Wintersonnenwende

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16 Slash
OC (Own Character) Yuri Plisetsky
09.02.2020
02.08.2020
27
110.811
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02.08.2020 3.784
 
Kapitel 26

St. Petersburg, Russland

Donnerstag, 20. Juni 2019

Mit auf dem Waschbecken gestützten Händen schaut Yuri in den teils beschlagenen Spiegel im Badezimmer. Seine Haare sind nass. Sie hängen ihm über die Schultern und einzelne Wassertropfen fallen von seinen Haarspitzen auf den Boden, wo sich eine kleine Pfütze bildet. Er mustert seine hellen Augen.

Seitdem er mit Daria aus Kovalovo zurückgekehrt ist, hat er nicht mehr das Gefühl, derselbe Mensch zu sein. Er kann es nicht in Worte fassen, doch er fühlt sich anders. Nicht mehr einsam, sondern in den Arm genommen. Aufgehoben. Geliebt. Gebraucht. Es ist ein Gefühl des Wohlbefindens, das er seit der Trennung von Otabek vor einem halben Jahr nicht mehr verspürt hat.

Eine Zeit lang hat Yuri angenommen, dass er dieses Gefühl niemals wieder vernehmen wird. Er hat schließlich seine erste Liebe und womöglich auch die Liebe seines Lebens verloren. Wie soll es ihm gelingen, jemals wieder einen Menschen zu finden, den er so sehr schätzt, so sehr braucht und so sehr liebt, wie es bei Otabek der Fall gewesen ist?

Die meiste Zeit über hat er dieses Gefühl der Einsamkeit und den daraus resultierenden Frust einfach verdrängt. Wann immer er gespürt hat, dass es langsam aus dem hintersten Eck seines Bewusstseins hervorkriecht und ihn mit der Tatsache konfrontieren möchte, dass er Otabek verloren hat, hat Yuri versucht sich abzulenken. Er ist in die Eishalle gegangen und hat trainiert. Er hat so laut Musik gehört, dass er seine eigenen Gedanken nicht mehr gehört hat. Oder er ist zu Mila in die Bar gegangen und hat getrunken. Bier um Bier. Wodkaglas um Wodkaglas.

Meistens ist es ihm auf diese Art und Weise gelungen, die Einsamkeit zeitweise zu verdrängen, damit er sich nicht mit ihr beschäftigen muss. Doch gelegentlich ist ihm das nicht gelungen. Dann hat dieses Gefühl die Oberhand über seinen Körper gewonnen. Seine Hände haben zu zittern begonnen. Seine Atmung ist flach geworden. Manchmal hat er sogar das Gefühl gehabt, keine Luft mehr zu bekommen. Dieses Gefühl der Einsamkeit und der Frust, die jedes Mal gewachsen und größer geworden sind, je öfter er sie heruntergeschluckt hat, haben eine Art unsichtbares Seil um seinen Hals gelegt und an diesem gezogen. Dadurch hatte er das Gefühl, an all seinen Emotionen zu ersticken.

Doch seit dem Ausflug nach Kovalovo und Darias Geschenk, hat sich etwas in seinem Leben verändert. Etwas, was dieses Gefühl der Einsamkeit nicht nur verdrängt, sondern dagegen ankämpft und Tag für Tag eine weitere Schlacht gewinnt. Es ist ihm lange nicht bewusst gewesen. Er hat noch nicht einmal mitbekommen, dass die Tage, an denen er keine Luft bekommen hat, weil die Einsamkeit ihn erwürgen und auf sich aufmerksam machen wollte, immer seltener geworden sind.

Doch letzten Sonntag, als er nach dem Ausflug in den Badezimmerspiegel geschaut hat, hat er es gesehen – oder sollte er besser sagen, dass er sie gesehen hat? Daria ist auf einmal hinter ihm gestanden und hat so wie in der Schneiderei ihre Hände an seinen Schultern gelegt, ihn sanft angelächelt und ihm zugenickt.

