Wintersonnenwende

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
OC (Own Character) Yuri Plisetsky
09.02.2020
25.10.2020
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19.07.2020 3.527
 
Kapitel 24

Jubileiny-Sportkomplex, St. Petersburg, Russland

Montag, 08. April 2019

Heute ist ein wahrlich seltsamer Tag und das in vielerlei Hinsicht. Daria ist seit langem nicht mehr von ihrem Wecker aus dem Schlaf gerüttelt worden. Normalerweise wacht sie immer einige Minuten vor dem Läuten auf, schaltet den Wecker im Voraus aus und geht ihren üblichen Dingen im Haushalt nach. Doch heute ist sie unsanft aus dem Schlaf gerissen worden. Dabei gibt es noch nicht einmal einen speziellen Grund dafür, warum sie in der Nacht dermaßen tief und fest geschlafen hat. Sie ist nämlich zu ihrer gewohnten Zeit ins Bett gegangen, hat ihre gewohnten Handgriffe getätigt und nachdem sie wie gewöhnlich Für Elise gehört hat, ist sie eingeschlafen.

Doch damit hat der seltsame Morgen noch kein Ende genommen. Als sie ihr Schlafzimmer verlassen hat, ist sie Yuri begegnet. Üblicherweise schläft er eine halbe Stunde länger als sie. Diese halbe Stunde nutzt sie, um sich in der Früh zu duschen, herzurichten und ihnen beiden ein ausgewogenes Frühstück vorzubereiten. Yuri duscht sich nach ihr, ehe sie gemeinsam essen und dann zur Eishalle aufbrechen. Doch heute ist er schon vor ihr wach gewesen und hat gemeint, dass er nichts frühstücken würde. Er müsse schnell in die Eishalle, um etwas auszuprobieren. Mit diesen Worten hat er die Wohnung kurz vor sieben Uhr verlassen, weshalb Daria zunächst nicht gewusst hat, was sie alleine mit sich anfangen soll. Sie ist erst nach und nach zur Besinnung gekommen, sodass sie schlussendlich all dem nachgehen konnte, was sie für gewöhnlich am Morgen macht. Allerdings ist sie mit der Reihenfolge vieler Handgriffe durcheinandergekommen, sodass sie die Wohnung erst spät verlassen hat.

Sie hat sich nicht wie üblich auf den Weg zur Eishalle begeben, sondern sich mit einigen Verbandsmitglieder getroffen. Mit ihnen musste sie noch einige Kleinigkeiten bezüglich ihres Trainerdaseins klären und sich offiziell als solche bei der ISU melden. Zudem hat Yakov sie gebeten, einige Unterlagen mitzunehmen und diese dort abzugeben.

Dementsprechend ist es schon weit nach zehn, als Daria die Eishalle betritt. Sie musste einen zusätzlichen Zwischenstopp zuhause einlegen, weil sie, durcheinander wie sie heute ist, ihre Unterlagen für Yuris Training vergessen hat. Sie möchte ihm nämlich ihre neue Choreografie für das freie Programm zeigen und mit ihm an Details arbeiten. Er wird nämlich bestimmt etwas an dem, was sie für ihn zusammengestellt hat, ändern wollen. Doch um ihm zu zeigen, was sie überhaupt geplant hat, benötigt sie ihre Notizen und darunter auch die Musik, die sie dieses Mal zusammen ausgesucht haben.

Mit leicht zerzausten Haaren, da heute ein starker Wind durch die Straßen St. Petersburgs fegt, stolpert Daria in die Eishalle. Es gleicht einem Wunder, dass sie ihre Unterlagen nicht fallen lässt. Diese drückt sie fest an ihre Brust.

Das erste, was sie vernimmt, als sie die Halle betritt, ist Yuris Musik für das Kurzprogramm. Memories von One OK Rock erfüllt den großen Raum, wodurch niemand davon Notiz nimmt, dass sie in die Halle stolpert. Am heutigen Morgen sind sie und Yuri leider nicht die einzigen, die trainieren. Mila ist von Viktors und Yuri Katsukis Show dermaßen begeistert gewesen, dass sie beschlossen hat, sich für die kommende Saison noch mehr ins Zeug zu legen und härter zu trainieren. In letzter Zeit sind auch viele jüngere Eisläufer morgens in der Halle zu treffen, was für Daria verwunderlich ist. Die Saison ist beinahe zu Ende. Sollten nun nicht alle durchatmen und sich ein paar Wochen erholen sowie auf die Schule oder die Arbeit konzentrieren?

