Wintersonnenwende

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
OC (Own Character) Yuri Plisetsky
09.02.2020
25.10.2020
41
154.931
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27.09.2020 4.284
 
Kapitel 34

Moskau, Russland

Samstag, 16.November 2019

Yuri wendet seine goldene Medaille hin und her. Gründlich inspiziert er sie von allen Seiten. Doch egal wie lange er auf sie schaut und versucht, sich an ihr zu erfreuen, sie macht ihn einfach nicht glücklich. Dabei ist diese Goldmedaille der Beweis für seinen überragenden Sieg beim Rostelecom Cup.

Dieses Mal ist es seinem Großvater gelungen, rechtzeitig zur Eishalle zu kommen. Dadurch konnte er ihm endlich zeigen, was er in den letzten Jahren und insbesondere Monaten gelernt hat. Es ist ein tolles Gefühl gewesen, für seinen Großvater zu laufen und vor seinen Augen mit einer fehlerfreien Darbietung Gold zu gewinnen. Selbst Viktor und Katsudon haben über seine Leistung gestaunt. Sie sind nach dem Bewerb zu ihm gekommen und haben ihm gratuliert. Das hat Yuri beinahe noch glücklicher gestimmt als diese ungewöhnlich schwere Goldmedaille in seinen Händen. Doch das Glücksgefühl, von dem er nach einem Sieg üblicherweise eingenommen wird, will sich einfach nicht einstellen.

Aus dem Augenwinkel hat er den ganzen Tag lang Daria beobachtet. Seitdem sie ihn heute in der Früh abgeholt hat (da er sich dieses Mal ein Hotelzimmer mit Yakov teilt, während Daria und Mila gemeinsam ein Zimmer belegen), benimmt sie sich irgendwie seltsam. Sie scheint durch den Wind und desorganisiert zu sein. Denn schon beim Frühstück musste sie mehrere Male aufstehen, um etwas zu holen, was sie für gewöhnlich nicht vergessen würde. Einmal ist es ihr Kaffee gewesen. Das nächste Mal ein Stück Brot. Dann wiederum Milch für das Müsli, welches sie jedoch nicht angerührt hat.

Dass Daria in den frühen Morgenstunden nicht viel redet, ist kein Wunder. Selbst zu Hause essen sie meistens schweigend. Er schaut auf sein Handy und surft in den sozialen Netzwerken. Daria hingegen liest auf ihrem Tablet die Nachrichten des Vortages. Erst nachdem sie zu Ende gefrühstückt haben, erzählt sie ihm, was am jeweiligen Tag ansteht.

Das hat sie heute allerdings nicht getan. Yuri hat das Gefühl beschlichen, ihr alles aus der Nase ziehen zu müssen. Denn er musste sie fragen, wann sie das Hotel verlassen, wie lange sie vor dem Bewerb in der zweiten, zur Verfügung gestellten Eishalle trainieren können und um wie viel Uhr der freie Lauf beginnt. Unter normalen Umständen hätte sie ihm das alles noch am Frühstückstisch erzählt, bevor sie in ihren jeweiligen Hotelzimmern die Sachen gepackt und sich auf den Weg gemacht hätten.

Selbst während des kurzen Morgentrainings in der zweiten Eishalle ist Daria nicht bei ihm, sondern gedanklich woanders gewesen. Sie hat sich kaum konzentriert und sofern er sie etwas gefragt hat, ist es ihm vorgekommen, als ob er sie aus ihren Gedanken gerissen hätte.

So kennt er Daria gar nicht. Wenn es nämlich um sein Training oder die Meisterschaften geht, dann ist sie immer hoch konzentriert. Im Gegensatz zu ihm gelingt es ihr irgendwie, ein Wochenende lang ihre Probleme zur Seite zu schieben und sich nur darauf zu konzentrieren, was wirklich wichtig ist, nämlich das Eislaufen.

Umso überraschter ist Yuri, dass sie sich ausgerechnet hier in Moskau gehen lässt und gedanklich nicht bei ihm zu sein scheint. Schon den ganzen Tag lang zerbricht er sich den Kopf darüber, ob gestern irgendetwas passiert ist, nachdem sie mit Viktor vom Einkaufen zurückgekehrt ist. Beim Abendessen ist sie nämlich genauso schweigsam gewesen wie heute beim Frühstück. Sie hat sogar etwas blass gewirkt. Doch da Mila die ganze Zeit über geredet hat und Yakov gelegentlich ihre Aufmerksamkeit in Bezug auf die Meisterschaft gefordert hat, hat er Daria nicht fragen können, ob etwas vorgefallen sei.

