt nicht abgelegt“, antwortete Pascal.

 „Wie meinst du das?“ fragte Vincent.

 „Ach, du weißt doch.“ Pascal winkte mit der Hand ab. „Dein Sohn war seit jeher misstrauisch und vorsichtig gegenüber allem und jedem. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, was ihm als Baby widerfahren ist.“

 „Oder was er durch Diana und ihren Beruf als Polizistin kennengelernt hat“, stellte Vincent fest. „Es war immer etwas Distanziertes und Zurückhaltendes in ihm, das selbst ich nicht durchdringen konnte.“

Pascal nickte zustimmend. „So als wäre ein Teil seines Wesens gar nicht da.“ Er hielt inne und wandte sich den Rohren zu. Er ging ein paar Schritte zu einer Stelle, wo sich mehrere Rohre kreuzten und folgte dann drei parallel verlaufenden Rohren ein paar Meter. Er nahm sein Stethoskop, das er immer um den Hals trug, und presste das Ende an das mittlere Rohr und lauschte.

Neugierig wartete Vincent ab. Es konnte sich nur um eine aktuelle Nachricht handeln, die gerade hereinkam.


New York; Catherines Appartement; Catherine, Victoria Thompson, Gerry Fisher, Jake (Jacob)

 “Ich wollte eigentlich zu Ihrem Sohn. Jacob Chandler.“ Gerry Fisher stand in Catherines Appartement und sah sich suchend um.

 „Er ist nicht da. Ich denke aber, dass er bald zurückkommt.“ Catherine deutete auf das Sofa. „Möchten Sie sich nicht solange setzen?“

Unsicher sah sich Gerry Fisher um. „Was denken Sie, wie lange es dauert?“

 „Schwer zu sagen“, meinte Victoria Thompson süffisant. „Er ist gerade beschäftigt.“

Fisher kräuselte die Stirn in Anbetracht dieser Anspielung.

Catherine ignorierte Vickys Anspielung und deutete nochmals auf die Couch. „Sie können sich solange setzen. Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“

Nervös setzte sich Gerry Fisher. „Nein, danke“, sagte er. Dann stand er abrupt wieder auf und streckte Catherine die Hand entgegen. „Mrs. Chandler, ich möchten Ihnen meine ausdrückliche Bewunderung aussprechen für alles, was Sie für unser Land getan haben.“

 „Ähm“, verdattert ließ sich Catherine die Hand schütteln. „Ich…“

 „Den meisten ist nicht bewusst, was Menschen wie Sie für unser Land leisten und einsetzen“, fuhr Gerry Fisher fort. „Ich bewundere Sie. Wir können Ihnen gar nicht genug danken.“

 „Ähm, vielen Dank“, meinte Catherine, während Gerry Fisher sich wieder setzte.

Obwohl der FBI-Chef abgelehnt hatte, holte Vicky doch eine Flasche Wasser und stellte ein Glas vor ihm hin. Sie schmunzelte Catherine in stillem Einvernehmen zu, die sich ihm gegenüber gesetzt hatte.

 „Also Sie möchten meinen Sohn sprechen“, stellte Catherine fest.

 „Ja“, antwortete Fisher einsilbig und schenkte sich dann doch Wasser ein.

 „Und Sie sind deswegen extra aus Washington gekommen heute Morgen?“ Catherine blieb hartnäckig.

Gerry Fisher wand sich sichtlich, da er offenbar nichts erzählen wollte. „Es geht um seinen letzten Fall“, gab er dann preis und verstummte wieder.

Catherine nickte ihm verstehend zu. „Die Kunstfälschungssache, weswegen er in Berlin war, nicht wahr.“

 „Hat er Ihnen etwa davon erzählt?“ Gerry Fisher wollte bereits aufbrausen, doch Catherine winkte ab.

 „Nicht direkt. Ich glaube nicht, dass Sie es wissen, aber ich habe die letzten zehn Jahre unter falschem Namen in Berlin gelebt und war dort in der Kunstszene tätig.“

Victoria Thompson, die das Gespräch verfolgte, hob interessiert die Augenbraue und zischte vernehmlich durch die Zähne.

 „Ach“, meinte Gerry Fisher erstaunt. „Waren Sie etwa in den Fall involviert?“

 „Nicht direkt“, meinte Catherine. „Aber ich habe bei Leihgaben von Kunstwerken vermittelt und mich um die rechtlichen Angelegenheiten gekümmert. Außerdem hatte ich viel mit Dr. Lau zu tun, dem Direktor des Museums für Moderne Kunst in Berlin. Er wurde ermordet, kurz bevor ich Berlin verlassen musste.“

 „Dann wissen Sie also auch von dem verschwundenen Bild von diesem amerikanischen Künstler?“

 „Von Kristopher Gentian, meinen Sie?“

Gerry Fisher blieb für einen Moment der Mund offen stehen.

 „Also was ist passiert, dass Sie hier auftauchen und mit meinem Sohn darüber sprechen wollen?“ fragte Catherine.

Die Tür zum Appartement öffnete sich und enthob Gerry Fisher einer Antwort. Jake betrat den Wohnraum und blieb überrascht stehen.

 „Gerry?“ Fragend sah er seinen Boss an. „Sie hatte ich hier nicht erwartet.“

Gerry Fisher stand erleichtert auf und reichte Jake zur Begrüßung die Hand. „Ja, es gibt da eine dringende Angelegenheit, über die ich mit Ihnen sprechen muss.“ Unsicher lugte er zu Catherine hinüber. „Mrs. Chandler war so freundlich, mich herein zu lassen.“

Catherine lächelte unverbindlich. „Es geht um deinen letzten Fall, weswegen du in Berlin warst.“

Ertappt versuchte Gerry Fisher sich zu verteidigen. „Mrs. Chandler hat mir mitgeteilt, dass sie sich in der Kunstszene auskennt, bevor…“

Jake lächelte ironisch. „Warum bewirbst du dich nicht gleich beim FBI“, meinte er zu seiner Mutter. „Du hängst dich schon wieder in Sachen hinein, die dich nichts angehen.“

 „So. Wirklich?“ antwortete Catherine. „Und warum wolltest du in Berlin unbedingt mit Jessica Burton sprechen, um Informationen zu dieser Kunstfälschungssache zu bekommen?“

Jake blieb die Antwort darauf schuldig.

 „Ach ja“, meinte Gerry Fisher. „Mrs. Burton, die Kunstexpertin. Sie hatten ja nicht mit ihr sprechen können, und der Agent in Berlin meinte, sie sei spurlos verschwunden.“

 „Nicht ganz“, antwortete Jake. Er deutete auf seine Mutter. „Da sitzt Mrs. Jessica Burton. Jetzt allerdings wieder unter ihrem richtigen Namen. Catherine Chandler.“

 „Ach.“ Erstaunt blickte Gerry Fisher von Catherine zu Jake und wieder zurück.

Victoria Thompson, die das Gespräch bislang stillschweigend verfolgt hatte, schaltete sich ein. „Cathy, was hältst du davon, wenn wir uns ein bisschen in den Läden umsehen. Du hattest doch gesagt, dass deine Garderobe eine Auffrischung nötig hat.“

Catherine verstand den Wink. Auch wenn sie neugierig war, wusste sie, wann es besser war, nachzugeben. „Eine gute Idee“, meinte sie zu Vicky. „Ich hole nur schnell meine Jacke.“


New York; Catherine, Victoria Thompson

Vicky ließ sich von Jake die Autoschlüssel geben, und zusammen mit Catherine verließ sie das Appartement. Sie fuhren mit dem Aufzug hinunter in die Tiefgarage.

 „Es wundert mich, dass du so schnell nachgegeben hast“, meinte sie zu Catherine. „Dabei hattest du diesen Fisher schon fast so weit, dass er dir den Grund seines Kommens erzählt hätte.“

Catherine nickte nur ernst. „Ich weiß. Aber ich habe inzwischen verstanden, dass es nichts nützt, sich aufzudrängen.“

Vicky schmunzelte ironisch. „Willst du dich wirklich nicht mehr in die Angelegenheiten deines Sohnes einmischen? Das würde mich wundern nach den Ereignissen des heutigen Morgens.“

 „Mr. Fisher und wer auch immer mit dem Kunstfälschungsfall zu tun hat werden auf mich zukommen, wenn sie so weit sind“, antwortete Catherine selbstbewusst. „Ohne meine Hilfe werden sie den Fall nicht lösen können.“

Victoria konnte Catherine nur noch erstaunt von der Seite anschauen.


New York; Catherines Appartement; Gerry Fisher, Jake (Jacob) Chandler

 “Also was führt Sie her?” fragte Jake seinen Chef direkt.

Gerry Fisher wirkte noch immer verunsichert hinsichtlich der Tatsachen, die er über Catherine Chandler erfahren hatte.

 „Ja“, meinte er konsterniert, „es geht um diese Kunstsache, um die Fälschungen. Sie hatten doch Kontakt zu Simon Mallory gehabt, dem Direktor hier in New York.“

Jake nickte. „Ja, bevor ich nach Berlin geflogen bin. Warum?“

 „Simon Mallory wurde heute Morgen tot in seinem Büro aufgefunden. Der Safe stand offen, und offensichtlich sind Unterlagen daraus gestohlen worden.“ Gerry Fisher wartete nicht ab, bis Jake die Nachricht verdaut hatte. „Ich habe sofort eine Sondermaschine von Washington aus genommen. Es geht darum“, er zögerte jetzt, „ich wollte Sie fragen, ob Sie sich in den Fall einschalten können.“

Jake überlegte fieberhaft. „Das hört sich irgendwie nach Parallelen zu dem Mord des Museumsdirektors in Berlin an.“ Er war sichtlich hin und her gerissen.

 „Ich weiß, Sie hatten darum gebeten, sich persönlich um Ihre Mutter kümmern zu dürfen, aber in diesem Fall…“

Jake nickte nur. „Ja, natürlich helfe ich, wenn ich kann, aber…“

 „Wir werden die Überwachung von Mrs. Chandler verstärken“, versprach Gerry Fisher und schien irgendwie erleichtert.


New York; in den Tunneln; Vincent und Pascal

Pascal lauschte lange, und Vincent wartete geduldig.

 „Es gibt Neuigkeiten von oben“, sagte der Herr der Rohrkammer dann. „In der Stadt ist etwas passiert.“ Wieder hielt er lauschend sein Ohr an das Rohr.

Vincent, der noch immer über sehr gute Sinne verfügte, lauschte mit. „Jemand wurde ermordet“, stellte Vincent fest.

 „Die Nachricht kommt von Marjorie“, ergänzte Pascal. „Sie arbeitet für die Museen. Der Museumsdirektor wurde ermordet.“ Pascal lauschte weiter. „Und etwas wurde aus dem Safe des Museums gestohlen.“

Nachdenklich wiegte Vincent den Kopf. „Eventuell ein Bild?“ fragte er mehr sich selbst als seinen Freund.

Pascal zuckte nur mit den Schultern. „Marjorie hat die Vermutung, dass es vielleicht etwas mit den Bildern von Kristopher Gentian zu tun hat.“

 „Dieser Fall mit den Fälschungen, an dem Jacob gearbeitet hat, bevor ich ihn bat, sich um Catherine zu kümmern.“ Vincent wirkte schlagartig besorgt. „Irgendetwas stimmt da nicht.“

Pascal nickte zustimmend. „Aber es hat nichts direkt mit uns hier unten zu tun.“

 „Da bin ich mir nicht so sicher“, meinte Vincent und verschwand eilig.

Er steuerte auf die alte Kammer von Vater zu. Seine Vermutung wurde bestätigt, es gab bereits Post von den Helfern oben. Rasch sah er die eingehenden Nachrichten durch. Darunter war ein Paket in Form einer Rolle aus Pappe. Neugierig besah sich Vincent die Verpackung. Es stand kein Absender darauf. Er öffnete es und hatte Mühe, das zusammengerollte Blatt Papier aus der Röhre zu bekommen. Es war ein Bogen Zeichenpapier. Scheinbar schon älter, denn es war etwas vergilbt. Vincent rollte den Bogen auseinander und erstarrte. Unbewusst hielt er die Luft an vor Schreck beim Anblick dessen, was er da sah. Es war nur eine Skizze, scheinbar rasch dahin gekritzelt. Hörbar stieß er die Luft aus und lehnte sich in dem Stuhl zurück. Wie gebannt starrte er auf die Zeichnung. Er und Catherine. Zwar nur mit wenigen Strichen, aber doch sehr treffend skizziert. Dies musste ein Vorentwurf zu dem Gemälde sein, das in seiner Kammer stand. Das Ölgemälde von Catherine und ihm von Kristopher Gentian.

Er überlegte und fasste im Kopf kurz die Fakten zusammen, die er wusste. Jacob hatte zuletzt für das FBI an einem Fall über Kunstfälschungen gearbeitet. Deswegen war er nach Berlin geflogen und dort auf Catherine gestoßen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Catherine hatte dort bereits seit Jahren unter einem anderen Namen gelebt und offiziell als Kunstexpertin gearbeitet. Abrupt stand Vincent auf und verließ die Kammer.


New York; Museum für Moderne Kunst; Gerry Fisher, Jake (Jacob) Chandler, Polizist

Jacob Chandler schwankte gefühlsmäßig. Auf der einen Seite hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er die Bitte seines Vaters missachtete und nicht bei seiner Mutter blieb. Auf der anderen Seite war er froh, dieser Verpflichtung zu entkommen und an „seinem“ Fall weiter arbeiten zu können. Zusammen mit seinem Boss fuhr er an den Tatort, dem Museum für Moderne Kunst, in dem er vor einigen Wochen Simon Mallory kennengelernt hatte, der jetzt ermordet worden war. Sein Gewissen beruhigte er mit dem Wissen, dass Catherine bei Victoria Thompson gut aufgehoben war. Er vertraute seiner Kollegin voll und ganz. Beide Frauen verstanden sich sehr gut. Das Museum für Moderne Kunst war angesichts der Tatsache, dass der Direktor ermordet worden war, geschlossen. Jake und Gerry Fisher wurden von den Sicherheitskräften und der Polizei ungehindert durchgelassen bis in das Büro, wo der Mord geschehen war. Die Leiche von Simon Mallory war bereits abtransportiert worden zur genaueren Untersuchung in der Gerichtsmedizin. Ansonsten befand sich alles noch genauso in dem Büro wie die Polizei es vorgefunden hatte.

 „Wer hat denn den Toten entdeckt?“ fragte Jake den Beamten vor Ort.

 „Erst seine Sekretärin“, antwortete der Polizist. „Sie steht unter Schock und kann zurzeit keine näheren Angaben machen.“

Jake nickte verständnisvoll und inspizierte das Büro genauer. Er sah die Stelle, an der Simon Mallory gestorben war. In Gedanken rekapitulierte er die Begegnung von vor einigen Wochen. Simon Mallory war ein agiler Mann Mitte vierzig gewesen.

 „Und der Mord soll heute Morgen passiert sein?“ fragte er nach.

 „Ja. Der Gerichtsmediziner war sich sicher, dass der Tod erst ein bis zwei Stunden bevor er entdeckt wurde eingetreten ist“, sagte der Polizist.

Gerry Fisher hatte sich ebenfalls umgesehen. „Warum war Mr. Mallory denn so früh da?“

 „Laut den Aussagen des Sicherheitspersonals ist das nicht ungewöhnlich gewesen“, fuhr der Polizist fort. „Mr. Mallory kam wohl des Öfteren früh am Morgen. Der einzige Unterschied heute bestand darin, dass er nicht den Haupteingang, sondern den Hintereingang benutzt hatte.“

Jake war inzwischen zu dem offen stehenden Safe gegangen. „Hat jemand bereits den Inhalt des Safes untersucht?“ fragte er.

Der Polizist schüttelte den Kopf. „Wir haben frühzeitig die Info bekommen, dass sich das FBI darum kümmert und seitdem nichts angerührt.“

Jake nickte und machte sich daran, den Inhalt genauer unter die Lupe zu nehmen.


New York; Catherine, Victoria Thompson

Catherine fühlte sich erschöpft. Sie war mit Victoria Thompson durch etliche Geschäfte gegangen. Etwas, das sie in den letzten Jahren nicht mehr gemacht hatte. Doch aus Berlin hatte sie nicht viel mitnehmen können, und so war es notwendig gewesen, auch wenn es letztendlich nicht mehr ihr Ding war. Ihr Leben hatte sich in den letzten Jahren jenseits von Konsum abgespielt. Aber das war eigentlich auch schon der Fall gewesen, als sie Vincent kennengelernt und sich ihr Leben von Grund auf verändert hatte. Das Leben in all seinen Höhen und Tiefen war wertvoller, als wie die meisten Menschen es wertschätzten. Das hatte sie im Laufe ihres Lebens gelernt. Und selten erfüllte das Leben die Wünsche des Einzelnen, es sei denn man kämpfte darum.

 „Wir waren recht erfolgreich“, meinte Vicky und ging mit einigen Taschen zum Wagen.

 „Ja“, meinte Catherine nur, „das kann man so sehen.“

 „Du bist müde“, stellte Vicky fest. „Wir sollten zum Appartement zurück fahren.“

 „Du hast Recht. Ich stelle mehr und mehr fest, dass ich nicht mehr die Jüngste bin.“

 „Dafür siehst du aber noch sehr gut aus“, meinte die FBI-Agentin, weil sie das Gefühl hatte, Catherine aufmuntern zu müssen.