Es scheint, als hätte Viktors Besuch sie alle ein wenig durcheinandergebracht, denn auch ihr Yuri verhält sich seit der Eisshow merkwürdig. Er hat sie gestern beim Mittagessen gefühlt tausende Dinge gefragt, von denen Daria nicht gewusst hat, welchen Zweck sie erfüllen sollen. Woran sie beim Laufen denke. Wie sie ihre Timings der Sprünge und Landungen plane. Wie sie als junge Läuferin trainiert hat. Sein Strom an Fragen hat gar kein Ende nehmen wollen, weshalb sie froh gewesen ist, dass Yakov zu Besuch gekommen ist, um ihr die Unterlagen zu reichen, die sie heute mitnehmen musste, als sie sich mit den Verbandsmitgliedern getroffen hat.

Seitdem hat Yuri sein Zimmer nur dann verlassen, wenn er aufs Klo musste oder sie etwas zu essen gekocht hat. Einmal hat Daria es gewagt, einen verstohlenen Blick in sein Zimmer zu werfen. Sie hat zuvor geklopft und dadurch auf sich aufmerksam gemacht. Allerdings hat Yuri, obwohl er gemeint hat, dass sie reinkommen dürfe, ihr keine Aufmerksamkeit geschenkt. Er hat noch nicht einmal zu ihr aufgeblickt, als sie ihren Kopf neugierig durch den Spalt zwischen Tür und Rahmen gesteckt hat. Yuri ist bloß konzentriert vor seinem Schreibtisch gesessen, hat nachdenklich auf einem Stift gekaut und sich etwas auf seinem Handy angesehen.

Daria kann nicht sagen, was er sich auf seinem Handy angeschaut hat, doch sie glaubt zu wissen, dass es ein Video von seinem letzten Training gewesen ist. Als sie sich erkundigt hat, ob alles in Ordnung sei, hat er nur geantwortet, dass er sich schon lange nicht mehr so wohl gefühlt habe. Anschließend hat er sich wieder dem Handy zugewandt und mit dem Stift zwischen den Zähnen nachdenklich die Lippen gespitzt.

Daria hat sein Zimmer schnell verlassen, um ihn nicht weiter zu stören. Doch sie hat selbst nicht gewusst bei was. Als sie ihn am Abend während des Essens gefragt hat, woran er denn arbeite, hat er nur gesagt, sie würde es schon sehen. Wann und wo, hat er ihr nicht verraten.

Gehetzt wirkend stellt sich Daria neben Mila. Diese steht, mit dem Kopf in den Handflächen gestützt, vor der Absperrung zum Eislaufplatz und beobachtet wie gebannt Yuri. Auch alle anderen Läufer, die den heutigen Morgen nutzen, haben sich vom Eis begeben und schauen wie in Trance Yuri beim Laufen zu.

„Was ist hier los?“, fragt Daria die junge Sportlerin. Sie legt ihre Unterlagen auf die Absperrung und wendet sich ihrem Schützling auf dem Eis zu. Er wirkt anders. Als wäre er nicht hier in der Halle, sondern in einer ganz eigenen Welt.

„Yuri“, schmachtet Mila. Sie seufzt genüsslich auf, ohne sich zu ihr zu wenden. „Ich weiß nicht, was du mit Yuri angestellt hast, aber er ist ein anderer Mensch geworden.“

„Ich? Was angestellt? Mit Yuri?“, kommt es überrascht von Daria. Sie weitet ihre Augen ein wenig und schenkt Mila einen irritierten Blick, ehe sie sich Yuri zuwendet. Er ist inmitten seiner Choreografie. Zwei seiner drei Sprünge hat er bereits in der ersten Hälfte des Liedes absolviert. Einer fehlt ihm noch, genauso wie die Schrittfolge, von welcher Daria glaubt, dass sie sie ändern muss. Sie ist nämlich schnell – womöglich zu schnell. Und das nicht nur für Yuri, sondern auch andere erfahrene Läufer. Sie hat angenommen, dass es möglich wäre, sie so zu laufen, wie sie es sich vorgestellt hat, aber es ist Yuri bisher noch nicht gelungen. Zwar hat er mittlerweile die nötige Schnelligkeit, doch er verfehlt oft die Einsätze, wodurch diese Passage in ihrer Choreografie nicht den Effekt erzielt, den Daria sich erhofft hat – bis heute.

