Wintersonnenwende

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
OC (Own Character) Yuri Plisetsky
09.02.2020
20.09.2020
34
134.529
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26.07.2020 6.537
 
Kapitel 25

Kovalovo, Russland

Sonntag, 16. Juni 2019

Eigentlich wollte Yuri heute nicht das Haus verlassen. Seitdem er aufgestanden ist, hält sich seine Motivation, überhaupt einer Tätigkeit nachzugehen, in Grenzen. Vermutlich ist Darias Aussage, dass sie eine Überraschung für ihn hätte, gepaart mit ihrem Blick, in welchem eine stumme Bitte – oder gar Aufforderung? – lag, der Grund dafür gewesen, weshalb er sich vom Diwan geschält, umgezogen und mit ihr zusammen zum Bahnhof begeben hat, um in den Zug zu steigen und St. Petersburg zu verlassen. Womit sie ihn überraschen möchte, weiß Yuri nicht. Sie hat ihm nicht sonderlich viel verraten, außer dass sein Geschenk nicht zu ihm kommen kann, weshalb er eben zu seinem Geschenk gehen muss.

Anfangs hat er angenommen, dass sie irgendetwas Spannendes gefunden hat. Ein architektonisches Gebäude, was sie ihm zeigen möchte, weil es ihn inspirieren könnte. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass er zu dieser Überraschung fahren muss und die Überraschung nicht zu ihm kommen kann. Doch je länger sie unterwegs sind, umso sicherer ist er sich, dass ihre Überraschung mit keinem bekannten Bauwerk zusammenhängt, sondern es sich um etwas vollkommen anderes handeln muss. Doch bisher weiß er nicht, was das sein könnte.

Stattdessen sitzt er in diesem provinzialen Zug und distanziert sich von St. Petersburg. Sein Kopf ist gegen die kühle Scheibe des Fensters im Wagon gelehnt. Mit müdem Blick schaut er aus diesem. Die Landschaft zieht schnell an ihm vorbei. Doch das stört ihn nicht. Es gibt nichts Spannendes, was er näher betrachten möchte, denn alles, was er sieht, sind langweilige Ortschaften, einige kleinere Fabrikhallen sowie großer Felder, die sich gen Horizont erstrecken und in voller Blüte stehen. Die Sonne strahlt erbarmungslos vom Himmel und blendet ihn gelegentlich, sodass er sich abwenden muss. Dann schaut er auf Daria. Sie sitzt ihm gegenüber und tippt konzentriert auf ihrem Tablet. Vermutlich analysiert sie mal wieder sein Training, um morgen mit ihm an jenen Sachen zu arbeiten, die in ihren Augen nicht perfekt sind.

So sind die letzten zwei Monate wie im Flug vergangen. Vormittags hat er mit Daria sein neues Programm trainiert. Sie hat es erst kurz nach Katsudons und Viktors Eisshow fertiggestellt und ihm gezeigt. Er ist genauso beeindruckt gewesen wie das erste Mal. Auch dieses Mal hat sie ihn eiskalt erwischt und das nicht nur mit der Choreografie, die wahrlich fantastisch, wenn auch unglaublich anstrengend ist. Sie hat ihn auch erneut in einen Bann gezogen, den er nicht in Worte fassen kann. Er weiß nur, dass er seine Augen nicht von ihr nehmen konnte, als sie gelaufen ist und ihm gezeigt hat, was sie sich vorstellt.

Am Abend hat er meistens mit Yakov an seiner Technik gearbeitet. Er ist genauso streng gewesen wie Daria es jeden Vormittag ist. Immer wieder hat er dieses und jenes kritisiert, bis Yuri es so umgesetzt hat, wie sein Trainer es wollte. Anfangs hat es ihn gestört, doch nach und nach ist ihm bewusst geworden, dass sowohl Daria als auch Yakov es nur gut meinen. Sie wollen, dass er die nächsten Meisterschaften für sich entscheidet und das wird ihm nur gelingen, wenn er keinen einzigen Fehler macht.

Daher hat er sich bald nicht mehr daran gestört, von ihnen kritisiert zu werden. Er hat genau zugehört, versucht ihre Kritik zu verinnerlichen und sie dann umzusetzen, was ihm mittlerweile immer öfter gelingt. Deswegen sind Yakov und Daria in den letzten Tagen während der Trainings immer ruhiger geworden. Sie kritisieren ihn nicht mehr, sondern scheinen mit seiner Leistung zufrieden zu sein.

An den Wochenenden hat Mila ihn zuerst nur gelegentlich, dann aber immer öfter zum Ballett geschleppt. Er ist von dieser Idee nicht begeistert gewesen und hat schon vom ersten Tag an gewusst, dass er mit dieser seltsamen Lehrerin in der Ballettschule auf keinen grünen Zweig kommen wird. Natürlich ist sie von seiner Beweglichkeit begeistert gewesen – und zwar so sehr, dass sie ihm das Angebot gemacht hat, in ihrer Show aufzutreten. Doch er hat abgelehnt und das aus einem mehr als nur seltsamen Grund: Lilia.

In der Ballettschule hat er oft an sie gedacht. Manchmal hat er sogar angenommen, ihre Stimme in seinem Kopf zu hören. Dann hat sie mit ihm geschimpft und ihm gesagt, wie schlecht er doch geworden sei. Das hat ihn anfangs mehr als nur irritiert, weshalb er nicht mehr zum Ballett gehen wollte. Doch je länger er darüber nachgedacht hat und je öfter Mila ihn mitgeschleift hat, umso bewusster ist ihm geworden, dass er nicht auf Mila, Lilia oder diese langweilige Lehrerin wütend ist, sondern ganz allein auf sich und seinen Körper. Er hat nachgelassen und das gefällt ihm nicht.