Die lächelte kurz. „Das ist sehr charmant von dir.“ Doch schnell war das Lächeln wieder verschwunden.

Sie gingen an ein paar Geschäften vorbei, als ein Junge vorbei lief und sich zu ihnen umdrehte. Catherine kam er sofort bekannt vor. Kurz hielt er und drückte ihr einen Zettel in die Hand, noch bevor Victoria Thompson, die ein paar Schritte vorgegangen war, sich umgedreht hatte. Catherine steckte den Zettel, ohne zu zögern ein, während der Kleine in die andere Richtung davon lief. Sie beeilte sich, um zu Vicky aufzuschließen, die stehen geblieben war und sie neugierig musterte.

 „War irgendetwas mit dem Jungen?“ fragte sie in berufsmäßigem Ton als FBI-Agentin.

 „Nein, wieso“, antwortete Catherine unbestimmt und ging entschlossen weiter.

Nur kurz runzelte Vicky die Stirn und beließ es dann dabei.

In ihrem Appartement angekommen, ließ Catherine die Einkaufstaschen unbeachtet im Wohnzimmer zurück und begab sich ins Schlafzimmer. Erst dort, wo sie sich unbeobachtet fühlte, faltete sie den Zettel auseinander. Vincent wollte sie sehen. Es sei dringend. Das hörte sich ungewöhnlich an nach der vergangenen Nacht, die sie bei ihm in den Tunneln verbracht hatte. Gedankenverloren betrat sie vom Schlafzimmer aus den Balkon und sah auf die Stadt hinaus. Ihr Sohn war erwartungsgemäß nicht im Appartement gewesen. Wahrscheinlich war er in den Fall mit den Kunstfälschungen eingebunden. Nachdenklich sah sie zurück in den Raum. Wie sollte sie es an der FBI-Agentin mit dem messerscharfen Blick vorbei schaffen und ungesehen in die Tunnel kommen.


New York; Museum für Moderne Kunst; Gerry Fisher, Jake (Jacob) Chandler, Polizistin

 „Konnten Sie bereits jemanden abbestellen, der die Überwachung meiner Mutter neben Mrs. Thompson übernimmt?“ fragte Jake seinen Boss.

Gerry Fisher nickte bestätigend. „Ja, das läuft alles. Spätestens heute Abend ist ein zusätzlicher Mann da.“

Jake kämpfte gegen sein schlechtes Gewissen an. Er hatte seinem Vater versprochen, auf seine Mutter aufzupassen. Jetzt war er doch in diesen Fall verwickelt. Aber schließlich ging es auch um Mord, das musste selbst sein Vater verstehen.

 „Zumindest wissen wir nun, dass der oder die Täter es nicht auf Geld abgesehen haben“, meinte Fisher schon wieder ganz mit dem Fall beschäftigt.

Jake nickte. „Ja, das Geld im Safe war nicht angerührt worden. Wollen Sie wirklich so lange in New York bleiben, bis die Sache aufgeklärt ist?“

 „Ja. Ich habe die Anordnung von ziemlich weit oben“, bestätigte Gerry Fisher. „Für einige Leute hört der Spaß jetzt auf, da quasi länderübergreifend Museumsdirektoren ermordet worden sind. Einige Politiker sind inzwischen ziemlich nervös.“

Sie standen noch immer in dem Büro von Simon Mallory und sahen sich mehr oder weniger ratlos um.

 „Anscheinend muss aber etwas Wichtiges im Safe gewesen sein, sonst hätte der Täter nicht genau diesen Moment abgepasst, als der Safe offen stand“, stellte Jake fest.

Draußen vom Flur war lautes Schluchzen zu vernehmen. Neugierig ging Jake hinaus und sah die Sekretärin in Tränen aufgelöst an ihrem Schreibtisch sitzen. Zwei Polizistinnen beugten sich zu ihr und versuchten, sie zu beruhigen.

Jake winkte eine Polizistin zu sich heran. „Sieht so aus, als könnte die Sekretärin noch nichts sagen, was?“

Die Polizistin nickte bestätigend. „Die Frau ist total aufgelöst. Hier haben wir zumindest schon einmal den Terminkalender von Mr. Mallory. Den konnten wir ausdrucken.“ Damit drückte sie Jake einen Zettel in die Hand.

Gerry Fisher trat hinzu. „Vielen Dank“, sagte er zu der Polizistin.

Die fühlte sich von den beiden FBI-Agenten entlassen und ging zurück zu der Sekretärin. Jake entfaltete den Zettel mit den Terminen von Simon Mallory. Er konzentrierte sich auf die aktuelle Woche und den heutigen Tag, obwohl er nicht vermutete, dass der Mörder einen Termin mit dem Direktor vereinbart hatte.

Gerry Fisher stand direkt neben ihm. „Wir sollten mit all den Leuten reden, die auf der Liste stehen. Vielleicht können wir so herausfinden, womit Mr. Mallory zurzeit beschäftigt war.“

Jake nickte abwesend, während sein Blick wie gebannt von einem Namen auf dem Terminplan angezogen wurde. Verflixt. Er spürte die Anwesenheit seines Bosses neben sich und ihm wurde heiß. Was sollte er jetzt nur tun?

 „Lassen Sie mich mal näher sehen“, meinte Gerry zu ihm und nahm ihm das Blatt aus der Hand. „Interessant sind ja die Termine von heute.“ Er sah die Namen durch. „Das sind ja nicht viel. Der erste Termin ist eine Rebekka Rose.“ Er winkte eine Polizistin zu sich. „Hier, versuchen Sie mal aus der Sekretärin heraus zu bekommen, um wen es sich bei dieser Rebekka Rose handelt.“ Er schaute auf die Uhr. „Laut dem Terminplan hätte Sie längst hier auftauchen müssen.“

Die Polizistin nickte nur und ging zu der Sekretärin hinüber. Jake hatte das Gefühl, als würde ihm gerade die Kontrolle über die Situation entgleiten.


New York; Tunnel unter Catherines Appartement; Vincent und Catherine

Vincent wartete geduldig. Er wusste, dass Catherine eine Gelegenheit abpassen musste, um nach unten zu kommen. Er stand in dem Tunnel unterhalb ihres Appartementhauses, von dem sie in den letzten Tagen in kurzer Zeit einen Durchbruch zum Keller geschaffen hatten, der relativ schnell zu schließen wäre für den Fall, dass ungebetene Leute darauf aufmerksam wurden. Zum wiederholten Male haderte er mit der Tatsache, dass er zu Catherine keine innere Verbindung mehr hatte. Er konnte nicht fühlen, was sie fühlte und ob sie schon eine Möglichkeit gefunden hatte. Von Jacob wusste er, dass er nicht hier war und dass ihn etwas beunruhigte. Mehr aber auch nicht, denn mit seinem Fortgehen aus den Tunneln war auch die Verbindung zu seinem Sohn dünner geworden. Sie existierte zwar noch, aber Vincent wusste, dass Jacob bewusst Dinge vor ihm verschloss, zu denen er nicht durchdringen konnte oder sollte. Er hörte Schritte und wurde aus seinen Gedanken gerissen. Die Tür zum Schacht hatte sich geöffnet und im Dämmerlicht erkannte er die schlanke Gestalt der Frau, die er liebte. Zielstrebig kam sie auf ihn zu und fasste ihn schüchtern am Arm.

 „Wir haben nicht viel Zeit“, sagte sie dann. „Ich habe die Minute genutzt, als Vicky kurz nach unten ist. Wenn sie mitbekommt, dass ich zwischendurch das Appartement verlassen habe, wird sie sicher Fragen stellen.“

Vincent nickte verständnisvoll. „Hast du etwas von Jacob gehört?“

 „Nein. Heute Morgen war sein Chef da. Es geht um den Fall, an dem er zuletzt gearbeitet hat, als er in Berlin war.“

Vincent nickte zu Catherines Ausführungen. „Das habe ich mir schon gedacht.“

Irritiert sah Catherine ihn an. „Hast du es gespürt?“

Er schüttelte den Kopf. „Es kam eine Meldung von einer Helferin in die Tunnel. Sie arbeitet in den Museen.“

Catherine ahnte, dass Vincent ihr etwas Wichtiges zu sagen hatte. „Ja?“

 „Ein Museumsdirektor wurde ermordet“, fuhr Vincent fort. „Vermutlich ist deshalb Jacobs Chef aufgetaucht.“

Catherine nickte bedächtig und sah Vincent dann aufmerksam an. Sie spürte seine Anspannung. „Das ist noch nicht alles, nicht wahr?“

Jetzt nickte Vincent bedächtig. Unruhig begann er auf und ab zu laufen. „Kannst du dich noch an das Bild von uns erinnern?“

 „Du meinst von diesem Künstler, der vorgegeben hat, tot zu sein“, antwortete Catherine. „Kristopher Gentian.“

Wieder nickte Vincent. „Oder der tatsächlich tot ist.“ Er winkte Catherines Einwand ab. „Darum geht es auch nicht. Heute Morgen kam Post in die Tunnel. Eine Rolle mit einer Skizze darin.“

Jetzt nickte Catherine verstehend. „Mit einer Skizze, auf der wir beide abgebildet sind, wie auf dem Gemälde“, stellte sie fest.

Vincent blieb wie vom Donner gerührt stehen und sah sie verblüfft an. „Woher weißt du das?“



New York; Museum für Moderne Kunst; Rebekka Rose, Jake (Jacob) Chandler

Fassungslos stand Rebekka Rose vor dem Museum. Das Gebäude war geschlossen. Sie hatte sich im Hotel geduscht und schick angezogen. Für das Vorstellungsgespräch bei Simon Mallory wollte sie wirklich gut aussehen und jetzt das. Der Eingang des Museums war umlagert von Journalisten, die wiederum von der Polizei zurück gehalten wurden. Was war hier los?

 „Sagen Sie, was ist hier passiert?“, fragte sie einen der Journalisten.

 „Oh, es hat einen Mord gegeben“, erwiderte dieser bereitwillig.

Rebekka fühlte ein Déjà-Vu nahen. Das konnte doch nicht sein. Sie zog sich ein paar Schritte zurück. Was sollte sie jetzt tun. Schließlich hatte sie einen Termin gehabt, aber wahrscheinlich hatte der Direktor jetzt ganz andere Dinge im Kopf, als eine neue Assistentin einzustellen. Sie holte ihr Telefon aus der Tasche. Sie hatte vorsichtshalber die Nummer der Sekretärin abgespeichert, mit der sie den Termin für das Vorstellungsgespräch vereinbart hatte. Sie wählte und ließ es ein paar Mal durchklingeln. Sie wollte schon aufgeben, als endlich der Ruf angenommen wurde.

 „Hallo, wer ist da“, fragte jemand barsch in den Hörer.

Verdattert fing Rebekka an zu stammeln. „Ähm…, also mein Name ist Rebekka Rose. Ich habe einen Termin bei Simon Mallory.“

 „Becka bist du das?“

 „Jake?“ fragte sie irritiert.

 „Ja.“

Sie hörte ein Stöhnen, dann: „Wo bist du?“

 „Ähm, ich stehe unten vor dem Museum und komme nicht…“ Mehr konnte sie nicht sagen.

 „Ich hole dich unten ab“, sagte er nur kurz angebunden und legte auf.

Mehr als nur beunruhigt steckte Rebekka das Telefon wieder in ihre Tasche. Langsam näherte sie sich dem Eingang und blickte sich suchend nach Jake um. Dabei wäre sie am liebsten weggelaufen. Da. Endlich tauchte er auf und sah sie sofort. Er winkte sie energisch zu sich, und sie wurde von den Polizisten durch die Absperrung gelassen.

 „Was ist denn nur los?“ fragte sie.

Statt einer Antwort sah Jake sie nur grimmig an und zog sie dann am Ellbogen mit sich.



New York; Catherines Appartement; Catherine, Victoria Thompson, Jake (Jacob), Vincent

 “Ich verstehe das nicht. Der Ersatzmann hätte längst da sein müssen.” Victoria Thompson lief unruhig im Appartement umher.

Catherine nahm es nur am Rande wahr. Sie war froh, dass Victoria abgelenkt genug gewesen war, dass sie unbemerkt zurück in die Wohnung kommen konnte. So wie sie es verstanden hatte, sollte für Jake ein Ersatzmann vom FBI kommen, der sich mit Vicky die Aufgabe teilte, sie zu beschützen. Jacob war noch nicht wieder zurück. Der Abend dämmerte heran. Catherine überlegte, ob sie Vicky nach Jakes Mobiltelefonnummer fragen sollte, verwarf den Gedanken dann jedoch wieder. Die FBI-Agentin würde womöglich misstrauisch werden. Erst als es dunkel wurde, ging die Tür und Jacob kam.

Vicky sah ihn fragend an. „Heißt das, dass Sie jetzt über Nacht hier bleiben?“ fragte sie.

Jake sah sie ironisch an. „Wo soll ich denn sonst die Nacht über bleiben. Ich wohne hier schließlich zurzeit.“

 „Hätte ja sein können, dass Sie ein anderes Bett gefunden haben“, meinte Vicky spitz.

Catherine erhob sich von der Couch und beobachtete Jake aufmerksam. Er wirkte unkonzentriert und verärgert.

 „Wo ist denn Ihr neuer Partner?“ fragte er Vicky.

 „Sie meinen denjenigen, der Sie hier ersetzen sollte?“

Er nickte.

 „Bislang ist noch niemand hier aufgetaucht. Ich dachte, das wüssten Sie und sind deshalb hergekommen.“

Genervt sah Jacob Vicky an. „Ich bin hergekommen, weil ich hier wohne und…“

 „Warum gehst du nicht unter die Dusche und ziehst dir bequeme Sachen an“, unterbrach Catherine den Disput.

Jacob nickte ihr dankbar zu.

 „Soll ich hier bleiben?“ fragte Vicky.

Jacob zögerte nur kurz und meinte dann ironisch: „So lange, bis ich mit Duschen fertig bin.“ Ein Seitenblick zu Catherine gab ihr zu verstehen, dass er nicht noch einmal das Risiko eingehen wollte, dass sie einfach so aus dem Appartement verschwand.


Nach dem Duschen hängte Jake sich ans Telefon, um seinen Boss anzurufen.

 „Hast du Hunger?“ fragte Catherine ihn vorher.

Irritiert verneinte er, da er nachmittags mit Gerry Fisher etwas gegessen hatte. Die Situation war mehr als ungewöhnlich, und er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Er hatte nie eine Mutter gehabt, die sich um ihn sorgte und fragte, ob er noch etwas zu Abend essen wollte. Jetzt mit dreißig Jahren fühlte er sich damit überfordert.

 „Hallo Gerry“, sprach er in den Hörer, als sein Chef abnahm. „Ich bin hier im Appartement, aber Ihr Ersatzmann ist nicht aufgetaucht. Sie hatten mir doch versprochen…“

Er lauschte, während Catherine ein Klopfen vom Balkon vernahm. Vincent. Eilig öffnete sie die Balkontür und trat hinaus. In seinen Umhang gehüllt stand Vincent vor ihr.

 „Konntest du schon mit ihm reden?“ fragte er.

Catherine schüttelte den Kopf. „Er ist noch nicht lange da.“ Sie blickte sich zu ihrem Sohn um und schloss dann die Balkontür von außen, damit sie ihn nicht bei seinem Telefonat störten. „Ich weiß leider nicht, was er heute gemacht hat, aber seiner Laune nach zu schließen, war es kein guter Tag. Bis auf den Morgen“, fügte sie noch hinzu.

 „Wie meinst du das?“ fragte Vincent sofort.

Unbehaglich zog Catherine die Schultern nach oben. Was sollte sie Vincent sagen? Was wusste er von dem Leben seines Sohnes in der Welt?

 „Catherine? Was war heute Morgen?“ Vincent blieb hartnäckig.

Catherine gab sich einen Ruck. „Nun ja, als ich heute Morgen ins Appartement zurückkam, war er nicht allein.“

Vincent sah sie weiterhin fragend an, und sie erzählte ihm von der Begegnung mit Rebekka Rose, die sie aus Berlin kannte.

Vincent stutzte und überlegte. „Das wirft ein ganz neues Bild auf die Angelegenheit“, meinte er dann.

 „Wie meinst du das?“ fragte Catherine.

Er wiegte nachdenklich den Kopf. „Bei beiden Morden, sowohl in Berlin wie auch in New York war diese Frau in der Nähe. Denkst du, das ist Zufall?“

Catherine nickte beklommen. In diesem Moment wurde die Balkontür von innen aufgestoßen. Jake fand seine Eltern in halber Umarmung beisammen, und irgendwie war gar nichts Ungewöhnliches mehr daran. „Ich will euch nicht lange stören, aber ich habe schlechte Nachrichten“, begann er.

 „Wir müssen auch mit dir reden“, erwiderte Vincent ernst. „Es geht um deinen Fall.“

Neugierig sah Jake seine Eltern an. „Aber…“, wollte er einwenden.

Catherine unterbrach ihn. „Wir wissen, was in dem Safe gewesen ist, in dem Büro von Simon Mallory.“

Verblüfft sah Jake beide an. „Aber wie…“ ächzte er.

Vincent überreichte ihm die Papprolle mit der Skizze und wartete ab, bis sein Sohn die Zeichnung heraus genommen hatte.

Schockiert sah er auf. „Das gibt es doch nicht. Wo hast du das her?“

 „Es war heute Morgen bei den Nachrichten, die von oben kamen. Es wurde ohne Angabe eines Absenders in die Tunnel geschickt“, informierte ihn Vincent.

