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Keine Kontrolle

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Alexander Mahone Dr. Sara Tancredi Fernando Sucre Lincoln Borrows Michael Scofield
09.02.2020
26.04.2020
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26.04.2020 3.702
 
Die vier Tage Erholung waren wie im Flug vergangen. Michael hatte auch die letzten beiden vergangenen Tage sehr viel geschlafen und wenn er nicht geschlafen hatte, dann lag er hauptsächlich im Bett oder wenn er mal einen Raumwechsel brauchte, lag er auch mal ein paar Stunden auf der roten Couch und ließ sich von den anderen berieseln. Wie er Sara versprochen hatte, hegte er keinen Gedanken an Scylla und verbot sich explizit daran zu denken. Sara hatte vor einiger Zeit gemeint, er habe Urlaub und den solle er nutzen! Also nutze er ihn und war seit einer gefühlten Ewigkeit regelrecht faul. Da kam es auch mal vor, dass er einmal mitten in einer Unterhaltung mit Lincoln, Sucre und Mahone weg genickt war. Er hatte mit einer Decke auf der Couch gelegen und die drei Männer hatten es sich auf den zwei roten Sesseln und einen Drehstuhl gemütlich gemacht. Zwischen ihnen auf dem Beistelltisch hatte sie ihre Bierflaschen abgestellt, wobei er fürs erste bei Wasser blieb. Sie hatten sich über belangloses Zeug unterhalten. Sie waren wirklich von einem Thema zum anderen gewandert, wobei sie die Company und Scylla tunlichst vermieden. Michael hatte gar nicht gemerkt, wie er müde geworden war. Irgendwann waren ihm einfach die Augen zugefallen und er war eingeschlafen. Erst als Sara ihn sanft weckte und ihn leise erklärte, er solle ins Bett wechseln, hatte er gemerkt, dass er geschlafen hatte. Erschöpft war er aufgestanden, hatte die Decke genommen und war ins Boot zum Bett gelaufen. Kaum hatte sein Kopf das Kissen berührt, war er wieder eingeschlafen. Er hatte nicht einmal mitbekommen, wie Sara sich später zu ihm gelegt hatte. Sein Körper brauchte also auch weiterhin Ruhe und Erholung und die würde er ihm auch weiterhin geben – auch wenn die vier Tage längst rum waren. Er musste einfach mehr auf sich aufpassen.
Gegenwärtig saß Michael mit den Anderen an der Küchentheke in der oberen Etage und aß wie alle anderen Frühstück. Der Duft von Kaffee und frisch gebratenen Eiern mit Speck hing in der Luft und ließ nicht nur ihn zufrieden seufzen. Niemand wusste, was heute auf sie zu kam, aber da es nun endlich weiter ging, würde es mit Sicherheit für sie alle anstrengend werden. Während er sich vorhin noch im Boot seine Jeans und seinen blauen Pullover anzog und seinen Urlaub offiziell als beendet erklärte, hatte Sara mit verschränkten Armen in der Holztür gestanden und gemeint, dass sie trotz allem ein Auge auf ihm habe würde. Es würde sowohl geistige als auch körperliche Anstrengung auf ihn zukommen und sie wollte hundertprozentig sicher gehen, dass es ihm gut ging. Mit strengem Gesicht hatte sie ihm geschworen sofort einzugreifen, sollte sie bei ihm irgendeine Art der Erschöpfung erkennen. Michael hatte sie nur schweigend umarmt und etliche Minuten nicht mehr losgelassen.
Gerade nahm Michael seine Kaffeetasse in die Hand, als er hörte, wie die Tür von der Lagerhalle auf- und wieder zuging. Er erstarrte in seiner Bewegung. Auch die anderen hielten in ihrer Bewegung inne und verstummten.
„Ich hoffe doch sehr, dass hier jemand ist!“ Agent Selfs Stimme hallte durch die ganze Lagerhalle und Michael seufzte leise auf. Er stellte seine Tasse ab und glitt vom Küchenhocker.