Mit großen Augen beobachtet sie Yuri. Er scheint noch immer nicht realisiert zu haben, dass sie mittlerweile angekommen ist. Er läuft sein Programm und das mit einer Präzision, die sie an ihm noch nie gesehen hat. Seine Bewegungen sind exakt ausgeführt. Er trifft jeden Zähler im Lied, achtet auf jede Betonung und schafft sogar die Schrittfolge so zu laufen, wie sie es von Anfang an im Kopf hatte. Er ist nicht zu spät. Er ist nicht zu früh. Alles sitzt auf den Zähler genau, was Daria dazu bringt, die Luft anzuhalten. Ist das tatsächlich Yuri? Ihr Yuri? Yuri Plistetsky, der vor wenigen Tagen noch gemeckert hat, dass er ihre Belehrungen über Musikalität satt habe?

Daria kann ihren Augen nicht trauen. Was zum Teufel ist passiert? Warum gelingt es Yuri auf einmal, ihre Choreografie so zu laufen, wie sie es sich von Anfang an vorgestellt hat – nein! Er übertrifft sogar ihre Erwartungen und läuft sie besser, als sie es sich jemals erträumt hatte. Es sieht einfach unglaublich aus. Yuri sieht unglaublich aus! Er wirkt wie ein Tiger, der verwundet wurde, nun aber neuen Mut fasst und an Stärke gewinnt, um sich seinen Feinden zu stellen. Er hat keine Angst mehr vor ihnen, sondern wird sie in Stücke reißen.

Daria merkt noch nicht einmal, dass ihre Atmung stockend geht. Sie sieht nur diesen jungen Mann, mit seinen langen, blonden Haaren, die hinter ihm tanzen und dem wilden Tiger eine Anmut verleihen, die Daria in ihrem tiefsten Inneren berührt. Je näher er dem letzten Sprung kommt, der aus einer sehr schweren Kombination besteht, umso stockender geht ihre Atmung. Ohne es zu bemerken, hält sie kurz vor dem Sprung sogar die Luft an. Erst als Yuri auf jenem Zähler landet, von welchem Daria stets gesprochen hat, dass er im Lied betont wird, wagt sie es, tief durchzuatmen.

„Er ist wundervoll“, schwärmt Mila. Daria kann ihr darauf nicht antworten. Sie schaut nach wie vor wie gebannt auf Yuri, der seine Endpose einnimmt. Er steht so, dass er sie anschaut, streckt seine geballte Faust nach vorne und zeigt ihnen den Mittelfinger. Seitdem sie ihm diese Choreografie und die Endpose gezeigt hat, macht er das. Natürlich ist es das gewesen, was sie im Sinn hatte, als sie sich für diese Pose entschieden hat. Doch sie wollte den Mittelfinger nur andeuten und ihn nicht tatsächlich zeigen. Beim Training kann Yuri das machen. Es stört niemanden, außer vielleicht Yakov. Aber bei den Meisterschaften wird dieses Benehmen nicht geduldet werden.

Doch darüber kann und will sie sich im Moment keine Gedanken machen. Daria muss nämlich das verarbeiten, was sie gerade mit eigenen Augen gesehen hat. Das ist nämlich nicht Yuri gewesen, der auf dem Eis ihre Choreografie gelaufen ist. Das ist der russische Tiger gewesen, der sämtliche Meisterschaften für sich entscheiden wird, wenn er mit genau dieser Stärke und Präzision läuft.

Daria bleibt sprachlos, so wie alle anderen in der Halle auch, hinter der Absperrung stehen und schaut auf Yuri. Sie wagt es nicht, etwas zu sagen oder die vorherrschende Stille zu durchbrechen. Sie wüsste noch nicht einmal, was sie sagen soll, da sie dermaßen überrumpelt von dieser einzigartigen Darbietung ist. Es ist, als hätte Yuri auf einmal all das umgesetzt, worüber sie die vergangenen Wochen und Monate geredet hat. Von heute auf morgen scheint sich ein Schalter umgelegt zu haben.

