So, wie du bist - (Oikawa x Reader)

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
Iwaizumi Hajime Kuroo Tetsurou OC (Own Character) Oikawa Tooru
11.02.2020
19.10.2020
34
253.385
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11.02.2020 4.620
 
Hallo und schön, dass du dabei bist!

Ich habe lange keine Geschichte dieser Art geschrieben und im ehrlich zu sein auch noch nie eine, in welcher der Leser direkt involviert ist. Daher habe ich mich für die Ich-Perspektive entschieden, um es mir beim Schreiben ein bisschen leichter zu machen. In diesem und den nächsten Kapiteln wird es ein paar Abkürzungen geben:


N/N - Nachname
V/N - Vorname
A/F - Augenfarbe
H/F - Haarfarbe
L/E - Lieblingsessen
L/F & L/M - Lieblingsfarbe & Lieblingsmuster
L/H - Lieblingshobby (H/H - Hasshobby)


Hinweis: In dieser Geschichte geht es nicht kurz und knapp darum, dass eine Love Interest verfolgt wird. Du bekommst als Leser einen Hintergrund zu "deiner" Person, "deinen" Freunden, "deinem" Leben und wirst dich im Verlauf weiterentwickeln und neue Sichtweisen einnehmen. Ab und zu wird es ein bisschen kitschig, ein bisschen klischeebehaftet - so wie es sich gehört, damit der Spaß nicht verloren geht. ;-)

Die Kapiteltitel berufen sich auf eine Fanfiction-Challenge. Nicht immer sind sie wortwörtlich zu verstehen oder werden direkt angesprochen. Entsprechend werden auch die Längen der einzelnen Kapitel ein bisschen variieren.
Aber lass dich überraschen. Und nun: Viel Spaß beim Lesen!


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Track 01 >> PLAY

Miyagi. Sendai, 368 Kilometer von Tokyo entfernt. Wenn man Google Maps Glauben schenken mochte und nicht genau nachrechnete.
Ich verzog den Mund als ich im Zug aus dem Fenster sah, meiner Musik lauschte, und wir uns immer näher an das neue Ziel herantasteten. Am liebsten hätte ich die Notbremse gezogen und wäre wieder zurückgefahren, aber mitgehangen, mitgefangen: Ich gehörte seit Anfang des Jahres zu der Kategorie „Scheidungskinder“ und obwohl ich in Tokyo hatte bleiben wollen, hatte man meiner Mutter das Sorgerecht zugesprochen. Mein Vater blieb in der Hauptstadt, setzte sein Leben wie gewohnt fort, während ich mir jetzt ungewollt ein neues aufbauen musste. Es widerstrebte mir so sehr, doch trotz dessen, dass ich bald 18 Jahre alt wurde, hatte man mir keine Wahl gelassen. Deine Mutter kann besser für dich sorgen. Sie hat einen geregelten Schichtplan. Die Mutter ist unsagbar wichtig als Bezugsperson für ein Mädchen. Bla, bla, bla. Wie oft hatte ich mir das anhören müssen? Ob nun von den Anwälten meiner Mutter oder von den beratenden Familienstellen. Letzten Endes saß ich nun hier im Zug, mit ihr, und wir fuhren unserer neuen Destination entgegen. Schweigend. Ich hatte mir vorgenommen, mit ihr kein Wort zu reden. Genauso, wie mit meinem Vater. Ich war sauer auf beide. Sie verstanden sich nicht mehr und ich musste drunter leiden. Im dritten Jahr der Oberschule zu wechseln war nicht gerade vorteilhaft. Und als wäre das nicht genug, nutzte sie die Chance und schickte mich nun auch noch auf eine Privatschule. Die normale staatliche reichte der Architektin für Landschafts- und Gartenbau ja nicht.

„In wenigen Minuten erreichen wir Sendai. In wenigen Minuten erreichen wir Sendai. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt und bedanken uns, dass Sie den Nozomi-Shinkansen der JR Tohoku Line genutzt haben. Auf Wiedersehen!“

