Wintersonnenwende

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
OC (Own Character) Yuri Plisetsky
09.02.2020
25.10.2020
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13.09.2020 3.273
 
Kapitel 32

Megasport Sport Palace, Moskau, Russland

Freitag, 15.November 2019

Yuri lässt das Smartphone in seinen Händen sinken. Dabei schließt er die Augen. Seine Schultern hängen. Ein enttäuschtes Seufzen entringt sich seiner trockenen Kehle.

Er ist der einzige, der in der nach käsigem Schweiß und künstlichem Frischedeo stinkenden Männerumkleide sitzt. Denn alle anderen Sportler, die sich hier ebenfalls umgezogen haben, befinden sich vermutlich schon im Trainingsraum und wärmen sich für das bevorstehende Kurzprogramm auf. Yuri sollte unter ihnen sein und sich ebenfalls körperlich und mental auf seinen zweieinhalb minütigen Lauf vorbereiten. Er wird es bereuen, sich unaufgewärmt auf das Eis zu begeben. Denn das Risiko, sich zu verletzen, steigt immens.

Doch das ist ihm im Moment genauso egal wie das Eislaufen selbst. Was für einen Sinn hat es, sich auf das Eis zu begeben, wenn der wohl wichtigste Mensch in seinem Leben, der ihn in dieser Hinsicht von klein auf unterstützt hat, nicht da sein wird, um ihn zu sehen?

Yuri hat sich gestern vor dem Schlafengehen noch ausgemalt, wie es sein wird, für seinen Großvater zu laufen und ihn später in die Arme zu schließen. Er hat sich gefragt, was sein alter Herr sagen wird, wenn er Darias wildes Kurzprogramm sieht. Ob er beeindruckt sein wird? Oder doch eher erschüttert über die schiere Wut, die Yuri versucht dem Publikum zu vermitteln? Er hat gestern sogar ein wenig mit der Angst zu kämpfen gehabt, dass seinem Großvater das Kurzprogramm nicht gefallen könnte. Daher hat er sogar noch mit Daria darüber gesprochen, ob sie es ändern sollen.

Als er in der Früh wach geworden ist, hat er genau gewusst, was zu tun ist. Er hat eine Entscheidung getroffen, zu welcher er noch immer steht. Selbst in diesem Augenblick hat er nicht vor, Darias einzigartige Choreografie zu verändern, weil sie in seinen Augen einfach nur perfekt ist und genau das darstellt, was Yuri ist: ein wilder Rebell.

Doch auch, wenn er sich sicher ist, dass er seine Choreografie unter gar keinen Umständen ändern möchte, will er sie nicht laufen. Denn es hat keinen Sinn mehr, sich auf das Eis zu begeben, wenn der einzige Grund, warum er heute voller Elan aufgestanden ist und sich mit Daria in den frühen Morgenstunden durch das Training gequält hat, nicht anwesend sein wird.

Er nimmt es seinem Großvater nicht übel, dass der Termin beim Arzt länger dauert. Yuri ist sogar froh, dass sein alter Herr so klug ist, überhaupt zum Arzt zu gehen und sich untersuchen zu lassen! Vor einigen Jahren noch hat er das nicht getan und sich stattdessen ständig über seine Rückenschmerzen beklagt. Mittlerweile geht es ihm besser, doch gelegentlich muss er Arzttermine wahrnehmen, um seine Medikation anzupassen und fit zu bleiben. Denn sein Großvater soll von den Medikamenten, die er einnehmen muss, nicht noch kränker werden, als er es ohnehin schon ist.

Dennoch ist es enttäuschend, dass er heute nicht kommen und Yuri unterstützen kann. Es ist nämlich schon eine gefühlte Ewigkeit her, seitdem sein Großvater ihn das letzte Mal mit eigenen Augen auf dem Eis laufen und an einem Grand Prix teilnehmen gesehen hat. Daher hat Yuri beschlossen, ihn dieses Wochenende mit seiner Leistung und neu gewonnenen Motivation zu beeindrucken. Er wollte ihm zeigen, was Daria, Yakov und Lilia aus ihm herausgeholt haben. Er wollte ihm präsentieren, was alles in ihm steckt und dass sein Großvater recht hatte, als er gesagt hat, dass in ihm ein toller Läufer steckt.

