Wintersonnenwende

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
OC (Own Character) Yuri Plisetsky
09.02.2020
25.10.2020
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06.09.2020 3.377
 
Kapitel 31

Moskau, Russland

Donnerstag, 14.November 2019

„Oh, du Arme. Ich habe wirklich nicht gewusst, dass du so empfindlich aufs Fliegen reagierst“, hört Daria ihre mittlerweile engste Freundin Mila sagen. Sie, Yuri und Daria sitzen auf einer breiten Holzbank in jenem Bereich des Flughafens, in welchem das Gepäck ankommt und auf Fließbändern transportiert wird. Mila sitzt rechts von ihr und streicht ihr sanft über den Rücken. Yuri hingegen hat links von ihr Platz genommen und reicht ihr gelegentlich eine Wasserflasche.

Sie fühlt sich schrecklich. Sämtliches Blut ist aus ihrem Gesicht gewichen, sodass sie einem Geist ähneln muss. Ihre Sicht ist ein wenig verschwommen. Alles in ihrem Kopf dreht sich. Man merkt ihr deutlich an, dass sie kein besonders großer Fan vom Fliegen ist und schon gar nicht vom Landen. Ihr wird schnell schlecht und das Gefühl, sich übergeben zu müssen, begleitet sie selbst nach der Landung über mehrere Stunden hinweg.

Es gibt gute Tage, an denen sie sich nur etwas schwummrig fühlt, wenn das Flugzeug landet und sie wieder festen Boden unter den Füßen hat. Doch es gibt leider auch Tage, an denen sie das Gefühl hat, nicht zu sich kommen zu können, weil sie sich im Geiste noch immer hoch über den Wolken befindet.

Und heute ist genau so ein Tag. Dabei sind sie noch nicht einmal zwei Stunden im Flieger gesessen, zumal sie nur von St. Petersburg nach Moskau geflogen sind. Diese Distanz hätten sie auch mit dem Wagen oder dem Zug zurücklegen können. Doch Yakov hat aufgrund des schweren Gepäcks und der vielen Koffer darauf bestanden, den Flieger zu nehmen. Deshalb hat sich Daria geschlagen gegeben und ist mitgeflogen. Mittlerweile bereut sie es jedoch. Denn sie hat das Gefühl, noch immer nicht auf ihren eigenen Beinen stehen zu können, obwohl die Landung mittlerweile mehr als eine halbe Stunde zurückliegt.

„Ist das in Frankreich auch so gewesen?“, erkundigt sich Mila. Daria hält den Kopf gesenkt. Das Gesicht ist in ihren Händen vergraben. Die Augen hält sie geschlossen.

„Nicht dass ich wüsste. In Frankreich ist alles ganz normal gewesen. Und auch, als wir zurückgekommen sind“, antwortet Yuri. Er spricht ruhig und keineswegs frustriert über ihren Schwächeanfall. Das beruhigt Daria ein wenig, denn sie hätte im Augenblick bestimmt nicht die Nerven, sich auch noch mit einem miesepetrigen Yuri herumzuschlagen.

„Frankreich war anders“, presst sie gequält hervor und legt den Kopf in den Nacken. Ihre Augen hält sie weiterhin geschlossen.

„Auf dem Hinflug habe ich mir Sorgen über alles Mögliche gemacht und auf dem Rückflug war ich noch immer glücklich darüber, dass Yuri den zweiten Platz gemacht hat.“

Yuri hat vor zwei Wochen eine grandiose Leistung aufs Eis gezaubert. Er ist im Finale jene Choreografie gelaufen, die sie in den vergangenen Monaten tagtäglich trainiert haben und die er dementsprechend selbst im Schlaf kann. Seine Wertungspunkte sind sehr hoch gewesen und für einen kurzen Moment hat er sogar die Führung übernommen. Nur Jean-Jaques Leroy hat ihn mit zwei Punkten Vorsprung geschlagen, wodurch Yuri auf dem zweiten Platz gelandet ist.

Das hat ihre gute Laune allerdings nicht getrübt, denn sie alle – selbst Yuri! – sind über dieses wundervolle Ergebnis und seinen fehlerfreien Lauf begeistert gewesen. Sie haben nach diesem mehr als nur nervenaufreibenden Finale ihre Sorgen und Bedenken hinsichtlich des anstrengenden Wochenendes in Frankreich endlich hinter sich lassen und sich entspannen können, was ihnen allen zu Gute gekommen ist.

