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Keine Kontrolle

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Alexander Mahone Dr. Sara Tancredi Fernando Sucre Lincoln Borrows Michael Scofield
09.02.2020
26.04.2020
13
34.456
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22.03.2020 2.207
 
Michael wusste nicht, wie lange sie schweigend in seinem Krankenbett lagen. Er wusste nur, dass mittlerweile einiges an Zeit vergangen sein musste, denn je mehr Zeit verstrich, umso mehr merkte er, wie seine Schmerzen die Betäubung abschüttelten und zu ihm zurückkehrten.
Am Anfang war es nur ein leichtes Pochen an seiner rechten Schläfe. Genau an der Stelle, wo er immer und auch unter normalen Umständen Kopfschmerzen bekam. Dieses stetige Pochen kroch über seine komplette rechte Kopfseite, weitete sich aus und griff dann mit gierigen Fingern nach seiner linken Kopfseite. Von dort breitete es sich vollständig aus. Es dauerte zwar etwas, aber schon bald pochte sein ganzer Kopf.
Als das Pochen von einem stechend scharfen Schmerz abgelöst wurde und er das Gefühl hatte von innen heraus auseinander gerissen zu werden, schmiegte er sich leise stöhnend enger an seine Sara. Beruhigend strich sie mit ihrem Arm über seinen Rücken und versuchte ihn auf ihre Art zu trösten.
Das Pochen und der stechend scharfe Schmerz wechselten sich plötzlich ab und rangen anscheinend um die Vorherrschaft in seinem Kopf. Er keuchte zischend auf, befreite schnell seinen rechten Arm von der Decke und drückte die Handfläche an seine Schläfe. Er schloss die Augen und biss fest die Zähne zusammen, um den Druck die Schärfe zu nehmen. Nach einigen Sekunden ließ der Druck zum Glück nach und er atmete erleichtert auf. Dafür hatte der stechend scharfe Schmerz wohl den Kampf gewonnen und tanzte seinen Sieg mit mes-serscharfen Schwertspitzen gegen seinen Schädel.
„Sie sind wieder da.“ Es war keine Frage, die Sara da leise stellte. Es war eine Tatsache und das wussten sie beide.
„Hm“, machte er nur und hob vorsichtig sein Gesicht ihren entgegen. „Lass sie bitte verschwinden, Sara“, flüsterte er eindringlich. Er konnte die Schmerzen einfach nicht mehr durchstehen. Seine Reserven waren komplett aufgebraucht. Was er noch vor ein paar Tagen einige Zeit aushalten konnte, ließ ihn jetzt schon nach wenigen Sekunden aufkeuchen. Die Schmerzen hatten ihn total kaputt gespielt. Sie hatten ihn so viel Kraft geraubt, dass er einfach nur noch müde war. Er konnte nicht mehr. Keine einzelne Sekunde mehr.
„Küss sie einfach weg, ja?“
Sehr behutsam schmiegte sie ihre Hand an seine Wange. Ihr Daumen strich zärtlich über seine Haut. Sie sah ihn lange an, beugte sich dann zu ihm hinunter und küsste ihn unglaublich behutsam. Sara war so unfassbar liebevoll. Michael konnte sich für etliche Sekunden in ihren Kuss verlieren und dafür war er ihr so dankbar.
Nicht schnell löste sie sich von ihm und legte sacht ihre Stirn an seine. „Wir schaffen das zusammen, Michael“, sprach sie leise. „Sag dir das immer wieder! Wir schaffen das zusammen!“
Er schluckte und nickte leicht. „Wir schaffen das!“
„Wir schaffen das zusammen!“, wiederholte sie entschlossen.
Er neigte erneut den Kopf und ließ sich von ihrer Entschlossenheit anstecken. „Wir schaffen das zusammen!“
„Genau so! Wir denken positiv und jagen die Schmerzen zum Teufel!“ Sie löste sich von ihm und küsste ihn noch einmal mit all ihrer Liebe. „Ich werde jetzt Dr. Malden Bescheid geben, dass wir dich für die Operation vorbereiten können.“
„Okay“, antwortete er leise und legte sich zurück auf seinen Rücken. Sara stand auf, zog sich ihre Schuhe an und lief Richtung Tür. Sie öffnete diese und war gleich darauf im Gang verschwunden.
