Legenden aus Daria-Die Chroniken der Himmelskinder-Die Reiterhorden der Boleschen

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
Ritter & Krieger Zauberer & Hexen
10.02.2020
25.09.2020
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16.09.2020 11.109
 
Nach dem Tod von Prinz Talan stand die Horde ganze fünfzehn Tage still. Die ausgelassenen Feste waren verklungen und auch die Übungsstunden waren eingestellt worden. Es war in dieser Zeit ungewöhnlich ruhig in der Zeltstadt. Der Prinz hatte keinen Erben hinterlassen, der die Boleschen anführen konnte. Nach altem Brauch wurde daher ein neuer Anführer bestimmt, der den Kampf zwischen den Anwärtern als Letzter überlebte. Weil die Beerdigung jedoch noch bevorstand, durfte in der Trauerzeit kein Kampf ausgetragen werden.
Die ersten Reiter trafen sich deswegen im Zelt, um das weitere Vorhaben zu besprechen. Der plötzliche Tod Talans hatte sie ebenso überrascht. Bis auf der kleine Lipla, der die Konsequenzen noch nicht wirklich verstand, hatten alle die Zeit genutzt, um zu trauern. Kallah hatte sie alle einberufen, da sie einen Vorschlag hatte, der nicht mit einem Abschlachten sondergleichen einhergehen würde. Talan hatte in dieser Hinsicht Recht gehabt: Ein Gemetzel um den Posten als Anführer würde sie nur weiter schwächen.
„Wie ihr wisst, wird nach unserem Brauch bald ein Kräftemessen stattfinden“, begann sie zu sprechen und lief rastlos im Zelt umher, in das sich die ersten Reiter zurückgezogen hatten.
„Darauf freue ich mich bereits. Ich werde nämlich Herrscher über alle Boleschen werden!“, rief Lipla sehr von sich überzeugt aus, den sie daraufhin kühl ansah. Mit seinen zwölf Jahren würde der Junge im wilden Gerangel als einer der ersten abgeschlachtet werden.
„Du kannst nicht einmal auf dem Übungsplatz ordentlich ein Schwert halten. Wie willst du da den Kampf um die Krone bestehen?“, spottete Sarusch, der sich gegen einen stabilen Zeltpfosten lehnte. „Besonders schlau bist du auch nicht, dass du alle Anwärter überlisten könntest.“
„Ich werde es euch allen zeigen! Ihr werdet es ja sehen!“, begehrte Lipla weiterhin auf und erhob sich mit rotem Gesicht.
„Setz dich wieder hin!“, ranzte ihn Kallah an, die ihren Zorn nur ansatzweise zurückhalten konnte. Wenn er ein gewöhnlicher Junge gewesen wäre, hätte sie ihn grün und blau geschlagen. Leider hatte Lipla das gesamte Heer seiner Mutter geerbt. Diesem Kind unterstand somit ein beachtlicher Teil des Boleschenheers.
„Wir können diese Unterhaltung auch ohne dich führen“, warf Zurak nüchtern ein.
„Schön, dann haltet sie ohne mich! Ich reite mit meiner Armee gen Norden! Während ihr hier herumsitzt, werde ich den König angreifen“, sprach der Halbwüchsige herablassend und verließ das Zelt. Kallah wollte ihm hinterher gehen und ihm tatsächlich eine Tracht Prügel verpassen, da hielt Sarusch sie auf, indem er sie am Arm packte.
„Lass ihn. Es ist sowieso besser, wenn dieses Kind geht. Er versteht nichts von politischen Dingen“, versuchte er sie zu beruhigen. Schnaufend wandte sich die erste Reiterin um und schritt im Zelt umher.
„Wieso hast du uns einberufen, Kallah?“, wollte Zurak wissen, der auf dem gewebten Teppich saß und nicht unglücklich darüber schien, dass Lipla losziehen würde.
„Wollt ihr wirklich diesen chaotischen Haufen um die Führung streiten lassen?“, ging sie sofort zum Thema über. Sarusch und Zurak schauten sie gleichermaßen verdutzt an.
„Aber das ist unser Brauch… Der oder die Stärkste und Geschickteste wird die Horde anführen“, meinte Sarusch.
„Wir sind so kurz vor dem Ziel, das ovianische Reich in die Knie zu zwingen. Wir haben die Stadt Laynar eingenommen, Gorbin wird folgen. Der Süden Ovians gehört bereits uns. Es wird aber noch mehr Krieg geben, wenn sich ein fähiger Krieger aufschwingt. Mit so einem an der Spitze werden wir gewiss gegen Isnien und den Norden ziehen. Dabei war es stets der Wunsch der Boleschen gewesen, bloß Ovian zu erobern…“, erläuterte sie ihren Grund, von der Tradition abzuweichen.
„Unser Volk hat im Norden nichts verloren. Unsere Pferde würden erfrieren und wir würden kein Essen finden. Wir müssten uns niederlassen, wie die Ovianer, um dort überleben zu können, Felder anbauen... Das ist nicht unsere Art zu leben. Wir sind für die Steppe gemacht“, fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu.
„Also willst du den Posten Talans übernehmen? Wir sollen deine ersten Reiter sein? Das ich nicht lache…“, brummte Sarusch und legte eine Hand auf den Griff seines Schwertes. Zurak sprang auf die Beine und nahm den Bogen von seinem Rücken. Beschwichtigend hob Kallah die Hände. Sie wusste, wie schnell die beiden waren.
„Nein, ich bin keine Herrscherin… Ich bin eine Kriegerin. Von Politik verstehe ich nicht viel“, sagte Kallah sofort, bevor die Situation aus dem Ruder lief.
„Und wer sollte deiner Meinung nach der Anführer über die Boleschen sein?“, wollte Sarusch wissen, der seine Hand wieder sinken ließ. Zurak nahm den Pfeil von der Sehne.
„Das Mädchen. Talan hat beabsichtigt, sie zu heiraten. Wenn er sie geheiratet hätte, hätte sie an seiner Seite regiert. Sie hat den meisten Anspruch“, erklärte sie ihre Gedanken, die sie sich in letzter Zeit gemacht hatte. Die ersten Reiter schienen nicht zufrieden.  
„Sie ist nicht einmal ein Mensch und kennt unsere Bräuche nicht. Ich bezweifle, dass die Boleschen ihr folgen würden“, warf Sarusch ein.
„Wollt ihr wirklich einem Emporkömmling eure Treue schwören? Einem niederen Krieger, der zufällig den Kampf gewonnen hat?“, gab Kallah zu bedenken. „Wir können das Mädchen nach unserem Willen formen und Einfluss auf sie nehmen, damit sie die Königin wird, die die Boleschen brauchen. Ein kriegserprobter Veteran wird sich wohl kaum beeinflussen lassen.“
„Ich kenne das Mädchen besser, als du. Sie ist stur und wahnsinnig. Sie beißt die Hand, die sie füttert“, erwiderte Sarusch unbeeindruckt.
„Wir würden keine Probleme mit den anderen Vogelmenschen bekommen, wenn sie unsere Königin wäre. Die Ovianer fürchten sich zudem vor den Vogelmenschen“, überlegte Zurak und verschränkte nachdenklich die Arme.
„Ein Anführer der Boleschen muss stark sein und diese Stärke auch beweisen können. Das Vogelmädchen ist stärker, als zehn Männer zusammen und besitzt den Geist eines Boleschen. Das wird unsere Krieger schon beeindrucken“, nannte Kallah einige weitere Gründe, warum sie gerade Ynra zur Königin über die Boleschen ernennen sollten.
„Was ist mit dem Vogeljungen? Taugt er zum Anführer?“, fragte Zurak neugierig. „Man munkelte, dass die beiden mehr füreinander empfinden würden, als bloße Freundschaft.“ Überrascht sah Kallah ihn an. Davon hatte sie bisher noch nichts gewusst.
„Der Junge ist kein Krieger. Er hat sich mit Gelehrtenkram beschäftigt, wie es Talan einst tat. Er war ein guter Arzt. Zum Anführer taugt er aber nicht. Lässt sich viel zu schnell einschüchtern“, sprach Sarusch.
„Vielleicht könnte er ihre Flamme etwas zügeln. Wenn sie Königin werden würde, würde er neben ihr herrschen, falls es stimmt, was du sagst, Zurak“, griff Kallah seinen Gedanken auf.
„Also ist es bereits beschlossen? Ihr wollt tatsächlich das Vogelmädchen als Königin der Boleschen ausrufen?“, meinte Sarusch, verschränkte die Arme und lachte dröhnend.
„Wir haben schon Liplas Truppen verloren. Einen Krieg um die Nachfolge können wir uns nicht leisten. Es ist allgemein bekannt, dass Talan Ynra heiraten wollte. Wenn wir sagen, dass er es im Geheimen getan hat, werden sie ihr folgen“, schlug Kallah vor, woraufhin Sarusch schief lächelte. Er wirkte sehr unglücklich darüber, doch er würde sich gegen ihren Beschluss nicht auflehnen, wenn Zurak zustimmte.
„Dann setzen wir dieses Gerücht in die Welt, nachdem seine Beerdigung stattfand“, beendete Zurak die Unterredung. Ächzend erhob er sich und sie verließen das Ratszelt. Draußen brannten wegen der Trauerfeier mehrere kleine Fackeln, Ringe aus Blumen waren um diese gelegt worden. Ein alter Brauch, der ausgeführt wurde, wenn ein Anführer ohne Erben dem Tod entgegengetreten war. Die Blicke der Boleschen fielen auf die ersten Reiter Talans. Schweigend hefteten sie sich an ihre Fersen und nahmen einige der kleinen Fackeln auf. Der lange Tross, der sich dadurch bildete, wanderte den Abhang hinunter. Sie durchschritten eine Allee aus Bäumen, wobei sie sich jedoch genau in der Mitte des Weges hielten.
Argwöhnisch schaute Kallah zu den Bäumen hinauf, da sie einen Angriff seitens Natur befürchtete. Doch dieser setzte nicht ein, weswegen sie sich etwas entspannte.
