Wintersonnenwende

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
OC (Own Character) Yuri Plisetsky
09.02.2020
25.10.2020
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12.07.2020 3.346
 
Kapitel 23

St. Petersburg, Russland

Sonntag, 07. April 2019

Mit hinter dem Kopf verschränkten Armen liegt Yuri im Bett und starrt gedankenverloren an die Decke. Es ist dunkel im Zimmer. Nur durch einen Spalt zwischen den Vorhängen gelangt gelbliches Licht in den Raum. Gelegentlich fährt auch ein Auto am Gebäude vorbei. Dann fällt ein fahler, weißer Lichtstrahl durch das Fenster, erhellt das Zimmer für einen Augenblick, bevor dieses kurz darauf wieder von der Dunkelheit verschlungen wird.

Yuri weiß nicht, wie lange er schon in dieser Position liegt. Nachdem er aus dem Bad gekommen ist, hat er zu Daria gesagt, dass er sofort schlafen gehen würde und ist daraufhin in seinem Zimmer verschwunden. Ihren fragenden Blick spürt er nach wie vor in seinem Rücken, was womöglich auch der Grund dafür ist, warum er nicht schlafen kann.

Er hat zwar versucht, die Augen zu schließen und sich ins Reich der Träume fallen zu lassen, doch bisher ist ihm das nicht gelungen. Er muss ständig an diese Eisshow, an Viktor und das Schweinchen sowie Daria und ihren Blick denken. Dieser will ihm, egal wie sehr er sich anstrengt, einfach nicht aus dem Kopf gehen.

Es ist nämlich kein gewöhnlicher Blick gewesen, den Daria an den Tag gelegt hat, als sie bei der Eisshow gewesen sind. Es war nicht der prüfende Blick einer jungen Trainerin oder der liebevolle einer Freundin, die ihren guten Freund beim Eislaufen beobachtet. Es ist auch nicht der Blick eines Fans gewesen, der von Viktor oder dieser Eisshow begeistert gewesen ist. Es ist ein ganz eigener, einzigartiger Blick gewesen, welchen Yuri nicht definieren kann.

Darias Augen haben geglänzt, während sie Viktor beim Laufen zugesehen hat. Sie hat jede seiner Bewegungen aufgenommen, als ob sie ein Schwamm wäre. Sie hat irgendwie entspannt und zugleich unheimlich aufgeregt gewirkt. Es ist eine seltsame Mischung aus innerer Ruhe und äußerer Nervosität gewesen, von der Yuri sich nicht abwenden konnte. Wie jemand, der von einem Problem fasziniert ist, hat er Daria lange betrachtet. Erst als sie ihm in die Augen geschaut und ihn gefragt hat, ob etwas los sei, hat er sich von ihrem Anblick lösen und Viktor zuwenden können. Doch ihren Blick und diese seltsame Aura, die sie umgeben hat, konnte und kann er nicht aus seinem Kopf verbannen.

Er hat angenommen, dass er, inspiriert von Darias Aura, schon bald dasselbe sehen würde wie sie. Er hat gehofft, dass er schon bald genauso gebannt auf Viktor und Katsudon schauen wird. Doch Yuri hat sich bei bestem Willen nicht auf die Darbietung der beiden Eisläufer konzentrieren können. Er hat es versucht! Er hat sein Bestes gegeben! Er hat jede Bewegung und Regung in den Gesichtern von Viktor und Yuri mit zusammengekniffenen Augen in sich aufgenommen, als ob sein Leben davon anhängen würde. Aber seine Bemühungen haben nicht gefruchtet, denn er hat beim besten Willen nicht das gesehen, was Daria und Mila während der Eisshow dermaßen in den Bann gezogen hat.

Vielleicht aber liegt es nicht an ihm, dass ihm das nicht gelungen ist. Was, wenn Viktor und Katsudon schuld daran sind? Vielleicht haben es die beiden als Paar nach Viktors Soloeinlage ja nicht mehr geschafft, das aufs Eis zu zaubern, was Daria und Mila zuvor dermaßen fasziniert hat.

Nein, denkt sich Yuri und schüttelt kaum merklich den Kopf. Sie haben es geschafft, denn er kann sich noch sehr gut daran erinnern, dass Daria selbst während des Paarlaufs und später auch beim Einzellauf vom Schweinchen genauso gebannt auf die Eisfläche geschaut hat, wie es bereits bei Viktors Solodarbietung der Fall gewesen ist. Das heißt, dass seine Trainerin Viktor und Yuri nicht deswegen beobachtet hat, weil sie die zwei attraktiv findet. Yuri bezweifelt nämlich stark, dass Daria Interesse an einem zu klein geratenen Japaner hat. Es muss daher etwas anderes sein, was sie an ihnen fasziniert hat und weshalb sie den beiden dermaßen ehrfürchtig zugesehen hat.