Yuri ist über ihr plötzliches Erscheinen erschüttert gewesen. Er hat nicht gehört, dass sie ins Bad gekommen ist. Schließlich hat sie das bisher nie getan und falls es doch dazu gekommen ist, dass sie etwas aus dem Badezimmer benötigt hat, als er in diesem gewesen ist, hat sie auf sich aufmerksam gemacht, sodass er es ihr zwischen Tür und Angel reichen konnte. Als er sich an jenem Abend umgedreht hat, um sie anzuschauen, ist sie nicht mehr da gewesen. Sie ist wie gewöhnlich auf dem Diwan gelegen und hat sein Trainingsvideo studiert.

Erst am nächsten Morgen ist ihm unvermittelt klar geworden, was er im Spiegel gesehen hat. Es ist zwar Daria gewesen, doch sie ist kein Mensch gewesen. Sie war schlichtweg die personifizierte Zuneigung, die er in den letzten Wochen und Monaten zu spüren bekommen hat. Ein Abbild dessen, was er fühlt. An diesem Morgen ist nämlich nicht nur Daria hinter ihm gestanden und hat ihm in die Augen geschaut. Er hat sogar Yakov und einen Tag später auch Mila gesehen. Sie sind alle im Spiegel gewesen und haben ihm mit stummen Blicken etwas vermittelt, das sein Herz wohl schon lange vor ihm gewusst hat.

Seitdem sieht Yuri sich nicht mehr so, wie er es einst getan hat. Er ist nämlich nicht mehr alleine. All seine Freunde und auch seine Familie stehen hinter ihm. Sie unterstützen ihn. Sie sind für ihn da und ermöglichen es ihm, seinen Traum zu leben.

Daher hat Yuri auch einen Entschluss gefasst. Er hört sich banal an, weshalb er ihn vermutlich mit niemandem teilen wird, doch er ist ihm persönlich wichtig. Er wird in der kommenden Saison die Meisterschaften gewinnen. Und das wird er nicht für sich tun, um sich selbst zu beweisen, dass er es noch immer kann, oder für seine Mitstreiter, um ihnen zu verdeutlichen, dass sie ihn nicht abschreiben dürfen.

Er wird Gold holen, um all jene zu würdigen, die an ihn glauben, ihm vertrauen und ihm beim Training geholfen haben. Wenn Yuri nämlich eine Sache aus seiner letzten verpatzten Saison mitgenommen hat, dann das, dass er alleine niemals dazu in der Lage wäre, Gold zu gewinnen. Es braucht viele unterstützende Hände, die einem ermöglichen, nach den Sternen zu greifen. Und genau das tun sie. Mila. Yakov. Sein Großvater. Und insbesondere Daria.

Er hat noch nie einen Menschen wie sie getroffen und er ist sich sicher, dass er auch nie einen Menschen wie sie in Zukunft treffen wird. Sie ist einzigartig und das auf ihre eigene Art und Weise. Yuri hat noch nie gesehen, dass jemand mit demselben Eifer und Ehrgeiz an seinen Programmen und seinem Training arbeitet, wie es bei Daria der Fall ist. Sie steht nicht nur morgens auf dem Eis und macht ihn auf seine Fehler in der Choreografie aufmerksam. Sie kümmert sich auch um seine Ernährung, seinen Trainingsplan und seine Ruhepausen. Sie arrangiert alles, was über den Verband läuft, kümmert sich um Anmeldungen und wichtige Informationen, denkt an seine Kostüme für die kommenden Bewerbe und sorgt sich um sein Wohlergehen. Manchmal hat Yuri das Gefühl, dass Daria sogar mehr macht als er selbst, denn letzten Endes steht er einfach nur auf dem Eis und macht das, was andere ihm sagen. Doch es stört ihn nicht, ganz im Gegenteil. Manchmal genießt er es sogar, all die Erwartungen und Vorstellungen seiner Trainer umzusetzen und zugleich zu versuchen, sich darin zu verwirklichen. Mit Yakov und Lilia ist es ihm schwergefallen. Aber mit Daria ist es irgendwie leicht.

