Keine Kontrolle

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16
Alexander Mahone Dr. Sara Tancredi Fernando Sucre Lincoln Borrows Michael Scofield
09.02.2020
26.04.2020
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23.02.2020 1.975
 
Unbeschreiblich sanft streichelten ein paar Finger über seine Haut. Sie waren so weich und zart und fühlten sich so gut an auf seinem Arm. Eine wohlige Gänsehaut breitete sich auf seinem Arm aus. Er regte sich und rollte sich auf seine linke Seite. Er konnte ein zufriedenes Seufzen nicht unterdrücken.
„Michael?“ Saras leise Stimme drang durch die vielen Schichten der Dunkelheit. Unendlich langsam tauchte er aus der Dunkelheit auf und je näher er der Oberfläche kam, umso schmerzvoller wurde seine Umgebung. Es passte mit seiner sanften Sara überhaupt nicht überein. Er runzelte die Stirn und musste nun leise aufkeuchen.
„Michael“, wiederholte sie zärtlich. „ich weiß, du willst am liebsten weiter schlafen, aber ich muss dich wecken.“ Abermals spürte er ihre weichen Finger an seinen nackten Arm und er regte sich wieder etwas. Als er ihre Lippen auf seiner Stirn spürte, öffnete er ganz langsam die Augen und sah sie direkt an. Sie kniete neben ihm und hatte sich leicht zu ihm vorgebeugt. Sekundenlang sahen sie sich einfach in die Augen und Michael ignorierte mit aller Macht die wachsenden Schmerzen in seinen Kopf. Er wollte ganz und gar bei seiner Sara sein. Ein liebevolles Lächeln stahl sich auf seine Lippen.
Sie erwiderte sein Lächeln und streichelte ganz sacht, fast hauchzart über seine Stirn.
„Hey“, flüsterte sie und er spürte, wie seine Augen anfingen zu strahlen.
„Hey“, lächelte er sie voller Liebe an.
„Es tut mir leid, dass ich dich wecken musste …“
„Du darfst mich immer wecken“, unterbrach er sie, hob fast zeitlupenartig seine Hand und legte sie an ihre Wange. Sie musste erneut lächeln und legte ihre Hand auf seine.  
„Ich liebe dich“, flüsterte er.
„Ich liebe dich auch, Michael.“ Sie nahm seine Hand von seiner Wange und küsste seine Fingerknöchel. Nicht schnell nahm ihr Gesicht einen fragenden Ausdruck an. „Wie fühlst du dich? Hast du Schmerzen?“
Sofort verzog er das Gesicht und schloss genervt die Augen. Langsam, aber sicher konnte er die Frage nach seinen Schmerzen nicht mehr hören. „Bitte, Sara, können wir uns einfach darauf einigen, dass sie da sind? Geht das?“
Sie antwortete ihm nicht und Michael öffnete verwirrt die Augen. In dem Moment, als er die Augen öffnete, sah er aus den Augenwinkeln die große Lampe von der Decke hängen, die eigentlich zu dem langen Tisch auf dem erhöhten Podest gehörte. Zögernd ließ er den Blick durch den Raum wandern. Er lag auf einer Matratze in der hinteren Ecke des Podestes. Die Matratze lag auf zwei nebeneinander gelegten Palletten und lag somit nicht direkt auf den Fußboden. Er konnte den langen Tisch aus nächster Nähe sehen und er hatte einen weiten Blick auf die zwei weißen Tafeln, wo sie ihre Ideen in Pläne umwandelten. Dahinter war das kleine aufgebockte Boot zu erkennen. Als er geradeaus blickte, bemerkte er, dass die vier kleinen Schreibtische an der langen Wand zusammen geschoben wurden waren, um den Palletten mit der Matratze Platz zu machen. Irritiert sah er zu Sara auf und jetzt bemerkte er hinter ihr einen der roten Sessel – und hinter diesen standen Lincoln, Sucre sowie Mahone. Alle drei sahen ihn besorgt an.
