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So, wie du bist - (Oikawa x Reader)

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16
Iwaizumi Hajime Kuroo Tetsurou OC (Own Character) Oikawa Tooru
11.02.2020
13.01.2021
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13.01.2021 11.129
 
Obwohl wir erst so spät ins Bett gekommen sind, waren wir am nächsten Morgen recht früh aufgewacht. Und seit langem fühlte ich mich mal wieder richtig ausgeschlafen... in diesem federgleichen Bett aufzuwachen, Tooru neben mir liegen sehen, friedlich schlummernd... es ließ mich lächeln, auf die Seite drehen und ihm sanft über die Wange streicheln.
Seine Augenlider flatterten etwas, dann hoben sich seine langen dichten Wimpern an und das Paar schokoladenbrauner Iriden blickte in meine (A/F).
"Guten Morgen", stimmte ich als erste von uns beiden mit sanftem Ton an, lächelte selig.
Seine Lippen zogen sich nach oben. Mit seiner Hand zu meiner Seite reichend, rückte ich etwas näher, dass er mich an der Taille fassen konnte und kuschelte mich zufrieden an meinen Freund.
"Ist schon länger her, dass ich dich so glücklich hab lächeln sehen?", raunte er mir zu und ich bestätigte mit einem "Mhm". Seinem Herzschlag lauschend, ganz ruhig und rhythmisch gegen seine Brust pochend, schloss ich wieder meine Augen.
Wir sprachen nicht weiter, blieben einfach so aneinandergelegen und dösten noch etwas vor uns hin, ehe wir dann schließlich uns aus dem Bett schwangen. Oder es zumindest versuchten.
Das ganze wurde zu einer Kissenschlacht, weil ich Tooru mit seiner Eitelkeit unbedingt ärgern musste.
"Was soll das heißen, ich benehm mich wie die Prinzessin auf der Erbse?" hatte er sein Kissen in der Hand und guckte zu mir auf, die auf dem Bett stand - eine  denkbar unpraktische Position - das eigene Kissen auch fest und bereit zum Kampf in der Hand.
"Wie ich's sagte: eine falsch sitzende Strähne und dein Tag ist ruiniert!"
"Na warte!" Er warf das Kissen, ich wich aus. Als wäre dies sein Plan gewesen, schnappte Tooru nach mir, aber ich hüpfte quiekend vom Bett, ging ein paar Schritte rückwärts. Er kam mir sogleich mit dem Kissen wieder hinterher und nach einigem Hin und Her, drängte er mich in die japanische Sitzecke. "Du hast keine Chance", grinste mich mein Freund gefährlich an, aber ich hob nur die Augenbrauen,
"So? Werden wir sehen! Prinzessin!"
Lachend, kreischend und rangelnd, nahm er mich schließlich mit den Armen an der Taille, zog mich zu sich zurück und ließ sich mit mir wieder aufs Bett fallen.
Wir blieben keuchend liegen, erschöpft.
Tooru seufzte zufrieden, vergrub seine Nase in meiner Halsbeuge, war dicht an meinen Rücken gerutscht. Mit den Fingerspitzen an den roten dünnen Trägern meines Nachthemdes, dessen leichter Stoff sich an meinen Körper schmiegte. Mit der anderen streichelte er sanft über meinen Bauch.
"Lass uns duschen und dann frühstücken, hm?", schlug er schließlich leise vor.
Ich drehte mich etwas, dass ich ihm entgegenblicken konnte und schmunzelte:
"Zusammen oder willst du allein gehen?"
"Natürlich zusammen", zeichnete sich da bereits Toorus Schmollschnute ab, was mich kichern ließ. Natürlich…

*


Das Frühstück war diesmal komplett auf Buffet ausgerechnet, was mich nicht störte. Der Küchenpersonal hatte es sehr appetitfördernd angerichtet, kleine Dekorationen zwischen Platten und Schüsseln arrangiert und da wir recht früh uns im Saal eingefunden hatten, war es auch noch nicht geplündert.
Wir konnten zwischen traditionell japanischen und kontinentalen Dingen wählen. Da viel es schwer, eine Entscheidung zu treffen, aber letzten Endes gab ich den Scrambled Eggs eine Chance, genauso wie den Mini-Croissants und hatte eine bunte Auswahl auf meinem Teller, die Tooru die Augenbrauen hochziehen ließ.
"Bist du sicher, dass du dass alles essen willst?"
Ich schob die Unterlippe vor und errötete leicht,
"Was denn? Ich möchte gerne einfach alles probieren!"
Daraufhin lachte er nur leise und ich warf einen Blick auf sein Tablett,
"Kein süßes Brot?", zog ich ihn auf und mein Freund schmunzelte,
"Nein, hier... verzichte ich gerne drauf."
Das war überraschend, aber irgendwie auch nicht - zu Hause gab es öfter mal herzhaft belegtes Toast, aber an anderen Tagen auch typisch Reis und Beilagen.

Nachdem wir fertig waren, machten wir uns in unserem Zimmer fertig zum Auschecken. Die
Taschen hätten wir zwar noch am Empfang verwahren können, aber da unser Zug am Nachmittag wäre das zu umständlich gewesen und würden wir sie am Bahnhof einschließen, von wo aus wir auch unseren Weg zum Hafen bestritten. Tooru hatte per Handy uns Tickets gebucht und eingepackt in unseren Jacken, genossen wir zunächst eine schöne Rundfahrt, entlang der Inseln, auf dem Meer.
Dicht an dicht sitzend, seine Arme um mich wissend, sog ich den salzigen Meeresgeruch ein und sah die unterschiedlichen an uns vorbeiziehen. Futagojima, die beiden nebeneinander liegenden Inseln. Kanejima, die Insel mit vier Löchern in jener, durch Erosionen hervorgerufen. Niohjima - so wie das Boot auch hieß, auf dem wir mitfuhren -, ein bekannter Ort mit einem seltsamen, sich angehäuften Schlammstein.
Wir teilten uns einen Audioguide, Tooru hatte seine blauen Kopfhörer eingesteckt und jeder von uns einen Stöpsel im Ohr.

Als wir schließlich wieder ankamen, eine Stunde war vergangen, wanderten wir weiter... betraten die 250 Meter lange Brücke, die uns zu Fuß nach Fukuurajima führen sollte.
Am Anfang war es  noch nicht so schlimm, aber als wir gut die Hälfte geschafft hatten, drehte ich mich um, blickte auf das weit entfernte Ufer und schaute dann wieder vor uns, schließlich über das rote Geländer ins Wasser.
"Was ist los? Angst?", hakte Tooru belustigt nach.
"Ein wenig. Das ist gruselig."
"Na hör mal... bist du etwa noch nie über die Rainbow Bridge in Tokyo gefahren?", zog er mich jetzt auch noch auf und ich stupste ihm in die Seite.
"Natürlich hab ich das, deswegen darf ich's doch dennoch gruselig finden!?"
Aber Tooru ließ mir gar keine Zeit, mich noch mehr drüber zu ärgern, sondern packte mich einfach an der Hüfte und hob mich hoch, dass ich mich erschrocken und ängstlich an ihn klammerte.
"L-Lass mich runter!!"
"Wieso? Die Luft ist oben doch viel besser!"
"Tooru!! Bitte!!" Mir war echt nicht wohl dabei und meine Stimme zeichnete das ebenso mit einem leichten Überschlag und Wimmern ab.
"Ich lass dich schon nicht fallen."
Meine Augen hatte ich bis eben zusammengekniffen, blickte jetzt aber bei diesen ernst ausgesprochenen Augen zu ihm hinab.
Sein Lächeln war aufrichtig, das er mir schenkte und er hatte mich ein klein wenig runter gelassen, dass ich meine Hände locker auf seine Schultern ruhen konnte.
"Statt Angst zu haben... ist es nicht schön, einfach nur das Weite um sich herum zu wissen?", grinste er mich dann an und ich glaubte in dem Moment herauszulesen, wie er für sich danach strebte... immer weiter. Immer voran. Die eigenen Grenzen überwinden und neu setzen. Immer wieder. Er war so ein Typ... das merkte ich im Training, das hatte ich im Spiel gesehen, ... er ging aufs Ganze, alles oder nichts.
"Von uns beiden... bist du wohl die Schwalbe", murmelte ich, neigte mich vor und küsste ihn sanft auf der Stirn.
Tooru guckte mich etwas verdutzt an, ließ mich dann aber wieder auf den Boden und ohne viel  weiter zu sprechen, gingen wir Hand in Hand den Rest der Strecke.
Schon vom Weiten begrüßten und die hohen und prächtigen Kiefern, welche es nur selten in Japan zu bestaunen gab. Der ganz natürliche botanische Garten, der sich erstreckte, lud zum Spazierengehen ein und einige Schilder und Tafeln erzählten uns, dass es hier bis zu 300 verschiedene Spezies an Blumen, Pflanzen und Bäumen gab. Die kleine Insel umrundend, einige Fotos zur Erinnerung machend, kamen wir entlang des Ufers an einem kleinen Teehaus vorbei, wo wir uns einen solchen heißen Tee kauften und vor einer kleinen Box standen, aus der man für 200 Yen einen kleinen Daruma Omikuji ziehen konnte.