Er wollte es heute machen, doch er hat einfach nicht den richtigen Moment erwischt. Irgendwie ist immer jemand bei ihnen gewesen. Wenn es nicht Yakov oder Mila waren, dann ist komischerweise Viktor zu ihnen gekommen. Später, in der großen Eishalle, hat sich sein Großvater zu ihnen gesellt, wodurch er Daria ebenfalls nicht fragen konnte. Außerdem hat er sich auf seinen Lauf vorbereitet, den er trotz ihres seltsamen Benehmens am heutigen Tag fehlerfrei absolviert hat.

Der Nachmittag ist schnell vergangen und irgendwie hat er durch den Medienrummel um ihn und seinen Sieg Daria aus den Augen verloren. Erst am späten Nachmittag, als sie ihn geschnappt und vor den Reportern in Sicherheit gebracht hat, hat er sie wiedergesehen. Doch viel Zeit, um mit ihr zu reden, hatte er letzten Endes nicht, da er sogleich von seinem Großvater, der auf ihn gewartet hat, in eine feste Umarmung gezogen wurde.

Dadurch sind weitere Stunden vergangen, in denen er irgendwie kaum ein Wort mit Daria gewechselt hat. Je dunkler es draußen geworden ist, umso normaler hat sie sich wieder benommen. Sie hat ihm beim Abendessen im Hotel sogar von sich aus gesagt, wann er morgen wo sein muss und um wie viel Uhr das Dinner mit den anderen Teilnehmern starten würde. Für einen Augenblick hat sie sich wie jene Daria angehört, die er kennt und für ihre Professionalität schätzt. Dann aber ist sie schnell in ihrem Zimmer verschwunden, sodass im Grunde genommen ein ganzer Tag vergangen ist, an dem er nicht die geringste Chance hatte, um mit ihr zu sprechen.

Er fragt sich, ob er jetzt noch, obwohl es bereits kurz nach neun ist, zu Daria gehen und sie fragen sollte, ob alles in Ordnung sei. Sie schuldet ihm eine Antwort. Denn sie kann nicht leugnen, dass sie sich heute den ganzen Tag über komisch benommen hat!

Yakov ist im Augenblick nicht da. Er hat gemeint, dass er sich noch mit jemandem treffen und etwas später zurückkommen würde. Dadurch hätte Yuri Zeit, das Zimmer ohne lästigen Kommentar zu verlassen, um sich zu Daria zu begeben. Sie wird allerdings nicht alleine sein. Schließlich ist Mila bei ihr und wird genauso wie Yuri das Hotelzimmer nicht verlassen haben. Sie sind nach ihren erfolgreichen Läufen und den gewonnenen Medaillen beide müde. Dementsprechend würde es Yuri noch nicht einmal gelingen, Mila aus dem Zimmer zu werfen. Wenn er mit Daria allein sein möchte, müsste sie fast schon zu ihm kommen und irgendwie bezweifelt Yuri, dass sie das tun wird. Dafür hat sie sich in den letzten Stunden viel zu seltsam verhalten.

Er seufzt und lässt die Medaille in seinen Händen sinken. Er legt sie sich auf den Bauch, während er mit grimmiger Miene gen Zimmerdecke starrt. Ob er es trotzdem versuchen sollte? Ob er zu Daria gehen und sie fragen soll, was los ist? Vielleicht ist Mila ja genauso unterwegs wie Yakov. Schließlich hat sie einige Freunde in Moskau, die sie selbst um diese Uhrzeit besuchen würde. Sie ist nun mal so eine Person, die wenig Rücksicht auf angemessene Uhrzeiten nimmt. Aber kann man es ihr verübeln? Sie ist schließlich zweiundzwanzig und dementsprechend jung.

Das Klopfen an der Zimmertür reißt Yuri aus seinen Gedanken. Er dreht den Kopf fragend in die Richtung, aus der das Klopfen kommt. Die Stirn legt er in Falten. Wer klopft denn noch um diese Uhrzeit an seiner Tür? Yakov kann es nicht sein, denn dieser hat einen Schlüssel. Den Zimmerservice hat Yuri ebenfalls nicht bestellt. Mila hätte keinen Grund, hier aufzutauchen und Daria? Die liegt, so nachdenklich wie sie den gesamten Tag über gewesen ist, vermutlich schon im Bett und zerbricht sich über irgendetwas den Kopf.