Daher spielt er seit einigen Wochen mit den Gedanken, sich bei Lilia zu melden. Sie ist streng gewesen und er fragt sich tatsächlich, ob er sich all diese Qualen, mit ihr zu trainieren, erneut antun möchte. Doch er muss zugeben, dass er mit ihr als Ballettlehrerin wirklich gute Erfolge erzielt hat und so gelenkig wie noch nie in seinem Leben gewesen ist. Das ist ihm nicht abhandengekommen. Er ist lediglich eingerostet. Lilia könnte ihm helfen, wieder in Topform zu kommen, was angesichts der von Daria erwarteten Musikalität und Darbietung nur von Vorteil wäre.

Yuri schließt seine Augen. Nun, nachdem er die Schule mit erstaunlicherweise guten Noten abgeschlossen hat, könnte er sich tatsächlich voll und ganz dem Eislaufen verschreiben und darunter auch Lilias Training. Zwischen dem Vormittagstraining und dem Abendtraining ist er meistens zu seinem Privatlehrer gefahren, der mit ihm für die Abschlussprüfung gelernt hat. Auch wenn Yuri nicht immer bei der Sache gewesen ist und meistens vom Training mit Daria zu müde gewesen ist, um überhaupt noch zuzuhören, hat er trotzdem sein Bestes gegeben, um seine Trainerin nicht zu enttäuschen. Dass er nicht mit Auszeichnung bestehen wird, ist ihm von Anfang an klar gewesen. Doch er hat einen guten Abschluss geschafft, auf welchen er irgendwie stolz ist und Daria auch. Das hat sie ihm am Zeugnistag auch gesagt.

Ein kurzes Grinsen huscht über seine Lippen.

„An was denkst du?“, wird er von Daria aus seinen Gedanken gerissen. Er öffnet die Augen und schaut sie an. Sie hat in den letzten Monaten abgenommen und das sieht man ihr auch im Gesicht deutlich an.

„Hm. Nichts Bestimmtes. Nur an meinen Abschluss und…“, sagt Yuri, bevor er eine Pause macht. Er wendet den Blick ab und schaut erneut aus dem Fenster. Der Zug fährt langsam in den Bahnhof einer unscheinbar wirkenden Ortschaft ein und bleibt stehen. Noch müssen sie aber nicht aussteigen.

„Und?“, hakt Daria ruhig nach.

„Und… ich habe mich gefragt, ob ich vielleicht mit Lilia reden soll.“

„Lilia?“, fragt sie überrascht nach. Yuri schaut auf Daria. Sie hat ihre Augen vor Verwunderung ein wenig geweitet. Trotzdem erscheint ihre Miene ruhig, ein wenig verschlafen.

„Hm“, nickt Yuri und spitzt nachdenklich die Lippen. „Du trainierst mich in Sachen Darbietung und hast meine Choreografie zusammengestellt. Yakov trainiert mich in Sachen Technik. Aber irgendetwas fehlt mir und ich bin dank Mila auch draufgekommen, was es ist.“

„Lilia?“

„Ja und nein. Es ist eher ihr Training, das mir fehlt. Ballett.“

„Du gehst doch am Wochenende mit Mila zum Ballett. Genügt dir das nicht?“

„Ich mag die Lehrerin nicht“, sagt Yuri und strafft unbewusst seinen Rücken. Er schaut Daria geradewegs in die Augen. „Sie denkt, dass das, was ich kann, gut ist. Aber ich weiß, dass ich mehr kann und sie sollte mehr von mir verlangen. Das tut sie aber nicht. Lilia würde es aber machen. So anstrengend sie auch sein kann, ihr Training hat gefruchtet. Meine Haltung ist besser gewesen und ich glaube, dass das immer eine meiner großen Stärken gewesen ist.“

„Hm“, macht Daria, die ihren Blick senkt. Sie schaut auf das Tablet in ihren Händen. Ihre Hand legt sich in den Nacken, bevor sie den Kopf nachdenklich nach links und rechts neigt.

„Da gebe ich dir recht. Deine Haltung ist in der Vergangenheit immer tadellos gewesen. Da gibt es nichts zu beanstanden. Ihr Training hat sich ausgezahlt.“

„Das hat es. Sie war eine anstrengende Person und ihr Training war hart, aber es hat sich ausgezahlt. Ich weiß, dass ich damals, also noch vor drei Jahren, allen anderen in Sachen Haltung vieles voraus gewesen bin. Wenn ich jetzt gegen alle anderen ankommen will, dann muss ich noch besser werden, als ich vor drei Jahren gewesen bin. Und das könnte mir gelingen. Mit Lilia.“

„Wird das nicht zu viel? Du trainierst vormittags mit mir und abends mit Yakov. Willst du wirklich noch mit Lilia trainieren? Dein Körper braucht eine Pause, Yuri. Ich weiß, dass du das nicht gerne hörst, aber solche Sonntage, an denen du nicht läufst und auch sonst keinen Sport machst, sind wichtig. Für Körper und Seele“, betont Daria. Dabei schaut sie ihm eindringlich in die Augen.

Yuri weiß, dass er nicht übertreiben darf. Sein Körper ist in guter Form und vermutlich würde er die ein oder andere Ballettstunde noch schaffen. Aber er wäre sehr bald an einer Grenze, die er nicht überschreiten darf, weil dann die Gefahr besteht, dass er sich wieder verletzt oder gar zu müde für die kommende Meisterschaft sein wird. Das darf er einfach nicht riskieren, schließlich will er in der nächsten Saison allen beweisen, dass man Yuri Plisetsky nicht abschreiben darf. Wenn er sich aber verletzen würde oder er nicht in Topform ist, weil er vom Training schlichtweg zu müde ist, würde er sein persönlich gestecktes Ziel nie erreichen.

„Ich weiß“, gibt er nachdenklich von sich. Es wird ruhig zwischen ihnen. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach. Während er aus dem Fenster schaut, ruht Darias Blick auf ihm.

Obwohl er keine Gedanken lesen kann, kann er sich bereits denken, was ihr durch den Kopf geht. Sie ist von seiner Idee, Lilia um Hilfe zu bitten, bestimmt nicht angetan. Einerseits liegt das daran, dass sie nicht will, dass er sich überanstrengt. Er soll gewissenhaft trainieren, aber seine Grenzen nicht überschreiten, weil er sich dadurch verletzen könnte. Einen weiteren Saisonausfall würde er mental vermutlich nicht verkraften. Andererseits muss es für Daria wie ein Schlag ins Gesicht sein. Als würde er ihr sagen, dass sie keine gute Arbeit leistet und er Lilia als Trainerin bevorzugt.