„Wir frühstücken, Self“, antwortete Lincoln laut und erhob sich ebenfalls.
Michael nahm sich noch einen Moment Zeit und sah jeden Einzelnen fest in die Augen. Sucre, Lincoln, Mahone und Sara erwiderten seinen Blick und jeder nickte ihm entschieden zu. Auch wenn sie nicht darüber gesprochen hatten, so lag es doch an ihm, die Führung ihres Teams wieder zu übernehmen. Das hieß somit auch, dass er es war, der mit Agent Self die Konversationen hielt und zwischen ihnen vermittelte. Tief holte Michael Luft und wappnete sich innerlich für die nächsten Minuten. Er drehte sich zur Treppe. Langsam und mit wieder gewonnener Sicherheit lief er die Stufen hinab. Der groß gewachsene Agent stand mit verschränktem Armen und verhärmtem Gesicht beim langen Tisch und beobachtete, wie sie nach und nach zu ihm kamen.
„Guten Morgen, Agent Self“, sprach Michael freundlich und stellte sich locker neben die rote Couch. Die anderen erreichten ebenfalls den langen Tisch und verteilten sich daran, wobei sie deutlich im hinteren Bereich des Podestes blieben und nicht näher an Self heranrückten. Sein Bruder, Sucre und auch Mahone bildeten einen kleinen Halbkreis am anderen Ende des Tisches. Wie Self verschränkte auch Lincoln die Arme und stellte sich breitbeinig hin. Sucre und der ehemalige FBI-Agent nahmen wie er eine lockere Haltung ein. Nur Sara nahm einen Platz knapp hinter ihm ein. Er spürte ihren Körper neben sich und es war mehr als offensichtlich, wie sie alle zu den Agenten standen.  
„Wie ich sehe, geht’s Ihnen endlich besser“, eröffnete Self ohne lange Umschweife und deutete mit seiner linken Hand auf die herum liegenden Unterlagen. „Dann können Sie ja endlich weiter machen!“ In der gleichen Bewegung zeigte er auf den ehemaligen FBI-Agenten. „Mahone hat vor dieser ganzen Farce gemeint, dass Sie bereits einen Plan haben, wie Sie in das Gebäude einbrechen wollen, in dem Scylla von der Company aufbewahrt wird. Könnten Sie endlich so freundlich sein mich einzuweihen? Schließlich habe ich lange genug darauf gewartet!“ Mit jedem Wort war die Stimme von Self unfreundlicher geworden und drifte nur so vor Verachtung.
Das allein reichte, um Michael in seinen Gedanken zu bestärken. Jetzt war es an ihm, die Arme zu verschränken. Er spürte, wie sich sein Gesicht verschloss und eine Kälte und eine Wut von ihm Besitz ergriff, die er nur selten in sich frei ließ. Nur der Gedanke an die Anderen und wie Self mit ihnen allen umgegangen war, ließ ihn die Kiefer zusammenbeißen. „Ich glaube, wir sollten uns erst einmal über etwas anderes unterhalten, Self!“, meinte er nach einem Augenblick sehr ernst und sehr deutlich.
Verwirrt hob der Agent eine Augenbraue. „Und das wäre, Scofield?“
„Ich bin der festen Überzeugung, dass wir unsere Arbeitsbedingungen noch einmal genau definieren sollten!“
Nicht nur Self sah ihn erstaunt an. Auch die Blicke seiner Familie und seiner Freunde spürte Michael auf sich ruhen. Er hatte sie nicht eingeweiht, weil er unbedingt ihre natürlichen Reaktionen brauchte. Ihre tatsächlichen Reaktionen auf seine ausgesprochenen Gedanken.