Als sie sich dem toten Prinzen der Boleschen näherte, überkam sie die Trauer, die sie so lange unterdrückt hatte. Sie musste sich arg zusammenreißen, dass sie nicht weinte. Den Jungen hatte sie seit seiner Kindheit gekannt. Sie hatte bereits als erste Reiterin seines hitzköpfigen Vaters gedient. Vater und Sohn waren dabei völlig verschieden gewesen, was ihr schnell aufgefallen war. Schon damals hatte sie gewusst, dass Talan ganz anders war, als jeder Boleschen, der vorher ihr Anführer gewesen war. Seine Strategien hatte er stets kühl bedacht und sich gleichzeitig um das Leben seiner Gefolgsleute Sorgen gemacht. Der Ruhm, den er in einer Schlacht erlangen konnte, war ihm nie wichtig gewesen. Er hätte das Zeug dazu gehabt, Ovian mit dem liberischen Hochland zu vereinigen und über beide Reiche zu herrschen. Wenn nicht dieser verdammte Attentäter gewesen wäre, hätte er noch Großes vollbringen können, worüber sich Kallah stark ärgerte. Solch einen Anführer würde es vielleicht einmal in hundert Jahren geben. Sie war sich darüber im Klaren, dass Ynra nie in seine Fußstapfen würde treten können. Das Mädchen würde gänzlich anders herrschen. Und doch musste es sein, um die Boleschen zusammenzuhalten.
Diese Gedanken gingen Kallah durch den Kopf, als sie an den Leichnam herantrat. Talan war in ein Leinentuch gehüllt worden, wie es ihre Sitte verlangte. Auch ein Prinz oder König wurde so bestattet, wie ein gewöhnlicher Krieger. Kallah war froh, nicht in sein lebloses Gesicht schauen zu müssen. Nie hätte sie gedacht, dass sie unter einem dritten Anführer dienen würde, da sie bereits in fortgeschrittenem Alter war. In ihrem Alter starben nämlich die meisten Boleschen in einer blutigen Schlacht.
Bei der Beerdigung stand sie am Rand und beobachtete, wie eine Medizinfrau und ein Medizinmann, die auch für die Rituale ihres Glaubens zuständig waren, zunächst den Leichnam segneten. Als der Klagegesang anschwoll, konnte sie nicht mehr an sich halten. Stumme Tränen liefen ihr übers Gesicht, die sie sofort wegwischte. Mit geröteten Augen sah sie, wie der Leichnam des Prinzen schließlich der Erde übergeben wurde. Einige der Krieger schoben stumm die Erdmassen in die Grube. Es dauerte nicht lange, bis Talan vollständig bedeckt war. Viele der umstehenden Boleschen legten danach Blumenkränze auf das Grab. Ein kleiner Junge kam auf Kallah zu und bot ihr seinen Kranz an. Lächelnd nahm sie den dar gebotenen Kranz entgegen, dann überlegte sie es sich anders und drückte dem Kind wieder den Ring aus Blumen in die Hände.
„Wir machen es gemeinsam“, sagte sie und trat mit dem Jungen an die aufgetürmten Erdschichten heran. Sie legte eine Hand an den Kranz, während das Kind es ihr gleichtat. Die geflochtenen Blumen legten sie gemeinsam an eine Stelle ab, die noch nicht bedeckt war.
Kallah seufzte, als sie sich erhob. Nun musste sie ihr Volk anlügen und im Brustton der Überzeugung sprechen, damit man ihr die Lüge auch abkaufte. Sie ließ sich einen Moment Zeit, sammelte die nötige Kraft, dann trat sie mit durchgestrecktem Rücken vor die Boleschen.
„Talan ist verschieden“, begann sie volltönend, um sich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden zu sichern. Umgehend richteten sich alle Augen auf sie. Viele der Boleschen waren noch der Trauer verfallen. Doch die Nachfolge musste geklärt werden, damit sie ein Ziel hatten, das sie angreifen konnten. Ansonsten würden nach der Trauerzeit erbitterte Kämpfe ausbrechen. Es war ja niemand da, der zur Ordnung rief.
„Unsere neue Königin befindet sich weit im Süden, wo Talan sie hingeschickt hat, bevor er starb“, kam Kallah direkt zur Sache. Sie war als Generalin keine Frau, die lange herumredete. „Die Hochzeit zwischen ihnen fand im Geheimen statt. Ynra ist somit unsere neue Königin“, fuhr sie fort. Zuerst schwiegen die Boleschen, dann brausten einige von ihnen auf. Zornige Stimmen wurden laut.
„Ich werde dieses Vogelweib nie als Königin akzeptieren!“, „Sie ist nur ein Kind, das nichts von Krieg versteht!“, „Damit lieferst du uns Ovian aus!“, erklangen berechtigte Empörungen und Anschuldigungen. Mit solchen harschen Worten hatte Kallah bereits gerechnet. Immer wenn sich ein neuer Herrscher über die Boleschen erhob, waren gewisse Personen damit nicht einverstanden. Nachdem Talan die Führung übernommen hatte, war es nicht unähnlich gewesen.
„Wer sie als Königin anfechtet, trete nun vor!“, verlangte Kallah mit giftigem Blick. Es war gut, dass sie nicht Herrscherin geworden war, denn sie hätte die Verräter direkt hinrichten lassen.
Einige Krieger, Steppenläufer und Reiter traten vor, die sie finster ansahen. Ihrerseits ließ sich Kallah davon nicht beeindrucken.
„Wenn ihr eure Waffen nicht vor Ynra niederlegt, könnt ihr gehen. Findet euer Glück woanders. Ovian liegt euch schließlich zu Füßen“, sagte sie kühl. Ein paar Boleschen taten tatsächlich, wie ihnen geheißen. Zornigen Schrittes verließen sie die trauernde Runde. Die anderen wirkten verunsichert, dann fiel einer von ihnen auf die Knie, zog sein Schwert und bot es dar. Jeder in der Reihe beugte sein Knie vor Kallah und legte seine Waffe auf die Handflächen.
„Wir werden Ynra folgen“, sagte derjenige, der als erstes eingeknickt war. Grimmig nickte Kallah den Boleschen zu und machte eine Geste, dass diese aufstehen sollten. Vorsichtig erhoben sie sich, da sie vom feurigen Temperament der Veteranin wussten.
„Dann brechen wir am morgigen Tag gen Süden auf!“, entschied Kallah. „Suchen wir das Mädchen!“

„Dein Zorn füttert deine Magie. Setze ihn daher sparsam ein“, erklärte Giora ihrer Tochter, die in den letzten Wochen einige Fortschritte erzielt hatte. So war Ynra wieder dazu in der Lage, in eine innere Versenkung hinab zu sinken. Allmählich hatte sie die Angst vor diesem großen Nichts in sich selbst verloren. Gezielt Zauberei wirken, konnte sie jedoch immer noch nicht. Die Lehrstunden bei ihrer Mutter waren müheselig und anstrengend.
„Wie soll ich denn meine Wut beherrschen lernen? Sie überkommt mich einfach“, meinte Ynra wenig überzeugt.
„Diesen Zorn habe ich auch in deinem Alter verspürt“, merkte ihre Mutter an, die ihr im Heiligtum gegenüber saß. Die Kammer war nur der Gottkönigin vorbehalten, die diese Stadt gerade beherrschte. Da war das alte Volk der Umblai streng, Ynra durfte die Kammer nur mit Erlaubnis ihrer Mutter betreten. Innen war der Raum komplett vergoldet, weshalb Ynra bei ihrer ersten Lehrstunde Augenschmerzen bekommen hatte. Nur langsam hatte sie sich an die glänzenden Wände gewöhnt.
„Kann ich mir gar nicht vorstellen“, sagte Ynra bitteren Blicks. Seitdem sie sich in fortgeschrittener Schwangerschaft befand, war sie noch wütender auf sich, die Leute um sie herum und die ganze Welt an sich. Ihre Mutter blieb völlig ruhig und sah Ynra aus ihren schwarz bemalten Augen heraus an.
„Sobald dieses Kind aus dir herauskommt, ist es leichter“, sprach sie, wobei kein Mitleid in ihrer Stimme lag.
„Ich will das aber nicht. Es soll sofort aus mir heraus!“, rief Ynra aufgebracht und die Tonschalen vor ihnen begannen wie von Geisterhand zu kreisen. Der Tee schwappte heraus und benetzte Ynras nackte Beine, was sie noch zorniger machte. Plötzlich zerschellten die Behältnisse, als wenn sie diese in der Hand zerdrückt hätte. Die Scherben blieben allerdings in der Luft hängen, ohne gefährlich zu werden. Giora hatte schnell gehandelt.
„Du musst dich beherrschen. Sonst verletzt du diejenigen, die dir teuer sind“, entgegnete ihre Mutter seufzend. Anstelle von Zorn trat nun Scham. Ynra kam sich so unglaublich dumm vor, dass sie ihre Kräfte nicht kontrollieren konnte. Alles, was noch von ihr übrig geblieben war, war lächerlich. Ihr Körper war aufgedunsen und drohte ihrer Auffassung nach zu platzen. So hatte sie nie enden wollen: Machtlos wegen dieses Dings, das sich in ihr befand und zu dem sie keinerlei Bezug aufbauen konnte. Da sie es sich selbst immer wieder beweisen musste, führte sie dennoch die Lehrstunden mit ihrer Sichelklinge aus, obwohl ihre Mutter ihr stark davon abgeraten hatte.
„Kurz vor der Geburt sollte sich eine Frau nicht überanstrengen“, war sie ermahnt worden, aber es war Ynra gleich. Sie war schließlich nicht gefragt worden, ob sie überhaupt Mutter werden wollte und hätte es um jeden Preis verhindert, wenn es in ihrer Macht gelegen hätte.
„Ich bin so nutzlos! Im Norden rückt der König immer weiter zum Spiegel vor und ich sitze hier!“, sagte sie nach einer Weile mit leiser Stimme.
„Media wird sich darum schon kümmern. Du bist nicht die Einzige, die diese Welt retten kann“, kam es kühl von ihrer Mutter. „Du brauchst eben lange, um Magie zu lernen“, fügte sie noch provozierend hinzu.
„Wie soll ich Magie vernünftig lernen können, wenn sich dieses Ding in mir befindet?!“, erhob Ynra aggressiv die Stimme. Kurz legte ihr Gegenüber den Kopf schief.
„Ja, das wäre möglich…“, gab Giora nachdenklich von sich.
„Was wäre möglich?!“, fragte Ynra wutentbrannt. Das war eine Eigenart, die sie an ihrer Mutter nicht leiden konnte. Ständig sprach diese in Rätseln!
„Du musst dein Kind nicht auf natürliche Weise zur Welt bringen. Die Umblai kennen eine Methode, bei der du nicht einmal Schmerzen verspüren musst.“ Wegen der Worte riss Ynra die Augen auf.
„Das sagst du mir erst jetzt?!“
„Dein Kind wäre gestorben, wenn es zu früh vollzogen worden wäre. Davon wollte ich dich abhalten…“, beantwortete ihre Mutter ihre Frage in sachlichen Ton.
„Warum hast du mich überhaupt davon abgehalten?“, wollte Ynra enttäuscht wissen und schüttelte den Kopf.