Michael musste erst einmal tief durchatmen. Er spürte, wie sein Herz raste und auch sein Puls war in die Höhe gegangen. Mit geweiteten Augen sah er zum Fenster und versuchte irgendetwas draußen zu erkennen, aber nur die Dunkelheit schien zu ihm zurückzublicken. Er biss sich auf die Lippe und versuchte die aufsteigende Angst vor der Operation irgendwie zu bekämpfen. Er hatte sich verboten, über den Eingriff nachzudenken, aber jetzt, wo die Operation unmittelbar bevorstand, musste er es sich eingestehen, dass sie ihm eine Heidenangst einjagte. Entschlossen ließ er seinen Blick auf die Dunkelheit gerichtet und versuchte alle Gefühle beiseite zu schieben. Nur das Ergebnis zählte. Wenn er es überstand, waren diese verdammten Schmerzen endlich Geschichte und er konnte wieder sein Leben genießen – und das mit Sara und seinen Bruder. Er hoffte nur so sehr, dass es bald vorbei war!


Der Operationssaal war hell erleuchtet. Um ihn herum piepten die Maschinen um die Wette. Rechts und links neben ihm standen mehrere kleine Wagen voller Tabletts, die so viele Werkzeuge enthielten, dass er sich zwang nicht dorthin zu sehen. Zum Glück half ihm dabei die Vorrichtung um seinen Kopf. Er saß aufrecht auf einen modernen Operationsstuhl und sein Kopf war in einer speziellen Halterung fixiert wurden. So konnte er nicht wirklich alles um sich herum sehen. Er hörte nur Dr. Malden und seine zwei Krankenschwestern, wie sie hinter ihm hantierten und alles vorbereiteten. Vor ein paar Minuten hatte sein Neurologe ihn mehrere Spritzen direkt in den Kopf gejagt und er spürte bereits, wie die Betäubung einsetzte. Langsam, aber sicher spürte er die Schrauben der Fixierung nicht mehr. Es war so ein komisches Gefühl von etwas festgehalten zu werden, was er nicht einmal mehr spürte.
Als sich die Türen des Operationssaales öffneten, hob er seinen Blick und sah Sara in den Raum treten. Bei ihrem Anblick musste er lächeln. Wie Dr. Malden, die zwei Schwestern und er hatte auch sie sich blaue OP-Kleidung angezogen. Der Mundschutz um ihren Hals wartete nur darauf ihren schönen Mund zu bedecken. Konzentriert sah sie sich um und machte sich einen Überblick über die bereitgelegten OP-Werkzeuge. Als sie soweit war, stellte sie sich neben seinen Stuhl und sah ihn an. Zuversichtlich lächelte sie ihn an.
„Wir schaffen das zusammen“, flüsterte sie und nickte ihm entschlossen zu.
„Wir schaffen das zusammen“, wiederholte er leise und lächelte sein halbes Lächeln.
„Ich bin bei dir, Michael! Egal, was ist. Ich bin immer bei dir.“ Ihr Blick wurde wehmütig und sie musste sich kurzfassen. „Du musst mir nur eine einzige Sache versprechen!“, sprach sie leise und blickte ihn ernst an.
Fragend sah er sie an.
„Versprich mir, dass du mich nicht verlässt!“
Einen langen Augenblick konnte er ihr nur in die Augen sehen. Er verstand sehr gut, was sie ihm damit sagen wollte und schloss kurz die Augen. Er wollte nicken, was aber wegen der Fixierung nicht funktionierte. Er sah sie wieder an und antwortete ihr genauso ernst: „Ich verlass dich nicht! Ich verspreche es dir!“
Sie lächelte ihn warm an und Michael erwiderte das Lächeln.