Hoffentlich sind es nicht Viktor und Katsudon, schießt es Yuri durch den Kopf, als er sich langsam aufrichtet. Er hat wirklich keine Lust, sich mit den beiden zu unterhalten oder gar zu feiern, wenn er sich doch Gedanken über Daria und ihr seltsames Verhalten macht. Sollten es dennoch die beiden sein, wird er ihnen einfach die Tür vor der Nase zuschlagen. Dadurch schont er seine Nerven.

Yuri atmet tief durch, als er die Tür öffnet. Er staunt nicht schlecht, als er weder Katsudon noch Viktor, sondern Daria erblickt. Sie sieht ihn freundlich, aber zugleich ein wenig überrascht an. Auf ihren Lippen liegt ein schmales Lächeln.

„Hey. Was schaust du mich so verwundert an? Hast du mit wem anders gerechnet?“

„Irgendwie schon…“

„Mit wem denn?“

„Äh… keine Ahnung“, kommt es leise über seine Lippen. Er weiß doch selbst nicht, wen er erwartet hat. Doch ganz bestimmt nicht Daria, die verlegen auflacht und den Kopf lieblich zur Seite neigt.

„Tut mir leid, dass ich nicht die Person bin, die du dir erhofft hast. Ich bin auch schnell wieder weg. Ich will Yakov nur schnell etwas fragen. Ist er da? Ich erreiche ihn nämlich nicht.“

Yuri verzieht sein Gesicht unwirsch. Wenn sie wüsste, dass sie genau die Person ist, die er sich herbeigesehnt hat, dann würde sie solch einen Blödsinn gar nicht erst von sich geben.

„Nein, er ist nicht da. Keine Ahnung, wo er ist. Hat er nicht gesagt, außer dass es länger dauern wird“, antwortet er ihr auf diesen Teil ihrer Frage.

„Oh. Na, dann belästige ich dich nicht länger. Falls er vor zehn oder elf kommen sollte, kannst du ihm sagen, dass er sich noch bei mir melden soll?“

„Hm“, macht Yuri. Er lässt Daria nicht aus den Augen, sondern betrachtet sie genau. Sie wirkt ein wenig distanziert, was er nicht nachvollziehen kann. Was zum Teufel ist nur passiert, dass sie auf einmal so anders ist? Hat Viktor etwas gesagt? Ist sie verletzt worden? Steht etwas in den Medien, was ihr nicht bekommt? Was auch immer es ist, sie kann doch mit ihm reden! Sie reden schließlich über alles! Das zeichnet ihre Freundschaft doch aus!

„Danke dir. Dann sehen wir uns morgen beim Frühstü-“, will sie bereits sagen. Doch sie bringt ihren Satz nicht zu Ende, da er sie unversehens am Handgelenk packt und ins Zimmer zieht. Er schließt die Tür hinter sich und lehnt sich an diese, als ob er ihr den Fluchtweg versperren möchte.

„Yuri! Was soll das?“

„Was soll das?!“, entgegnet er und deutet auf sie. Irritiert zieht sie ihre Augenbrauen in die Höhe.

„Was? Was meinst du?“

„Dein Benehmen! Was soll das, hah? Schon den ganzen Tag über stehst du neben dir! Du scheinst dich ja nicht einmal gefreut zu haben, dass Mila und ich Gold gewonnen haben!“

„Aber natürlich freue ich mich!“

„Wirkt aber nicht so“, schnaubt er. „Du bist schon den ganzen Tag mit deinen Gedanken irgendwo anders und ich komme einfach nicht drauf, warum! Sonst bist du auch nicht so! Also will ich wissen, was passiert ist! Was ist los mit dir?“

„Nichts ist los mit mir!“

„Hat Viktor gestern etwas zu dir gesagt? Steht etwas in den Medien? Haben Yakov oder Mila dich verletzt?“

„Nein. Nichts dergleichen! Es ist alles in Ordnung, Yuri!“

„Nichts ist in Ordnung!“, platzt es aus ihm. Er geht einen Schritt auf Daria zu. Als sie nach hinten ausweichen möchte, packt er sie am Handgelenk und zieht sie zu sich. Er schaut ihr tief in die vor Schreck geweiteten Augen. Doch lange hält sie seinem Blick nicht stand. Sie wendet sich schnell ab, ohne auf Distanz zu gehen.