"Na, willst du?"
Ich biss mir nachdenklich auf die Lippe.
"Nur, wenn du auch einen nimmst!"
"Okay."
Erst warf ich zwei 100 Yen-Münzen ein, griff in die Plastikmulde und nahm nach Gefühl eines der kleinen rot gefärbten Holz-Daruma. Daraufhin warf Tooru seine Münzen ein und tat gleiches.
Dann nahm ich die angebrachte Pinzette, drehte das kleine Männchen auf den Kopf und zog den Papierstreifen aus dem Boden. Ich übergab meinem Freund die Pinzette, dass er ebenso an seinen Glücksstreifen kommen konnte.
"Auf drei falten wir es auf", meinte Tooru mit einem Grinsen und ich sah ihm die Neugier auf das Papier regelrecht an. Irgendwie süß, dass er sich dafür so begeistern konnte.
"Eins..."
Mein Herz begann zu klopfen. Selbst, wenn man nicht dran glaubte, was diese Horoskopblättchen vom Besten gaben... ein bisschen gespannt war man ja doch.
"Zwei..."
Luft holend, wartete ich auf die finale Zahl.
"Drei."
Und da wickelten wir beide die Papier auseinander.
Meine Augen überflogen den Zettel und blieben an den ersten wichtigen Zeichen hängen.
"Wow, das denn ich doch mal vielversprechend!", lachte Tooru und drehte seinen Zettel zu mir um, "Großes Glück!" Ich steckte meinen Kopf zu ihm, als er es wieder an sich nahm und weiter durchlas, die wichtigsten Punkte griff: "Himmelsrichtung: Südost. Dinge, die Sie verloren glaubten, werden Sie finden. Die Person, auf die Sie warten, wird kommen, aber auf ihre Kosten. Es ist eine gute Zeit ein Haus zu bauen oder fortzuziehen. Krankheit wird geheilt. Es ist eine gute Zeit zum Reisen. Was Liebe betrifft..." Seine Augen suchten dabei kurz meine, "wird es erst schwer werden, aber dann meistens gut. Für Ihren Handel wird es einige schwere Verluste geben, aber wenn Sie sie durchringen, werden gute Dinge passieren. Ihre Chance bei einem Spiel zu gewinnen stehen schlecht." Er lachte und nahm sein Portemonnaie hervor, um es einzustecken. "Das heißt also, ich muss mir um V/N-chan keine Sorgen machen, da sie mir auch noch erhalten bleibt, selbst wenn ich der beste Volleyballspieler der Welt geworden bin!", grinste er mich an, worauf ich nur ein "Na, da ist ja mal wieder jemand sehr von sich selbstüberzeugt" von mir geben konnte.
"Was steht bei dir?", hakte Tooru dann ruhiger los und ich las das Papier vor:
"Mittleres Glück. Himmelsrichtung: Südwest. Sie werden alte Dinge wertzuschätzen lernen. Personen werden sich verabschieden, aber Sie auch begrüßen. Warten Sie noch mit dem Hausbau. Die Gesundheit ist ausgewogen. Es ist eine gute Zeit Neues zu beginnen. Was Liebe betrifft..." Hier machte ich auch eine Pause, aber nicht, um Tooru anzusehen, sondern weil mir der Satz nicht gefiel, "... werden Sie erkennen, was nötig ist, um glücklich zu sein. Ihre Geschäfte werden bescheiden ausfallen. Ihre Gewinnchancen stehen sehr gut."
"Na siehst du, du solltest am besten sofort ins Pferdewettrennen einsteigen!"
Ich antwortete nicht, faltete das Blatt wieder zusammen.
"H-Hey, V/N?!"
Hatte mich bereits zu dem kleinen Kieferbaum neben dem Orakelkasten begeben, um meine Vorhersagung anzuknoten.
"Was?", drehte ich mich meinen Kopf über die Schulter, "Das ist kein gutes Horoskop!" Und die schlechten hing man nämlich hier an einen Baum an, damit das Unheil vertrieben würde, "Und die hier alle auch nicht. Vermutlich hast du eins der zwanzig guten von zweihundert gezogen."
Ich drehte das Unglückspapier um einen Ast, doch da wurde es mir wieder abgenommen. "Hey!", beschwerte ich mich, fand jedoch keine Antwort.
Tooru hatte das Papier in seiner Hand und steckte es ein.
"Gib mir das zurück!"
"Nö."
"Was heißt hier Nö?"
"Es ist doch eine gute Vorhersage, heb sie auf!"
"Was ist daran gut? Tooru!"
Mein Freund ging bereits weiter, hatte die Hände in seinen Mantel steckend und tat so, als würde er mich nicht hören. Ich blieb erst noch an gleicher Stelle stehen, aber das hätte keine Wirkung auf ihn - wir waren beide stur, doch war er gerade noch sturer. "Mann, Tooru! Gib es wieder her!", meckerte ich.
"Ich sagte Nein!", guckte er mich jetzt ebenso etwas erbost an, als ich wieder neben ihn lief, "Nur weil du nicht so viel Glück hast wie ich, musst du's nicht gleich wegschmeißen!"
"Ich hätt's nicht weggeschmissen! Dafür sind die Kiefern doch da!", verbesserte ich trotzköpfig, "Außerdem waren das meine 200 Yen! Also gib mir mein Papier wieder!"
Tooru grummelte etwas, griff in die Manteltasche und ich dachte schon, dass er es mir tatsächlich wiedergeben würde, doch stattdessen... holte er zwei 100 Yen-Münzen hervor.
"Hier! Den Zettel kriegst du nicht!", drückte er mir das Geld in die Hand, stapfte mit erhobenen Kopf weiter.
Dieser... dieser...
"Du bist manchmal so ein Arsch!!", trat ich mit dem Fuß auf.
"Schön, dann bin ich eben 'n Arsch!", meinte er nur und hielt weiterhin nicht an.
Die nächsten Minuten blieben wir so still und liefen den schmalen gepflasterten Weg mit Abstand hintereinander her.

Mich nervte das.
Was machte er aus meinem Papierstreifen so einen Aufriss?
Wenn ich es wegschmeißen, anhängen oder es mir ins Haar packen wollte, war das doch mein Ding? Und dann drückt er mir auch noch echt die Münzen in die Hand?! Boah!!

Ich ließ meinen Blick zur Seite schweifen, las die kleinen Schildchen an den Bäumen, blickte ins Blätterdach über mir und dann schließlich aufs Meer. Ließ mich davon ablenken und beruhigen...
Wir kamen an einer Aussichtsstelle mit Holzbänken vorbei und einer Panoramabeschilderung, die die verschiedenen Inseln Matsushimas erklärten.
Hier pausierend, standen wir wieder nebeneinander. Tooru hatte seine Hände in seine Manteltaschen gesteckt. Er war also immer noch verärgert. Aufmerksam las er sich die Beschreibungen durch. Ich blickte zu ihm auf, aber er guckte mich nicht einmal an.
Tonlos die Luft ausstoßend, hakte ich mich dann einfach bei ihm ein.
"... Bist du sehr sauer?", fragte ich leise, blickte ebenso auf die Schilder, aber nahm gar nicht wahr, was dort geschrieben stand, starrte einfach nur drauf.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, als müsste er mit sich ringen, kam ihm dann über die Lippen:
"Ein bisschen. Aber ich bin sauer."
Es hinterließ bei mir ein leichtes Aufzucken der Mundwinkel.
"Mhm... kann ich das ändern?", lehnte ich meinen Kopf an seinen Arm und guckte süß zu ihm hoch. Augenklimpernd.
"Du brauchst gar nicht so süß zu tun, das passt gar nicht zu dir!!", bekam ich nun gleich eine Reaktion, die mich allerdings fast schon etwas beleidigte, dass ich ihn in den Oberarm kniff, "Au!"
"Geschieht dir recht! Ich dachte, ich bin deine süße, hübsche, clevere Freundin?", stellte ich mich jetzt direkt vor ihm und guckte ihn mit schmalen Augen an.
"Ja, aber nur süß, wenn du nicht so tust!", setzte Tooru nach, rieb sich den Arm.
"Aber hübsch und clever?"
Er schwieg, ein leichter Rotschimmer legte sich auf seine Wangen, den er mit den Rändern seiner Brille aber ein Stückchen verbergen konnte.
Und daraufhin legte ich einfach die Arme um seine Mitte, schob sie um seinen Rücken und drückte mich an ihn.
Tooru zögerte nicht lange, legte dann aber auch seine Arme um mich.
"Du bist doof", sprach er es aus und ich musste fast schon lachen,
"Selbst doof."
Wir drehten uns ein bisschen Richtung Meer, blieben einfach so stehen und blickten auf das glitzernde Wasser.
"Ich geb es dir trotzdem nicht wieder", musste mein Freund leise drauf bestehen, dass ich mit den Augen rollte.
"Meinetwegen." Ich gab nach.
Es war im Grunde ja auch alles gut... und wir spazierten dann weiter, entdeckten den kleinen Schrein, an den wir an den Glockensträngen ziehend und uns verbeugend, beteten, gingen weiter und kamen an einer Uferböschung direkt bis ans Wasser, wo wir ein, zwei Muscheln mitgehen ließen, aber meine Idee hier mit den nackten Füßen reinzugehen, bereute ich sogleich, als ich vor Schreck aufquiekte und Tooru mich nur mit einem "Hab ich dir doch gesagt" auslachte. Dann führte der Weg uns zurück zum Zentrum der Insel und wir mussten einen Anstieg über mehrere Stufenplateaus durch den Wald bewältigen. Direkt durch die Natur, umgeben von jener Stille und nur durchbrochen durch unsere Schritte und ein paar Zwitschergeräuschen und Gesängen von kleinen Vögeln.
"Gib mir deine Hand", bat mich Tooru und selbstverständlich griff ich sie, ließ mich von ihm sicher führen. Meinen Blick auf seinen Rücken habend, auf seine gerade und starke Statue, spürte ich ein warmes Gefühl aus meinem Inneren heraus bis in den kleinen Finger strömen.
Das Gefühl, dass Tooru und ich uns seit unserem Schwur gestern Nacht noch näher gekommen sind. Es war so schön, es fühlte sich so gut an. Mein Herz war wie beflügelt.
Nach diesem Ausflug auf die abgelegene Insel, ging es wieder zurück und wir machten Halt beim Zuiganji Tempel, an dessen Konstruktion der damalige Herrscher von Sendai Han, der berühmte Masamune Date involviert war, wo wir uns zur Mittagszeit im kleinen traditionell Restaurant Senchinan niederließen und dort das empfohlene Kaki Don, eine Reisschüssel mit reichlich schmackhaften frittierten Austern und Eiern als Auflage genossen.
Recht satt, teilten wir uns das Dessert und entschieden uns für Kuzukiri - Nudeln aus Pfeilwurzelstärke. Dieses geleeartige Dessert mit schwarzem Zuckerrübensirup hatte ich bisher noch nie probiert, aber... nachdem ich erst skeptisch war, fand ich es wirklich lecker.
Gestärkt und nun wieder weitaus besser gelaunt, ging der Tag schließlich nach etlichen weiteren Fußmeilen zu Ende und wir saßen schließlich gegen Abend am Bahnsteig, teilten uns noch eine Flasche Wasser, die wir aus dem Automaten gezogen hatten, weil die Salzkräcker, die wir unterwegs probiert hatten, einfach zu salzig waren. Warteten auf den Zug, der uns nach Sendai zurückbringen würde.
"Hast du... deinen Eltern eigentlich Bescheid gegeben?", fragte ich, während mein Blick in den Abendhimmel fiel.
"Hab ich."
"Und... Hajime?"
"Urgh...", machte Tooru und sah mich schräg an, "Es ist immer noch echt komisch, wenn du ihn so nennst!"
"Komm schon!"
Tooru wurde wieder etwas ernster.
"Habe ich."
Zufrieden nickend, lehnte ich mich an ihn, als dann auch schon die Bahnsteigansage ertönte und wir uns erheben konnten. Der Zug fuhr ein.