„Ihre Arbeitsbedingungen?“ Agent Self blinzelte einige Male mehr als überrascht. Schnell fand er aber zu seiner arroganten Art und Weise zurück und seine Gesichtszüge verhärteten sich abermals. „Wollen Sie mich eigentlich verarschen oder haben Sie einen Schlag zu viel gegen Ihren Kopf bekommen?“ Fest sah er Michael in die Augen. „Es ist doch klar, dass Sie für mich arbeiten, Scofield. Sie alle! Sie beschaffen mir Scylla und dafür müssen Sie nicht ins Gefängnis zurück. So lautete der Deal!“
Michael tat so, als würde er ernsthaft darüber nachdenken. Als müsste er sich erst an den Deal erinnern. „Das bedeutet aber noch lange nicht, dass Sie uns wie der letzte Dreck behandeln dürfen“, warf er ein und legte den Kopf schief. „Mein Vorschlag an Sie: Wir arbeiten gewohnt weiter und holen uns Scylla, dafür werden Sie sich aber mehr einbringen und die gleichen Risiken eingehen, die wir bisher allein eingegangen sind. Wenn wir dran sind, sind Sie es auch!“ Mit festem entschlossenem Blick sah er den blonden Mann an. „Hier sterben Menschen, Self und ich möchte verhindern, dass weitere sterben. Das heißt also für Sie, dass Sie da mit drinhängen. Wenn wir von der Company gejagt werden, werden Sie das auch! Ab diesen Moment stehen wir alle auf der gleichen Stufe und Sie behandeln uns endlich mit dem nötigen Respekt! Wir sind nicht Ihre Handlanger! Das wollte ich endlich mal klarstellen!“
Self erwiderte kurz seinen Blick und lachte dann laut auf. Etliche Sekunden lachte er, als hätte sein Gegenüber einen besonders guten Witz erzählt. Er bekam sich nicht wieder unter Kontrolle. Michael ließ ihn dabei keine Sekunde aus den Augen. Die anderen dagegen wirkten plötzlich recht nervös.
„Sie müssen wirklich einen wegbekommen haben, Scofield“, lachte Self noch immer. „Wie können Sie glauben, dass ich darauf eingehe?“ Er wirkte schlagartig ruhig und konzentriert. „Sie arbeiten für mich, ansonsten platzt der Deal und Sie gehen zurück ins Gefängnis!“ Er griff in seine Jackeninnentasche und zog sein Handy hervor. Wild wedelte er damit herum. „Ein Anruf und ich lass Sie abholen und zurück in die tiefste Zelle werfen, wo keiner Sie finden wird.“
Abermals tat Michael so, als würde er darüber nachdenken. Nicht schnell löste er seine Arme und ging mit bedachten Schritten den Agenten entgegen. Vor ihm blieb er stehen und sah ihn unentwegt in die Augen. „Dann rufen Sie doch an!“
„Michael?! Was?!“ Sucre und Lincoln riefen erschrocken seinen Namen, doch er achtete nicht auf sie, sondern sah Self weiterhin fest in die Augen.
„Na los, Self“, rief er schneidend und stellte sich noch näher an den Agenten. „Rufen Sie Ihre Handlanger und schicken Sie uns zurück ins Gefängnis! Rufen Sie sie an!“ Lange starrte er ihn an und total verwirrt erwiderte Self seinen Blick. Er sah den Agenten deutlich an, dass er nicht wusste, was er von dem Gesagtem halten sollte. Ruhig sprach er deswegen weiter: „Ich glaube nicht, dass Sie das tun werden – und wissen Sie auch warum?“ Er legte den Kopf schief und sah zu dem hochgewachsenen Mann auf.