„Was ist passiert? Warum willst du es mir nicht sagen, hah? Habe ich etwas getan? Habe ich etwas gesagt, was dich verletzt hat?“

„Nein“, schüttelt sie schnell den Kopf und löst ihr Handgelenk aus seinem Griff. Er will sie schließlich nicht verletzen oder ihr Angst machen. Sie soll aber verdammt noch mal reden! Merkt sie denn nicht, dass er vor lauter Sorge durchdreht?!

„Gott, muss ich dir heute alles aus der Nase ziehen, oder was?! Was ist los mit dir?! Du bist schon den ganzen Tag mit deinen Gedanken woanders, anstatt bei mir und dem Wettbewerb! Ich nehme es dir nicht übel, aber ich will wissen, was es ist, das dich so aus der Bahn wirft! Verdammt, sonst redest du doch auch immer mit mir!“

„Und das werde ich auch tun! Ich habe es vor, in Ordnung?! Ich wollte es nur nicht vor dem freien Programm machen!“

„Aber es ist vorbei! Alles ist vorbei! Ich habe Gold gewonnen!“

„Ich weiß und ich bin auch stolz auf dich!“

„Was ist es dann, verdammt noch mal, hah?!“

„Ich habe meinen Vater getroffen!“, entgegnet sie ihm genauso laut und energisch, wie er bisher mit ihr gesprochen hat.

Yuri will bereits nach Luft schnappen und sie fragen, was ihr Vater mit dem Wettbewerb zu tun hätte, ehe ihm bewusst wird, was sie gerade gesagt hat.

„Du hast wen getroffen?“

Er beobachtet sie dabei, wie sie sich unsicher auf die Lippe beißt und von ihm abwendet. Sie geht zunächst schweigend auf und ab, bevor sie sich das Haar in den Nacken wirft und mit gesenktem Kopf auf sein Bett setzt. Yuri macht es ihr nach. Ohne sie aus den Augen zu lassen, nimmt er neben ihr Platz.

„Ich wollte es dir später erzählen, okay? Ich wollte dir nichts verheimlichen, sondern es dir später sagen, wenn alles vorbei ist und du unter keinem Druck mehr stehst.“

„Stehe ich nicht mehr“, sagt er leise an sie gerichtet. In seiner Stimme schwingt ein gewisser Nachdruck mit, der Daria zeigen soll, dass sie mit ihm reden kann und auch soll.

Sie seufzt.

„Ich weiß. Ich habe nur irgendwie auf den richtigen Moment gewartet, um es dir zu erzählen. Nur scheint es diesen nicht zu geben. Diesen richtigen Moment. Genauso wie gestern.“

„Was ist passiert?“

Daria hebt ihren Blick und schaut ihm einen Moment lang in die Augen. Sie legt sich eine Hand in den Nacken und neigt den Kopf von links nach rechts und rechts nach links, ehe sie ihren Blick senkt und tief durchatmet.

„Viktor und ich waren einkaufen. In der Innenstadt. Wir haben eine schöne Zeit gehabt und all das, wie gute Freunde eben, bis ich in jemanden gelaufen bin. Es war ein alter Mann, der telefoniert und genauso wenig auf die Straße geschaut hat wie ich. Er ist hingefallen und wir haben ihm aufgeholfen. Erst danach, als er meinen Namen genannt und mir in die Augen geschaut hat, ist mir aufgefallen, wer er ist.“

„Dein Vater“, schlussfolgert Yuri. Er stützt seine Ellbogen auf den Knien ab, während er Daria genau beobachtet. Sie nickt.

„Ich habe ihn zuerst nicht erkannt und einfach nur gehofft, dass es dem Mann gut geht und er keine Szene macht. Er war irgendwie wütend, weil wir ineinandergelaufen sind. Aber dann, als er mich angeschaut und meinen Namen genannt hat, ist mir klar geworden, dass es mein Vater ist. Dieser Mistkerl, der mich, Marina und Mutter vor so langer Zeit verlassen und sich niemals wieder gemeldet hat.“

Daria fährt sich über das Gesicht und seufzt einige Male laut auf. Yuri löst seinen Blick langsam und starrt auf einen unbedeutenden Punkt auf dem Teppichboden.

