Wintersonnenwende

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
OC (Own Character) Yuri Plisetsky
09.02.2020
25.10.2020
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09.08.2020 3.124
 
Kapitel 27

Patinoire Polesud, Grenoble, Frankreich

Freitag, 01.November 2019

Die große Eishalle, in welcher Daria sich befindet, ähnelt jenen Hallen der vergangenen Wochen und Monate. Die Saison hat zwar schon im Juli begonnen, doch die ersten Wettbewerbe sind erst im September auf nationaler Ebene abgehalten worden. Bis dahin hat sie beinahe täglich mit Yuri und später auch in Beisammensein mit Yakov und Lilia an der Darbietung des Kurzprogramms und der Kür ihres Schützlings gearbeitet. Dementsprechend hat sich Yuri bei seinen ersten Wettbewerben in Russland hervorragend geschlagen und alle anderen Teilnehmer in den Schatten gestellt.

Niemand hat angenommen, dass Yuri ein dermaßen starkes Comeback hinlegen wird. Alle Teilnehmer haben ihn unterschätzt und sich zunächst sogar über ihn lustig gemacht. Aber weder Yuri noch Daria haben hingehört. Sie haben sich einfach nur auf ihre Darbietung konzentriert und schon nach den ersten Takten alle Menschen in den Zuschauerrängen und sämtliche Teilnehmer an der Absperrung ins Staunen versetzt.

Seither hat niemand es mehr gewagt, schlecht über Yuri zu reden, ganz im Gegenteil. Auf nationaler sowie internationaler Ebene geht das Gerücht um, dass Yuri dieses Jahr nicht nur in Bestform ist, sondern auch ein potentieller Anwärter auf den Grand Prix Sieg.  

Solche Nachrichten stellen für Yuri natürlich einen Motivationsschub dar. Er hat sich seine Unsicherheit beim ersten Wettbewerb in St. Petersburg nicht anmerken lassen, doch Daria hat diese genau gespürt. Allerdings ist er schon bald mit jedem weiteren Wettbewerb entspannter und zugleich ehrgeiziger geworden. Er wollte sich ständig selbst übertreffen, was ihm letzten Endes auch gelungen ist, sodass er einen neuen persönlichen Rekord aufstellen konnte.

Diesen möchte er nun, auf internationalem Eis, abermals brechen und Daria wird alles daran setzen, ihn dabei zu unterstützen. Yuri hat es nämlich verdient, von allen anderen Eisläufern außerhalb Russlands als ehrwürdiger Konkurrent anerkannt zu werden.

Doch am heutigen Tag fällt es ihr irgendwie schwer, die Trainerin zu sein, die sie bei den letzten Bewerben auf nationaler Ebene gewesen ist und die Yuri verdient hat. Denn sie fühlt sich nervös und aufgeregt.

Doch warum? Liegt es etwa an den vollen Tribünen und der schieren Masse an Zuschauern? Nein, schüttelt sie den Kopf. Sowohl sie als auch Yuri sind solche Menschenmengen gewohnt, egal ob nun in Russland oder woanders auf der Welt. Das Eislaufen erfreut sich einer zunehmend größeren Beliebtheit, was die gefüllten Zuschauerränge auch beweisen. Ein jeder Läufer genießt es, bejubelt zu werden und je lauter die Massen, umso motivierter sind die Läufer.

Kann es also sein, dass sie so nervös ist, weil sie in Frankreich sind und das an die Schweiz grenzt? Während des Fluges von St. Petersburg nach Frankreich hat sie sich oft gefragt, ob die plötzliche Nähe zu ihrer einstigen Heimat sie aufwühlen wird. Sie kann es sich nämlich nicht leisten, mit ihren Problemen aus der Vergangenheit konfrontiert zu werden. Schließlich ist sie nicht nach Frankreich gekommen, um hier Urlaub zu machen, sondern um Yuri als Trainerin in diesem Bewerb zu unterstützen.