Das stimmt aber nicht. Wenn er sich zwischen ihnen entscheiden müsste, würde er sich immer für Daria entscheiden, denn die Choreografien, die sie für ihn zusammengestellt hat, haben seine kühnsten Erwartungen übertroffen. Sie ist zudem streng und gewissenhaft. Sie investiert viel Zeit in sein Training und das nicht nur dann, wenn sie mit ihm auf dem Eis steht. Auch Zuhause zerbricht sie sich oft den Kopf über ihn und seine Darbietungen. Er kann sie vor seinem inneren Auge sehen. Sie sitzt dann mit einer Hand im Nacken auf dem Diwan, studiert einige Videos und kritzelt gelegentlich in ihrem Block. Er hat Lilia noch nie so etwas tun gesehen und schon gar nicht für ihn.

„Ich werde mit ihr und mit Yakov reden“, kommt es plötzlich von Daria. Yuri schaut sie an. „Es wäre sicherlich gut, wenn wir an deiner Haltung und Beweglichkeit noch etwas arbeiten. Dann werden die Übergänge schöner sein und die Figuren ebenfalls. Aber das Trainingspensum wird nicht erhöht. Es bleibt bei dem, was du machst und wie viel du machst. Vielleicht können wir aber variieren, dass Yakov und ich eine Stunde in der Woche hergeben und du dann mit Lilia trainierst.“

„Wirklich?“, kommt es verdutzt über Yuris Lippen.

„Ja. Wirklich. Ich glaube, dass dir das helfen wird und ich schätze Lilia als erfahrene und wirklich talentierte Primabellerina. Sie kann dir sicherlich helfen, wenn du ihre Hilfe auch willst.“

Yuri schaut Daria lange an. Er weiß nicht, was er sagen oder machen soll. Er hat mit solch einer Antwort nicht gerechnet. Wie auch? Muss es sich nicht wie ein Schlag ins Gesicht anfühlen, dass er Daria erzählt, er würde gerne mit Lilia trainieren? Trotzdem ist sie bereit, ihre Trainingsstunden mit seiner ehemaligen Ballettlehrerin zu teilen, obwohl noch nicht einmal feststeht, ob Lilia ihn überhaupt trainieren wird.

„Was schaust du mich denn so an?“, fragt Daria. Ein teils amüsierter Unterton liegt in ihrer Stimme.

„Ich bin nur überrascht. Ich habe nicht damit gerechnet, dass du zustimmen würdest.“

„Warum? Weil es sich nicht gehört, seine Trainerin darum zu bitten, eine andere Trainerin ins Team zu holen?“

Yuri öffnet den Mund, um ihr recht zu geben. Doch er schließt ihn schnell wieder, als ihm in den Sinn kommt, dass dies vermutlich eine rhetorisch gestellte Frage ist. Daria lacht auf.

„Yuri, ich werde weiterhin deine Trainerin bleiben, dich ausbessern, wenn mir etwas auffällt, und mit dir schimpfen, wenn du denselben Fehler immer und immer wieder machst. Aber ich bin auch nicht perfekt und habe meine Defizite. Ich gebe es zu. Deswegen ist es in Ordnung, wenn du jemanden ins Boot holen möchtest, der dir bei den Dingen helfen kann, bei denen ich nur durchschnittlich bin. Was meinst du, warum ich Yakov so dankbar bin, dass er ein genaues Auge auf deine Technik wirft? Und ich werde Lilia sicherlich auch dankbar sein, wenn sie mit dir an deiner Haltung arbeitet.“

„Solltest du nicht böse sein, weil ich dir das Gefühl gebe, nicht zu genügen?“, fragt er leise nach. Er weiß nicht, ob er das nun hätte sagen sollen oder nicht. Es ist schneller über seine Lippen gekommen, als er reagieren hat können. Daher verspürt er bereits im nächsten Augenblick das Bedürfnis, sich für seine Dummheit selbst zu schlagen.

„Weißt du, Yuri“, hört er Daria sagen. Ein sanftes Lächeln umspielt ihre Lippen. „Wenn ich anfangen würde, so zu denken, dann würde ich binnen weniger Tage in diesem dunklen Loch sitzen, in dem ich nach Matthias‘ Tod gesessen bin. Deswegen darf ich mir solche Dinge nicht allzu sehr zu Herzen nehmen, sondern muss sie rational sehen. Hier geht es nicht darum, dass du mich nicht willst. Und ich glaube auch nicht, dass du mir mit diesen Worten sagen möchtest, dass ich dir nicht genüge. Hier geht es um dein Ziel. Um deinen Traum. Du willst wieder ganz oben stehen und an diesem Strang ziehen wir. Wir alle. Also darf ich dir nicht im Weg stehen, sondern werde dich dabei unterstützen und ja. Du hast recht, wenn du sagst, dass Lilia eine strenge, aber gute Trainerin ist. Sie wird dir viel zeigen können. Dinge, die ich nicht so gut kann und so genau weiß wie sie. Aber es gibt Dinge, die Lilia nicht weiß und die wiederum werde ich dir dann zeigen. Am Ende zählt nämlich nur eines: Dass du all unser Wissen kombinieren und es in einer einmaligen Darbietung aus Eis bringen kannst.“

Yuri schweigt. Er hat mit vielem gerechnet, aber nicht mit einer solch logischen Antwort, die sich zugleich sehr ehrlich anhört. Ob das eine Art ist, die Daria sich in Russland angeeignet hat, um nicht in dieses dunkle Loch zu fallen, in dem sie davor gewesen ist?  Und sollte er sie nicht bei dieser Denkweise unterstützen? Warum stellt er also eine dermaßen dumme Frage, die ihr womöglich wehtut?

„Es tut mir leid“, sagt er leise und wendet sich ab.

