Wintersonnenwende

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
OC (Own Character) Yuri Plisetsky
09.02.2020
25.10.2020
41
154.931
13
Alle Kapitel
69 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
23.08.2020 3.553
 
Kapitel 29

Grenoble, Frankreich

Freitag, 01.November 2019

„Ich hole ihn ab.“

Mit diesen Worten hat sich Daria von Yakov verabschiedet, nachdem Yuri angerufen und darum gebeten hat, abgeholt zu werden. Bei strömendem Herbstregen möchte er trotz seines Versehens, ihre Spieluhr auf den Boden geworfen und dadurch kaputt gemacht zu haben, nicht durch die verwinkelten Gassen von Grenobles Innenstadt wandern.

Daria ist sich im Klaren, dass sich ihr Schützling ganz bewusst bei Yakov und nicht bei ihr gemeldet hat. Dieser soll ihn abholen und nicht sie. Doch nun ist sie diejenige, die mit einem großen Regenschirm in der einen und Yuris Winterjacke in der anderen Hand durch Grenoble spaziert und dabei einen Blick in jede noch so schmale und unscheinbar wirkende Gasse wirft, welche sie passiert.

Manche dieser Gassen erkennt sie wieder. Denn sie und Yakov haben den ganzen Nachmittag lang nach Yuri gesucht, als dieser unversehens aus dem Hotelzimmer gestürmt ist. Zunächst haben sie angenommen, dass er sich irgendwo im Hotel versteckt. Daher haben sie dieses nach ihm abgesucht, bis eine höfliche Frau an der Rezeption sie darüber informiert hat, dass sie Yuri aus dem Hotel stürmen gesehen habe. Er sei ihr nicht nur aufgefallen, weil er Anfang November keine Jacke getragen, sondern auch so gewirkt habe, als würde er neben sich stehen.

Daria und Yakov sind anschließend sämtliche Straßen und kleinere Gassen in der Nähe des Hotels abgegangen in der Hoffnung, Yuri alsbald zu finden. Sie ist sogar bis in die Innenstadt gelaufen, um nach Yuri zu suchen, während sich Yakov in die Eishalle, wo bereits die nächsten Bewerbe ausgetragen wurden, begeben hat. Sie haben auch dutzende Male versucht, ihn telefonisch zu erreichen. Vergebens. Denn er hat kein einziges Mal abgehoben.

Vor lauter Verzweiflung hat sich Daria sogar an Otabek gewandt. Als sie ins Hotel zurückgekehrt ist und ihn in der Eingangshalle getroffen hat, hat sie sich sogleich bei ihm erkundigt, ob er denn etwas von Yuri gehört habe. Er hat verneint und mit gerunzelter Stirn wissen wollen, was denn geschehen sei. Daria hat ihm nicht verraten, was genau passiert ist. Sie hat nur gemeint, dass er nach einem Streit mit Yakov das Hotel verlassen habe und sich seither nicht gemeldet hat.

Zwar hat Otabek angeboten, ihnen bei der Suche nach Yuri zu helfen, jedoch hat Daria freundlich abgelehnt und ihm erklärt, dass es womöglich nicht klug wäre, wenn ausgerechnet er mit Yuri spricht. Ihr Schützling würde dem Kasachen zwar nicht mehr den Kopf abreißen wollen, aber seine Wut hinsichtlich der plötzlichen Trennung sei noch immer nicht vollständig verraucht.

Obwohl der junge Sportler sehr schweigsam gewesen ist, hatte Daria das Gefühl, dass er ihre Begründung nicht nur gehört, sondern auch tatsächlich verstanden hat. Denn er hat sich ihr nicht weiter aufgedrängt, sondern gut zugesprochen und gemeint, dass Yakov und sie Yuri schon finden werden. Früher oder später wird er wieder ins Hotel zurückkommen. So wütend er auch auf Yakov sein mag, so kehrt Yuri stets zu jenen Menschen zurück, die ihm am Herzen liegen – und Yakov ist ihm wichtig, auch wenn er es nicht oft zeigt oder gar sagt.