Ein kurzes Lächeln huscht über seine Lippen, bevor er sich langsam aufrichtet. Seine langen Haare wickelt er in einen Handtuchturban auf dem Kopf. Seinen Körper hüllt er in einen Bademantel mit Tigermuster. Er verlässt das Bad, um im angenehm kühlen Wohnzimmer auf Daria zu treffen. Sie hält eine Hand im Nacken und neigt ihren Kopf von links nach rechts und rechts nach links. In ihrer anderen Hand hält sie ihr Handy. Sie telefoniert.

„Ja. Das sind tolle Neuigkeiten. Ich werde mich dann mit ihr treffen und alles Nötige besprechen. Und ja“, sagt sie, nickt und macht eine kurze Pause. „Habe ich schon gesehen. Ich werde es mit Yuri besprechen. Gut. Ja.“

Wieder erfolgt eine Pause.

„Gut. Dann sehen wir uns morgen. Bis morgen.“ Mit diesen Worten legt sie auf und nimmt gleichzeitig ihre Hand aus dem Nacken. Yuri beobachtet Daria mit zusammengekniffenen Augen. Normalerweise ist sie ein ruhiger Mensch, doch im Augenblick wirkt sie ein wenig aufgewühlt. Sie dreht sich einige Male nervös um ihre eigene Achse, als würde sie etwas suchen, es aber nicht finden.

„Wer war dran?“, fragt er ruhig. Er geht auf sein Fauteuil zu und lässt sich auf dieses fallen. Daria lässt er dabei nicht aus den Augen. Sie schreckt auf, als sie seine Frage hört und dreht sich verdutzt zu ihm.

„Das… Ja. Das war Yakov.“

„Was will er noch um diese Uhrzeit?“

„Äh… Er hat mir nur… also“, fängt Daria an. Doch sie scheint nicht zu wissen, wie sie weiter machen soll. Sie sucht nach den richtigen Worten, findet diese aber nicht und seufzt auf. Ihren Kopf lässt sie dabei hängen. Yuri kneift die Augen zusammen. Ob etwas passiert ist? Hat der Verband ihr etwas aufgebrummt? Will man ihm etwas aufzwängen?

„Yakov hat wegen Lilia angerufen“, sagt Daria nach einer langen Pause.

„Lilia?“

„Ja. Ich habe mit Yakov über deinen Vorschlag gesprochen und auch, wenn er nicht begeistert gewesen ist, hat er gemeint, dass er versuchen wird, mit Lilia zu reden. Also hat er sie angerufen und auch erreicht.“

Yuri schweigt. Er ist sich nicht sicher, was er davon halten soll. Ist es gut, dass Yakov Lilia um Hilfe gebeten hat? Will er das überhaupt? Ja. Er hat Daria am Sonntag gesagt, dass er mit diesem Gedanken spielt und sie hat gemeint, dass sie derselben Ansicht sei. Doch er hat nicht angenommen, dass sie sich so schnell mit Yakov und Lilia in Verbindung setzen wird, um diese ins Boot zu holen.

„Schau nicht so skeptisch. Lilia hat zugesagt“, verkündet Daria. Sie hat sich ein wenig beruhigt, denn sie sitzt mittlerweile entspannt auf dem Diwan.

„Tatsächlich?“, fragt Yuri, der seine Überraschung nicht verbergen kann.