Daher sollte sie sich auf ihn und nicht auf sich konzentrieren. Das gelingt ihr tagsüber auch, weil sie sich mehr oder weniger unaufhörlich den Kopf über Yuri und sein Wohlergehen zerbricht. Nur abends überkommen sie ihre Erinnerungen an die Schweiz und stimmen sie irgendwie traurig. Sie scheint Matthias näher denn je zu sein. Und trotzdem ist sie noch immer viel zu weit entfernt.

Daria atmet tief durch. Sie hat keine Zeit, darüber nachzudenken, wie lange es dauern würde, mit dem Zug in die Schweiz zu fahren und Matthias‘ Grab zu besuchen. Sie muss für Yuri da sein und das ist wahrlich wichtiger denn je, zumal Otabek genauso hier sein und auf demselben Eis laufen wird wie Yuri.

„Beruhige dich“, hört sie Yakovs Stimme. Er hat ihr eine Hand auf die Schulter gelegt und drückt sie leicht. „Yuri sollte nervös sein und nicht du.“

„Ich weiß“, antwortet sie leise. „Ich bin nur… etwas durch den Wind.“

„Warum? Ist ja nicht unser erster Bewerb in dieser Saison. Yuri ist schon in Russland gelaufen und hat sämtliche Bewerbe gewonnen. Es wird ihm auch hier gelingen.“

„Ich weiß. Aber das hier… ist nicht Russland. Es ist Frankreich. Es ist ein internationaler Wettbewerb und ich mache mir einfach Gedanken.“

„Weil du glaubst, dass die anderen besser sind als Yuri?“, fragt Yakov sie. Daria schüttelt schnell den Kopf und dreht sich zu ihm.

„Nein“, sagt sie entschlossen und schaut ihm tief in die Augen. „Die anderen sind nicht besser als Yuri. Sie sind gleich gut oder schlechter. Aber keinesfalls besser. Yuri ist nämlich in Topform. Er kann die Choreografie im Schlaf laufen und seine Technik sowie Haltung sind herausragend.“

„Worüber machst du dir dann Sorgen?“

Daria senkt den Kopf und betrachtet ihre Schuhe. Das dunkle Blau hebt sich deutlich vom roten Teppich ab, der rund um den Eisring verlegt wurde, sodass die Kufen der Läufer nicht beschädigt werden. Sie legt sich nachdenklich eine Hand in den Nacken und neigt den Kopf von links nach rechts.

Worüber macht sie sich tatsächlich Sorgen? Sie glaubt doch an Yuri. Sie weiß, dass er gewinnen kann. Darüber macht sie sich keine Gedanken, denn sein Programm ist herausragend. Selbst wenn er hier und da einen kleinen Fehler einbauen sollte, hätte er genug Punkte, um die anderen zu schlagen. Sein Programm ist nämlich höchst anspruchsvoll und wirklich schwierig zu laufen. Aber das besorgt sie nicht, denn sie hat Yuri nun beinahe ein ganzes Jahr lang betreut und ist sich seiner Stärken und Schwächen durchaus bewusst.

Liegt es also tatsächlich an seiner Konkurrenz? Sie schläft schließlich nicht und wird über den Sommer hinweg genauso trainiert haben, insbesondere Jean Jaques Leroy und Otabek Altin.

Daria spürt, dass ihr Herz einen Satz macht, als sie an Yuris Ex-Freund denkt. Sie hebt rasch den Kopf und schaut sich neugierig um. Doch sie kann den Kasachen nirgendwo finden.

„Wen suchst du?“, fragt Yakov sie.

„Otabek“, sagt Daria und streicht sich durch das dunkle Haar. Er ist es, der sie nervös macht. Otabek Altin und die Frage, wie Yuri auf ihn reagieren wird, wenn sie einander sehen. Bisher sind sie dem Kasachen noch nicht über den Weg gelaufen. Doch je näher sie dem Beginn des heutigen Kurzprogrammes kommen, umso größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass Otabek und Yuri aufeinandertreffen werden.