„Gut, Michael, wir wären dann soweit.“ Dr. Malden trat an die andere Seite und Sara ließ sich ihren Mundschutz von einer der Schwestern festbinden. Dr. Malden hatte seinen Mundschutz schon um und sprach daher etwas gedämpft. „Ich fange gleich an und bohre, wie besprochen ein Loch in Ihren Schädel. Wenn ich soweit bin und ich es Ihnen sage, fangen Sie an, das Alphabet aufzusagen – und dann entferne ich den Hamartom. Währenddessen ich den Hamartom entferne, stelle ich Ihnen immer mal wieder Fragen und Sie antworten mir darauf. Okay?“
„Ist gut, Dr. Malden“, entgegnete er und atmete noch einmal tief durch.
Der Neurologe verschwand aus seinem Gesichtsfeld und auch Sara und die Schwestern waren nicht mehr zu sehen. Er hörte nur, wie sie hinter ihm arbeiten. Nach einiger Zeit hörte er, wie der Bohrer in Betrieb genommen wurde. Es war ein Geräusch, worüber er definitiv nicht nachdenken wollte. Der Ton veränderte sich gleich darauf und hielt einige Zeit lang an. Als der Bohrer wieder verstummte, musste er einfach noch einmal tief durchatmen. Es war eine so unwirkliche Situation. Zum Glück hatte er nichts davon gespürt und es war nur seine grausame Fantasie, die ihn da so übel mitspielte.
„Okay, Michael. Ich fange an. Sagen Sie bitte jetzt das Alphabet auf!“
Er schluckte noch einmal und begann: „A … B … C … D … E … F … G … H …“ Langsam und gleichmäßig sagte er die Buchstaben. Er zählte einen Buchstaben nach den anderen auf. Als er gerade mit ‚I‘ weiter machen wollte, spürte er ein Ziehen in seinem Inneren und er schloss für ein paar Sekunden die Augen. Er öffnete wieder die Lider und erschrak.
Von der einen Sekunde auf die andere befand er sich nicht mehr im Operationssaal, sondern saß in seiner Zelle auf der unteren Ebene des Etagenbettes im Fox River Staatsgefängnis. Unendlich langsam ließ er den Blick durch die kleine Zelle gleiten und konnte nicht glauben, wo er war. Er saß wirklich in seiner gewohnten Gefängniskleidung auf seinem angestammten Bett in Zelle 40 im Fox River. Es fehlte nur noch Sucre, wie er gewohnt auf der oberen Etage lag und leise ein Lied vor sich hin summte.
Michael verzog das Gesicht. Es roch auch genau wie damals. Viele kleine Zellen, die nebeneinander und übereinander lagen, viele Insassen und nicht jeder nahm es mit der Körperpflege allzu genau. Es wirkte alles genau so wie zu der Zeit, als er für einige wenige Monate in genau dieser Zelle tagein und tagaus die Flucht seines Bruders vorbereitet hatte.
Als er den Blick noch einmal schweifen ließ, veränderte sich plötzlich die Steinwand gegenüber von ihm. Nach und nach tauchten verschiedenste Fotos der Menschen auf, die er für seinen Fluchtplan benötigt und benutzt hatte oder von solchen, die während ihrer Flucht wichtig geworden waren. Zusätzlich tauchten einige Zeitungsartikel, Berichte, Skizzen und auch einige Bilder seiner verschiedensten Tätowierungen auf. Sie alle formten sich nach und nach und der Länge nach zu dem Wort Scylla. So groß und mit so vielen Informationen wie überhaupt möglich sprang ihn das Wort Scylla ins Auge. Genau unter dieser Formation von Bildern, bildete sich ein neues Wort und unterstrich Scylla regelrecht: BARGAIN.
Michael starrte das neue Wort an und runzelte die Stirn. Bargain? Was sollte das bedeuten und in welchen Zusammenhang stand es mit Scylla? Eine Zeit lang konnte er die zwei Wörter nur anstarren und wurde daraus einfach nicht schlau. Er ließ den Blick noch einmal wandern und glaubte sich zu erinnern, dass beim geheimen Treffen aller Kartenhalter von Scylla das Wort Bargain gefallen war.