„Hm?“, macht Daria. „Was tut dir leid? Es gibt doch nichts, was dir leidtun müsste!“

„Doch. Ich hätte das nicht sagen sollen. Zumindest nicht so.“

„Aber Yuri, es ist nicht schlimm! Du hast mir nur gesagt, was dir auf dem Herzen liegt und das ist in Ordnung! Wirklich! Es bedeutet mir nämlich viel, dass du so offen mit mir redest. Es zeigt mir, dass du mir vertraust.“

„Und das tue ich auch. Ich vertraue dir und das in jeglicher Hinsicht. Ich glaube, dass nämlich noch nie jemand so viel Zeit und Arbeit in mich und das Eislaufen investiert hat wie du. Deswegen… deswegen vertraue ich dir. Und auch, weil du meine beste Freundin geworden bist… oder so. Also will ich dich nicht verletzen und mit dieser Aussage habe ich das getan.“

„Hast du nicht“, entgegnet Daria schneller, als er überhaupt weitersprechen kann. „Du hast mir gesagt, dass du an deiner Haltung arbeiten willst und dass Lilia das gut kann. Also werde ich mit Lilia reden und versuchen, etwas zu arrangieren. Hier geht es nämlich nicht darum, ob du mir vertraust oder nicht. Ich weiß nämlich, dass du es tust, in Ordnung? Würdest du das nicht tun, dann wäre ich schon längst nicht mehr hier.“

Yuri schaut auf Daria. Ihre Stimme klingt ruhig. Ihr Blick ist ernst. Sie steht hinter dem, was sie sagt.

„Aber ich bin hier, weil du mir vertraust. Weil du der Ansicht bist, dass ich dir helfen kann. Weil ich wichtig für dich bin. Weil ich deine Trainerin bin. Und als diese muss ich so ehrlich zu mir sein und mir eingestehen: Ja, ich habe Defizite. Und wenn es jemanden gibt, dessen Stärken meine Defizite sind, dann ist es meine Aufgabe als Trainerin, diese Person herzuholen und sie dazu zu bringen, dich zu unterrichten. Denn dein Sieg, dein Wohlbefinden und deine Entwicklung sind das einzige, was für mich als Trainerin zählt! Und als Freundin…natürlich noch viel mehr. Als werde ich alles tun, damit du gut vorbereitet, sicher und zufrieden aufs Eis zurückkehren und es allen beweisen kannst. Das hast du verdient, ja?“

Yuri senkt seinen Kopf. Er ist beschämt und zugleich ein wenig verärgert. Wie kann Daria nur so über ihn denken? Warum ist es ihr so wichtig, dass es ihm gut geht? Sie könnte nur ihren Job als Trainerin machen, aber das tut sie nicht. Sie erledigt so viel mehr für ihn und das nicht nur als Mitbewohnerin, sondern auch als beste Freundin – nein. Als so etwas wie seine große Schwester, die er nie hatte.

Sie müsste das nicht machen. Sie müsste nicht hier sein, ihm Choreografien zusammenstellen, täglich mit ihm auf dem Eis stehen und trainieren und dann am Abend seine Fortschritte analysieren und an seinen Schwächen arbeiten. Sie könnte in der Schweiz sein, dort mit Josef und Chris arbeiten, die so etwas wie ihre Familie sind. Sie könnte vielleicht sogar ihre kleine Schwester in Berlin besuchen und sich mit ihr aussprechen.

Aber das macht sie nicht. Daria sitzt in genau diesem Moment ihm gegenüber und mustert ihn mit einem Blick, den er nicht einordnen kann. Es ist nicht der Blick, mit welchem zwei Liebende einander mustern. Es ist auch nicht der Blick einer fürsorglichen Mutter. Allerdings ist es mehr als der aufbauende Blick einer guten Freundin. Es ist so etwas wie ein Blick, den eine große Schwester einem kleinen Bruder schenkt, wenn sie ihm stumm sagen will: Ich glaube an dich, ich vertraue dir und ich hab dich lieb.

Yuri spürt, dass sich seine Wangen ein wenig rot verfärben. Er wendet sich daher beschämt ab und rümpft die Nase. Sie soll ihn so nicht ansehen. Das macht ihn peinlich verlegen und irgendwie unsicher. Er will vor ihr nicht schwach sein, auch wenn er weiß, dass er schwach sein darf und es bereits gewesen ist. Aber in genau diesem Moment ist es ihm doch unangenehm, auch wenn er nicht genau beschreiben kann, warum das der Fall ist.

Liegt es etwa daran, dass er dieses Gefühl nicht kennt? Dass er es bisher noch nie empfunden hat? Oder an diesem Blick, den ihm bisher nur eine einzige Person zugeworfen hat und das ist sein Großvater gewesen? Ja. Sein Großvater und Daria sind irgendwie die einzigen gewesen, von denen er diesen Blick je geschenkt bekommen und die Worte gehört hat, dass sie an ihn glauben und ihm vertrauen. Noch nicht einmal Yakov hat das zu ihm gesagt, obwohl sie mittlerweile so lange zusammenarbeiten. Jedoch kann sich Yuri nicht vorstellen, dass Yakov diese Worte jemals in den Mund nehmen wird. Er drückt seine Freude und Zuneigung vollkommen anders aus, indem er beispielsweise Daria ins Team geholt und ihm somit geholfen hat. Wäre er Yakov egal, hätte dieser sich nicht die Mühe gemacht, Daria aus der Schweiz nach Russland zu holen und als Trainerin anzustellen. Vielleicht ist es eine seltsame Aktion gewesen, die er anfangs nicht gebilligt und als Verhöhnung aufgefasst hat. Doch mittlerweile glaubt er, dass Daria wohl seit langem das beste Geschenk ist, das ihm je gemacht wurde.

„Wir sind da. Los. Lass uns aussteigen. Und mach dir keine Gedanken über Lilia oder die Tatsache, dass ich deine Worte falsch auffassen würde. Ich weiß nämlich, dass du es nicht so gemeint hast.“

Yuri schaut auf Daria. Sie hat sich mittlerweile aufgerichtet. Ihre Lippen ziert ein ehrliches, sanftes Lächeln, welches ihn dazu bringt, die Augen ein wenig zu weiten und seine Lippen einen Spalt breit zu öffnen.