„Hm“, macht Yakov. Er legt seine zweite Hand an ihre freie Schulter und dirigiert sie aus der Halle in einen dunklen Gang, der zu den Umkleiden und Aufwärmräumen der Sportler führt.

„Hör mir zu“, fängt er streng zu reden an. „Was auch immer zwischen Yuri und ihm vorgefallen ist, hat dich in diesem Augenblick nicht zu interessieren. Ich weiß, dass du und Yuri Freunde seid und er dir bestimmt viel von ihm und dieser Trennung erzählt hat. Aber in diesem Augenblick, Dasha, bist du nicht seine Freundin. Du bist auch nicht so etwas wie seine große Schwester. Du bist seine Trainerin. Und als diese hast du die Aufgabe, ihn aufzubauen, ihn zu motivieren und all seine Sorgen und Bedenken von den Schultern zu nehmen, damit er vollkommen ruhig und entspannt aufs Eis gehen kann.“

Daria schaut in Yakovs dunkle Augen. Sein Blick ist eindringlich. Seine Worte klingen entschlossen.

„Als Trainerin ist es deine Aufgabe, Yuri zu betreuen und nicht umgekehrt. Er soll dir nicht anmerken, dass du dir Sorgen oder Gedanken machst. Darüber kannst du nach dem Bewerb mit ihm reden. Hier und jetzt braucht er dich. Als Stütze. Als Felsen in der Brandung. Vergiss deine Sorgen. Vergiss diesen Otabek. Du bist Yuris Trainerin und du bist für ihn da. Und zwar hier und jetzt.“

Daria schließt ihre Augen und senkt den Kopf. Sie atmet tief durch, bevor sie zaghaft nickt. Yakov hat recht. Sie darf sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, wie es ihr mit der Tatsache geht, dass Yuri auf Otabek treffen wird. Sie muss für Yuri da sein, ihm all seine Sorgen von den Schultern nehmen und dann ohne irgendwelche Bedenken oder Altlasten aufs Eis entlassen. Alles andere muss ihr im Augenblick egal sein.

„Ich weiß“, seufzt sie. „Yuri hat es vermutlich nicht leicht, weil ihm diese Sache im Hinterkopf schwirrt. Er hat es mir nicht gesagt, aber ich merke es ihm an. Er ist angespannt und das war er auch beim Training in den letzten Tagen.“

„Und gerade deswegen musst du ruhig bleiben und ihm beweisen, dass du dir keine Sorgen machst. Sonst wird er diese Schwingungen spüren und sich fragen, ob es sein könnte, dass du nicht an ihn glaubst. Solche Zweifel darf er auf dem Eis nicht haben. Und es ist deine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass er sie nicht hat.“

„Das ist leider leichter gesagt als getan“, kommt es von Daria. Sie wirft einen Blick zur Seite. Einige Fernsehleute laufen an ihnen vorbei und begeben sich auf ihre Plätze hinter den Kameras. Eine Schar an Sicherheitsleuten folgt ihnen. In der Halle wird es immer lauter. Bald wird der erste Teil dieses Bewerbs beginnen.

„Ein Trainer zu sein, bedeutet nicht nur, eine Choreografie zu erstellen und dafür zu sorgen, dass dein Schützling sie auch laufen kann“, sagt Yakov, der sie aus dem dunklen Gang drückt und mit ihr in Richtung der Trainingsräume für die Sportler geht. „Es bedeutet auch, mit psychischem Druck umgehen zu können und alles daran zu setzen, dass es Yuri mental gut geht und er auf diesen Wettbewerb vorbereitet ist. Und das ist er, nicht wahr?“