„Überlege doch einmal, Tochter… Wenn es tatsächlich das Kind des Boleschen ist, ist es euer Erbe. Die Boleschen legen großen Wert auf die Erbfolge. Doch auch wenn es das Kind von Utan ist, kommt es besser lebendig auf die Welt. Unser Volk ist klein und bald nicht mehr da, sobald keine Kinder mehr geboren werden.“
„Mir sind die Traditionen gleich. Soll unser Volk doch aussterben und Talan keinen Erben haben. Was kümmert es mich?“, gab Ynra kalt zurück und verschränkte die Arme. Das Einzige, um das sie sich sorgen musste, war der schwarze Spiegel, da sie nach den Armonen die Auserwählte war. Die Auserwählte, die dazu auserkoren worden war, Daria zu retten…
„Hast du dich jemals sprechen gehört? Du bist nicht nur rebellisch, du bist gänzlich egoistisch!“, warf ihre Mutter ihr vor, woraufhin Ynra düster lächelte.
„Ja, ich bin egoistisch, wenn ich diese verdammte Welt retten möchte!“, rief sie und stand kraftvoll auf.
„Du machst dir scheinbar keine Gedanken ums Morgen, nicht wahr?“, fragte die Königin der Umblai. Sie erhob sich ebenfalls und verließ das Heiligtum. Schnell folgte ihr Ynra, da ihre Mutter ein beträchtliches Tempo an den Tag legte. Sie schritten durch einen schmalen Gang mit niedriger Decke. An den Wänden hingen kostbar bestickte Teppiche in allerlei Farben, deren Enden aus Gold und Silber gesponnen worden waren.
Indessen hatte sich Ynra immer noch nicht an die Pracht und den unermesslichen Reichtum der weißen Stadt gewöhnt. Während ihr Volk in solchen Dingen keinen Wert sah, war sie umso erstaunter darüber, dass ihre Mutter besonders von dem Prunk angetan war. Ansonsten legte Giora doch so viel Wert auf die Gebräuche ihres Volks.
Sie kamen an einer hohen, steilen Treppe aus und flogen diese nacheinander hinunter. Geräuschvoll liefen sie über den steinernen Boden des gewaltigen Tempels. In der Mitte des Raums waren ihnen vom Volk der weißen Stadt Opfergaben auf einem violetten Teppich ordentlich dargebracht worden. Giora nahm sich einen Kelch mit dem erlesensten Kokosnusssaft und trank diesen in einem Schluck aus. Danach warf sie das leere Gefäß achtlos von sich, weshalb Ynra mit den Augen rollte.
Ihre Mutter hatte sich zu sehr an diesen Luxus gewöhnt und würde wohl in den kargen Gefilden, in denen ihre Tochter aufgewachsen war, keinen Tag mehr überleben. Sie hatte auch nicht das Jagen erlernt und konnte kaum mit Waffen umgehen. Das Einzige, womit sie sich verteidigen konnte, war ihre Magie, die sie aber perfektioniert hatte.
Düster starrte Ynra auf den Rücken ihrer Mutter. Die Lehrstunden in Magie hatten ihre magischen Kräfte etwas gelockert, sodass sie nun ständig darauf zugreifen konnte, wenn sie wütend war. Doch sie konnte diese Macht nicht in eine bestimmte Richtung lenken. Sie verstand einfach nicht, wie das vonstattengehen sollte. Das machte sie natürlich noch zorniger.
Über eine dreistufige Treppe verließen sie den imposanten Tempel und betraten einen Garten, in dem einige der kleinwüchsigen Bewohner der weißen Stadt in der prallen Sonne arbeiteten. Als sich Giora näherte, stellten sie ihre Arbeit ein und nahmen diese demütige Haltung an, bei der sich Ynra immer schlecht fühlte. Sie mochte es nicht, wenn ein Mensch so vor ihr kniete und keinerlei Würde zeigte. Ihre Mutter schien sich in dieser übertriebenen Anerkennung allerdings zu sonnen.
Giora wechselte einige Worte in der uralten Sprache, die Ynra mittlerweile teilweise verstehen, aber nicht lesen konnte. Da war Utan bereits wesentlich weiter, denn er schaffte es schon, diese Hieroglyphen zu entziffern, wenn er sich Zeit ließ. Es hörte sich zwar noch etwas merkwürdig an, wenn er in der fremden Zunge sprach, doch die Umblai verstanden ihn wenigstens, wohingegen Ynra nur einige leichte Sätze verstehen konnte.
„Du sollst ihnen nachgehen. Sie bereiten alles für die Geburt vor“, übersetzte Giora das Gesagte. Schweigend lief Ynra den kleinwüchsigen Menschen hinterher.
Es dauerte nicht lange, bis sie an einem niederen Gebäude ankam, dessen weiße Fassade in der Mittagssonne glänzte. Die Umblai gingen hinein und Ynra folgte ihnen. Sie durchquerten einen kleinen Raum, wohl der Eingangsbereich. In der nächsten Kammer stand ein steinerner Tisch, auf den die Umblai schnell Kissen und Decken legten. An der einen Wand waren weitere Tische, auf denen seltsame Apparaturen standen, die Ynra noch nie zuvor gesehen hatte.
Ihr wurde etwas unbehaglich zumute, als die Umblai ihr bedachten, auf den hohen Tisch Platz zu nehmen. Doch sie kam der Aufforderung sofort nach, da sie nicht als schwach gelten wollte. So legte sie ihren Kopf auf die Kissen, in die sie direkt einsank und legte ihre Beine ab. Die Umblai rannten noch ein paar Mal im Raum hin und her, ehe sich einer von ihnen löste und auf sie zukam. In seinen Händen hielt er eine Schale mit einer klaren Flüssigkeit, die er Ynra reichte. Dann bedeutete er ihr, daraus zu trinken. Kurz zögerte Ynra. Sie konnte schließlich nicht wissen, um was es sich für ein Getränk handelte.
„Du schlafen“, ergriff der Mann das Wort. Ynra verstand ihn kaum, da er einen so schweren Akzent hatte. Sie brauchte einen Moment, um den Sinn hinter seinen Worten zu begreifen, dann nickte sie aber und trank das Gefäß aus. Danach ließ sie sich zurücksinken und fiel fast augenblicklich in einen tiefen Schlaf, in dem sie nichts von dem mitbekam, was sich gerade abspielte.
Als sie aus der Schwärze erwachte, fühlte sie sich taub und träge. Sie lag immer noch auf den Tisch, der nun blutbesudelt war. Ein leichter Schmerz an ihrem Bauch ließ ihren Atem stocken. Ynra fühlte über die gewölbte Stelle und musste lächeln, da ihr Bauch nun völlig glatt war. Darin bewegte sich nichts mehr, weswegen sie sich entspannte.
Irgendwo in der Ferne schrie ein Kind, ihr Kind. Und doch fühlte sie bei dem Geplärre keine Verbundenheit zu diesem Kind. Es war nicht so, wie es ihr die Frauen aus ihrem Clan erklärt hatten. Sie verspürte gar nichts...
Obwohl sie völlig überfordert war, wurde ihr dennoch der Säugling in die Arme gedrückt. Irritiert blickte sie dieses Wesen an, das noch weiter schrie. Mit rotem Gesicht schrie das Kind und bewegte sich, als wenn es aus den Armen seiner Mutter fliehen wollte.
Ynra hatte keine Ahnung, wie sie damit umgehen sollte und drückte dem Säugling daher eine Hand auf den Mund, damit er bloß aufhören sollte zu schreien. Das Schreien strapazierte ihre ohnehin angeschlagenen Nerven.
Ein Raunen ging durch die Menge der Umblai. Eine Frau trat vor und nahm das Kind wieder an sich, wobei sie Ynra verständnislos ansah. Verwirrt schaute das Mädchen wieder zu dem Neugeborenen. Nun fiel ihr auf, dass das Kind mit nur einem Flügel geboren worden war und eine etwas dunklere Haut hatte, als sie. Die schwarzen, vollen Haare und die dunklen Augen erinnerten sie stark an Talan.
Da sie mit der ganzen Situation überfordert war, stand sie auf und kam auf die Beine. Immerhin war sie noch angezogen, nur ihr Hemd war hochgezogen worden, das sie nun nach unten zog. Wie erstarrt blickte sie dieses Kind an, das zwischen den Völkern stand und weder ein Boleschen noch ein Himmelskind war. Es beäugte sie ebenfalls mit großen Augen. Seine Augen wirkten fast schon anklagend.
Rastlos verließ sie den Gebärdesaal, da sie nur mit sich selbst allein sein wollte. Sie fühlte sich den Anforderungen als Mutter einfach nicht gewachsen. Verstand nicht, was genau von ihr verlangt wurde. Als sie draußen war, überkam sie ein leichter Schwindelanfall, den sie jedoch erbittert bekämpfte. Nach drei, vier wackeligen Schritten hatte sie sich aber wieder im Griff.
Sie breitete die Flügel aus und flog davon. Die Winde brachten sie auf andere Gedanken und sie steuerte auf den Park zu, in dem sie manchmal spazieren gewesen war. Dort erhoffte sie sich etwas Einsamkeit, doch der Park war an diesem Tag stark besucht. Aus dem Himmel erkannte sie Esmeralda, die auf einem Brunnenrand saß und einen Krug in der Hand hielt.
„Vielleicht versteht sie ja, was in mir vorgeht“, dachte sich Ynra und ging in den Sinkflug über. In diesem Moment wollte sie nicht auf Utan oder Siara treffen. Utan würde ihr nur Vorwürfe machen, da ihr Kind der endgültige Beweis dafür war, dass sie Talan näher gekommen war. Siara würde es ihrerseits nicht verstehen, wieso sie sich wegen der Geburt nicht freute. Doch Esmeralda, die jegliche Verantwortung scheute, würde es vielleicht verstehen.
Mit Schwung kam Ynra auf den Sand auf und rannte noch ein paar Schritte, bevor sie abbremste.
„Ganz ruhig, Kleine“, lallte Esmeralda und hob langsam die Hände. „Was ist denn los, dass du mich fast über den Haufen rennst?“ Die Himmelstochter setzte sich ohne ein Wort zu sagen auf den Brunnenrand neben sie.
„Du hast geworfen, wie es aussieht. Herzlichen Glückwunsch“, meinte Esmeralda zynisch und hielt den goldenen Krug hoch. Unwohlen Gefühls hielt sich Ynra den Bauch, an dem sie nun eine vernähte Narbe spürte.