Mit einem undurchschaubaren Lächeln hat sich Daria freundlich bei ihm bedankt und ist zurück ins Hotelzimmer gegangen. Dort hat sie gemeinsam mit Yakov auf ein Wunder gehofft. Die meiste Zeit hat sie auf die kaputte Spieluhr auf dem Nachtkästchen geblickt und sich gefragt, wie ein dermaßen kleiner Gegenstand so viel Kummer hervorrufen kann. Es ist zwar eine besondere Spieluhr, weil Matthias sie ihr vor vielen Jahren geschenkt hat, aber letzten Endes ist und bleibt es nur eine gewöhnliche, wenn nicht sogar billige Spieluhr, die mit einem Menschenleben nicht aufzuwiegen ist. Viel lieber hätte sie Yuri zurück, als diese Spieluhr noch einmal zu hören.

Während sie auf das besagte Wunder in Form eines Anrufs von Yuri oder seiner Rückkehr gewartet haben, hat Daria begonnen, Yakov die Geschichte hinter der Spieluhr zu erzählen. Er hat ihr aufmerksam zugehört, gelegentlich genickt und schlussendlich gesagt, dass es Yuri wirklich leidtun würde, sie kaputt gemacht zu haben. Er sei zwar ein rebellischer junger Mann, aber er würde nie die Sachen anderer Menschen mutwillig zerstören. Dafür hat er vor dem Besitz anderer Menschen viel zu viel Respekt.

Daria hat bloß genickt. Neben der Tatsache, dass Yuri mit den Gegenständen anderer Menschen sehr respektvoll umgeht, hätte er die Spieluhr auch aus einem weiteren Grund nicht zerstört. Er kennt nämlich die Geschichte dahinter. So unsensibel er manchmal auch erscheinen mag, so ist er sich dennoch des emotionalen Wertes dieser Spieluhr bewusst.

Deswegen hat er auch auf sie sehr verstört gewirkt, als er aus dem Zimmer gestürmt ist. Vermutlich hat er angenommen, dass er ihr etwas weggenommen hat, nun da die Spieluhr nicht mehr funktioniert. Und auf eine gewisse Art und Weise hat er das auch getan. Er hat ihr etwas genommen. Doch er hat es nicht absichtlich oder vorsätzlich getan. Es ist lediglich ein lächerlicher Unfall gewesen, der ihm überall hätte passieren können. Yuri hätte auch die Lampe oder ihr Handy zerstören können. Letztendlich hat es aber leider ihre geliebte Spieluhr erwischt.

Natürlich ist sie traurig darüber. Wer wäre das nicht? Aber sie ist keineswegs böse und das schon gar nicht auf Yuri. Die Sorge um sein Wohlbefinden hat in diesen vielen Stunden, in denen sie verzweifelt nach ihm gesucht und sehnsüchtig seinen Anruf erwartet hat, einen sehr viel größeren Stellenwert als die Gedanken an ihre kaputte Spieluhr eingenommen.

Wie um Himmels Willen könnte sie auf ihren Schützling böse sein, wenn die Sorge um ihn sie durchdrehen hat lassen? Warum läuft er auch in einer für ihn fremden Stadt davon und nimmt seine Jacke nicht mit? Es ist kalt! Es regnet! Zudem fegt ein eisiger Wind durch die provinzialen Gassen und alten Backsteingemäuer! Er wird krank werden und an all die anderen, wesentlich schlimmeren Dinge, die ihm zustoßen könnten, will sie gar nicht erst denken.

Umso glücklicher ist sie gewesen, als sich Yuri endlich bei Yakov gemeldet und ihn gebeten hat, ihn abzuholen. Er wisse nicht genau, wo er ist, aber er sitze in einer Seitenstraße und könne ein Restaurant sehen, dass gleich um die Ecke ist. Nachdem er Yakov den Namen genannt hat, hat Daria nach dem besagten Lokal im Internet gesucht und sich mit einem großen Schirm sowie Yuris Jacke auf den Weg begeben, um ihn abzuholen.

Yakov hat sie davon abhalten wollen, doch Daria hat sich nicht bremsen lassen. Wenn sie zulässt, dass Yakov Yuri abholt, wird ihr Schützling die Nacht über bei Yakov im Zimmer bleiben und morgen während seines freien Programmes in Gedanken bei ihr und diesem Missgeschick sein, anstatt sich auf seinen Lauf zu konzentrieren. Daher ist sie losgezogen, um Yuri persönlich abzuholen.

Zumindest ist er so klug gewesen, sich bei diesem starken Regen einen Unterschlupf zu suchen und nicht auf eigene Faust zurück ins Hotel zu kehren. Dann wäre er morgen ganz bestimmt krank gewesen.