Nun aber sitzt sein Großvater beim Arzt und weiß noch nicht einmal, wann er an die Reihe kommen wird, weil sich alles verschoben hat und es in der Praxis drunter und drüber zu gehen scheint.

Yuri presst seine Lippen fest aufeinander und ballt seine Hände zu Fäusten.

„Verflucht“, knurrt er und schlägt mit seiner flachen Hand auf die Bank, auf welcher er sitzt. Ist es wirklich zu viel verlangt, sich seinen Großvater herbei zu wünschen, um ihm etwas zu zeigen, auf das Yuri stolz ist? Wem soll er es sonst zeigen, wenn nicht ihm? Daria und Yakov? Sie kennen seine Choreografie bereits. Seiner Mutter? Die Frau ist doch irgendwo und dann wieder nirgendwo. Sie interessiert sich noch nicht einmal wirklich für ihn. Und sonstige Verwandte? Die hat er nicht – jedenfalls steht er ihnen nicht besonders nahe.

Das ist nicht verwunderlich. Schließlich hat er schon von klein auf viel trainiert und ist in sehr jungen Jahren zu Yakov und Viktor nach St. Petersburg gekommen. Er hat zu seinen Verwandten nie Kontakt gehalten und würde diese noch nicht einmal auf der Straße wiedererkennen, wenn sie einander über den Weg laufen. So ist das nun mal, wenn man die Verwandtschaft nie sieht und sich auch nicht für sie interessiert.

Denn genauso wenig Interesse, wie Yuri ihnen entgegengebracht hat, haben sie Interesse an ihm und seiner Leidenschaft gezeigt. Nie ist auch nur einer von ihnen auf die Idee gekommen, sich bei ihm zu melden und ihn zu fragen, wie es ihm geht und ob sie ihn besuchen können. Nie hat sich jemand nach seiner sportlichen Leistung erkundigt oder ihn um Karten für eine Veranstaltung gebeten. Niemand hat ihn jemals angerufen, selbst nicht an seinem Geburtstag, was ihn allerdings nie sonderlich gestört hat.

Er hat nämlich eine bessere, liebevollere Familie gefunden und diese sieht er fast täglich. Er hat seine selbsternannte große Schwester, Daria, die neben seinem Großvater sein Ein und Alles geworden ist. Noch nie hat sich ein Mensch dermaßen aufopferungsvoll und fürsorglich um ihn und sein Wohlergehen gekümmert wie Daria. Sie ist immer für ihn da, unterstützt ihn und behandelt ihn mit Respekt.

Das kann man von Yakov zwar nicht immer behaupten, doch auch ihn hat Yuri ins Herz geschlossen. Yakov kommt nämlich dem, was im üblichen Sinne ein Vater ist, sehr nahe. Er gibt auf ihn Acht, rügt ihn, wenn er Mist baut, und setzt ihm Grenzen. Zugleich kümmert er sich auch um ihn, selbst wenn sie einander manchmal an die Gurgel springen und dann tagelang nicht miteinander reden. Doch das zeichnet ihre Beziehung aus.

Mila ist wie eine lästige Cousine, die immerzu etwas von ihm möchte oder ihn aufzieht und ärgert. Irgendwie freut er sich, wenn er sie sehen kann, denn – ob man es glaubt oder nicht – so lernt er noch immer viel in Sachen Haltung von ihr. Allerdings würde er ihr das nie sagen, denn sie würde sich etwas darauf einbilden und dann noch sehr viel öfter bei ihnen in die Wohnung reinschneien. Sie behauptet, sie würde Daria besuchen, doch insgeheim wirft sie sicherlich einen Blick auf ihn und berichtet Yakov davon.