„Was mache ich nun mit diesem Kind?“, fragte sie nach einer Weile, woraufhin die Meerfrau zu lachen begann. Da sie bereits betrunken war, verschüttete sie etwas von dem Wein. Die Tropfen färbten den Sand zu ihren Füßen rot.
„Dann bist du genauso unfähig, wie ich. Meine damalige Freundin hat es gehabt, meine Mutter auch, aber ich habe es nicht“, sagte Esmeralda belustigt und nahm einen Schluck aus dem Krug. Der Alkohol rann ihr über den Mund den Hals hinunter und besudelte ihre ohnehin zerschlissene, schäbige Kleidung. Sie hatte sich bisher nicht die Mühe gemacht, ihre Gewänder in frische umzutauschen.
„Was meinst du genau damit? Was habe ich nicht?“, fragte Ynra irritiert. Plötzlich wurde die Meerfrau ernst, stellte den Krug geräuschvoll neben sich.
„Du hast nichts an dir, was irgendwie mütterlich wäre. Überlass die Erziehung deines Kindes lieber einer anderen Person, glaub mir. Ich weiß, wovon ich spreche…“, kam es von der Betrunkenen. Nachdenklich sah Ynra ins klare Wasser, in dem einige schillernde Fische schwammen. Dann musste sie ihrerseits lachen.
„Besser Utan kümmert sich um Talans Kind“, brachte sie während des Lachens heraus.
„Also ist es wirklich ein Halbblut, was du zur Welt gebracht hast?!“, staunte Esmeralda nicht schlecht, doch nicht in verurteilendem Tonfall. „So etwas hat es seit Jahrtausenden nicht mehr gegeben!“
„Mein Volk wird dieses Kind nie annehmen. Vielleicht ist es aber auch besser so. Es soll an diesem Ort aufwachsen. Nicht in Ovian. Dort werden zu viele Kriege geführt“, überlegte Ynra. Sie verschwieg die Tatsache, dass es ihr gerade recht war, wenn ihr Kind weit entfernt von ihr aufwuchs und sie sich nicht darum kümmern musste.
„Deine Mutter wird ihm auch keine gute Mutter sein, fürchte ich. Sie ist, wie wir. Sie herrscht lieber über die weiße Stadt, als einen schreienden Säugling zu versorgen“, sprach Esmeralda die bittere Wahrheit aus.
„Dann muss sich wirklich Utan darum kümmern“, brach Ynra wieder in Gelächter aus, in das die Banditin nun ebenfalls einfiel. Von den vorbeiziehenden Umblai wurden sie mit verwirrten Blicken bedacht. Wahrscheinlich hatte es sich bereits herumgesprochen, dass die Himmelstochter ihr Kind verstoßen hatte.
„Der Junge ist nicht für die kommenden Kriege gemacht. Er ist viel zu weich. In der weißen Stadt wird er als Gottheit angebetet. Wieso sollte er sich nicht um dein Kind kümmern?“
„Weil es Talans Kind ist“, erwiderte Ynra und presste die Lippen aufeinander.
„Wieso hast du dir eigentlich zwei Burschen auf einmal genommen?“, fragte die Banditin nach. Leichte Überstürzung überkam die Himmelstochter. Diese Frage hatte sie sich auch sehr oft gestellt. Zumal es in ihrem Clan üblich gewesen war, dass sich jemand für einen Mann oder eine Frau entschied und nicht für mehrere. Damit hatte sie wieder gegen die Regeln verstoßen, wie sie es so oft schon getan hatte.
„Utan und Talan sind eben unterschiedlich, wie Tag und Nacht. Ich kann es nicht erklären. Mein Herz schlägt für beide und ich kann mich nicht entscheiden, wen ich mehr liebe“, sprach Ynra in nüchternem Ton. Ihr fiel es schwer über Liebe zu reden. Amüsiert schaute Esmeralda sie an.
„Ich will dich nicht dafür verurteilen. Ich war noch viel schlimmer, als du“, entgegnete sie. Dann hob sie die rechte Hand, an der vier Finger abstanden, während der Daumen eingeknickt war.
„Wussten sie alle voneinander?“, wollte Ynra neugierig wissen.
„Ja, sie haben wohl ein Auge zugedrückt, da ich in der Thronfolge ganz oben stand. Wenn ich eine einfache Dienerin gewesen wäre, hätte ich es verheimlichen müssen“, gestand Esmeralda mit betont reuevoller Stimme, wonach sie lachte.
„Nun ja… In Kami no Kuni haben die Menschen es dann nicht so gut aufgefasst. Da ist Ehre ein noch wichtigeres Wort, als in Ovian. Nachdem ich mich mit drei Männern gleichzeitig vergnügt hatte, galt ich dort als Hexe und musste daher die Hauptstadt verlassen. Danach bin ich durch die grünen Ebenen gereist und war am Hofe der Eiskönigin. Diese selbsternannte Königin war dann eine wirkliche Hexe, die ebenfalls vertrieben worden ist. Ich weiß jedoch nicht, ob sie noch lebt. Ich würde ihr Grüße ausrichten, wenn der Weg übers Wasser nicht so verdammt lang wäre…“
„Wie ist es eigentlich im Königreich am Meeresgrund?“
„Willst du meine ehrliche Meinung oder eine geschönte Meinung hören?“
„Die ehrliche.“
„Es ist so langweilig, dass es schon keinen Ausdruck mehr dafür gibt. Im Ozean verläuft die Zeit wesentlich langsamer, als in Ovian. Vielleicht liegt es aber auch an unserer langen Lebensspanne. Ich kann über tausend Jahre alt werden, wenn denn der Alkohol nicht etwas dagegen hat.“ Ungläubig riss Ynra die Augen auf. Die Alten des Himmelsvolks starben meist in einem Alter von dreihundertfünfzig, bis vierhundert Jahren. Mit sechzig galt man schon als erwachsen.
„Wie alt bist du dann?“, fragte sie weiter nach.
„Rate doch mal“, antwortete Esmeralda mit einem schiefen Grinsen.  
„Fünfhundert?“
„Nein.“
„Sechshundert?“
„Etwas genauer.“
„Sechshundertfünfzig?“
„Etwas weniger. Ich bin sechshundertdreiundzwanzig, aber so alt fühle ich mich noch gar nicht.“
„Wie kann ein Wesen so ein Alter erreichen?“, kam es verblüfft von Ynra.
„Es gibt Wesen, die leben noch länger, als wir. Riesenkraken zum Beispiel. Manche werden um die fünftausend Jahre alt“, lachte die Banditin, während die Himmelstochter sie verwirrt ansah.
„Was? Du hast noch nie einen Kraken gesehen?“
Ynra verneinte und Esmeralda machte sich daran, ihr zu erklären, was genau ein Krake war.

Die Armee des Königs kam in der Abenddämmerung. Ein Heer dieses Ausmaßes hatte Eydís noch nie zu Gesicht bekommen. Von Vaklavik aus, das auf einer Anhöhe inmitten von Felsen thronte, sah sie die Truppen durchs zugefrorene Tal marschieren. Pferde hatten sie keine dabei. Wahrscheinlich hatten sie diese auf den Weg nach Vaklavik geschlachtet. Die Ritter in den schwerfälligen Rüstungen bewegten sich nur langsam fort, doch der Strom an bewaffneten Ovianern schien nicht abzunehmen. In einer langen Linie bestiegen sie die Anhöhe von südlicher Seite aus, wobei sie Probleme hatten durch den tiefen Schnee zu waten. Um die Armee etwas aufzuhalten, hatten sie die Massen an Schnee in den Straßen der Hauptstadt zusammengekehrt und diesen den Abhang hinunter geschoben, da Eydís schon damit gerechnet hatte, dass der König von dieser Seite aus angreifen würde. Schließlich hatten sie alle Kundschafter getötet, die sich etwas im schwarzen Land auskannten.
Seufzend wandte sich der Jarl vom Geschehen ab und trat vom Fenster zurück. Schleunigst eilte Eydís zu dem Tisch, wo sie ihre abgewetzte Rüstung niedergelegt hatte. Mit fliegenden Fingern legte sie die Lederkluft selbstständig an. So schlüpfte sie in den ledernen Harnisch, der bis zu ihren Knien ging, zog sich stoffliche Stulpen über die Unterarme, darüber metallene Armschützer. Um ihre Beine band sie einige Lagen an Stoff, ehe sie die ledernen Stiefel über ihre Füße zog. Die Rüstung selbst war für eine einfache Kriegerin gemacht, da sie die vollgepanzerte Metallrüstung der nordischen Priesterinnen trotz ihres Titels nicht tragen durfte. In ihrer Jugend hatte sie die Prüfung nicht bestanden.
Nachdem sie ihre Rüstung gerade gezogen hatte, langte sie nach dem schlanken Schwert, mit dem sie  schon Dutzende Ritter getötet hatte. Suchend schritt sie durch die Gänge der hölzernen Jarlshalle und kehrte in Fridolins Zimmer ein. Eine kleine, schäbige Besenkammer, in die jedoch eine kleine Pritsche gepasst hatte.
Gerade stellte Fridolin seine merkwürdigen Übungen ein, die er abends immer ausführte, wenn er zu Bett ging. Dabei dehnte er seine Gliedmaßen in absonderlicher Form, was Eydís äußerst befremdlich vorkam.
Stocksteif erhob er sich und verbeugte sich demütig vor ihr, weshalb sie etwas schmunzeln musste, bevor sie wieder ernst wurde.
„Was verlangt Ihr von mir, Eure Gnaden?“, redete der Deserteur des Königs in schmeichelndem Tonfall daher.
„Du hast geschworen, mir zu dienen. Ich werde deine Dienste nochmals in Anspruch nehmen“, kam Eydís direkt zur Sache.
„Inwiefern?“, fragte Fridolin knapp.
„Der König steht mit seinem Heer vor Vaklavik und wird in dieser Nacht noch angreifen. Wir werden ihn nicht davon abhalten können, zum schwarzen Spiegel zu gelangen. Du musst sofort nach Kami no Kuni aufbrechen und den Kaiser davon überzeugen, dass auch seine Untertanen in Gefahr sind, sobald die Unsterblichen Daria betreten“, sprach sie schnell, woraufhin Fridolin nickte.
„Ich werde versuchen, ihn zu überzeugen. Versprechen kann ich es jedoch nicht“, sagte Fridolin nüchtern.
„Wenn du ohne Armee zurückkehrst, werde ich dich eigenhändig erwürgen, sollte ich dann noch leben!“, brauste Eydís auf. „Wenn du versagst, bist du für den Tod der gesamten Menschheit verantwortlich!“, fügte sie noch erzürnter hinzu.
