Wie eine kaputte Uhr

KurzgeschichtePoesie, Schmerz/Trost / P12
09.02.2020
09.02.2020
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Der Sekundenzeiger der Uhr bewegte sich. Immer wieder. Jede Sekunde bewegte er sich. Und doch kam er nicht weiter, bewegte sich immer, doch nie von der 46 weg. Es war ein kleines Zucken, als würde er weiter wollen, sich aber einfach nicht trauen, es einfach nicht schaffen, nie den Schritt von der 46 zur 47 vollkommen hinter sich bringen können. Doch es war nur eine Uhr. Wahrscheinlich lag es an der fast leeren Batterie, die letzten paar Energiereste, die zwar weiterhin die Zeit anzeigen wollten, aber zu gering waren, um diese eine Aufgabe zu erfüllen. Oder die Uhr hatte einen Wackelkontakt. Doch das war unwahrscheinlich. In dem Raum mit der hellen hellbeigen Wand bewegte sich schon seit langem nichts mehr. Nicht einmal der Staub in der Luft.

Doch trotz dessen, dass die Uhr nur minimal zuckte, bedeutete sie etwas. Sie gehörte hierher, in diesen Raum, war ein Teil von ihm, genau so, wie sie an ihrem Platz an der hellen hellbeigen Wand über der Tür hing. Etwas würde fehlen, wenn der Sekundenzeiger für immer aufhören würde zu schlagen, wenn die Uhr irgendwann nicht mehr an der Wand hängen würde. Der Raum wäre nicht mehr der gleiche. Mit der Zeit würde man sich daran gewöhnen, doch er würde immer kalt und fremd bleiben, wenn man ihn betrat und sich zu dem leeren Platz zuwandte. Auch wenn es sich nur um diese eine kaputte Uhr handelte.

12:43:46 Uhr. Solange niemand die Batterie austauschte, würde die Uhr immer diese Zeit anzeigen. Irgendwann würde sie einfach stehen bleiben, wenn ihr niemand hilft, ihr neue Energie gibt.

Und genauso fühlte sich der Junge mit den wunderschönen, aber leeren, fast schwarzen Augen. Er fühlte sich wie 12:43:46 Uhr. 12:43:47 Uhr. 12:43:46 Uhr. 47. 46. 47. Und letzendlich wieder 46. Das war der Ablauf seines Lebens. Er wusste nicht mehr, wie lange schon. Mal war es eine 46, mal eine 47. Jeden Tag, an dem er mit dem Gedanken aufwachte, dass er vielleicht einfach versuchen sollte, weiterzumachen, wieder zur Arbeit gehen und auf die Nachrichten seiner Freunde antworten sollte, etwas Vernünftiges essen und wieder mit dem Tanzen anfangen sollte, folgte ein Tag, eine Woche, voller 46, an denen er sich morgens wünschte, nicht einmal aufgewacht zu sein. An solchen Tagen kam ihm immer häufiger der Gedanke, es bei einer 47 zu belassen. Einfach nicht mehr zurück zu gehen, wenn er auch nicht vorwärts kam. Die Uhr würde auch früher oder später für immer innehalten, einfach stehen bleiben. Doch sie konnte jeder Zeit wiederbelebt werden, das konnte er nicht. Und diese eine Entscheidung, dieser endgültige Schritt, war das Einzige, das ihn noch am Leben hielt. Aber manchmal muss man nicht unbedingt eine Entscheidung treffen, um eine Antwort zu geben.

Wusstest du, dass die Antwort auf das Leben der Tod ist? Dieser eine Junge mit den wunderschönen, aber leeren, fast schwarzen Augen wusste es. Aber er ist da nicht der Einzige, es gibt da noch jemanden, es gibt immer noch jemanden. Jemand, der in seinem Herzen genau diese fehlende, passende Batterie hat, mit der man den Sekundenzeiger vielleicht wieder zum Laufen bringen kann. Mit dieser Batterie, die man auch Liebe nennen kann, kann man vielleicht den Jungen einen Weg zur 48 zeigen. Ihm vor dem ewigen Stopp bewahren, und somit auch sich selbst.
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