„Warum sollte ich es nicht tun? Was hält mich Ihrer Meinung von dem Anruf ab?“
Michael lächelte provozierend. Seine Augen zogen sich gefährlich zusammen. Seine dunkle Seite hatte sich vollkommen in ihm ausgebreitet und in vollem Maße nutzte er diese auch. „Sie sind es selbst, der sich daran hindert, Agent Self!“ Abermals kam er den Agenten näher, drang in die Intimsphäre des Mannes ein. Jetzt standen sie sich so nahe, dass Michael den Atem seines Gegenübers auf der Haut spürte. „Sie wollen gar nicht anrufen, weil Sie Scylla genauso sehr wollen wie ich!“, flüsterte er ernst. „In den letzten Tagen und Wochen haben wir Sie so nah wie noch nie zuvor an Scylla herangebracht. Sie haben Jahre damit vergeudet, die falschen Leute mit der Aufgabe zu betreuen und kamen nicht wirklich näher an Scylla heran – und nun ist ein einfacher Bauingenieur mit seinem Team an der Sache dran und endlich passiert etwas. Scylla ist zum Greifen nah und deswegen werden Sie den Anruf auch nicht tätigen.“ Einen kurzen Augenblick ließ er seine Worte wirken, eher er einen Schritt zurücktrat und den Agenten wieder Luft zum Atmen gab. „Sie können uns gerne wieder zurück in den Knast schicken, Self, dann aber …“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und hielt in seiner Bewegung inne. „Dann aber werden Sie nie erfahren, was ich über Scylla herausgefunden habe!“ Die Augen von Self weiteten sich und er schnappte nach Luft. „Entweder Sie spielen nach meinen Regeln“, sprach Michael entschieden weiter. „In meinem Team oder Sie können weitere Jahre damit verschwenden hinter etwas herzujagen, was Sie am Ende doch nicht bekommen.“ Mehr denn je sah er ihn entschlossen an. „Sie können es sich aussuchen!“
„Was haben Sie herausgefunden?“, wollte Agent Self gleich darauf wissen und machte mehrere Schritte auf ihm zu, aber sofort reagierten Lincoln und Sucre. Sie kamen um den Tisch herum und gingen auf sie zu. Ohne sich ganz umzudrehen, wusste Michael, dass sie ohne zu zögern eingreifen würden. So, wie er ihnen in jeder Situation half, so halfen sie ihm. Das hatten die letzten Tage mehr als bewiesen.
Sehr langsam und sehr bedacht schüttelte er verneinend den Kopf und starrte den hochgewachsenen Mann noch immer fest in die Augen. Er würde sich keinen Millimeter bewegen und zurückweichen. Agent Self hatte sie lange genug herumkommandiert und lange genug hatte er sich mit fremden Federn geschmückt. Es war höchste Zeit alles wieder gerade zu rücken.
„Scofield?“, rief Self gereizt und machte einen weiteren Schritt auf ihm zu, aber Lincoln stellte sich zwischen ihn und Self. Sein Bruder baute sich vor den Agenten auf und funkelte ihn wütend an.
„Sie haben unsere Bedingungen gehört, Self“, zischte Lincoln und Michael nahm den Faden sogleich auf: „Sie spielen nach meinen Regeln, Self, in meinem Team oder hier wird überhaupt nichts mehr passieren!“ Seine Augen wurden kalt und diese Kälte, diese Entschlossenheit ließ er den Agenten nur zu deutlich sehen. „Alles bleibt, so wie es jetzt ist und meine Ideen und meine Pläne bezüglich Scylla werde ich für immer tief in mir vergraben. Wir werden keinen Finger mehr für Sie krumm machen. Sie können gerne alleine versuchen an Scylla heranzukommen.“ Er nickte ihm zu. „Dann wünsche ich Ihnen viel Glück dabei. Sie haben die Wahl. Also entscheiden Sie sich!“  
