Wintersonnenwende

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
OC (Own Character) Yuri Plisetsky
09.02.2020
25.10.2020
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20.09.2020 3.906
 
Kapitel 33

Moskau, Russland

Freitag, 15.November 2019

„Und er hat mich nicht blamiert“, sagt Daria mit einem lieblichen Lächeln auf den Lippen.

Viktor und sie haben nach dem Kurzprogramm beschlossen, gemeinsam in der Innenstadt zu bummeln. Der russische Yuri, der von seinem grandiosen Lauf mehr als nur geschafft ist, und der japanische Yuri haben sich ihnen nicht anschließen wollen. Stattdessen sind sie im Hotel geblieben und entspannen sich vermutlich in der Sauna oder im beheizten Indoor-Pool.

Weder Viktor noch Daria haben den beiden übelgenommen, dass sie nicht mitkommen wollten. Es ist ihr sogar fast schon lieber, alleine mit Viktor durch die Moskauer Innenstadt zu flanieren. Dadurch kann sie sich ungezwungen mit ihm unterhalten, obwohl sie sich inmitten eines Bewerbs befinden. Doch ein wenig Entspannung muss selbst für Trainer sein. Ansonsten würde Daria früher oder später durchdrehen.

„Er hat dich ganz sicher nicht blamiert! Seine Darbietung war einzigartig. Ich habe Yurio noch nie so laufen gesehen! Du hast wahrlich das Beste aus ihm herausgeholt“, schmeichelt ihr Viktor.

„Ach was. Wenn man erst einmal weiß, was er will und wie man ihn bändigen kann, dann ist er ein lernwilliger junger Mann.“

„Mit einem miesepetrigen Gesichtsausdruck und Stimmungsschwankungen, die schlimmer sind als die einer Schwangeren“, lacht Viktor auf.

„Gar nicht wahr!“, kontert Daria. Doch in ihrer Stimme schwingt kein ernstzunehmender, sondern ein amüsierter Unterton, wodurch noch nicht einmal sie selbst ihren Worten Glauben schenken kann. Das, was Viktor gesagt hat, trifft nämlich zu. An manchen Tagen ist Yuri schwerer zu bändigen als eine schwangere Frau. Er hat Stimmungsschwankungen, die noch nicht einmal Daria innerhalb einer ganzen Woche durchlebt.

Doch sie hat sich mittlerweile daran gewöhnt – ja sie kann sich noch nicht einmal mehr vorstellen, ohne diesen seltsamen jungen Mann zu leben. Er bereichert ihr Leben auf eine Art und Weise, wie sie es sich niemals vorstellen konnte. Sie fühlt sich wohl in seiner Nähe, was aber keineswegs daran liegt, dass sie in Yuri verliebt ist. Sie schätzt ihn lediglich als tollen Sportler und selbsternannten kleinen Bruder. Und angesichts ihrer schweren Familienverhältnisse, tut es wirklich gut, so etwas wie Familie um sich zu haben.

„Aber Hut ab“, reißt Viktor sie aus ihren Gedanken. „Diese Choreografie ist gewagt, einzigartig und wirklich erstklassig umgesetzt. Ich habe keine Ahnung, wie du das gemacht hast und wie Yuri sie so gut umsetzen kann, aber es würde mich nicht wundern, wenn sich in der kommenden Saison alle um dich als Choreografin reißen würden.“

„Meinst du?“

„Ja. Du machst selbst mir und meinen Choreografien Konkurrenz. Das soll was zu bedeuten haben!“

„Ach was!“, schüttelt Daria den Kopf und verstärkt den Griff um Viktors Arm. „Du hast ein paar Jährchen mehr Erfahrung als Trainer und Sportler. Ich habe noch viel zu lernen.“

„Und genau das macht mir Angst!“, erwidert Viktor. „Wenn du jetzt schon so gut bist, obwohl du Anfängerin bist, wie wird es dann sein, wenn du erst einmal alles Wichtige gelernt hast? Du hast eine strahlende Karriere vor dir und ich freue mich, dass du endlich etwas gefunden hast, das dir wirklich Freude bereitet und wo du so richtig aufblühen kannst.“

Daria betrachtet Viktor. Er strahlt förmlich. Seine Augen leuchten und auf seinen Lippen hat sich ein herzförmiges Lächeln gebildet. Er wirkt ausgelassen, entspannt und ehrlich. In seinen Worten schwingt nichts mit, was in Daria Zweifel aufkeimen lassen könnten. Er steht zu dem, was er gesagt hat, und das wiederum bedeutet ihr wirklich viel. Sie lächelt sanft.

