Wintersonnenwende

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
OC (Own Character) Yuri Plisetsky
09.02.2020
25.10.2020
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16.08.2020 3.452
 
Kapitel 28

Grenoble, Frankreich

Freitag, 01.November 2019

„Jean-Jacques Leroy ist momentan auf Platz eins mit nur drei Punkten vor dir, Yuri. Und Otabek Altin ist auf Platz zwei mit nur einem Punkt“, hört Yuri Daria ruhig sagen. Sie, Yakov und er sind im Hotelzimmer. Während er quer über dem Bett liegt und auf seinem Handy spielt, sitzt Daria am Bettende und ist in ihr Tablet vertieft. Yakov hingegen hat sich auf einem Sessel niedergelassen und hält die Arme vor der Brust verschränkt. Seine Augenbrauen sind nachdenklich zusammengezogen und bilden tiefe Falten auf seiner Stirn.

„Das ist eine gute Ausgangsposition“, nickt Yakov.

„Otabeks freies Programm hat weniger Wertungspunkte als das von Yuri. Insgesamt vier Punkte weniger. Jean-Jacques Leroys Kür hingegen hat gleich viele Wertungspunkte wie Yuris“, analysiert Daria fachmännisch.

„Das macht es natürlich etwas schwerer“, brummt sein Trainer.

Yuri verdreht frustriert die Augen. Er kennt Daria und weiß mittlerweile, dass sie alles bis ins kleine Detail analysieren muss, um ruhig schlafen zu können. Ihre Aussagen stören ihn nicht, schließlich möchte er sich selbst ein Bild davon machen, wie stark seine Konkurrenz ist. Doch aufs Yakovs Kommentare könnte er getrost verzichten!

Yuri ist schließlich bewusst, dass es mit einem drei Punkte Rückstand auf Jean-Jacques, der von allen nur JJ genannt wird, nicht besonders leicht ist, den ersten Platz zu belegen. Leider kommt hinzu, dass JJs freies Programm genauso viele Wertungspunkte wie jenes von Yuri hat, was bedeutet, dass er selbst mit einer fehlerfreien Darbietung nicht auf Patz eins kommen kann. Er muss wohl darauf hoffen, dass JJ einen Fehler machen wird, oder sein eigenes Programm ändern.

„Sollen wir das Programm ändern?“, hört er Daria fragen, was ihn dazu bringt, das Handy sinken zu lassen und an die weiße Zimmerdecke zu schauen. Manchmal fürchtet er sich vor Daria, denn er hat das Gefühl, dass sie seine Gedanken lesen kann. Oder haben sie sich etwa schon so sehr aneinander gewöhnt, dass sie erahnen kann, woran er denkt und was er vorhatte, sie zu fragen?

„Nein“, erwidert Yakov mit tiefer Stimme. „Das wäre zu riskant. Wir haben eine gute Ausgangslage und wenn Yuri den nächsten Lauf fehlerfrei schafft, dann wird er zumindest auf Platz zwei sein und das ist besser, als die Choreografie zu ändern und Sprünge einzubauen, die Yuri nicht regelmäßig trainiert hat. Das könnte uns einen Podestplatz kosten.“

„Sehe ich auch so“, stimmt Daria zu. „Wir können nur hoffen, dass Otabek seinen freien Lauf nicht ändern wird, um mehr Punkte zu machen. Ein zweiter Platz ist immerhin besser als ein dritter.“

„Wird er nicht“, mischt sich nun auch Yuri ins Gespräch ein. Er bleibt auf dem Rücken liegen und starrt noch immer an die Zimmerdecke, ohne sie richtig zu betrachten. „Er ist ein guter Läufer, aber er ist nicht kreativ oder beweglich genug, um etwas so kurzfristig zu ändern. Er muss monatelang trainieren, um überhaupt eine Kür laufen zu können. Spontane Änderungen wird er nicht vornehmen. Das schafft er nicht.“

„Ich würde ihn nicht unterschätzen, Yuri“, sagt Yakov.

Yuri zieht seine Augenbrauen missmutig zusammen und richtet sich auf. Er straft Yakov mit einem bösen Blick.