„Ja. Sie hat gemeint, dass es ein paar Voraussetzungen gibt, aber sie generell bereit wäre, mit dir zu trainieren.“

„Was für Voraussetzungen?“

„Das wollte Yakov mir nicht sagen. Wir werden morgen darüber reden. Aber er hat anklingen lassen, dass ich mir keine Sorgen machen soll. Vermutlich wird es darum gehen, dass Lilia genügend Stunden bekommt, um wirklich mit dir trainieren zu können. Ich werde das dann aber mit ihr und Yakov klären, denn dein Pensum wird nicht überschritten werden. Du bist jetzt schon viel zu müde, obwohl du an das tägliche Training gewöhnt sein müsstest.“

„Hm“, macht Yuri und zuckt mit den Schultern. Es stimmt. Er fühlt sich an manchen Tagen wirklich erschlagen und kann es oftmals kaum erwarten, seinen freien Tag in der Woche in Anspruch zu nehmen, um sich zu erholen. Doch er trainiert nun mal gerne und in letzter Zeit sogar wesentlich gewissenhafter. Es geht nämlich schon sehr lange nicht mehr nur um ihn und seinen Erfolg. Daria und Yakov haben einen wichtigen Teil dazu beigetragen, weshalb er sie nicht enttäuschen möchte. Dafür legt er sich tagtäglich ins Zeug. Er hofft, dass es sich in der kommenden Saison bezahlt machen wird und er ausgezeichnete Ergebnisse erzielen kann, auf die nicht nur er, sondern auch Yakov und Daria stolz sein werden.

„Mach dir keine Sorgen um mich. Ich schaffe das schon“, versucht er Daria zu beruhigen. Doch sie schüttelt bloß ihren Kopf.

„Ich mache mir Sorgen und werde mir immer Sorgen machen. Das ist wohl so, wenn man eine Trainerin ist.“ Ein sanftes Lächeln stiehlt sich auf ihre Lippen. „Ich werde gut auf dich Acht geben. Das ist meine Aufgabe und ich gehe dieser Aufgabe sehr gerne nach. Also lass das mit Lilia meine Sorge sein. Dein Pensum wird nicht erhöht werden. Wir werden vielleicht nur einige Änderungen vornehmen und eventuell ein paar von Yakovs und meinen Stunden an Lilia übergeben. Aber ich werde das am Wochenende mit ihr besprechen.“

„Du triffst dich mit ihr?“

„Ja. Am Samstag. Yakov hat vorgeschlagen, mit ihr über dein Training und deine Ziele zu reden. Das könnte hilfreich sein. Ich hoffe, dass sie uns entgegenkommen wird.“

„Darauf würde ich bei Lilia nicht wetten.“

„Hm“, macht Daria. „Das habe ich mir schon gedacht. Aber keine Sorge. Ich werde sie ins Team holen und alles mit ihr klären. Mach dir keine Gedanken.“

Yuri schweigt und mustert Daria genau. Am liebsten würde er ihr sagen, dass er sich sehr wohl Gedanken macht. Er kennt Lilia und er weiß, dass sie von ihren Prinzipien nicht abweichen wird. Egal was Yakov und Daria auch sagen werden, wenn es nicht nach ihrem Kopf geht, wird Lilia einfach gehen.

Andererseits sollte man Daria nicht unterschätzen. Es ist ihr schließlich auch gelungen, ihn von sich zu überzeugen. Sonst wäre sie just in diesem Augenblick nicht bei ihm. Er würde vermutlich noch immer in dieser billigen Studentenabsteige leben und sich über seine Nachbarn ärgern, die deutschen Schlager hören und ihn unfreundlicherweise daran teilhaben lassen.

„Noch was“, unterbricht Daria seinen Gedankengang. Sie wirkt auf einmal sehr ernst, fast schon ein wenig besorgt. Liegt es an Lilia? Nein, denkt sich Yuri. Zuvor hat sie doch auch nicht so ein Gesicht gezogen.

„Hm“, macht er und deutet ihr an, dass sie weiterreden soll. Daria macht abermals eine lange Pause. Es wirkt, als müsste sie sich die richtigen Worte erst zurechtlegen.

„Heute sind von der ISU die Termine und Teilnahmen für die Grand Prix Bewerbe bekannt gegeben worden“, hört er sie nach einer gefühlten Ewigkeit sagen.

Yuri setzt sich gerade hin und strafft seine Schultern. Er spitzt die Ohren und mustert Daria. Sie erwidert seinen Blick mit ernster Miene.