*


Dennoch blieb uns eine Standpauke nicht erspart.
Denn auch wenn Tooru Bescheid gegeben hatte, so hatten wir heute die Schule geschwänzt.
Seira verschränkte sauer die Arme vor der Brust und auch Kenzaburou war nicht besonders angetan von unserem Handeln, was ich beiden nicht verdenken konnte... aber das war es wert gewesen.
"Habt ihr noch etwas dazu zu sagen?", fragte uns Seira dann so streng wie möglich, aber auch erleichtert, dass es uns gut ging. Das sprach zumindest aus ihren Augen.
Tooru hob den Blick und hatte dabei immer noch meine Hand ergriffen.
Und ganz ehrlich erklärte er ihnen, warum er sich dazu entschieden hatte, mit mir stiften zu gehen. Erzählte von dem Ärger in der Schule und in meinem Team. Versprach auch, dass es nicht wieder vorkommen würde. Und er meinte es auch so.
Seine Eltern seufzten und sagten dann zerknirscht, dass sie uns den Tag entschuldigen würden, aber trotzdem müssten wir jetzt auf unsere Zimmer gehen! Alleine! Kein zusammen schlafen Zumindest... vorgeschobene Strafe sollte sein!
Unser Lächeln blieb uns jedoch auf den Lippen erhalten, als wir uns noch einen Gute Nacht-Kuss schenkten.


* * *


Ich fühlte mich seit längerem wieder sehr erholt, als ich am nächsten Tag aufstand, mich fertig machte, anzog und dann gemeinsam mit Tooru zur Schule ging.
An der Kreuzung trafen wir auf seinen besten Freund, der uns mit genervten Blick erwartete.
"Ihr treibt's echt auf die Höhe", murrte er zur Begrüßung.
"Dir auch guten Morgen, Iwa-chan!", grinste Tooru ihn an und erfuhr sogleich einen Klaps auf den Kopf.
"Nur Dummheiten im Kopf!", knurrte unser Ass, sah dann aber zu mir und ich erstarrte augenblicklich zur Salzsäule. Das letzte Mal Katz-und-Maus saß mir noch in den Knochen. Ich wollte nicht wieder gejagt werden.  "Wie geht es deiner Hand?", fragte mich Hajime dann ruhig und ich sah Sorge in seinen Augen. Sein Blick fiel auch auf meine Schulter, an der er mich gestern stark zurückhalten musste.
„Schon okay", meinte ich mit einem entschuldigenden Lächeln und trat leicht von einem Fuß auf den anderen, „Danke... dass du mich zurückgehalten hast."
„Na ja, eher schlecht als recht", verzog er den Mund zu einer schmalen Linie, „Ich hätte nicht gedacht, dass du so zuschlagen kannst."
„Ich auch nicht", gestand ich dümmlich lächelnd, „Ich mach es aber nie wieder. Tut zu sehr weh."
Tooru rieb sich währenddessen zwar noch den Kopf, blieb aber jetzt ruhig neben uns stehen.
„Zeig mal her", meinte Hajime da und griff nach meiner Hand, drehte sie, drückte auf den Handballen "Tut das weh?"
"Eh... nein..."
"Iwa-chan, was wird das?!"
"Halt die Klappe, Trashykawa!" Er wandte sich nach diesem Anschnauzer wieder mir zu, "Kannst du die Finger beugen?"
"J-Ja..."
Ich ließ das alles über mich ergehen und dann inspizierte er noch den Handrücken, ließ aber schließlich wieder los. Alles in Ordnung also? „Du hättest dir die Hand brechen können. Das Volleyballspielen hätte sich damit erledigt."
Ich blickte von Hajimes ernst dreinschauenden olivgrünen Augen auf meine verletzte Hand, die mit frischen Pflastern auf den Knöcheln gesegnet war. „Zumal dass mächtig Ärger für dich bedeuten kann..."
„Ich weiß..." Und damit gab ich ihm einen unerwarteten Klaps auf den Rücken und stiefelte los. Sorge hin oder her, ich wollte mir meine gute Stimmung behalten, „Los jetzt, Vizecaptain! Wir kommen zu spät!"

*


„Wen... habt ihr eigentlich überlegt, als Kapitän aufzustellen?", fragte ich die beiden Jungs dann, als wir nahe der Schule waren.
„Wissen wir noch nicht direkt, aber wir hatten an Watari oder Kindaichi gedacht", antwortete Hajime.
Ich nickte, war aber auch etwas überrascht. Das waren zwei vollkommen unterschiedliche Charaktere. Die zwei konnten mir die Verwunderung regelrecht im Gesicht ablesen, so dass Tooru zu Erklärung ansetzte:
„Watacchi ist zwar der ruhigere von beiden, aber zum einen weiß ich nicht, ob diese Ruhe auch ausreicht, um ein Team zusammenhalten und zum anderen wäre dies für ihn auch nur noch höchstens ein Jahr. Kindaichi ist mitunter etwas unbeholfen, aber hat noch Zeit sich zu entwickeln und kann diese nutzen. Er lernt schnell."
Wieder nickte ich, setzte dann aber vorsichtig zu Worten an:
„Ich hab bei Kindaichi zudem das Gefühl, dass er sich gut mitziehen lässt."
„Wie meinst du das?", fragte mich Hajime mit gehobenen Augenbrauen.
„Na ja... von... Tooru zum Beispiel. Oder von dir. Als Mittelblocker steht er oft alleine am Netz und hat es so schwer. Mit euch hingegen scheint er die Richtung zu erkennen, in die er gehen muss."
„Das macht's nicht einfacher. Als Kapitän musst du Entscheidungen treffen können", verschränkte mein Freund die Arme vor der Brust.
„Einen Nachfolger werden wir jedenfalls benennen müssen", merkte Hajime an.
„Das weiß ich, aber ich will's nicht über den Zaun brechen", murrte Tooru und stemmte die Hände in die Hüfte, „Yahaba wäre auch noch eine Idee. Er hat zudem Maddog-chan gut in Griff!"
„Ja, durchaus. Wenn er sich im Griff hat."
„Und Kunimi?"
„Zu introvertiert."
Wir diskutierten noch ein wenig weiter, kamen beim Schulgebäude an und da kam mir eine kleine Idee, was die beiden verdutzt zu mir sehen ließ.
"Ich... werde mit Kindaichi nachher mal reden. Lasst mich nur machen."
In diesem Moment rief jemand meinen Namen und mein optimistisches Gesicht fiel zu einem misslichen. Ich erkannte die Stimme. Es war Miraikawa.
Irritiert fuhr ich herum. Sie lächelte schwach.
Einen kurzen Blick mit den Jungs wechselnd, ging ich schließlich auf sie zu, hielt dabei den Griff meiner Schultasche etwas fester als nötig.
„Guten Morgen?", wünschte ich ihr und sie erwiderte diesen Gruß mit dem immer noch schwachen Lächeln, das mich mulmig fühlen ließ.
„Können wir reden?"
Ich nickte. Wir gingen aus der Hörweite von Tooru und Hajime, die uns nachdenkliche Blicke zuwarfen.
„Worum geht es?", fragte ich sie ganz direkt, versuchte dabei aber so normal wie möglich zu klingen. Sie hatte mich nichts getan und für sie musste es auch unangenehm sein, zwischen den Fronten zu sitzen.
Das Lächeln der Kapitänin verschwand nun völlig und es zeichnete sich fast schon so etwas wie Mitleid in ihren Augen ab.
Oh nein... Nein, nein, nein, nein!
Das... wollte sie nicht tun?
„V/N... ich hatte gestern ein langes Gespräch mit den Mädchen. Wir... haben uns noch einmal über die Situation zwischen dir und Yumei unterhalten."
Auf einmal wurde mir eiskalt. Es lag nicht am aufkommenden Wind, nicht an den Wintertagen an sich... aber mir wich sämtliche Wärme aus den Extremitäten, dass ich gar nicht spürte, wie krampfhaft sich meine Knöchel um die Trageschlaufe meiner Tasche legten.
Miraikawa hatte auf mich immer einen starken Eindruck gemacht.
Eine gute Kapitänin. Das war sie wirklich.
In diesem Moment spürte ich es umso mehr.
Es war nicht ihre persönliche Entscheidung, aber sie müsste eine fürs Team treffen.
Deswegen haderte sie gerade auch so und wirkte ganz und gar nicht standhaft...
„Glaub mir bitte, dass ich noch einmal versucht habe mit Yumei zu reden. Aber sie... es ist kein Rankommen. Und die anderen, gerade die Erstklässler, sie sind eingeschüchtert. Das, was da zwischen euch passiert ist." Dass ich Yumei geschlagen habe.