„Ich werde Euch nicht enttäuschen“, lenkte der Ovianer ein. Scharf stieß Eydís die Luft aus und packte ihn an den Schultern.
„Es gibt einen kleinen Hafen im Osten. Dort stehen Schiffe, mit denen du übersetzen kannst. Nimm dir alles, was du brauchst an Proviant mit. Segle zunächst einige Seemeilen nach Süden, bevor du gen Osten segelst. Im Norden friert nämlich das Meer im Mittwinter zu.“
„Ist eines eurer Schiffe überhaupt hochseetauglich?“, wollte Fridolin mit ernster Stimme wissen.
„Das wird sich herausstellen, wenn du aufs offene Meer segelst“, lächelte Eydís grimmig. Dann wandte sie sich zum Gehen, blieb jedoch noch einmal im Türrahmen stehen.
„Falls du mich hintergehen solltest, wird ein Dämon dir alsbald das Leben aus dem Leib saugen“, drohte sie ihm leise, aber nicht weniger wirksam. Als sie in den Gang zurückkehrte, eilte Fridolin umgehend aus seiner Kammer hinaus.
Eine seltsame Ruhe überkam Eydís, als sie den Kasernenhof betrat und einer nahestehenden Wachfrau Befehle gab, den Rest zu versammeln, der von ihrer Armee übrig geblieben war. Es dauerte nicht lange, bis die Kriegerinnen und neuerdings die männlichen Rekruten ihre Waffen ergriffen und sich versammelt hatten. Zu der Truppe gesellten sich nach einer Weile noch einige der Schmiedinnen und Jägerinnen, die ihre Hämmer und Bögen stolz vor der Brust trugen. Einige Männer hatten sich mit Spitzhacken und Küchenmessern bewaffnet. Bestürzt sah sich Eydís das Spektakel an, da nun auch gewöhnliche Bürger dem Krieg beitreten würden. Sie musste keine Rede halten, da das Feuer in den Augen der Nordländer bereits loderte. Es lag klar auf der Hand, dass ihnen nichts mehr bleiben würde, wenn die Ovianer erst in Vaklavik einmarschiert waren. Damit würde die letzte Bastion des Nordens fallen.  
„Holt die Fässer an Öl!“,  befahl Eydís scharf und einige der Kriegerinnen liefen los. Sie trat an die Männer mit den Küchenmessern heran.
„Ihr werdet die Fässer mit Fackeln anstecken, ehe wir sie über den Kamm rollen. Bereiten wir ihnen zur Abwechslung einen warmen Empfang“, gab sie weitere Befehle. Jeder der Männer nahm sich eine Fackel von einem Stapel und zündete diese an den nahegelegenen Feuern, die überall in Vaklavik brannten, an. Gehorsam stellten sie sich am hölzernen Südtor auf.
Besorgt schaute Eydís zu der kleinen Steinmauer, die die Stadt umgab. Die Mauer war keine drei Schritt hoch. Die Soldaten des Königs würden kein Belagerungsgerät brauchen, um diese zu überwinden. In der Vergangenheit hatte das Nordvolk immer auf offenem Feld gekämpft. Noch nie waren sie in ihrer Hauptstadt angegriffen worden, weshalb sie keine starke Verteidigung errichtet hatten. Nun drohte diese Nachlässigkeit ihnen zum Verhängnis zu werden.
„Befreit die Bären aus ihren Ställen!“, schrie Eydís. Sie war sich darüber im Klaren, dass sie alle Bären opfern mussten, wenn sie je eine Chance haben wollten, erneut die königliche Armee zurückzuschlagen.
Nachdenklich sah sie zu ihrem Holzvorrat, der aus mehreren abgeschlagenen Kiefern, Tannen und Buchen bestand. Da sie nicht damit rechnete, dass sie den Winter überleben würden, befahl sie, die Baumstämme heranzurollen und lange, rostige Nägel hineinzuschlagen.
Danach rannte der Jarl zum erhöhten Außenposten und blickte in die südliche Schlucht hinunter. Sah, wie die Armee des Königs sich beinahe den Abhang nach Vaklavik hochgearbeitet hatte.
„Die Fässer! Schnell! Bogenschützen!“, fuhr ihre Stimme peitschenartig durch die Luft. Die Bürger Vaklaviks öffneten das Tor, während andere die Fässer heranrollten. Die fackelschwingenden Männer entzündeten nacheinander die Fässer und traten diese machtvoll den Abhang hinunter. Immer schneller werdend rotierten die Fässer um ihre eigene Achse. Sie warfen die ersten Soldaten von den Füßen und rollten beharrlich durch die Menge, steckten hier und da einen Ovianer in Brand.
„Schießt die Liegenden nieder!“, kommandierte Eydís und die Jägerinnen ließen ihre Pfeile von den Sehnen schnellen. Ein einheitliches Sirren erfüllte die Luft. Erste Todesschreie wurden ausgespien. Die erste Welle hatten sie ohne Verluste zurückgeschlagen.
Eydís gab einige Male die gleichen Befehle, wobei sie auf eine neue Idee kam, als sie die niedere Steinmauer beäugte. Nach der dritten Welle gab sie den Bergarbeitern Anweisung, sich die Steinmauer vorzunehmen. Wenig später gingen ihr die Fässer mit dem Öl aus, doch die Baumstämme waren so weit vorbereitet, dass sie eine ebenso tödliche Falle abgaben.
Als das letzte Fass den Abhang hinunter gerollt war, stellten sich jeweils zwei Rekruten an die Enden des Baumstammes, die nicht mit Nägeln beschlagen worden waren. Unter Ächzen rollten sie den Baumstamm über den Abhang, bis dieser sich eigenständig bewegte. Das Resultat war verheerend. Da die Tanne genauso lang, wie der Weg breit war, gab es keine Möglichkeit auszuweichen. Einige Unglückliche versuchten sich noch in Sicherheit zu bringen, indem sie in die Schlucht sprangen, wobei sie allerdings auch ihr Leben verloren. Mittlerweile war der Schnee vom Feuer geschmolzen worden und der Fels darunter hatte sich wegen des vergossenen Blutes rot verfärbt. Abermals wurden Fußsoldaten den Weg hinaufgeschickt. Einige feindliche Bogenschützen versuchten nach ihnen zu schießen, doch die Pfeile prallten wirkungslos an den felsigen Wänden ab. Wegen der erhöhten Lage Vaklaviks war das nordische Volk klar im Vorteil. Doch sie waren zu wenige. Wenn sie den letzten Pfeil verschossen, die letzte Wurfaxt geworfen und den letzten Baumstamm gerollt hatten, würde es ein Leichtes sein, die Stadt einzunehmen.
Zur dunkelsten Stunde der Nacht war es dann soweit: Der letzte Baumstamm entfaltete seine tödliche Wirkung. Frustriert blickte Eydís ins Tal hinab. Sie stand immer noch auf der hohen Plattform, wo sie die Lage besser einschätzen konnte. Das Heer des Königs hatte sich leicht ausgedünnt. In ihrer Verzweiflung ging ihr ein neuer Gedanke durch den Kopf.
„Sägt die Eiszapfen ab! Sammelt jeden Holzscheit, den ihr finden könnt!“, rief sie aus und die bereits müden Bürger taten, wie ihnen geheißen. Als sie ihrem Befehl nachgekommen waren, hatten die Ovianer den Abhang fast erklommen.
„Lasst die Mauer auf sie hinabregnen!“, befahl sie barsch und die Bergarbeiter drückten gegen einige Steine. Etwa achtzig Fuß in der Länge lösten sich aus der porös gewordenen Mauer. Der Steinhagel begrub die Soldaten unter sich, die Steine stellten nun ein Hindernis für die Nachrücker dar. In deren Mienen sah Eydís Mutlosigkeit. Durch ihre Einfälle hatte sie den Kampfwillen der Ovianer soweit geschwächt, dass wohl bald der eine oder andere Fahnenflucht begehen würde. Damit dies geschah, mussten sie jedoch noch eine Weile durchhalten.
Abermals machte sich ein Trupp auf, den Abhang zu ersteigen. Nun traten Ritter in Plattenrüstungen vor, weswegen Eydís die Lippen aufeinander presste. Es war viel schwieriger, einen gepanzerten, ausgebildeten Ritter im Zweikampf niederzustrecken, als die Vorhut, die nur Kettenhemden und Lederharnische getragen hatte. Dann kam Eydís plötzlich auf eine andere Idee und musste kurz auflachen.
Sie wies die Bergarbeiter, Schmiedinnen und Baumeisterinnen dazu an, eine Furche zu schlagen, die eine enge Kurve beschrieb. Als die schwerfälligen Ritter den Abhang zur Hälfte erstiegen hatten, war die Furche vollendet. Daraufhin gab Eydís den Befehl, direkt am Ende der Furche ein Loch in den Fels zu schlagen. Es dauerte nicht lange, bis die Handwerker dem nachgekommen waren.
Verschlagen lächelnd befahl sie Wasser zu holen. Die acht Männer, die große Fässer mit Wasser herantrugen, schauten sie zunächst verwirrt an. Ohne sich davon beirren zu lassen, erließ der Jarl den Befehl, das Wasser in die Furche zu schütten. Nachdem acht große Fässer entleert worden waren, gefror das Nass in der Rinne binnen von Wimpernschlägen zu Eis.
„Bogenschützen!“, schrie Eydís, da die Ritter nur noch fünfzehn Schritte vom Lager entfernt waren.
Doch es kam alles, wie sie es sich ersonnen hatte: Die Gepanzerten dachten sich anscheinend nichts dabei und wollten ahnungslos über die Furche hinwegsetzen. Das Eis brachte sie jedoch zu Fall. Erschrockene Schreie erklangen, während an die zwanzig Ritter die Rinne hinabrutschten. Allesamt flogen sie durch das geschlagene Loch in die Schlucht hinab und würden diesen Sturz aus großer Höhe wohl nicht überleben. Die Nordländer stießen Jubelrufe aus und schlugen Eydís anerkennend auf die Schulter.
„Hoffentlich gelingt es noch einige Male“, ging es ihr dabei durch den Kopf. Sie machte sich für die nächste Welle bereit. Wieder einmal wurden Fußsoldaten vorgeschickt, die leichtfüßig über die Steine hinwegsetzten. Als sie über die Furche sprangen, wusste Eydís, dass diese Falle nur gegen Ritter half, die mit ihrer Rüstung nicht so weit springen konnten.
„Schießt!“, rief sie im nächsten Augenblick und die Jägerinnen schossen das Fußvolk nieder. Sobald ihnen die Pfeile ausgehen würden, würde sie ihnen befehlen mit Eiszapfen und Holzscheiten zu schießen. Hauptsache sie hielten sich die Truppen eine lange Zeit vom Leib und die zerbrochene Moral erledigte den Rest.