„Ich werde von Viktor Nikiforov persönlich in den höchsten Tönen gelobt. Das schmeichelt mir zutiefst.“

„Sollte es auch! Wobei ich nur die Wahrheit sage.“

Er zwinkert ihr vielsagend zu, was sie ein wenig verlegen werden lässt. Es ist eine Sache, von Viktor gelobt zu werden. Aber es ist eine andere, ihm in die Augen zu schauen und in diesem Blau etwas zu sehen, was nur ihr gilt. Ein vertrautes Gefühl von Wärme und Nähe, die so nur zwischen guten Freunden existiert. Ein Gefühl, das mit der Zeit aufgebaut und immer fester wird. Keine Schere der Welt könnte dieses Band, das sie miteinander verbindet, durchtrennen. Sie, Viktor und Chris können sich alles erzählen, egal wie schön oder brutal ehrlich die Wahrheit auch sein mag. Ihre Freundschaft wird nicht darunter leiden, da sie auf genau dieser Ehrlichkeit basiert.

Sie blickt schnell nach vorne und lässt ihren Blick verträumt über die nächtlichen Straßen Moskaus schweifen. Ihre Zehen frieren ein wenig, obwohl sie sich zwei Paar Socken angezogen hat. Auch ist ihren Fingern trotz schwarzer Lederhandschuhe ein wenig kalt. Doch sie hat nicht das Gefühl zu frieren. Ihr ist irgendwie warm, was bestimmt auch daran liegt, dass sie mit Viktor zusammen spaziert und sich unter seinen Arm gehakt hat, wodurch sie ihm besonders nahe ist.

Genauso wie bei Yuri löst diese Nähe kein sexuelles Verlangen in ihr aus. Sie liebt Viktor nicht. Sie begehrt ihn nicht. Er ist neben Chris ihr bester Freund. Zudem ist er auch verlobt und die Liebe, die zwischen Yuri Katsuki und Viktor existiert, ist ehrlich und wunderschön. Sie würde es niemals wagen, sich dazwischen zu drängen oder sie gar zu zerstören. Solche Spaziergänge und die Nähe zu Viktor haben keinerlei sexuelle Bedeutung für sie – und sie weiß, dass sie Viktor genauso wenig bedeuten. Sie genießen einfach nur die Nähe des jeweils anderen und gehen womöglich etwas zärtlicher miteinander um, als normale Freunde es tun würden. Doch so sind sie nun mal. Das zeichnet sie als Personen aus. Und sie ist froh, dass es niemanden in ihrer Nähe zu stören scheint, weder Viktors Yuri, noch ihren eigenen.

Daria lacht leise auf.

„An was denkst du?“, fragt Viktor. Sie schenkt ihm ein amüsiertes Lächeln.

„Ich habe gerade an unsere Yuris gedacht.“

„Unsere Yuris?“

„Ja. Du hast einen Yuri und ich habe einen Yuri. Deinen japanischen Yuri und meinen russischen Yuri.“

„Hm“, macht Viktor. Er richtet den Blick in die Ferne, ohne etwas Spezifisches zu fixieren. Stattdessen denkt er nach, bevor er zu lächeln anfängt und nickt.

„Stimmt. Eigentlich habe ich jetzt keine zwei Yuris mehr. Yurio hat mich für dich verlassen!“

„Jetzt übertreib mal nicht! Du weißt genau, dass er dich nicht meinetwegen verlassen hat!“

„Stimmt. Eigentlich ist Otabek schuld“, schlussfolgert Viktor, was Daria leise seufzen lässt.

„Ja… Otabek. Ich habe so das Gefühl, dass diese Geschichte noch nicht ganz vorbei ist“, nuschelt sie in ihren nicht vorhandenen Bart.

