Wintersonnenwende

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
OC (Own Character) Yuri Plisetsky
09.02.2020
25.10.2020
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30.08.2020 3.033
 
Kapitel 30

Patinoire Polesud, Grenoble, Frankreich

Samstag, 02.November 2019

Was soll ich nur machen?, schießt es Yuri durch den Kopf. Er sitzt auf einer niedrigen Holzbank neben dem Eislaufplatz in der großen Halle, in welcher heute das Finale des Grand Prix in Frankreich stattfindet. Der erste Teilnehmer, der gestern nur den sechsten Platz belegt hat, Michele Crispino, läuft gerade seine Kür. Die Zuschauer auf den Publikumsplätzen feuern ihn lauthals an und klatschen bei jedem erfolgreich gelandeten Sprung.

Yuri nimmt von den Geschehnissen um ihn herum kaum etwas wahr. Er sitzt ruhig da und beobachtet Daria, die sich angestrengt mit Yakov unterhält. Sie blickt immer wieder auf ihr Tablet, das sie in der Hand hält, schaut dann auf Yakov und anschließend wieder auf den Bildschirm.

Worüber sich die beiden unterhalten, kann Yuri nicht sagen. In der Halle ist es außerordentlich laut. Die Musik dröhnt durch die Boxen und die Zuschauer auf den Rängen klatschen nach Micheles erfolgreicher Darbietung. Yuri hingegen hat seine Kopfhörer im Ohr und versucht sich auf die Musik zu konzentrieren, zu welcher er heute laufen wird.

Daria und er haben dieses Lied gemeinsam ausgesucht. Als sie es ihm vorgeschlagen hat, hat sie gemeint, dass sie an ihn denken würde, wenn sie es hört. Deshalb ist sie der Ansicht gewesen, dass es sein diesjähriges Programm abrunden würde, wenn er dazu läuft. Während sein Kurzprogramm wild und rebellisch ist, geht es bei der Kür darum, anderen Menschen zu verzeihen und nach vorne zu blicken. Das freie Programm stellt einen großen Kontrast zu seinem Kurzprogramm von gestern dar, doch Yuri ist von Darias Musikvorschlag und der Choreografie begeistert gewesen. Daher hat er Darias Choreografie auch angenommen und sie mit ihr zusammen passagenweise perfektioniert.

In den Trainings ist es ihm nicht schwergefallen, dieses Programm zu laufen. Es ist anstrengend gewesen und er war die ersten Male auch schnell aus der Puste. Doch er hat das Gefühl der Vergebung, von dem Daria immerzu gesprochen hat, von Tag zu Tag intensiver wahrgenommen. Das Gefühl, vorausschauen und sich neuen Herausforderungen im Leben stellen zu können. Er hat sich von Otabek gelöst und schreitet nun einer Zukunft entgegen, die heller und positiver erstrahlt als jemals zuvor.

Heute allerdings fühlt er sich nicht bereit, diese Choreografie zu laufen. Er spürt nämlich weder Vergebung, noch kann er seine positive Zukunft sehen. Die Vergangenheit nagt an ihm und führt ihm vor Augen, was für ein schrecklicher Mensch er ist.

Er hat im Trainingsraum, in dem sich die Sportler vor ihrer Darbietung auf dem Eis aufwärmen können, Otabek gesehen. Obwohl er nicht hinschauen oder ihn gar beobachten wollte, konnte er sich nicht von seinem Anblick lösen. Er hat zunächst an ihre gemeinsame Zeit und dann an die Trennung gedacht. Immerzu sind die Gedanken, dass er Schuld am Ende ihrer Beziehung habe, in seinen Kopf geschossen. Wenn er kein Arschloch gewesen wäre und Otabek besser behandelt hätte, dann wäre dieser niemals gegangen. Denn sein Ex-Freund hat es selbst gesagt: Er kann und er will so nicht mehr weiter machen.

Mit so ist einzig und allein die Tatsache gemeint, wie Yuri sich ihm gegenüber verhalten hat. Er hat all seinen Frust über die verpatzten Saisonen, seine Verletzungen und Unsicherheiten an ihm ausgelassen. Wenn Otabek ihn so behandelt hätte, wie er ihn behandelt hat, dann wäre Yuri schon längst über alle Berge gewesen. Otabek hat es aber lange mit ihm ausgehalten und ihm immer wieder aufs Neue eine Chance gegeben, die er eigentlich nicht verdient hat. Das hätten nicht viele getan.