 „Dann…, irgendjemand steckt dahinter, der dich kennt“, überlegte Jacob.

 „Jemand, der uns beide kennt“, korrigierte Catherine.

Jake setzte sich auf einen der Balkonstühle und starrte auf die Skizze. „Aber dann hat dieser Mord gar nichts mit der Kunstfälschungssache zu tun und mit dem Mord in Berlin.“

 „Vielleicht doch“, erwiderte Catherine und verschwand ohne ein weiteres Wort im Appartement.

Aufmerksam betrachtete Vincent seinen Sohn. „Du warst letzte Nacht nicht allein?“

 „Pa!“ Empört sah Jacob zu ihm auf. „Das geht dicht nichts…“

 „Ich weiß, aber die Frau, mit der du zusammen warst…“

 „Pa, das ist ein schlechtes Thema.“ Jake funkelte seinen Vater ärgerlich an. „Außerdem sollte sie dir so etwas nicht erzählen. Das ist…“

  „…einfach Sorge um dich“, stellte Vincent richtig.


New York; Hilton Hotel; Rebekka Rose

Rebekka Rose saß in dem Zimmer ihres Hotels und wartete. Der Tag war anders verlaufen wie erhofft. Von dem Hochgefühl des Morgens, als sie in Jakes Armen aufgewacht war, war nichts mehr geblieben. Sie hatte es gewusst, als sie nach New York gekommen war. Besser gesagt gespürt. Dass ausgerechnet sie zu einem Vorstellungsgespräch nach New York eingeladen wurde, damit hatte sie nicht wirklich gerechnet. Auch nicht, dass Flug und Hotel bereits bezahlt waren. Sie hätte misstrauisch werden sollen. Besonders nach den Ereignissen in Berlin. Aber da war dieser Wunsch, mehr im Leben zu erreichen, als nur das Dienstmädchen von irgendeinem Direktor zu sein. Sie wollte mehr für sich. Und jetzt brach alles über ihr zusammen.

Es hatte bereits angefangen, als sie in New York angekommen war und eine Nachricht vorgefunden hatte. Sie hatte die Anweisungen ordnungsgemäß befolgt und dann Jake aufgesucht. Heute Vormittag hatte sie sich für ihren Termin bei Simon Mallory fertig gemacht und sich ein Taxi genommen. Die Ereignisse im Museum hatten ihr den Rest gegeben. Sie war mit den Nerven am Ende. Jake schien sie gar nicht mehr zu kennen, obwohl er sie seinem Vorgesetzten als eine Bekannte vorgestellt hatte. Die anschließende Befragung war eine Tortur gewesen. Sie sollte Fragen beantworten, die sie nicht beantworten konnte. Dabei wollte sie doch nur einen neuen Job. Jetzt saß sie hier in dem Hotelzimmer, und ihr war klar, dass die Sache noch nicht ausgestanden war.

Am liebsten hätte sie sich sofort in das nächste Flugzeug gesetzt und wäre zurück nach Deutschland geflogen, aber so wie sie es verstanden hatte, durfte sie jetzt nicht einfach das Land verlassen. Es klopfte laut.

Rebekka fuhr erschrocken von der Couch hoch und blickte angstvoll zur Tür.


New York; Catherines Appartement; Catherine, Jake (Jacob), Vincent

Jacob starrte auf die Stadt hinaus, unfähig etwas zu sagen. Und er wollte auch nichts sagen. Wie sollte er seinem Vater erklären, wie das Leben in der Welt draußen war.

 „Pa, ich…“

 „Du musst nichts sagen, wenn du nicht willst“, unterbrach Vincent ihn.

In diesem Moment kam Catherine zurück. Erleichtert blickte Jake auf. Sie überreichte ihm eine zusammengerollte Skizze. Fragend sah er sie an.

 „Sie es dir an“, sagte sie nur.

Bei ihrem bedeutungsvollen Blick fürchtete er sich beinahe davor, das Blatt auseinander zu rollen. Als er es dann tat hielt er vor Überraschung die Luft an. „Wo hast du das her?“ fragte er und nahm im gleichen Atemzug die andere Skizze und hielt sie daneben.

 „Nicht hier aus New York“, antwortete Catherine. „Ich habe sie von Dr. Lau erhalten. Dem Museumsdirektor in Berlin. Kurz nachdem er mir die Skizze überlassen hatte, wurde er ermordet. Aber das weißt du ja.“

 „Das macht doch keinen Sinn“, meinte Jake und sah seine Eltern an. „Wusstet ihr von diesen Skizzen?“

Beide schüttelten einvernehmlich die Köpfe. Catherine räusperte sich. „Damals vor 30 Jahren nach der Ausstellung mit den Werken von Kristopher Gentian, die ich organisiert hatte, bekam ich nur das Ölgemälde überreicht. Wieviel weißt du von dem, was damals geschah?“

 „Er weiß alles“, kam Vincent seinem Sohn zuvor. „Ich habe ihm die ganze Geschichte erzählt, wie es zu dem Ölgemälde von uns kam.“

Catherine nickte. „Dann wisst ihr ja, dass Kristopher Gentian eine Skizze von mir gemacht hatte, als ich mit ihm in diesem Café für Künstler saß.“

 „Oder mit seiner Erscheinung“, wandte Vincent ein.

Scharf sah ihn Catherine von der Seite an. „Eine Erscheinung von der in den Jahren danach noch 34 Bilder aufgetaucht sind.“

 „Oder gefunden wurden“, erwiderte Vincent erneut. „Catherine, was damals geschah konnten wir uns nicht erklären, und es ist bis heute nie geklärt worden.“

 „Du weißt, ich glaube nicht an Geister“, wandte sie erneut ein.

 „Es spielt keine Rolle, ob du an sie glaubst oder nicht“, meinte Vincent.

Jake beobachtete fasziniert das Gespräch seiner Eltern. War es immer so gewesen?

 „Kein Geist kann eine Skizze machen, geschweige denn ein Bild malen“, sagte Catherine.

 „Und es dann in die Tunnel schicken“, ergänzte Jake jetzt. Damit brachte er seine Eltern zu sich zurück.

Ernst sah Catherine ihren Sohn an. „Jacob, was hat dir Mrs. Rose gesagt, warum sie hier ist?“

Angespannt wischte Jake sich über das Gesicht. Angesichts der neuen Tatsachen konnte er nicht schweigen. „Sie erzählte, sie hätte ein Vorstellungsgespräch bei dem Museumsdirektor, der heute ermordet wurde.“

 „Glaubst du ihr?“ fragte Catherine weiter.

 „Ich weiß, dass es stimmt“, erwiderte Jake und erzählte die ganze Geschichte von dem Auftauchen Rebekkas heute beim Museum. „Wir haben sie verhört, Gerry und ich“, berichtete er. „Sie wirkte ehrlich schockiert über den Tod von Simon Mallory. Ich habe sie dann anschließend wieder zu ihrem Hotel gebracht. Das Merkwürdige ist nur…“ Er zögerte. „Sie erzählte, das Hotel wäre von Simon Mallory gebucht worden. Aber warum das Hilton für eine Bewerberin, die sich nur für einen Assistenzposten vorstellt.“

 „Ich bin sicher, sie weiß mehr“, meinte Catherine. „Ich weiß, dass Dr. Lau ihr nicht getraut hat. Die meisten Termine und Absprachen habe ich immer mit ihm direkt gemacht, als ich in Berlin war.“

 „Es muss einen Zusammenhang geben zwischen den beiden Männern“, stellte Vincent fest.

 „Oder den beiden Museen“, überlegte Jake. Er sah seine Mutter offen an. „Ich schätze, ich brauche deine Hilfe, um Licht in diesen Fall zu bekommen.“

Sie nickte. „Du kannst auf mich zählen.“ Sie wusste, dass es ihm nicht leicht gefallen war, sie um Hilfe zu bitten. Es war ein erster Schritt, so hoffte sie, dass er ihr eines Tages doch vertraute. Vincent drückte aufmunternd ihre Hand. Er verstand, was sie bewegte.


New York; Polizeirevier; Gerry Fisher, Jake (Jacob) Chandler, Dick Spencer (Kriminalexperte)

Jake hatte sich für den nächsten Morgen mit Gerry in dem zuständigen Polizeirevier verabredet. Offiziell wollte er Kontakt mit der deutschen Polizei aufnehmen, die an dem Mordfall in Berlin arbeitete. Natürlich konnte er nichts von den beiden Skizzen sagen, auf denen sein Vater abgebildet war in all seiner Andersartigkeit.

 „Guten Morgen Jake. Wie geht es Ihnen“, begrüßte Gerry Fisher ihn.

 „Gut. Gibt es etwas Neues von dem Ersatzmann, der die Bewachung von Mrs. Chandler übernehmen soll?“ fragte Jake seinen Boss.

 „Nun ja, ich habe nochmal nachgefragt, wo er bleibt. Das läuft alles“, meinte Gerry zuversichtlich.

Jake nickte abwesend. Darum würde er sich später kümmern. „Sie wollten mit der Polizei die Auswertung der Überwachungskameras des Museums besprechen.“

 „Dick Spencer mein Name“, wurden sie von einem beleibten Krimanalexperten begrüßt. „Sie sind die beiden vom FBI, nicht wahr?“

Gerry Fisher bestätigte die Vermutung.

 „Nun ja. Das mit den Überwachungskameras ist relativ einfach. Vom Haupteingang wurde alles gestern Morgen aufgezeichnet, aber darauf gibt es nichts Außergewöhnliches zu sehen.“

 „Und vom Hintereingang, den Simon Mallory benutzt hat?“ fragte Jake.

 „Tja, diese Kamera war außer Betrieb“, sagte Dick Spencer.

 „Was!“ rief Jake.

Dick Spencer nickte nochmal bestätigend. „Schon seit mehreren Tagen. Und Simon Mallory wusste das“, setzte er noch einen drauf.

 „Dann hat er diesen Eingang bewusst genommen, weil er nicht beobachtet werden wollte“, meinte Gerry Fisher. „Gibt es sonst noch etwas Neues?“

Dick Spencer schüttelte den Kopf. „Nein. Hier sind noch die Kontaktdaten zu den Behörden in Deutschland, die sich mit dem Mordfall des Direktors in Berlin befassen.“ Er reichte Gerry einen Zettel.

 „Kommissar Keller“, las dieser von dem Blatt ab. „Wie gut ist Ihr Deutsch?“ fragte er Jake.

 „Nicht besonders, aber Sie können mit denen sehr gut Englisch sprechen. Vielleicht sollten wir den Kontaktmann dort vom FBI einschalten, James Madison“, meinte Jake. „Er hatte mir geholfen, als ich in Berlin war. Ich dachte, er wäre auch weiterhin an dem Fall dran?“

 „Mmh“, meinte Gerry unbestimmt. „Ich rufe da mal an. Wo kann ich ungestört telefonieren?“ Fragend sah er Dick Spencer an.

Jacob runzelte irritiert die Stirn. Er fühlte sich irgendwie ausgeschlossen, als sein Chef in ein angrenzendes Büro verschwand.

 „Hat die Spurenermittlung nichts ergeben?“ fragte er Dick Spencer.

Der schüttelte den Kopf. „Der Kerl hat Handschuhe getragen und scheint sehr vorsichtig gewesen zu sein. Das war ein Profi. Allerdings etwas hat mich stutzig gemacht“, meinte er dann. „Wir haben auch die Kameraaufzeichnungen vom Vortag ausgewertet, und darauf ist zu sehen, dass sich Simon Mallory mit einer jungen Frau im Museum getroffen hat.“

Jetzt wurde Jake hellhörig.


New York; Hilton Hotel; Catherine, Victoria Thompson, Rebekka Rose

Catherine sorgte sich derweil um andere Sachen. Jacob war am Morgen zu einem Treffen mit seinem Vorgesetzten gefahren, nachdem Victoria Thompson zur Wachablösung erschienen war.

 „Ich möchte zum Hilton Hotel“, sprach Catherine Vicky an. „Und ich möchte, dass du mich begleitest.“

Vicky wurde neugierig angesichts der Zielstrebigkeit, die Cathy heute an den Tag legte.

 „Solltest du mir vielleicht irgendetwas vorher sagen?“ fragte sie.

Catherine winkte ab. „Ich erkläre es dir später.“

Die beiden Frauen fuhren zum Hilton. Catherine erkundigte sich an der Rezeption nach Rebekka Rose, was Vicky stillschweigend zur Kenntnis nahm. Mit dem Aufzug fuhren sie in die vierte Etage und klopften an die Zimmertür. Stille. Catherine sah Vicky ernst an und klopfte erneut.

 „Miss Rose. Sind Sie da“, rief Catherine laut genug, dass es durch die geschlossene Tür dringen musste.

Plötzlich hörten sie Schritte im Zimmer. Das Schloss der Tür wurde entriegelt und die Tür aufgerissen.

 „Gott sei Dank“, entfuhr es Rebekka Rose. „Sie sind es.“

Sie ließ Catherine und Victoria Thompson in das Zimmer. Hinter ihnen schloss sie die Tür wieder ab.

 „Was ist mit Ihnen?“ fragte Vicky. „Wovor fürchten Sie sich.“

Völlig aufgelöst stand Rebekka vor den beiden anderen Frauen. „Ich dachte, es wäre die Polizei“, stammelte sie.

 „Warum sollte die Polizei herkommen?“ fragte Catherine und sah sich um.

Der Raum lag im Halbdunkel. Die Vorhänge waren zugezogen. An den Seiten strömte durch die Fenster schwach das Tageslicht herein.

 „Und warum haben sie Ihre Tür verschlossen?“ fragte Vicky jetzt weiter.

 „Ich weiß nicht …“, stammelte Rebekka Rose. „Ich meine, gestern…, hat Jake Ihnen davon erzählt?“

 „Nicht viel“, antwortete Catherine.

 „Ich weiß gar nichts“, stellte Vicky etwas indigniert fest. „Sie können mich gerne aufs Laufende bringen.“

Catherine stellte ihre Tasche ab und fasste Rebekka bei den Schultern. „Setzen Sie sich erst einmal.“ Sanft schob sie die junge Frau zur Couch.

Rebekka ließ sich willig zum Sitzen überreden. Catherine setzte sich zu ihr, während Vicky demonstrativ stehen blieb.

Die junge Frau versuchte sich zu fangen. „Also ich…, die Polizei verdächtigt mich, etwas mit dem Mord an Mr. Mallory zu tun zu haben.“

 „Jacob hat mir erzählt, dass Sie gestern im Museum waren und befragt wurden“, half Catherine ihr weiter.

Victoria Thompson runzelte zwar die Stirn, wartete jedoch die weiteren Erklärungen still ab.

 „Ich wollte mich nur als Assistentin vorstellen“, berichtete Rebekka. „Ich habe mich schon vor Monaten beworben.“

 „Hatten Sie denn große Hoffnungen auf diesen Job?“ fragte Catherine.

Unsicher zuckte Rebekka mit den Schultern. „Nicht wirklich. Um ehrlich zu sein, hatte ich das Ganze schon abgeschrieben, weil monatelang keine Antwort kam.“

 „Wusste Dr. Lau, dass Sie sich in New York beworben haben“, hakte die Ältere nach.

Rebekka schüttelte den Kopf. „Nein. Natürlich hatten wir mal über die Möglichkeiten gesprochen, die andere Museen auf der Welt bieten, aber…“, sie brach ab.

Catherine sah die junge Frau nachdenklich an. Vicky sah sich derweil neugierig im Raum um.

 „Sie hatten Besuch“, stellte sie kühl fest und deutete auf den Aschenbecher, in dem mehrere Zigarettenstummel lagen. „Oder haben Sie seit gestern Morgen das Rauchen angefangen?“

 „Oh, nein“, stammelte Rebekka erneut. Sie sah Catherine ins Gesicht. „Es ist nur, gestern Abend war dieser andere Mann vom FBI da.“

 „Welcher andere Mann?“ fragten Vicky und Catherine wie aus einem Munde.

 „Der gestern zusammen mit Jake im Museum war.“

 „Was wollte er von Ihnen?“ fragte Catherine.

 „Er hat…, er war ziemlich arrogant. Ich sollte ihm alles sagen, was ich wüsste, da er sonst dafür sorgen würde, dass ich im Gefängnis lande. Er war sehr einschüchternd.“

 „Hm“, meinte Vicky. „Sie haben ihm also nichts weiter erzählt.“

 „Natürlich nicht“, antwortete Rebekka sofort. Dann sah sie angstvoll zu Catherine. „Mrs. Chandler?“

 „Ja.“ Fragend sah Catherine die jüngere Frau an.

 „Können Sie vielleicht mit Jake reden. Ich weiß nicht, aber ich habe das Gefühl, dass er mich auch für schuldig hält.“

 „Wie kommen Sie darauf?“ fragte Catherine.

 „Er hat nicht mehr viel mit mir gesprochen gestern.“

 „Warum sollte er Sie für schuldig halten, wenn Sie nicht schuldig sind?“ fragte Catherine.

 „Ich weiß nicht. Es könnte doch sein.“ Unsicher sah Rebekka die beiden Frauen an.

 „Sie können Simon Mallory nicht umgebracht haben“, meinte Vicky. „Zu dem Zeitpunkt befanden Sie sich zweifelsohne in Mrs. Chandlers Appartement. Das können wir beide bestätigen, und Jake kann es auch.“

Rebekka nickte erleichtert. „Ja, das stimmt. Aber vielleicht…“ Bittend sah sie Catherine an. „Vielleicht können Sie ein gutes Wort für mich einlegen. Ihr Sohn bedeutet mir sehr viel.“

Catherine schwieg dazu und überlegte.