Yuri hat bisher nicht mit ihr darüber reden wollen, was in Frankreich zwischen ihm und Otabek vorgefallen ist. Daria hat es natürlich gesehen. Sie hat die zwei genau beobachtet. Besonders viel ist nicht geschehen, außer dass Otabek seinen Daumen in die Höhe gestreckt und Yuri dadurch mental unterstützt hat. Doch Yuri hat diese Geste bisher nicht mit ihr gemeinsam analysieren wollen, sondern sich die letzten Tage ganz allein den Kopf darüber zerbrochen. Vermutlich macht er es noch immer. Doch irgendwann wird er sich an sie wenden und mit ihr darüber sprechen. So ist es immer gewesen.

Daria hat das nie gestört. Natürlich macht sie sich in der Zeit, in welcher Yuri alleine ist und über etwas nachdenkt, Sorgen um ihn. Doch er ist früher oder später immer auf sie zugekommen und hat mit ihr über alles geredet, was letztendlich auch dazu geführt hat, dass sie dieses starke Band als selbsternannte Geschwister entwickeln konnten. Sie ist sich sicher, dass es auch dieses Mal so sein wird. Yuri wird zu ihr kommen. Er wird mit ihr reden. Doch das wird erst dann der Fall sein, wenn er es möchte und sich dazu bereit fühlt, sich ihr zu öffnen.

Daria wird jäh aus ihren Gedanken gerissen, als sie merkt, dass jemand schnellen Schrittes auf sie zukommt. Sie hebt den Kopf und möchte der Person, die sich ein Handy ans Ohr hält, bereits ausweichen. Allerdings ist sie nicht schnell genug. Sie stößt mit ihr zusammen und lässt vor Schreck die Einkaufstaschen fallen. Womöglich kann sie von Glück reden, dass sie sich an Viktor klammern kann und daher nicht zu Boden fällt, was man von der anderen Person jedoch nicht behaupten kann. Sie rutscht auf dem verstreuten Kies gegen die Eisesglätte aus und fällt in hohem Bogen auf ihren Hintern.

„Oh du meine Güte“, platzt es aus Daria, die einen kurzen Blick auf Viktor und anschließend auf die am Boden liegende Person wirft. Erst nun erkennt sie, dass es sich dabei um einen älteren Herrn handelt. Er liegt stöhnend am Boden. Jedoch scheint er sich nicht verletzt zu haben. Denn er hat den Fall mit seinen Händen abgefangen und ist somit lediglich unsanft auf dem Boden aufgekommen.

„Geht es Ihnen gut?“, will Viktor sogleich wissen und hockt sich neben den älteren Herrn. Daria hingegen hebt ihre Einkaufstüten sowie das Handy des älteren Mannes auf. Ihr ist ein wenig schwummrig. Der Herr, mit dem sie zusammengestoßen ist, hatte einen schnellen Gang und ist vollkommen ungebremst in sie gelaufen. Den aufkommenden Schwindel versucht sie sich aber nicht anmerken zu lassen.

„Es tut mir leid. Ich war in Gedanken versunken und habe Sie gar nicht gesehen. Ist Ihnen etwas passiert?“, fragt Daria und hockt sich neben Viktor zum älteren Mann. Er reibt sich stöhnend die Hüfte. Dabei hält er seine Augen geschlossen und beachtet sie nicht weiter.

„Ja… In Gedanken versunken ist gut“, hört sie ihn erbost nuscheln. Daria erwidert nichts auf seine spitze Reaktion, sondern hilft dem Mann auf die Beine. Es mag zwar stimmen, dass sie in Gedanken versunken gewesen ist, doch er hat genauso wenig Anstalten gemacht, ihr aus dem Weg zu gehen. Stattdessen ist er ungebremst in sie gelaufen.

Daria spürt einige fragende und unsichere Blicke auf sich liegen. Auch Viktor und der ältere Mann werden von den vorbeigehenden Passanten skeptisch beäugt. Doch als der ältere Herr wieder auf seinen Füßen steht und sich den Dreck von der Hose klopft, gehen die meisten unbeeindruckt weiter und schenken ihnen keine Aufmerksamkeit mehr.