Daria blickt auf die verschiedenen Schilder jener Lokale, an welchen sie vorbeigeht. Sie muss drei breite Querstraßen passieren, ehe sie vor dem Restaurant stehen bleibt, das Yuri ihnen genannt hat. Sie blickt zuerst in die Gasse rechts vom Lokal. Diese ist hell beleuchtet und einige Passanten kommen teils händchenhaltend auf sie zu. Yuri sieht sie allerdings nicht. Daher schaut sie in die spärlich beleuchtete Gasse nach links. In dieser kann sie einige überfüllte Mülltonen, dreckige Wände und einen Hinterausgang ausmachen, über dem sich ein in die Jahre gekommenes Glasdach und eine flackernde Leuchtstoffröhre befinden. Auf dem Boden sitzend, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt und angezogenen Knien, um welche zwei schmale Arme liegen, kann sie eine Person erkennen. Lange, blonde Haare verdecken sein Gesicht. Doch seine Kleidung, bestehend aus einem Pullover im Tigermuster, verrät Yuri und lässt Daria erleichtert aufseufzten.

Endlich, schießt es ihr unversehens durch den Kopf, bevor sie langsam auf ihren Schützling zugeht. Es regnet stark, weshalb das Prasseln der Tropfen auf dem Glasdach ihre Schritte übertönt. Erst als Yuri bemerkt, dass sich jemand neben ihn auf den eiskalten Boden setzt, hebt er seinen Kopf. Als sich ihre Blicke treffen, kann sie in seinen blau-grünen Augen Verwunderung erkennen.

„Wenn du weiterhin in dieser Kälte sitzen bleibst und dir keine Jacke anziehst, wirst du krank werden und dann kannst du dir die Goldmedaille morgen abschminken“, sagt sie ruhig an ihn gerichtet, bevor sie ihm seine Jacke reicht. Er nimmt sie nicht entgegen, sondern betrachtet sie weiterhin mit großen Augen.

„Los“, fordert sie ihn freundlich klingend auf und öffnet die Jacke. „Anziehen.“

„Was machst du hier? Ich habe Yakov angerufen“, fragt Yuri, ohne auf ihre Aufforderung zum Anziehen der Jacke einzugehen. Er bleibt ruhig neben ihr sitzen und lässt sie nicht aus den Augen.

Daria seufzt.

„Ich weiß. Und gerade deswegen hole ich dich ab. Weil ich mit dir reden will“, antwortet sie ihm. Sie beobachtet ihn dabei, wie er seine Lippen fest aufeinanderpresst, seine Augenbrauen argwöhnisch zusammenzieht und sich von ihr abwendet. Er verstärkt den Griff um seine Knie und zieht den Kopf ein wenig ein. Daria legt ihm die Jacke über die Schultern.

„Ich bin dir nicht böse, okay?“, fängt sie leise zu reden an.

„Solltest du aber sein.“

„Bin ich aber nicht. Ich bin dir nicht böse, sondern habe mir verdammt große Sorgen um dich gemacht, Yuri! Warum bist du weggelaufen?“

Yuri dreht sich schnell zu ihr und mustert sie mit bösem Blick.

„Ist das nicht klar?! Ich habe deine Spieluhr kaputt gemacht! Deine Spieluhr, die du von Matthias geschenkt bekommen und die du jeden Abend vor dem Schlafengehen aufgezogen hast! Deine geliebte Spieluhr, die dir so viel bedeutet!“

„Aber du hast das nicht absichtlich gemacht!“

„Nein! Das nicht! Aber trotzdem! Ich habe sie… kaputt gemacht.“

Yuri wendet seinen Blick ab. Er beißt sich unsicher auf die Unterlippe und schließt seine Augen, um sie nicht länger anschauen zu müssen. Daria spürt, wie ihr bei diesem Anblick das Herz bricht. Warum geht Yuri nur so streng mit sich ins Gericht?

„Na und?“, fragt sie ihn leise. Sie legt ihre Arme um seine Schultern und drückt ihn an sich. „Es ist nur eine Spieluhr, Yuri. Es ist nichts Lebenswichtiges, sondern nur eine Spieluhr.“

„Aber es ist die Spieluhr, die Matthias dir geschenkt hat!“, entgegnet Yuri laut. Er wehrt sich nicht gegen ihre Umarmung, erwidert sie aber auch nicht. Daria lächelt traurig.