 „Sagen Sie“, unterbrach Vicky die eintretende Stille. „Woher wussten Sie eigentlich, wo Sie Mr. Chandler finden können. Wer hat Ihnen die Anschrift gegeben?“

 „Nun ja“, meinte Rebekka, „das war noch in Berlin. Als ich die Einladung bekam, nach New York zu kommen, dachte ich sofort daran, Jake wiederzusehen.“ Sie zögerte einen Moment und fuhr dann fort. „Also habe ich in der Botschaft nach seinem Kollegen gefragt, mit dem er zusammen an dem Fall gearbeitet hat.“

 „Ein FBI-Agent“, stellte Vicky fest.

Rebekka nickte. „James Madison. Er hatte Verständnis für mich und…, bitte Sie dürfen ihm keine Schwierigkeiten machen. Das habe ich ihm versprochen.“

Victoria Thompson nickte grimmig dazu. „Mal sehen.“

 „Was haben Sie jetzt vor?“ fragte Catherine.

Rebekka wirkte hilflos. „Man hat mir gesagt, dass ich vorerst das Land nicht verlassen darf. Solange bis meine Rolle in dem Fall aufgeklärt ist.“ Sie zuckte hilflos mit den Schultern. „Also sitze ich hier in diesem Zimmer. Es war für eine Woche gebucht, und ich weiß auch nicht, wo ich sonst hin sollte.“

Catherine nickte verständnisvoll. „Lassen Sie den Ermittlern etwas Zeit. In Ihrem Fall müsste sich das schnell aufklären.“

 „Aber dieser Typ von gestern Abend“, wandte Rebekka ein. „Er war so bestimmt und sehr aggressiv.“

 „Geben Sie mir ihre Telefonnummer“, sagte Catherine. „Wir bleiben in Kontakt, wie sich die Dinge weiter entwickeln.“

Bereitwillig gab Rebekka ihre Nummer an die Ältere. Dann verabschiedeten sich die Frauen voneinander.


Draußen auf dem Flur gingen Catherine und Vicky in Richtung Aufzug.

 „Ich weiß nicht“, meinte Vicky, „aber irgendetwas stimmt an dieser Geschichte nicht.“

 „Ich glaube nicht, dass sie gelogen hat“, antwortete Catherine. „Vermutlich hat sie das eine oder andere Detail an der Geschichte vergessen.“

 „Oder weggelassen“, meinte Vicky spitz.

Zusammen fuhren sie mit dem Aufzug nach unten.


New York; Polizeirevier; Gerry Fisher, Jake (Jacob Chandler)

 „Die Polizei in Deutschland tappt im Dunkeln”, fasste Gerry Fisher das Telefonat mit den deutschen Kollegen in Berlin zusammen. „Was ist mit dieser Frau von gestern, die Sie kennen. Finden Sie es nicht merkwürdig, dass sie ausgerechnet zu dem Zeitpunkt hier auftaucht, wo der nächste Museumsdirektor ermordet wird?“ Gerry Fisher fragte nicht ohne Grund so beharrlich nach. Irgendetwas stimmte hier nicht. Mochten die deutschen Behörden auch nichts herausfinden. Er würde beweisen, dass das FBI besser war.

 „Sie hatte ein Vorstellungsgespräch. Das hat sie doch gesagt.“ Jake wirkte gereizt.

 „Aber sie wollte nicht sagen, wo sie gestern Morgen war. In ihrem Hotelzimmer jedenfalls nicht. Ich habe das überprüfen lassen“, erwiderte Gerry Fisher. „Ich wette, sie ist der Schlüssel zur Lösung des Falles.“

Jacob fühlte sich in einer Zwickmühle. Einerseits durch die Vermutungen seines Chefs, andererseits durch die Neuigkeiten, die er von Dick Spencer erfahren hatte. Er wollte Becka aus der Schusslinie bringen. Denn obwohl der zeitliche Zusammenhang ihres Auftauchens mit dem Mord an Simon Mallory verdächtig erschien, war er sich sicher, dass sie nichts damit zu tun haben konnte. „Gerry. Sie steigern sich da in etwas hinein. Mrs. Rose hat nichts mit dem Mord an Simon Mallory zu tun.“

 „Woher nehmen Sie diese Sicherheit?“ fragte sein Boss.

 „Sie war gestern Morgen und auch die Nacht davor mit mir zusammen.“ So, jetzt war die Bombe raus.

 „Ach.“ Gerry Fisher schien es die die Sprache verschlagen zu haben.

Jake seufzte. „Ich weiß, ich hätte Ihnen das gleich sagen sollen. Also wenn Sie nach wie vor Mrs. Rose ernsthaft verdächtigen, dann müssten Sie mich von dem Fall abziehen, da ich zweifelsohne nicht unbefangen bin.“

Gerry Fisher knirschte mit den Zähnen.


New York; in den Tunneln; Vincent, Jamie, Marjorie Brooks

Marjorie Brooks war eine kleine Frau Mitte vierzig mit dunklen, lockigen Haaren und einem wachen, aufmerksamen Blick aus grauen Augen. Marjorie lebte allein in Big Apple und arbeitete in der Verwaltung für die New Yorker Museen. Sie war nicht verheiratet. Nicht mehr. Mit Mitte zwanzig hatte sie sich in einen großen, gutaussehenden Harvard-Absolventen verliebt, der nach New York gekommen war, um Karriere an der Börse zu machen. Doch das Feuer war schnell zwischen ihnen erloschen. Seine große Liebe war seine Karriere und der berufliche Erfolg. Damit konnte sie auf Dauer nicht konkurrieren. Enttäuscht von dieser Episode hatte sie ihre kranken Eltern bis zu deren Tod gepflegt. Durch ihre Eltern kannte sie auch die Tunnel. Ihr Vater war schon lange ein Helfer gewesen und hatte die Leute im Untergrund unterstützt. Marjorie führte es nun fort. Das und ihre Arbeit füllten ihr Leben aus. Es war genug.

Die Nachricht hatte sie vor ihrer Wohnungstür gefunden. Vincent wollte sie sprechen. Es hatte mit Sicherheit etwas mit dem Mord an Simon Mallory zu tun. Sie hatte die Nachricht gleich in die Tunnel geschickt, weil sie wusste, dass Vincents Sohn in die Ermittlungen eingebunden gewesen war. Es war so ein Gefühl gewesen, dass es wichtig sein könnte. Die Nachricht bestätigte es ihr. Es musste wichtig sein. Wobei sie nicht sicher war, was Vincent nun von ihr wollte.

Sie nahm sich den Nachmittag frei und ging zu dem vereinbarten Treffpunkt. Ein altes Lagerhaus mit einem großen Untergeschoss, von dem aus ein Gang zu den Tunneln führte. Bevor sie das herunter gekommene Lagerhaus betrat, sah sie sich vorsichtig um. Es war wichtig, dass niemand auf diesen Zugang aufmerksam wurde. Nur so blieben die Menschen dort unten in Sicherheit. Alles war voll Schmutz und Staub. Sie stieg die Stufen ins Untergeschoss hinab, wo Vincent sie bereits erwartete. Jamie war bei ihm, was Marjorie erleichterte. Obwohl sie Vincent bereits lange kannte, fühlte sie sich in seiner Gegenwart doch immer befangen. Es hatte natürlich mit seinem Aussehen zu tun, was ihr peinlich war und sie hoffte, dass niemand das mitbekam. Und mit seiner Größe und Ausstrahlung, die sie einschüchterte.

 „Marjorie“, sprach Vincent sie freundlich an. Er wusste von Marjories Ängstlichkeit ihm gegenüber. Deswegen hatte er Jamie gebeten mitzukommen.  „Danke, dass du gekommen bist.“

 „Du wolltest mich sprechen.“ Fragend sah Marjorie das eigenartige Gesicht über ihr an.

 „Ja“, antwortete Vincent. „Ich bin dir sehr dankbar, dass du die Nachricht von dem Mord an uns weiter geleitet hast.“

 „Ich dachte, dass…“, begann sie.

 „Ja“, unterbrach Vincent. „Es ist in der Tat wichtig. Hast du irgendetwas von den Ermittlungen mitbekommen?“

 „Nicht viel. Die Polizei ist noch immer vor Ort und untersucht alles. Und die engsten Mitarbeiter von Mr. Mallory werden natürlich befragt. Das FBI ist an dem Fall dran.“

 „Ich weiß“, antwortete Vincent. „Jakob ist dabei.“

 „Dann müsste er dir viel besser sagen können, wie weit die Ermittlungen sind“, meinte Marjorie.

Vincent schüttelte den Kopf. „Er kann wegen dem Fall nicht bei Catherine zu ihrem Schutz sein.“ Ernst sah er sie an. „Marjorie, du musst mir helfen.“

 „Aber wie sollte ich dir helfen können?“ fragte sie.

 „Bei diesem Mord wurde etwas aus dem Safe gestohlen.“

 „Ja, aber die Polizei tappt noch im Dunkeln, um was es sich dabei gehandelt hat“, berichtete Marjorie.

 „Gestern wurde auch eine Skizze in die Tunnel geschickt. Ich glaube, dass sich diese Skizze in dem Safe befand. Eine Skizze von Kristopher Gentian.“ Vincent achtete genau auf Marjories Reaktion.

 „Aber…, was macht dich so sicher“, fragte Marjorie.

Auch Jamie war jetzt hellhörig geworden. „Was ist denn auf dieser Skizze abgebildet?“

Vincent zögerte. Er brauchte zwar Hilfe, wollte aber nicht Unbeteiligte unnötig in Gefahr bringen. „Marjorie, der Direktor wusste offenbar von dieser Skizze und noch jemand weiß davon.“

 „Derjenige, der Simon Mallory ermordet hat“, schlussfolgerte Jamie.

Marjorie sah ängstlich von einem zum anderen.

Vincent wiegte nachdenklich den Kopf. „Es ist eine Bleistiftskizze von Catherine und mir.“

 „Dann muss es jemand aus den Tunneln sein oder ein Helfer“, rief Jamie aus.

Marjorie schwieg. Vincent wartete und sah die Frau vor sich an.

 „Ich…, ich muss wieder zur Arbeit“, stammelte Marjorie. „Es tut mir leid, dass ich euch nicht weiter helfen kann.“ Sie eilte davon.

Hinterher gingen Vincent und Jamie stillschweigend zurück zu ihren Kammern.

 „Sie verschweigt etwas“, meinte Jamie.

 „Ja“, antwortete Vincent nur. „Aber vielleicht hat es auch keine Bedeutung.“


New York; Catherines Appartement; Catherine, Jake (Jacob), Victoria Thompson, Vincent

Es war bereits dunkel, als Jake zum Appartement kam. Er hatte viel organisieren müssen. Gerry Fisher hatte ihn nicht von dem Fall abgezogen. Ganz im Gegenteil. Er steckte jetzt tiefer drin denn je. Als er die Tür aufschloss und das Appartement betrat, hörte er Victoria Thompson mit seiner Mutter in der Küche im Gespräch. Die beiden Frauen verstanden sich anscheinend gut, was ihn irgendwie beruhigte.

 „Sie sehen erschöpft aus“, begrüßte ihn Vicky. Sie betrachtete ihn nachdenklich.

Catherine folgte ihr aus der Küche. „Hallo Jacob.“

Jake verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Ich weiß, wie ich aussehe. Ich hatte heute einen miesen Tag.“

Neugierig sahen ihn die Frauen an, während er sich suchend im Appartement umsah. „Wo ist der Ersatzmann?“

 „Nach wie vor nicht aufgetaucht“, erwiderte Vicky. „Ich habe bei den Kollegen in Washington schon nachgefragt. Dort hieß es, man würde schnellstmöglich jemanden schicken.“

 „Dann haben wir ein Problem“, sagte Jake.

 „Wieso?“ Catherine schaute gespannt zu ihrem Sohn. „Was ist los? Hat es mit dem Fall zu tun?“

Jake nickte grimmig. „Ich soll morgen nach Berlin fliegen und dort die Spur wieder aufnehmen, die ich verfolgt habe.“

Catherine runzelte die Stirn. „Du meinst, wegen der gefälschten Bilder.“

Jake nickte und riss sich ungeduldig die Krawatte vom Hals. „Dabei haben die deutschen Ermittler bereits telefonisch mitgeteilt, dass es nichts Neues gibt. Auch nicht zu dem Mordfall an dem deutschen Museumsdirektor in Berlin. Aber Gerry, mein Boss, meint, ich solle unbedingt dort alles unter die Lupe nehmen.“

Catherine biss sich nachdenklich auf die Lippe.

Vicky dachte pragmatisch. „Also fallen Sie ab morgen als Nachtwache für Ihre Mutter weg.“

Jake nickte und ließ sich erschöpft auf das Sofa fallen. „Gerry hatte mir versichert, er hätte sich um Ersatz gekümmert.“

 „Ich werde hier bleiben, solange Sie weg sind“, versicherte Vicky sofort. „Ganz unabhängig davon, warum die in Washington so viel Zeit brauchen, macht es mir nichts aus, hier im Appartement zu übernachten. Ich hoffe, dir macht es auch nichts aus“, wandte sie sich an Catherine.

Im ersten Moment sah es so aus, als wolle Catherine widersprechen. Dann besann sie sich und schüttelte nur den Kopf. „Natürlich nicht.“

Jake nickte zustimmend und sah seine Kollegin respektvoll und dankbar an. „Das ist sehr nett von Ihnen.“

 „Warum nennen Sie mich nicht Vicky. Ich finde, angesichts der Verwicklungen und der derzeitigen Situation können wir uns die Förmlichkeiten sparen.“

 „Okay Vicky. In Ordnung. Das Angebot nehme ich an.“ Sie sahen sich einen Moment einvernehmlich an, was Catherine interessiert zur Kenntnis nahm.

 „Du kannst dich auf mich verlassen“, versicherte Vicky ihm nochmal. „In Anbetracht der Tatsache, dass ich dann zu Hause noch einen Koffer packen muss, fahre ich jetzt lieber. Wann soll ich morgen früh da sein?“

 „Ich muss gegen acht Uhr weg“, erwiderte Jake. „Bitte sei dann da.“

Sie verabschiedeten sich voneinander. Als Catherine die Tür hinter Vicky geschlossen hatte, war Jake bereits im Badezimmer verschwunden. Na gut, dachte sie sich. Dann würden sie eben später miteinander reden.


Inzwischen kannte Vincent den Weg zum Balkon. Es war so vertraut und freudige Erwartung erfüllte ihn. Was für ein Gefühl. So war es auch früher gewesen, wenn er den Weg zu Catherines Balkon eingeschlagen hatte. Jetzt waren die Freude und Zuversicht ins Unendliche gesteigert bei dem Gedanken, sie so bald wiederzusehen. Welch ein Wunder war ihm geschenkt worden nach all der Zeit. Tiefe Dankbarkeit und tiefer Friede erfüllten sein Herz. Er fand die Tür verschlossen vor, doch von innen drang schwach das Licht hinaus. Vorsichtig spähte er durch die Fenster nach innen, und was er sah berührte etwas tief in seinem Innersten. Auf dem Sofa saßen Catherine und Jacob und sprachen miteinander. Vincent beobachtete, wie Catherine etwas auf einen Notizblock schrieb, während sie Jacob offensichtlich etwas erklärte. Sie saßen dicht beieinander, und Jacob hörte seiner Mutter aufmerksam zu. Nichts war mehr zu spüren von seiner Distanziertheit. Es war ein Bild von tiefer Vertrautheit zwischen Mutter und Sohn, und es schnürte Vincent vor Rührung die Kehle zu. Er wartete geduldig, wollte den Moment nicht zerstören und den beiden Menschen, die er so sehr liebte, die Möglichkeit lassen, einander besser kennenzulernen und zu verstehen. Es war ein wahr gewordener Traum, und erst als Jacob aufstand und in die Küche ging, wagte Vincent es, an die Balkontür zu klopfen. Catherine hörte ihn sofort. Sie stand auf und öffnete ihm die Tür mit einem Lächeln auf den Lippen. Sie war glücklich. Ihre Augen leuchteten, und er konnte es spüren. Aber das konnte ja nicht sein. Verwirrt schüttelte Vincent für einen Moment den Kopf.

 „Hallo“, sagte Catherine leise. „Wir haben schon auf dich gewartet.“ Sie sah sich um zu Jacob, der gerade wieder mit einer Flasche Mineralwasser zurückkam.

 „Hallo Pa“, begrüßte sein Sohn ihn und trank einen Schluck.

 „Willst du nicht hinein kommen zu uns?“ Bittend sah Catherine ihn an. „Da ist es warm.“ Sie nahm seine beiden Hände in ihre.

 „Ich habe euch gesehen“, antwortete Vincent rau. „Worüber habt ihr gesprochen?“

 „Es geht um den Fall“, erwiderte Catherine. „Komm herein, dann können wir dir alles erzählen.“

Vincent sah in das Leuchten ihrer Augen und das Lächeln auf ihren Lippen ließ jede Zurückhaltung dahin schmelzen, als er von Catherine geführt ins Wohnzimmer trat.


Eine Stunde später war Vincents Gelöstheit einer neuen Besorgnis gewichen. „Wenn Jacob nicht bei dir ist, bist du nicht sicher“, meinte er zu Catherine.