Lilia ist genauso. Sie ist wie die lästige Tante innerhalb der Familie, die niemand dabeihaben will, aber alle irgendwie einladen müssen, weil es sich so gehört. Sie lebt in ihrer eigenen Welt mit ihren eigenen Moralvorstellungen und kann sich auf nichts und wieder nichts einlassen. Dafür ist sie aber ehrlich und geht den Tätigkeiten, die sie liebt und zu denen sie sich berufen fühlt, mit viel Gewissenhaftigkeit nach. Obwohl das Training mit ihr anstrengend ist, ist Yuri ihr genauso dankbar für ihre Hilfe, wie es bei Daria und Yakov der Fall ist.

Es gibt auch noch einige andere wichtige Personen in seinem Leben, wie zum Beispiel Viktor und Katsudon. Ja. Sie sind ihm irgendwie ans Herz gewachsen, auch wenn sie unglaublich lästig sind und sich jedes Mal künstlich in Szene setzen. Aber er mag sie – so irgendwie zumindest.

Auch Georgi und einige andere Läufer sind ihm wichtig. Sie unterhalten sich nicht täglich, aber sie gehören zu dieser kleinen Gruppe an Leuten, die er in St. Petersburg gefunden hat und als Familie bezeichnet.

Und dann gibt es letztendlich noch seinen Großvater, der ihn überhaupt zum Eislaufen gebracht hat. Und nun, da Yuri ihm endlich zeigen kann, was für ein toller Sportler er geworden ist, sitzt dieser in einer Arztpraxis und weiß nicht, wann er überhaupt an die Reihe kommen wird. Das Kurprogramm wird er auf jeden Fall verpassen.

„Yuri, bist du noch drinnen? Kann ich reinkommen?“, hört er eine weibliche Stimme. Sie gehört Daria, die ihren Kopf durch den Spalt zwischen Tür und Türstock steckt. Sie stellt zunächst sicher, dass sich niemand außer ihm im Raum befindet, ehe sie nahezu geräuschlos eintritt.

„Was ist los? Die anderen sind alle schon beim Aufwärmen. Fühlst du dich nicht wohl?“, fragt sie leise und geht auf ihn zu. Sie setzt sich neben ihn auf die Bank und legt ihm fürsorglich eine Hand auf die Schulter. Am liebsten würde er diese wegschlagen. Doch er besinnt sich eines Besseren und atmet einfach nur tief durch. Daria hat nichts damit zu tun, dass sein Großvater heute nicht kommen kann. Er darf nicht wütend auf sie sein, obwohl er im Moment auf alles und jeden wütend ist.

„Yuri“, wiederholt sie und streicht ihm dabei sanft über den Rücken. Er spürt ihren Blick auf sich liegen. Vermutlich spiegelt sich darin Besorgnis wider. Ihre Stimme verrät sie nämlich.

„Großvater hat angerufen“, fängt er zu reden an.

„Ja? Was hat er denn gesagt?“

„Dass er nicht kommt“, antwortet er ihr. Der Griff um sein Handy wird lockerer. Das Smartphone fällt ihm sogar aus der Hand und bleibt auf dem Boden liegen. Es leuchtet kurz auf. Auf dem Display sind sein Großvater und er zu erkennen.

„Yuri“, hört er sie leise murmeln. Er rechnet bereits damit, dass sie ihn in eine Umarmung ziehen wird, denn das macht sie für gewöhnlich, wenn sie ihn trösten möchte. Meistens hat er auch nichts dagegen, sondern lässt es über sich ergehen und fühlt sich dann auch besser. Nur heute will er nicht umarmt werden.

Doch es ist, als würde Daria genau das wissen. Sie schlingt ihre Arme nicht um ihn. Sie bückt sich und hebt lediglich sein Handy auf.

„Das ist scheiße“, flüstert sie, was Yuri ein Schnauben entlockt.