Daria schweigt, während sie über diese Frage nachdenkt. Yuri ist bereit. Ja. Er hat die vergangenen Monate über hart trainiert und steht der heutigen Konkurrenz in nichts nach. Er hat auch seine Unsicherheit in Bezug auf seinen Körper überwunden, denn seine Verletzungen von den vergangenen Saisonen scheinen ihm nicht mehr im Weg zu stehen, wenn er läuft. Die einzige unbekannte Variable, die Daria nicht einschätzen kann, ist Otabek Altins Anwesenheit. Allerdings darf sie sich das nicht anmerken lassen. Sie atmet tief durch und bleibt vor dem Trainingsraum stehen. Sie schaut Yakov entschlossen in die Augen.

„Er ist vorbereitet. Und er wird es allen zeigen“, sagt sie selbstsicher. Sie hat das Gefühl, dass sie nicht Yakov von sich überzeugen möchte, sondern sich selbst. Sie kann nur hoffen, dass es ihr auf diese Art und Weise gelingt.

„Gut“, erwidert Yakov, der die Tür zum Trainingsraum öffnet. In diesem kann sie einige bekannter Sportler und große Namen der Eislaufszene ausmachen. Doch die meisten nehmen sie nicht wahr. Sie sind tief versunken in ihre Musik und entspannen die wenigen, verbliebenen Minuten bis zum Beginn. Daria und Yakov gesellen sich schweigend zu Yuri. Er sitzt auf einer Bank und starrt in einen großen Spiegel. In seinen Ohren befinden sich Kopfhörer. Die Musik dröhnt durch diese hindurch. Daria und Yakov platzieren sich hinter ihm und legen ihm je eine Hand auf die Schulter.

„Noch zehn Minuten“, sagt Yakov, der auf die Eislaufschuhe deutet, die vor Yuri auf dem Boden liegen. Yuri erwidert nichts auf diese Aussage. Er greift einfach nur nach seinen Schuhen und schlüpft in sie hinein. Daria beobachtet ihn genau. Dabei entgeht ihr die Furche, die sich zwischen seinen Augenbrauen gebildet hat, nicht. Yuri ist nicht entspannt und vermutlich kann das jeder in diesem Raum sehen. Doch die anderen, inklusive Otabek, den sie bisher noch nicht ausgemacht hat, können ihm und ihr egal sein. Hier geht es einzig und allein um Yuri, der seine Schuhe mit einer routinierten Gewissenhaftigkeit bindet, welche Daria tief durchatmen lässt.

„Wir kommen gleich“, sagt sie an Yakov gerichtet. Sie bittet ihn stumm, sie und Yuri einen Augenblick lang alleine zu lassen, denn sie möchte von Angesicht zu Angesicht mit ihm reden. Dieses Mal aber nichts als beste Freundin, wie Yuri sie hin und wieder bezeichnet, sondern als Trainerin, die an ihren Schützling glaubt. Und das tut sie tatsächlich.

Otabek hin oder her – sie wird nicht zulassen, dass Yuris Wut auf diesen Mann ihn auf dem Eis unsicher werden lässt. Er hat in den vergangenen Monaten viel zu hart trainiert, um sich hier und heute von seinen Gefühlen einnehmen zu lassen, wobei das bis zu einem gewissen Grad nicht schlimm ist. Yuri darf wütend sein. Er soll wütend sein. Denn dieses Gefühl kann er auf dem Eis darstellen. Doch er sollte nicht unsicher sein, was er allerdings ist. Bloß versucht er es hinter einer griesgrämigen Grimasse zu verbergen. Yakov verlässt den Raum gefolgt von einigen Sportlern. Daria hingegen hockt sich vor Yuri, nimmt ihm die Schnürsenkel aus der Hand und fängt an, seine Schuhe für ihn zu binden.

„Hör mir zu“, sagt sie ruhig, aber mit einer gewissen Strenge in ihrer Stimme. Sie blickt nicht auf, weiß aber, dass Yuri ihr genau zuhört.