So kämpften sie ganze Nacht hindurch, bis auch die improvisierte Munition ausgegangen war. Ein kleiner Teil des königlichen Heers war bereits geflohen, doch waren die Ovianer immer noch mehr. Schweren Herzens wandte sich Eydís den Stallmädchen zu.
„Führt die Bären um die Rutsche herum und lasst sie laufen…“, sprach sie in düsterem Tonfall. Inzwischen war die Bevölkerung Vaklaviks ebenfalls aufgerieben von der durchkämpften Nacht. Viele von ihnen waren müde und gereizt wegen der beißenden Kälte. Eydís würde sie aber dennoch unerbittlich antreiben und wenn es das Letzte war, was sie tat. Sie wollte gar nicht daran denken, was geschah, wenn sie diesen Krieg verloren.
Brüllend liefen die Bären den Abhang herunter und rannten die Soldaten am Fuß der Schlucht nieder. Nach einer Zeit gesellte sich zu den Schreien der sterbenden Männer auch das Brüllen der sterbenden Bären. Als der letzte Bär schließlich im Kampf gefallen war, war die Armee des Königs noch so zahlreich, dass Eydís einen kurzen Moment über Selbstmord nachdachte. Sie war sich bewusst, was geschehen würde, sobald der König Vaklavik eingenommen hatte. Das Heer würde brandschatzend durch ihre Hauptstadt laufen, jeden Mann töten und jedes Mädchen vergewaltigen, das sie in die Hände bekamen. Doch sie konnte und wollte ihr Volk nicht vorzeitig verlassen. Eydís würde so lange ihre Untertanen beschützen, bis es ihr nicht mehr möglich war.
„Schildmaiden und Rekruten!“, rief sie aus und zog dabei ihr Schwert. Die Kriegerinnen und angehenden Rekruten bildeten eine Reihe. Auch sie zogen blank und bildeten einen Schildwall.
„Wir sind die letzte Bastion, die die Bewohner Vaklaviks schützt. Ihr wisst, was es bedeutet, wenn eine von euch schwächelt: Sie werden durch unsere Verteidigung brechen und uns einzeln niedermachen. Danach ermorden sie eure Männer und Kinder. Sie schänden euch, wenn ihr in diesem Kampf nicht euer Leben lasst und euch ergebt. Werdet ihr Gefangene sein?“, rief Eydís aus.
„Nein!“, ertönte es aus unzähligen Kehlen.
Zufrieden blickte Eydís den Abhang hinunter. Inzwischen war der Weg mit gefrorenen Leichen nur so bedeckt. Die Soldaten des Königs mussten über ihre gefallenen Kameraden hinwegsteigen, wobei einige von ihnen angewiderte Mienen zur Schau stellten. Als sie über die Steine gestolpert und über die tödliche Furche gesprungen waren, nahmen sie die Beine in die Hand und versuchten kopflos, die Linie des Nordvolks zu durchbrechen. Dabei wurden einige auf Speeren aufgespießt. Andere verloren ihr Leben, da sie nicht gut mit dem Schwert umgehen konnten. Nach ein, zwei Streichen, die allesamt wirkungslos an den Metallschilden vorbeiliefen, wurden sie von nordischen Priesterinnen aufgeschlitzt. Achtlos traten die Kriegerinnen die Toten von sich und warteten auf den nächsten Ansturm, der dann auch schnell kam.
Dieses Mal erklommen Bogen- und Armbrustschützen den Abhang und blieben auf einer Entfernung von fünfzig Schritt stehen.
„Schützt euch!“, rief Eydís aus und duckte sich hinter ihren Schild, was ihr kleiner Trupp ihr gleichtat. Als die Salve auf ihre Schilde prasselte, setzte auch das Sterben in ihren Reihen ein. Manche Armbrustbolzen durchschlugen das harte Metall und töteten etwa fünf ihrer Kriegerinnen. Wütend kam Eydís hinter ihrem Schild hervor und nahm ihre Wurfaxt zur Hand. Sie mussten schnell handeln und die Schützen beseitigen.
„Rennt, bevor sie wieder schießen!“, wies sie ihr winziges Heer an und die Speerträger hechteten los, ehe die Bogenschützen zielen konnten und die Armbrustschützen nachgeladen hatten. Auf zwanzig Schritt Entfernung warfen sie ihre Speere nach dem Feind und trafen die meisten der Schützen, die sich alsbald zu den bereits Gefallenen gesellten. Drei Kriegerinnen verloren allerdings ihr Leben, ehe sie bei dem Rest ankamen und diesen mit ihren Schwertern niederschlugen. Eydís zählte noch etwa dreiunddreißig Veteraninnen, dazu die zweihundert Bürger, die sich todesmutig dem Kampf angeschlossen hatten.
Es war aussichtslos, diesen Krieg gegen die übermächtigen Truppen Ovians zu gewinnen. Jedes Bündnis, das sie eingegangen war, war letzten Endes im Sande verlaufen. Sie hätte nicht auf die Unterstützung der Fremdländer vertrauen und sich klüger anstellen sollen, was die Schlachtenführung betraf. Sie hätte noch so viel machen, Lösungen finden können. Als Jarl hatte sie auf ganzer Linie versagt…
Die Gefechte vor dem Tor dauerten nicht lange. Etwa zur Mittagsstunde herum mussten sie das Tor aufgeben und sich ins Innere Vaklaviks zurückziehen.
Dort in den verworrenen Straßen und Gassen planten sie Hinterhalte auf die königliche Armee, da immer nur wenige Soldaten die schmale Passage passieren konnten. Nachzüglern wurden Dolche in den Rücken gerammt. Wenn eine Gruppe Soldaten Unschuldige zusammengetrieben hatten, um diese zu foltern oder zu vergewaltigen, wurden sie aus den Schatten heraus überfallen. Dieses Spiel dauerte allerdings nicht lange, da irgendwann ein Offizier auf die Idee kam, die hölzernen Häuser anzuzünden. Damit war das Verstecken beendet.
Nach ihrer schweren Niederlage wurde Eydís zusammen mit fünf freiwilligen Kämpferinnen in eine Ecke gedrängt. Die abgerissenen Soldaten des Königs rissen zottige Witze über die kriegerischen Frauen. Völlig durchgefroren kauerte sich der Jarl Vaklaviks an die steinerne Mauer. Eydís blutete aus mehreren Stichwunden und hatte auch einige Brandwunden davongetragen.
„Schaut euch die mal an! Das ist wohl eine ganz Harte“, lachte ein älterer Mann mit weißen Haaren und packte Eydís grob am Arm. „Dich nehme ich mir zuerst vor“, fügte er anzüglich hinzu. Mit leerem Blick rammte die gefallene Kriegerin ihm einen Dolch in die Eingeweide. Er spuckte ihr sein Blut ins Gesicht, doch das kümmerte sie nicht mehr.
„Die will uns doch auf den Arm nehmen!“, brüllte ein anderer Mann. Seine schmutzige Hand griff nach Eydís‘ schulterlangen Haaren, ein anderer Soldat nahm ihr den Dolch weg. Der Schmerz an ihrer Kopfhaut interessierte sie nur noch wenig. Sie bewegte sich kein Stück vom Fleck, sondern starrte den niederen Soldaten nur finster an.
„Dann nehmen wir dich eben auf offener Straße, wenn dir das lieber ist“, ranzte sie der Kerl an und spreizte mit einem anderen Soldaten ihre Beine. Doch Eydís lächelte ihn nur lebensmüde an. Ihr war klar, dass diese Unmenschen nach dem Fall des schwarzen Spiegels alle ihr Leben lassen würden. Das belustigte sie mittlerweile.
„Ich schneide dir gleich in deine verdammte Fresse!“, schrie sie der Fußsoldat an. Eydís erwiderte seinen Blick ohne Angst, was ihn wohl noch mehr zum Kochen brachte. Hart schlug er ihr ins Gesicht. Dennoch gab sie keinen Laut des Schmerzes von sich und richtete sich wieder auf, starrte ihn weiterhin kalt an.
„Also gut! Gib mir dein Messer, Drem!“, rief der schmierige Kerl aus. Hastig übergab ihm ein jüngerer Mann, ein Waffenknecht, seine Waffe. Beim Anblick der Klinge blieb die Kriegerin völlig ruhig. Auch als der Soldat das Messer an ihr Gesicht ansetzte.
„Was macht ihr da?!“, peitschte eine raue Stimme durch die eisige Luft. Eydís‘ Gegenüber verdrehte die Augen.
„Mir meine Beute sichern. Ich habe sie zuerst zusammen getrieben“, sagte der Mann mit dem Messer, ohne sich umzudrehen.
„Nicht an diesem Ort“, rief die Stimme aus, dessen Besitzer Eydís nicht erkennen konnte, da der Kerl vor ihr, ihr die Sicht nahm.
„Was glaubt du denn, wer du bist?“, fragte der Fußsoldat herablassend und erhob sich nun endlich. Als die Kriegerin sah, wer das Wort ergriffen hatte, musste sie lachen. Kein Geringerer als der ovianische König hatte ihn angesprochen.
„Ergreift diesen Mann!“, befahl der König barsch, der in so sauberen Gewändern gehüllt war, dass er unmöglich mitgekämpft haben musste. Einige ramponierte Ritter packten den niederen Fußsoldaten an den Schultern und rissen seinen Kopf in den Nacken. Der alte König kam auf seinen Untertanen zu, wobei er sein Schwert zog, das einen vergoldeten Griff aufwies.
„Etwaige letzte Worte?“, fragte er in tiefer Bassstimme und hob das Schwert hoch über seinen Kopf. Dabei schnaufte er wegen der Anstrengung.
„Bitte! Verschont mich!“, bettelte der einfache Soldat.
„Dann sollen das deine letzten Worte gewesen sein“, entgegnete der Herrscher Ovians ungerührt. Die Klinge trennte in einem kräftigen Schlag den Kopf vom Torso. Der Kopf rollte über den Boden und blieb so liegen, dass der Tote Eydís entsetzt anstarrte.
„Wer diese Weiber nehmen möchte, macht das gefälligst nicht vor meinen Augen!“, wandte der König sein Wort an die Soldaten und verschwand hinter einem brennenden Haus. Eydís sah dem fetten, schlecht gealterten Mann hinterher, dem allmählich die Haare ausfielen. Sie hatte mehr vom Herrscher des größten Königreichs der bekannten Welt erwartet. Wahrscheinlich verfügte der König über kluge Ratgeber und fähige Offiziere, wie Fridolin einer gewesen war. Doch selbst besaß er nur wenige Gaben, über die ein König eigentlich verfügen sollte.