„Da hast du recht. Matthias hat sie mir geschenkt. Aber es ist trotzdem nur eine Spieluhr. Es ist nicht Matthias selbst und es ist nichts Lebenswichtiges, was ich bräuchte, um über den Tag zu kommen.“

„Aber du hörst sie! Jeden Abend! Ich höre es doch auch… jeden Abend ziehst du sie auf und hörst dieses Lied.“

„Yuri“, sanft Daria sanft und platziert ihm einen Kuss auf den Scheitel. „Es ist eine Spieluhr, die ich jeden Abend aufgezogen habe, um mich an die schönen Momente mit Matthias zu erinnern. Aber ich muss sie nicht zwangsläufig aufziehen, um das zu tun.“

Daria macht eine kurze Pause und wartet darauf, dass Yuri sie anschaut. Da er es nicht macht, nimmt sie sein Kinn zwischen ihre Finger und dirigiert seinen Kopf zu sich, sodass sie ihm in die Augen schauen kann.

„Yuri, hör mir gut zu: Ich brauche keine Spieluhr, um mich an Matthias und unsere gemeinsame Zeit erinnern zu können. Ich brauche keine Melodie. Ich brauche das alles nicht, weil ich es im Herzen trage und nie vergessen werden! Natürlich ist es schade, dass die Uhr kaputt ist, aber es ist nun mal passiert und das können wir nicht ändern. Du hast mir dadurch aber nichts weggenommen oder kaputt gemacht, hörst du? Denn all das, was ich mit dieser Spieluhr und der Melodie in Verbindung bringe, ist in meinem Herzen und das kannst du nicht kaputt machen. Niemand kann das. Das ist eben das besondere an Erinnerungen. Man speichert sie nicht auf einem Stick, den man unabsichtlich formatieren und alles löschen kann. Man speichert sie im Herzen, wo sie für immer bleiben werden.“

„Aber die Spieluhr-“

„Es ist nur eine Spieluhr, Yuri. Eine Spieluhr, wie man sie überall kaufen kann. Sie ist zwar kaputt, aber ich werde sie nie vergessen. Ich werde nie vergessen, wie Matthias sie mir gekauft und mir gestanden hat, dass das das einzige Lied ist, das er in der Klassik kennt und zuordnen kann. Ich werde nie vergessen, wie banal es ist, dass er nur Für Elise kennt. Ich werde nie vergessen, wie ich gelacht habe, als er gemeint hat, dass es eigentlich Für Daria heißt. Nur, weil die Spieluhr nicht mehr funktioniert, bedeutet das nicht, dass ich all das vergesse, hörst du? Es ist schade, aber es ist und bleibt am Ende nur eine Spieluhr. Nicht die Dinge selbst, sondern wie wir darüber denken, machen uns glücklich oder unglücklich.“

Sie schaut Yuri lange in die Augen. In diesen kann sie noch immer Trauer und Schuld erkennen. Er macht sich große Vorwürfe, weil ihm dieses Missgeschick passiert ist. Doch da ist er der einzige, der dies tut, da sie ihm schon längst vergeben hat!

„Du hast sie nicht aus purer Absicht kaputt gemacht. Es ist ein Unfall gewesen und Unfälle passieren nun mal. Es ist mir lieber, du machst meine Spieluhr kaputt, als dass du dir den Arm brichst oder sonst etwas Schlimmes mit jemandem von uns passiert, hörst du? So eine Spieluhr kann man reparieren und selbst wenn nicht, ist es mir egal, solange es dir gut geht und du dir nicht wehgetan hast!“

Yuri senkt seinen Blickt und blinzelt die Tränen in seinen Augen weg. Daria seufzt leise und drückt den jungen Sportler fest an sich.

„Es tut mir leid… es tut mir so leid“, fängt er leise zu sprechen an.

„Es ist schon in Ordnung. Ich bin dir nicht böse, Yuri.“

„Aber du solltest es sein… du sollst unglaublich böse auf mich sein, weil es so lächerlich gewesen ist! Dieser Streit mit Yakov und die Lampe und die Spieluhr…“

„Du bist nun mal aufbrausend und Yakov rechthaberisch. Aber so seid ihr nun mal und ich habe euch genauso lieb, wie ihr seid.“

„Es tut mir so leid…“, wiederholt Yuri. Erst nun legt er seine Arme um sie und drückt sie umständlich an sich. Sein Gesicht vergräbt er in ihrer Schulter. Daria streicht ihm behutsam über den Rücken und murmelt im Takt des Regens, dass sie nicht böse sei.