Als es Yuri nach einer Weile gelungen ist, sich von Otabek abzuwenden, hat sein Kopf ihn sogleich an Yakov, den gestrigen Streit und Darias kaputte Spieluhr erinnert. Bei diesem Streit ging es doch einfach nur darum, dass Yakov von ihm verlangt hat, Otabek die Hand zu reichen, wenn sie es beide aufs Treppchen schaffen sollten. Yuri hätte seinem Ex-Freund noch nicht einmal in die Augen schauen oder ihn gar anlächeln müssen, wenn er seine Hand genommen hätte. Es wäre nur eine kurze Berührung, eine höfliche Geste des Respekts und der Anerkennung gewesen. Nicht mehr und nicht weniger.

Warum ist dieser Streit also eskaliert? Warum ist es überhaupt zu diesem Streit gekommen? Weil sich alles in Yuri gesträubt hat, Otabek die Hand zu reichen? Weil er niemals wieder diesen Mann berühren möchte? Weil er ihm nicht nahe sein will?

Yuri fragt sich, ob dieser Streit anders geendet hätte, wenn er nicht an die Decke gegangen wäre; wenn Yakov nicht darauf bestanden hätte, dass er Otabek die Hand reicht; wenn Daria sich schon früher zwischen sie gestellt hätte. Dann wiederum wäre er aber auf sie wütend gewesen. Denn er hätte das Gefühl gehabt, dass sie auf Yakovs Seite steht und nicht auf seiner, was allerdings vollkommener Humbug ist. Daria steht nämlich immer auf seiner Seite und verteidigt ihn wie eine Löwenmutter.

Nachdem sie beide ins Hotelzimmer zurückgekehrt sind, hat sie sich sogleich zu Yakov begeben und mit ihm über diesen lächerlichen Streit gesprochen. Sie hat ihm erklärt, dass er Otabek nicht die Hand reichen wird. Es sei nämlich seine Entscheidung, ob er dies tun möchte oder nicht. Und er hat sich nun mal dagegen entschieden. Auch sei es seine Entscheidung, ob er die Choreografie der Kür ändern möchte oder nicht. Denn er, Yuri, muss sich in seiner Haut wohlfühlen, wenn er auf dem Eis steht, und nicht Yakov. Sie hat für ihn gekämpft und das, nachdem er nur wenige Stunden zuvor ihre geliebte Spieluhr zerstört hat.

Dieses Missgeschick belastet ihn nach wie vor. Die Erinnerung an den Vorfall hat ihn die ganze Nacht lang wachgehalten. Er hat sich im Minutentakt von einer Seite zur anderen gewälzt. Dabei hat er sich ständig gewünscht, die Spieluhr aufziehen und sie ein letztes Mal anhören zu können. Jedoch hat er sich nicht getraut, die rote Box in die Hand zu nehmen, geschweige denn an der Kurbel zu drehen oder den Versuch zu starten, die Spieluhr zum Laufen zu bringen. Stattdessen hat Daria irgendwann einmal in der Nacht ihr Handy in die Hand genommen, im Internet nach Beethovens Für Elise gesucht und das Stück unaufgefordert abgespielt, sodass es ihm tatsächlich gelungen ist einzuschlafen.

Für diese liebevolle und selbstlose Geste hat er sich bis jetzt noch nicht bedankt, genauso wenig wie für das Frühstück, das sie heute ins Zimmer bestellt hat, sodass er länger als vereinbart schlafen konnte und im Hotelrestaurant nicht auf Otabek treffen musste. Sie hat ihm auch davon abgeraten, am Vormittag zu trainieren. Wenn er nämlich beim Training Unsicherheit verspüren würde, könnte sich diese beim Bewerb bemerkbar machen, indem er mit unbegründeten Ängsten zu kämpfen hätte, die er im Augenblick nicht verspürt. Stattdessen befindet er sich in einem Zustand der Ratlosigkeit, denn er hat sich nach wie vor nicht entschieden, welche Choreografie er laufen möchte.

Daria und er haben gestern an einer Alternative zu seiner ursprünglichen Kür gearbeitet, sodass er bei den technischen Wertungspunkten des freien Programms JJ um drei Punkte schlägt. Doch Yuri ist sich nicht sicher, ob er diese Alternative tatsächlich laufen kann. Sie ist nicht zu schwer für ihn. Denn die Sprünge, die sie geändert haben, beherrscht er im Schlaf. Doch er kann diese Choreografie nicht so laufen wie jene, an welcher er den gesamten Sommer lang mit Daria gearbeitet hat.