„Ja. Das ist es“, stimmt er ihr zu und schaut sie an. Er hat sich geirrt, als er angenommen hat, dass sich in ihren Blick Besorgnis widerspiegeln wird. Diese kann er im Augenblick nicht erkennen. Viel eher würde er das, was er sieht, als Entschlossenheit bezeichnen. Nur warum? Warum wirkt sie entschlossen und nicht besorgt? Macht sie sich keine Gedanken um ihn?

„Du bist wütend“, stellt sie ruhig fest. Er presst die Lippen fest aufeinander und wendet sich von ihr ab.

„Natürlich bin ich das“, presst er gequält hervor. Dabei versucht er sich zu beherrschen, denn er will nicht schreien. Nicht jetzt und nicht hier.

„Das ist gut.“

„Was?“, fragt Yuri, der nicht glauben kann, was er gerade hört. „Gut?“

„Ja. Das ist gut. Denn diese Wut kannst du nutzen. Beim Laufen dann. Auf dem Eis.“

Yuri schnaubt. Er schüttelt den Kopf und blickt ungläubig grinsend gen Decke.

„Glaubst du eigentlich, dass du immer alles aufs Laufen übertragen musst? Geht es dir wirklich nur darum?“, brummt er verärgert.

„Du weißt genau, dass es mir nicht nur ums Laufen geht und dass ich, wenn wir in einer anderen Lage wären, etwas anderes sagen würde“, fängt Daria zu reden an. „Aber wir sind nicht Zuhause. Wir sind auch nicht einfach so zu Besuch in Moskau, sondern weil in weniger als einer Stunde der Grand Prix mit dem Kurzprogramm der Männer starten wird. Wir sind hier, weil wir arbeiten müssen und zu deiner Arbeit zählt nun mal, dass du auf dem Eis Gefühle und Emotionen präsentieren musst. Ich weiß, dass du das kannst. Aber noch besser gelingt es dir, wenn du es auch tatsächlich fühlst.“

Yuri schnaubt.

„Yuri, hör mir genau zu“, sagt Daria. Sie drückt ihm sein Handy forsch in die Hand. „Es ist scheiße, dass er nicht kommen kann. Ich weiß, wie viel dir das bedeutet. Mir bedeutet es genauso viel. Aber wir können nichts daran ändern, okay? Wir müssen das Beste aus dieser Situation machen und das Beste wird sein, wenn du da raus gehst, deine Wut mitnimmst und allen zeigst, was es bedeutet, einen Lauf wie deinen hinzulegen. Diese Wut wird dir helfen, das zu fühlen, was du fühlen musst, um zu gewinnen. Sie wird dir helfen, dich zu übertreffen und alle anderen, die hier teilnehmen, in den Schatten zu stellen. Denn im Gegensatz zu den anderen fühlst du das, was du auf dem Eis darstellst, wirklich. Und das wird jeder genau sehen. Sowohl das Publikum, als auch die Preisrichter.“

„Aber nicht Großvater“, entgegnet Yuri, der Daria fest in die Augen schaut. In ihren Blick liegt noch immer etwas Entschlossenes.

„Da hast du recht. Er wird es nicht sehen und ich bin mir sicher, dass er im Augenblick genauso traurig darüber ist wie du. Aber er wird stolz auf dich sein, wenn du dein Bestes gibst und nach diesem Durchgang auf Platz eins stehen wirst. Genauso wie er enttäuscht sein wird, wenn du seinetwegen gar nicht erst antrittst. Und? Willst du das? Willst du ihn enttäuschen?“

In Darias Stimme schwingt ein fordernder Unterton mit. Sie schaut ihm streng in die Augen. Etwas in Yuri sagt ihm, dass er ihr nicht widersprechen darf. Er kann es auch nicht. Denn was soll er darauf erwidern? Dass er seinen Großvater enttäuschen will? Natürlich will er das nicht! Er möchte sein Bestes geben und ihm zeigen, dass er stolz auf ihn sein kann. Denn Yuri ist wirklich gut geworden.