Sie versuchte abzuwehren. „Er muss den Fall aufklären, und das kann er am besten in Deutschland. Der Kontakt, den ich ihm genannt habe, wird ihm dabei weiter helfen.“

 „Aber wer soll dich beschützen?“ Vincent lief aufgebracht im Zimmer umher.

 „Pa, unten halten FBI-Männer Wache und ansonsten wird sich Mrs. Thompson um Mom kümmern. Sie ist wirklich gut. Du kannst ihr vertrauen.“ Jake versuchte, seinen Vater zu beruhigen.

Catherine stand vom Sofa auf und hielt Vincent in seinem unruhigen Gang auf. „Vincent, mir wird schon nichts passieren. Vermutlich wird Jacob nur für ein paar Tage weg sein.“

Nachdenklich sah Jake seine Eltern an. „Warum kommst du nicht mit mir?“ fragte er dann unvermittelt seine Mutter. „Wir würden zusammen die Leute aufsuchen. Du wärst die ganze Zeit bei mir. Ich könnte an der Aufklärung des Falles arbeiten und gleichzeitig auf dich aufpassen.“

Vincent und Catherine sahen sich für einen Moment stillschweigend an.

 „Es wäre eine Möglichkeit“, meinte Vincent.

 „Nein.“ Catherines Stimme klang ungewohnt hart. „Nein“, wiederholte sie. Sie sah von einem zum anderen. „Nein“, sagte sie noch einmal sanfter. „Ich werde diese Stadt nicht mehr verlassen.“ Sie blickte Vincent tief in die Augen. „Ich werde dich nicht mehr verlassen.“

Er nickte und verstand. „Aber wie soll ich für deine Sicherheit sorgen?“

 „Vielleicht müssen wir anfangen, darauf zu vertrauen, dass diesmal alles gut wird.“ Catherine schenkte ihm ein zaghaftes Lächeln.

Jake beobachtete nachdenklich seine Eltern. „Ich werde mich beeilen.“


Berlin; Amerikanische Botschaft; Jake (Jacob) Chandler, Samuel Henderson

In Deutschland angekommen war Jake nicht mehr so sicher, ob es wirklich schnell gehen würde. Sein Flug hatte Verspätung gehabt. Er war in dem gleichen Hotel untergekommen wie beim ersten Mal. Er nahm sich ein Leihauto vom Flughafen und fuhr direkt zur amerikanischen Botschaft.

Am Empfang kam er direkt zur Sache. „Guten Tag, ich möchte gern zu James Madison“, begrüßte er die Dame hinter dem Tresen.

 „Sind Sie angemeldet?“

 „Nein“, antwortete Jake. „Ich habe versucht, Mr. Madison gestern zu erreichen. Leider ohne Erfolg, aber…“

Er wurde unterbrochen. „Tut mir leid“, erwiderte die Dame umgehend, „aber Mr. Madison arbeitet hier nicht mehr.“

 „Wie bitte. Er ist wie ich beim FBI, und wir haben vor ein paar Wochen hier zusammen gearbeitet“, wandte Jake ungläubig ein.

 „Es tut mir leid, Sir“, sagte die Empfangsdame erneut, „aber ich darf Ihnen keine weiteren Auskünfte geben.“ Demonstrativ wandte sie sich ihrem PC zu.

Jake knirschte mit den Zähnen. Er drehte sich um und fand sich einem großen farbigen Mann gegenüber, den er kannte. Der Sicherheitschef. Jake überlegte kurz. Samuel Henderson hieß er.

Er machte schon den Mund auf, um etwas zu sagen, als Henderson ihm zuvor kam. „Sie möchten Ihren Kollegen sprechen?“

Erleichtert atmete Jake auf. „Richtig. Wissen Sie, wo ich ihn erreichen kann?“

 „Da müssen Sie Ihre Leute beim FBI fragen“, antwortete Henderson. „Er wurde zurück nach Hause in die Staaten beordert. Keine Ahnung warum.“

Resigniert schüttelte Jake den Kopf. Er hatte auf die Unterstützung Madisons gebaut.

 „Hatten Sie ihren Besuch denn nicht angekündigt?“ fragte Samuel Henderson nach.

 „Doch per Email“, murmelte Jake vor sich hin. Seine Gedanken beschäftigten sich mit den Worten seiner Mutter.

 „Du musst vorsichtig sein. Es gibt eine undichte Stelle in der Botschaft in Berlin, durch die ich aufgeflogen bin. Da bin ich mir sicher.“ Das waren ihre Worte gewesen.

 „Möchten Sie vielleicht von hier aus telefonieren?“ fragte Henderson.

 „Gegenüber unserem letzten Treffen sind Sie jetzt erstaunlich hilfsbereit“, meinte Jake sarkastisch.

 „Damals galt mein Hauptinteresse dem Schutz von Mrs. Jessica Burton. Ich habe nichts gegen Sie persönlich“, antwortete Henderson.

Aufmerksam schaute Jake den Afroamerikaner in dem korrekten Anzug ins Gesicht. Wusste er Bescheid über die wahre Identität seiner Mutter? Und über seine? „Sie hatten den Auftrag, Mrs. Burton zu beschützen?“

Schlagartig wurde Hendersons Blick wachsam und distanziert. „Sind Sie immer noch hinter ihr her? Ich kann Ihnen versichern, dass Sie von mir nichts erfahren werden.“

Jake nickte ebenso wachsam. Er reichte Henderson kurz die Hand. „Wenn ich noch Hilfe brauche, komme ich auf Sie zurück.“

Damit verschwand er schnurstracks durch die Tür hinaus. Er bemerkte nicht den nachdenklichen Blick in seinem Rücken.


Berlin; Hotel; Jake (Jacob) Chandler, Gerry Fisher

 „Ja, hallo Gerry.“ Jake sprach laut in den Hörer, als wolle er allein mit seiner Stimme den Atlantik überqueren, damit Gerry Fisher ihn besser verstehen konnte. „Mein Kontaktmann wurde anscheinend versetzt. Was soll ich jetzt tun?“

 „Davon wusste ich nichts“, antwortete sein Boss. „Das ist vermutlich nur eine unglückliche Überschneidung. Sie haben mir doch gesagt, Sie hätten eine Kontaktperson von Mrs. Chandler genannt bekommen. Versuchen Sie auf eigene Faust, etwas heraus zu finden.“

 „Sie möchten nicht, dass ich mir jemand anderen hier vom FBI hole?“ Jake schürzte die Lippen.

 „Das dauert viel zu lange. Und derjenige weiß dann gar nicht, worum es geht. Sie machen das schon, Jake.“ Damit legte Gerry Fisher auf.

Jake legte nachdenklich den Hörer im Hotelzimmer auf. Irgendetwas stank hier zum Himmel. Er nahm seinen Koffer, den er noch nicht ausgepackt hatte, und verschwand nach draußen.


Berlin; Appartement in Berlin Mitte; Jake (Jacob) Chandler

Seine Mutter hatte ihm die Adresse gegeben. Von seinem Hotel aus ging er ein paar Straßen weiter zu Fuß. Dann nahm er sich ein Taxi. Der Wagen hielt ein paar Meter vor der genannten Adresse. Jake bezahlte und stieg aus. Er ging auf dem Bürgersteig und blickte auf die Hausnummern der Häuser zur Orientierung. Vor dem Wohnhaus, das er suchte, blieb er stehen. Er neigte den Kopf in den Nacken und sah an dem Gebäude empor. Eine graue Fassade, die perfekt bei dem Einerlei der Häuser unterging. Hier waren die meisten Häuser nicht so hoch gebaut wie in New York. Bedächtig suchte Jake den Schlüssel in seiner Tasche und ging auf die Haustür zu. Er passte und Jake betrat einen dunklen Hausflur, von dem aus die Treppe nach oben führte. Langsam stieg er die Stufen nach oben und schloss die Wohnungstür auf. Er betätigte den Lichtschalter und fühlte eine seltsame Scheu in sich. Vorsichtig ging er vom Flur in den Wohnraum. Zum Schlafzimmer hin sah er Blutflecken auf dem Boden. Die mussten von dem Kerl gewesen sein, den seine Mutter angeschossen hatte. Sie hatte Henderson gebeten, sich darum zu kümmern. Ob er überlebt hatte, wusste sie nicht. Jake war sich nicht sicher, ob er Henderson trauen konnte. Seine Mutter tat es offensichtlich. Nachdenklich besah Jake sich die Einrichtung. Die Schränke, das Bett und die komplette Einrichtung. Nichts ließ darauf schließen, wer hier in den vergangenen zehn Jahren gelebt hatte. Und doch konnte er sie spüren. Er stand im Schlafzimmer und öffnete den Schrank. Sie hatte Berlin in aller Eile verlassen, so dass ein Teil ihrer Kleidung noch hier war. Jacob spürte sie. Vielleicht lag es an seiner außergewöhnlichen Wahrnehmung, die er von seinem Vater geerbt hatte. Vielleicht lag es aber auch an ihrer stillen Präsenz in diesen Räumen. So viele Jahre hatte sie hier gelebt und sich versteckt. Allein. Ja, sie hatte für die Amerikanische Botschaft gearbeitet und für Museen und hatte damit die Fassade der allein lebenden, selbständigen Frau aufgebaut. Für einen Moment schloss Jake die Augen. Und ja, auch ihre Einsamkeit konnte er in diesen Räumen spüren. Er musste schwer schlucken. Wie hielt man das nur all die Jahre aus? Am liebsten hätte er sie sofort in New York angerufen, nur um zu fragen, ob es ihr gut ging. Es war zu riskant. Das wusste er. Er sollte möglichst niemanden darauf aufmerksam machen, wo er sich gerade befand. Er zog sich die Schuhe aus und löste seine Krawatte. Müde legte er sich auf das Bett und schloss die Augen. Und im Einschlafen nahm er den leichten und vertrauten Duft seiner Mutter wahr.


New York; Catherine, Victoria Thompson

Catherine verbrachte mit Victoria Thompson einen ruhigen Tag. Die brünette FBI-Agentin war morgens mit einem gepackten Koffer erschienen und bei ihr eingezogen. Sie waren ins Krankenhaus gefahren und hatten dort Mara Biggs und ihren Sohn Tyler getroffen. Gregory Biggs, Tylers Vater, war auf dem Weg der Besserung. Catherine hatte geholfen, Tyler aus den Händen einer Kinderhändlerbande zu befreien. Jacob und Victoria hatten sie dabei zunächst widerwillig unterstützt.

 „Wir können Ihnen gar nicht genug danken“, sagte Mara Biggs und umarmte Catherine heftig. „Ohne Sie hätten wir unseren Jungen nie wiedergesehen.“

 „Nun, ich hatte Hilfe“, meinte Catherine etwas verlegen und wies auf Vicky.

Sie verbrachten eine Stunde im Krankenzimmer von Gregory Biggs und verabschiedeten sich dann voneinander.

 „Was möchtest du jetzt unternehmen?“ fragte Victoria im Auto.

Catherine wirkte unentschlossen. Sie wusste nicht wirklich, was sie jetzt tun sollte. Sie machte sich einerseits Sorgen um ihren Sohn. Sie hoffte, dass er in Berlin zurecht kam und sie ihm genügend Informationen hatte geben können, um den Fall zu lösen. Ihr war selbst klar, dass es zu riskant war, ihn anzurufen. Das wusste er auch und würde sich deshalb nicht melden. Sie musste darauf vertrauen, dass alles gut ging. Andererseits wälzte sie noch ein anderes Problem. Victoria Thompson war quasi bei ihr eingezogen. Wie konnte sie Vincent treffen ohne dass Vicky es mitbekam oder misstrauisch wurde.

 „Du bist sehr still und nachdenklich“, meinte Vicky. „Ist es wegen deinem Sohn.“

Catherine lächelte ihr kurz zu. „Ja zum Teil.“

 „Und weswegen noch?“ hakte die FBI-Agentin sofort nach.

Catherine zögerte nur einen Moment. „Vicky…, es gibt Dinge in meinem Leben, über die kann ich nicht sprechen.“

Vicky schürzte die Lippen. „Das hat jetzt nichts damit zu tun, dass du vor der Drogenmafia geschützt werden musst.“

Sie saßen im Auto. Victoria Thompson fuhr. Catherine blickte nachdenklich aus dem Seitenfenster.

 „Nein“, antwortete sie nur.

Die FBI-Agentin warf ihr einen kurzen Blick von der Seite zu. „Hat es vielleicht damit zu tun, dass du hin und wieder ohne Schutz das Appartement verlässt.“ Catherine antwortete nicht und Vicky fuhr fort. „Ich habe dich überrascht vor ein paar Tagen im Aufzug. Das war als wir…“

 „Ich weiß, wann das war“, unterbrach Catherine sie. „Warum fährst du mich jetzt nicht einfach nach Hause.“

Victoria Thompson war klar, dass Catherine nicht mehr sagen würde. Trotzdem hatte sie viele Fragen. Außerdem spürte sie Catherines innere Unruhe. Sie beließ es dabei. Vorerst.


Berlin; Appartement in Berlin Mitte; Jake (Jacob)

Jake träumte. Er träumte von seiner Mutter und von seinem Vater. Beide gingen Hand in Hand die Fifth Avenue entlang. Hin und wieder guckten ein paar Leute, aber keiner hielt sie auf. Niemand stürzte sich auf seinen Vater, als wäre er ein wildes Tier. Doch plötzlich brach die Nacht herein. Sie waren allein. Jake konnte sie beobachten. Sie sahen sich um. Es waren keine Passanten mehr da. Sie wurden umringt von bewaffneten Männern in schwarzen Anzügen. Jake wollte seinen Eltern zu Hilfe eilen, doch er konnte sie nicht erreichen. Die Männer hoben ihre Waffen, zielten auf Catherine und Vincent und schossen. Jake erwachte mit einem Aufschrei.


Es war früh am Morgen und Jake brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Er war in Berlin in der Wohnung, die seine Mutter jahrelang unter dem Namen Jessica Burton bewohnt hatte. Mühsam wälzte er sich vom Bett und stand auf. Er ging ins Bad. Wasser lief und es gab Strom. Nachdenklich überlegte er, warum sich noch niemand weiter um diese Wohnung gekümmert hatte. Ihm war klar, dass er im Fall des Falles auch hier nicht sicher war. Doch merkwürdigerweise fühlte er sich hier sicher. Und er fühlte sich ihr nahe. Es war so eigenartig. Nie hatte er sich seiner Mutter so nahe gefühlt wie in dieser Wohnung, in der sie so lange anonym und unbemerkt gelebt hatte. Niemand tat so etwas freiwillig, es sei denn, es gab etwas, das einem so viel bedeutete, dass es all das wert war.

Er duschte, zog sich an und räumte auf. Die verdorbenen Sachen aus dem Kühlschrank warf er weg. Er machte sich einen Plan, welche Schritte er als nächstes unternehmen wollte. Auf dem Weg wollte er irgendwo eine Kleinigkeit frühstücken. Als er die Wohnung verließ, fand er einen kleinen Zettel vor der Tür. Er hob ihn auf und las:

Ich habe gesehen, dass du zurück bist.
Komm doch heute Abend auf einen Drink herauf.
David

Irritiert runzelte Jake die Stirn. Gab es irgendetwas, das seine Mutter vergessen hatte, ihm zu sagen. Wer war dieser David?


Berlin; Jake (Jacob) Chandler, Hauptkommissar Keller

 „Guten Tag, ich möchte gern zu Kommissar Keller“, sagte Jacob am Empfang im Polizeirevier.

Die freundliche Dame meldete ihn an. Er musste nicht lange warten, dann kam der Hauptkommissar um die Ecke. Er wirkte überrascht.

 „Ich hatte keine Ahnung, dass Sie wieder in Berlin sind“, begann er und schüttelte Jake zur Begrüßung die Hand.

 „Ja, es kam sehr plötzlich“, meinte Jake.

Keller sah sich im Eingangsbereich des Polizeireviers um. Dann fasste er Jake am Arm und führte ihn zielstrebig hinaus. „Lassen Sie uns woanders hingehen, wo wir ungestört reden können.“

 „Aber es ist dienstlich“, wandte Jake ein. „Ich hatte gehofft, ich dürfte Einsicht in Ihre Ermittlungen haben.“

 „Ich weiß“, antwortete Keller, „aber das, was Sie wirklich wissen müssen, kann ich Ihnen nur persönlich sagen. Ansonsten erfahren Sie auch nicht mehr, als das, was wir Ihren Kollegen in den Staaten mitgeteilt haben.“

Verblüfft folgte Jake dem Hauptkommissar in eine Bar, wo sie sich einen Tisch in einer abgeschiedenen Ecke suchten.

Keller wies auf den freien Platz neben sich. „Setzen Sie sich“, forderte er Jake auf. „Zwei Kaffee“, rief er dem Kellner kurz zu, dann wandte er seine Aufmerksamkeit Jake zu.

Der war inzwischen ungeduldig geworden. „Also was soll das Ganze. Sicherlich wäre es besser gewesen, ich hätte mich angemeldet, aber…“

 „Das hätte Ihnen auch nichts genutzt“, widersprach Keller sofort. „Man hätte Sie am Telefon sofort abgewimmelt und auf die Ermittlungsergebnisse verwiesen, die wir ans FBI geschickt haben.“

 „Aber warum? Vor zwei Tagen teilte man uns noch mit, dass Sie in dem Fall im Dunkeln tappen.“ Jake wusste nicht mehr, was er noch glauben sollte.