Klar...

„Ich nehme an... ich soll also das Team verlassen?", kam ich ihr hinzu.
Kein Gefühl, keine Emotion in meiner Stimme.
Es war für mich eine Wiederholung von dem, was ich bereits einmal erlebt hatte.
Die Kurzhaarige wollte etwas entgegensetzen, öffnete den Mund, aber... sie konnte es nicht.
Sie konnte nichts dagegen sagen.
„V/N, es tut mir leid... Es... tut mir wirklich leid."
„Schon okay!" Ich hob abwehrend die Hände vor mir, wollte nichts mehr hören, „Ist schon gut!" Meine Mundwinkel zogen sich gequält nach oben. „Keine Sorge, ich trete mit sofortiger Wirkung aus." Die Kapitänin guckte mich verdattert an. Sie hatte mit vielem gerechnet, mit Widerspruch, mit Diskussion, aber gewiss nicht damit. „Nein, du... brauchst das ja schriftlich", fiel mir da ein, „Dann gebe ich es direkt unserem betreuenden Lehrer."
Mein falsches Lächeln lag mir immer noch auf den Lippen. Ich konnte es nicht fallen lassen.
„V/N..."
„Entschuldige bitte, dass ich so viel Chaos gestiftet habe", sprach ich gleich wieder weiter, "Ich mach dir keinen Vorwurf und ich verstehe, dass du das tun musst, was für das Team am besten ist." Meine Hände legten sich auf meinen Rücken, hielten sich – von ihr nicht zu sehen – ineinander verkrampft fest. Mein Körper wollte mit einem Zittern reagieren, aber ich duldete das nicht. Noch nicht. „Und... ihr fungiert als Mannschaft wirklich klasse und du bist echt eine tolle Kapitänin! Es war schön, mit euch gespielt zu haben! Danke!"
Die erste Tonabfolge unserer Schulglocke erklang, die zum Reingehen aufrief. Obwohl es nicht laut war, schallte es um so mehr in meinen Ohren, dass ich regelrecht zusammenzuckte.
„Ich muss mich beeilen! Ich habe noch Bücher in der Schulbibliothek vor dem Unterricht abzugeben!"
Mit diesen letzten Worten machte ich auf dem Hacken kehrt und ließ Miraikawa stehen.
Ich rutschte fast auf einem der nassen Laubblätter am Boden aus, fing mich aber noch. Nicht allerdings mein hektischer Atem. Jetzt, wo sie nicht mehr in meinem Blickfeld war, konnte ich mir auf die Unterlippe beißen, konnte den verletzten Ausdruck in meinem Gesicht zulassen. Konnte unkontrolliert atmen, die Luft ausschnaufen. Ich verlangsamte meinen Schritt, als ich zu Tooru und Hajime aufschloss, die sich gerade noch einmal zu uns umdrehten, und versuchte meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu bringen. Es fiel mir verdammt schwer.
„Was wollte Miraikawa?", hakte Tooru als erstes nach und stockte, als er mich richtig ansah. Er griff nach meinem Arm, als ich bereits an ihm vorbei wollte, „V/N, was ist los?"
Mit einer unwirschen Bewegung machte ich mich los, atmete kurz aus und hob dann den Kopf. Ein so schlecht aufgesetztes Lächeln – wer sollte mir das abnehmen.
„Nichts, ich muss jetzt nur noch schnell die Bücher der Bibliothek abgeben! Hab ich vergessen!"
"V/N!" rief mir Hajime ebenso nach, aber ich hob nur die Hand, ließ sie verdattert stehen.

Doch statt in die Bibliothek, wo ich wirklich mit drei Büchern hinmüsste, bog in der Mädchentoilette ab. Ging in eine der Kabinen und schloss mich ein. Unfähig noch etwas zu tun. Der Vorhang fiel. Ich ging neben der Keramikschüssel in die Hocke, ließ mich von der Schwerkraft ziehen und schluchzte laut auf.
Schon wieder.
Schon wieder war es passiert.
Schon wieder hatte man mir etwas genommen, von dem ich glaubte, es endlich gefunden zu haben.
Sie werden alte Dinge wertzuschätzen lernen. Personen werden sich verabschieden ...
Scheiß Horoskop!
Warum kann nicht wieder alles so sein wie zum Turnier?
Ich schniefte, versuchte mich zusammenzureißen, als lachende Stimmen in der Toilette erklangen. Ein Blick auf mein Handy... noch fünf Minuten...
Ich musste mich zusammenreißen. Durchatmend, rieb ich mir die Wangen, nahm ein Stück Toilettenpapier und tupfte mir die Augen trocken.
Ging dann leise aus der Kabine und wusch mir die Hände. Kontrollierte meine Erscheinung im Spiegel. Man sah, dass ich geheult hatte, aber es war nicht so schlimm, dass ich mich nicht zeigen könnte...
Der Weg zum Klassenzimmer kam mir verdammt lang und träge vor.
Mein Weg schnitt sich im Erdgeschoss mit Ayako und Eri – die beiden sahen mich einen Moment unschlüssig an und eilten dann rasch weiter. Natürlich. Sie waren unsicher, weil sie jetzt die Konsequenzen kannten. Ich hatte gerade nicht einmal die Kraft dazu, mich drüber aufzuregen, dass sie die Flucht ergriffen, anstatt mit mir zu sprechen.
Oben in der dritten Etage angekommen, blickte ich in den Klassenraum.
Tooru war noch nicht da? Meine Mitschüler beachteten mich nicht einmal.
Sollte mir recht sein.
Ich ging zu meinem Platz und setzte mich. Meine Sachen aus der Tasche auspacken und in das Fach unter dem Tischpult legen wollend, zuckte ich zusammen. Irgendwas Nasses war da an meiner Hand. Ich zog sie hervor, merkte aber, dass es Fäden zog. Und da stach mir auch der Geruch von Sekundenkleber in die Nase. Nun gab es ein erstes Kichern im Raum.
Natürlich ging es von Kawamaki aus, die sich jetzt zu mir umgedreht hatte.
„Kommt's dir bekannt vor?", rief sie mir zu und einige der ihrer Anhänger an Jungs lachten versaut.
„Willst du eigentlich dafür verantwortlich sein, dass Oikawas Reputation für die Universität in Gefahr gerät?"
"Ja genau, stiftest ihn zum Blaumachen an! Tolle Freundin bist du!"
Ich antwortete nicht, sondern zog meine Hand einfach vorsichtig wieder aus dem Pult. Das war mir wichtiger. Und ... Glück gehabt. Nur ein bisschen später und ich hätte sie nicht mehr so einfach abbekommen. Die Klebefäden blieben allerdings, und ich musste die Finger gespreizt lassen.
Ich bräuchte Aceton. Im Chemiesaal hätten wir sicher etwas. Aufstehend, nahm ich mit der anderen Hand meine Tasche. Die würde ich ihnen nicht überlassen.
„Hey, ich red mir dir, Schlampe!", rief sie jetzt so laut, dass es jeder mitbekam. Ich blieb stehen. „Ich weiß ja nicht, wie du's ihm machst, dass er dir so am Rockzipfel hängt, aber-"
„Kawamaki, halt einfach die Schnauze", unterbrach ich sie da scharf und warf ihr einen vernichtenden Blick zu, „Schon mal überlegt, das Jungs es nicht leiden können, wenn ein Mädchen für alle die Beine breit macht?"
Sie sah mich schockiert, dann zornig an.
Ein tiefes wütendes Rot zeigte sich in ihrem Gesicht.
„Bevor du etwas sagst: Denkst du, du bist die Einzige, die Gerüchte in die Welt setzen kann? Was meinst du, was über dich geredet wird?"
„Das ist mir doch egal!", patzte sie, aber man merkte ihr dann, es alles andere als das war. Denn dann würde ja ihr hübsches Image außerhalb der Klasse in Gefahr geraten.
„Schön, soll ich's dann in der Schule rumerzählen?", ging ich noch eins weiter.
Jetzt stand sie abrupt von ihrem Platz auf, stapfte zu mir und blieb direkt vor meinem Pult stehen. Ich sah auf, „Und nun? Willst du mich schlagen? Nur zu. Ich halt still, dann kann ich dich anzeigen."
„Du-"
„Und ihr anderen", sprach ich dann zum Rest der Klasse, blickte in die Runde, welche geschwiegen hatte, „Ihr anderen seid doch nichts weiter als feige Mitläufer. Ihr lacht über ihre Witze, ihr macht bei den Schikanen mit und macht euch über einen eurer Mitschüler lustig, weil er mit mir zusammen ist. Nur weil ihr Angst habt, als nächstes dran zu sein. Eure Entschuldigungen vom letzten Mal sind hinfällig", sprach ich in die Richtung derjenigen, die auf mich zugekommen waren. Sie hatten wieder geschwiegen.
Aber sei es drum. Ich erwartete von diesen Leuten hier nichts mehr.
Mein Herz schlug demnach schneller vor Zorn, aber meine Stimme blieb monoton. Selbst, als ich Kawamaki wieder ansah, „Du bist nicht die erste, die mich schikanieren will. Und du wirst auch nicht die Letzte sein. Menschen sind so. Aber eins ist es immer wieder: armselig."
In dem Moment holte sie aus und verpasste mir einen Schubs nach hinten, so dass ich mit meinem Stuhl nach hinten kippelte und gegen den Tisch stieß, dabei zu Boden ging.
Das gäbe eine unschöne Prellung an der Hüfte. Auf meinen Lippen zeichnete sich hingegen ein kleines Lächeln ab. Ich hatte gewonnen. Das war ihre letzte Waffe gewesen.
„Ich danke dir", sprach ich dann erneut, „Für das, was du mir angetan hast. Für das, was du Tooru angetan hast... dafür krieg ich dich dran."
Und damit stand ich wieder gerade auf beiden Beinen und drehte mich um, um zum Chemiesaal zu gehen, in der Hoffnung, dass der zuständige Lehrer mir den Kleber ablösen konnte.
Doch als ich zur Tür raus wollte, blickte ich mit einem Mal meinem Freund entgegen, welcher noch im Türrahmen stand und... die Szene wie lange mitangesehen hatte?
Ich hob nur die klebende Hand, um mich an ihm vorbeizuschlängeln.
"Ich... möchte für ein paar Minuten allein sein", sagte ich ganz leise noch.
Tut mir leid, Tooru... aber ich brauchte die Ruhe...
Im Chemiesaal sah mich der zuständige Lehrer besorgt an. Ich erklärte ihm die Lage ehrlich, zuckte mit den Schultern. Seine dicken grauen Augenbrauen zogen sich zusammen, während er fix in eine der Schränke nach der wortwörtlichen Lösung suchte.
Ich hatte derweil auf einen der Hocker Platz genommen und wartete geduldig.
Warum hatte ich das eigentlich nicht schon viel früher gemacht?
Hatte es echt erst den Rausschmiss aus dem Team gebraucht, um Kawamaki zu provozieren und damit etwas in der Hand halten zu können? Vielleicht... war das jetzt endlich das eingeläutete Ende.