Auf einmal nahm er aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr. In der linken hinteren Ecke seiner Zelle formatierte sich die Tafel des Periodensystems. Er hob eine Augenbraue und wusste nicht, was das wieder zu bedeuten hatte. Sekundenlang starrte er die Tafel an, betrachtete die vielen verschiedenen Elemente und wusste nicht, was er davon halten sollte. Plötzlich riss er die Augen auf und schnappte erschrocken nach Luft. Mit einem Mal verstand er es und sah sich das Wort Bargain genauer an. Seine Augen weiteten sich. Wie in Zeitlupe stand er auf und lief zu der Steinwand. Sekunden, Minuten starrte er BARGAIN an und schlagartig ergab alles einen Sinn. Er konnte nicht glauben, was er da sah. Warum war er nicht früher darauf gekommen? Es lag doch so offensichtlich auf der Hand! Wie konnte er nur so blind sein?
Jäh in diesem Moment durchfuhr ein stechend scharfer Schmerz seinen Kopf. Schnell riss er die Arme hoch und drückte seine Hände an die Schläfen. Mit aller Macht versuchte er seinen Kopf festzuhalten, aber dieser fing unkontrolliert zu zucken an. Auch sein restlicher Körper wurde von fremder Hand geschüttelt. Er hatte keine Kontrolle mehr über sich. Sein Herz be-gann zu rasen. Abermals schnappte er nach Luft und hatte doch das Gefühl keine Luft zu bekommen. Michael wusste nicht, was los war. Trotz Schmerzen und dem Zucken seines Körpers starrte er dieses eine Wort an. Er wusste, dieses eine Wort würde alles verändern.
Urplötzlich fühlte er sich von einem Moment auf den anderen komisch, wenn nicht gar hundeelend. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Sein Atem kam stoßweise und sein Herz, was gerade noch ein Rennen gewinnen wollte, setzte jetzt immer mal wieder komplett aus. Was war denn nur los?
Wie aus weiter Ferne hörte er aufgeregte Stimmen. Stimmen, die an den Ort seiner Gefängniszelle nicht recht hineinpassen wollten. Sie klangen panisch und hektisch, wenn nicht sogar nervös und ängstlich, und irgendwie sprachen sie alle durcheinander. Er verstand nicht, was sie sagten.
Die Schmerzen in seinen Kopf lenkten ihn mit einem Schlag von den Stimmen ab. Seine Schmerzen nahmen eine neue Form der Qual an und brannten jetzt wie Feuer. Sie ver-schlangen alles, was sich ihnen in den Weg stellte. Er schrie gequält auf und zuckte unkontrolliert zusammen.
Ein langanhaltender Piep-Ton erklang und hörte gar nicht mehr auf.
„Du hast es mir versprochen!“
Saras klare Stimme löste die anderen Stimmen ab. Verwirrt hob Michael den Blick Richtung Zellendecke, aber er konnte nicht ausmachen, wo ihre Stimme herkam.
„Sara?“    
„Du hast es mir versprochen, Michael!“
Sie klang, als würde sie mit den Tränen kämpfen und er verstand nicht, wieso.
„Du verlässt mich nicht, das hast du mir versprochen!“ Wieder klang sie den Tränen nahe und Michael konnte ihre Verzweiflung keine Sekunde länger ertragen.
„Ich verlass dich nicht!“
„Kämpfe!“ Ihre Stimme nahm deutlich an Stärke, an Entschlossenheit zu. „Gib nicht auf! Hör nicht auf zu kämpfen und komm zu mir zurück!“
Er zuckte wiederholt am ganzen Körper und schloss mit einem Mal unendlich erschöpft die Augen. Kurz atmete er ein und hauchte ihren Namen: „Sara.“
„Michael!“ Ihre Stimme klang erleichtert. „Gott sei Dank!“
„Sara?“, fragte er noch immer so müde, dass er kaum die Augen aufbekam. Selbst seine Stimme war vor Erschöpfung bleischwer.
„Ich bin hier.“ Jetzt weinte sie tatsächlich und gleichzeitig sah sie glücklich aus. Er wusste nicht, was passiert war. Er konnte sie nur ansehen. Zu mehr war einfach nicht in der Lage …


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Fortsetzung folgt ...

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