Wie könnte sie überhaupt? Sie kennt Yuri. Sie weiß, dass er ihre Sachen nicht mutwillig zerstören würde. Auch wenn ihm diese Spieluhr bei weitem nicht so viel bedeutet hat wie ihr, hat er sie geschätzt und gut behandelt. Wenn er sie in den Händen gehalten und aufgezogen hat, hat er es immer vorsichtig getan. Daria ist ihm für diese Rücksichtnahme stets dankbar gewesen und sie ist es auch heute noch. Denn er wollte ihre Spieluhr nicht kaputt machen. Es war nur ein Unfall.

Eine Zeit lang ist es still zwischen ihnen. Sie hält Yuri fest an sich gedrückt und streicht ihm sanft über den Rücken, während sie dem fallenden Regen lauscht. Mal regnet es stärker und die Geräusche, die die Tropfen auf dem Glasdach machen, sind laut und wild. Sie erinnern sie an ein schnelles, spanisches Musikstück, als würde sie mit einem Stier um Leben und Tod tanzen. Dann wiederum wird der Regen schwächer und eine sanfte, regelmäßige Melodie erklingt, die sowohl sie als auch Yuri zu beruhigen scheint. Er löst sich nämlich von ihr und schaut ihr entschlossen wirkend in die Augen.

„Ich werde sie reparieren! Ich verspreche es! Ich werde deine Spieluhr reparieren!“

„Das ist nett von dir, aber das musst du nicht. Ich wäre schon glücklich, wenn du dir deine Jacke anziehst, damit du nicht krank wirst“, erwidert Daria.

„Ich werde es aber tun! Ich werde die Spieluhr reparieren lassen, damit du sie wieder aufziehen und dich daran erfreuen kannst. Ich habe sie kaputt gemacht, also werde ich sie auch reparieren“, wiederholt er, während er mit ihrer Hilfe in seine Jacke schlüpft. Dabei lässt er sie nicht aus den Augen, als würde er versuchen, seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen. Daria seufzt leise, während sie seine hellen, blau-grünen Augen mustert. Sie möchte bereits sagen, dass sie das nicht zulassen wird, doch der Ausdruck in seinen Weiten lässt sie resignieren.

„In Ordnung“, stimmt sie leise zu. Wenn es das ist, was er tun möchte und er sich dadurch besser fühlen wird, wird sie zulassen, dass er ihre Spieluhr repariert. Er müsste es nicht machen, aber sie wird ihn auch nicht daran hindern.

„Ich verspreche es dir, Daria! Ich werde die Spieluhr reparieren und dann werden wir sie wieder zusammen aufziehen und vor dem Schlafengehen hören.“

Ein kurzes Lächeln stiehlt sich auf Darias Lippen.

„Ich habe nicht gewusst, dass dir die Spieluhr so wichtig ist.“

Yuri senkt seinen Blick. „Nicht so wichtig wie für dich. Aber doch. Ja. Ich schlafe immer mit ihr ein. Wenn ich höre, dass du sie aufziehst, weiß ich, dass du schlafen gehst und ich schlafe dann auch ein… also muss sie wieder funktionieren. Wie sollen wir sonst schlafen?“

Ein Glucksen entringt sich Darias Kehle.

„Ich dachte, dass es dich stört, am Abend Musik durch die Wände zu hören. Und jetzt kannst du ohne sie nicht mehr schlafen?“

„Das ist doch was anderes“, schmollt er miesepetrig, bevor er sich mit einer Hand unter der Nase entlangfährt. „Diese Idioten im Studentenheim hatten keine Ahnung, was gute Musik ist. Du aber schon.“

„Oh“, macht Daria, die Yuri ein ehrliches Lächeln schenkt. „Ich habe Ahnung von guter Musik? Was für ein tolles Kompliment. Da fühle ich mich ja richtig geschmeichelt.“

Sie kichert leise, was Yuri wohl nicht zu gefallen scheint.

„Hör auf, dich über mich lustig zu machen“, kommt es spitz über seine Lippen. Doch er hört sich nicht sehr entschlossen an. Stattdessen klingen seine Worte, als würde er versuchen, sich selbst einzureden, dass es in Ordnung ist, wenn sie sich über ihn lustig macht, weil er es verdient hat. Doch das stimmt nicht. Er hat es nicht verdient und sie macht sich auch nicht über ihn lustig. In Wahrheit ist sie ihm für dieses reizende Kompliment dankbar.