„Das hier und heute ist deine Chance, allen auf dem Eis zu beweisen, wer du bist und dass du niemals aufgibst, hast du verstanden? Du bist Yuri Plistetsky und ich glaube an dich. Es gibt keinen Grund, nervös oder unsicher zu sein, denn wir haben in den vergangenen Monaten viel zusammen erreicht. Ich weiß, was du kannst und ich weiß, dass du es kannst. Also will ich, dass du jetzt auf das Eis gehst und allen zeigst, dass man mit dir nicht spielt; dass man dich nicht unterschätzt. Lass deine Sorgen und deine Unsicherheit ruhig bei mir. Ich werde gut darauf aufpassen. Und deine Wut auf ihn… die lebst du auf dem Eis aus, hörst du?“

Erst nachdem sie zu Ende gesprochen hat, schaut sie auf. Sie blickt geradewegs in Yuris Augen, die ihren sehr nahe sind. Er hat sich, als sie das Binden seiner Schuhe übernommen hat, nicht gerade aufgesetzt, sondern ist gebückt geblieben. Daher kann sie seinen Atem auf ihrer Haut spüren. Sein Blick ist intensiv. Seine Mimik wirkt verärgert. Allerdings kennt Daria ihren Schützling und Mitbewohner mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass er lediglich böse schaut, wenn er konzentriert ist, es in Wahrheit aber nicht ist.

Sie atmet ruhig und löst den Blickkontakt nicht. Denn sie will Yuri damit zeigen, dass sie ihn nicht angelogen hat. Sie steht zu ihren Worten. Sie glaubt an ihn. Er wird es schaffen und sie alle staunen lassen – selbst Otabek.

„Verstanden“, kommt es ruhig von ihm. Er strafft seinen Rücken und atmet tief durch, bevor er sich aufrichtet und prüft, ob seine Schuhe straff genug sitzen. Als er meint, dass er so laufen könne, richtet sich Daria auf. Mittlerweile befindet sich außer ihnen niemand mehr im Raum. Daher deutet sie Yuri an, es den anderen gleich zu tun. Die Aufregung in der Halle kann man mittlerweile bis in den Trainingsraum vernehmen, genauso wie eine elektronisch klingende Stimme. Sie verkündet, dass der Wettbewerb in Kürze beginnt.

Als sie den Raum verlassen, lehnt Yakov mit verschränkten Armen ungeduldig an einer Wand. Er beäugt Yuri und sie prüfend, bevor er ihnen andeutet, ihm zu folgen. Sie legen die wenigen verbliebenen Meter zur Halle schnell zurück und werden von einer lauten Menschenmenge begrüßt, die es wohl kaum noch erwarten kann, sämtliche Teilnehmer des heutigen Wettbewerbs mit tobendem Applaus zu empfangen. Die elektronische Stimme stellt zunächst alle Teilnehmer und danach alle Juroren vor. Es sind wie jedes Jahr dieselben Namen zu hören, allerdings in unterschiedlicher Reihenfolge. Dasselbe gilt auch für die Läufer am heutigen Tag.

Den Beginn macht Michele Crispino aus Italien, gefolgt von Cao Bin aus China. Beide legen beeindruckende Choreografien hin, wobei Daria insbesondere Michele anmerkt, dass er mit seiner Technik zu kämpfen hat. Das intensive Training der letzten Monate gemeinsam mit Yakov an ihrer Seite hat ihre Augen auf viele Kleinigkeiten geschult. Solche Wettbewerbe führen ihr vor Augen, wie sehr sie als Trainerin gewachsen ist, denn viele Details hätte sie am Anfang dieses Jahres noch übersehen. Nicht so jetzt, was sie gelegentlich freut. Natürlich wünscht sie niemandem einen schlechten Lauf, doch es stimmt sie glücklich, sogleich zu wissen, was ein Läufer falsch gemacht hat, wenn ihm ein Sprung nicht gelingt oder eine Pirouette unsauber aussieht.