Michael verstand gar nichts mehr. „Was ist passiert?“
„Was ist das letzte, woran du dich erinnerst?“ Mit großen fragenden Augen sah sie ihn an und Michael runzelte die Stirn. Bei der Bewegung spürte er jetzt einen leichten Druck auf der Stirn. Er hob die Hand und fühlte einen Verband, der um seinen Kopf gewickelt war. „Was?“
„Woran erinnerst du dich, Michael?“ Saras eindringliche Frage ließ seinen Blick wieder zu ihr wandern. Er musste tatsächlich über ihre Frage nachdenken. So viele Gedanken waren in seinen Kopf, aber irgendwie passten sie alle nicht zu dem Geschehen, welches gerade passiert war. Nach einigen langen Sekunden konnte er sich wieder daran erinnern, warum er vom Bett aufgestanden war. „Ich wollte auf die Toilette.“ Er dachte weiter nach und musste seine Erinnerungen erneut mächtig anstrengen. „Ich ging gerade die Leiter runter, als die Schmerzen in meinen Kopf explodierten.“
Sara nickte und leckte sich kurz die Lippen. „Und dann?“
Abermals überlegte er, aber außer Dunkelheit war da nichts mehr. Er konnte nur verneinen: „Da ist nichts weiter.“ Verständnislos sah er sie an. „Was ist denn passiert?“
„Gleich, Michael“, sprach sie sanft. „Wie fühlst du dich? Und da möchte ich wirklich alles wissen! Was deine Schmerzen betrifft aber auch mögliche Symptome, die du verspürst. Ist dir schlecht oder ist dir schwindlig?“
Noch immer sah Michael sie an. Er wusste beim besten Willen nicht, was sie meinte. Verunsichert versuchte er sich einen Reim aus ihren Gesagten zu machen und horchte einfach in sich hinein. Wenn er mal die Schmerzen in seinen Kopf beiseiteschob, spürte er, dass da noch einige andere Baustellen waren, die seine Aufmerksamkeit verlangten. Er musste hörbar schlucken und sog die Luft scharf in seine Lungen. Sara drückte gleich darauf sanft seine Hand und sah ihn mitfühlend an.
„Was ist mit mir passiert?“, rief er entsetzt und sah sie mit großen angsterfüllten Augen an. „Mir tut alles weh!“ Er schluckte abermals. „Der Kopf ist am Schlimmsten. Aber mein Rücken und meine Arme tun auch weh.“ Er bewegte seine Kiefer hin und her. Hörbar knackte es. „Und mir tun die Zähne und der Unterkiefer weh.“
„Ist der schwindlig oder übel?“
Michael verneinte schweigend und sie atmete hörbar aus. „Gut, gut.“ Bevor er wiederholt fragen konnte, klärte sie ihn endlich auf: „Du bist von der Leiter gefallen und mit voller Wucht auf den Boden aufgekommen. Du hast am Hinterkopf eine Platzwunde und … und ich will noch etwas abwarten, aber ich glaube, du hast auch eine Gehirnerschütterung. Du bist schwer mit dem Kopf aufgeknallt.“
Von neuen ließ er den Blick durch den Raum wandern und er sah, dass es hinter dem langen Fenstern noch immer dunkel war. „War ich lange weg?“
„Nicht lange. Während ich dich mit Lincoln versorgt habe und deine Wunde genäht habe, haben Sucre und Mahone hier umgeräumt.“ Ihr Blick wurde mit einem Schlag todernst, wenn nicht sogar wütend. „Wie konntest du nur in deinem Zustand diese verdammte Leiter runter gehen?“
Ihr Wutausbruch ließ ihn innehalten. Mit großen Augen sah er sie an. Auf der einen Seite verstand er ihre Wut, aber auf der anderen Seite wollte er nicht seine Unabhängigkeit komplett verlieren. Er konnte ja wohl noch eine Leiter runter gehen! Vielleicht verstand sie es, wenn er es ihr erklärte: „Ehrlich Sara, ich hab mich gut gefühlt! Erst auf der Leiter kamen die Schmerzen.“
Sie schüttelte sichtlich entnervt den Kopf. Ein paar Mal musste sie tief durchatmen, ehe sie sich wieder beruhigt hatte. „Ist auch egal.“ Mit einem Mal wurde ihr Blick hartnäckig. Ein Blick, der ihm nur zu deutlich sagte, dass mit ihr nicht mehr zu spaßen war. „Wir haben uns auf jeden Fall dazu entschlossen, dass du ab sofort hier unten liegen wirst. Da hat jeder von uns ein Auge auf dich und wir können ohne Schwierigkeiten eingreifen!“
Einen endlosen Augenblick ließ er ihre Worte durch den Kopf gehen. Wenn das hieß, dass er hier unten lag, konnte er sich wenigstens an der Planung beteiligen und mithelfen. Sie hätte ihre Ruhe, weil sie auf ihm aufpassen konnte und er konnte ihnen mit seinen Ideen bei Scylla weiterhelfen. Ein Leuchten trat in seine Augen und er musste sie trotz der ernsten Lage angrinsen. „Und ich kann euch mit Scylla helfen!“
Sara fuhr zusammen und nicht nur sie seufzte hörbar auf. Sein Lächeln brach bei ihrer Reaktion. Nun wieder wütend sah sie ihn fest in die Augen. „Das werde ich zu verhindern wissen, Michael! Ich werde persönlich dafür Sorge tragen, dass du dich aus der Planung um Scylla heraushältst!“ Mit Nachdruck sah sie ihn an. Sie duldete definitiv keinen Widerspruch mehr. „Du hast damit rein gar nichts mehr zu tun! Sieh dich als verletzter Spieler, der vom Platz getragen wurde und nicht mehr eingewechselt werden kann! Du bist aus der Sache raus!“
Endlos lange konnte er sie nur ansehen. So einen Ausbruch von ihr kannte er gar nicht – und doch, in einem kleinen Teil seines Herzens verstand er sie. Nur zu gut. Und genau das war der Augenblick, wo es bei ihm Klick machte. Wäre sie in seiner Situation und sie hätte den Tumor im Kopf, würde er genauso handeln und sie zum Ausruhen zwingen. Er schloss die Augen und nickte leicht. „Ist gut, Sara.“ Er öffnete die Augen und nickte noch einmal fest. „Ich hab’s verstanden.“ Ein Schmunzeln konnte er sich dann aber doch nicht verkneifen. „Du kommst mir mit Sportmetaphern? Echt jetzt?“ Sara seufzte erleichtert auf. Michael wusste, dass ihr ein Stein vom Herzen gefallen sein musste. Ihre Lippen zuckten leicht, als sie sich zu ihm vorbeugte. „Ich kann auch noch mit ganz anderen Sachen kommen!“ Sie lächelte ihn liebevoll an. Ihre Erleichterung war noch immer spürbar greifbar. Unendlich sanft küsste sie ihn. „Ruh dich jetzt einfach aus, ja?“, flüsterte sie und erhob sich. Sie drehte sich zu den an-deren Männern um. Still hatten sie ihr Gespräch mit verfolgt. Auch sie wirkten erleichtert.