„Ich wünschte nur, dass er mich sehen könnte“, kommt es leise über seine Lippen. Er senkt seinen Blick und atmet tief durch. Eine Weile lang ist es ruhig. Es ist nichts weiter zu hören als die Musik aus der großen Eishalle, in welcher gerade die Junioren laufen.

„Er wird dich sehen. Dafür werde ich sorgen. Ich verspreche es dir, hörst du? Er wird dich sehen“, kommt es nach einiger Zeit über Darias Lippen. Abermals entringt sich ein Seufzen seiner Kehle.

„Ach ja? Und wie willst du das machen?“, fragt er sie. Er weiß nicht, was für eine Antwort er sich erhofft. Er weiß noch nicht einmal, warum er sie das fragt. Will er einfach nur hören, dass es Wege gibt, wie sein Großvater ihn sehen kann? Will er aus dieser Antwort etwa Hoffnung schöpfen können?

„Vertrau mir einfach, in Ordnung? Ich werde dafür sorgen, dass er dich sieht. Dieses Versprechen gebe ich dir“, erwidert Daria. Sie blickt ihm entschlossen in die Augen. Es wirkt, als würde sie tatsächlich einen Weg kennen, um seinen Großvater hierher zu holen, sodass er ihn sehen kann. Aber er weiß, dass sie das nicht kann. Daria ermöglicht ihm vieles, doch selbst sie kann nicht zaubern. Sie ist schließlich auch nur ein Mensch. Ein sehr besonderer Mensch.

„Du kannst nicht zaubern, Daria“, seufzt Yuri. „Noch nicht einmal du wirst es schaffen, dass er jetzt kommt und mir zusieht. Er sitzt irgendwo beim Arzt. Bis du in ein Auto steigst, zu ihm fährst und ihn holst, wird alles vorbei sein.“

„Aber ich würde es tun. Für dich!“

„Ich weiß“, sagt Yuri. Er atmet tief durch, bevor er seine Arme ausbreitet und Daria fest an sich drückt. „Und dafür bin ich dir auch dankbar.“

Er macht eine kurze Pause, während er Daria an sich gedrückt hält. Er ist noch immer wütend und verletzt. Er wünscht sich, dass sein Großvater ihm zusehen könnte, schließlich hat ihn niemand so unterstützt wie er. Er will, dass sein Großvater stolz auf ihn ist. Doch Yuri kann anscheinend nicht alles im Leben haben und auch, wenn es wirklich schwer ist, das einzusehen, so muss er damit zu leben lernen.

Er sollte sich wohl glücklich schätzen, dass er überhaupt Menschen um sich hat, auf die er zählen kann.

„Ich will nicht, dass du gehst und auch noch fehlst. Also bleib da, ja?“, murmelt er leise in ihr Ohr, bevor er sie loslässt. Er schaut ihr in die Augen und kann darin Verwunderung erkennen.

„Bleib hier. Ich brauche dich. Du bist meine Trainerin und solltest mich in den Trainingsraum zerren und nicht durch Moskau fahren, um meinen Großvater zu holen“, wiederholt er und richtet sich langsam auf. Wenn Daria ebenfalls fehlen würde, würde er vor lauter Wut nur noch Rot sehen und Gefahr laufen, sein Kurzprogramm in den Sand zu setzen. Er würde einen Fehler nach dem anderen machen und letzten Endes sogar auf Yakov böse sein, obwohl dieser ihm nichts getan hat. Daher soll Daria bei ihm bleiben und ihm, bevor er mit seinem Lauf beginnt, motivierende letzte Worte auf den Weg mitgeben. Ihr gelingt es nämlich immer, das Richtige zu sagen, ganz im Gegensatz zu Yakov.

„Eigentlich sollte ich dich aufmuntern und nicht du mich“, kommt es leise von Daria, die sich nun ebenfalls aufrichtet. Sie schaut ihm tief in die Augen.

Yuri zuckt mit den Schultern.