Es brauchte eine Weile, bis wir alle Klebestoffreste abbekommen hatten und der Chemielehrer ging dann mit mir zurück zum Klassenzimmer. Er wollte dem Kurs eine Standpauke halten.
Mir war es egal. Gerade... war mir eigentlich alles recht egal.
Nachdem ich mich so aufgeregt hatte, so erzürnt hatte, so wütend und enttäuscht gewesen bin, kehrte eine seltsame Leere ein.
Wir platzten mitten in den Mathematikunterricht und mein Klassenlehrer sah zunächst verärgert auf. Als er jedoch den Kollegen erblickte, schien er überrascht und gestattete ihm, seinen Vortrag zu halten. Ich setzte mich währenddessen auf meinen Platz, gab Tooru nur ein kleines Nicken, dass alles okay war, und packte meine Federmappe, Mathebuch und -heft auf den Tisch.
Der Chemie-Dozent sprach keine Namen aus, aber erklärte sehr eindeutig und mit Nachdruck, dass dies auch eine Körperverletzung war und nicht nur zu einer Suspendierung von der Schule führen würde, sondern auch eine strafrechtliche Anzeige bedeuten konnte. Ich glaubte, Kawamaki vorne sich verkrampfen sehen.


*


"Hey... alles okay?"
Ich drehte mich nicht um, obwohl Pause war, wusste auch nicht, was ich sagen sollte... okay... hm...
"Muss ja..."
"Sprechen wir nachher über das von heute Morgen?"
Da wandte ich mich nun doch zu ihm um, sah Tooru in die Augen. Er bedachte mich mit einem leicht eindringlichen Blick.
„Ich-"
„N/N-san?", wurde ich da unterbrochen und sah irritiert auf, von wo aus die Mädchenstimme gekommen war. Es waren die beiden, welche mich an dem Exkursionstag so neugierig angesprochen hatten. Sayuri und Nanako. Sie wirkten bedrückt. Schuldig. „Wir... es... es tut uns leid", sprach Sayuri mit ihren brünetten langen, zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haaren, „Du... hast recht. Wir hätten nicht einfach stumm bleiben sollen." Ihre Freundin nickte, „Entschuldige. Verzeih uns bitte... " Ich nickte nur.
Ich war zu müde für noch mehr Auseinandersetzungen.
„Danke", sprach ich, „Ich weiß eure Entschuldigung zu schätzen."
Dann sahen sie erst sich an und schließlich Tooru, schienen sich noch unsicherer.
Die anderen aus der Klasse hatten sich zu uns umgedreht. Manche schienen ebenso verhalten zu sein. Wollten vielleicht auf uns zugehen, aber waren nicht mutig genug, um aufrichtig zu werden.
„O-Oikawa-kun, es... tut uns leid!", entschuldigten sich die beiden Mädchen mit einem Mal synchron bei meinem Freund, verbeugten sich ebenso leicht wie schon bei mir zuvor.
„W-Wieso? Warum entschuldigt ihr euch bei mir?", blinzelte Tooru total verblüfft.
„Na ja... es... betrifft ja auch dich", meinte die Nanako mit ihren schwarzen, schulterlangen Haaren, „Du... bist ihr Freund. Ihr Seid zusammen und... musstest auch einiges einstecken..."
Toorus verwunderter Ausdruck im Gesicht fiel und nach einer fünf Sekunden, in denen er sie nur anstarrte, zuckten seine Mundwinkel schließlich leicht hoch.
„Ja, das sind wir."

Und dann tat er etwas, was so vermutlich niemand erwartete:
Er erhob sich, nahm meine Hand und zog mich mit sich nach vorne vor die Klasse.
Wir wurden beobachtet, mit undefinierbaren Blicken. Es war kein Hass, keine Verachtung.
Die meisten wussten nicht, was sie sagen oder denken sollten.
Mit seinem typischen selbstbewussten Lächeln auf den Lippen hielt Tooru einfach unsere Hände empor: „Mal hergehört. Falls es wer immer noch nicht verstanden hat – N/N ist meine Freundin. Wir sind glücklich miteinander und haben bereits Pläne für den Abschluss gemacht!"
Ich sah ihn mit großen Augen an. Was hatte er vor?
Die anderen blinzelten ebenso irritiert.
„Mag sein, dass es einigen von euch nicht passen wird, weil sie ziemlich ruppig rüber kommt und uns nicht unbedingt mit offenen Armen entgegen kam."
Was.... hatte... er... vor?
„Aber V/N-chan ist das Beste, was mir passieren konnte!"
Tooru sah nun zu mir und schenkte mir ein anderes Lächeln – eins, was nur für mich bestimmt war. Eins, was die Liebe ausdrückte, die er zu mir fühlte. „Und ihr müsst damit nicht einverstanden sein, aber... lasst uns die letzten drei Monate hier nicht wegen einer Person als Feinde enden."

In diesem Moment kam ein Pfeifen von hinten. Es war nicht spöttisch gemeint, denn die Blicke richteten sich glasklar gegen Kawamaki in der vordersten Reihe, welche ungläubig die Hände zu Fäusten geballt hielt.
Und Nanako und Sayuri taten etwas noch verrückteres: sie applaudierten.
Sie waren die ersten, die sich jetzt outeten, dass sie die Schnauze voll von der dicken Luft hatten.
Ich war ehrlich überrascht.
Verwundert, wie die Stimmung zu kippen begann.
Wie sich auf einmal alles... aufhellte.
Und dann... waren es nicht nur diese beiden. Es erklang da nicht nur Applaus, sondern auch ehrliche Glückwünsche.
Ausnahmsweise trugen Kawamaki und ich den gleichen Gesichtsausdruck, weil wir es beide nicht glauben konnten. Ich verstand nicht.
Die schwere Gewitterwolke begann sich aufzulösen, die sich hier über unsere Köpfe gebildet hatte. Einfach, in dem Tooru wie auch in der Mannschaft die Kapitänsmütze aufgesetzt hatte.
Ich zwang mich zum Lächeln.
Nein, ich hatte mit diesen Menschen hier so gut wie nichts zu tun. Ich würde ihnen auch nicht nahe kommen. Nicht in drei Monaten. Nicht, solange sie nicht einsahen, dass Mobbing und Schikane nicht einfach mit einer Entschuldigung gegessen waren.
Aber... wenn wir so wenigstens miteinander auskämen, wäre das mehr als genug.
Es ließ das unruhige Knäuel in meinem Magen etwas kleiner werden.
Ich fühlte mich nicht mehr so erdrückt.
„N/N-san, Oikawa", sprach dann einer der Jungs, die eben noch mit Kawamaki gelacht hatten, „Sorry... ich... muss mich auch bei euch beiden entschuldigen. Ich war derjenige, der das an die Tafel geschmiert hat." Meine Augen verengten sich. Das hatte ich nicht vergessen. „Und... ich war das auch, der deinen Tisch beschmiert hat."
„Du hast zumindest Talent im Unterschriften pfuschen", gab ich trocken hinzu.
Er rieb sich den Nacken, blickte zu Boden. Daraufhin zog ich scharf die Luft ein. Schweigen wollte ich genauso wenig und konnte es auch nicht mehr. Dafür hatte mich das alles einfach zu fertig gemacht. Diese Feigheit, diese Ungerechtigkeit. Alles.