Lediglich Otabeks vierter Platz hat sie ein wenig gewundert. Obwohl Yuri, Yakov und sie von seinem Lauf überzeugt gewesen sind und ihr Schützling an einem Punkt während der Kür von Otabek gemeint hat, dass es ihm sogar gelingen könnte, ihn punktetechnisch zu schlagen, hat niemand von ihnen geahnt, dass er nur den vierten Platz belegen wird.

Das hat sie alle gewundert, Daria aber auch erleichtert durchatmen hat lassen. Dadurch musste sie weder mit Yakov noch mit Yuri ein Gespräch über das Händeschütteln am Podium führen, weil es nicht dazu gekommen ist, dass Yuri auch nur in die Nähe von Otabek gekommen ist. Der Kasache ist noch nicht einmal auf der Dinnerparty am Sonntagabend erschienen, sondern direkt nach dem Schaulauf ins Flugzeug gestiegen und zurück nach Hause geflogen.

Dementsprechend haben sie sich alle sehr viel Stress und einen weiteren Streit erspart, obwohl Daria das Gefühl beschlichen hat, dass Yuri ein wenig enttäuscht gewesen ist. Er hat sich nicht dazu geäußert. Aber sie vermutet, dass er sich bei Otabek für den nach oben gestreckten Daumen und die Unterstützung bei der Kür bedanken wollte. Dazu ist es jedoch nicht gekommen, weshalb Yuri einige Tage lang ziemlich schweigsam gewesen ist, bis er wieder jenen miesepetrigen Sportler raushängen hat lassen, den jedermann kennt.

„Okay, das kann ich verstehen“, hört sie Mila sagen. Daria schluckt schwer. Ihre Kehle ist trocken. Sie bittet Yuri leise, ihr die Wasserflasche zu reichen, aus welcher sie sogleich einen Schluck nimmt.

„Das hier ist mehr oder weniger Yuris Heimspiel. Kein Wunder, dass du dir keine Sorgen machst, sondern dich auf den Flug konzentriert hast“, erläutert Mila. Sie streicht ihr noch immer beruhigend über den Rücken, während sie darüber philosophiert, ob Yakov es Daria erlauben würde, mit dem Zug zurück nach St. Petersburg zu fahren. Denn diese vier Stunden, die Daria benötigen würde, sind wahrlich nicht die Welt und womöglich kommt sie sogar vor ihnen allen zu Hause an, da sie keine zwei Stunden früher am Flughafen sein muss und erst eine Stunde nach der Landung das Flughafengelände verlassen kann. Es ist meistens das viele Gepäck, welches sie daran hindert, schnell nach Hause zu kommen. Denn sie müssen jedes Mal aufs Neue eine gefühlte Ewigkeit darauf warten.

Diese Ewigkeit nutzt Daria nun aber, um ihren Blutdruck zu regulieren und wieder etwas Farbe ins Gesicht zu bekommen. Sie hat in der Spiegelung eines Fensters nämlich genau gesehen, wie blass sie ist. Teilweise hat sie sich sogar vor sich selbst erschrocken, weil sie das Gefühl übermannt hat, einem Geist in die Augen zu schauen. Dabei ist ihr während der Landung nur sämtliche Farbe aus dem Gesicht gewichen.

Daria lässt ihren Blick müde über die große Ankunftshalle schweifen. Die meisten Fluggäste haben ihre Koffer bereits bekommen und die Halle verlassen. Nur noch einige wenige, darunter auch Yakov, stehen am Fließband und warten darauf, ihr Gepäck zu erhalten. Neben Yakov befinden sich zwei große Rollwägen. Der eine ist bereits mit drei großen Koffern beladen. Auf dem anderen befindet sich vorerst nur einer. Zwei weitere werden folgen, dessen ist Daria sich sicher.

„Zumindest kümmert sich Yakov ums Gepäck“, reißt Mila sie aus ihren Gedanken. Sie wirft ihrer Freundin einen kurzen Blick zu, ehe sie auf Yuri schaut. Beide mustern Yakov, der ungeduldig auf die verbliebenen Koffer wartet. Seine Arme hat er vor der Brust verschränkt. Sein Gesichtsausdruck konkurriert mit jenem von Yuri an schlechten Tagen. Er wippt ungeduldig mit dem Fuß.