Der Frühling und kommende Sommer scheinen Daria wirklich gut zu tun. In diesem warmen Licht, das durch die Zugfenster fällt, und mit diesem ehrlichen Lächeln auf den Lippen wirkt sie nicht mehr wie die gebrochene Frau zu Anfang des Jahres. Ganz im Gegenteil, sie scheint vollkommen normal zu sein. Irgendwie lebhaft, trotz der Tatsache, dass sie ein ruhiger Mensch ist. Irgendwie glücklich. Irgendwie schön und das auf ihre ganz eigene Art und Weise.

Yuri richtet sich langsam auf und verlässt das Abteil. Der Zug hält an einem weiteren unscheinbar wirkenden Bahnhof. Als er aus dem Waggon des klapprigen, verrosteten Vorortzugs steigt, wird er sogleich von der grellen Junisonne geblendet. Er hält sich eine Hand an die Stirn, damit sich seine Augen an das helle Licht gewöhnen. Nach und nach kann er erkennen, in welcher Einöde er gelandet ist.

Der Bahnhof ist in seinen Augen kein richtiger Bahnhof. Es gibt noch nicht einmal ein Schild, auf welchem steht, wo er sich gerade befindet. Nur eine betonierte Plattform und ein langer weißer Strich am Boden symbolisieren, dass dieser Ort eine Haltestelle für Züge darstellt.

Alles um ihn herum ist grün und blüht. Ein vertrauter Grasgeruch längst vergangener Picknick-Ausflüge weht in seine Nase. Der erfrischende Juniwind trägt viele Erinnerungen aus jener Zeit in Moskau mit seinem Großvater zu. Spitzt er die Ohren, so kann er sogar das Trällern von Feldlärchen hören. Die Schienen verlaufen wie mit dem Lineal gezogen entlang der Ebene. Die Wäldchen mit ihrem dunklen Grün wirken fern wie Papierknäul. Die das Sonnenlicht blitzend reflektierenden Schienen verschwinden in den dichten Schichten von Grün. Ganz gleich, wie weit er fahren würde, diese Landschaft würde sich ewig fortsetzen.

Keine Wolke ist am Himmel zu sehen, und doch ist alles von einem frühsommerlichen, zarten Schleier überzogen. Nach und nach durchdringt das sanfte Blau des Himmels diesen flüchtigen Schleier. Sonnenschein rieselt geräuschlos wie feiner Staub durch die Atmosphäre und lässt sich unbemerkt auf die Erde nieder. Die Hitze versetzt das Licht in Schwingungen.

Auf dem Bahnsteig steht nur eine metallische Überdachung, die an Regentagen mageren Schutz vor der Nässe bietet. Yuri schätzt, dass gerade einmal vier oder fünf Menschen darunter Platz finden. Ein in die Jahre gekommener Maschendrahtzaun trennt den Bahnsteig vom angrenzenden Wäldchen. Außer ihm und Daria befindet sich niemand auf dem Bahnsteig.

„Was… wo sind wir hier?“, will er unsicher wissen und schaut auf Daria. Im Gegensatz zu ihm wirkt sie keineswegs perplex.

„Willkommen in Kovalovo“, antwortet sie und schenkt ihm ein sanftes Lächeln. Yuri erwidert es nicht, sondern betrachtet argwöhnisch den verlassenen Bahnhof. Was zum Teufel wollen sie hier? Und warum hat Daria ihn hierhergebracht?

„Du willst mich doch nicht etwa in einem verlassenen Holzhaus in diesem Wald umbringen und verbuddeln, nachdem du nun mein Vertrauen gewonnen hast?“, fragt er sie skeptisch.

„Keine Sorge. Wenn ich so etwas vorhätte, wäre ich eine Station weitergefahren. Dort ist der Wald dichter und es gibt noch weniger Einwohner“, erwidert sie mit einem amüsierten Unterton in der Stimme. Yuri runzelt die Stirn und verzieht unwirsch die Miene. Gelegentlich hat Daria einen seltsamen Humor. Aber er mag ihn – manchmal zumindest.

„Daria!“, wird er jäh aus seinen Gedanken gerissen. Er dreht den Kopf zur Seite und sieht eine kleine, rundliche Frau aufgeregt winken. Erst bei näherer Betrachtung fällt ihm auf, dass sie nicht dick ist, sondern schwanger. Braune Haare, deren Spitzen ihre Schultern streifen, umrahmen ihr Gesicht. Sie hat einen unsauber geschnittenen Pony, der ihr in die Augen hängt. Sie pustet ihn sich mehrmals aus dem Gesicht, als sie schnellen Schrittes auf sie zudackelt.

„Ana“, kommt es freundlich von Daria, die der schwangeren Frau entgegenkommt. Sie schließt sie vorsichtig in die Arme, drückt sie aber schnell eine Armlänge von sich und mustert sie von oben bis unten. Yuri gesellt sich recht zaghaft zu den beiden Frauen.

„Du sieht toll aus. Und wirklich glücklich. Fünfter Monat?“, fragt Daria.

„Ja. Fast schon der sechste! Der Kleine wächst und wächst!“, antwortet Ana, die zuerst mit einem Lächeln auf Daria und dann auf ihn schaut. Dabei fällt ihr glückliches Lächeln langsam von ihren schmalen Lippen. Ihre hellen Augen weiten sich. Sofern sie bisher keinen Rotschimmer auf den sommersprossigen Wagen hatte, hat sich nun einer auf diese gelegt. Yuri betrachtet sie schweigend.

„D-Du b-bist Yu-Yuri Pli-Plisetsky“, stottert sie nach einer Weile ungläubig vor sich hin.

„Ja. Das ist Yuri! Yuri, das ist meine gute Freundin Ana. Sie ist so freundlich und holt uns hier ab“, stellt Daria sie einander vor.