„Geht es Ihnen gut?“, wiederholt Viktor seine Frage, während Daria dem Mann das Handy in die Hand drückt. Erneut nuschelt er etwas vor sich hin, was sich in ihren Ohren so viel wie ‚Ja‘ und ‚Geht schon‘ anhört. Dabei beachtet er sie nicht. Es ist, als würde er bewusst jeglichen Blickkontakt meiden, was Daria leise seufzen lässt.

„Es tut mir aufrichtig leid“ entschuldigt sie sich abermals. Sie hätte darauf achten sollen, wohin sie geht. Doch dieser Mann hätte ihr genauso gut ausweichen können, denn die Fußgängerzone in der Innenstadt ist weiß Gott nicht wie schmal. Zumal sind nicht wirklich viele Menschen unterwegs, da es recht kalt ist. Wenn der Herr nach vorne geschaut hätte, statt sich seinem Telefongespräch zu widmen, wäre es leicht gewesen, ihr und Viktor auszuweichen. So aber stehen sie noch immer am Ort des Geschehens und versuchen das Missgeschick, das ihnen unterlaufen ist, aus der Welt zu schaffen.

Erst nachdem sich der Herr den Dreck von der Hose und seiner etwas in die Jahre gekommenen Daunenjacke geklopft hat, hebt er seinen Kopf. Sein müder Blick trifft ihren. Die buschigen Augenbrauen sind im ersten Augenblick argwöhnisch zusammengezogen und deuten Daria an, dass er nicht sonderlich erfreut ist. Hoffentlich wird er sie nicht auf offener Straße beschimpfen oder gar anschreien. Solch ein Theater braucht sie vor dem freien Programm morgen nun wirklich nicht.

Doch ehe der ältere Mann etwas sagen, seine Stimme erheben und sie zur Schnecke machen kann, ändert sich sein verärgerter Blick. Die Brauen wandern an ihre gewöhnliche Stelle zurück und seine hellen blauen Augen werden von Sekunde zu Sekunde größer. Die schmalen Lippen öffnen sich einen Spalt breit und seine zuvor gestrafften Schultern, die Angriff symbolisiert haben, entspannend sich zunehmend. Er wirkt überrascht, was Daria dazu bringt, ihre Stirn in Falten zu legen.

„Geht es Ihnen denn wirklich gut?“, erkundigt sie sich unsicher. Sie ist bereits versucht, dem Mann eine Hand an die Schulter zu legen. Aber sie überlegt es sich schnell anders und bleibt ruhig neben Viktor stehen. Der ältere Mann betrachtet sie forschend. Es wirkt nicht so, als würde er sich ihre Gesichter einprägen, um sie bei der Polizei anzuzeigen. Viel eher macht er auf sie den Eindruck, als würde er sich an etwas erinnern und in ihren Augen nach einer längst vergessenen Person suchen.

„Daria?“, hört sie ihn nach einer gefühlten Ewigkeit leise fragen.

Im ersten Augenblick glaubt Daria, sich verhört zu haben. Warum sollte sie dieser Mann beim Namen nennen? Woher sollte er ihn überhaupt kennen? Sie hat ihn noch nie zuvor gesehen und Viktor hat sie auch nicht beim Namen genannt, als sie beinahe auf den Boden gefallen wäre. Dennoch kennt dieser Mann ihren Namen, was sie schwer schlucken lässt.

„Daria“, wiederholt er unglaubwürdig. Er betrachtet sie noch immer mit vor Schreck geweiteten Augen. Nun hebt er allerdings auch noch seine Hand und streckt diese nach ihr aus, als würde er sicherstellen wollen, dass sie ein Mensch ist und kein Geist aus der Vergangenheit.

Kurz bevor er sie berührt, weicht Daria einen Schritt nach hinten aus und drückt sich an Viktor, der seinen Arm beschützend um sie legt. Sie möchte den Mann bereits fragen, ob er den Verstand verloren hat und woher er ihren Namen kennt, als ihr unversehens einfällt, wer vor ihr steht.