Er seufzt.

„Yuri, ist alles in Ordnung?“, hört er eine bekannte Stimme. Er hebt seinen Kopf und schaut in Darias blaue Augen. Sie hockt vor ihm. Ihre Hände hat sie an seine Knie gelegt. In ihrem Blick spiegelt sich Besorgnis wider.

„Ja“, nickt er. Sie soll nicht wissen, dass er sich noch immer den Kopf über sein freies Programm und ihre Spieluhr zerbricht. Sie hat bereits die gesamte Woche über alle Hände voll zu tun, denn sie schlägt sich nicht nur mit ihm und Yakov herum, sondern hat auch sämtliche organisatorischen Aspekte dieser Reise in die Hand genommen. Manchmal fragt Yuri sich, wie es ihr gelingt, das alles unter einen Hut zu bringen und nebenbei dermaßen selbstlos zu sein. Denn sie fordert nie einen Dank. Auch erwartet sie nie eine Gegenleistung.

„Es ist nicht alles in Ordnung. Du bist vor Wettbewerben nie so. Du schaust mich nie an, bevor du aufs Eis musst“, erwidert sie. Sie legt eine Hand an sein Ohr und zieht einen Ohrstöpsel aus diesem. Anschließend streicht sie ihm eine blonde Strähne, die sich aus seinem Zopf gelöst hat, hinter sein Ohr.

„Sag schon. Was ist los? Sag mir alles, was du willst. Lass es hier. Bei mir. Lass es raus“, fordert sie ihn ruhig auf. Dennoch schwingt in ihrer Stimme ein strenger Unterton mit, der keine Widerrede duldet.

Yuri wendet sich von ihr ab.

„Deine Spieluhr… Otabek im Trainingsraum… die Choreografie“, sagt er leise und schüttelt den Kopf. „Ich bin nicht in der Stimmung zu laufen. Ich kann keine Vergebung zeigen.“

„Warum nicht?“

„Weil nicht ich derjenige bin, der vergeben muss! Ihr seid es! Ihr müsst mir vergeben...“, antwortet er und schaut ihr dabei tief in die Augen. Sie weiß vermutlich nicht, wie schwer es ihm fällt, das laut auszusprechen. Doch nun, da er es endlich getan hat, fällt ihm auf, wie lange es ihm schon auf dem Herzen liegt. Vielleicht hätte er all diese Menschen schon wesentlich früher um Vergebung bitten sollen. Angefangen bei Otabek, den er verletzt hat, über Yakov bis hin zu Daria. Er ist nicht derjenige, der anderen vergeben muss. Andere müssen ihm für sein pubertäres und kindisches Verhalten vergeben, mit dem er sie verletzt hat.

Darias warme Hand, die plötzlich an seiner Wange liegt und ihm sanft über diese streicht, zwingt ihn dazu, ihr ins Gesicht zu schauen. Ein sanftes Lächeln liegt auf ihren Lippen. Ihre Augen funkeln liebevoll.

„Vielleicht ist es an der Zeit, Yuri, dass du dir selbst vergibst“, murmelt sie leise. „Du schleppst zu viel Last mit dir herum, dass du vermutlich gar nicht merkst, wie sehr du dir damit schadest. All das, was zwischen dir und ihm passiert ist, dann der Streit mit Yakov und meine Spieluhr-“

Sie macht eine kurze Pause. Ihr warmes Lächeln fällt aber nicht von ihren Lippen.

„Vielleicht wird es an der Zeit, dass du dir selbst vergibst. Denn ich kann zumindest für Yakov und mich sprechen: Wir haben dir vergeben. Yakov weiß, wie du bist. Dieser Streit hat sich von all den anderen Streitigkeiten, die ihr hattet, doch gar nicht so stark unterschieden. Er hat eine Nacht darüber geschlafen und schon ist alles vergeben und vergessen. Und ich habe dir doch schon gestern erklärt, dass diese Spieluhr nur eine Spieluhr ist. Die Erinnerungen an Matthias trage ich im Herzen und sind nicht an diese Melodie gebunden. Also habe ich dir gar nicht erst verzeihen müssen, weil es nichts zu verzeihen gibt. Unfälle passieren. Ich bin dir nicht böse. Und ich weiß, dass du dich an dein Versprechen halten und die Spieluhr reparieren wirst. Also freue ich mich eigentlich schon darauf, dass wir vor dem Schlafengehen bald wieder Für Elise hören können.“

Sie neigt den Kopf ein wenig zur Seite und lächelt ein Stückchen breiter.