„Weißt du, ich habe nicht gedacht, dass ich diesen Mann jemals wieder sehen werde. Er ist dreizehn Jahren einfach verschwunden. Mir nichts, dir nichts. Puff. Weg war er. Er hat meine Schwester, Mutter und mich alleine gelassen und ich war und bin noch immer so unglaublich sauer auf ihn. Aber ich habe mir gedacht, dass es sinnlos ist, über irgendetwas nachzudenken, was mit ihm zusammenhängt, denn ich werde ihn niemals wiedersehen. Wo denn auch? Ich hatte keine Ahnung, wo er ist. Ist er in der Schweiz geblieben? Oder zurück nach Graz gegangen? Oder vielleicht nach Russland? Ich hatte keine Ahnung und wollte es auch nicht wissen. Und Peng“, sagt sie und deutet mit ihren Händen eine Art Explosion an, „auf einmal ist er wieder da. In Moskau. Nur dreizehn Jahre älter.“

„Nur, weil du in ihn gelaufen bist, heißt das nicht, dass er wieder da ist“, kommentiert Yuri erstaunlicherweise ruhig, bevor er aus den Augenwinkeln auf Daria schaut. Nun versteht er, warum sie den ganzen Tag neben der Spur steht und sich von ihm distanziert hat. Diese Begegnung mit ihrem Vater hat sie aus dem Konzept gebracht. Um ihn vor dem freien Programm damit aber nicht zu belasten, hat sie es für sich behalten. Nur hat sie es nicht sonderlich gut vor ihm verbergen können, denn er hat es ihr deutlich angemerkt. Zwar hat er bis jetzt nicht gewusst, was es ist, dass sie dermaßen gedankenlos durch den Tag irren lässt, aber jetzt kann er es wohl besser verstehen als jeder andere Mensch auf der Welt.

„Was hast du gemacht? Was hast du getan, als du realisiert hast, dass er dein Vater ist?“

„Was wohl“, seufzt sie. „Ich habe Viktor genommen und bin so schnell es nur geht gelaufen. Ich wollte einfach nur weg. Einfach nur… weit, weit weg, damit ich diesem Mann nicht mehr nahe sein oder in die Augen schauen muss. Denn wie soll ich das noch können, hm? Wie soll ich diesem Mann in die Augen schauen, wenn ich so viel Hass und Wut verspüre?“

„Musst du auch nicht“, sagt Yuri und zuckt mit den Schultern. „Warum solltest du ihm auch in die Augen schauen?“

„Na, weil er doch mein Vater ist!“

„Ja und?“, fragt Yuri. Er dreht sich zu Daria. „Nur, weil er dich mit deiner Mutter gezeugt hat, ist er noch lange nicht dein Vater. Er hat dich mit fünfzehn alleine gelassen und dir das Gefühl gegeben, Schuld an all dem zu sein, was passiert ist. Als ob du mit deinen fünfzehn Jahren Schuld an irgendwas hättest! Du wolltest nur eislaufen und er hat das nicht verstanden. Warum solltest du ihm also in die Augen schauen oder gar als Vater ansehen?“

Daria mustert ihn eine Weile fragend, bevor sie ihren Blick reuig senkt und genauso wie er vorhin einen unbedeutenden Punkt am Teppichboden mustert.

„Ein Vater wird nicht dadurch definiert, wer dich gezeugt hat! Ein Vater wird dadurch definiert, wer dich unterstützt, dein Leben lang für dich da ist, dir deine Träume so gut es geht ermöglicht und hinter dir steht. Jemand, der dich auffängt, wenn du fällst und jemand, der sich mit dir freut, wenn du ganz oben stehst! Das bedeutet Familie! Das, was wir haben, das ist Familie! Du und ich! Wir sind Familie! Aber doch nicht ein Feigling wie er, der einfach abhaut, wenn es schwer wird!“

„Yuri“, hört er Daria hauchen. Doch er schüttelt nur den Kopf, um ihr zu zeigen, dass sie nicht weiterreden soll. Er ist nicht fertig.

„Ich verstehe nicht, wie du dir über einen Mann wie ihn den Kopf zerbrechen kannst?! Er hat es nicht verdient!“, platzt es aus ihm heraus.