„Vergessen tue ich es nicht", sagte ich dann bestimmt und ich spürte, dass Tooru meine Hand stärker drückte, „Und bis ich das vielleicht verzeihen kann... wird brauchen. Ihr habt mir damit echt zugesetzt. Und... mit solchen Hassnachrichten, solchen Dingen... kann man Menschen in den Selbstmord treiben. Schon mal daran gedacht?" Der Junge sah irritiert zu mir auf.
Die eben oberflächlich kreierte freudige Atmosphäre wurde ernst, und ich hatte etwas ins Rollen gebracht, dass ich nicht mehr aufhalten konnte. Und auch nicht durfte.
Sie müssten es endlich kapieren.
„An meiner alten Schule hat sich ein Junge das Leben genommen. Er wurde gemobbt. Wie rauskam, zwei Jahre lang. Jeden Tag klaute man ihm seine Sachen, warf ihm Müll in das Schuhfach. Im Sportunterricht sorgte man dafür, dass er Unfälle baute. Klassendienst musste er alleine machen. Freunde hatte er keine mehr. Eines Tages gingen sie weiter, schickten ihm Hassnachrichten. Bombardierten seine Social Media Kanäle. Am Tag der Abschlusszeremonie dann sprang er vom Dach – vor den Augen aller."
Es herrschte emsiges Schweigen. Anhand der Blicke konnte ich erkennen, dass sie nicht wussten, ob ich mir das jetzt nur ausdachte oder dass so etwas wirklich real und nicht nur Inhalt eines J-Dramas war. Selbst Tooru starrte mich an - wenn es bei ihm aber vermutlich eher Entsetzen und die stumme Frage darüber war, ob ich es etwa hatte mitansehen müssen.
„Das ist vor fünf Jahren passiert", klärte ich schließlich auf, mit einem entschuldigenden Ausdruck in den Augen, zu ihm sehend, weil ich mich so unklar ausgedrückt hatte, "Die Lehrer haben seitdem mit jedem ersten Jahrgang Ijime-Prävention betrieben. Darüber geredet, aufgeklärt, Beispiele genannt... Das sorgt zwar nicht dafür, dass es komplett aufhört, aber... die Mobbingvorfälle sind tatsächlich über die Zeit ein wenig zurückgegangen. Deswegen... seid vorsichtig mit solchen Dingen. Worte können schmerzen."
„Sorry...", sprach der Junge, welcher sich eben bei mir bereits entschuldigt hatte, ein weiteres Mal. Jetzt aber weitaus reumütiger. Es schien, er hätte es begriffen.
Und dann wandte er sich an die anderen, drehte sich zu ihnen um,
„Hey... wir sollten uns alle bei den beiden entschuldigen, vor allem aber auch... bei N/N."
Unsere Mitschüler zuckten zusammen.
Er blickte mich wieder an, holte Luft und sprach dann lautstark im selben Atemzug, wie er sich ehrerbietend um 90 Grad vor mir verbeugte: „Es tut uns leid!"
Nur wenige Sekunde Stille, wo die anderen sich ansahen und mehr oder weniger im Einklang nachkamen: „Es tut uns leid!!"
Die Einzigen, die sich raushielten, waren Kawamaki und ihre verbliebenen zwei Gefolgschaften. Doch sei es drum.
Ihre Herrschaft war vorbei. Sie hatte bis auf diese beiden keine Anhänger mehr. Niemand, der auf sie hörte. Und... die Anzeige würde kommen. Das ließ ich nicht auf mir sitzen.

„Was ist denn hier los?", erklang da die Stimme unserer Lehrerin für Modernes Japanisch im Raum und sah die sich vor Tooru und mir verbeugende Gemeinschaft irritiert an.
Die Köpfe der Klasse hoben sich wieder. Der Junge, der eben mit mir gesprochen und diese Gruppenentschuldigung angestachelt hatte, sah mir vorsichtig entgegen.
Ich atmete durch und nickte schließlich.
Angenommen.
Er starrte mich an und... seine Wangen röteten sich dann leicht. Prompt hatte mich Tooru aber auch schon herumgedreht und mich an seine Brust gedrückt, die Arme sicher um mich gelegt, als wäre ich ein wertvoller Schatz, den man ihm stehlen wollte.
„Hey, nimm das nicht zum Anlass, meiner Freundin schöne Augen zu machen!", blaffte er daraufhin.
„O-Oikawa, das würde ich nie!!"
„Jetzt setzen Sie sich endlich! Die Pause ist vorbei!", rief da die Lehrerin dazwischen. Wir starrten sie an, aber da schob mich Tooru an den Schultern schon zu unseren Plätzen.
War es das jetzt? Hatte sich damit das Problem Kawamaki erledigt?

* * *


„Kunimi-kun, jetzt beweg dich doch mal!", klang meine Stimme verärgert übers Feld und der Angesprochene sah mich nur murrend an. Es gab keinen Grund zu viel Einsatz zu zeigen – ja, ich kannte die Leier. „Dadurch wird deine Kondition auch nicht besser!", rief ich noch und er grummelte umso mehr.
Eigentlich hatten wir ja kein Training... aber in mir hatte sich eine Menge Energie angestaut. Ebenso in Tooru und sobald wir mit Mattsun, Makki und Hajime in der Mittagspause gesprochen hatten... das sah bei ihnen nicht anders aus.
Seijohs Volleyballclub war zu Freuden der Jüngeren wieder in alter Formation und gab sich ehrgeizig dem Training hin. Tooru als Kapitän leitete an, Hajime blieb die stützende Säule und dank unserem Meme-Paar hatten wir mehr als nur einen Lacher. Man konnte richtig merken, wie sich die Stimmung aufgehellt hatte, kaum waren wieder alle beisammen.
Dennoch drehte ich mich auf Kunimis mangelnde Einsatzbereitschaft seufzend um, machte einen Haken auf meiner Liste und wandte mich dann Kindaichi zu, beobachtete ihn. Als er vom Feld ging, da Watari als Libero hinten einwechselte, rief ich ihn zu mir. Wir hatten vielleicht ein paar Minuten, bis er wieder rein müsste, um vorn am Netz zu spielen. Ihm das Handtuch reichend, das er dankend entgegennahm, senkte ich mein und lächelte ihn erst einmal einfach nur an. Es irritierte ihn, dass er mir einen verwirrten Blick zuwarf.
„Kindaichi-kun... wen... würdest du als Kapitän vorschlagen?", platzte ich also mit meiner Frage heraus und nun starrte er mich umso verblüffter an.
„Eh? Nun ja..." Er ließ seinen Blick schweifen. Seijoh bestand aus vielen Drittklässlern, da war das gar nicht so einfach zu beantworten. Er schaute zu Kentarou und Watari. Zu Yahaba. Zu Kunimi... „Hm... Watari-san vielleicht?" Ich nickte nur, dass er ruhig weitersprechen sollte, „Ehm... er ist ruhig und immer besonnen. Ich glaube, das wäre gut fürs Team." Hatte ich mir fast gedacht.
„Und was ist mit Kunimi? Watari würde auch nur ein Jahr noch mitmachen, ihr hingegen zwei. Ihr... könntet ähnlich wie euer Captain jetzt das Team völlig aufstellen. Was reißen", gab ich zu bedenken und hielt die Hände in der Taille gestützt.
„Na ja, du weißt ja... er ist nicht der Motivierteste", lachte Kindaichi da fast schon, "Jedenfalls nicht sichtbar. Dafür kann er seine Kräfte gut einteilen. Das hat er früher schon. Wenn alle anderen müde waren, konnte man auf ihn zählen. Strategisch definitiv. Aber..."
„Aber?"
„N-Nun, ich will das nicht entscheiden", rieb er sich unangenehm fühlend den Kopf, „Immerhin bin ich nicht der Einzige in der Mannschaft. Und ich glaube nicht, dass Kunimi unbedingt leiten möchte. Ich kenn ihn."
Und da kam uns auch schon Watari uns entgegen und Kindaichi wurde fix das Handtuch los, rieb sich damit noch das Gesicht trocken und eilte fix aufs Spielfeld zurück.
Die Arme vor der Brust verschränkend, zog sich mein linker Mundwinkel leicht hoch. Kindaichi Yutarou... Doch, du warst unser richtiger Kandidat.
Ich spürte, wie mir Tooru und Iwaizumi fragende Blicke zuwarfen, weil Kindaichi irgendwie neben der Spur schien. Daumen und Zeigefinger zu einem O formend, hob ich allerdings bloß meine Hand. Das könnten wir später besprechen.
Und da hörte ich sie. Das leise Schnattern der Mädchen. Ich hatte mich schon gewundert, warum das Training mit einem Mal ausfiel, aber das tat es nicht: Sie hatten ihre alten Zeiten wieder aufgenommen und kamen auch etwas gemütlicher zu dieser in der Halle.
Schluckend, nahm ich meine Arbeit wieder auf, kümmerte mich einfach um das, was ich zu tun hatte und versuchte ihnen gegenüber meine Ohren zu sperren.
Sie lachten, als sie die Halle betraten. Yumei am lautesten. Ich konnte sie gar nicht ignorieren.
Miraikawa ging als Schlusslicht, wie ich aus einem Seitenblick heraus bemerkte. Ich sah, dass sie zu mir rüberschaute, richtete meine Augen fix auf mein Heft, auf die leere Zeile, über der mein Stift schwebte.
„Habt ihr die Trainingszeiten wieder geändert?", wunderte sich da Hanamaki, als er ausgewechselt war und zu mir trat, um nach seiner Wasserflasche zu greifen.
„Ja, scheint so", gab ich tonlos von mir, doch sein fragender Blick ließ mich sogleich weiterreden, „Es gibt ja jetzt keinen Grund mehr, so energisch weiter zu trainieren, nicht?"
„Solltest du dann nicht rübergehen?"
„Nein, schon gut! Ich bin doch eure Managerin! Und ich muss euch helfen unsere Küken groß zu ziehen!", setzte ich ein großes Lachen auf.
Vielleicht rief ich sogar mit voller Absicht meine Worte extra laut aus um damit für Aufmerksamkeit zu sorgen. Vielleicht nahmen es mir die Jungs – Hajime und Tooru – auch nicht ab. Das war mir aber egal. Die Mädchen taten es. Manche sahen kurz rüber, ignorierten mich aber daraufhin komplett und begannen sich auf Miraikawas Geheiß, sich aufzuwärmen.
„Ich fülle fix die Flaschen auf!", kündigte ich dann an, nahm den Getränkekasten mit den fast komplett leere Trinkflaschen am Tragegriff und begab mich flink nach draußen, zur Waschbeckenanlage für die Sportler, die wir als Nachfüllstation nutzten.
Den Kasten dort auf den Boden abstellend, legte sich auch ebenso mein breites Grienen.
Ich öffnete den Wasserhahn, ließ das Wasser etwas laufen und hielt meine Hände drunter, um mir eine Ladung davon ins Gesicht zu spritzen.
In Ordnung. Alles in Ordnung.
Ich war immer noch Managerin des Volleyballclubs der Jungs.
Ich war nicht komplett weg.
Ich hatte immer noch das.
Es war alles ... in Ordnung.
Die Flaschen nach und nach auffüllend, kam ich mit dem schweren Getränkekasten im Schlepptau zurück. Ich blieb kurz am Türrahmen stehen, blickte in die Halle.
Die Jungs spielten natürlich eifrig weiter: Tooru passte zu Hajime, welcher einen harten Angriff reinbretterte, den die andere Seite kaum anzunehmen vermochte.
Und... die Mädchen hatten sich auf dem anderen Spielfeld ebenso eingespielt und begannen mit ihrem Match.