„Und was ihn betrifft“, murmelt sie leise und deutet mit einer Kopfbewegung in jene Richtung, in der sich Otabek befindet, „Ich glaube, dass er dir auch vergeben hat. Und zwar ab jenem Moment an, an dem du wieder den Mut und den Entschluss gefasst hast, auf dem Eis zu stehen und an dir zu arbeiten. Auch wenn er sich vielleicht von dir getrennt hat, so verraten mir seine Blicke, dass du ihm nicht egal bist und dass er sich Sorgen um dich macht. Und man kann sich um niemanden sorgen, dem man nicht vergeben hat.“

Yuri schaut zur Seite und erblickt Otabek. Erst nun sieht er, dass dieser ihn die ganze Zeit über beobachtet hat. Für viele mag sein dunkler Blick undefinierbar erscheinen. Doch Yuri kann darin dieselbe Besorgnis erkennen wie in Darias blauen Augen, was ihm einen Stich im Herzen versetzt.

Er presst seine Lippen fest aufeinander und wendet sich schnell von seinem Ex-Freund ab. Daria hockt noch immer vor ihm. Ihre Hand hat sie mittlerweile von seiner Wange genommen. Sie ruht auf seinem Knie.

„Wir alle haben dir vergeben, Yuri. Also wird es an der Zeit, dass du dir selbst vergibst, hörst du? Denn du bist nicht mehr der Yuri, von dem Otabek sich getrennt hat. Du bist nicht mehr der Yuri, der mich nicht als Trainerin haben wollte. Und du bist auch nicht mehr der Yuri, der Yakov alles vor die Füße wirft. Du bist ein anderer Yuri. Ein Yuri, der sein Schicksal in die Hände genommen hat und es sich so zurechtbiegt, dass es ihm passt. Du kannst das. Du schaffst das. Du kannst dir selbst vergeben. Und du wirst heute eine tolle Performance aufs Eis zaubern, denn es gibt viele Menschen da draußen, die an dich glauben. Selbst Otabek.“

„Wie kannst du dir da so sicher sein?“, fragt er Daria leise. Sie lacht auf und deutet mit ihrem Kopf erneut in Otabeks Richtung.

„Er zeigt dir den Daumen“, antwortet sie ihm.

Yuri schaut sogleich auf seinen Ex-Freund. Er steht noch immer recht unbeeindruckt neben der Absperrung zum Eislaufplatz. Dieses Mal hat sich seine Haltung aber ein wenig verändert. Er hält seinen Arm ausgestreckt und zeigt ihm einen Daumen nach oben, als würde er damit sagen wollen, dass alles wieder gut wird. Dabei hat Otabek vermutlich gar keine Ahnung, was sich alles in seinem Leben abspielt und wie viele Hürden er täglich aufs Neue nehmen muss.

Ein verächtliches und zugleich amüsiertes Grinsen huscht für den Bruchteil einer Sekunde über Yuris Lippen, ehe er tief durchatmet und sich abermals an Daria wendet. Sie lächelt ihn nach wie vor an.

„Und du bist mir wirklich nicht böse wegen der Spieluhr?“

„Soll ich es mir auf die Stirn tätowieren? Nein! Bin ich nicht. Ich bin wirklich nicht böse. Vielleicht bin ich sogar ein bisschen erleichtert, weißt du?“

„Warum?“

„Hm“, macht Daria und legt sich eine Hand nachdenklich in den Nacken. „Weil ich mich irgendwie… befreit fühle? Solche Erinnerungsstücke sind nett und haben einen hohen Stellenwert, aber man fühlt sich auch irgendwie an sie gebunden, weißt du? Und irgendwie… bin ich das jetzt nicht mehr. Natürlich werde ich mit Matthias immer verbunden sein, aber jetzt läuft diese Verbindung nicht mehr über so etwas wie eine Spieluhr.“

Yuri spitzt nachdenklich die Lippen und bewegt sie von seiner Seite zur anderen. Vielleicht hat Daria ja recht. Vielleicht hat sie sich mit dieser Spieluhr etwas aufgehalst, was sie in Ketten gelegt und zurückgehalten hat. Nun, da sie nicht mehr funktioniert, kann sie frei sein, auch wenn er weiß, dass sie genauso traurig wie er darüber ist, abends nicht mehr diese vertraute Melodie hören zu können, die sie wie zwei Kleinkinder in den Schlaf gewogen hat.