Noch einmal zog Self die Luft scharf ein und Michael wusste, dass der Agent nicht mit einer solchen Gegenwehr gerechnet hatte. So wie er den groß gewachsenen Mann kennen gelernt hatte, sollten er und die Anderen Scylla beschaffen und am Ende wären sie höchstwahrscheinlich doch zurück ins Gefängnis gewandert. Zuzutrauen wäre es ihm. Der Agent starrte ihn weiterhin wütend an und Michael wollte den Druck ein weiteres Mal erhöhen, sonst würden sie sich noch Stunden anstarren: „Entscheiden Sie sich, Agent Self!“ Er machte eine kurze Pause, ließ ihn weitere Sekunden zum Nachdenken, bevor er die nächste Bombe platzen ließ: „Sollte in einer Minute keine Entscheidung Ihrerseits gefallen sein, Self, werden wir Sie überwältigen und von hier verschwinden!“ Nochmals riss der Agent die Augen weit auf und Michael musste einfach arrogant lächeln. Er konnte gar nicht anders. Viel zu oft hatte der Agent sie wie dumme Handlanger behandelt. „Sie haben uns doch immer damit gedroht, dass wir zurück in den Knast gehören.“ Er zeigte auf sein Team. „Wie Sie ja wissen, war jeder Mann hier bereits im Gefängnis. Wir waren da nicht zu unserem Vergnügen. Wir haben den Gefängnisalltag gelebt und wir wissen uns zu wehren.“ Sein Gesicht nahm harte Züge an. „Und sollten Sie es noch nicht bemerkt haben: Wir sind in der Überzahl!“ Erneut ließ er einige Sekunden verstreichen. „Also, Agent Self, wie entscheiden Sie sich?“  
Agent Self biss die Zähne zusammen und hektisch sah er von einen zum anderen. Als versuchte er wirklich zu überlegen, wie er sie alle gleichzeitig überwältigen konnte.
Ohne, dass Michael sie auf das Gespräch vorbereitet hatte, reagierten sie doch so, wie er es geplant hatte. Mahone und Sucre begannen auszuschwärmen. Sein Bruder blieb direkt vorm Agenten stehen und funkelte ihn weiterhin wütend an. Auch Sara trat einige Schritte zur Seite, um den Männern möglicherweise nicht im Weg zu stehen, sollte sich Self doch anders entscheiden.
Self sah sie weiterhin zornig an, schüttelte dann aber den Kopf und schnaufte wütend. Wütend auf sich selbst. „Okay!“, rief er und machte dennoch zwei Schritte zurück, um Lincoln wenigstens etwas zu entkommen. „Sie haben gewonnen!“ Er sah ihn gereizt an. „Wir holen uns Scylla gemeinsam!“ Er nickte ihm zu. „Ich bin mit Ihren Bedingungen einverstanden. Wir hängen da alle zusammen drin!“
Michael lächelte zufrieden.
„Scofield, Sie sind ein Arschloch! Wissen Sie das eigentlich?“, meinte Self weiter und konnte es augenscheinlich nicht glauben, bei was er gerade zugestimmt hatte.
„Das beruht auf Gegenseitigkeit, Self“, sprach er ruhig und entspannte sich. Auch seine Freunde lösten sich aus ihrer Anspannung und sie alle wirkten mit einem Mal mehr als zufrieden. Gerade noch wussten sie nicht, wie sich der Tag für sie entwickeln würde und nun war endlich eine gerade Linie in die Verhältnisse gezogen wurden. Das würde so einiges einfacher machen. Michael ließ den Agenten und seine Freunde stehen und ging stattdessen zu Sara, die noch immer etwas abseitsstand.
Mit großen Augen sah sie ihn überrascht an. Ungläubig schüttelte sie den Kopf und griff gleich nach seinem Pullover, als er nah genug war. Mit festem Griff legte sie ihre Hände an seine Hüften und sah zu ihm auf. „Du bist unmöglich“, flüsterte sie und konnte es immer noch nicht glauben. „Hättest du nicht etwas sagen können?“  
„Das ging nicht“, erwiderte er genauso leise. „Ich brauchte eure Spontanität! Sonst hätte es nicht so funktioniert, wie ich es mir gedacht habe!“ Sanft zog er sie in eine Umarmung und hielt sie einfach fest. Erleichtert und zufrieden schloss er für einen Moment die Augen.