 „Weil die Ermittlungen bei uns so gut wie abgeschlossen sind, Mr. Chandler“, antwortete Keller. „Chandler war doch Ihr Name, richtig?“

Jake nickte bestätigend. „Aber wie kann so ein Fall auf einmal so schnell zu den Akten gelegt werden, es sei denn Sie haben bereits den Mörder.“

Keller nickte. „Die haben wir anscheinend. Wir hatten Fingerabdrücke gefunden, die zu zwei Männern aus dem kriminellen Milieu passten. Klassischer Raubmord. Fertig.“ Keller schnippte mit den Fingern. „Wir konnten die Männer noch am gleichen Tag festnehmen und…“

Das ging Jake jetzt zu schnell. „Wann war das?“

 „Vorgestern“, antwortete Keller. „Ich weiß, da hatten wir noch gesagt, wir tappen im Dunkeln.“

Jake wurde ironisch. „Ich wette, die beiden Männer sagen, sie wüssten von nichts und sind unschuldig.“

 „Bingo“, meinte Keller. „Das gestohlene Bild aus dem Museum ist natürlich nicht mehr aufgetaucht.“

 „Halten Sie es für möglich, dass irgendjemand den Mord an dem hiesigen Museumsdirektor Dr. Lau den beiden Männern nur anhängen will?“ fragte Jake. „Ich meine, es wäre doch schon großer Zufall, wenn der Mord an dem Direktor in New York und dieser hier nichts miteinander zu tun hätten.“

Der Kellner brachte den Kaffee und beide Männer schwiegen für einen Moment.

Als die Bedienung wieder fort war, nickte Keller bestätigend. „Natürlich macht es mich misstrauisch, aber Sie sollten Ihre Vermutung nicht so laut äußern.“

 „Warum nicht?“ fragte Jake verblüfft. „Es liegt doch auf der Hand…“

Keller beugte sich vor und flüsterte. „Irgendein hohes Tier bei uns hat sich dafür eingesetzt, dass der Fall einfach hübsch und sauber abgeschlossen wird ohne lästige Nachforschungen. Auf meine berechtigten Fragen gab man mir zu verstehen, dass ich die Klappe halten soll, wenn ich mir weiteren Ärger ersparen wolle.“

 „Aber das stinkt doch zum Himmel“, platzte es aus Jake heraus.

Keller nickte bestätigend. „Natürlich stinkt das, aber mir sind die Hände gebunden. Ich kann nichts mehr machen. Es hat mich trotzdem überrascht, dass Sie hier aufgetaucht sind.“

 „Warum?“

 „Ich hatte vorgestern Abend Ihrem Kollegen vom FBI mitgeteilt, dass wir zwei Männer festgenommen haben und der Fall somit abgeschlossen ist“, antwortete Keller.

 „Welchem Kollegen?“ fragte Jake.

 „Der mit dem Sie im Museum waren damals, als Dr. Lau tot aufgefunden wurde.“

 „Sie meinen James Madison?“ fragte Jake ungläubig nach.

 „Richtig“, bestätigte Keller. „Deswegen hatte ich niemanden mehr vom FBI erwartet. Er hätte die Information doch weiter geben müssen.“

 „Allerdings“, meinte Jake grimmig. Der Kaffee schmeckte plötzlich fad.

 „Es tut mir leid, wenn ich Ihnen jetzt nicht wirklich weiter helfen konnte“, sagte Keller.

Jake schüttelte unwirsch den Kopf. Er reichte Keller eine Karte mit seiner Handynummer. „Können Sie mir einen Gefallen tun? Sollten Sie noch irgendetwas herausfinden, rufen Sie mich an. Und bitte nur mich und niemanden sonst vom FBI.“ Eindringlich sah Jake den deutschen Kollegen an.

Der nickte. „Das mache ich.“


Berlin; Atelier von David Schmidt; Jake (Jacob) Chandler, David Schmidt

Unschlüssig stand Jake danach auf dem Bürgersteig. Mehr denn je hatte er das Gefühl, auf sich allein gestellt zu sein. Wem konnte er überhaupt noch trauen. Madison jedenfalls nicht. Er hatte Keller nicht erzählt, was er noch weiter in der Sache unternehmen wollte. Jake holte den Notizzettel seiner Mutter aus der Tasche. D. Schmidt war der erste Anlaufpunkt. Irgendwo mitten im Zentrum der Stadt. Er benutzte sein Smartphone als Navi und stellte fest, dass es nicht weit war und er zu Fuß gehen konnte. Wenig später sah er an dem renovierten Fabrikgebäude empor. Der Eingang befand sich im Innenhof. Zielstrebig drückte Jake auf den Klingelknopf.

Ein kurzes Knacken in der Sprechanlage erfolgte, dann eine Stimme. „Wer da?“

 „Ich möchte gerne zu Mr. D. Schmidt“, sprach Jake in die Anlage.

 „Wer ist denn da?“ kam die Stimme durch das Gerät.

 „Ich komme vom FBI“, gab Jake weiter Auskunft.

Das schien jedoch nicht weiter zu beeindrucken. „Na und“, ertönte es.

 „Ich…, ich habe Ihren Namen und die Adresse von meiner Mutter erhalten. Sie kennen sie als Mrs. Jessica Burton.“ Jake wartete.

Es dauerte nur einen kurzen Moment und der Türöffner summte. „Oberste Etage“, quäkte es durch den Lautsprecher.

Überrascht konnte Jake gerade rechtzeitig noch gegen die Tür drücken, um hineinzuschlüpfen. Oben angekommen stand die Tür bereits offen und vorsichtig trat er ein. Er wusste nicht, was ihn erwartete. Von einem Bewohner war nichts zu sehen. Jake fand sich in einem riesigen Raum wieder. Es war offensichtlich die oberste Etage einer Fabrik, die zu einem Atelier umgebaut worden war. Überall an den Wänden standen Bilder herum und Leinwände. Große und Kleine. In der Mitte des Raumes war eine Staffelei aufgestellt. Davor befand sich ein Podest, auf dem ein Stuhl stand. Seitlich des Podestes befand sich noch eine Tür, aus der jetzt ein Mann mittleren Alters trat. Er trug einen farbbeklecksten grauen Kittel über einem weißen Hemd und einer dunklen Hose. Interessiert musterten sich die beiden Männer.

 „So, so, Jessies Sohn“, murmelte der Mann.

Jake runzelte irritiert die Stirn und fragte sich, wie vertraut seine Mutter mit diesem Mann gewesen war. „Ja. Sie hat mir diese Adresse gegeben und gesagt, Sie könnten mir weiterhelfen“, erklärte er. „Ich arbeite beim FBI und ermittle in einer Sache von gefälschten Kunstwerken und dem Mord an einem Museumsleiter in New York.“

 „FBI, so, so“, murmelte der Mann. „Und Jessies Sohn. Das ist wirklich eine Überraschung. Ich wusste ja immer, dass die Gute Geheimnisse hatte.“

Erwartungsvoll sah Jake den Mann an. „Also können Sie mir irgendetwas dazu sagen?“

 „Geht es dabei um den Mord an Dr. Lau hier in Berlin?“ fragte der Mann

 „Offiziell nicht“, antwortete Jake, „aber die Vermutung liegt ziemlich nahe, dass die beiden Todesfälle zusammenhängen.“

Nachdenklich nickte der Mann und reichte ihm die Hand. „Ich heiße David. David Schmidt.“

Verblüfft erwiderte Jake den Händedruck. „Sind Sie der David von dem Zettel, den ich heute Morgen bei meiner Mutter vor der Tür gefunden habe.“

David Schmidt nickte bestätigend. „Ja, ich wohne in dem gleichen Haus in der obersten Etage. Ich hatte gestern Abend Licht bei ihr gesehen und dachte, sie wäre zurück.“

 „Nein“, erwiderte Jake. „Nur ich bin da. Ich heiße Jacob Chandler.“

 „Dann kommt sie also nicht zurück?“ fragte der Mann.

Jake schüttelte den Kopf. „Warum fragen Sie?“

 „Sie war öfters verreist in den letzten Jahren. Deshalb habe ich mir erstmal keine Gedanken gemacht. Sie ist immer zurückgekommen, aber als sie ohne Nachricht verschwunden ist, hatte ich schon so ein Gefühl, dass sie nicht zurückkommt.“ Prüfend sah der Mann Jake in die Augen. „Und sie kommt nicht mehr zurück, nicht wahr.“

Jake fühlte sich unsicher unter dem Blick des Mannes. Seine Mutter hatte ihm anscheinend vertraut. „Nein“, bestätigte er, „sie kommt nicht zurück.“

 „Geht es ihr gut?“

Jake nickte. „Ja, es geht ihr gut.“

David Schmidt schien beruhigt zu sein. „Das ist gut.“ Er zögerte einen Moment. „Wissen Sie, ich hätte nie gedacht, dass es solche Ausmaße annimmt. Und dass es Tote gibt.“

Neugierig sah Jacob den Mann an, der sich verlegen abwandte und auf einen Tisch wahllos Pinsel hin und her schob. „Können Sie mir denn etwas dazu sagen? Wissen Sie womöglich, wer dahinter steckt?“

David Schmidt wandte sich beschämt zu ihm um und nickte. „Ich war es“, sagte er dann kleinlaut. „Es ist meine Schuld.“

 „Was?“ fragte Jake verblüfft. „Woran sind Sie schuld?“

 „Ich habe die Bilder gefälscht.“ Jetzt stand der Mann kerzengerade und aufrecht vor ihm.

 „Aber…“, begann Jake.

 „Ich bin schuld am Tod zweier Menschen“, murmelte der Künstler weiter.

 „Moment mal.“ Suchend sah Jake sich um. „Können wir uns hier irgendwo hinsetzen?“

Gedankenverloren nickte der Maler und starrte vor sich hin, während er mechanisch den Arm hob und auf die Tür deutete, die zu einem weiteren Zimmer führte.


 „Ich bin in New York geboren und aufgewachsen, aber schon in jungen Jahren nach Berlin gegangen. Das war in den Neunzigern, kurz nachdem die Mauer gefallen war und hier eine Aufbruchsstimmung herrschte.“ David Schmidt begann zu erzählen.

Der Raum, in dem sie saßen, war fensterlos und voll gestellt mit noch mehr Bildern. Zum Glück gab es auch einen kleinen Tisch und zwei Stühle.

 „Als Künstler ist es nicht leicht, über die Runden zu kommen. Ich geriet mehr und mehr in einen Schuldenkreis. Dann starb mein Onkel, ein Buchhändler in New York. Ich war der letzte lebende Verwandte. Es gab viele Bücher und viel Plunder. Aber auch alte Zeichnungen und Skizzen von…“

  „…Kristopher Gentian“, beendete Jake den Satz wissend.

 „Dann weißt du also, dass mein Onkel den Nachlass von Kristopher Gentian verwaltet hatte.“ Jake nickte bestätigend und der Künstler winkte ab. „Ach ja, du bist Jessies Sohn.“

 „Wie ging es weiter?“ fragte Jake.

 „Zunächst konnte ich mit den Skizzen nicht viel anfangen und habe sie einfach aufgehoben. Doch dann kam mir die Idee, die Zeichnungen nachzumalen und die Bilder zu verkaufen. Es gelang mir wirklich gut. Manche habe ich abgewandelt und als neu entdeckte Werke verkauft. Unter dem Namen Kristopher Gentian verkaufte sich alles wie von selbst. Aber dann…“

 „…dann erfuhren die falschen Leute von Ihrem Talent.“

David Schmidt nickte. „Es kamen Händler zu mir, die merkten, dass es sich um Fälschungen handelte und stellten Forderungen. Sie wollten am Gewinn beteiligt werden und mehr Nachschub an Bildern. Das war der Zeitpunkt, wo ich zufällig im Treppenhaus einer Frau begegnete und dachte, mich trifft der Schlag. Ich habe sie sofort erkannt“, sprach der Künstler eifrig weiter.

Jake musste unwillkürlich lächeln.

 „Ich sprach sie an“, fuhr David Schmidt fort. „Sie war sehr zurückhaltend und vorsichtig und traute mir zunächst nicht. Dann zeigte ich ihr die Skizzen, die ich besaß und auf denen sie abgebildet war. Es stellte sich heraus, dass sie sich in der Kunstszene auskannte und ich vertraute mich ihr an.“

Gebannt hörte Jacob weiter der Geschichte zu, wie seine Mutter mit Hilfe von Dr. Lau vom Museum für Moderne Kunst in Berlin und einem Mitarbeiter von der amerikanischen Botschaft half, so viele Fälschungen wie möglich aus dem Verkehr zu ziehen. Sie schafften es nicht, alle wieder aufzufinden, die in Umlauf gebracht worden waren.

 „Und die Kerle, die dich unter Druck gesetzt haben?“ fragte Jake am Schluss.

 „Der große Schwarze aus der Botschaft hat sie mir vom Hals geschafft“, antwortete David Schmidt.

Jake hatte bei diesen Worten unwillkürlich das Bild von Samuel Henderson vor Augen. Er traute es dem Sicherheitschef der Botschaft durchaus zu, unliebsame Gestalten aus dem Weg zu räumen. Etwas anderes fiel ihm ein. „Was ist mit den ursprünglichen Zeichnungen und Skizzen passiert?“

 „Oh, ich habe sie gut versteckt.“

Zweifelnd sah Jake ihn an.

 „Nur deine Mutter kennt sonst noch das Versteck“, gab Schmidt zu. „Eigentlich wollte ich sie ihr ganz überlassen. Sie ist Kunstexpertin und schließlich sind dies wirklich original Skizzen von Gentian. Aber deine Mutter meinte, es wäre nicht sicher bei ihr.“

 „Trotzdem sind Skizzen in Umlauf gekommen“, widersprach Jake.

Schmidt nickte. „Ja, ich weiß. Ich wurde überfallen. Wahrscheinlich hatte einer der Händler die Typen auf mich angesetzt. Zum Glück kam deine Mutter dazu und dieser Farbige. Leider konnten die Kerle mit ein paar Skizzen flüchten. Dr. Lau streckte daraufhin erneut seine Fühler aus, um die gestohlenen Skizzen ausfindig zu machen und ist wohl auch an eine herangekommen. Die andere blieb verschwunden. Vermutlich ist sie bei irgendeinem Liebhaber gelandet, der bereit war, genug Geld dafür auszugeben. Genauso wie die vermissten Fälschungen.“

 „Kann es sein, dass Dr. Lau wegen dieser Skizze umgebracht wurde?“ fragte Jake mehr sich selbst als sein Gegenüber.

Ermordet für die Skizze eines Künstlers, die viel Geld einbrachte. Genauso wie Simon Mallory, der über eine zweite Skizze verfügt hatte. Aber wer wusste sonst noch davon, fragte sich Jake.


New York; Catherines Appartement; Catherine, Victoria Thompson; Rebekka Rose

Victoria Thompson war beunruhigt. Sie fühlte sich von Cathy ausgeschlossen und hatte das Gefühl, mit ihren Fragen zu weit gegangen zu sein. Hatte sie eine Grenze überschritten?

Catherine hatte sich zurückgezogen in eine Welt, die sie gut kannte. Allein und umgeben von Fremden hatte sie oft Trost gefunden, indem sie sich in eine andere Welt geflüchtet hatte. Klassische Musik war ein Schlüssel, um abzutauchen und aufzugehen in einer Welt, die sie einmal gut gekannt hatte und in der Liebe, Freundschaft, Achtung und Respekt das tägliche Leben bestimmten.

Catherine wusste nicht, wann sich die Gelegenheit bieten würde, Vincent wiederzusehen. Es war Abend geworden. Sie hatte mit Vicky nur das Nötigste gesprochen und wusste, dass es nicht fair war gegenüber der FBI-Agentin. Victoria Thompson tat nur ihren Job.

Beide Frauen setzten sich zusammen zum Abendessen, das zunächst stillschweigend verlief.

 „Vicky…“

 „Cathy…“

Sie hatten gleichzeitig begonnen zu sprechen und stoppten genauso abrupt wieder.

 „Es tut mir leid, wenn ich heute Morgen mit meinen Fragen zu weit gegangen bin“, begann Victoria Thompson dann.

 „Ist schon gut“, antwortete Catherine. „Ich weiß, dass mein Leben mehr Fragen als Antworten aufwirft. Und du musst schließlich deinen Job machen.“

 „Es ist mehr als nur ein Job“, widersprach Vicky. „Ich möchte nicht, dass dir etwas zustößt. Mal ganz abgesehen davon, dass mich dein Sohn umbringen würde, wenn ich das zuließe“, setzte sie noch ironisch hinzu.

Catherine lächelte unwillkürlich. Sie dachte an das gute Verhältnis, das sich allmählich zwischen ihr und Jacob entwickelte. „Ich nehme an, du wirst mich nicht für ein oder zwei Stunden allein lassen.“

 „Das kannst du dir abschminken“, bestätigte Vicky.

 „Auch wenn ich dir sage, dass ich nicht allein sein werde?“ Catherine wusste, dass sie viel riskierte, wenn sie Vicky so tief in ihre Geheimnisse einweihte.

Die runzelte kurz die Stirn und überlegte einen Moment lang. „Wirst du mich…, “ sie zögerte einen Augenblick, „…ihm denn vorher vorstellen?“

Catherine schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht.“

 „Warum nicht?“ fragte die FBI-Agentin sofort.