„Ich bin mit ihm zusammen gewesen. Ich kann wohl besser einschätzen als du, was Otabek kann und was nicht!“

„Nur, weil du eine Beziehung mit ihm geführt hast, heißt das noch lange nicht, dass du seine Fähigkeiten objektiv bewerten kannst. Er ist immer gut für eine Überraschung und wer weiß, ob er nicht ein Ersatzprogramm einstudiert hat“, entgegnet Yakov, der seinen bösen Blick unbeeindruckt erwidert.

„Niemals!“, schnaubt Yuri. Er lässt sich zurück auf das Bett fallen und verschränkt die Hände hinter dem Kopf. „Otabek ist kein Naturtalent. Er ist einfach nur strebsam. Wenn er etwas will, arbeitet er hart dafür. Aber besonders talentiert ist er nicht. Also hat er bestimmt kein Ersatzprogramm einstudiert, weil schon das, was er hat, zu schwer für ihn ist und er wahrscheinlich wieder Monate daran trainiert hat.“

„Harte Arbeit zahlt sich aus, Yuri und das solltest du von uns allen am besten Wissen“, brummt Yakov verstimmt.

„Aber nicht bei Otabek!“, knurrt er.

„Okay, das reicht jetzt“, mischt sich Daria ein. Doch er schenkt ihr keine Beachtung.

Glaubt Yakov tatsächlich, dass er sich über Otabek belehren lassen wird? Yuri hat mit dem Kasachen schließlich eine Beziehung geführt. Er weiß ganz genau, was Otabek kann und was nicht. Er ist zwar diszipliniert und zielstrebig, aber er ist nicht sonderlich talentiert. Daher fällt es Otabek jede Saison aufs Neue schwer, sich eine Choreografie einzuprägen und diese auch aufs Eis zu bringen. Er muss wochenlang trainieren, um sich überhaupt die Schrittfolge einzuprägen. Von seiner mangelnden Beweglichkeit will Yuri gar nicht erst beginnen.

Natürlich ist Otabek nicht schlecht und vielleicht könnte es ihm sogar gelingen, mit einem starken Programm Yuri zu schlagen. Aber wenn Yuri genauso viel trainieren würde wie Otabek, dann hätte er schon längst Jean-Jacques Leroy und Viktor gemeinsam geschlagen!

„Otabek ist vielleicht keine große Gefahr für uns, aber wir sollten ihn nicht unterschätzen. Hörst du, Yuri?“, kommt es von Daria, die zwischen ihm und Yakov hin und her schaut. Ihr Blick ist streng. Sie duldet keine Widerrede, was er irgendwie verstehen kann. Vermutlich will auch sie nichts mehr über Otabek hören oder wissen. Er hat ihr schließlich öfter als einmal von Otabek, der Beziehung und den Talenten seines Ex-Freundes auf dem Eis erzählt.

Zunächst ist es komisch gewesen, mit ihr über Otabek zu reden. In erster Linie wollte er sich einfach niemandem anvertrauen, zumal er das Gefühl hatte, dass seine Beziehung mit Otabek niemanden etwas angeht. Doch nach und nach hat es sich befreiend angefühlt, Daria das ein oder andere Detail zu verraten. Manchmal ist er sich unsicher gewesen, ob er ihr gewisse Dinge erzählen kann, denn sie könnten sie an Matthias und ihre gemeinsame Zeit in der Schweiz erinnern. Aber Daria hat es scheinbar nie gestört, wenn er über Otabek gesprochen hat. Sie hat sich irgendwie darüber gefreut, was allerdings mehr damit zusammenhängt, dass sie über seine Offenheit und sein Vertrauen ihr gegenüber entzückt gewesen ist, als über die Tatsache, welche Geschichten er ihr anvertraut hat.

Aber es hat auch Tage gegeben, an denen sie keine Geschichte hören wollte und das musste er genauso akzeptieren wie die Tatsache, dass sie nicht immer und überall über Matthias reden will. Manchmal passt es. Manchmal spricht sie offen über ihn. Aber manchmal braucht sie auch einfach etwas Zeit für sich, genauso wie Yuri Zeit braucht, in der er nicht an Otabek denkt.

Zwar ist es unvermeidlich, an diesem Wochenende nicht an seinen Ex-Freund zu denken und sich zu fragen, wie er ihn schlagen kann, doch er will ganz bestimmt nicht mit Yakov darüber reden. Es fällt ihm doch schon schwer genug, sich Daria anzuvertrauen. Wie soll er sich dann Yakov gegenüber öffnen?