„Wir sind füreinander da, oder nicht? Schließlich sitzen wir alle im selben Boot.“ Er steckt sein Handy in die Sportjacke, schnappt sich eine Wasserflasche und geht auf die Tür zu. Wirklich besser fühlt er sich nicht. Aber er weiß, dass er Darias Worte in die Tat umsetzen kann. Er wird die Wut, die er tief in sich verspürt, in seinen Lauf packen und sie dadurch sinnvoll nutzen. Etwas anderes bleibt ihm gar nicht übrig.

„Yuri“, hört er Daria sagen. Zwei schnelle Schritte genügen, um die Distanz zwischen ihnen zu überbrücken. Sie steht vor ihm. Da sie ungefähr gleich groß sind, schauen sie sich direkt in die Augen.

„Gib mir dein Handy.“

„Was?“

„Gib mir dein Handy“, fordert sie ihn auf. Sie streckt ihre Hand aus.

„Warum?“, will er irritiert von ihr wissen.

„Du hast recht“, fängt sie an und nimmt sein Handy ungefragt aus seiner Jackentasche. „Ich kann nicht quer durch Moskau fahren und deinen Großvater zu dir holen. Aber ich kann dich zu ihm bringen! Und das werde ich auch machen. Er wird dich sehen. Das habe ich dir versprochen! Und mit dem Ding hier wird’s auch klappen.“

Yuri beobachtet Daria dabei, wie sie mit seinem Handy vor seiner Nase wedelt. Sie schaut ihm dabei tief in die Augen. Es dauert einen Moment, bis Yuri versteht, was sie ihm sagen möchte und welcher Plan ihr im Kopf umherschwirrt. Doch nach und nach zaubern ihm ihre Worte ein schmales Grinsen auf die Lippen.

„Verstehst du jetzt, warum ich nicht will, dass du gehst?“, fragt er sie leise. Er versucht, nach seinem Handy zu schnappen und es ihr wegzunehmen, doch sie ist geschickter und weicht aus.

„Ich hab dich auch lieb. Und jetzt beweg deinen Arsch aus der Umkleide und geh dich aufwärmen!“

Yuri schüttelt seinen Kopf, hört aber auf Daria und verlässt die Umkleide. Sie folgt ihm auf Schritt und Tritt, was ihn dazu bringt, einen Blick auf sie zu werfen. Es ist vielleicht nicht das, was Yuri sich gewünscht hat, aber wenn Daria wirklich vorhat, seinem Großvater eine Live-Übertragung zu ermöglichen, sollte er sich damit wohl zufriedengeben. Denn so kann sein Großvater ihm zumindest wirklich zuschauen, wenn auch nicht direkt anfeuern.

„Wenn du auf dem Eis nicht alles gibst, dann werde ich wirklich wütend werden, hast du mich verstanden?“, hört er Daria sagen. Er schnaubt amüsiert.

„Lässt du jetzt die böse Trainerin raushängen?“

„Nein“, erwidert sie und schenkt ihm ein spitzbübisches Grinsen, das er so auf ihren Lippen noch nie gesehen hat. „Die nervige Schwester. Glaubst du etwa, dass ich deinen Großvater enttäuschen will? Am Ende wird er dann noch böse auf mich sein, wenn du meine Choreografie nicht fehlerfrei läufst!“

Yuri muss sich ein weiteres Schnauben verkneifen. Sollte er froh oder doch eher böse über das Verhalten sein, welches Daria an den Tag legt? Normalerweise würde es ihn irgendwie nerven, wenn sich jemand so in seiner Nähe aufspielt. Aber bei Daria ist das anders. Es ist, als hätte sie als einzige eine Art Green Card, die es ihr ermöglicht, tun und lassen zu dürfen, was ihr in seiner Nähe beliebt.

„Keine Sorge, große Schwester“, sagt er und betont die letzten beiden Worte besonders stark. „Ich werde dich schon nicht blamieren.“

„Das will ich hoffen.“
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