Yuri nickt langsam, bevor er murmelt: „Freut mich.“

„Oh mein Gott! Es freut mich so sehr, dich kennenlernen zu dürfen! Ich habe nie gedacht, dass ich dich tatsächlich treffen werde! Ich bin ein großer Fan! Seit dem ersten Tag an! Deine Programme sind einfach so toll! Ich bin jedes Mal verzaubert, wenn ich dir beim Eislaufen zuschaue!“, platzt es wie aus dem Nichts aus Ana heraus. Sie schnappt sich seine Hand, drückt diese fest und schüttelt sie wild. Yuri kann dagegen nichts tun oder sagen. Er hat das Gefühl, von ihr durchgeschüttelt zu werden. Wer hätte gedacht, dass in dieser kleinen Frau, die ihm gerade einmal bis zur Brust reicht, so viel Kraft steckt.

„D-D-D-a-a-a-a-n-n-n-k-k-k-e-e-e“, bringt er über seine Lippen, während sie seine Hand noch immer kräftig schüttelt. Er zwängt sich ein schiefes Lächeln auf seine Lippen. Vermutlich gleicht es der gekritzelten Zeichnung eines Kleinkindes, dem kein gerader Strich gelingt, sondern nur ein schiefer Halbkreis.

„Als Daria mich angerufen und um Hilfe gebeten hat, habe ich meinen Ohren nicht trauen können! Ich werde für Yuri Plistetsky arbeiten! Ein Kos-“

„Ana“, unterbricht Daria ihre Freundin freundlich. Sie legt eine Hand auf jene von Ana und löst sie von seiner, worüber er mehr als nur glücklich ist. Mittlerweile schmerzt seine Hand vom festen Händedruck. Dennoch versucht er sich das nicht anmerken zu lassen. Er hält sein schiefes Lächeln aufrecht.

„Das ist eine Überraschung! Du darfst sie ihm nicht verraten.“

„Oh“, kommt es von Ana, die zwischen ihm und Daria hin und her schaut. Sie wirkt im ersten Moment verwirrt. Dann klatscht sie in die Hände.

„Stimmt!“, ruft sie aus. „Habe ich vergessen! Überraschung! Genau!“

Daria nickt und murmelt, dass sie erst später darüber reden werden, wenn Yuri seine Überraschung gesehen haben wird. Wann dieses später aber sein wird und um welche Überraschung es sich handelt, definiert sie allerdings nicht. Stattdessen deutet sie Ana an, dass sie gehen sollen. Sie wollen schließlich keine Wurzeln schlagen.

Yuri schaut den beiden Frauen perplex nach. Wer zum Teufel ist das? Und warum muss Yuri diese Person kennenlernen? Er würde lügen, wenn er leugnen würde, dass er sich nicht geschmeichelt fühlt. Denn das tut er. Es ist immer schön, Fans zu treffen, die einen unterstützen. Zugegeben, er kann auf diese kleinen, fünfzehnjährigen Mädchen, die ihm in Horden nachlaufen, gut verzichten. Aber über Fans wie Ana freut er sich, auch wenn er nicht so recht weiß, was er auf ihr Lob erwidern soll. Hat Daria ihrer Freundin eine Überraschung bereiten wollen, indem sie sie einander vorstellt? Geht es hier nicht um ihn, sondern einfach nur um Ana?

Yuri wird aus seinen Gedanken gerissen, als er blaue Augen sieht, die direkt in seine schauen. Er weicht vor Schreck einen Schritt nach hinten aus.

„Yuri, hast du mich überhaupt gehört?“, wird er von Daria gefragt. Er mustert sie mit großen Augen.

„Lass uns gehen. Anas Auto steht dort. Wir fahren zu ihr nach Hause.“

„Zu ihr nach Hause?“

„Hm“, nickt Daria, die sich bei ihm einhakt und ihn in Richtung Auto dirigiert. „Deine Überraschung wartet dort auf dich.“

„Meine Überraschung?“

„Natürlich! Warum sonst sollte ich dich nach Kovalovo verschleppen? Weil es hier so idyllisch ist?“, lacht Daria amüsiert auf.

Yuri lässt sich von Daria zum Parkplatz des Bahnhofes führen. Er ist überrascht, dass es hier so etwas überhaupt gibt. Allerdings steht nur ein Auto auf dem Schotterplatz und das ist jenes, vor welchem Ana steht. Sie wirkt aufgeregt, aber unglaublich glücklich. Sie scheint sich tatsächlich darüber zu freuen, dass er und Daria sie besuchen gekommen sind.

„Einsteigen und anschnallen! Nächster Halt, Zuhause!“, verkündet sie energisch, bevor sie in den Wagen steigt. Er nimmt hinten Platz, während sich Daria auf den Beifahrersitzt setzt.

„Danke noch mal, dass du uns abholst. Es wäre nicht nötig gewesen“, sagt Daria freundlich und schnallt sich an. Yuri macht es ihr gleich.

„Es ist nötig! Bei dieser Hitze? Und es ist gerade einmal kurz nach zehn! Außerdem würde ich den großen Yuri Plisetsky nie diesen weiten Weg laufen lassen!“, erwidert Ana. Sie wirft einen Blick in den Rückspiegel und schenkt ihm ein stolzes Lächeln. Yuri nickt zaghaft.

„Du machst ihn noch ganz verlegen, Ana“, lacht Daria, die sich zu ihm dreht und ebenfalls ein Lächeln schenkt. Yuri sagt nichts, doch er deutet Daria mit seinen Blicken an, dass sie recht hat. Er fühlt sich geschmeichelt, aber so viele Komplimente benötigt er nun wirklich nicht.

„Was? Nein! Ich will ihn doch nicht verlegen machen! Ich bin nur so aufgeregt! Ich meine, wann trifft man denn sein großes Vorbild? Und wann kann man schon von sich behaupten, dass man im selben Wagen gewesen ist!“

„Und du kannst auch noch mit ihm reden“, wirft Daria ein, was Ana dazu bringt, in einen Redeschwall zu fallen.