„Vater“, bringt sie ungläubig über ihre Lippen, ehe sie einen weiteren Schritt nach hinten geht. Sie weitet ihre Augen und öffnet die Lippen einen Spalt breit, während sie in die müde wirkenden Augen ihres Vaters schaut, der seine Hand noch immer nach ihr ausgestreckt hält, als würde er sie berühren wollen.

Daria schluckt schwer. Sie hat den älteren Mann, ihren eigenen Vater, beinahe nicht mehr erkannt. Von seinem einstigen vollen Haar ist nicht mehr viel übriggeblieben. Seine Frisur ähnelt jener von Yakov. Er ist teilweise kahlköpfig. Nur an seinen Schläfen und am Hinterkopf besitzt er vereinzelt dunkle und graue Haarbüschel. Seine Augen wirken trotz des überraschten Ausdrucks auf seinem Gesicht müde und eingefallen. Seine Haut ist von der Sonne und schwerer, körperlicher Arbeit gezeichnet. Tiefe Falten haben sich um die Mundwinkel gebildet. Erste Altersflecken sind bereits zu sehen. Seine Nase ist unwahrscheinlich groß und wirkt bei näherer Betrachtung schief. Hat er sie sich einmal gebrochen? Seine Hand zittert ein wenig, während er sie nach ihr ausgestreckt hält.

Diese alte Gestalt, gezeichnet von Wind und Wetter, ist tatsächlich ihr Vater. Jener Mann, der seine Familie verlassen hat, als sie gerade einmal fünfzehn Jahre alt gewesen ist und ihre Schwester elf. Jener Mann, der sie und ihr Talent fürs Eislaufen als Ausrede für sein Versagen genutzt hat. Jener Mann, der vermutlich noch nicht einmal weiß, dass seine einstige Lebensgefährtin bereits vor Jahren verstorben ist.

„Bist du es tatsächlich?“

Die Stimme des Mannes hört sich fremd und dann wiederum sehr vertraut an. Es ist das Russisch, das er spricht, das ihr einen Stich im Herzen versetzt. Bevor er gegangen ist und sie ihre jetzigen Freunde kennengelernt hat, ist er der einzige Mensch auf der Welt gewesen, der mit ihr Russisch gesprochen hat. Ihn nun fragen zu hören, ob sie es tatsächlich ist, stellt sämtliche Härchen an ihrem Körper auf. Ihr Magen zieht sich zusammen. Ihre Kehle wird trocken.

Lauf weg, fleht eine Stimme in ihrem Inneren. Zunächst ist diese sehr leise, sodass Daria sie nicht wirklich wahrnimmt. Doch sie wird nach und nach immer lauter. Wie eine Sirene, nimmt sie binnen weniger Augenblicke dermaßen an Volumen zu, dass ihr Kopf zu dröhnen anfängt. Erinnerungen längst vergessener Zeit prasseln auf sie ein. Sie sieht die alte Wohnung in Österreich. Sie hört ihre Familie lachen. Sie erinnert sich an den fremden Geruch in der Schweiz. Ihre Eltern streiten. Sie erblickt die Eishalle in Lausanne. Ihre Schwester nörgelt.

Binnen weniger Augenblicke erinnert sie sich an alles, was damals geschehen ist. An die guten Zeiten, die sie als Familie miteinander verbracht haben, aber auch an schlechten, die nach und nach die Überhand gewonnen haben. Die Streitigkeiten zwischen ihren Eltern haben zugenommen. Die verbalen Schlagabtäusche sind intensiver geworden. Die Wunden tiefer.

Ehe Daria sich versieht, befindet sie sich am Abgrund dieses vertrauten, dunklen Lochs, in welches sie sowohl nach dem Verschwinden ihres Vaters gesessen ist, als auch nach Matthias‘ Tod. Die Dunkelheit greift nach ihr. Sie packt sie an den Armen. Lieb säuselt sie ihr vertraute Worte ins Ohr, die ihr eine Gänsehaut bereiten. Mit sanfter Bestimmtheit zieht sie sie in die Finsternis, von der Daria nicht gedacht hat, dass sie noch existiert.

So schnell sie nur kann, packt Daria Viktor an der Hand und zieht ihn nach hinten. Zunächst sind es nur vereinzelte Schritte. Dann aber fängt sie zu laufen an. Sie muss von hier verschwinden. Sie muss weg. Weit weg. Sehr weit weg. Weiter weg, als sie es sich vermutlich vorstellen kann.