Das anerkennende Klatschen einer Person in der Halle reißt sie aus ihren Gedanken. Erst nun realisiert sie, dass Yuri sie direkt anschaut. Er steht schwer atmend auf dem Eis und blickt in ihre Richtung. Auf seinen Lippen zeichnet sich der Hauch eines Grinsens ab. Daria erwidert es unsicher. Er läuft zu ihr.

„Das war großartig, Yuri!“, lobt Mila ihn sogleich und schlägt ihm, bei ihnen angekommen, auf die Schulter. „Wie hast du das gemacht?“

„Ich bin einfach gelaufen“, erwidert Yuri, der sich über den Schlag auf seine Schulter noch nicht einmal beschwert. Er schaut Daria einfach nur in die Augen. In seinen blau-grünen Weiten kann sie etwas Leuchten sehen, was sie dazu bringt, unbewusst die Luft anzuhalten.

„Einfach gelaufen… pah!“, kommentiert Mila und schüttelt amüsiert den Kopf. „Es hat so ausgesehen, als würdest du um dein Leben laufen… naja, eigentlich, als würdest du jemandem anderen sagen wollen, dass er um sein Leben laufen soll.“

„Soll diese Choreografie auch ausdrücken, nicht wahr?“, fragt Yuri, der Daria weiterhin tief in die Augen schaut. Sie erwidert den Augenkontakt, sagt aber nichts. Sie fühlt sich noch immer so, als wäre sie in einer anderen Welt. Als würde Yuri, der russische Tiger, sie verfolgen und als müsse sie um ihr Leben laufen.

„Wow. Das hat mich an Viktor erinnert. Aber irgendwie anders… irgendwie wilder. Ah!“, seufzt Mila auf. Sie öffnet die Tür der Absperrung und betritt das Eis. „Viktor und Yuri scheinen dich wohl inspiriert zu haben!“

Erst nun fällt Yuris amüsierte Miene und weicht einer wütenden. Er zieht seine Augenbrauen zusammen und straft Mila mit einem verärgerten Blick.

„Viktor hat damit rein gar nichts zu tun! Als ob er mich inspirieren könnte!“, stellt er schnell klar. Er verengt seine Augen, verschränkt die Arme vor der Brust und wendet seinen Kopf demonstrativ zur Seite. Mila kichert und stellt sich hinter Yuri. Ihre Arme schlingt sie dabei um ihn.

„Jetzt stell dich nicht so an! Viktor hat uns alle beflügelt! Auch dich! Das kannst du nicht leugnen!“, provoziert sie den blonden Sportler.

„Als ob! Er hat mich nicht inspiriert!“, protestiert Yuri. Er möchte sich bereits zu Mila drehen und sie vermutlich warnen, dass sie damit aufhören soll, doch ehe er sich versieht, hat sie ihn bereits in die Höhe gehoben. Mit gestreckten Armen und einem zappelnden Yuri über ihrem Kopf dreht sie vergnügt einige Runden auf dem Platz, der sich mittlerweile wieder mit Sportlern gefüllt hat.

Daria kann nicht anders, als sich eine Hand vor den Mund zu legen und beim Anblick der beiden zu kichern. Diese zwei sind wahrlich eine Klasse für sich. Ein Dreamteam, wenn man es so nennen möchte. Yuri kann Mila nicht wirklich leiden, doch er kann sich auch nicht vorstellen, ohne sie zu trainieren. Dann würde etwas fehlen.

„Gib es zu! Viktor hat dich inspiriert!“, insistiert Mila, die anscheinend nicht vorhat, Yuri zurück auf den Boden zu stellen. Erst als Yakov laut verkündet, dass sie mit dem Blödsinn aufhören und sich auf das Training konzentrieren sollen, wird Yuri auf das Eis gestellt. Brummend entfernt er sich von Mila und läuft auf Daria zu.

„Mila ist… begeistert“, findet Daria ihre Stimme nach einer gefühlten Ewigkeit wieder und schenkt Yuri ein amüsiertes und liebliches Lächeln. Er rümpft die Nase und zieht seine Augenbrauen missmutig zusammen.

„Sie nervt! Als ob Viktor mich inspiriert hätte!“

„Du kannst nicht leugnen, dass du gerade ganz anders gelaufen bist, als all die Wochen zuvor“, sagt Daria. Sie betrachtet ihren Gegenüber, der sich argwöhnisch zu ihr dreht und ihr in die Augen schaut.