Ein müdes Lächeln schleicht sich auf Darias Lippen.

„Er hat als einziger den Überblick, wie viele Koffer ihr tatsächlich mitgeschleppt habt und das für ein einziges Wochenende“, kommentiert Daria und versucht dabei amüsiert zu klingen. Ob es ihr gelingt, kann sie nicht sagen. Denn in ihren Ohren hört sich ihre eigene Stimme fremd und fern an.

„Hey!“, kommt es streng von Mila, die nun aufhört, ihr über den Rücken zu streichen. „Der Rostelecom Cup ist unser Heimspiel! Da können wir nicht irgendwie auftreten, sondern müssen uns von unserer besten Seite zeigen!“

„Hm“, macht Yuri. Daria dreht sich zu ihm und schaut ihm in die blau-grünen Augen. Sie ist sich unsicher, ob dieses Hm ein zustimmender Laut gewesen ist, oder er einfach nur irgendetwas von sich gegeben hat, damit Mila leise ist und nicht mehr herumbrüllt, wie wichtig dieser Wettbewerb ist.

„Selbst Viktor und Yuri Katsuki sind nach Moskau gekommen!“, fügt ihre Freundin schnell hinzu.

„Was?“, kommt es gleichzeitig von Yuri und Daria. Sie mustern Mila mit großen Augen und fragendem Gesichtsausdruck. Diese setzt ein wissendes Grinsen auf und zieht ihre Augenbrauen in die Höhe.

„Wisst ihr das noch gar nicht?“, fragt sie unschuldig klingend nach.

„Was sollen wir wissen? Warum sind der alte Sack und Katsudon hier?“, erkundigt sich Yuri. In seiner Stimme schwingt Missmut über diese Neuigkeit mit. Er scheint nicht gerade glücklich darüber zu sein, dass die beiden aus Japan nach Moskau gekommen sind. Daria hingegen ist einfach nur verwundert, denn Viktor hat sie nicht darüber informiert. Sie schreiben gelegentlich miteinander und halten sich über das Neuste in ihren jeweiligen Leben auf dem Laufenden. Daher hätte er ihr doch sagen können, dass er nach Moskau kommen wird! Er hat nämlich gewusst, dass sie mit Yuri, Mila und Yakov auch hier sein und am Rostelecom Cup als Trainerin teilnehmen wird.

„Er und Yuri Katsuki haben so etwas wie einen Trainerposten“, erklärt Mila.

„Was heißt hier ‚so etwas wie‘?“, fragt Yuri argwöhnisch nach. Er verzieht seine Miene unwirsch und betrachtet Mila forschend.

„Ich weiß nicht so genau“, sagt diese und legt sich nachdenklich einen Finger an die Lippen, „aber in den Medien steht, dass sie jetzt anscheinend mit einem japanischen Läufer trainieren. Wie heißt er noch mal? Kenji Mimami?“

„Kenjirou Minami“, bessert Daria ihre Freundin aus. Sie strafft ihren Rücken ein wenig und beobachtet Mila genau. Ihre Augen fangen an zu glänzen, als sie realisiert, dass der japanische Läufer, von welchem sie spricht, tatsächlich so heißt.

„Ja genau! Ich habe gelesen, dass es irgendwie eine spontane Idee der beiden gewesen ist und sie kurzfristig als Trainer für ihn eingesprungen sind. Deswegen sind sie auch beim Rostelecom Cup dabei! Aber mehr weiß ich auch nicht.“

„Hm“, macht Daria. Sie wendet sich von Mila ab und schaut müde auf Yuri. Dieser hat seine Augenbrauen zusammengezogen, sodass sich eine Furche zwischen ihnen gebildet hat. Seine Lippen sind zu einer feinen Linie verzogen. Sein Blick ist finster.

Anscheinend ist er noch immer nicht sonderlich gut auf Viktor und Yuri Katsuki anzusprechen, dabei haben die beiden ihm nie etwas getan. Ob er generell nicht von ihnen angetan ist? Das kann sie ihm vermutlich nicht übelnehmen, denn sie hat so manch eine Geschichte aus jener Zeit gehört, in welcher Yuri in Japan gewesen ist und mit den beiden trainiert hat.