„Nach all dem, was du durchgemacht hast, hat er es nicht verdient, dein Vater genannt zu werden, denn das ist er nicht gewesen. Yakov und Josef sind für dich wahrscheinlich mehr Vater gewesen als dieser Versager, der sich verzogen und euch alleine gelassen hat! Also hör auf, dir den Kopf darüber zu zerbrechen, ob du ihm in die Augen schauen kannst! Du musst es nämlich nicht! Du musst ihm nicht in die Augen schauen! Du musst ihn nicht Vater nennen! Du musst ihn nicht in dein Leben lassen und du musst ihm schon gar nicht verzeihen!“

Er macht eine kurze Pause, in welcher er sich aufrichtet. Er geht im Zimmer auf und ab, während er Darias Blick auf sich spürt. Sie schweigt.

„Ich weiß, dass du mir immer sagst, dass ich loslassen und verzeihen muss, bla bla bla. Ich kann es bald schon nicht mehr hören! Aber ich sage dir eines!“, fängt er an. Er bleibt stehen und blickt seiner Trainerin tief in die Augen.

„Manchen Menschen muss man einfach nicht verzeihen! Du musst es nicht tun, weil er es einfach nicht verdient hat! Was hat er denn all die Jahre für dich getan? Hat er versucht, sich bei dir oder deiner Schwester zu melden? Hat er versucht, dich zu besuchen? Ist er für dich da gewesen, als deine Mutter gestorben ist oder deine Schwester dich verlassen hat? Ist er für dich da gewesen, als Matthias gestorben ist oder du nach St. Petersburg gekommen bist?! Chris und Josef waren in der Schweiz mehr Familie für dich, als er es jemals sein könnte! Und Mila, Yakov und ich sind es hier! In Russland! Wir sind eine Familie und nicht so ein dahergelaufener Mann, der glaubt, dass er seine Tochter wiederbekommt, nur weil sie ihm ganz zufällig in Moskau in die Arme läuft! So funktioniert das nicht! So funktioniert Familie nicht! Und nur, weil er dich gezeugt hat, heißt das nicht, dass du ihm verzeihen oder vergeben musst! Du bist kein Gott, Daria! Du bist ein Mensch, der genauso das Recht darauf hat, wütend auf ihren Vater zu sein wie jeder andere Mensch auch!“

Yuri fällt im ersten Augenblick noch nicht einmal auf, wie er sich nach und nach immer mehr in Rage redet. Er spricht und schimpft und lässt alles aus sich heraus, bis nichts mehr nachkommt und er irgendwie erleichtert, wenn auch müde vor Daria stehen bleibt und sie anschaut. In der ganzen Zeit, in welcher er gesprochen hat, hat sie kein einziges Wort gesagt. Sie hat ihn nicht ein einziges Mal unterbrochen oder ihren Blick von ihm abgewandt. Sie hat ihm genau zugehört und macht es nun noch immer, auch wenn keine Worte mehr über seine Lippen kommen. Er hat trotzdem das Gefühl, dass sie miteinander kommunizieren, wenn auch nur durch ihre Blicke.

Yuri wendet nach einiger Zeit der Stille ab und atmet tief durch. Er legt sich eine Hand an die Nasenwurzel und fängt an, diese zu massieren. Er ist wütend und würde am liebsten etwas zerstören, doch er macht es nicht. Er hält sich zurück und atmet mehrmals tief durch.

Es ist Darias plötzliche Umarmung, die ihn dazu bringt, erschrocken die Augen zu öffnen. Er spürt ihre Arme um seinen Körper und ihren Kopf, den sie in seiner Halsbeuge vergräbt. Sie hält ihn zunächst zaghaft, dann aber immer stärker fest. Dabei schweigt sie. Er hört nur ihre gleichmäßige Atmung, die ihn langsam aber sicher auf den Boden der Tatsachen zurückbringt.

Yuri legt seine Arme um den mittlerweile recht schmalen Körper seiner Trainerin und streicht ihr, wie es Mila schon vor einigen Tagen am Flughafen getan hat, beruhigend über den Rücken. Er hofft, ihr dadurch ein wenig Trost spenden zu können.