Daria wirft immer wieder einen Blick auf Yuri. Er achtet nicht auf die Läufer, die vor ihm aufs Eis dürfen. Mit geschlossenen Augen lauscht er bis kurz vor seinem Auftritt jenem Lied, zu welchem er nun laufen wird. In Gedanken geht er seine Choreografie mehrmals durch. Daria stört ihn nicht. Sie weiß, dass er rechtzeitig aufstehen und zu ihr kommen wird, wenn er aufs Eis muss. Diese wenigen Minuten vor seinem Auftritt braucht er einfach und sowohl sie als auch Yakov sind bereit, ihm diese zu geben.

„Ermutige ihn“, lauten Yakovs Worte an sie, als Yuri sich aufrichtet und seine Ohrstöpsel aus den Ohren nimmt. Cao Bin läuft noch immer, doch sein Kurzprogramm neigt sich dem Ende entgegen. Darias Herz pocht. Sie atmet einige Male tief durch, während sie Yuri dabei beobachtet, wie er unbeeindruckt von Cao Bins Performance seine Schuhe ein weiteres Mal prüft und sich anschließend aufrichtet. Als die Musik erlischt, entledigt sich Yuri seiner Sportjacke und reicht sie ihr. Dabei schaut er ihr nicht in die Augen.

Daria schweigt und begibt sich mit Yuri an die Seite des Eisrings. Erst als Cao Bin das Eis verlässt, darf Yuri dieses betreten. Er prüft das Eis, gleitet drei, vier Schritte von der Absperrung, dreht sich um und bleibt vor ihr stehen. Erst nun hebt er seinen Blick und schaut ihr geradewegs in die Augen.

Daria schweigt und betrachtet die grün-blauen Weiten ihres Schützlings. In ihnen kann sie viel sehen. Aufregung und Unsicherheit. Wut und Zorn. Vorfreude und Glück. Auch wenn sie selbst schon lange nicht mehr als Teilnehmerin auf dem Eis gestanden ist, ahnt sie, in welch einem Gefühlschaos er sich gerade befindet. Und genau dieses muss sie schlichten. Mit einem letzten Satz. Den richtigen Worten.

Eine zweite Chance hat sie nicht.

Daria breitet ihre Arme aus und drückt Yuri an sich. Obwohl sie weiß, dass Yuri es nicht mag, umarmt zu werden, macht sie es. Denn sie will ihm zeigen, dass sie an ihn glaubt, ihm vertraut und lieb hat, egal, was auch geschehen wird.

„Zeig ihm, was es heißt, Yuri Plistetsky zu verlassen“, flüstert sie ihm ins Ohr, als sie auf Abstand geht und ihm ein letztes Mal in die Augen schaut. In dieses kann sie Verwunderung erkennen. Vermutlich hat Yuri nicht damit gerechnet, dass sie ihm so etwas sagen wird. Allerdings scheint er nach und nach zu realisieren, was sie ihm gerade gesagt hat, denn ein schmales, dafür aber umso siegessichereres Grinsen stiehlt sich auf seine Lippen. Er nickt, drückt sich von der Absperrung ab und gleitet auf das Eis.

Daria schaut ihm lange nach. Auf ihren Lippen spiegelt sich dasselbe siegessichere Grinsen wider wie auf Yuris. Er wird es allen beweisen, insbesondere Otabek, welchen sie nun zum allersten Mal sieht. Er steht einige Meter von ihr entfernt an der Absperrung zum Eis. Mit einer monoton wirkenden Miene beobachtet er Yuri, der in Position geht. Ob ihr Schützling Otabek vor seinem Kurzprogramm noch hinter der Absperrung gesehen hat oder nicht, vermag sie nicht zu sagen. Doch das spielt keine Rolle, solange Yuri einen guten Lauf hinlegt.
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