 „Weil…“, Catherine rang nach Worten, „weil es nicht geht.“

Ernst sah Vicky die Ältere an. „Catherine, das kann ich nicht tun. Du willst, dass ich dich allein lasse in dem Wissen, dass du mit jemandem zusammen bist, den ich noch nicht einmal gesehen habe.“

Catherine nickte mit einem schmerzlichen Lächeln. „Ich weiß. Ich hätte nicht fragen sollen. Vergiss es einfach.“

In diesem Moment läutete die Türglocke. Vicky stand auf und öffnete die Tür.

Ein Sicherheitsbeamter stand vor der Tür. „Entschuldigen Sie die Störung. Die Dame wollte unbedingt zu Ihnen.“ Damit deutete er auf die Frau neben sich.

 „Miss Rose“, erwiderte Catherine überrascht, als sie hinzu trat.

 „Guten Abend Mrs. Chandler“, begrüßte Rebekka Rose sie. „Ich wollte zu Ihnen, weil ich Ihnen…“ Nervös blickte sie zu dem Mann vom Sicherheitsdienst.

 „Kommen Sie erst einmal herein“, sagte Catherine. „Das geht in Ordnung“, wies sie den Sicherheitsbediensteten an.

Während Rebekka Rose das Appartement betrat und sich von Catherine den Mantel abnehmen ließ, nickte Vicky dem Mann kurz zu und schloss dann die Tür.

 „Möchten Sie etwas trinken?“ fragte Catherine ihren Gast.

 „Wasser bitte“, bat Rebekka Rose.

 „Ich hole es“, bot Victoria Thompson an und verschwand kurz in der Küche.

 „Ist irgendetwas vorgefallen?“ fragte Catherine.

Rebekka Rose schüttelte den Kopf. „Es ist nur…, ich habe Ihnen nicht alles erzählt“, platzte es dann aus ihr heraus.

Catherine lächelte nur kurz. „Das hatte ich fast vermutet.“

 „So? Ich dachte…, na ja ist ja auch egal.“ Rebekka sammelte sich und suchte nach Worten. „Ich war schon einen Tag vorher angekommen in New York, bevor ich Jake hier aufgesucht habe.“

Catherine nickte, während Vicky mit Gläsern und Wasser kam und sie auf den Tisch stellte.

 „Ich habe Simon Mallory getroffen einen Tag bevor er ermordet wurde“, sagte Rebekka gefasst.

Vicky, die gerade eingeschenkt hatte, hielt in der Bewegung inne. „Ich dachte, Sie kamen wegen eines Vorstellungsgespräches.“

 „Ja, eigentlich schon. Doch Mr. Mallory hatte mich bereits vorher in Deutschland angerufen. Er tat sehr geheimnisvoll und sagte, ich hätte sehr gute Chancen, auf den Posten als Assistentin und er würde sich um das Hotel kümmern. Außerdem sollte ich ihm etwas aus Berlin mitbringen.“ Rebekka wirkte jetzt wieder ängstlich.

Catherine nickte wissend. „Sie sollten eine Skizze mitbringen, nicht wahr.“

Rebekka nickte bestätigend. „Ja. Sie war in einem Bankschließfach deponiert und wurde mir nach Vorlage meines Ausweises ausgehändigt.“

 „Haben Sie sich die Skizze angesehen?“ fragte Catherine angespannt.

 „Natürlich nicht“, widersprach Rebekka.

Vicky registrierte kurz, dass Catherine erleichtert aufatmete.

 „Wegen dieser Skizze war ich einen Tag vor dem eigentlichen Vorstellungsgespräch bei Simon Mallory und habe sie ihm ausgehändigt“, berichtete Rebekka Rose weiter.

Catherine schürzte die Lippen und sah ihren Gast scharf an. „Ist das wirklich alles?“

 „Das ist wirklich alles. Ich konnte doch nicht ahnen, dass er am nächsten Tag ermordet würde.“ Jetzt überschlug sich Rebekkas Stimme förmlich, während Catherine nachdenklich vor sich hin starrte.

In diesem Moment klopfte es an der Tür. Irritiert über den Gesprächsverlauf ging Vicky zur Tür, um zu öffnen.


Berlin; Wohnhaus von David Schmidt; Jake (Jacob) Chandler, David Schmidt, Zwei Einbrecher; Samuel Henderson, zwei Mitarbeiter von Samuel Henderson

 „Du wirst schon sehen. Es ist einfach unglaublich.“ Eilig stieg David Schmidt die Treppen zu seiner Wohnung hinauf, vorbei an dem Appartement von Catherine. Im Vorbeigehen nahm Jake wahr, dass noch immer der Name Jessica Burton daran stand. Das war ihm gestern Abend gar nicht aufgefallen. Dann bemerkte er, dass die Tür offen stand. Alarmiert blieb er stehen. David Schmidt merkte, dass Jake ihm nicht weiter nach oben zu seinem Appartement folgte und wandte sich um. Jake zückte seine Waffe und bedeutete dem Künstler, leise zu sein. Vorsichtig schob er die Tür zu dem Appartement seiner Mutter weiter auf. Vor sich erblickte er ein Durcheinander von aufgezogenen Schubladen und offenen Schränken, deren Inhalt sich über dem Wohnzimmerboden verteilte. Aus dem Schlafzimmer hörte er Geräusche. Zielstrebig ging Jacob durch den Raum.

 „Hände hoch“, rief er, die Waffe im Anschlag.

Vor sich sah er zwei Männer, die die Schränke durchwühlten. Auch der Inhalt seines Koffers lag verstreut auf dem Boden.

Die beiden Männer sahen ihn zunächst verblüfft, dann lauernd an. Noch ehe Jake weitere Fragen stellen konnte, bekam er einen Schuh an den Kopf geworfen. Reflexartig hob er die Hand, um ihn abzuwehren. In diesem Moment stürzten sich die beiden Männer auf ihn. Er wurde zu Boden gerissen und bekam einen Faustschlag ins Gesicht, der ihn für einen Moment Sterne sehen ließ. Benommen nahm er wahr, dass David Schmidt versuchte, ihm zu helfen. Schon lag der Künstler neben ihm auf dem Boden. Jake versuchte, sich aufzurichten, wurde aber von einem Fuß auf seiner Brust daran gehindert. Über ihm stand ein fies lächelnder Kerl und zielte mit einer Pistole auf ihn. David Schmidt wurde von dem anderen Typen in Schach gehalten.

 „Wo sind die Bilder?“ fragte der Kerl mit der Pistole.

Jake schnaufte schwer. „Welche Bilder?“ fragte er zurück.

 „Das weißt du ganz genau“, erwiderte der Kerl. „Die Bilder waren hier. Wo sind sie jetzt?“

Jake hatte nicht vor, den Kerlen irgendetwas zu sagen. „Ich weiß von keinen Bildern.“

Ein Tritt in die Seite ließ ihn vor Schmerz nach Luft schnappen.

 „Diese Spielchen kannst du dir sparen“, sagte der Kerl barsch und trat ein weiteres Mal zu. Jake krümmte sich vor Schmerz zusammen.

 „Vielleicht kann der hier uns weiter helfen“, sagte der andere und deutete auf David Schmidt.

Der lag am Boden und hielt schützend die Hände vor sein Gesicht. „Ich…, ich weiß nichts“, stammelte er hilflos.

 „Das wollen wir doch mal sehen“, sagte der Kerl mit der Pistole und packte ihn am Kragen.

In diesem Moment wurde die Tür zum Appartement mit Wucht aufgestoßen. Samuel Henderson stürmte mit zwei Männern hinein. Sie zielten mit ihren Waffen auf die zwei Kerle. Die hatten sich vor Schreck umgedreht und waren in ihren Bewegungen erstarrt.

 „Keine Bewegung“, rief der Afroamerikaner. „Lassen Sie die Waffen fallen.“ Als die Kerle nicht sofort Folge leisteten schrie er. „Auf der Stelle! Sofort!“

Seine beiden Begleiter zielten auf die Köpfe der Typen, und es bestand kein Zweifel, dass sie nicht zögern würden zu schießen.

Jake rappelte sich schwerfällig auf und sah, wie die beiden Männer ihre Waffen fallen ließen. Er sah, wie Samuel Henderson seinen Begleitern kurz zunickte und diese die beiden Kerle grob herum rissen und ihnen Handschellen anlegten.

 „Ich muss schon sagen gutes Timing“, meinte Jake und hielt sich die Seite.

 „Sind Sie verletzt?“ fragte Samuel Henderson.

 „Ich fürchte, meine Rippen sind gebrochen“, meinte Jake und sah wie David Schmidt auf die Beine kam.

 „Dann sollten Sie am besten zu einem Arzt“, sagte Henderson.

 „Darf ich fragen, wieso Sie ausgerechnet hier so passend aufgetaucht sind“, fragte Jake.

 „Ich hatte so eine Vermutung, dass etwas nicht stimmt, als sie gestern in der Botschaft waren und nach Madison fragten“, erklärte der Sicherheitschef. „Außerdem wurde letzte Nacht im Museum für Moderne Kunst eingebrochen. Es wurde nichts gestohlen, aber ganz offensichtlich suchten die Einbrecher nach etwas. Ich wollte Sie in Ihrem Hotel warnen und erfuhr, dass Sie dort nicht übernachtet haben, also dachte ich…“

  „…dass Sie mich hier finden würden“, beendete Jake den Satz. „Also wissen Sie, dass…“

 „Ja“, antwortete Henderson nur. „Ich weiß, wer Jessica Burton ist, und ich weiß, wer Sie sind.“

 „Was sollen wir mit den Kerlen machen“, fragte einer von Hendersons Männern.

 „Wir schaffen sie in die Botschaft und stellen ihnen ein paar Fragen.“ Er wandte sich zu Jake. „Und für Sie besorgen wir einen Arzt.“

Jake wollte schon abwehren, verspürte dann doch einen deutlichen Schmerz in der Seite. Gedankenverloren sah er, wie die Männer abgeführt wurden. Etwas stimmte nicht, doch er konnte nicht genau sagen, was es war. Er fuhr mit Henderson und seinen Männern in die Botschaft. Auch David Schmidt begleitete sie. Es dauerte dann bis spät abends, bis endlich ein Arzt in die Botschaft kam und Jake untersuchte. Wie er schon vermutet hatte, waren seine Rippen gebrochen. Nachdem der Arzt ihn untersucht und ihm geraten hatte, möglichst still zu liegen, begab sich Jake zu dem Raum, in dem Henderson die Kerle befragte. Er fühlte sich unwohl und dachte zuerst, es läge an der Situation und an seinen Schmerzen. Doch er spürte, dass etwas anders war. Er horchte in sich hinein. Dann fuhr er erschrocken zusammen.

 „Mom“, rief er panisch.


New York; Catherines Appartement; Catherine, Victoria Thompson; Rebekka Rose; James Madison, Vincent

Als Vicky die Tür öffnete, stand vor ihr ein Mann, der sich mit seiner Dienstmarke als FBI-Agent auswies.

 „Ich bin die Verstärkung“, sagte er nur.

 „Damit hatten wir gar nicht mehr gerechnet“, meinte Victoria Thompson und ließ ihn eintreten.

Der Mann im Anzug sah sich kurz im Raum um und registrierte die anderen beiden Frauen auf der Couch. Noch bevor Vicky weiter etwas zu ihm sagen konnte, zückte der Mann seine Waffe und zielte auf sie. Reflexartig konnte ihm die FBI-Agentin den Arm zur Seite schlagen. Sie wollte nachsetzen, doch der Mann hieb ihr die Faust ins Gesicht, so dass sie benommen zu Boden ging. Catherine und Rebekka sprangen panisch auf und schauten entsetzt auf die Szene. Der Mann nahm seine Waffe und versetzte Vicky damit einen Schlag an die Schläfe, der sie bewusstlos werden ließ.

Catherine schubste Rebekka in Richtung Schlafzimmer. „Los, laufen Sie und verstecken Sie sich.“

Rebekka Rose stand zunächst starr vor Angst. Dann lief sie. Catherine wandte sich dem Mann zu, der jetzt seine Waffe auf die bewusstlose Vicky richtete. Sie nahm die schwere Vase von der Kommode und warf sie beherzt nach dem Mann. Ein Schuss löste sich, als der Mann von der Vase getroffen herum fuhr. Hektisch sah sich Catherine nach weiteren Gegenständen um.

 „Lassen Sie das“, sagte der Mann kalt und hob seine Waffe. „Es ist zu spät.“

Wie von Geisterhand öffnete sich in diesem Moment die Balkontür von außen und ein animalisches Gebrüll erscholl durch den Raum. Der Mann mit der Waffe schien vor Schreck wie erstarrt und konnte nur wie gebannt auf die unheimliche Gestalt vor sich blicken. Ein Ungeheuer, das mit einem Sprung direkt vor ihm stand und ihm den Arm mit seiner Pranke brach. Die Waffe fiel zu Boden. Auch Catherine fühlte sich wie erstarrt. Sie beobachtete wie Vincent den Kerl hochhob und mit voller Wucht gegen die Wand schleuderte. Er setzte nach, bis sich der Kerl nicht mehr rührte. Erst dann hielt er inne, als käme er aus einem Rausch zurück in die Wirklichkeit. Er wandte sich zu Catherine. Für einen Moment versanken ihre Blicke ineinander.

 „Geht es dir gut?“ fragte Vincent rau.

Sie nickte benommen. „Woher wusstest du das?“ Fassungslos sah sie ihn an.

Er schüttelte unsicher den Kopf. „Ich weiß nicht genau. Es war so ein Gefühl.“

Wieder sahen sie sich tief in die Augen.

 „Vicky“, rief Catherine dann und lief zu der FBI-Agentin hinüber. Sie war noch immer bewusstlos. „Sie ist verletzt“, stellte Catherine fest. „Der Schuss hat sie in die Schulter getroffen.“

 „Dann ruf einen Krankenwagen“, sagte Vincent.

Hin und her gerissen sah Catherine zu ihm auf. Sie stand auf und umarmte ihn kurz.

 „Ich gehe“, flüsterte Vincent leise. „Mach dir keine Sorgen. Wir sehen uns.“

Catherine nickte und er verschwand.


Gerade rechtzeitig, denn in diesem Moment lugte Rebekka Rose aus der Schlafzimmertür. „Ich habe nichts mehr gehört“, sagte sie leise, „da dachte ich…“ Sie bracht ab und sah auf den Mann, der leblos am Boden lag. Sie kannte ihn. James Madison.

Catherine hatte sich bereits das Telefon gegriffen und rief einen Rettungswagen und die Polizei. Erst dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Rebekka Rose. Die starrte noch immer bleich vor Entsetzen auf den Mann, der blutüberströmt vor ihr lag.

 „Sie stecken in Schwierigkeiten, Mrs. Rose“, sagte Catherine ernst.

Rebekka hob beide Hände abwehrend nach oben. „Ich habe das alles nicht gewusst. Das habe ich Ihnen doch gesagt.“

 „Sie sind heute Abend als Ablenkungsmanöver erschienen, nicht wahr“, fuhr Catherine fort. „Dieser Mann hier arbeitete für das FBI in der amerikanischen Botschaft in Berlin. Er hat es organisiert, dass Sie nach New York gekommen sind.“

Entsetzt sah Rebekka die ältere Frau vor sich an. „Woher wissen Sie…“

 „Er hat Sie auf den Flug begleitet und Ihnen die Zeichnung gegeben als Lockmittel.“

 „Bitte Mrs. Chandler, Sie müssen mir glauben, dass ich nichts Böses wollte“, wiederholte Rebekka. „Ich wollte wirklich einfach nur einen guten Job.“ Vor Entsetzen schlug sie die Hände vors Gesicht. „Ist er….“

 „Ja“, antwortete Catherine. „Er ist tot.“

Benommen sank Rebekka an der Wand zu Boden. Endlich trafen die Rettungskräfte und die Polizei ein.


New York; Krankenhaus; Catherine, Victoria Thompson; Joe Maxwell

Angespannt saß Catherine im Krankenhaus am Bett von Victoria Thompson. Der Schuss hatte sie zum Glück nicht lebensgefährlich verletzt. Doch sie war noch immer bewusstlos von dem Schlag an der Schläfe. Die Ärzte konnten nicht sagen, wann sie wieder aufwachen würde.

Catherine fühlte eine Hand auf ihrer Schulter. Joe Maxwell war herein gekommen. Ernst sah er sie an. „Geht es dir gut?“

Catherine nickte. „Ja.“

 „Wie geht es ihr?“ Er deutete mit dem Kopf auf Victoria Thompson.

 „Sie schwebt nicht in Lebensgefahr, aber die Ärzte können noch nicht sagen, wann sie aufwacht.“

Joe nickte. „Der Kerl in deiner Wohnung war ein FBI-Agent.“

Catherine war nicht überrascht. Fragend sah sie Joe an, bevor dieser fortfuhr. „Er hat bis vor kurzem in der Botschaft in Berlin gearbeitet.“

 „Ich wusste, dass es dort eine undichte Stelle gibt“, erwiderte Catherine.

 „Der Typ hieß James Madison.“

Catherine runzelte die Stirn. „Der Name sagt mir etwas.“

 „Ja. Er hat auch in der Kunstfälschungssache ermittelt.“ Joe schien sichtlich beunruhigt.

Catherine nickte verstehend. „Hat er wirklich ermittelt, oder sollte er nur irgendwie an mich heran kommen?“

Joe schnalzte mit der Zunge. „Tja, das müssen wir jetzt herausfinden.“ Besorgt sah er sie an. „Catherine, wir wissen nicht, wem wir jetzt noch trauen können, wenn selbst das FBI unterwandert ist. Wer soll dich jetzt beschützen.“ Joe wirkte das erste Mal hilflos.