„Na, was schaust du unserem König so nach? Hast du etwa Gefallen an ihm gefunden?“, wollte Drem wissen und nahm sein Messer wieder auf. Den Kopf seines Freundes trat er weit von sich. Dann hockte er sich vor Eydís hin und strich ihr einige verfilzte Haarsträhnen aus dem Gesicht.
„Vergiss es. Der König interessiert sich nicht für das nordische Gesindel. Du wirst meine persönliche Hure sein“, flüsterte er ihr ins Ohr.
„Ich glaube nicht…“, sprach Eydís unbeeindruckt und trat ihm mit voller Wucht in die Weichteile, wonach er gequält auf japste. Ihre Mitstreiterinnen drängten sich an die Mauer und beobachteten von da aus das Spektakel, was durchaus in ihrem Sinn gewesen war. Nun würden die Männer des Königs sich zuerst sie vornehmen, anstatt ihr Volk noch weiter bluten zu lassen.
„Nehmt sie mit! Heute Nacht darf sie jeder von euch haben!“, versprach Drem und die sieben übrigen Soldaten schliffen Eydís mit sich, die immer noch keinen Laut des Schmerzes von sich gab.
An diesem Tag wurde das nordische Volk beinahe vollständig ausgelöscht. Fast jede Frau, bis auf die, die Eydís kurzfristig gerettet hatte, wurde vergewaltigt. Die Ovianer töteten alle Nordmänner und brachten auch viele der Kinder um. Der kleine Rest, der übrig blieb, wurde entweder versklavt oder ebenfalls vergewaltigt.

„Ihr müsst eine Rüstung tragen, wenn Ihr gegen den Ghul kämpft. Das schützt Euch zwar nicht vor der Magie des Ghuls, aber ein Schwert kann Euch dann weniger anhaben“, appellierte Jella an Medias Gewissenhaftigkeit. Seit einer Stunde schon weigerte sich die Schamanin, das rostige Kettenhemd anzulegen.
„Eine Rüstung ist etwas für Krieger… Bin ich denn eine Kriegerin?“, sagte Media empört, wobei sie die Hände in die Hüften stemmte. Inzwischen war sie gereizt wegen der Debatte, obgleich es sehr lange dauerte, bis sie ihren Zorn offen zeigte.
„Glaubt mir, es ist besser, wenn Ihr eine Rüstung tragt. Ein Kettenhemd ist nicht so schwer, wie die Plattenrüstung einer nordischen Priesterin. In einem Kettenhemd müsstet Ihr Euch frei bewegen können. Es müsste Euch zudem nicht beim Fliegen beeinträchtigen“, versuchte Jella weiterhin, Media von der Wichtigkeit einer Rüstung zu überzeugen.
„Frauen sollten keine Rüstungen tragen! Wieso wurden denn die Männer von den Geistern der Wildnis erschaffen?“, begehrte Media auf, woraufhin die junge Nordfrau wütend wurde. Zornentbrannt schleuderte sie das Kettenhemd auf die Pritsche in Medias Kammer. Rasselnd blieb das Kettenhemd an Ort und Stelle liegen.
„Also gut! Gebt Euch Eurer vermeintlichen Schwäche als Frau hin, aber beschwert Euch nicht, wenn ein Pfeil Eure Brust durchschlagen sollte!“, sagte Jella in garstigem Tonfall. Außer sich verließ die nordische Priesterin Medias Kammer und warf die Tür entschieden ins Schloss.
Nachdenklich ließ sich Media aufs Bett sinken und strich über die feinen Ringe des Kettenhemds. Die Kühle des Stahls erfasste ihre Hand. Ihr bisheriger Lebensweg hatte sie zur Schamanin gemacht. Ynra war immer die Kriegerin von ihnen gewesen. Während ihre Verwandte sich gern im Dreck gesuhlt und auch im stärksten Regenschauer gejagt hatte, hatte sich Media in ihr Zelt zurückgezogen und hatte gekocht und gewebt.
Seufzend erhob sich die Himmelstochter wieder und nahm das Kettenhemd an sich. Sie fühlte sich schlecht, da sie Jella diese respektlosen Worte an den Kopf geworfen hatte. Für Jella war es üblich, dass eine Frau in voller Schlachtmontur in den Krieg zog und sie meinte es nur gut mit ihr. Vielleicht sollte sie doch das Kettenhemd anlegen, damit sie diesen unsäglichen Streit beenden konnte…
„Die Zeiten haben sich eben geändert“, sagte Media und sah aus dem Fenster hinaus. In der Stadt herrschte reger Betrieb. Obwohl die Rebellen die Stadt erst vor ein paar Tagen übernommen hatten, gingen die Menschen wieder ihrem Tagewerk nach, als wenn nichts vorgefallen wäre. Randolf hatte die Bewohner Idrians gut im Griff. Anfangs hatte es noch kleinere Unruhen gegeben. Doch die waren innerhalb von wenigen Tagen beigelegt worden. Sobald sie den Ghul erledigt und das Schloss genommen hätten, würde sich die Rebellenarmee aus Caldereth mit der Idrians vereinigen und sie würden zusammen gen Norden aufbrechen.
„Nun führt eine Frau die Himmelskinder an“, dachte die Schamanin und zog sich doch das Kettenhemd über, das ihr wegen ihrer kleinen, schmalen Statur bis zu den Knien ging. Jella hatte Recht behalten: Das Kettenhemd hatte weniger Gewicht, als Media gedacht hatte. Prüfend bewegte sie sich einmal ruckartig vor und zurück. Die Ketten schlackerten um ihre Beine herum, sie flossen geradezu an ihrem Körper entlang.
„Gehen wir einen Ghul niederstrecken“, sprach Media zu sich selbst, um sich selbst Mut zu machen. Aus den Erzählungen der Rebellen hatte sie bereits vernommen, dass das Wesen Furcht und Lethargie verbreitete. Ob sie dagegen gefeit war, wusste sie nicht. Es würde sich zeigen, wenn sie gegen den Ghul kämpfte.
Zögerlich verließ sie das Zimmer. Auf dem Flur kamen ihr einige Menschen entgegen, die sie noch argwöhnisch beäugten. Die Geschichten von den Dämonen der Lüfte hatten ihren Anteil daran gehabt, dass sie mit keinem Menschen so wirklich warm wurde, bis auf die nordischen Priesterinnen und Randolf.
Media verzog den Mund, als sie an den Gaffern stocksteif vorbei ging. Sie schritt die Treppe in den Schankraum hinab und blickte sich um. Am Tisch vor ihr saß Jella, die sich erhob und geradewegs auf sie zukam.
„Also habt Ihr Euch doch dazu entschieden, Euch nicht ungeschützt in die Schlacht zu stürzen“, sagte sie.
„Erledigen wir diesen Ghul“, schloss Media das leidige Thema ab, da sie keine Lust auf eine weitere Diskussion hatte.
Zusammen machten sie sich mit einem Tross von bewaffneten Bürgern Idrians zum Schloss der Gräfin auf. Die Bürger schwangen Äxte, Mistgabeln, Hämmer und hatten Fackeln bei sich. In ihren Gesichtern stand großer Zorn geschrieben, der die Obrigkeit für ihr verschwenderisches Leben verfluchte.
Da der Winter auch Isnien erreicht hatte, war der Weg zum Schloss lang und beschwerlich. Das Kettenhemd bot kaum Schutz gegen die schleichende Kälte und bald hatte Medias Gesicht einen ungesunden Blauton angenommen. Zitternd legte sie die weißen Flügel enger an ihren Körper, was aber nur wenig Schutz bot. Sie war es dank des Königs nicht mehr gewohnt, sich in dieser Kälte aufzuhalten.
Die Bären trotteten vor den Rebellen her und schoben den Neuschnee beiseite, sodass sie besser vorankamen.
Bald konnten sie die hohen Türme des Schlosses sehen, das imposant auf einem kleinen Berg in die Höhe ragte. Als Media die hellen Fassaden der Gebäude sah, konnte sie sich gar nicht vorstellen, dass ein finsteres Wesen hinter diesen Mauern hausen sollte. Ynra hatte ihr mehrere Male über ihre Träume eingeschärft, nicht mit dem Ghul zu kämpfen. Doch sie hatte ihr ihr Vorhaben verschwiegen. Schließlich war sie die Einzige, die überhaupt eine Chance gegen dieses Wesen hatte.
Je näher die Rebellen dem Schloss kamen, desto lauter wurden sie. Bedrohlich schwangen einige ihre Fackel. Allesamt stießen sie Schmährufe auf den Adel aus, bis sie sogar in einen blutrünstigen Gesang verfielen. Erschrocken sah Media von links nach rechts. Sie konnte die Wut der Rebellen beinahe körperlich spüren.
Als sie etwa zweihundert Schritte von der Burg entfernt waren, geriet die Menge plötzlich in Bewegung. Vereinzelte Aufständische rannten grölend los. Sie wurden von den Bogen- und Armbrustschützen auf dem Torhaus niedergeschossen. Nachdem das erste Blut vergossen war, löste sich auch das letzte Hemmnis in Luft auf. Media wurde achtlos zur Seite geschubst und versuchte sich in Sicherheit zu bringen, doch die Menschen um sie herum waren zu zahlreich.
Irgendwann ging sie zu Boden und rang angsterfüllt nach Luft. Etliche bestiefelte Füße traten über sie hinweg. Ihre Flügel schmerzten nach einer Weile und sie fühlte ihre Wunde bluten, wo sie der Pfeil getroffen hatte. Wenn sie kein Kettenhemd getragen hätte, hätte sie wohl mehr als blaue Flecken davongetragen. Erschrocken schützte Media ihren Kopf mit den Armen, die auch stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Doch die Flut an Menschen nahm einfach nicht ab. Langsam, aber sicher wurde ihr die Luft knapp…
Letztendlich kämpfte sich Jella zu ihr durch und hielt ihr die Hand hin. Im Gewirr der vielen Leiber nahm Media diese dankbar auf und wurde kraftvoll auf die Füße gezogen. Entschieden zog die nordische Priesterin sie mit sich und bahnte sich rücksichtslos eine Schneise in der Menschenmasse. Dabei ging sie nicht sparsam mit ihren gepanzerten Ellbogen um.
Als die Himmelstochter sah, wo sie sie hinführte, wurde sie schlagartig bleich. Die Bären, die am Rande des Weges standen, waren wegen des Chaos gereizt und stießen immer wieder ein markerschütterndes Brüllen aus. Keiner der Rebellen wagte sich in die Nähe der zwölf weißen Bären, weshalb Media wieder durchatmen konnte. Trotzdem fürchtete sie sich vor diesen gefährlichen Tieren.