Noch dazu gibt ihm dieser nicht gerade das Gefühl, etwas Sinnvolles zur Unterhaltung beizutragen. Dabei kennt Yuri von allen hier anwesenden Personen Otabek am allerbesten. Seine Meinung sollte am meisten zählen und nicht jene von Yakov.

Er schnaubt und dreht sich so zur Seite, dass er mit dem Rücken zu Daria und Yakov liegen bleibt.

„Auf jeden Fall werden wir die Choreografie oder die Reihenfolge der Sprünge nicht ändern. Wir hoffen darauf, dass Jean-Jacques Leroy einen Fehler macht und falls nicht, sind wir zumindest zweiter und Otabek Altin wird dritter werden“, schlussfolgert Yakov, was Yuri erneut schnauben lässt.

Glaubt dieser alte Mann wirklich, dass er auf ihn hören wird? Wenn Yuri seine Choreografie ändern und mehr Wertungspunkte bekommen möchte, um JJ zu schlagen, dann wird er das verdammt noch mal machen! Er wird sich doch nicht mit einem zweiten Platz zufriedengeben, wenn er diese Saison Gold holen möchte! Warum scheint Yakov das nicht zu verstehen?

„Ach und Yuri“, brummt der alte Mann erneut auf. Yuri verdreht die Augen. Wann zum Teufel wird er endlich in sein Zimmer gehen, damit er mit Daria alleine sein kann? Wenn es jemanden gibt, mit dem er seine Choreografie und weitere Vorgehensweisen bespricht, dann mit ihr und nicht diesem alten Sack, der ihm den letzten Nerv raubt.

„Ich verlange von dir, dass du Otabek die Hand reichst, wenn er mit dir auf dem Podest stehen sollte.“

Auch wenn Yakov sehr ruhig gesprochen hat, so fangen bei dieser Aussage sämtliche Alarmglocken in Yuris Kopf an zu schrillen. Er setzt sich schnell auf und blickt ungläubig auf seinen Trainer, der mittlerweile vor der Tür zum Hotelzimmer steht und dieses verlassen möchte. Daria hingegen sitzt ruhig, aber ein wenig skeptisch wirkend auf der Bettkante.

„Was soll ich machen?“, fragt er nach. In seiner Stimme schwingt ein wütender Unterton mit. Dieser soll Yakov verdeutlichen, dass er nun eine einzige Chance hat, seine Aussage zu revidieren, da er ansonsten an die Decke gehen wird.

„Du hast mich klar und deutlich verstanden“, erwidert sein Trainer, der sich seinen schwarzen Hut aufsetzt, ehe er sich zu ihm wendet und wiederholt: „Ich will, dass du ihm die Hand reichst, wenn ihr beide auf dem Podium steht.“

„NIEMALS!“, platzt es aus Yuri heraus, der sich auf das Bett kniet. Er verengt seine Augen zu gefährlich funkelnden Schlitzen und mustert Yakov genau.

Ist dieser alte Sack tatsächlich der Ansicht, dass er sich mit seinen neunzehn Jahren noch etwas von ihm sagen lässt? Zuerst soll er sich mit einem zweiten Platz zufriedengeben und nun soll er Otabek auch noch die Hand schütteln, wenn sie es beide auf das Podest schaffen? Was wird er als nächstes von ihm verlangen? Dass er aufgrund guter PR Daria vor der Presse küssen soll?

Wenn Yakov glaubt, dass er ihn dazu bringen kann, Otabek die Hand zu schütteln, so hat er sich geirrt. Yuri wird selbst entscheiden, wem er die Hand gibt und wem nicht. Otabek zählt auf jeden Fall nicht dazu, selbst wenn er den ersten Platz belegen sollte.