Die Stimme ihres Vaters, der nach ihr ruft, klingt in ihren Ohren. Sie hört sich schief und falsch an, was lediglich am verzweifelten Unterton liegt, den Daria vernehmen kann.

Wie kann dieser Mann es wagen, sie beim Namen zu nennen? Wie kann er sie darum bitten, stehen zu bleiben? Wie kann er sie auffordern, nicht wegzulaufen? Wie kann er all das von ihr verlangen, wenn er doch vor so vielen Jahren genau dasselbe getan und ihr noch nicht einmal die Chance gegeben hat, ihn darum anzuflehen, bei ihr, ihrer Schwester und ihrer Mutter zu bleiben?

Eines Nachts ist er einfach verschwunden, ohne sie darüber zu informieren. Ohne ihnen einen Zettel zu hinterlassen. Ohne sich um sie Gedanken zu machen. Selbst das Ersparte aus der Keksdose, das er und Mutter für Notfälle gesammelt haben, hat er mitgenommen! Und nun steht er hier in Moskau und ruft ihr nach, dass sie nicht weglaufen soll? Was bildet sich dieser Kerl ein, wer er ist?! Wie kann er so etwas von ihr verlangen?!

Niemals, schießt es ihr durch den Kopf. Niemals wieder wird sie auf ihn hören! Er hat sie verlassen und nun ist sie an der Reihe, ihn zu verlassen.

Daria weiß nicht, wie weit und wie lange sie mit Viktor an der Hand gelaufen ist. Sie weiß noch nicht einmal, wann genau sie zu weinen begonnen hat. Irgendwann hat sie etwas Feuchtes an ihrer Wange gespürt, doch sie ist immer weitergelaufen, bis Viktor sie in eine Seitenstraße gezogen und zum Stehenbleiben gezwungen hat.

Er schaut ihr tief in die Augen und fragt immer wieder, was das soll, wer dieser Mann ist und warum sie vor ihm davonläuft. Doch Daria findet nicht die richtigen Worte, um ihm zu erklären, was gerade eben geschehen ist. Sie weiß es selbst nicht. In einem Moment lacht sie über die Tatsache, dass sie jeweils einen Yuri haben, doch schon im nächsten steht sie ihrem feigen Vater gegenüber? Wie soll sie das verstehen?! Wie soll sie jemandem erklären, was mit ihr los ist, wenn sie es doch selbst nicht weiß? Es ist, als hätten die Hände aus dem Abgrund gesiegt und sie in die Finsternis gezogen. Sie fällt und fällt, ohne so recht zu wissen, wann oder ob sie jemals aufkommen wird.

Tränen rinnen über ihre Wangen, bleiben an ihrem Kinn hängen und tropfen zu Boden. Daria senkt ihren Kopf und zieht die Schultern ein wenig an, als würde sie versuchen, sich klein zu machen. Doch sie weiß, dass ihr das mit ihren 1 Meter 72 nicht gelingen wird. Trotzdem wünscht sie sich in diesem Augenblick nichts weiter, als zu verschwinden.

„Hey“, hört sie eine bekannte Stimme, die erst nach einer gefühlten Ewigkeit zu ihr hindurchdringt. Sie fällt noch immer in die Finsternis, in der sie rein gar nichts erkennen kann. Doch auf einmal fällt sie nicht mehr alleine. Sie spürt zwei Arme um ihren Körper, die sie fest an sich drücken und ihr beruhigend über den Rücken streichen. Wie von selbst lässt sie ihre Einkäufe fallen und klammert sich an Viktor, als hätte sie Angst, dass ihn ihr jemand just in diesem Augenblick wegnehmen könnte.

„Es ist alles in Ordnung. Hörst du? Es ist nichts weiter passiert. Alles ist in Ordnung“, flüstert er ihr leise ins Ohr und streicht ihr in regelmäßigen Bewegungen über den Rücken.