Die ganze Zeit hatte ich mit einer Strähne meiner (H/F) langen, glatten Haare gespielt, hatte sie zwischen Daumen- und Zeigefinger gedreht, doch hielt ich nun inne.
Es wurde ernst.
Kaum erreichten wir den Hauptbahnhof der Stadt, hetzte mich meine Mutter vom Bahnhof zum Taxistand. Sie nannte dem Fahrer eine Adresse und schon ging es los. Das meiste unserer Möbel hatte sie bereits mit einer Umzugsfirma vorgeschickt und wir waren nun nur noch mit unseren sieben Jahren in Koffern unterwegs. Ich kam mir vor wie ein Tourist, als ich durch die geschäftigen Straßen gefahren wurde, von denen ich rein gar nichts kannte.
In Tokyo hingegen war ich aufgewachsen, dort hatte ich mich wohlgefühlt.
Ich musste an meine Freunde denken, welche ich zurücklassen musste. Ihre schockierten Gesichter als sie erfuhren, dass ich wegging. Vielleicht aber auch deswegen, weil ich die Scheidung meiner Eltern so lange wie möglich für mich behalten hatte. Das war gemein gewesen, aber ich hatte sie auch in nichts hineinziehen wollen, bei dem sie mir eh nicht hätten helfen können. Es war die Entscheidung von zwei Erwachsenen gewesen, deren Kind ich war.


„V/N, steig aus. Wir sind da“, erklang die strenge Stimme meiner Mutter und ich tat, wie mir befohlen. In meinen Gedanken steckend, war mir komplett entgangen, dass wir angehalten hatten und uns inzwischen nicht mehr in der Innenstadt befanden, sondern in einem ruhigeren Randbezirk. Eine Wohnsiedlung. Meine (A/F) Augen schauten sich neugierig um, ließen wie in so vielen Situationen aufmerksam den Blick schweifen und die Situation checken: Ruhig, viele Einfamilienhäuser, alle weniger traditionell Japanisch sondern recht westlich ausgerichtet. Und wenn doch traditionell, dann ließen die Toreinfahrten und Namensschilder vermuten, dass es sich um recht wohlhabende Familien handelte, die hier lebten. Ich schnaufte verärgert die Luft aus. Das war so viel anders als in Tokyo. So ganz anders.
Unser Haus trug eierschalenfarbene Wände, war in dem modernen japanischen Stil erbaut, wie meine Mutter diesen nur zu gern konzipierte: An der Vorderfront nur ein schmales breites Fenster. Vermutlich lag dahinter nur die Vorzone. Der Weg bis zur Haustür war mit großen Steinen geebnet, ähnlich wie bei einem Zen-Garten. Links und rechts vom hellen Pfad angelegte Büsche. Ordentlich geschnitten, kein Blatt, das abstand. Die Tür war auch dunklem Ebenholz, schwerfällig und farblos lackiert. Sie steckte den Schlüssel ins Schloss – ein hochmodernes Sicherheitsschloss -, drehte ihn um und schon öffnete sich der Eingang zu meinem neuen Leben.

Ich war überrascht, dass das meiste bereits seinen Platz gefunden hatte: Die alte eichenholzfarbene Kommode, welche direkt an der Vorzone für die Schuhe anschloss, die alten Bilderrahmen mit meinen Kinderfotos. Gewiss würde sich noch mehr anfinden, wenn ich nur lange genug danach suchte, aber ebenso hatte sie viel Neues gekauft: Die Hausschuhe, die weitaus weniger flauschig und bequem wirkten als unsere alten. Der Schirmständer, der aus eisernen Stangen bestand und an einer Umzäunung für einen Baum erinnerte. Der Korridor-Vorleger in grauen Streifen. Es ließ mich weiter die Nase rümpfen. Alles roch so neu und berührt. „
Du kannst deinen Koffer schon nach oben tragen, wenn du willst, (V/N)!“, erklärte meine Mutter, legte den Schlüssel in die vorgesehene Schale auf der Kommode und schlüpfte elegant aus ihren flachen Pumps, ehe sie über den Flur ging und dann mit einem Mal links in einem Raum verschwand. Ich hörte es klappern, Glasgeräusche. Vermutlich war dort die Küche. „Ich habe deine Schuluniform bereits raus gehängt. Bis morgen wären die Falten nie raus gegangen!“ Ja, ich weiß. Ich habe sie auch mit Absicht zusammengeknüllt, aber da war meine Mutter wieder schlauer gewesen. Ich hatte so gar keinen Bock auf diese Schule!
Meinen Koffer, der schwerer war als gedacht, über die Treppenstufen in die obere Etage hievend, musste ich mir bei jedem Aufkommen auf die Stufen ein weiteres „Pass auf das Holz auf!“, anhören, welches ich nur mit einem stummen Augenrollen kommentierte. Ich hatte mir das nicht ausgesucht!