Seltsam...

Wenn ich so von außen zuguckte... irgendwie... kam ich mir regelrecht nichtig vor.
Unbedeutend.
Sollte ich überhaupt hier sein?
„Hey, lasst uns doch wieder ein Spiel gegeneinander starten!", hörte ich Yumei gut gelaunt rufen. Mir sackte das Herz in die Hose und ich fühlte, wie ich die Balance zu verloren drohte.
„Gute Idee!", rief Yahaba da.
„Du hast es doch nur auf Aya-chan abgesehen!", wurde er von einen seiner Senpais veräppelt, woraufhin der Angesprochene auch noch rot wurde – ebenso Ayako. Das konnte ich bis hier erkennen. Lief da etwas?
Ich ging wortlos auf die Jungs zu, stellte den Kasten ab.
„Hey, N/N-san, du spielst doch mit, oder?", rief Mattsun mir mit einem motivierten Lächeln zu. Den Jungs noch den Rücken zugedreht haltend schluckte ich schwer.
Bewahre deine Haltung.
„Nee, lasst mal", meinte ich und wandte mich dann zu den anderen um, „Wenn ich spiele, kann ich euch nicht beobachten und hinterher rumkritisieren, oder?" Verwunderte Blicke.
Klar... sie dachten, das vom letzten Mal hätte sich geklärt.
Mädchenstreit eben. Zickereien und so.
Hatte es aber nicht...
Ungewollt sah ich zu Yumei. Ihre Reaktion abschätzend. Ihr Lächeln ragte bis zu beiden Ohren. „Ach komm, übertreib's nicht!", kam es da ausgerechnet von Kentarou, der mit mir sonst kaum redete. Warum musste er es jetzt tun? Normalerweise hätte ich mich gefreut, aber sein „Mach mal 'ne Pause" sorgte für noch mehr Druck auf meinen Brustkorb.
Die Mädchen sahen mich unsicher bis verdrießlich an. Masami hatte stur den Blick abgewandt. Eri schaute unbehaglich zu Boden. Zwei andere, die mit Yumei gut konnten, bedachten mich mit bösen Blicken.
„Einmal Managerin, immer Managerin", meinte Yumei dann und zuckte mit den Schultern, die Unschuldige spielend, „Ist halt nicht so einfach. Also los, lasst uns die Mannschaften aufteilen."

*

Ich saß auf der Bank. Oder stand viel mehr an der Wand gelehnt, weiter ab vom Spielfeld.
Zwar versuchte ich mich auf die Jungs zu konzentrieren, versuchte meine Aufzeichnungen fortzuführen, konnte es aber nicht. Immer wieder gerieten mir die Mädchen ins Bild.
Mein Herz raste vor Anspannung, irgendwie war mir schlecht und schließlich hörte ich sogar komplett auf, meine Punktestatistik zu führen und starrte einfach nur vor mich her.

Was... mach ich hier überhaupt?

„Wuah!"
Ich zuckte zusammen, als mir ein Handtuch gegen den Kopf geflogen kam und mitten ins Gesicht traf. Es auffangend, sah ich mit abstehenden Haaren auf, erkannte, dass es Hajime war, der mich mit strengem Blick bedachte.
Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass sie einen Spielerwechsel vollzogen hatten.
Verdammt. Schnell notierte ich das nach.
„Kannst du mir mal sagen, was mit dir los ist?", fragte er leise und blieb direkt neben mir stehen, „Oder eher, was mit denen los ist?" Er nickte zu den Mädels, „Die schneiden dich, als hättest du sonst was ausgefressen. Und Miraikawa sieht aus, als hätte sie einen Packen Schuld auf sich geladen."
Meine Unterlippe begann zu zittern. Ich biss auf diese und trat nervös von einem Fuß auf den anderen.
"Hat es was mit heute Morgen zu tun? V/N?"
... Ich könnte es ihm sagen, oder?
Hajime... konnte ich's doch sagen?

„V/N?" Ich kam mir vor wie ein kleines Kind, dessen Spielzeug man geklaut hatte und dass es sich nicht mehr zurückzuholen wusste. So kindisch...
Ich sah für einen Moment an ihm vorbei, sah, wie Tooru Yumei zuspielte, sie einen harten Angriffsschlag landete und sie sich daraufhin feiernd abklatschten.
Ebenso der Rest des Teams.
Ich ertrug das nicht.
Hajime an der Hand packend, zog ich ihn ein paar Meter weiter, raus aus der Halle.
So überrumpelt, war er simpel mitgestolpert, hatte zwar noch protestiert, aber da ließ ich ihn ja auch schon wieder los. Mich an dem Handtuch in meiner Hand festkrallend, blickte ich zu Boden.
„Ich... bin nicht mehr im Team. Sie haben mich rausgeschmissen", platzte ich mit der Wahrheit raus.
„Bitte was?" Er guckte mich ungläubig an, blinzelte und als ich meine Augen auf ihn richtete, sah ich, wie eine heftige Stressader auf seiner Stirn sichtbar wurde, „Haben die den Arsch offen oder was?"
„H-Haji-"
„Darum ging's heute morgen? Meine Fresse, warum sagst du uns das nicht gleich?!"
Ich sah ihn perplex an. Er überlegte kurz, seufzte dann tonlos, um sich zu beruhigen und senkte wieder seine Stimme, „Statt wegzurennen und wieder alles mit dir selbst auszumachen..." Er warf mir dann einen fragenden Seitenblick zu, „Was war der Grund für ihre Entscheidung?"
Ich schüttelte hilflos den Kopf,
„Miraikawa meinte, es wäre die allgemeine Unsicherheit im Team..."
„Und was denkst du?"
„Ich will keinen weiteren Streit provozieren", sprach ich schnell und wich der Frage aus, „Es... sind eh nur drei Monate. Die Chance, zu den Nationalmeisterschaften zu fahren, haben wir verpatzt.Und ich bin immer noch eure Managerin. Das reicht doch!"
Hajime schwieg einen Moment, musterte mich und hielt die Arme vor der Brust verschränkt.
„Und dich hier so vorführen zu lassen, ist für dich auch okay?"
„Mir sind die Hände gebunden", erwiderte ich resignierend, klang dabei aber nicht gerade weniger verzweifelt, „Und ich kann das gerade einfach nicht. Ich kann gerade nicht weiter gegen ankämpfen." Tooru und ich hatten in der Mittagspause kurz angesprochen, dass sich die Lage in der Klasse jetzt vielleicht endlich beruhigt hätte. Darüber war ich so verdammt erleichtert... "Ich fühl mich einfach nur müde vom vielen kämpfen. Ich will... einfach nur... endlich meine Ruhe."
Scheiße, warum musste ich so weinerlich klingen!?
Ich hatte ihm das doch nur sagen wollen, damit keine weiteren Fragen kämen! Damit er es wüsste und... und jetzt war ich wieder davor zu heulen! Und das auch noch hier, wo nur wenige Meter Yumei gewiss drauf wartete, dass ich den Schwanz einkniff... sagte mir zumindest mein dämlicher Kopf.

Da zog mir Toorus bester Freund das Handtuch so ruckartig aus der Hand, dass ich mit dem Oberkörper mitging und im nächsten Moment von ihn umarmt wurde.
Wie neulich, auf dem Dach. Aber jetzt war es tröstender Natur. Mir Sicherheit gebend.
„Okay."
Mehr nicht. Einfach nur ein Okay.
Hajimes Hand streichelte mir etwas unbeholfen über den Rücken, während die andere an meinem Hinterkopf lag. Aber das genügte mir schon. Die Wärme, die von ihm ausging. Seine ehrliche Fürsorge.
Ich lehnte meine Stirn an seine Schulter und erlaubte mir schließlich den Druck loszuwerden und stumm zu weinen. Nur ein paar Sekunden... nicht lange... nur... bis ich wieder atmen konnte.
„Geht's wieder?" Ich nickte leicht.
"Du... bist total verschwitzt", murmelte ich und brachte ihn damit zum Knurren.
"Sorry, dass ich nicht Trashykawa bin!", gab er gewohnt mürrisch von sich, was mich still schmunzeln ließ.
"Brauchst du auch nicht", widersprach ich so, legte die Arme um seine Mitte und verschränkte die Händer hinter seinem Rücken, dass wir uns etwas mehr aneinander drückten.
Ich spürte, wie unser Ass sich etwas versteifte, weil ich ihn so ganz bewusst festhielt. "Ich... brauch keinen zweiten Tooru. Aber... ich brauche einen Hajime. Einen sehr guten Freund...", sprach ich weiter, löste mich dann von ihm und wischte mir noch einmal über die Augen. Mir einmal gegen die Wangen klapsend, atmete ich ganz tief ein und aus.
Daraufhin zu Hajime sehend, der einen merklichen Rotschimmer auf den Wangen trug, hielten wir kurz Blickkontakt, ehe er meinen Kopf einfach runterdrückte und voller Absicht etwas harscher klang,
„Komm rein, bevor wir noch gesucht werden!"
Zurück in der Halle hatten sie jetzt den Satz beendet.
„Oi, da seid ihr ja!", rief Kindaichi und kam auf Hajime und mich zugelaufen, „Wir wollten gerade die Mannschaften nochmal durchmischen."
Tooru wandte den Kopf über die Schulter. Yumei blickte ebenso zu mir, ein wissentliches Lächeln tragend. „Von den Mädchen ist gerade eine rausgegangen, hat sich irgendwie den Finger und so verknackst. Willst du nicht doch mitmachen?", hakte der Mittelblocker bei mir nach, mich bittend ansehen.
Hajime wollte etwas sagen, vermutlich einspringen, aber ich kam ihm zuvor. Er sollte nicht meine Kämpfe für mich austragen.
„Nein, tut mir leid", sagte ich da mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen. Und diesmal... tat es nicht ganz so sehr weh, „Ich bin nicht mehr im Mädchenvolleyball-Team."
Die Jungs starrten mich verwundert an, Tooru ganz besonders.
Die Mädchen hingegen guckten etwas betreten und sauer drein. Yumei war das Lächeln vergangen. Dass ich das öffentlich machte... damit hatte keine von ihnen gerechnet.
„Wie jetzt? Seit wann?!"
„Seit heute Morgen", spannte ich den Bogen noch stärker und ließ meinen Blick von Kindaichi zu der Schwarzhaarigen mit dem kinnlangen Haare schweifen.
Kein Kommentar. Kein Wort. Nur dieser eine Blick.
„Aber keine Sorge. Ich bleibe euch weiterhin als Managerin erhalten!", lächelte ich nun ehrlich, „Das ist das Wichtigste! Ihr könnt auf mich vollkommen zählen! Also, strengt euch an!" Die Faust erhoben, grinste ich meine Jungs an. Ich war stolz auf sie.
Ich war stolz auf dieses Team. Ich war stolz, dass sie... mich aufgenommen und akzeptiert hatten.
„Ich geh rein", sprach Hajime dann, legte mir noch einmal die Hand auf die Schulter und wechselte daraufhin die Feldseite.
Damit war die Diskussion beendet und für den Rest des Trainings konzentrierte ich mich nur noch auf meine Aufgaben: Aufpassen, protokollieren, Hinweise geben.
Es fiel mir leichter.
Zwar war es immer noch nicht vollkommen okay für mich, aber es fiel mir immerhin etwas leichter.