Mit Unbehagen schaute sie zum Tor hinüber, das nun offen stand. Der Strom an zornigen Bürgern floss unablässig in die Burg. Die Luft war von Schreien erfüllt. Im Hof lagen bereits einige Wachen und Bedienstete reglos am Boden. Das Rebellenheer schien nicht zwischen Dienern und Soldaten der Gräfin zu unterscheiden, was Media einen leichten Stich verpasste. Ein bitterer Zug erfasste ihre Mundwinkel und sie wendete den Blick ab.  
Jella hatte sich mittlerweile auf ihren Bären gezogen und hielt ihr hilfsbereit die Hand entgegen.
„Kommt! Auf einen Bären ist man sicherer“, forderte sie die nordische Priesterin auf. Zögerlich kam Media der Aufforderung nach und griff nach der dargebotenen Hand. Ruckartig wurde sie hinaufgezogen. Unsicher legte sie ihre Beine um den Leib des Bären, der rastlos umhertänzelte.
„Haltet Euch gut fest!“, rief ihr Jella zu und Media presste sich an die Menschenfrau, wobei sie die Flügel dicht an ihren Körper anlegte. Als der Bär zu rennen begann, fiel sie trotz der Vorkehrungen beinahe von dessen Rücken hinunter. Sie konnte sich noch retten, indem sie die Beine an den Leib des Tieres drückte.
Das Tor passierten sie unter den Aufschreien der Rebellen schnell. Im Innenhof des Schlosses stürzte sich der Bär zunächst auf einen Bogenschützen, der auf Jella angelegt hatte. Gnadenlos zerfetzte das Tier den Menschen, weswegen Media leicht würgen musste. Die anderen elf Bären, die ihnen dichtauf gefolgt waren, machten ebenfalls einige Wachen des Schlosses nieder, ehe die nordischen Priesterinnen von ihren Reittieren abstiegen und mit suchenden Blicken ausschwärmten.
„Ihr müsst zuerst absteigen. Er tut Euch schon nichts“, sprach Jella und riss Media dadurch aus ihrer Schockstarre. Vorsichtig rutschte die Harpyie an der Seite des Bären hinab und kam schwankend auf die Füße.
„Eure erste wirkliche Schlacht?“, begann die junge Kriegerin zu plaudern, obwohl um sie herum Menschen, wie die Fliegen starben. Sie stieg wesentlich anmutiger von ihrem Bären hinunter. Lobend klopfte sie dem Tier auf die Flanke, das ihre Hand wohlwollend ableckte.
„Ja, ich dachte nicht, dass Krieg so… dreckig wäre“, gab Media zu, woraufhin Jella ein ruppiges Lachen ausstieß. Irritiert blickte sie die nordische Priesterin an.
„Nach dieser Schlacht werdet Ihr wahrscheinlich Narben davontragen. Macht Euch darauf gefasst“, warnte sie die Kriegerin vor. Media nickte unglücklich und ging der nordischen Priesterin hinterher. Sie überquerten den Burghof und betraten die schneebedeckte Burg, in der ebenfalls chaotische Zustände herrschten. Die Rebellen hatten die Wachen soweit niedergerungen, dass es für sie nur noch wenig zu tun gab.
Einen herannahenden Soldaten schnitt Jella von der Hüfte bis zum Hals auf. Er gab gurgelnde Geräusche von sich, als er vor ihnen niederging und in seiner eigenen Blutlache verendete. Der nächste, der sie angriff, wurde von wildgewordenen Ratten und Mäusen überwältigt, bevor er auch nur einen Angriff ausführen konnte.
Beharrlich arbeiteten sie sich ins Innere des Schlosses vor, bis sie vor einer verrammelten, stark verzierten Tür stehen blieben.
„Was sich wohl dahinter verbirgt?“, fragte Media naiv, während Jella die Arme verschränkte.
„Entweder die Gräfin oder der Ghul. In beiden Fällen sollten wir das Zimmer stürmen“, mutmaßte sie.
„Und wie genau machen wir das? Der Weg ist versperrt.“
Augenrollend antwortete die nordische Priesterin: „Mit einer brauchbaren Axt oder einen handlichen Rammbock… Wartet, ich hole die anderen Priesterinnen dazu“, wies sie Jella in rauem Befehlston an. Ängstlich schaute die Himmelstochter sie an.
„Ihr verlasst mich?“, gab Media erschrocken von sich. Kurz hielt Jella inne, zog einen Dolch aus ihrem Waffengürtel und hielt diesen der Schamanin hin. Mit zitternder Hand nahm Media die Waffe entgegen.
„Ich kann damit nicht umgehen.“
„Dann lernt es. Das ist die beste Gelegenheit dafür. Die Menschen können Euch nichts anhaben, wenn Ihr Gebrauch von Eurer Magie macht. Zudem ist dieser Bereich bereits von den Rebellen eingenommen worden. Ich werde nicht lange weg sein“, gab ihr Jella ein Versprechen und ließ sie vor der Tür allein zurück.
Angespannt schaute ihr die Himmelstochter nach und versuchte sich zu beruhigen. Jella hätte sie gewiss nicht allein gelassen, wenn sie befürchtete, dass sie angegriffen werden könnte. So rann die Zeit zähflüssig dahin, während Media die verlassenen Gänge zu ihrer Rechten und Linken scharf beobachtete.
„Ich bin hier. Wieso kommst du nicht hinein und wir unterhalten uns ein bisschen…“, vernahm sie irgendwann eine Stimme in ihrem Kopf. Die Stimme klang merkwürdig verzerrt und sie erstarrte zur Salzsäule. Etwas schien auf ihren Schultern zu lasten und sie konnte beim besten Willen nicht sagen, warum.
„Du willst also nicht hineinkommen. Also gut. Dann komme ich eben zu dir“, schnurrte das uralte Wesen in ihren Gedanken. Schnell schaute Media in die Richtung, in der Jella verschwunden war, wobei sie allerdings ihren Kopf nicht mehr bewegen konnte. Als sie nach Hilfe rufen wollte, blieb ihr Mund verschlossen. Kein Laut kam über ihre Lippen, da auch ihre Stimmbänder erlahmt waren.
Ihr Herz setzte für einen Moment aus, nachdem sie das Schieben von Möbeln vernahm und Augenblicke später ein Klicken hörte. Schwungvoll öffnete sich die Tür vor ihr und krachte gegen die Wand. Im Türrahmen stand das Wesen, das sie mit seiner Magie versteinert hatte. Sein Gesicht war halb verfault, es grinste sie verächtlich an. Aus alten Erzählungen kannte Media finstere Wesen, doch diese waren weniger schrecklich, als die Kreatur, die nun vor ihr stand.
„Ihr Sterblichen seid so dumm. Du bist geradewegs in mein Nest gelaufen und nun nehme ich dein Leben!“, blaffte sie das Ungeheuer auf geistiger Ebene an. Innerlich suchte Media nach der Kraft der Geister, die sich in ihr verbargen, doch bekam nur einen Hauch davon zu fassen.
Es reichte jedoch aus, um den Ghul einen Schritt zurückweichen zu lassen. Kurzes Erstaunen legte sich auf das verweste Gesicht des Überwesens. Media versuchte ihre Finger zu bewegen, diese blieben aber verkrampft. So musste sie mit ansehen, wie der Ghul immer näher kam und sie sogar an der Stirn berührte. Die Haut seines Fingers fühlte sich für sie pergamentartig an und ein Schwall an süßlichen Gestank überkam sie. Wenn sie hätte würgen können, hätte sie dies reflexartig getan. Doch ihr Körper war starr, wie Stein. Sie konnte wegen ihrer misslichen Lage nicht einmal weinen. Ihre Augen blieben trocken.
„Nun werde ich meine Artgenossen in dir vernichten“, sagte das Wesen siegessicher und sie verspürte einen unaufhörlichen Druck an ihrer Stirn. Danach schienen mehrere hundert Stimmen im Chor zu schreien. Es war fürchterlich für Media. Sie schien tausend Tode zu sterben, doch die Schreie blieben in ihr stecken.
Der Albtraum nahm für Media ein jähes Ende, als ein geworfener Speer an ihr vorbeiflog und den Ghul mit voller Wucht umwarf. Mit Schwindelgefühl trat sie einen Schritt vor, nahm einen großen Zug Luft. Sterne tanzten vor ihren Augen, doch sie zwang sich das scheußliche Wesen anzusehen. Die Tränen, jene nun fließen konnten, verschleierten leicht ihre Sicht.  
„Kehre dorthin zurück, wo du hergekommen bist, Ausgeburt der schwarzen Schlange!“, schrie Jella und die nordischen Priesterinnen warfen allesamt ihre Speere nach dem Ghul, spießten diesen treffsicher an Ort und Stelle auf.
„Schnell! Vernichtet ihn!“, rief Jella. Im nächsten Moment wurden alle Priesterinnen in die Knie gezwungen. Lachend lag der Ghul am Boden, konnte sich aber wegen der Speere nicht wirklich fortbewegen. Auch Media war wieder wie eingefroren. Tiefe Verzweiflung überkam sie. Sie musste den Ghul um jeden Preis besiegen, damit sie die Stadt endgültig einnehmen konnten. So leicht durfte sie sich nicht geschlagen geben…
„Ich werde dieses Ungeheuer vernichten!“, dachte sie und schloss die Augen. Sie versuchte die Magie, die schwach in ihr aufloderte zu packen, doch diese entrann ihr immer wieder. Die Macht der Geister war in ihr verstummt, da sie durch den Ghul wie versteinert waren. Dennoch besaß sie noch die Magie der Himmelskinder. „Ich bin vom alten Blut. Ich kann es schaffen“, sagte sie in einer endlosen Litanei auf, wobei sie immer wütender wurde. Und dann plötzlich breitete sich der Fluss an Magie vor ihrem inneren Auge aus.
Mit Staunen griff sie nach der uralten Macht, die so lange in ihr verborgen lag und schleuderte sie mit Zorn gegen den Ghul. Um sie herum begann die Luft zu knistern, Staubkörner wurden aufgepeitscht. Kleine Blitze wurden sichtbar, die sich allmählich zu einem einzigen großen Blitz vereinten und direkt auf das Wesen am Boden zielten. Der Knall, der damit einherging, war ohrenbetäubend laut. Media wurde vom Licht geblendet, da sie keine Hand vor Augen halten konnte. Übelkeit überkam sie und sie brach an Ort und Stelle zusammen. Schwärze umfing sie, als sie bewusstlos wurde…