Oben angekommen, befanden sich hier nur drei Zimmer. Eins davon war gewiss das Schlafzimmer meiner Mutter, dann noch ein Gästezimmer mit einer Toilettenmöglichkeit neben an und hier, gleich links, mein Zimmer. Es stand offen und ich erkannte durch den Türspalt bereits meinen runden (L/F) Teppichläufer, den ich unbedingt mitnehmen hatte wollen.

Die Tür aufstoßend, trat ich ein und mein Herz wurde mit einem Mal noch viel, viel schwerer. Ich fühlte, wie mir die Luft zum Atmen wegblieb. Das war nicht mein Zimmer. Daran war gar nichts mein Zimmer. Es war alles so kalt und neutral. So… erwachsen. Natürlich lag dies auch an meinen Habseligkeiten, welche noch in Kisten an der Wand standen, aber… auch ohne Bilder, Poster und Bücher in den Regalen, fühlte ich mich wie ein Hotelgast.
Ich setzte mich aufs Bett – ebenso ein neues – und strich über die Decke. Herzlich Willkommen in Sendai, (V/N). Ab heute begann dein neues Leben.


* * *

Die erste Nacht war immer anstrengend. Man schlief schlecht, hatte sich noch nicht an die neue Matratze gewöhnt und alles in allem war es einfach nur unbequem. Ich hatte mich gewiss fünfmal herumgewälzt, mit wachen Augen, hatte immer mal wieder ein Blick auf mein Handy geworfen, welches mich dann in einem ungemütlichen elektronischen Blauton blendete. Meinen Freunden hatte ich bereits noch am frühen Abend geschrieben, dass alles in Ordnung gegangen ist. Dennoch scrollte ich durch die eingegangenen Messenger-Chats und atmete schwer. Ich konnte ihren Schmerz durch die Worte wahrnehmen und ich fragte mich, ob sie dennoch gut schlafen konnten oder sie auch ein wenig in Gedanken an mich schwelgten.
Als mein Weckton mich dann erneut aus dem Schlaf riss, murrte ich nur und machte schwerfällig die Augen auf. Ich rutschte von der Bettkante, gähnte und streckte mich. Zeit zum Aufstehen. Heute wurde es ernst.
Mein Blick fiel auf die helle, konservative Uniform, die mich erwartete. Weiß stand mir so gar nicht. Und der beige Cardigan und der grob karierte, ockerfarbene Rock machten es nicht besser. Ich vermisste das Marineblau meines Sakkos und den grauen Rock. Die bordeauxrote Krawatte, weil es egal war, ob Mädchen Schleifen oder einen Schlips trugen. Ich vermisste die Freiheit der Schultaschen. Ich vermisste alles.
Widerwillig machte ich mich im Badezimmer im Erdgeschoss fertig und zog dann die fliederfarbene Bluse an, den Cardigan und ebenso die dunklen Kniestrümpfe und den so verhassten Rock. Ich blickte mich im Spiegel an. Ich würde die Schleife weglassen. Meine (H/F) mit der Bürste glättend, ließ ich sie offen. Dann griff ich zu meiner Makeup-Tasche und legte ein wenig Foundation und Lidschatten auf. Meine alte Schule war recht offen gewesen. Künstlicher Fingernägel oder Nagellack waren zwar ebenso verboten, aber gegen legere Schminke hatten sie nie etwas gesagt. Ich wollte es austesten. Und wenn sie mich gleich am Schultor nach Hause schickten, wäre das umso besser.
In die Küche gehend, fand ich auf dem Esstisch einen Zettel mit ordentlicher Handschrift:

Guten Morgen (V/N),
ich habe dir für das Mittagessen etwas Geld da gelassen.
Im Kühlschrank findest du alles fürs Frühstück.

Wir sehen uns heute Abend – viel Erfolg!

Natürlich war meine Mutter bereits unterwegs.

Ich nahm mein Handy in die Hand und öffnete die Straßenkarten-App. Zwar wusste ich, wie ich zur Schule kam – das hatte mir meine Mutter wie bei einer Vierjährigen eine Woche lang versucht einzuhämmern – aber dennoch wollte ich noch einmal schauen, ob nicht zufällig eine Verbindung ausfiel. Ein Grund mehr, nicht losgehen zu müssen.
Zum Kühlschrank trabend, nahm ich mir Milch heraus, trug sie zur Arbeitsplatte und nahm mir aus dem Schrank eine Schüssel. Morgens gab es bei mir meist Müsli, mit Obst und anderen Dingen modifiziert. Es gab mir Kraft für den Tag und hielt lange vor. Außerdem hatte ich selten Lust, mir etwas Aufwendiges vorzubereiten.
Mit einem Mal erklang der Benachrichtigungston meiner Messenger-App.
Neugierig öffnete ich sie und mein Gesicht begann zu strahlen:



Tetsu, 06:34 Uhr
Hey, schon wach du Morgenmuffel? :-P

Ich lächelte und vergaß mein Frühstück, um ihn schnell zu antworten:

V/N, 06:34 Uhr
Sagt der Richtige. Warum hast du nicht verschlafen?