Ein kurzes Schmunzeln legt sich auf ihre Lippen, als sie sich daran erinnert, wie zornig Yuri gewesen ist, als er ihr das eines Abends erzählt hat. Er hat sich wie das fünfte Rad am Wagen gefühlt, da sich Viktor scheinbar nur auf den japanischen Yuri und nicht auf ihn konzentriert hat. Doch kann man es Viktor tatsächlich übelnehmen, dass er lieber mit seinem Verlobten als mit Yuri trainiert?

„Nun schau nicht so“, sagt Daria und drückt Yuri einen Ellbogen zwischen die Rippen. „Die Tatsache, dass Viktor und Yuri Katsuki auch hier sind, wird nichts daran ändern, dass du eine hervorragende Leistung erbringen wirst. Und wer weiß, vielleicht spornen dich die beiden ja sogar an, noch mehr zu geben.“

„Pah“, platzt es aus Yuri, der seine Arme vor der Brust verschränkt und sich von ihr abwendet. „Als ob der alte Sack und Katsudon mich jemals zu etwas anspornen würden!“

„Natürlich nicht, Yuri. Natürlich nicht“, kommt es im Singsang von ihr und Mila, ehe sie leise kichern. Sie fangen sich beide einen bösen Blick von Yuri ein. Er entreißt ihr schnell die Wasserflasche aus der Hand und richtet sich auf.

„Dir scheint es ja viel besser zu gehen, wenn du dich schon über mich lustig machen kannst, hah?“, will er von ihr wissen. Er wartet aber nicht auf eine Antwort, sondern dreht sich weg und möchte sich neben Yakov gesellen, um auf den letzten Koffer zu warten. Doch Daria hindert ihn daran, indem sie schnell nach seinem Handgelenk fischt und ihn zu sich dreht. Sie schenkt ihm ein entschuldigendes Lächeln.

„Tut mir leid“, murmelt sie leise und richtet sich langsam auf. „Ich will mich doch gar nicht lustig über dich machen. Aber du bist ganz schön süß, wenn du dich über die zwei ärgerst, obwohl es keinen Grund dafür gibt. Oder verheimlichst du mir etwas, hm?“

Sie schlingt ihre Arme um seine Mitte und mustert Yuri genau. Er verzieht bloß seine Lippen und wendet seinen Kopf demonstrativ von ihr ab. Einen Arm legt er allerdings dennoch um sie, um sie zu stützen. Denn sie fühlt sich noch immer schwach auf ihren Beinen.

„Du bist noch immer so weiß wie ein Stück Papier. Bleib lieber sitzen“, erwidert Yuri kühl.

„Schon gut. Yakov hat jetzt den letzten Koffer. Wir verlassen einfach den Flughafen und im Hotel lege ich mich hin. Morgen bin ich dann schon wieder fit und ganz allein für dich da, ja?“, antwortet sie. Sie schenkt Yuri ein sanftes Lächeln, bevor sie auf Yakov und Mila blickt. Sie diskutieren gerade darüber, dass sie das nächste Mal allesamt viel weniger mitnehmen werden, wohin gegen Mila kontert, dass sie sich in Russland nicht irgendwie präsentieren kann, sondern bei ihrem Heimvorteil auftrumpfen muss. Daria schüttelt amüsiert den Kopf, bereut es aber sogleich, da sie das Gefühl hat, dass sich alles um sie herum zu drehen beginnt.

„Du solltest wirklich noch sitzen bleiben. Und hier“, hört sie Yuri sagen. „Trink was. Ich besorge dir noch ne Cola.“

„Danke, aber nicht nötig“, sagt Daria, die Yuris Wasserflasche annimmt und seiner Anweisung folgt. Sie nimmt einen großen Schluck, bevor sie ihm andeutet, dass sie Yakov und Mila folgen sollen.

„Dein Großvater ist ganz bestimmt schon da und du willst ihn doch nicht warten lassen? Außerdem bin ich mir sicher, dass hinter der Absperrung mal wieder hunderte Fans auf dich warten werden.“

„Erinnere mich bloß nicht daran“, seufzt Yuri auf. Er geht neben ihr und stützt sie ein wenig, während sie gemeinsam hinter Mila und Yakov trotten.