„Ich hoffe, dass du dieses Gefühl, gebunden zu sein, nicht wiederhaben wirst, wenn ich die Spieluhr reparieren lasse“, gibt er nachdenklich von sich.

„Das glaube ich nicht“, sagt Daria und zieht ihn mit einer überraschenden Bestimmtheit auf die Beine. „Ich finde dieses Gefühl von Freiheit gar nicht mal so schlecht. Ich glaube, dass ich es so schnell nicht mehr hergeben möchte. Außerdem ist es ja schon passiert. Ich habe mich wieder gebunden.“

Yuri runzelt die Stirn.

„Gebunden? An wen?“, will er wissen, während er sich von ihr zur Absperrung führen lässt. Er ist als nächster an der Reihe. Noch läuft allerdings Cao Bin, der gestern den vierten Platz belegt hat.

Daria kichert leise, ehe sie neben Yakov stehen bleibt und ihm in die Augen schaut. Sie hebt ihre Hand und streicht ihm erneut seine lose Strähne hinter das Ohr. Da sie sich aber augenblicklich wieder löst, greift sie zunächst in ihr eigenes Haar, zieht eine Haarnadel hervor und steckt ihm mit dieser anschließend die blonde Strähne fest.

„Na, an dich, du Tigerkätzchen! Ich bin jetzt deine Trainerin. Da geht ganz schön viel Energie flöten“, strahlt sie ihn an, ehe sie ihm ein weiteres Mal fürsorglich über die Wange streicht.

Yuri weiß nicht so recht, was er sagen soll. Er fühlt sich irgendwie schuldig, ihr so viel Zeit und Kraft zu rauben. Daria könnte diese sehr viel besser nutzen. Aber dann wiederum hat er nie darum gebeten, dass sie ihm die Aufmerksamkeit schenkt, die sie ihm zu teil kommen lässt. Es ist einfach so passiert und bevor er es sich versehen hat, sind gestern Yakov und Daria neben ihm in der Kiss & Cry Area gesessen und haben sich für ihn und seinen Erfolg gefreut. Irgendwie ist das ein merkwürdiges, aber zugleich auch sehr zufriedenstellendes Gefühl. Denn er ist nicht länger alleine.  

„Du musst aufs Eis“, wird er von Yakov aus seinen Gedanken in die Realität gezogen. Er schaut ihn einen Moment verdutzt an, bevor er nickt, mit Daria zur Tür in der Bande geht und diese öffnet. Er drückt ihr seine Schützer für die Kufen in die Hand, bevor er aufs Eis steigt. Genauso wie gestern läuft er drei Schritte über das Eis, um sich an dieses zu gewöhnen, ehe er sich umdreht und vor Daria stehen bleibt. Getrennt werden sie nur durch die taillenhohe Absperrung.

„Ich glaube an dich, Yuri. Und Yakov glaubt auch an dich. Und dein Großvater. Und Otabek. Also verzeih dir und zeig allen, wer du bist, hast du verstanden?“, hört er Daria sagen. Ihre Lippen ziert ein liebliches Lächeln. Ihre Augen funkeln voller Ehrlichkeit. Er weiß nicht, was er sagen soll, also schweigt er einfach nur und nickt.

„Du wirst dich für die richtige Choreografie entscheiden. Und wenn du fertig bist, gehen wir in die Innenstadt und suchen nach einem Laden, der die Spieluhr repariert.“

Diese Worte bringen ihn dazu, seine Mundwinkel sanft zu heben. Irgendwie weiß Daria immer, was sie ihm sagen muss, um ihm Mut zu machen. Das gelingt nicht vielen Trainern. Sie zählt aber zu diesen Menschen, die es können und dafür ist er ihr mehr als nur dankbar.

Er gleitet in die Mitte des Platzes, geht einige Male in die Hocke und springt, um seine Muskeln aufzuwärmen, ehe er sich in Position begibt. Er atmet einmal tief durch, bevor ihm unversehens klar wird, welche Choreografie er laufen wird. Um sich selbst zu verzeihen, wie Daria es gesagt hat, gibt es nur eine, die er diesem Publikum präsentieren kann und das ist jene, die er in den vergangenen Monaten dank Darias Hilfe verinnerlicht und perfektioniert hat.
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