„Und?“, fragt er. „Bin ich dabei?“

Daria nickt. „Bist du. In Frankreich und in Russland.“

Yuri senkt den Kopf, lässt Daria aber nicht aus den Augen. Das sind gute Neuigkeiten. Er ist bei den nächsten Meisterschaften also dabei. Dennoch wirkt Daria nicht zufrieden.

„Was noch?“, hakt er daher mit ernster Stimme nach. Über die Tatsache, dass er in seiner Heimatstadt Moskau laufen wird und sein Großvater womöglich als Besucher anwesend sein wird, kann er sich nicht freuen. Dafür ist Darias Gesichtsausdruck viel zu ernst.

„Otabek ist in Frankreich auch dabei“, kommt sie direkt zur Sache.

Yuri bleibt ruhig sitzen. Er versucht sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihn diese Nachricht aus dem Konzept bringt. Otabek. Auch wenn er ihn nicht vergessen hat und gelegentlich an ihn denkt, so bringt er ihn nicht mit dem Eislaufen in Verbindung. Es ist irgendwie seltsam, dass dies so ist, denn eigentlich sollte er jeden Tag, wenn er auf dem Eis steht, an seinen Ex-Freund denken. Doch er macht es nicht. Die Tatsache, dass er nun in Frankreich beim Grand Prix auf ihn treffen wird, erwischt ihn daher eiskalt. Es ist wie ein Schlag ins Gesicht. Alles in ihm zieht sich zusammen.

„Ich glaube, dass du es wissen solltest, damit du dich darauf vorbereiten kannst“, sagt Daria. Sie wirkt, im Gegensatz zu ihm, wesentlich entspannter, nachdem sie ihm diese Botschaft überbracht hat.

„Das bedeutet aber nicht, dass du ihn sehen oder dich mit ihm treffen musst“, fügt sie hinzu.

„Ich weiß“, kommt es wie aus der Pistole geschossen von Yuri. Er wendet seinen Blick ab und schaut aus dem Fenster. Weil es draußen dunkel ist, sieht er nicht viel. Er erkennt nur Darias Spiegelung in der Fensterscheibe.

„Wie geht es dir?“, fragt sie leise. Ihre Stimme klingt sanft. Fürsorglich. Sie macht sich wahrlich Sorgen um ihn.

„Weiß nicht“, antwortet er ihr ehrlich. Er weiß es tatsächlich nicht. Einerseits ist er irgendwie wütend. Er will Otabek nicht sehen und das schon gar nicht auf dem Eis. Er fragt sich, ob er überhaupt bereit ist, ihm nach so langer Zeit in die Augen zu schauen. Andererseits könnte es nichts Schöneres geben, als ihn zu schlagen und über ihm auf dem Treppchen zu stehen. Dann würde Otabek nämlich sehen, dass sich Yuri nicht kleinkriegen lässt und es ihm selbst nach einer Trennung gelingt, wichtige Bewerbe für sich zu entscheiden.

Yuri atmet tief durch. Er öffnet den Turban und streicht sich durch die nassen Haare.

„Irgendwie will ich ihn nicht sehen. Ich will nicht an ihn denken, will ihn nicht reden hören oder auf dem Eis laufen sehen. Ich will ihn vergessen. Aber dann… dann muss ich daran denken, was du gesagt hast“, fängt er ruhig zu reden an. „Dass ich ihn nicht vergessen soll, weil in unserer Beziehung nicht alles schlecht gewesen ist. Und das stimmt irgendwie auch. In letzter Zeit denke ich hin und wieder an ihn. Aber ich denke nicht mehr an das, was zu Weihnachten geschehen ist. Ich denke an das Gute… wenn es mir einfällt.“

„Das ist doch toll, oder nicht?“, will Daria von ihm wissen. Yuri zuckt mit den Schultern.