„Ich muss dringend mit Dr. Malden telefonieren“, sprach die junge Ärztin. „Habt bitte ein Auge auf ihm!“
Sucre und Mahone nickten sofort.
„Es ist mitten in der Nacht, Sara“, erinnerte Lincoln sie und zog fragend eine Augenbraue nach oben, als wäre die Dunkelheit draußen nicht offensichtlich.
„Dr. Malden hat gesagt, dass ich ihn jederzeit anrufen kann …“, erklärte sie und blickte nun wehmütig zu Michael. „Und es ist ein Notfall! Ich brauche dringend seinen Rat.“ Sie lief zum langen Tisch und griff nach dem dort liegenden Handy.
„Sara?“ Michael spürte ihre angespannte Stimmung und ihre offensichtliche Angst um ihn. Er konnte sie so nicht ohne weiteres gehen lassen. Er musste sie einfach fragen, denn sie war sein Anker. Ohne sie könnte er das alles nicht durchstehen.
Erneut sah sie ihn an. „Ja?“
„Kommst du dann bitte wieder zu mir zurück?“
Eine gefühlte Ewigkeit sah sie ihn tief in die Augen. Ihre tiefe Liebe zu ihm lag allein in diesen Augenblick. „Ich komme immer zu dir zurück, Michael!“, flüsterte sie. „Immer!“ Mit diesen Worten lief sie zum hinteren Tor der Lagerhalle und verschwand nach draußen.
Lange sah er ihr hinterher, bis er langsam den Kopf hob und die anderen ansah. Mahone nickte ihm still zu und ging die Stufenleiter zur oberen Etage hoch in Richtung Küche. Lincoln lief seufzend zu der roten Couch. Allein Sucre erwiderte seinen Blick schuldbewusst. Nervös knetete der junge Puerto-Ricaner seine Hände und wusste doch nicht, wie er am besten an-fangen sollte.
„Du hast keine Schuld, Papi“, erklärte Michael leise und ließ sich vorsichtig auf die Matratze zurücksinken. Behutsam legte er seinen Kopf aufs Kissen. Sucre kam um den Sessel herum und setzte sich auf diesen. Unsicher sah er zu ihm hinab. „Du hast mir gesagt, dass du dich gut fühlst, Papi! Ich hab dir geglaubt!“
Entschuldigend verzog er das Gesicht. „In dem Moment ging es mir gut, Sucre. Wirklich! Du hast keine Schuld. In keinsterweise!“
Sein bester Freund nickte erleichtert und atmete kurz durch. Fragend betrachtete er ihn. „Brauchst du irgendetwas? Kann ich dir was bringen oder willst du dich einfach ausruhen?“
Michael griff sich sacht an den Kopf. Sein Schädel brummte nach wie vor in einer Tour. Sein Rücken, seine Arme und sein Kiefer reihten sich schmerzvoll in die Schlange ein und doch war es seine Blase, die sich in den Vordergrund stellte. Er sah Sucre leicht beschämt an. Denn immerhin hatte seine Misere mit seiner Blase angefangen. „Ich muss leider immer noch auf die Toilette.“
Sucre nickte sofort und hatte verstanden. Jetzt aber wusste er es besser. Er drehte sich zu Lincoln um, welcher sich auf der Couch zurückgelehnt und die Füße auf den kleinen Beistelltisch abgelegt hatte.
„Linc, kannst du mir vorsichtshalber helfen, damit Michael auf die Toilette gehen kann?“
„Natürlich“, rief sein Bruder und stand in einer fließenden Bewegung auf. „Kein Problem.“ Er kam dem improvisierten Lager näher und zusammen mit Sucre halfen sie ihm zur Toilette …


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Fortsetzung folgt ...

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