„Das ist einfach unglaublich gewesen“, schwärmt sie weiter. „Du bist großartig gelaufen! Du hast alle Betonungen im Lied getroffen und deine Schrittfolge ist sensationell gewesen! Der letzte Sprung war fantastisch! Die Landung auf dem richtigen Zähler. Das hatte solch eine Kraft, solch eine Wirkung auf uns alle, dass ich irgendwie noch immer nicht weiß, was ich sagen soll. So beeindruckt bin ich!“

„Wirklich?“, fragt Yuri ungewohnt leise. Er klingt, als würde er ihr nicht glauben. Daria nickt schnell.

„Ja!“, sagt sie und breitet ihre Arme aus. „Das war genau das, was ich schon von Anfang an im Kopf hatte! Das war… perfekt! Ich habe den Anfang verpasst, aber ab der Mitte habe ich gesehen und du warst sensationell!“

Sie lächelt Yuri an. „Was auch immer dich inspiriert hat, es hat geklappt! Ich bin noch immer sprachlos.“

Daria beobachtet Yuri dabei, wie er seinen Kopf senkt. Bildet sie es sich ein, oder hat sich ein Rotschimmer auf seine Wangen gelegt? Er fährt sich mit der rechten Hand ein wenig nervös wirkend über den linken Oberarm. Eine kurze Zeit lang verweilt er in dieser Position und streicht sich bloß verlegen über den Oberarm. Dann aber hört er schnell auf und strafft seine Schultern, als hätte er einen Beschluss gefasst. Sein Blick, den er zuvor von ihr abgewandt hat, legt sich erneut auf sie, wodurch sich Daria just in diesem Augenblick sehr unwohl fühlt. Als wäre sie bei etwas Schlimmen ertappt worden. Dabei hat sie nichts angestellt, außer Yuri zu sagen, dass sie von seiner Leistung beeindruckt ist.

„Du“, fängt er ruhig, aber mit einer gewissen Entschlossenheit in seiner Stimme zu sprechen an. „Du hast mich inspiriert.“

„Was?“, platzt es ungläubig aus Daria. Sie blinzelt irritiert. Yuri lässt seinen Blick über die Sportler in der Halle schweifen.

„Als ich dich am Samstag beobachtet habe, da hattest du so einen Blick drauf. Du hast Viktor so angesehen… zuerst habe ich angenommen, dass du verliebt bist, aber das ist Blödsinn gewesen. Du hast ihn nicht verliebt angeschaut. Das war ein anderer Blick. Ein bewundernswerter Blick. Als wärst du nicht mehr hier, sondern bei Viktor in seiner Welt. Und da habe ich recherchiert. Was macht Viktor anders als ich? Warum schaust du mich nicht so an, wenn ich laufe?“

Daria schnappt nach Luft, sagt aber kein Wort, sondern hört Yuri aufmerksam zu.

„Vielleicht liegt es daran, dass du meine Trainerin bist. Aber dann habe ich Yakov gesehen und er hatte diesen Blick auch drauf, als er Viktor beobachtet hat. Und Yakov ist sein Trainer gewesen. Also kann es nicht daran liegen. Ich habe mir den Kopf zerbrochen und mir tausende Videos im Internet angeschaut. Aber ich habe jedes Video von Viktor schon gekannt und jeden Lauf von Katsudon auch. Dann ist mir eingefallen, dass ich nie etwas von dir gesehen habe. Also habe ich dich gesucht und irgendwie ist mir bewusst geworden, was du mit Musikalität meinst.“

Yuri macht eine Pause.

„Ich kenne nur wenige Läufer, die das in mir auslösen, was du getan hast, als du mir die Choreografie gezeigt hast. Als ich jünger gewesen bin, haben das noch viele gekonnt, aber je älter ich geworden bin, umso weniger Läufer haben mich fasziniert. Aber du hast es geschafft. Du hast beim Laufen etwas an dir, was… andere nicht haben. Und als du über Musikalität letzte Woche gesprochen hast, ist mir klar geworden, was das sein könnte.“

„Was denn?“, will Daria leise wissen.

„Du stellst die Musik dar, zu welcher du läufst“, antwortet ihr Yuri und schaut ihr dabei in die Augen. „Ich weiß, warum ich diese Choreografie so toll gefunden habe. Es liegt nicht am Lied – oder doch. Es liegt am Lied, aber auch daran, wie du gelaufen bist und das Lied dargestellt hast. Auf dem Eis. Man hat das Lied gehört und gesehen. Als mir das bewusst geworden ist, habe ich mir meine Videos angeschaut und versucht festzustellen, woran es scheitert, dass du mich nicht so anschaust, wie du Viktor am Samstag angeschaut hast.“

Ein schmales Lächeln umspielt Yuris Züge. „Es tut gut, dich so zu erleben“, fügt er hinzu.