„Du wirst ihm die Hand geben, Yuri. Und darüber werde ich nicht mit dir diskutier-“

„Nein!“, stellt Yuri klar, der den Kopf schüttelt. „Ich werde ihm nicht die Hand geben und du kannst das auch nicht von mir verlangen! Wer glaubst du, wer du eigentlich bist, hah? Mein Vater?!“

„Yuri!“

„Nein!“, platzt es abermals aus Yuri. Er wird sich so etwas ganz bestimmt nicht gefallen lassen! Er ist ein höflicher Mensch, wenn er höflich sein muss und er behandelt Menschen mit Respekt, die auch ihn mit Respekt behandeln. Aber er kann und er wird weder höflich noch respektvoll zu Otabek sein, denn dieser ist es auch nicht ihm gegenüber gewesen. Er hat ihn an Heiligabend einfach verlassen und das mit einer lächerlichen SMS, die er sich sonst wohin stecken kann. Er hat sich nicht die Mühe gemacht, auch nur einmal anzurufen und ihm seine Entscheidung zu erklären. Er hat sich noch nicht einmal darüber informiert, wie es ihm geht!

Warum sollte er diesem Kerl, dem alles scheiß egal zu sein scheint, jetzt die Hand schütteln und ihm womöglich noch gratulieren, wenn er es aufs Podest schaffen sollte? Otabek ist ihm egal! Selbst wenn er verrecken würde, wäre es Yuri egal, denn in diesem Augenblick und in diesem Raum sollte es um ihn und sein Wohlbefinden gehen, nicht um Otabek oder Anstand.

„Ich werde mir von dir nicht sagen lassen, wie ich mit Otabek umzugehen habe! Du hast absolut keine Ahnung, was passiert ist und wie er mich behandelt hat! Und trotzdem verlangst du so etwas von mir! Wie kannst du es wagen, mir so etwas vorschreiben zu wollen? Wie kannst du glauben, dass du mir irgendetwas zu sagen hast?! Nur weil ich dich als Trainer akzeptiere, oder was?! Was hast du als dieser schon für mich getan, außer deine Verantwortung auf Daria zu schieben?! Glaubst du tatsächlich, dass ich so dumm bin und nichts merke?! Ich bin neunzehn, verdammt noch mal und kein kleines Kind mehr!“

„Aber du führst dich gerade wie eines auf und das zeigt mir, dass du sehr wohl ein kleines Bürschchen bist, das keine Ahnung von Anstand hat!“

„Anstand?! Anstand nennst du das also, mich zu etwas zwingen zu wollen?!“

„Anstand wäre es, wenn ich dir nicht mehr beibringen müsste, was Anstand überhaupt ist!“

„Okay, das reicht!“, mischt sich Daria in den Streit ein. Sie legt ihr Tablet zur Seite und stellt sich demonstrativ zwischen ihn und Yakov, sodass sie einander nicht länger in die Augen schauen können. Allerdings wird seine Trainerin nichts daran ändern können, dass Yakov gerade eine ungezügelte Wut in ihm befreit hat, die ihn förmlich toben lässt. Er wird sich von niemandem sagen lassen, was er zu tun und zu lassen hat – und das schon gar nicht von Yakov!

„Das reicht!? Ja! Es reicht! Es reicht, dass dieser alte Sack mir immer vorschreiben will, was ich zu tun und zu lassen habe! Ich bin neunzehn und kann verflucht noch mal meine eigenen Entscheidungen treffen!“

„Das wissen wir, Yuri“, entgegnet ihm Daria ruhig. Sie geht einen Schritt auf ihn zu und möchte ihm bereits ihre Hände an die Schultern legen, um ihn zu beruhigen. Doch er schlägt sie zur Seite. Er will nicht von ihr berührt oder beruhigt werden! Er will, dass Yakov einsieht, dass es Yuris Entscheidung ist, wem er die Hand und reicht und wem nicht! Wie kann dieser alte Sack es wagen, so etwas von ihm zu verlangen, wenn er doch keine Ahnung hat, was zwischen ihm und Otabek vorgefallen ist?! Wenn er es nämlich wüsste, hätte er dieses lächerliche Thema niemals angesprochen, sondern Yuri vielleicht noch dazu aufgefordert, Otabek eine zu scheuern, anstatt ihm zu einem Podestplatz zu gratulieren.

Yuri steigt vom Bett, um mit Daria und Yakov auf Augenhöhe zu sein. Während Darias Blick etwas Flehendes beinhaltet, ist Yakovs streng. Er steht weiterhin zu dem, was er gesagt hat. Doch auch Yuri wird von dem, was er erwidert hat, nicht abweichen.

„Du wirst-“, fängt Yakov an, doch Yuri unterbricht ihn sogleich.