Tetsu, 06:35 Uhr
Hey, wälz deine Angewohnheiten nicht auf mich ab, Neko-pyon.

Und? Bereit für den großen Tag?

Ich musste grinsen – Neko-pyon war mein Spitzname an meiner alten Schule gewesen. Dabei mochte ich weder Katzen, noch hatte ich ein katzenähnliches Gesicht oder ähnliches. Es war einfach der erstbeste Name gewesen, den Tetsurou mir hatte geben können.
Dennoch musste ich bei der nächsten Nachricht etwas zögern:


Tetsu, 06:37 Uhr
Pyonpyon?


V/N, 06:38 Uhr
Sorry, wollte mich gerade wieder hinlegen. Sowas von gar nicht bereit.


Tetsu, 06:38 Uhr
Komm, du wirst ihnen den Arsch aufreißen, das weiß ich.

V/N, 06:39 Uhr
Ich sehe aus wie so ein Bauernmädchen.


Tetsu, 06:39 Uhr
Zeigen!

Schmunzelnd eilte ich flink auf den Flur. Dort hatte meine Mutter einen großen Spiegel aufgestellt – ich mochte ihn genauso wenig, wie das meiste der Einrichtung, aber gerade war er sehr praktisch. Mich davor stellend, legte ich meine (H/F) Haare über die linke Schulter, posierte mich in typischer Mädchen-Magazin-Manie und betätigte den Auslöser. Mit herausgestreckter Zunge.


V/N, 06:41 Uhr
Siehst du? Wie so ein Bauernmädchen.


Tetsu, 06:42 Uhr
(V/N),
spinnst du?

Hä? Ich war irritiert. Was war nun los?

Tetsu, 06:43 Uhr
Das...
sieht aus…
… wie die…
… Inkarnation der heiligen Maria.

V/N, 06:45 Uhr
Seit wann kennst du das Wort Inkarnation?


Tetsu, 06:45 Uhr
Ha, ha.

Jetzt war es Tetsu, der länger mit dem Antworten brauchte. Also bereitete ich den Rest meines Müslis vor und setzte mich ins Wohnzimmer auf die Couch – verbotenerweise. Essen war nur am Esstisch erlaubt, aber hey – meine Mutter war eh nicht da, und ich hatte dieses teure Ledersofa gewiss nicht ausgesucht, welches man besser betrachtete als drauf fläzte.

Tetsu, 06:49 Uhr
Sie steht dir.
Du siehst wirklich hübsch darin aus.


Ich verschluckte mich fast. Normalerweise brachte man mich nicht so schnell aus der Bahn, aber diese Worte aus Tetsurous Mund zu hören bzw. zu lesen, überrumpelte mich arg.
Blinzelnd, stand der Text aber auch nach einer halben Minute noch da und meine Finger bewegten sich etwas verunsichert über die digitale Tastatur – als noch etwas hinterher kam:

Tetsu, 06:49 Uhr
Sicher, dass du auf kein Mädcheninternat gehst?

V/N, 06:50 Uhr
Ha ha ha
Wobei ich das meiner Mutter zutrauen würde.


Tetsu, 06:50 Uhr
Halt die Ohren steif, Pyonpyon.

V/N, 06:51 Uhr
Wird schon.


Tetsu, 06:51 Uhr
Wir denken an dich. Muss los!

V/N, 06:52 Uhr
Ich denke auch an euch.
Bis dann! Vermiss euch. Und deine große Klappe.


Tetsu, 06:52 Uhr
Ich wusste, dass du schon immer was für mein Mundwerk übrig hattest! :-D

V/N, 06:53 Uhr
Träum weiter, Senpai.