„Danke, Yuri. Es bedeutet mir wirklich viel, dass du so über mich und meinen Musikgeschmack denkst“, sagt sie leise und streicht ihm eine lange blonde Haarsträhne, die stets eine Hälfte seines Gesichts verdeckt, hinter das Ohr. Sie schenkt ihm ein ehrliches Lächeln, das sogar ihre Augen erreicht, bevor sie ihm sanft über die Wange fährt. Sie ist ein wenig gerötet. Hoffentlich vom Weinen und nicht von der Kälte.

„Komm. Lass uns zurück ins Hotel gehen. Ich besorge dir etwas Warmes zu essen und zu trinken und dann gehen wir ins Bett.“

„Was ist mit der Spieluhr?“

„Heute werden wir wohl keinen Laden mehr finden, der sie reparieren wird. Es ist alles schon geschlossen. Aber morgen dann. Oder spätestens in St. Petersburg, in Ordnung?“

„Hm“, macht Yuri. Er richtet sich mit ihr gemeinsam auf und klopft sich den Dreck von der Hose. „Und was ist mit Yakov?“

Daria betrachtet Yuri genau. Er hält seinen Blick gesenkt. Obwohl sich mittlerweile kein Staub oder Dreck mehr auf seiner Kleidung befindet, klopft er anstrengt weiter über seinen Körper, als würde er ihr nicht in die Augen schauen wollen.

„Mach dir keine Sorgen“, sagt Daria. Sie nimmt den Schirm in die eine Hand und hakt sich mit der zweiten bei Yuri ein, um ihn an sich zu ziehen und sich in Bewegung zu setzen.

„Ich werde mit ihm reden und die Sache mit Otabek aus der Welt schaffen. Wenn du ihm nicht die Hand geben willst, musst du das auch nicht. Und wer weiß“, sie macht eine kurze Pause, „vielleicht schafft Otabek es gar nicht aufs Treppchen. Dann hat sich die Sache von selbst erledigt.“

Yuri schweigt und trottet neben ihr durch die verregneten Straßen. Er hält seinen Kopf gesenkt und bewegt hin und wieder nachdenklich die Lippen. Daria kennt diese Eigenschaft. Wenn Yuri über etwas nachdenkt, macht er das oft. Er spitzt die Lippen und bewegt sie von einer Seite zur anderen. Dann gleitet sein Blick immer ins Leere. Würde sie ihn nicht führen, würde er vermutlich solange an Ort und Stelle verweilen, bis er auf eine Lösung gekommen ist.

„Was machen wir mit der Choreografie?“, fragt Yuri unversehens.

„Was sollen wir damit machen?“

„Na, wenn es zu knapp wird und wir JJ nicht mehr… einholen können, sollten wir sie dann nicht ändern?“

„Hm“, mach Daria und blickt gerade aus. „Ich glaube, ich überlasse dir diese Entscheidung. Du musst sagen, wie wohl du dich damit fühlst, wenn du plötzlich die Choreografie änderst. Es ist zwar toll, dass du mehr Punkte als JJ haben möchtest und so zielstrebig darauf hinarbeitest. Aber nur du kannst sagen, ob du dich tatsächlich in der Verfassung fühlst, die Choreografie zu ändern. Ich werde nicht böse sein, wenn du sie ändern willst. Ich werde aber auch nicht enttäuscht sein, wenn du sie beibehalten willst. Am Ende läufst du das freie Programm und nicht ich oder Yakov. Vergiss das nie. Es geht um dein Wohlergehen, Yuri. Und das steht für mich an oberster Stelle.“

Sie schenkt ihm ein ehrliches, sanftes Lächeln, das ihre Worte bekräftigen soll. Sie wird Yuri zu nichts zwingen, sondern ihn selbst entscheiden lassen. Er ist ein erfahrener Eisläufer, der genau weiß, was er möchte und wie er es aufs Eis zaubern kann. Wenn er sich sicher ist, eine abgeänderte Choreografie fehlerfrei laufen zu können, wird sie ihn genauso zufrieden und stolz in die Arme schließen, wie wenn er die Choreografie läuft, die sie gemeinsam einstudiert haben.
Review schreiben