Daria runzelt die Stirn. Sie betrachtet Yuri noch immer sprachlos. Sein Lächeln verzieht sich zu einem siegessicheren Grinsen.

„Sprachlos und beeindruckt. Heute schaust du mich so an, wie du am Samstag Viktor angeschaut hast.“

„Yuri“, haucht sie leise. Daria denkt über seine Worte nach. Sie hat Viktor am Samstag beeindruckend angeschaut? Natürlich tut sie das, denn sie ist von ihm und seiner Leistung begeistert! Aber das ist sie auch von Yuri! Er ist ein hervorragender Läufer, der sie jedes Mal aufs Neue überrascht. Daher tut es ihr fast schon weh zu hören, dass er das Gefühl hat, sie würde ihn nicht so anschauen wie Viktor. Denn das tut sie – oder? Heute zumindest macht sie das, denn Yuri hat sie tatsächlich beeindruckt. Er hat sie in eine Welt entführt, in welcher sie so noch nie gewesen ist. Es ist nämlich Yuris Welt.

Als sie diese Erkenntnis wie der Blitz trifft, schnapp sie unversehens nach Luft.

„Na?“, grinst Yuri, der sich mit der Zunge über die Lippen fährt. „Macht es Klick?“

„Du hast es verstanden“, murmelt Daria, während sie weiterhin in die grün-blauen Augen ihres Schützlings schaut. Sie funkeln. Er hat verstanden, was sie ihm letzte Wochen sagen wollte. Es ist ihr schwer gefallen, es in Worte zu fassen und das ist es noch immer. Doch er scheint begriffen zu haben, was sie ihm sagen wollte, als sie versucht hat, ihm zu erklären, dass er an seiner Musikalität arbeiten muss.

„Ich sehe es nicht bei Viktor oder Katsudon“, fängt Yuri an. „Ich habe ihre Läufe schon viel zu oft gesehen und kenne sie in- und auswendig. Aber deine habe ich nicht gekannt und als ich sie mir angeschaut habe, habe ich mich so gefühlt, als hättest du mich auf eine Reise mitgenommen. Die Musik leitet mich und du stellst die Musik dar. Je nachdem, zu was du gelaufen bist, hast du dein Publikum in eine andere Welt geführt und das war… beeindruckend. Deine Technik war zwar nicht besonders gut, aber deine Darbietung umso besser.“

„Deswegen bist du gestern im Zimmer gewesen und hast so viel gelernt.“

„Ich habe dich studiert und jetzt weiß ich, was du machst, um andere zu beeindrucken“, grinst Yuri frech, was Daria leise auflachen lässt. Sie betrachtet den blonden Sportler genau. Dieses siegessichere Grinsen gepaart mit dem Funkeln in seinen Augen steht ihm. Sie lassen ihn unglaublich attraktiv wirken. Ja, schießt es Daria durch den Kopf. So sieht jemand aus, dem es gelungen ist, die nächste Daseinsstufe zu erreichen. So sieht jemand aus, der seinen Erfolg nach harter Arbeit ernten kann. So sieht ein Sieger aus.

„Ich bin… beeindruckt“, murmelt sie leise, während sie Yuri mit einem strahlenden Lächeln mustert. Er grinst weiterhin frech.

„Das wirst du in nächster Zeit noch sehr oft sein. Dafür werde ich sorgen“, verspricht er ihr in einem vielsagenden Ton, bevor er langsam nach hinten gleitet und andeutet, dass er trainieren würde. Darias Augen folgen ihm. Sie beobachten ihn dabei, wie Yuri sich in den Strom zu den anderen Läufern gliedert. Er wirkt mit sich und der Welt zufrieden, was Daria glücklich stimmt und breit lächeln lässt. Sie legt sich ungläubig eine Hand an den Mund und schüttelt kurz den Kopf, während sie Yuri nicht aus den Augen lässt.

Ja. Er hat sie beeindruckt. Und er wird sie noch sehr viel öfter beeindrucken. Dessen ist sie sich sicher.
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