„Tut mir leid“, murmelt er nach einiger Zeit. „Ich wollte nicht so… laut werden.“

„Entschuldige dich nicht“, hört er sie flüstern. „Ich bin dir für all das, was du gesagt hast, nämlich unglaublich dankbar, Yuri. Du hast recht, weißt du? Ihr alle seid für mich mehr Familie, als dieser Mann es jemals sein wird. Und ich bin froh, euch alle zu haben. Deswegen tut es mir auch leid, heute keine gute Trainerin für dich gewesen zu sein. Ich hätte für dich da sein müssen und nicht-“

„Halt die Klappe“, unterbricht er sie. Er drückt Daria eine Armlänge von sich und schaut ihr tief in die Augen. Sie sind ein wenig glasig und rot. Doch noch weint sie nicht. Das ist gut, denn es fällt ihm wahrlich schwer, eine weinende Daria zu sehen. Sie ist so etwas wie seine große Schwester. Sie soll verdammt noch mal nicht traurig sein!

„Jeder hat mal einen schlechten Tag. Und ich bin ehrlich gesagt froh, wenn es dir auch einmal so geht“, fängt er zu reden an. „Vielleicht ist heute nicht der ideale Tag dafür gewesen, aber was soll’s. Für mich ist am Ende des Tages alles gut ausgegangen und ich hoffe, dass es für dich genauso sein wird. Denn du hast eine Familie. Du hast uns alle und wir lieben dich. Mila ist vollkommen hin und weg von dir. Wenn du nicht in der Nähe bist, versucht sie Yakov davon zu überzeugen, dass du nächste Saison auch ihre Trainerin wirst. Yakov ist zwar genervt davon, aber auch wesentlich entspannter, weil du ihm einen Haufen Arbeit abnimmst. Er kann sich viel mehr Sportlern widmen, weil du ihm den Papierkram und mich abgenommen hast. Wenn wir zusammen trainieren, redet er immer davon, dass ich mir bei ihm genauso viel Mühe geben soll wie beim Training mit dir. Er schätzt dich und deine Arbeit. Und ich auch. Vermutlich hätte ich nie wieder Gold gewonnen, wenn du nicht… die Geduld gehabt hättest, mir zu helfen und für mich da zu sein. Ich weiß, dass ich eine schwierige Person bin, aber… du bist noch immer da und ich habe deinetwegen heute Gold gewonnen. Dafür bin ich dir wirklich dankbar. Und dafür habe ich dich auch lieb. Du bist so etwas wie meine große Schwester und ich will nicht, dass du traurig bist, weil dir ein unzuverlässiger alter Mann irgendwann einmal wehgetan hat. Niemand sollte dir wehtun und am liebsten würde ich ihn dafür schlagen! Aber das hat er nicht verdient, genauso wenig wie er dich verdient hat. Also vergiss ihn. Er ist nicht deine Familie und du brauchst ihn nicht. Du hast uns. Und Chris. Und Josef. Und Viktor… und Katsudon, auch wenn ich das echt ungern sage.“

Daria kichert leise. Yuri verzieht sein Gesicht unwirsch und wendet sich von ihr ab. Doch ihr leises Kichern entgeht ihm nicht, genauso wenig wie das zufriedenstellende Gefühl in seinem Inneren. Es tut gut, Daria kichern zu hören und lachen zu sehen. Das ist nämlich die Person, die er in den vergangenen Monaten kennen und schätzen gelernt hat. Sie soll nicht traurig sein. Nicht jetzt und nicht hier.

„Das ist ein Tag zum Feiern. Ich habe Gold gewonnen und du ziehst so ein Gesicht. Also wirklich. Ich habe schon gedacht, dass ich etwas falsch gemacht habe…, dass ich schon wieder nicht beim ersten Zähler gelandet bin.“

„Bist du auch nicht. Und irgendwie wollte ich den ganzen Tag mit dir darüber reden und dir sagen, dass dir das kein weiteres Mal passieren darf! Aber ich habe es irgendwie vergessen“, erklärt Daria mit einem amüsierten Lächeln auf den Lippen. Yuri seufzt.

„Vielleicht hätte ich dich doch in deinem benebelten Zustand lassen sollen.“

Er versucht, eine ernste Miene zu wahren, doch es gelingt ihm nicht wirklich, als er spürt, dass Daria ihm locker gegen den Oberarm schlägt. Er grinst sie spitzbübisch an, bevor er sich von ihr löst und etwas auf Abstand geht. Ja, schießt es ihm durch den Kopf. So will er Daria sehen. Glücklich lächelnd und zufrieden. Denn das ist die Daria, die die Welt sehen sollte. Die Daria, die er sieht.
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