Unsere Unterhaltung war beendet. Ich legte das Handy weg und musste weiterhin ein wenig vor mich hin lächeln. Mit Tetsu hatte mich von allen mit am besten verstanden. Er war im selben Jahr wie ich und obwohl er immer sehr frech und direkt auftrat, für manche fast schon gruselig, wusste er in den wichtigen Momenten, die richtigen Worte zu sprechen und Entscheidungen zu treffen. Er war ein guter Captain. Ein guter Zuhörer, Ratschlaggeber und ich hatte mich bei ihm immer sehr wohl gefühlt. Und trotzdem – oder vielleicht gerade weil wir ständig mit den anderen abhingen, ob nun im Training oder auf dem Schulgelände in der Pause, waren wir zu selten allein und hatten unsere Sympathie füreinander nie wirklich offen zugelassen. Ich war die Einzige, die ihn Tetsu nennen durfte. Eigentlich war er immer als Kuroo oder eben Tetsurou verschrien, aber ich durfte ihn Tetsu nennen. Und deswegen erlaubte ich ihm auch, wenn er mich übertriebenerweise Pyonpyon rief.
Seine Aussage über mein Foto hatte mich demnach ziemlich irritiert. Es war sein voller Ernst gewesen. Selten nutzte er meinen Vornamen. Selbst seinen Gesichtsausdruck konnte ich mir gut vorstellen… Ich vermisste ihn. Ich vermisste alle meine Leute, aber vor allem ihn.
Den letzten Löffel meines Müslis nehmend, trug ich die leere Schale zur Spüle, wusch sie ab und ging dann Zähneputzen. Als ich schließlich vor der Haustür stand, erzitterte ich unter der kühlen Herbstluft. Die Bäume begannen langsam, sich zu färben, der Wind nahm zu. Ich warf noch einen Blick auf mein Handy, auf dessen Sperrbildschirm – ein Bild von meinen Freunden und mir, besonders auf Tetsu und mich fokussiert, und machte mich dann auf.

* * *

Mein Schulweg war eine zwanzigminütige Busfahrt. Ich hasste es. Im Bus wurde mir meist schlecht, wenn ich nicht den richtigen Platz erwischte. Zwar hatte ich Glück, aber dennoch verging das Bauchrummeln nicht. Der Bus fuhr nach links, nach rechts, … und es stiegen immer mehr Schüler ein. Ich war eine von vielen. Die Jungs wirkten nicht weniger konservativ als ich es war. Zwar durften auch wir in Tokyo keine Kapuzenshirts tragen und nur die vorgeschrieben Zusammenstellung der Uniform, aber die Jungs und Mädchen waren viel lockerer als hier. Hier in Sendai… wirkte alles so streng, so vornehm. Vielleicht lag das auch einfach nur an dem Status der Schule.
Ich stieg mit den anderen an der vorgegebenen Bushaltestelle aus und folgte ihnen. Bemüht versuchte ich, mich so gut es ging einzufügen. Als wäre ich schon von Anfang an Schülerin. Aber das stimmte nicht. Das stimmte keineswegs. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, je näher ich kam. Den Schritt über die Schwelle des Schulgeländeeingangs setzend, wurde mir nun auch noch schlecht. Dabei wirkte das Hauptgebäude überhaupt nicht unfreundlich, viel mehr einladend und ziemlich… nett. Helle Wände, recht große Fenster für eine japanische Schule und viel Platz auf dem Hof, der mit Grünflächen bepflanzt worden ist. Dennoch wollte die Übelkeit sich davon nicht beruhigen lassen. Kein Wunder also, dass ich regelrecht erschrak, als ich mich zwei andere Mädchen mit ihren Taschen anrempelten und an mir vorbeirannten. Verwundert sah ich auf, hörte das Jubeln und Kreischen weiterer Mädels und strich mir eine vorgefallene Strähne hinters Ohr zurück, nicht wissend, was hier gerade vor sich ging.
Ich trat dem Schulgebäudeeingang näher entgegen, entdeckte da dann auch eine kleine Menschentraube – vor allem aus Mädchen bestehend -, die aufgeregt hin und her hüpfte. Was war hier los?
„Oikawa-san, ich habe dir was zur Mittagspause gekocht!“
„Lass uns doch heute zusammen essen, ja?“
„Hast du schon meinen Brief gelesen?“
Ah ja… jede Schule hatte so ihren beliebten Jungen. Natürlich. Dank all der anderen Schöpfe vor ihm, konnte ich nur zwei, drei braune Lockenansätze sehen. Mehr nicht. Er wirkte groß und seine Stimme hatten einen angenehmen Ton als er sie versuchte in Zaum zu halten:
„Oh, das ehrt mich wirklich! Aber ich glaube, da würde Iwa
-chan etwas dagegen haben!“
„Zieh mich nicht in deinen Scheiß mit rein!“, hörte ich nun noch eine aggressive Stimme aus der gleichen Richtung. Ich reckte mich leicht, sah einen Kopf mit dunkelbrauner Stachelfrisur, aber mehr auch nicht, „Mach hin, ich hab keinen Bock, deinetwegen wieder nachsitzen zu müssen!“
Die Traube um den Schüler löste sich nicht auf, schob sich aber zur Seite.
„Sorry, entschuldigt! Ein andermal!“, erklärte der Beliebte dann immer wieder auf die enttäuschten Gesichter und Bemerkungen der Mädchen.
Von dem anderen war nichts mehr zu hören, aber stattdessen trat er nun in mein Sichtfeld. Nicht nur die Stimme war aggressiv, auch sein Gesichtsausdruck: Genervt, verärgert, wohl musste er das hier oft ertragen?
Auch er rempelte gegen meine Schulter, entschuldigte sich nicht einmal, als ich einen Schritt zur Seite taumelte. Anders als der Schulstar, welcher von ihm am Arm mitgeschleift wurde und sich nun nach mir umsah, „Alles in Ordnung? Entschuldige! Iwa-chan ist einfach schlecht drauf!“, raunte er mir hinter vorgehaltener Hand zu, wurde aber von dem anderen sehr gut gehört, so dass dieser ihn jetzt vor sich schubste,
„Erzähl keinen Müll, Shittykawa und beweg deinen Arsch!“
Ich sah den beiden irritiert nach. Halt die Ohren steif! , rief ich mir wieder in Erinnerung und seufzte. Vielleicht wurde es nicht so langweilig, wie ich dachte. Wenigstens etwas?