„Ich habe, bevor wir losgeflogen sind, den ein oder anderen Blick auf deine Fanseiten im Internet geworfen und sie wissen ganz genau, wann du landen wirst. Aber keine Sorge“, sagt sie, „Yakov und ich haben uns schon was ausgedacht. Du wirst einfach durch einen anderen Ausgang gehen, damit deine Fans dich gar nicht erst bemerken werden. Die werden nämlich sehnsüchtig darauf warten, dass du neben Yakov, Mila und mir aus dem Ausgang kommst und gar nicht erst nach links oder rechts schauen.“

„Warum können mich diese Kinder nicht einfach in Ruhe lassen? Ständig kreischen sie und wollen mir irgendwelche Katzenohren aufsetzen“, seufzt Yuri.

„Sie bewundern dich nun Mal. Lass ihnen doch die Freude.“

„Und was ist mit meinen Nerven?“

„Nerven werden überbewertet“, lacht Daria leise auf, ehe sie Yuri einen amüsierten Blick schenkt. Dieser verdreht die Augen und folgt Mila und Yakov. Mit jedem Schritt fühlt sich Daria etwas sicherer, obwohl sie zugeben muss, dass die Aussicht auf etwas Zucker in Form von Cola sehr reizend ist. Vielleicht sollte sie Mila oder Yakov darum bitten, ihr eine Flasche zu besorgen, denn sie muss es irgendwie ins Hotel schaffen und möchte sich im Taxi nicht zwangsläufig auf dem Rücksitz übergeben.

„Ich nehme an, dass du nicht zu Großvater mitkommst“, reißt Yuri sie nach einer längeren Pause aus ihren Gedanken.

„Ich glaube, dass es nicht sinnvoll wäre, in diesem Zustand etwas mit euch zu unternehmen. Ich würde euch nur ein Klotz am Bein sein. Vermutlich wäre es besser, wenn ich mich hinlege, damit ich morgen auch fit bin und für dich da sein kann.“

„Hm“, macht Yuri, der stehen bleibt, als er in der Ferne die großen Türen ausmachen kann, die aus der sicheren Zone geradewegs in die Arme seiner Fans führen.

„Großvater wird traurig sein. Er fragt wirklich oft nach dir. Ich glaube, dass er sich freuen würde, dich zu sehen.“

„Tut mir leid. Aber wir können ihn nach dem Grund Prix besuchen. Dann wird es mir auch besser gehen“, entschuldigt sich Daria und schenkt Yuri ein aufbauendes Lächeln. Er erwidert es nicht, sondern seufzt nur.

„Sieh es doch so“, fängt sie an, „du kannst ganz ungestört Zeit mit deinem Großvater verbringen. Du bist mich für ein paar Stunden los und kannst ein normaler Mensch und kein Sportler sein.“

„Ich habe nichts gegen das Sportlerdasein.“

„Aber gegen deine Fans“, erwidert Daria spitzbübisch und kichert leise.

„Das ist doch etwas anderes“, nuschelt Yuri kleinlaut.

„Yakov holt dich dann später ab. Wenn du dann im Hotel bist, wird es mir auch besser gehen. Versprochen. Und dann, nach dem Grand Prix, besuchen wir deinen Großvater zusammen. Das wird ihn sicher freuen, zumal wir beide nicht angespannt sein werden“, schlägt Daria vor.

Sie beobachtet Yuri genau. Er scheint über ihren Vorschlag nachzudenken, denn er spitzt seine Lippen und bewegt sie hin und her. Er ist vielleicht nicht zur Gänze damit einverstanden, was sie ihm vorgeschlagen hat. Doch sein Seufzen zeigt ihr, dass er einwilligt. Er sollte die Zeit, die er mit seinem Großvater verbringt, auch genießen können und sich keine Sorgen um sie oder ihren Blutdruck machen. Sobald er im Hotel ankommen wird, wird es nämlich nur um ihn als Sportler und seine Leistung gehen, was manchmal mental sehr fordernd sein kann. Daher ist die Zeit, die er zuvor als gewöhnlicher Enkel mit seinem Großvater verbringen kann, umso wichtiger für ihn.