Es dauert eine Zeit lang, bis Daria das Gefühl hat, wieder zu sich selbst zu finden und nicht mehr in diesen Abgrund zu fallen. Sie sieht nach und nach die gelben Lichter der Straßenbeleuchtung und hört das Gemurmel von Passanten. Sie kann diese zwar nicht sehen, doch sie spürt ihre Blicke auf sich und Viktor liegen, was ihr Herz noch schneller schlagen lässt, als es ohnehin der Fall ist.  

„Man wird dich erkennen“, bringt sie leise über ihre Lippen, ohne sich von Viktor zu lösen.

„Das ist mir egal. Ich werde dich nicht loslassen.“

„Viktor“, haucht sie und beißt sich auf die Unterlippe. Sie möchte ihm bereits auffordern, es einfach zu tun. Er soll sie loslassen. Er soll sie nicht an sich drücken. Sie kann auf eigenen Beinen stehen. Doch sie bringt es nicht übers Herz, ihn von sich zu drücken. Es liegt nicht nur an Viktor selbst, sondern auch an ihr. Denn sie vertraut ihren eigenen Beinen nicht mehr. Ihre Knie sind weich und sie zittert am gesamten Leib. Würde er sie loslassen, würde sie vermutlich auf den Boden fallen.

„Es ist alles in Ordnung. Ich bin ja bei dir“, flüstert er ihr ins Ohr. Er hält sie an sich gedrückt und macht keine Anstalten, sie loszulassen. Er lässt sie im Wissen, dass er solange hierbleiben und sie halten wird, bis es ihr besser geht. Was alle anderen  davon halten, scheint ihm egal zu sein.

Manchmal fragt sie sich, wie Viktor ein scheinbar so unbeschwertes Leben führen kann. Er weiß instinktiv, was zu tun ist, auch wenn sie sich gemeinsam noch nie in solch einer Situation befunden haben. Trotzdem macht er genau das Richtige, indem er sie solange festhält, bis sie keine Tränen mehr hat, ihr Körper zu zittern aufhört und ihre Knie an Stabilität gewinnen. Ihr Griff um seinen Körper wird lockerer. Das Luftholen fällt ihr leichter.

„Das war… mein Vater“, bringt sie leise über ihre Lippen. Sie löst sich nicht von Viktor, sondern hält ihn nach wie vor an sich gedrückt.

„Das habe ich mir gedacht“, erwidert er leise.

Er schweigt eine Weile und atmet ruhig ein und aus. Erst nach einiger Zeit merkt Daria, wie er seinen Griff um sie löst und sie eine Armlänge von sich drückt, um ihr ins verheulte Gesicht zu schauen.

„Lass uns zurück zum Hotel gehen. Dort ist es warm. Und dann erzählst du mir alles, einverstanden?“, fragt er leise. Auf seinen Lippen liegt ein kaum sichtbares, aber dennoch teils aufmunterndes Lächeln, das Daria wohl Mut machen soll. Sie weiß nicht, ob es ihm tatsächlich gelingt oder nicht, doch letzten Endes nickt sie. Sie lässt zu, dass er ihre Hand in seine nimmt und sie zunächst langsam, dann aber in einem schnelleren Schritttempo durch die abendlichen Straßen Moskaus führt. Sie hält ihren Blick gesenkt, während Viktor sie geschickt von einer Straßenseite zur nächsten manövriert.

Daria weiß nicht, ob sie ihm im Hotel alles erzählen kann. Sie hat noch immer das Gefühl, vollkommen neben sich zu stehen. Allein der Gedanke an ihren Vater und seine Worte treibt ihr abermals Tränen in die Augen. Doch sie unterdrückt diese. Stattdessen versucht sie sich auf Viktor, seine Hand und das Gehen zu konzentrieren. Noch einmal möchte sie nämlich nicht in jemanden laufen, schon gar nicht ihren Vater, der selbst nach fast fünfzehn Jahren, in denen er verschwunden ist, solch eine Macht über sie hat, die Daria die Luft zum Atmen nimmt. Sie hat gedacht, dass sie frei wäre. Dass nichts und niemand sie mehr in ihren Grundfesten erschüttern könnte, da sie sehr viel erlebt und durchgemacht hat. Doch es gibt scheinbar immer ein erstes Mal, nur dass sie auf dieses getrost hätte verzichten können.
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