Enttäuscht wurde ich zumindest, dass es keine Schuleingangskontrollen gab. Mein Rock war nicht zu kurz, mein Make-up nicht zu viel, die fehlende Schleife nicht beanstandet. Na ja, auch wenn ich gerade rebellisch tat, hatte ich sie doch lieber in meine Schultasche eingepackt. Ganz so krass drauf war ich dann doch nur mit den Jungs damals, wo es eben normal war, sich diese Freiheiten herauszunehmen. Nachdem ich meine Straßenschuhe in mein neues Fach im Vorraum ausgezogen und die Schulslippers angezogen hatte, suchte ich das Lehrerzimmer auf. Mich vorstellend, wurde ich einem zugeteilt, der einen Kopf größer war als ich, eine Halbglatze und eine eckige Brille trug. Ein schlacksiger Typ in Pullunder und Nadelstreifenhose. Er bat mich sogleich, den Stapel Kopien zu nehmen und gemeinsam gingen wir die Treppen ins zweite Obergeschoss hoch. Hier herrschte die typische Jahrgangshierarchie: die ältere waren oben, die jüngeren unten.
Als wir oben ankamen, waren die meisten Schüler bereits in den Klassenräumen. Ich sah die diversen Schilder über den Türen 3-1, 3-2, 3-3, … Es waren hier sechs verschiedene Abschlussjahrgänge vorhanden, mehr als in Tokyo.
(N/N)-san, ehm… es wäre angemessen, wenn Sie...“ Der Lehrer begutachtete mich und deutete dann etwas beschämt auf meinen Rock. Ich verstand schon, tat aber so, als täte ich es nicht und blickte ihn mit fragenden Augen an. „Ihr Rock. Eine Handbreite über die Knie ist die Toleranzgrenze an unserer Schule.“ Also doch konservativ. Ich nickte, zog den Rock am Saum ein wenig tiefer. Als er sich jedoch umdrehte, um den Klassenraum zu betreten, rollte ich ihn an der Taille wieder hoch und richtete meinen Cardigan. Besser. Es läutete zur Stunde, ein sehr melodischer Glockenton, welcher durch die Lautsprecheranlage erklang. Dann hörte ich von drinnen das „Aufstehen, verbeugen, setzen“, des Klassensprechers und ein Stühlerücken. Die Stimme des Lehrers erklang – die Morgenbegrüßung und daraufhin die Ankündigung meiner Person. Mein Herz begann wieder laut zu schlagen und ich schluckte den schweren Kloß herunter, welcher sich in meinem Hals zu bilden begann.