„Wir sehen und später. Genieß die Zeit mit deinem Großvater und richte ihm liebe Grüße aus. Ich werde ganz bestimmt noch vorbeischauen, bevor wir zurück nach St. Petersburg fliegen werden“, sagt sie an Yuri gerichtet. Dieser nickt ihr zu.

„Und jetzt zieh dich aus.“

„Was?!“, platzt es aus ihm heraus. Darias Grinsen wird immer breiter, während Yuris Augen sie fragend mustern.

„Los. Gib mir deine Jacke. Meinst du nicht, dass du mit ihr auffällst? Hinterer Ausgang hin oder her: Wenn auch nur ein Fan eine solche Tigerjacke sieht, dann ist es vorbei mit der Anonymität.“

„Und was gedenkst du, dass ich anziehen soll, um in Moskau nicht zu erfrieren?!“

„Meine Jacke“, antwortet Daria. Sie schlüpft schnell aus ihrer Jacke und hält sie ihm entgegen. Yuri hingegen ziert sich und begutachtet sie sehr lange sehr skeptisch.

„Jetzt schau nicht so, sondern gib mir deine Jacke. Oder willst du, dass deine Fans dir bis zum Wagen deines Großvaters nachlaufen und euch dann belagern, sodass du nicht vom Fleck kommst, hah? So viel zu gemeinsamer Zeit mit deinem Großvater“, erklärt ihm Daria, was passieren wird, wenn er nicht auf sie hört. Nur zaghaft zieht sich Yuri seine Jacke aus. Dabei flucht er und murmelt immer wieder, dass er sie nicht hergeben möchte. Aber er scheint den Ernst der Lage zu begreifen, zumal er es doch macht.

„Wenn sie auch nur einen Fleck hat-“

„Jaja“, erwidert Daria, die sich seine Jacke überstreift, während sie ihn dabei beobachtet, wie er sich ihre anzieht. Ein kurzes Grinsen huscht über ihre Lippen, als sie ihn sieht. Wer bisher angenommen hat, dass Yuri sehr weiblich aussehen würde, hat ihn noch nie in einer Frauenjacke gesehen.

„Siehst süß aus“, sagt sie leise.

„Ha. Ha“, kommt es sarkastisch und teils frustriert über seine Lippen, ehe er einen Blick zur Seite wirft. Sie macht es ihm nach und erblickt Yakov, der ihr mittels einer schnellen Handbewegung andeutet, dass sie sich beeilen soll. Daria nickt.

„Wir sehen uns im Hotel. Richte deinem Großvater liebe Grüße aus und sag ihm, dass wir ihn dieses Wochenende noch ganz bestimmt öfter sehen werden, in Ordnung? Und genieß die Zeit mit ihm. Mach dir keine Sorgen oder Gedanken über sonst etwas. Dafür hast du ja mich.“

„Hm“, macht Yuri, der tief durchatmet.

„Oh und husch wirklich schnell zum Parkplatz, damit deine Fans dich nicht sehen.“

„Werde ich machen“, nickt Yuri, der seine Jacke schließt und ihre Kapuze tief ins Gesicht zieht. Daria schenkt ihm ein Lächeln. Yuri soll die wenigen Stunden, die er vor dem Wettbewerb noch hat, mit seinem Großvater genießen. Es wird ihm helfen, in den kommenden zwei Tagen sein Bestes zu geben, um am Samstagabend auf dem obersten Treppchen zu stehen, wie er es verdient hat.

„Kauf dir ne Cola. Du siehst noch immer blass aus“, sagt Yuri und schaut ihr eindringlich in die Augen. Daria nickt, ehe sie mit ihrem Kopf zum zweiten Ausgang deutet, der einige hundert Meter hinter Yuri liegt. Die ersten Schritte legt er recht zaghaft zurück. Vermutlich möchte er sich versichern, dass sie auf ihren eigenen Beinen stehen kann. Als er sich dessen bewusst ist, läuft er beinahe schon zum zweiten Ausgang, während Daria sich an Milas und Yakovs Seite gesellt.

„Halte dich am Wagen fest“, hört sie Mila sagen, was sie nicken lässt.

„Ja. Werde ich machen“, erwidert sie, bevor sie sich an Yakov wendet und leise fragt: „Können wir irgendwo eine Cola kaufen? Ich glaube, dass ich ein bisschen Zucker brauche.“
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