Catherine blickte auf die bewusstlose Vicky. „Hast du irgendetwas von meinem Sohn gehört?“ fragte sie dann unvermittelt.

 „Nein. Wieso?“ Joe sah sie neugierig an.

 „Es könnte sein…“, sie zögerte. „Es könnte sein, dass er versucht hat, mich zu erreichen.“

 „Ich habe nichts gehört“, meinte Joe.

Catherine nickte, auch wenn sie die Antwort nicht beruhigte.

 „Diese Deutsche wird gerade von unseren Leuten verhört.“

Catherine winkte ab. „Sie ist harmlos.“

Joe widersprach. „Sie ist verdächtig. Sie ist mit dem gleichen Flug wie James Madison nach New York gekommen. Sie hat von ihm die Adresse von deinem Appartement. Sie war im Museum und hat sich mit Simon Mallory getroffen vor seinem Tod, aber als sie hinterher befragt wurde, hat sie nichts davon erwähnt…“

 „Joe“, unterbrach Catherine, „sie war nur der Köder. Sie sollte nur einen Auftrag ausführen, ohne dass es ihr wirklich bewusst war.“

 „Bist du dir sicher?“ Joe zweifelte.

 „Ja, sie ist nur zufällig in dieses Spiel hinein geraten. Lass sie laufen.“

 „Wir wissen immer noch nicht, wo sie zum Zeitpunkt von Simon Mallorys Tod war.“

 „In meinem Appartement zusammen mit meinem Sohn.“ Ironisch hob Catherine die Augenbraue nach oben. „Und jetzt frag nicht weiter nach. Wenn sie halbwegs vernünftig ist, wird sie eure Fragen beantworten.“

Joe nahm diese Neuigkeiten gelassen auf. „Wie hast du es geschafft, den Typ zu überwältigen? Was hast du als Waffe benutzt?“

Sacht legte Catherine ihm die Finger an die Lippen. „Frag nicht weiter, Joe“, sagte sie nur. Dann wandte sie den Blick ab. Vorsichtig umfasste sie die Hand der FBI-Agentin und hoffte, dass alles gut würde.


New York; in den Tunneln; Vincent, Olivia, Jamie

 “Habt ihr sie gefunden?” fragte Vincent Olivia und Jamie.

Beide schüttelten die Köpfe.

 „Sie war nicht da“, antwortete Jamie.

 „Mmh.“ Vincent war nicht zufrieden.

Er machte sich Sorgen. Nicht um Catherine. Er wusste, dass sie im Krankenhaus war bei dieser FBI-Agentin, die verletzt worden war.

Marjorie war verschwunden, und er ahnte Unheil. Sie hatte auf seine Nachricht nicht reagiert. Da er nicht wirklich wusste, ob sie in die Vorfälle involviert war, hatte er Olivia und Jamie losgeschickt, um nach ihr zu sehen. So wäre sie nicht unnötig beunruhigt.

 „Denkst du, sie ist in Gefahr?“ fragte Olivia.

 „Ich weiß es nicht“, murmelte Vincent. „Es könnte sein.“

 „Aber warum sollte sie in Gefahr sein. Sie hat mit all dem nichts zu tun.“ Jamie sah Vincent fragend an. „Oder weißt du mehr, als du uns bislang gesagt hast.“

Vincent überlegte. Er konnte selbst nicht genau sagen, warum er sich so sicher war. “Ich glaube, sie hat die Skizze von Catherine und mir in die Tunnel geschickt.“

 „Du meinst die, von der ihr annehmt, dass sie sich in dem Safe vom Museum befunden hat?“ fragte Jamie.

Vincent nickte.

 „Aber du glaubst doch nicht, dass Marjorie etwas mit dem Mord zu tun hat?“ fragte Olivia entsetzt.

 „Zumindest nicht direkt“, antwortete Vincent. „Doch sie ist irgendwie die Verbindung zu jemand anderem.“


Berlin; Flug von Berlin nach New York; Jake (Jacob) Chandler, David Schmidt

Jake saß im Flugzeug und befand sich auf dem Weg nach New York. Endlich. Es hatte noch einen Tag gedauert, bis alles geklärt war. Henderson hatte Druck auf die beiden Einbrecher gemacht, bis sie endlich ausgepackt hatten. Sie waren von einem einflussreichen Sammler angeheuert worden, der sich betrogen fühlte, nachdem eine amerikanische Kunstexpertin herausgefunden hatte, dass es sich bei den von ihm gekauften Bildern von Kristopher Gentian um Fälschungen handelte. Die Männer hatten den Auftrag erhalten, der Lady auf den Zahn zu fühlen. Nach diesen Informationen zog Henderson Kommissar Keller hinzu, der wiederum den Kunstsammler verhaften ließ. Konfrontiert mit dem Verdacht, des Mordes an dem deutschen Museumsdirektor schuldig zu sein, brach der Mann ein und gab die Kontakte zu einer international agierenden Kunsträuberbande preis, die insbesondere auch in New York tätig war. Jake hatte die Informationen sofort seinem Chef Gerry Fisher weiter gegeben, damit das FBI mögliche Beteiligte dingfest machen konnte. Dabei hatte er auch nach seiner Mutter gefragt, doch Gerry Fisher hatte gemeint, es wäre alles in Ordnung. Jake nahm es stillschweigend zur Kenntnis. Er spürte, dass etwas vorgefallen war, obwohl er wusste, dass es seiner Mutter gut ging. Nachdenklich blickte er auf den Sitz neben sich. David Schmidt schlief tief und fest. Jake hatte ihn überzeugen können, mitzukommen. Er war in Berlin nicht sicher, so hatte Jake argumentiert. Doch er fragte sich, ob er dem Künstler in New York größere Sicherheit garantieren konnte. Sicherlich nicht, solange die Hintermänner frei herum liefen, die für den Tod von Simon Mallory verantwortlich waren.


Oben in der Ablage über dem Sitz lagen die Skizzen, die David Schmidt noch besessen hatte. Der Künstler hatte sie ihm gegeben.

 „Für deine Mutter“, hatte er gesagt, und als Jake sie gesehen hatte, wusste er warum. Er musste bei der Erinnerung lächeln.

David Schmidt hatte Jake in seine Wohnung geführt. Ein kleines, aber gut eingerichtetes Appartement. Jake war dem Künstler ins Schlafzimmer gefolgt. An den Wänden standen teils Kleiderständer auf Rollen, an denen Sachen wild durcheinander hingen. Es gab eine Kommode und noch mehr Bilder. Bemalte Leinwände waren lose an die Wand gestellt, daneben ein gemauerter Kamin, der durch das Dach führte. David Schmidt kniete vor dem Kamin vor einer offenen Klappe und kramte darin herum. Neugierig beobachtete Jake den Mann, der sich kurz zu ihm umsah.

 „Oh, du musst keine Angst haben. Der Kamin wird nicht mehr benutzt.“ Er spähte einen Augenblick in die dunkle Öffnung. „Ah, da ist es.“ Erneut schob er eine Hand hinein und zog sie kurz darauf mit einigen zusammen gerollten Skizzen heraus. Er erhob sich schnaufend. „Ich werde auch nicht mehr jünger“, meinte er und schloss die Klappe. „Komm mit.“ Damit ging er an Jake vorbei ins Wohnzimmer, wo das Licht eindeutig besser war.

Jake folgte ihm und beobachtete, wie der Künstler die Skizzen entrollte und auf dem Tisch ausbreitete. Neugierig trat Jacob näher und schnappte laut nach Luft.

Grinsend sah ihn David Schmidt an. „Erstaunlich, nicht wahr. Eigentlich wollte ich sie schon lange deiner Mutter geben, aber sie meinte, dass sie besser nicht bei ihr gefunden werden sollten, falls ihr etwas zustieße.“ Er sah Jake nachdenklich an.

Der versuchte sich von dem Schock zu erholen, als er in das Antlitz seiner Mutter vor sich blickte. Sie lächelte und sie war so unglaublich jung. Natürlich war sie damals jünger, sagte er sich selbst. Er sah sich die Skizzen durch, die sie in dem Café zeigten, von dem sie erzählt hatte. Das Café in New York, in dem sie mit Kristopher Gentian gewesen war. Jake blätterte weiter und erschrak noch heftiger als zuvor. Sein Vater auf seiner Liege in seiner Kammer in den Tunneln. Großer Gott, dieses Bild konnte unmöglich entstanden sein.

 „Erstaunlich, nicht wahr“, meinte David Schmidt. „Halb Mensch, halb Tier. Kristopher Gentian hatte immer ungewöhnliche Motive auf seinen Bildern. Phantastische Gestalten. Und anscheinend hat er Jessie gekannt, sonst hätte er sicher keine Zeichnung von ihr gemacht.“

Jake betrachtete fasziniert die Zeichnungen. Der erste Schrecken hatte sich gelegt. Was blieb war das Staunen über die Darstellung seiner Eltern. Auf den Bildern wirkten sie anders, als wie er sie kannte. Jünger natürlich und offener. In diesen einfachen, schlichten Bildern lagen ein Frieden und eine Unbekümmertheit, die Jake so nicht von seinen Eltern kannte. Sowohl nicht bei seinem Vater, den er sein Leben lang kannte, als auch bei seiner Mutter, die er gerade erst kennengelernt hatte. Und er begriff, dass sie hier auf diesen Bildern frei waren von dem Schatten, der später über ihr Leben gefallen war. Trotz ihrer ungewöhnlichen Liebe waren sie jung und voller Hoffnung gewesen. Jake ballte die Hände zu Fäusten. Er wollte wissen, wer diese beiden Menschen auf den Bildern gewesen waren. Er wollte sie kennenlernen und verstehen und, bei Gott, er wollte diesen Schatten für immer aus ihrem Leben bannen.


Jacob kam aus seinen Gedanken zurück in die Wirklichkeit. Er saß im Flugzeug und musste erst einmal New York erreichen. Doch auch jetzt spürte er eine Wut und eine Entschlossenheit, die er am liebsten hinaus gebrüllt hätte. Er schloss gequält die Augen. Er musste sich beherrschen. Gerade jetzt durfte er nicht die Kontrolle verlieren.


New York; Catherines Apartments; Jake (Jacob), David Schmidt, Catherine

 “Mom!” rief Jake, als er das Appartement betrat.

Es fühlte sich vertraut an. Als käme er nach Hause.

 „Ich bin hier“, rief sie und kam in den Wohnraum.

 „Ich bin zurück“, sagte er überflüssigerweise. „Ich habe jemanden mitgebracht.“

Neugierig sah Catherine auf den Mann hinter ihrem Sohn. Ihr Lächeln wurde breiter. „David“, rief sie überrascht.

 „Hallo Jessie“, begrüßte der Künstler sie. „Ich habe gehört, du heißt jetzt nicht mehr so. Entschuldige bitte. Es ist trotzdem schön, dich zu sehen.“

 „Was tust du hier?“ fragte Catherine.

 „Dein Sohn hat mich mitgenommen.“ Ernst sah David Schmidt von einem zum anderen. „Ich will mich stellen. Ich glaube, es ist das Beste so. Meine Fälschungen haben all das erst ausgelöst.“

Catherine nickte. „Bist du dir sicher?“

 „Absolut.“ David Schmidt wirkte entschlossen. „Es ist genug Schaden dadurch entstanden.“

 „Ich hoffe, dass er nicht so hart verurteilt wird, wenn er sich stellt“, meinte Jacob. „Schließlich hat er nur Bilder gemalt und mit den beiden Morden nichts zu tun.“

Catherine nickte ihm verstehend zu. „Wir sollten Joe einschalten und mit ihm reden.“ Sie berührte ihren Sohn kurz am Arm. Einvernehmlich sahen sie sich einen Moment lang an.


New York; Catherines Appartement; Catherine, Vincent

 “Wir wissen nicht, wo sie ist”, sagte Vincent ernst. „Ich weiß, dass sie irgendwie damit zu tun hat.“

Catherine sah ihn an. Sie standen auf dem Balkon ihres Appartements in der Dunkelheit.

 „Jacob kann vielleicht etwas herausbekommen.“

Vincent nickte. Catherine hatte das Licht in den Zimmern gelöscht. Jacob hatte sie beide instinktiv allein gelassen und das Appartement verlassen.

 „Hast du irgendetwas von ihm erfahren?“ fragte Vincent.

 „Der Fall in Deutschland ist so gut wie aufgeklärt, aber es hat wohl nichts mit dem Mord an dem Museumsdirektor hier in New York zu tun.“

Vincent nickte nachdenklich. „Sonst wäre Marjorie auch nicht verschwunden.“

 „Es hat ihn irgendwie berührt, als ich ihm erzählte, dass Rebekka Rose von der Polizei verhört wir“, meinte Catherine. „Vermutlich ist er jetzt zu ihr gefahren.“ Nachdenklich sah sie Vincent an.

 „Vielleicht bedeutet ihm diese Frau etwas“, meinte Vincent.

 „Aber müsstest du es nicht spüren, wenn sie ihm mehr bedeutet?“

Resigniert blickte Vincent für einen Moment zu Boden. „Ich kann schon lange nicht mehr alles spüren, was er fühlt.“ Er sah auf zu Catherine, die ihn fragend ansah. „Es ist, als hätte er mit seinem Fortgehen eine Mauer zwischen uns errichtet. Und mit jedem Jahr, das vergeht, scheint diese Mauer dicker und undurchlässiger zu werden. Sicher, ich kann noch spüren, wo er gerade ist, aber was er fühlt…“ Hilflos brach Vincent in seiner Erklärung ab.

 „Habt ihr je darüber miteinander gesprochen?“ fragte Catherine.

Vincent schüttelte nur müde den Kopf. „Es würde nichts ändern. Er möchte nicht, dass ich mich in sein Leben einmische, und irgendwie hat er einen Weg gefunden, mich auszuschließen.“

 „Es tut mir leid“, sagte Catherine. „Wenn ich mehr Bewegungsfreiheit hätte, könnte ich etwas unternehmen. Zumindest habe ich jetzt durch Jakes Anwesenheit wieder etwas mehr Privatsphäre.“

 „Catherine“, begann Vincent ernst. „Bitte halte dich möglichst da raus.“ Dann nahm er sie in die Arme und sah sie eindringlich an. „Bitte. Ich will nicht, dass dir irgendetwas zustößt.“

Sie wehrte sich nicht gegen seine Fürsorge. „Ich weiß“, sagte sie nur leise.

Sie umschlang ihn und in ihrer Umarmung versunken, vergaßen sie für einen Moment die Welt, die sie umgab. Als Catherine sich von Vincent löste, lächelte sie.

 „Was ist?“ fragte Vincent sanft.

 „Es ist so eigenartig“, meinte sie. „So wie jetzt habe ich mich nie gefühlt.“

 „Wie fühlst du dich?“ fragte er.

Sie suchte sichtlich nach Worten. „Verzeih, aber es ist so lange her, dass ich meine Gefühle und Gedanken in Worte gefasst und mit jemandem darüber gesprochen habe. Es ist nur, als würde ich jetzt erst wieder anfangen, lebendig zu sein und wirklich zu fühlen. Mir wird jetzt erst klar, dass meine Erinnerungen, die ich all die Jahre mit mir getragen habe, nur ein schwacher Hauch von dem gewesen sind, was ich wirklich empfinde.“

Sie rang weiter nach Worten, während Vincent sie geduldig betrachtete. Sie war so schön. Für ihn würde sie immer schön sein.

 „Es ist, als ob ich alles vergessen hätte und mich jetzt erst wieder erinnern kann“, fuhr Catherine fort. „Ich habe es verdrängt in die hintersten Winkel meines Bewusstseins, weil…“

 „…weil selbst die Erinnerungen zu schmerzhaft waren, als dass es zu ertragen gewesen wäre“, vollendete Vincent.

Sie nickte. Am Horizont begann der Morgen zu grauen.

 „Ich muss los“, sagte Vincent leise.

Sie nickte. „Ich wünschte, wir könnten…“

Sacht legte er ihr den Finger auf den Mund. Dann war er verschwunden.


New York; ein Keller eines Hauses; Marjorie

Marjorie fror erbärmlich. Sie wusste nicht genau, wo sie sich befand, doch es war kalt. Kalt und dunkel. Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Ihr Arm und ihr Handgelenk schmerzten von dem brutalen Griff. Ihr Exmann war nicht zimperlich gewesen, als er sie nach unten geschleift hatte. Sie hatte versucht, sich zu wehren, doch ohne Erfolg. Sie wusste nicht, was sie jetzt tun sollte. Vorsichtig versuchte sie, sich aufzurichten. Plötzlich hörte sie Schritte und das Klappern eines Schlüssels, der ins Schloss gesteckt wurde. Die Tür öffnete sich und etwas Licht floss in den Raum. Sie lag am Boden und über ihr sah sie die düstere Gestalt, die sie diabolisch ansah.

 „So meine Liebe, hast du dich inzwischen dazu entschieden, mir zu sagen, was du mit der Zeichnung gemacht hast? Wo befindet sie sich.“ Er packte sie und zog sie grob auf die Füße. „Los sag es mir. Sie ist sehr wertvoll und die Leute, die dafür bezahlt haben, verstehen keinen Spaß.“

Sie schwieg. Er schlug ihr hart ins Gesicht. Sie sagte nichts. Das Geheimnis um die Tunnel musste sie bewahren, schwor sie sich.
 
 
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