Yuri schluckt schwer, als er ihre Worte vernimmt. Er ist sich nicht sicher, ob er so viel Aufmerksamkeit erträgt. Doch er kann sich glücklich schätzen, dass das Gespräch nach und nach andere Richtungen einschlägt. Mal spricht Ana über ihre Schwangerschaft und verkündet, dass sie einen Jungen bekommen wird. Er soll, trotz des Widerstandes ihres Mannes, nach ihm, Yuri, benannt werden. Dann geht es um ihre Tochter Ljupka, welche sie schnellstmöglich zum Eislaufen anmelden möchte. Auch wird Daria gefragt, ob sie das Training der Kleinen übernehmen kann.

So geht es immer weiter. Sie sprechen über Darias Job als Trainerin, dann über ihren Umzug nach St. Petersburg, die Tatsache, dass sie die meisten Dinge für ihren Haushalt schon besitzen, aber einige Kleinigkeiten noch fehlen würden, Anas Liebe für Innenarchitektur und ihr Gespür für Farben, die Einstellung ihres Mannes hinsichtlich der Umgestaltung des Wohnzimmers und vieles mehr.

Nach einiger Zeit scheint Yuri vergessen zu sein. Daher erlaubt er es sich, seinen Kopf an die kühle Scheibe des dunklen SUVs zu lehnen und aus dem Fenster zu schauen. Sie befinden sich mittlerweile in einer kleinen Ortschaft. Ein Häuschen reiht sich an das nächste. Die meisten haben einen gepflegten Vorgarten mit Rosensträuchern, die in voller Blüte stehen oder Smaragdthujen, in welche kunstvolle Figuren geschnitten wurden. Nur einige wenige Vorgärten sind naturbelassen. Gelegentlich kann er Gartenzwerge oder einen schlafenden Hund ausmachen. Es ist ruhig. Menschen sieht er keine.

Bereits nach kurzer Fahrt biegen sie auf ein Grundstück ein, dessen Tor als einziges in der gesamten Straße offensteht. Ana stellt den Wagen ab und steigt aus diesem, während er das verhältnismäßig große Haus zu seiner Linken begutachtet.

„Ana kann im ersten Moment sehr lebhaft sein. Aber wenn sich ihre Aufregung und Begeisterung erst einmal gelegt hat, dann ist sie wirklich ein toller Mensch“, hört er Daria sagen. Er schaut sie an und bemerkt erst nun, dass sie sich umgedreht hat, um ihn zu mustern. Yuri nickt schweigend und mit leicht geöffneten Lippen, bevor sie ihn auffordert, aus dem Wagen zu steigen. Das Grundstück, auf dem er sich befindet, erscheint auf den ersten Blick recht groß. Doch es ist in Wahrheit ziemlich klein. Das große Haus nimmt den meisten Platz ein, weshalb der Garten im Vergleich zu allen anderen winzig ist.

„Kommt rein und gleich die erste Tür links“, fordert Ana sie ruhig auf und verschwindet im Haus. Yuri folgt Daria. Sie passieren eine Eingangstür und finden sich in einer Art Vorraum wieder. Geradeaus führt eine weitere Tür ins Innere des Hauses. Er kann durch die Glasfenster ins Wohnzimmer sehen. Die Tür zu seiner Linken ist aus massivem, dunklem Holz. Dahinter befindet sich ein großer, heller Raum. Gegenüber der Tür ist ein großes Fenster zur Straße, durch welches viel Licht fällt. Auf der linken Seite nimmt ein Spiegel die gesamte Wand ein. Auf der rechten Seite befindet sich ein Wanddurchbruch. Er kann dahinter Puppen, Stoff und mehrere Nähmaschinen sehen.

„Ana ist Schneiderin. Sie arbeitet aber von Zuhause aus, weshalb sie das Haus so umgebaut haben, dass eine Hälfte im Erdgeschoss ihre Schneiderei ist“, erklärt ihm Daria. Yuri nickt langsam und schaut sich weiterhin mit großen Augen um.

„Na?“, ertönt Anas Stimme. Sie kommt aus dem hinteren Zimmer zu ihnen und strahlt bis über beide Ohren.

„Schon aufgeregt?“

„Naja… vielleicht wäre ich das, wenn ich wüsste, was wir hier machen“, antwortet Yuri.

„Was?! Ahnst du denn wirklich nicht, was Daria geplant hat?“

„Hm“, macht Yuri. Er runzelt die Stirn und blickt auf Daria. Sie steht ruhig hinter ihm und mustert ihn prüfend. Was hat sie nur vor?

„Kann ich es ihm jetzt endlich zeigen! Ich bin so aufgeregt! Ich hoffe, dass es ihm gefallen wird!“, platzt es aus Ana. Sie klatscht aufgeregt in ihre Hände.

„Ja. Du kannst es ihm zeigen“, antwortet Daria. „Soll ich dir dabei helfen, die Puppe zu holen?“

„Nein! Nein! Ich schaffe das schon! Sie ist nicht so schwer!“ Mit diesen Worten verschwindet Ana wieder im hinteren Teil des Zimmers, während er und Daria im großen, lichtdurchfluteten Raum stehen bleiben.

„Ich habe wirklich keine Ahnung, was du vorhast. Warum sind wir hier?“, fragt Yuri leise. Mittlerweile wird er ungeduldig. Ständig wird über irgendeine Überraschung gesprochen, von der scheinbar alle außer ihm etwas wissen. Das ist keineswegs lustig!

„Kannst du dir wirklich nicht denken, warum ich dich hierhergebracht habe? Zu Ana? Einer Schneiderin?“, fragt Daria ihn und neigt den Kopf unschuldig klingend zur Seite. Yuri schüttelt missmutig den Kopf und möchte sie bereits warnen, keine Spielchen mit ihm zu spielen. Unversehens wird ihm allerdings bewusst, was Daria geplant hat, weshalb er schweigt und sie mit großen Augen betrachtet. Sie gluckst leise, als ihr bewusst wird, dass ihm ein Lichtlein aufgegangen ist. Just in diesem Moment kommt auch Ana mit einer großen Schneiderpuppe in den Raum. Sie stellt sie neben sich und präsentiert stolz ihr Werk: sein neues Kostüm für die kommende Saison.