„Kann sein. Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass nicht alles schlecht gewesen ist und irgendwie ist das gut. Ich meine, du hast recht. Wenn alles nur schlecht gewesen wäre, warum hätte ich dann eine Beziehung mit ihm führen sollen? Aber dann fällt mir ein, dass trotz der guten Dinge die schlechten überwogen haben. Warum sonst hätte er sich von mir trennen sollen?“

„Hm“, macht Daria und senkt ihren Blick. Sie legt sich wie immer, wenn sie nachdenkt, eine Hand in den Nacken und neigt den Kopf nach links und rechts.

„Es ist in erster Linie gut, dass ihr auch gute Zeiten hattet und dass du diese nicht vergessen hast. Auch wenn es wehtut, daran erinnert zu werden, dass es aus ist, so ist es trotzdem schön, dass du dich an diese Zeiten erinnern kannst. Leider ist das Leben aber nicht immer so positiv, weißt du? Manchmal müssen Menschen schwere Zeiten durchleben. Ich wünschte, dass ich dir sagen könnte, warum das so ist. Aber ich kann es nicht, weil ich es selbst nicht weiß. Vielleicht liegt es daran, dass wir etwas im Leben lernen müssen. Dass wir wachsen müssen. Dass wir ganz unten ankommen müssen, um andere Dinge zu schätzen.“

Sie macht eine kurze Pause.

„Aber was ich weiß, ist eines: In diesen schweren Zeiten zeigt sich, wer für einen da ist, auf wen man sich verlassen kann und auf wen nicht. Und vielleicht… ist es nötig gewesen, dass du diese schweren Zeiten durchlebst, um jetzt zu wissen, an wen du dich wenden kannst, wenn es dir schlecht geht.“

Yuri schließt seine Augen und seufzt. „Ich weiß nicht, ob du damit recht hast, oder ob ich letztendlich ganz alleine Schuld daran bin, dass es nicht geklappt hat.“

„Warum solltest du daran Schuld haben? Er hat sich von dir getrennt, oder nicht?“

„Doch. Das schon. Aber ich bin ein Arschloch gewesen. Ich… habe mich schrecklich verhalten, was irgendwie kein Wunder ist. Ich konnte zwei Saisonen in Folge nicht laufen, dann hat es Ärger mit Lilia und Yakov gegeben, bis sie uns beide rausgeworfen hat. Meine Wohnsituation und die letzte Saison… Ich war nie ein besonders glücklicher Mensch. Du hast mich doch kennengelernt: Ich bin zu dieser Zeit unausstehlich gewesen. Was, wenn es ganz alleine meine Schuld ist, dass er sich getrennt hat? Was, wenn ich anders gewesen wäre? Wenn ich anders reagiert hätte?“

„Aber Yuri“, widerspricht ihm Daria, „wenn du anders reagiert hättest, dann wärst du nicht du selbst gewesen. Wenn du anders gewesen wärst, dann wärst du nicht Yuri gewesen, sondern… irgendwer sonst! Otabek sollte dich so lieben, wie du bist. Mit deinen guten und deinen schlechten Seiten. Im Leben wird es nicht immer nur rosig sein und du wirst ihm nicht immer nur deine guten Seiten zeigen können. Aber das ist in Ordnung. Das ist normal. So ist das Leben. Er muss dich auch mit deinen schlechten Seiten akzeptieren können, denn das bist du! Deine guten und schlechten Seiten zeichnen dich aus. Sie machen dich menschlich. Sie machen dich real. Sie machen dich zu dem, der du bist und in meinen Augen bist du ein großartiger Mensch. Vielleicht bist du nicht gerade die umgänglichste Person, wenn man dich das erste Mal trifft. Aber wenn man erst einmal dranbleibt und hinter die Fassade blickt, dann sieht man einen wundervollen, jungen Mann, der sich nicht verstellt, sondern ehrlich ist und zu dem steht, der er nun mal ist. Und wenn Otabek nicht damit leben kann, dann… ist er vielleicht nicht der Richtige.“

Yuri mustert Daria schweigend. Er weiß nicht, was er dazu sagen soll. Sie hat gerade viel über ihre Lippen gebracht und das meiste wird er wohl erst nach und nach verarbeiten können. Allerdings ist ihre Botschaft schon jetzt bei ihm angekommen und sie verstärkt das Bild, das er von ihr hat. Das Bild der personifizierten Zuneigung. Nun wird er Daria wohl jeden Tag im Spiegel hinter sich stehen sehen. Doch es wird ihn nicht stören, sondern ihn an ihre Worte denken lassen und hoffentlich sein Herz erwärmen, wie es nun der Fall ist.