„Du bist wirklich unmöglich, Michael Scofield!“, murmelte sie erneut und schlang ihre Arme um ihn. Vorsichtig sah sie zu ihm auf und betrachtete ihn kurz. „Alles okay bei dir? Hast du irgendwelche Beschwerden?“
Er lächelte sie warm an und schüttelte verneinend den Kopf. „Mir geht’s gut, Sara“, antwortete er ihr und streichelte sanft ihre Wange. „Es ist alles gut!“ Er beugte sich zu ihr und verschloss ihre Lippen mit seinen. Unendlich sanft küsste er sie, ehe er sich langsam von ihr löste und sie einfach anlächelte.
„Hey ihr beiden.“ Abermals war es Lincoln, der sie unterbrach und auseinander zwang. „Wir wollen anfangen. Kommt ihr?“
Ein letztes Mal küsste Michael sie, ehe er sich zum langen Tisch umdrehte. Sara tat es ihm gleich. Die vier Männer saßen bereits am langen Tisch und sahen ihn erwartungsvoll an. Er wusste nur zu gut, was sie von ihm wollten. Daher löste er sich endgültig von Sara und lief mit zügigen Schritten zu einer der weißen Tafeln. Er schob einige Notizen zur Seite, damit er eine freie Fläche zum Schreiben bekam. Als er sich jetzt halb umdrehte, um sowohl die Tafel als auch sein Team im Blick zu haben, sah er, wie sich auch Sara an den Tisch gesetzt hatte und nun alle Blicke auf ihn ruhten.
„Welchen Plan haben Sie, um in das Gebäude einzubrechen?“, wollte Agent Self von ihm wissen und sah ihn neugierig an. Mit einem Mal war das angespannte Verhältnis zwischen ihnen wie weggewischt. Als wäre nie etwas gewesen.
„Bevor wir uns damit beschäftigen, Self“, begann Michael zu erklären und nahm einen Stift in die Hand. „Müssen wir erst einmal klarstellen, was Scylla eigentlich ist?!“ Er sah in die Runde und jeder Einzelne wirkte sichtlich verwirrt. Unsicher sahen sie einander an.
„Ich dachte, Scylla ist die zentrale Datenspeicherkarte der Company?“, warf Mahone ein und wirkte sichtlich irritiert. „Sie beinhaltet Daten und Berichte der Company.“ Die anderen nickten zustimmend, aber Michael schüttelte nur den Kopf. Gleichzeitig musste er erleichtert aufatmen. Es war erstaunlich, wie leicht ihm mittlerweile alles wieder fiel. Ohne darüber nachzudenken, konnte er seinen Kopf so wie immer bewegen, ohne gleich von Schmerzen überrannt zu werden. Er konnte so viel klarer denken, ohne dass ein Gedanke gleich mit Kopfschmerzen verbunden war. Nichts erinnerte mehr an den Tumor.
„Das dachte ich auch“, redete er ruhig weiter. „Aber nur, weil es mir damals so von Whistler erzählt wurde und er es wahrscheinlich auch nicht besser wusste – aber das stimmt so nicht!“  
„Was willst du uns damit sagen, Michael?“, fragte sein Bruder direkt und unverblümt. Als einziger von seinem Team hatte er sich nicht mit den Ellenbogen auf den Tisch abgestützt. Seine kräftigen Arme lagen auf den Stuhllehnen.  
Michael antworte nicht auf die gestellte Frage, sondern stellte sich vor die weiße Tafel und schrieb in Großbuchstaben BARGAIN auf deren Oberfläche. Er drehte sich halb zu seinem Team um und die Fragezeichen über ihren Köpfen waren mehr als sichtbar.