Eine schwarze Hose flattert etwas lose von der Puppe. Sie ist schlicht. Weder elegant noch sonst etwas. Das Oberteil hingegen ist alles andere als schlicht. Es ist ärmellos mit einem Tigermuster. Die Ärmel wirken so, als wären sie abgerissen worden. Einige Nieten wurden am Kragen angebracht. Schwarzes Leder wurde in Form von Riemen verarbeitet. Alles schreit danach, dass dieses Oberteil rebellisch ist und gute Rockmusik repräsentiert. Es ist wild, aufregend und vor allem eines: unkonventionell.

„Ist das nicht toll?“, will Ana von ihm wissen. „Daria hat mich auf diese Idee gebracht! Sie wollte etwas Rockiges, Wildes mit einem Tigermuster. Und Nieten! Alles, was nach Rebell und wilder junger Mann schreit. Sie hat mir auch das Lied geschickt, zu dem du laufen wirst und davon inspiriert, habe ich das für dich entworfen! Ein tolles Kostüm für dein Kurzprogram!“

Ana deutet auf einige Details am Oberteil und erklärt ihm, aus welchem Stoff sie verarbeitet wurden und dass sie ihn in seiner Bewegungsfreiheit nicht einschränken werden. Sie meint auch, dass sie sich an alle Richtlinien für Kostüme gehalten habe, weshalb er sich keine Sorgen machen müsse, dass es nicht erlaubt sei, damit anzutreten. Das Design mag speziell sein, aber es ist zugelassen, da es nur ein Design ist und gegen keine Auflagen verstößt.

Yuri schweigt und betrachtet das Kostüm, das Ana geschneidert hat. Es ist unglaublich. Denn es spiegelt eins zu eins das wider, was er ist und mit seiner Darbietung auf dem Eis ausdrücken möchte. Wild. Rebellisch. Unkonventionell. Gefährlich. Stark. Und das alles in einem Tigermuster mit Nieten und Lederdetails. Wenn er ein Kleidungsstück wäre, dann ganz bestimmt dieses.

„Gefällt es dir?“, wird er von Daria aus seinen Gedanken gerissen. Er spürt, dass sie hinter ihm steht. Ihre Hände hat sie an seine Schultern gelegt. „Ich habe mich gefragt, was mich an deiner Performance noch stört und bin dann draufgekommen, dass eigentlich alles passt, bis auf ein kleines Detail: Du hast kein Kostüm. Also habe ich Ana angerufen und sie gefragt, ob sie denn eines für dich nähen würde.“

„Ich habe zwar viele Anfragen und eigentlich keine Zeit, aber Daria kann ich keinen Gefallen ausschlagen, schon gar nicht, wenn es um ein Kostüm für Yuri Plisetsky geht und noch dazu so spannend und interessant zu nähen gewesen ist!“, fügt Ana hinzu. Yuri blickt zuerst auf die Schneiderin, die mit ihrer Arbeit zufrieden zu sein scheint, ehe er sich umdreht und Daria mustert. In ihren blauen Augen kann er Unsicherheit erkennen. Doch sie muss sich keine Sorgen machen, ob ihm sein Geschenk gefällt oder nicht. Er liebt es.

„Es ist unglaublich. Es ist… das bin ich“, kommt es leise über seine Lippen, ehe er sich der Puppe und dem Kostüm zuwendet.

„Noch nicht ganz! Ich habe nur ungefähre Maße bekommen und muss das noch an deinen Körper anpassen! Aber ja“, stimmt Ana ihm zu, „es schreit nach Yuri Plisetsky. Daria kennt dich mittlerweile ziemlich gut, so genau, wie sie mir das alles beschrieben hat. Was rauf soll, was nicht, und ja kein Glitzer!“ Yuri grinst ein wenig. Ja kein Glitzer. Das beschreibt ihn wohl ziemlich genau.

„Es ist… perfekt“, sagt er leise und geht auf das Kostüm zu. Er begutachtete es von vorne und von hinten. Erst nun fällt ihm das auf, was Ana gesagt hat: Es ist nicht fertig. An den Seiten befinden sich noch Nadeln, die das Kostüm zusammenhalten. Vermutlich wollte sie es nicht zusammennähen, solange er es nicht zumindest einmal anprobiert hat und es perfekt auf ihn zugeschnitten wurde. Das kann er verstehen. Es ist schließlich nicht sein erstes Kostüm.

Er bleibt hinter der Puppe stehen. Über ihre Schulter hinweg blickt er auf Daria, die ihn nicht aus den Augen gelassen hat. Er hat ihren Blick die ganze Zeit auf sich liegen gespürt. Wie soll er ihr jemals für all das, was sie für ihn macht, danken? Wie kann er sich erkenntlich zeigen? Sie müsste nichts von all dem tun, was sie letzten Endes tatsächlich macht. Sie müsste nicht einmal in St. Petersburg sein! Aber sie ist es. Für ihn. Und sie hilft ihm.

„Danke“, kommt es leise über seine Lippen, während er ihr in die Augen schaut. Diese Worte klingen in seinen Ohren banal. Unecht. Unzureichend. Sie werden nie genügen, um sich Daria gegenüber erkenntlich zu zeigen. Doch im Moment müssen sie ihr genügen. In einigen Monaten wird er mehr als nur Danke sagen. Er wird ihr auf dem Eis beweisen, dass ihr Training gefruchtet hat. Er wird Gold holen. Für ihn. Und für sie.

„Gern geschehen“, erwidert sie leise und schenkt ihm ein sanftes Lächeln. Er grinst, bevor er sich dem Kostüm zuwendet und es ein weiteres Mal eingehend betrachtet. Es ist einfach nur unglaublich.

„Los! Probier es an! Ich muss noch die richtigen Maße nehmen. Daria hat mir nur ungefähre Werte genannt!“, fordert Ana ihn auf. Er kommt dem sofort nach.
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