Ich ging in das Zimmer der 3-6 und wurde sogleich von vielen neugierigen Augenpaaren betrachtet. Eine ausgeglichene Anzahl an Mädchen und Jungen, die in abwechselnden Reihen saßen. Vermutlich, damit es weniger Unterrichtsstörungen gab, wenn man den Schülern freie Platzwahl ließ. Ich musste mich nun vorstellen, wandte mich der großen Gruppe zu und holte dann Luft.
„Guten Morgen, mein… Name ist (N/N) (V/N). Ich bin gestern aus Tokyo hierhergezogen und werde das restliche Schuljahr in Sendai verbringen. Es freut mich, euch kennenzulernen.“
Ich verneigte mich leicht, sah dann wieder in die Augen der Schüler und Schülerinnen. Sah, wie sich einige über die Bank hinweg unterhielten und mich dabei tuschelnd ansahen. Sollte ich den Anschein eines frechen, Tokyoer Mädels erwecken, dann wäre der Auftritt gelungen. Ich hatte nicht vor, hier für ein halbes Jahr Freundschaften aufzubauen und auch nicht, mich großartig anzupassen, was Kleiderordnungen und Denkweisen betraf. Ich wollte einfach nur meine Ruhe.
„Haben Sie… sonst noch etwas vielleicht von sich zu erzählen?“, versuchte er Lehrer mich mit einem aufmunternden Lächeln zu motivieren, aber ich schüttelte den Kopf. „Fragen?“, wandte er sich da an die Klasse. So schnell wäre ich nicht entlassen. Sofort streckten sich zwei, drei Hände in die Luft. Die erste von einem Mädchen, das eben noch in der letzten Reihe getuschelt hatte: „Sind die Röcke bei euch alle so kurz zu tragen?“, kicherte sie und ich war über die Unverblümtheit regelrecht schockiert. Einer der Jungs ließ ein Pfeifen durch den Raum gehen und der Lehrer hob beschwichtigend die Hände. Mir schien, als hatte er nicht viel Durchsetzungskraft.
„An meiner Schule… gab es viele Freiheiten. Es wurde sehr auf die individuelle Entwicklung gesetzt“, antwortete ich und streckte ein wenig das Kinn vor. Ich war stolz auf meine alte Schule. Auf meine Freunde.
Das Mädchen kicherte erneut.

„Hat dein Freund nichts dagegen?“, rief eine andere dazwischen.
„Ich habe keinen.“
„Was sind deine Hobbys?“, fragte nun ein Junge von der mir linken Seite mit kurzen schwarzen Haaren
und guckte mich neugierig an.
„Sport und (L/H).“
„Was für Sport?“, rief ein anderes Mädchen mit schwarzen zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haaren von der Mittelreihe.
„Kayaka sucht Teammitglieder!“, lachte ein
anderer Junge und bekam von ihr spaßeshalber die Zunge rausgestreckt.
„Volleyball“, antwortete ich wieder und ich fragte mich, wann die Fragerunde endlich ein Ende hätte. Da erhob sich eine weitere Hand. Ich schaute in diese Richtung und entdeckte zu meiner Überraschung ein bekanntes Gesicht – das des Schulschwarms heute Morgen. Ein freundliches Lächeln zeichnete seine Lippen, aber ich war mir nicht sicher, ob dies aufgesetzt oder echt war.

„Auf welche Schule bist du gegangen?“, fragte er und die anderen schwiegen für einen Moment. Manche von ihnen schmunzelten in sich hinein, die Mädchen blinzelten ihn irritiert an. Vielleicht war er nicht der Typ, der sich groß einbrachte? Oder irritierte es sie, dass er Interesse an meiner Person zeigte, wo sie doch alle jeden Tag um ihn herumkreisten? Erfolg schien jedenfalls keine von ihnen bisher zu haben.
„Touritsu Nekoma Koukou.“ Unsere Mitschüler zuckten mit den Schultern, nur einer beugte sich zu dem Jungen mit den kastanienbraunen Haaren vor,
„Hey, sind das nicht diese Katzen, gegen die ihr schon gespielt habt?“

Der Angesprochene und Fragesteller antwortete nicht, sondern blieb mit seinem Fokus auf mich gerichtet.
„Hast du also selbst gespielt?“
„Ja.“
„Hey, Kayaka. Brauchen die Mädels nicht noch eine Spielerin?“, kam es aus einer anderen Ecke und das Mädchen mit dem Pferdeschwanz nickte, „Muss ich Miraikawa fragen. Welche Position hast du?“ Ich schwieg. Das war eine Geschichte, die ich ungern erzählte. Mit einem Zögern kam mir „Außenangriff“ über die Lippen. Das war aber nur die halbe Wahrheit.
Der Braunhaarige schaute mich immer noch, jetzt mit hochgezogenen Augenbrauen an, so dass ich meinen Blick von ihm abwandte und das Mädchen namens Kayaka ansah.
„Klingt gut!“