„Bargain?“ Sucre zog wie alle anderen die Augenbrauen nach oben und sah unsicher zwischen der Tafel und den anderen hin und her. Er schüttelte den Kopf. „Echt, Michael, wovon sprichst du?“
„Als ich operiert wurde“, begann er zu erzählen. „Hatte ich eine Vision über Scylla und sah das Wort BARGAIN. Ich hab mich wieder daran erinnert, wie die Kartenhalter beim Geheimtreffen hinter dem Kraftwerk davon gesprochen haben. Damals ergab es für mich keinen Sinn, aber dann kam mir ein Gedanke! Es wird nicht als Wort BARGAIN gesehen, sondern man muss die Buchstaben einzeln betrachten.“ Langsam umrandete er die Buchstaben mit dem Stift und trat erneut einen Schritt zurück, damit seine Familie, seine Freunde und Self sein Geschriebenes sahen. Jetzt stand an der Tafel nicht mehr BARGAIN, sondern die eingekreisten Buchstaben: B, AR, GA und IN. Mit dem Stift zeigte er auf die einzelnen Buchstaben: „Bor, Argon, Gallium und Indium.“ Michael trat von der Tafel weg und ging zum langen Tisch zurück. Nach wie vor sahen die anderen ihn skeptisch an und er erklärte ihnen: „Es gibt in der Forschung und Entwicklung eine Theorie, die besagt, wenn man diese vier chemischen Elemente erfolgreich verbindet, dann kann man eine Super-Solarzelle produzieren. Diese kann dann 100% der Sonnenenergie speichern! Das heißt, dass kein eintreffendes Sonnenlicht mehr verloren geht! Jeder eintreffende Sonnenstrahl kann in Energie umgewandelt werden!“ Langsam sah er jeden einzelnen an. „Als wir im Ministerium den Tresor aufgebrochen haben, hat der General im Nachbarbüro von unsagbarer Macht gesprochen. ‚Wer Scylla hat, der hat unsagbare Macht‘!“ Wieder schüttelte er den Kopf. „Wer über dieses Wissen verfügt, hat über die restliche Welt sehr viel Macht. Wer will dieses Wissen nicht gerne haben und vor allem nicht auch nutzen?“
„Warte mal, Michael“, rief Mahone aufgeregt dazwischen. „Willst du damit sagen, dass auf Scylla das Wissen versteckt ist, solch eine Solarzelle herzustellen?“
Entschieden nickte er. „Das und noch so viel mehr, Alex. Ich kann mir mittlerweile sehr gut vorstellen, dass auf Scylla noch so viel mehr zu finden ist, was die weltliche Wissenschaft noch nicht herausgefunden hat! Auf Scylla ist das Wissen der Zukunft zu finden und genau deswegen wird Scylla auch so schwer bewacht!“
„Oh man“, murmelte Sucre sichtlich geschockt und ließ sich auf seinen Stuhl zurückfallen. Self und Sara taten es ihm nach und für einen Augenblick herrschte in der großen Lagerhalle absolute Stille. Michael sah ihnen an, dass ihnen die neue Erkenntnis über Scylla die Sprache verschlagen hatte. Ihm war es genauso ergangen. Im Gegensatz zu den anderen aber konnte er das Wissen bereits verarbeiten und für sich nutzen.
„Und da wir das jetzt wissen“, sprach Michael langsam weiter und holte einen nach den an-deren aus seinen Gedanken. „Müssen wir mit Scylla komplett anders verfahren als eigentlich geplant!“
Agent Self sah ihn nervös an und wollte schon protestieren, aber Michael ließ ihn erst gar nicht zu Wort kommen und meinte: „Wir holen uns Scylla, Agent Self. Keine Sorge! Aber wir müssen nun in größeren Dimensionen denken und dementsprechend handeln.“ Erneut sah er jeden seiner Familie und seiner Freunde an und ließ sie alle seine Entschlossenheit sehen. „Und ich hab da auch schon eine Idee, wie wir das anstellen werden!“


                                             Ende
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