„Yuri“, fängt Daria ruhig an. „Ich hoffe, dass du niemals wieder denken wirst, dass diese Trennung deine Schuld ist. Du hast eine schwere Zeit durchgemacht. Wir alle erleben so etwas und es ist wahrlich nicht leicht. Aber in diesen Zeiten zeigt sich, wer deine wahren Freunde sind. Wer zu dir steht. Wer bei dir bleiben wird. Und dann, wenn bessere Zeiten kommen werden, kannst du dieses Glück mit jenen teilen, die immer da gewesen sind. Und glaub mir eines: Es gibt nichts Schöneres auf der Welt, als sein Glück mit jemandem zu teilen, der sich wahrhaftig darüber freut, insbesondere wenn die Person weiß, wie tief unten du gelegen bist und wie hoch oben du jetzt stehst und stehen wirst. Und ich glaube daran, dass du in der nächsten Saison ganz weit oben sein wirst. An der Spitze. Denn du bist Yuri Plisetsky.“

Yuri presst seine Lippen zusammen. Er hält den Blick gesenkt. Warum hören sich Darias Worte immer so ehrlich und zugleich liebevoll an? Auch wenn sie ihm die Wahrheit sagt und sie manchmal nicht leicht zu verkraften ist, präsentiert sie diese in einem Blickwinkel, sodass Yuri etwas Positives in all dem sieht, was ihm widerfahren ist. Das muss wohl eine Gabe sein. Eine Gabe, die nur besondere Menschen wie Daria besitzen.

Er atmet tief durch und streicht sich müde über das Gesicht.

„Ich glaube, dass ich einfach etwas Zeit brauchen werde. Also, wegen der Sache mit Otabek. Aber ich werde antreten. In Frankreich. Ich werde antreten und allen zeigen, was ich kann. Denn du hast recht: Ich bin Yuri Plisetsky. Und ich habe eine tolle Trainerin, dank der ich ganz oben stehen werde. Ich werde es dir beweisen. Ich werde den Grand Prix dieses Jahr gewinnen. Ich werde Gold holen. Für dich und mich. Das verspreche ich dir.“

Yuri schaut Daria tief in die Augen. In ihrem vertrauten Blau spiegelt sich Verwunderung wider. Sie hat mit diesen Worten wohl nicht gerechnet. Doch Yuri steht dazu und wird sie nicht zurücknehmen. Er wird ganz oben stehen und diese verfluchte, goldene Medaille für sie und sich nach Hause holen. Nach all den Tiefpunkten, die sie beide erreicht haben, wird es Zeit, mal wieder ganz oben zu stehen.

„Yuri“, sagt Daria leise. Er schüttelt den Kopf und hindert sie am Weitersprechen.

„Sag nichts. Mein Entschluss steht fest. Ich hole uns Gold. Das wird unser Ziel sein und niemand, nicht einmal Otabek, wird uns davon abhalten. Das verspreche ich dir.“

Er nickt Daria zu, um seine Worte zu unterstreichen.

Sie schweigt. Vermutlich ist sie noch immer ein wenig perplex. Aber nach und nach zeichnet sich ein warmes Lächeln auf ihren Lippen ab. Es ist ehrlich und bringt ihn ebenfalls zum Grinsen.

„Abgemacht“, sagt sie leise. „Wir holen uns Gold. Und niemand wird sich uns in den Weg stellen.“

„Versprochen“, erwidert er.
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