„Nun denn, lasst uns jetzt mit dem Unterricht anfangen“, beschloss der Lehrer und sprach mich dann wieder an, „(N/N), setz dich auf den Platz vor Oikawa-san.“ Ich trug einen fragenden Ausdruck in den Augen, aber da es nur einen einzigen Sitz gab, welcher unbesetzt war, konnte es schlicht meiner sein. Ich schluckte. Direkt vor dem Braunhaarigen. Dem Schulschwarm. Unter aufmerksamen Augen – darunter seine – ging ich voran, setzte mich und hängte meine neue schwarze Schultasche an die vorgesehene Halterung am Tisch.

Der Lehrer begann daraufhin mit der Homeroom-Stunde und erzählte von anstehenden Übungsklausuren, dem baldigen Schulfest und von anderen Dingen.
Ich schrieb mir das meiste in mein (L/F) Notizheft auf, versuchte konzentriert zu bleiben. Das Interesse an der Neuen war bald wieder vorbei und ich würde mich weniger beobachtet fühlen. Da spürte ich auf einmal, wie mich etwas in den Rücken pikte. Instinktiv drehte ich mich um, sah meinem Hintermann in die Augen, welcher mir mit einem kleinen Lächeln zuwinkte.
Du warst vorhin doch Diejenige, die Iwa-chan angerempelt hat, oder?“
„E-Eh… ja“, flüsterte ich zurück.
„Sorry nochmal.“ Er streckte mir seine Hand über den Tisch entgegen, „Oikawa Tooru. Freut mich.“
„M-Mich auch“, erwiderte ich den Händedruck und war überrascht, dass er fest zuzudrücken wusste, so dass ich gleiches tat. Nicht zu fest, aber angenehm. Warm.
Wow, man merkt, dass du Kraft hast“, schmunzelte er und zog seine Hand dann zurück, „Du warst also bei der Nekoma?“
„Ja… sagte ich ja.“
„Wir haben bereits gegen das Jungs-Team gespielt. Ich wusste nicht, dass es auch eine Mädchen-Gruppe gibt?“ Nun hatte er mich. Meine Augen wurden größer, neugierig. Sie hatten gegen Tetsu und Co. gespielt?
Du spielst selbst?“, fragte ich erstaunt. Ich hatte angebissen und Oikawas Gesicht zierte nun fast schon ein kleines triumphierendes Lächeln.
„Sicher. Die Aoba Jousai hat ein sehr starkes Team.“ Das klang ein bisschen eingebildet, aber ich konnte verstehen, dass man auf seine Gruppe stolz war und erwiderte so das Lächeln ein wenig. „
Wenn du willst, kannst du dich gerne zu uns gesellen? Wir brauchen noch eine Managerin!“ In seinem Unterton lag etwas Anzügliches, das mich für eine Sekunde stolpern ließ, doch schüttelte ich nur kaum merklich den Kopf und wandte mich dann langsam wieder um, „Mal schauen.“ Wieder piekte er mich mit der Radiergummiseite seines Bleistiftes gegen den Rücken.
„Ich meine es ernst. Jedes Team scheint eine Managerin zu haben, nur wir nicht.“ Meine Augen nahmen einen schmollenden Gesichtsausdruck bei ihm wahr. Er wirkte wie ein kleiner Junge, dem man seinen Weihnachtswunsch nicht erfüllen wollte.
„Ich kann versichern, dass dem nicht so ist“, erklärte ich dann, „
Nicht jedes Team hat eine.“
Ich wäre damals gerne die Managerin bei Nekoma gewesen, aber sie hatten vehement abgelehnt. Und vielleicht war es auch besser so. Ich hatte meine eigene Mannschaft, mein eigenes Team und die Arbeit als Managerin hätte ich so eh nicht gewissenhaft erledigen können. Mich nun wirklich wieder auf den Unterricht konzentrierend, brachten mich Oikawas Worte dennoch zum Grübeln. Wann hatten die Jungs gegen Aoba gespielt? War Oikawa auch dabei gewesen? Ich erinnerte mich an zu viele Spiele. Vielleicht sollte ich nachher einfach einmal Tetsu fragen.


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