„Niemals!“, ruft er aus und streckt seine Hände demonstrativ aus, um deutlich zu zeigen, dass er nicht auf Yakov hören wird. Allerdings ist Yuri nicht bewusst, wie nahe er dem Nachtkästchen steht, sodass er zunächst die Lampe trifft und umwirft, welche anschließend Darias kleine Spieluhr auf den Boden befördert. Mit einem dumpfen Aufprall landet sie auf dem Teppich.

Yuri blickt sofort auf das kleine, rote Schächtelchen auf dem Boden. Seelenruhig liegt es auf dem beigen Teppich und zeichnet sich grotesk deutlich von diesem an, als wäre es Blut. Yuri hält unbewusst den Atem an, während er mit großen Augen darauf wartet, dass irgendetwas passiert. Doch er weiß selbst nicht, was er sich erhofft. Dass die Spieluhr von ganz alleine zu spielen anfängt? Oder dass sie sich aufrichtet?

Sein Herz setzt einen Schlag lang aus, während seine Augen immer größer werden. Er schluckt schwer. Erst als er eine schnelle Bewegung aus dem Augenwinkel vernimmt, löst er sich aus seiner Starre. Er erblickt Daria, die vor der roten Spieluhr auf die Knie geht und sie vorsichtig in die Hände nimmt. Es macht den Anschein, als würde sie etwas Zerbrechliches und unglaublich Fragiles vom Boden aufheben. Eine falsche Bewegung und die Spieluhr könnte zu Bruch gehen, sofern das nicht so oder so bereits geschehen ist.

„Scheiße“, haucht er leise, bevor er nach Luft schnappt. Er hat doch einfach nur mit der Hand ausgeholt, um Yakov zu verdeutlichen, dass er sich seinem Befehl nicht beugen wird. Dabei hatte er doch niemals im Sinn, Darias geliebte Spieluhr zu zerstören! Ihm ist doch bewusst, wie sehr sie an dieser hängt. Sie hört sie schließlich jeden Tag, bevor sie zu Bett geht. Yuri weiß das, denn er hört diese Melodie, Für Elise, ebenfalls jeden Abend und schläft dank ihr auch ein. Was zum Teufel hat er angerichtet?!

Er geht schnell auf Daria zu und hockt sich unsicher neben sie. Er wagt es nicht, ihr ins Gesicht zu schauen, sondern mustert lediglich ihre zitternden Hände, welche die Spieluhr halten. Daria öffnet die Abdeckung nicht. Sie zieht die Spieluhr nicht auf. Sie hält sie lediglich unsicher in den Händen, als ob sie darauf warten würde, dass ein Wunder geschieht.

„Ich wollte das nicht… ich habe sie nicht gesehen“, murmelt Yuri, dessen Wut von einem Augenblick auf den nächsten verraucht ist. Stattdessen nehmen Sorge und Angst diesen Platz ein und lassen ihn abermals erschrocken nach Luft schnappen. Was, wenn er Darias einziges Erinnerungsstück an Matthias zerstört hat? Was, wenn die Spieluhr nicht mehr funktioniert? Was, wenn sie traurig wird und ihn dafür hasst? Er könnte es nicht ertragen, ihr etwas weggenommen zu haben, das ihr so wichtig ist. Noch schlimmer wäre es, Daria zu verlieren, weil er dermaßen ungeschickt gewesen ist!

„Funktioniert… zieh sie auf! Los!“, fordert er Daria hektisch auf. Dabei fuchtelt er unkoordiniert mit seinen Armen. Er würde ihr die Spieluhr am liebsten aus den Händen nehmen und sie selbst aufziehen, doch er traut sich nicht. Was, wenn er noch mehr kaputt macht, als er es bereits getan hat? Was, wenn sie nicht mehr funktioniert?

Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis Daria ihre Hand hebt und die Abdeckung der kleinen Spieluhr öffnet. Zum Vorschein kommt ein kleines Uhrwerk, das auf den ersten Blick unversehrt aussieht. Ein erster, kleiner Stein fällt Yuri vom Herzen. Alle Zacken auf dem Uhrwerk sind noch vorhanden. Außerdem ist ihm keine Feder entgegengesprungen. Das bedeutet, dass die Spieluhr noch laufen muss! Sie muss! Sie muss einfach!

