Mitternachtsrot

OneshotDrama, Schmerz/Trost / P12
Saruhiko Fushimi
11.02.2020
11.02.2020
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11.02.2020 813
 
Wir standen alle dumm herum und konnten nur zur Schulinsel rübergucken.
Und auch, wenn ich es niemals öffentlich zugeben würde, so stimmte ich HOMRA insgeheim zu. Wir sollten dort drüben sein und mitkämpfen, anstatt hier tatenlos und ohne Informationen abwarten zu müssen.
Alles, was wir tun konnten, war, auf die Damoklesschwerter am Himmel zu gucken und ich wusste nicht, inwieweit die anderen sich darüber sorgten, aber das Schwert des roten Königs...
Genervt schnalzte ich mit der Zunge. Was interessierte mich Mikoto Suoh noch? Mein König würde schon irgendwie verhindern, dass es ganz zerbrach und es zu einem Damokles-Down kommen würde und wenn nicht... dann wäre es wohl auch egal und nicht wert, sich darüber Gedanken zu machen. Dann wären wir einfach innerhalb von Sekunden alle tot und es würde uns nicht mehr interessieren.
Ich ließ meinen Blick kurz über die anderen schweifen.
HOMRA wirkte nicht besonders besorgt. Natürlich nicht, sie machten sich ja immer viel zu wenig Gedanken und schlugen lieber unvorbereitet zu.
Misaki beschwerte sich sogar noch lautstark bei Kamamoto, dass ihr König den ganzen Spaß ohne sie hatte. Hatte der Kerl eigentlich keine Augen und kein Gehirn? - Nein, hatte er eben nicht oder er konnte es eher gesagt nicht vernünftig einsetzen. Ansonsten wäre es jetzt niemals so zwischen uns wie es war...
Genervt schüttelte ich einmal kurz meinen Kopf, rückte meine Brille zurecht und entließ diesen Idioten aus meinem Blick.
Nur ein paar Meter neben Misaki stand Kusanagi mit Anna. Sein Blick war auf die Schwerter gerichtet, die sich in seinen Brillengläsern spiegelten. Sein Gesichtsausdruck wirkte ernst, wenn nicht sogar irgendwie traurig. Wenigstens einer des roten Clans schien den Ernst der Lage begriffen zu haben... nein, wohl eher zwei. Anna sah ebenfalls gebannt auf die Damoklesschwerter mit einem Blick, der mich einmal schlucken ließ.
Auch wenn ich nichts von HOMRA hielt, so musste ich doch Annas Fähigkeiten anerkennen. Sie wusste, wie es auf der Schulinsel enden würde, und dass ihr König... dieser verdammte Mistkerl!

Wir mussten irgendwas unternehmen!
In der Menge machte ich Awashima ausfindig und wollte gerade zu ihr gehen, als sich ihr Blick in pures Entsetzen verwandelte.
Hastig sah ich in den Nachthimmel und sah das rote Schwert.
Es war zerbrochen.
Ich überlegte fieberhaft, wie wir es schaffen konnten, die ganzen Menschen zu retten, bevor so viele sterben würden wie beim Kagutsu Vorfall, doch es war zu spät. Das Schwert fiel...
... und dann verschwand es.
Ungläubig starrte ich an die Stelle, an der das Schwert des roten Königs verschwunden war, und wartete angespannt darauf, dass die Welt um mich herum aufhören würde zu existieren und wir alle in den Tod gerissen werden würden.
Die Sekunden zogen sich endlos hin, doch es passierte nicht und ich verstand.
Der rote König, Mikoto Suoh, war tot.
Um mich herum herrschte absolute Stille, niemand bewegte sich, bis sich die Mitglieder des roten Clans plötzlich zu bewegen anfingen.
Sie fassten sich an die Stelle, an der das HOMRA Zeichen war.
Ich konnte es ebenfalls spüren, öffnete die obersten Knöpfe meines Hemdes und fasste mir an das verbrannte Zeichen.
Es löste sich von meiner Haut, ließ nur die Narben zurück, und stieg dann als rotes Leuchten zum Himmel auf.
Auch wenn ich es niemals zugeben würde, aber es sah auf gewisse Weise wunderschön aus, wie die Nacht von all diesem Rot erleuchtet wurde.

Auch HOMRA schien verstanden zu haben, was es zu bedeuten hatte, denn sie streckten ihre Fäuste in den Himmel und fingen an, ihren albernen Schlachtruf von sich zu geben.

No Blood! No Bone! No Ash!

Und wieder fiel mein Blick auf Misaki, der mit am lautesten rief. Es wunderte mich nicht, immerhin war der rote König alles für ihn gewesen. Mikoto Suoh hatte bei ihm über allem gestanden und war das Wichtigste für ihn gewesen... wichtiger als ich...
Doch zum ersten Mal seit langer Zeit, lag mir kein provozierender Kommentar auf der Zunge. Nicht wenn er so öffentlich seine Tränen zeigte.
Vielleicht begriff ich es erst durch ihn so richtig. Der rote König war wirklich nicht mehr da und er würde auch niemals wiederkommen.
Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es sein musste, seinen König zu verlieren. Allein die Vorstellung, der Blaue König könnte irgendwann einmal nicht mehr sein... selbst der bloße Gedanke daran war unerträglich für mich.

Und auch, wenn er nie wirklich mein König gewesen war, so hatte ich doch einmal seinem Clan angehört. Ich war ihm nichts schuldig, trotzdem hatte ich das Gefühl, als müsse ich ihm irgendwie die letzte Ehre erweisen.
Und so ballte ich ebenfalls meine Faust, auch wenn ich meinen Arm nicht in den Himmel streckte und flüsterte leise die Worte.
~No Blood, No Bone, No Ash ~
Sie stiegen, wie die roten Lichter, in die Nacht auf, wurden vom Wind davongetragen und nahmen auf dem Weg zum Himmel einen Teil meiner selbst mit, bevor sie sich auflösten und nichts als Dunkelheit zurückließen...