* * *


Liebes Tagebuch (ich schreibe sonst nie so!),
die Klasse scheint sich jetzt beruhigt zu haben... Und... ich bin nicht mehr im Mädchenvolleyball-Team.

Ich legte den Stift zur Seite, wusste nicht, was ich noch schreiben sollte.
Mein Kopf drehte sich über meine Schulter, zur Tür hin.
Tooru befand sich in seinem Zimmer, meinte, dass er irgendetwas lernen müsste.
Er war mir auf dem Rückweg schon so ruhig vorgekommen. Nicht, dass er pampig gewesen wäre oder so... aber... er hatte kaum gesprochen. Ich machte mir Gedanken...

Durchatmend, erhob ich mich, ging aus meinem zu seinem Zimmer und schob um einen kleinen Spalt die Tür auf – dieses Mal ohne zu klopfen. Ich hatte eh das Gefühl, dass er mir nicht antworten würde. „Tooru?"
Tatsächlich antwortete er nicht. Konnte er aber auch nicht, denn er hatte Kopfhörer auf. Vor seinem Bildschirm sitzend, blickte er konzentriert auf die Mattscheibe.
Seit ich hier war, hatte ich noch nicht erlebt, dass er wirklich alles um sich herum ausblendete, so extrem fokussiert war. Scheuklappen trug.
Ich trat ein, ging zu ihm und hockte mich hinter ihm. Meine Augen auf den Bildschirm richtend, erkannte ich, dass er eine Aufzeichnung des Spiels Seijoh gegen... Shiratorizawa anschaute? Warum?
Ich legte seitlich die Hände an seine Kopfhörer und in dem Moment, als ich sie abnehmen wollte, fuhr er erschrocken herum,
„W-Wuah, V/N!" Tooru landete fast vornüber und drehte sich auf dem Hintern gelandet zu mir um, „Mann... mach das nie wieder!"
„Sorry", murmelte ich und kniete mich nun hin. Die Hände auf meine Beine gelegt.
„Was... nun so förmlich?!", sah er mich erst recht irritiert und misstrauisch an.
Einmal Luft holend, sprach ich es einfach direkt aus:
„Bist du böse auf mich?"
„Hä?!" Tooru blinzelte mich an, schloss dann seinen Mund und reckte nach kurzem Überlegen das Kinn, „Warum sollte ich böse auf dich sein?", setzte er sich dann in den Schneidersitz ordentlich hin und schaute mir direkt in die Augen.
„Weil ich dir nichts erzählt habe. Mal wieder..."
Er schwieg und hielt den Mund zu einer schiefen Linie verzogen. Noch ein Wort und er würde schmollen. „Du hast mit mir seit vorhin nicht mehr richtig geredet.
Da, seine Wangen nahmen etwas an Fülle an. Treffer.
Den Kopf in die Hand legend und den Ellbogen aufs Knie aufstützend, schlossen sich seine Augen.
„Ich bin nicht böse... Ich bin einfach nur extrem angenervt, dass du dich von Iwa-chan trösten lässt, statt zu mir zu kommen!", platzte es da raus.
„Du standest doch mitten auf dem Feld!", stellte ich klar.
„Ja, eben! Das frustriert mich ja so!"
Nun musste ich ihn wie ein Auto angucken. Verstand ich nicht...
Tooru stöhnte genervt, ließ kurz den Kopf hängen und rieb sich diesen dann, als er wieder etwas aufsah. „Ich will halt nicht, dass zu einem anderen gehst. Auch nicht zu Iwa-chan. Wenn etwas ist... sollst du zu mir kommen. Ich bin dein Freund... ich... will für dich da sein."
Ich stieß tonlos die Luft aus und verschränkte dann für eine Sekunde die Arme vor der Brust.
Hajime ist für mich zu einem guten Freund geworden... war das nicht okay?
„Arrrrgh... und wenn ich das dann nicht kann, nervt es mich total!" Er ließ erneut den Kopf hängen. Daraufhin löste ich meine strenge Haltung und lehnte mich etwas vor, wollte ihm ins Gesicht sehen. „Du... hättest heute morgen was sagen können. Ich weiß, dass du geweint hast." Mein schlechtes Gewissen machte sich wieder breit. „Statt dich allein damit rumzuquälen. Dann noch das in der Klasse. Ich hab mir echt Sorgen gemacht..." Selten war er so ruhig und ehrlich, was negative Gefühle betraf.
„Entschuldige", war es da an mir, um Verzeihung zu bitten und reichte mit meinen Armen zu ihm vor, bis ich ihn umarmen konnte. Er hielt still. Nahm dann die Arme runter, ebenso das Bein und ich konnte zu ihm vorrutschen, bis ich seinen Kopf an meinen Oberkörper lehnen und er die Arme um meine Taille schließen konnte. "Ich weiß... dass ich's anders hätte machen sollen... Ich... fühlte mich nur so... zurückgeworfen. Wie damals..." Als man mich schon einmal so rausgekantet hatte. Automatisch hatte ich meine Schutzreaktion angewandt.
Niemanden an mich ranzulassen. "Ich... versuch das zu ändern. Aber... es ist echt schwer..."
Tooru nickte nur verständnisvoll.
Wir blieben einen Moment lang in dieser Haltung, bis er dann den Kopf hob und mir ernst in die Augen blickte. Ich sah fragend zu ihn runter.
„W-Was?"
„Weißt du... was deine und meine Laune garantiert heben würde?"
Ich hob die Schultern, unwissend, worauf er hinauswollte. „Versöhnungssex."
Das ließ mich aus allen Wolken fallen und ich konnte gar nicht anders, als ihm rotgeworden eine Kopfnuss zu verpassen („Autsch!")
„Wieso Versöhnung? Wir haben nicht mal gestritten!"
„Na und! Dabei werden Endorphine ausgeschüttet und die machen glücklich!"
„Tooru!!" Er grinste mich einfach nur frech an und zog mich dann zu sich, dass ich zwischen seinen Beinen saß und er mich knuddeln konnte.
„Nur ein Scherz", lachte er leise und lehnte dann seinen Kopf an meinen, „... Kommst du klar? Mit der Situation, mit den Mädchen, meine ich?"
„Ihr seid noch da. Ihr seid meine Stütze", sprach ich leise und musste ehrlich lächeln, „Es geht schon. Hajime hat mich... etwas aufgerichtet."
Tooru nickte erneut. Dann war es allerdings an mir, eine Frage zu stellen: „Ich... habe doch mal gesagt, dass mein Vater gerne wollte, dass er dich kennenlernt? ... Wie... wäre es, wenn wir das nächsten Monat in Angriff nehmen? Zu den Weihnachtsferien?"
Es wäre noch etwas hin, aber wir müssten die Fahrt auch planen und zudem... wollte ich nicht, dass das alles an meinem Geburtstag passierte, der in diesen Zeitraum fiel.
„Klar, können wir machen", stimmte er zu und ich glaubte sogar ein Aufzucken seiner Mundwinkel zu sehen.
„Ich... warne dich nur vor... mein Vater... er ist... na ja... etwas kommunikationsfreudig."




* * * *

Und damit geht es im nächsten Teil zur netten Zusammenkunft nach Tokyo. <3
Tooru wird also endlich etwas von V/Ns Vergangenheit kennenlernen – und einen Teil ihrer Familie.

Die Geschichte mit der Klasse hat sich jetzt endlich gegessen.
Wie sie es sagte: so schnell verzeihen, wird sie es nicht. Mit ihnen beste Freunde sein, auch nicht.
Dafür ist das Vertrauen zu sehr missbraucht worden, bevor es sich überhaupt richtig hätte entwickeln können.
Dennoch wird sie nun endlich ihre Ruhe haben...

Und das Mädelsteam... War es offensichtlich, dass sie sie V/N rauskanten würden?
Ein schwerer Schlag, aber glücklicherweise gibt es wenigstens noch die Jungs, die sie auffangen...
Der Ausflug war im Übrigen dann noch eine wichtige Geschichte für mich... zum einen, um zu zeigen, dass sich Tooru und V/N auch mal anzicken. Wegen Banalitäten.
Zum anderen aber, dass diese Banalität für Tooru nichts so belanglos war, wie sie scheint. Dabei ging es ihm nicht um das Horoskop, sondern wie V/N sich an der Stelle hat beeinflussen lassen. Was die Zukunft betrifft... Aber dazu später mehr. ;-)
 
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