Erneut hat Yuri das Gefühl, dass eine Ewigkeit vergeht, bis Daria ihren schlanken Finger um eine vergoldete Kurbel legt und an dieser dreht. Sie macht es vorsichtig, als könnte sie etwas dabei zerstören. Als sie die kleine Kurbel zwei Mal aufgezogen hat, hält sie für einen Augenblick inne.

Yuri wagt es noch immer nicht, ihr in die Augen zu schauen. Doch als er einen kurzen Blick auf ihr Gesicht erhascht, erkennt er, dass sich ihre Lippen bewegen. Es sieht so aus, als würde sie ein Stoßgebet aussprechen, bevor sie die Kurbel loslässt. Das Uhrwerk fängt an zu arbeiten, doch die große Rolle in der Mitte mit den Zähnchen, die für die Melodie zuständig sind, dreht sich nicht. Sie verweilt an Ort und Stelle, ohne sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Selbst als Daria die große Rolle mit ihrem Finger berührt und ein wenig anstupst, will die Rolle sich nicht weiterdrehen. Sie bleibt stehen. Die Spieluhr ist kaputt.  

Yuri spürt, wie sich sein Magen augenblicklich zusammenzieht. Er hat das Gefühl, als ob jemand in seinem Inneren all seine Gedärme mit großen Händen umschlungen hätte und nun fest zudrückt. Selbst das Atmen fällt ihm schwer. Er kann sich nicht mehr bewegen.

Er hat Darias Spieluhr zerstört, schießt es ihm durch den Kopf. Er. Yuri. Hat Darias Spieluhr, jene die Matthias ihr geschenkt hat, einfach auf den Boden geworfen und kaputt gemacht! Dabei hat er das nicht mit Absicht getan! Es ist ein Unfall gewesen! Ein lächerlicher Unfall, an dem Yakov mit seinem dummen Befehl, Otabek die Hand zu reichen, schuld ist! Doch letzten Endes ist es Yuri gewesen, der Darias Spieluhr zu Boden geworfen und dadurch kaputt gemacht hat.

Auch wenn jede Faser seines Körpers schreit, dass er es nicht tun soll, schaut er Daria ins Gesicht. Er weiß nicht, was er sich darin erhofft zu sehen, doch der Anblick, der sich ihm bietet, versetzt ihm nicht nur einen Stich im Herzen, sondern fühlt sich so an, als würde ihm jemand das schlagende Herz ohne Narkose aus der Brust reißen. Tränen haben sich in Darias Augen gesammelt. Doch sie fließen nicht über ihre Wangen. Sie lassen ihre Augen bloß glänzen und sie einige Male blinzeln. Ihre Unterlippe hat sie zwischen ihre Zähne geschoben. Ihre Nasenflügel beben. Der Schock und die Trauer über dieses Missgeschick, das Yuri passiert ist, stehen ihr deutlich ins Gesicht geschrieben.

Yuri bereut es sogleich, sie angeschaut zu haben. Er spürt, dass er nur noch stockend atmet und sein Herz viel zu schnell schlägt. Zu groß ist die Schuld, die sich auf seinem Gewissen türmt und von Sekunde zu Sekunde immer schwerer wird, sodass er darunter zu brechen droht. Am liebsten würde er Daria die Spieluhr aus den Händen reißen, an ihr rütteln und sie schütteln, bis sie wieder funktioniert. Doch sein Körper will nicht auf seinen Verstand hören.

Wie von alleine richtet er sich auf und weicht Schritt für Schritt von Daria zurück. Er sieht, dass sie ihm mit großen Augen nachschaut. Auch bewegen sich ihre Lippen. Sie sagt etwas zu ihm. Doch er kann nicht hören, was es ist. Seine Beine tragen ihn in Richtung Tür, wo er gegen Yakov stößt. Er dreht sich erschrocken zu ihm, schaut ihm einen Augenblick lang in die dunklen Augen, bevor er nach der Türklinke greift, die Tür aufreißt und aus dem Zimmer läuft. Raus aus jenem Raum, in welchem sich Yakov befindet. Weg von jenem Missgeschick, das ihm passiert ist. Und aus der Sichtweite von Daria, deren Blick, bebende Nasenflügen und sich zu einem Stoßgebet geformte Lippen er nie vergessen wird.
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