Yuri verzieht unwirsch die Miene. Er dreht sich zur Seite und schaut aus dem Fenster. Viel kann er nicht sehen, außer das gegenüberliegende Gebäude, in welchem alle Fenster verdunkelt oder die Rollos geschlossen sind. Es ist auch bereits nach Mitternacht und bis auf feierwütige Studenten sind kaum noch Menschen wach, schon gar keine Kinder oder ältere Herrschaften.

Yuri schließt seine Augen und atmet einige Male tief durch. Er versteht partout nicht, warum Daria dermaßen fasziniert auf Viktor geschaut hat und warum ihn diese Tatsache überhaupt beschäftigt. Liegt es womöglich daran, dass sie ihn nie so anschaut, wenn er läuft? Natürlich tut sie das nicht! Sie ist seine Trainerin. Sie muss kritisch sein und seine Darbietung anders in Augenschein nehmen als jene von Viktor. Schließlich soll sie diese bewerten und ihm dabei helfen, Fehler zu finden und diese auszubessern. Es wäre also seltsam, wenn sie ihm beim Laufen genauso gebannt zuschauen würde, wie sie es bei der Eisshow getan hat.

Aber dann wiederum fragt er sich, ob sie es zumindest einmal nicht doch tun könnte. Sie muss zwar mit ihm trainieren, aber wäre es falsch, ihm ein einziges Mal mit dem Blick in den Augen zuzusehen, wie sie auch Viktor beobachtet hat? Oder ist das schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit, weil sie seine Trainerin ist und diese Rolle so schnell auch nicht ablegen wird?

Yuri spitzt nachdenklich die Lippen. Was haben Viktor und Katsudon nur gemacht, damit Daria sie so anschaut? Wie unterscheidet sich ihr Lauf von allen anderen, sodass selbst Mila und Yakov ihre Augen nicht von ihnen nehmen können? Yuri hat es nämlich bemerkt. Selbst Yakov ist ruhig auf seinem Platz gesessen und hat wie hypnotisiert auf Viktor und Katsudon geschaut. Er hat sie nicht bewertet oder ihre Technik unter die Lupe genommen, sondern die Show genossen und das, obwohl er einst Viktors Trainer gewesen ist. Das bedeutet wohl, dass es durchaus möglich sein muss, dass auch Daria ihm einmal so gebannt zuschaut, wie Yakov es bei Viktor getan hat. Aber wie?

Yuri öffnet seine Augen und schaut auf die weiße Zimmerdecke. Er versucht sich an die Darbietung von Viktor und dem japanischen Schweinchen auf dem Eis zu erinnern, geht gedanklich ihre Technik und die dargebotenen Figuren der Show durch. Doch nichts von all dem, was er gesehen hat, fesselt ihn. Er kennt Viktors Technik. Er weiß, wie dieser seine Sprünge vorbereitet, sie springt und landet. Auch kennt er seine Pirouetten und die Technik, die er anwendet, um sie exakt durchführen zu können. Selbst wenn Yuri die Choreografie der Eisshow nicht gekannt hat, so hat sie ihn nicht von den Socken gehauen. Sie war nicht besonders schwer und technisch auch nicht gerade anspruchsvoll. Wenn Viktor und Katsudon mit dieser Nummer im Paarlauf angetreten wären, hätten sie bei weitem nicht genügend technische Punkte gesammelt, um unter die besten fünf, geschweige denn drei zu kommen.

Was ist es also, was Viktors und Katsudons Lauf so besonders macht? Liegt es an der Musikalität, von der Daria am Dienstag gesprochen hat? Er kann sich nur vage an ihre Worte erinnern, da er in just diesem Moment von Viktor begrüßt wurde, was ihm so gar nicht gefallen hat. Daher hat er sich, wie er es sonst immer tut, keine Gedanken über Darias Kritik gemacht, sondern sich lediglich über Viktor und Katsudon geärgert. Allerdings hat Daria mit ihrer Bemerkung über Musikalität und dem Versuch, es ihm zu erklären, etwas zur Sprache gebracht, was ihm womöglich helfen könnte, besser zu werden. Er hat zwar nicht verstanden, was genau sie ihm sagen wollte, und doch hat sich etwas in seinem Inneren geregt.

Es ist vermutlich sein Stolz, der nicht auf sich sitzen lassen möchte, dass es etwas gibt, was er auf dem Eis nicht umsetzen kann. Er kann vierfache Sprünge springen, schnelle Pirouetten drehen und von seinen Künsten in Sachen Beweglichkeit will er gar nicht erst beginnen. Lilia hat ihn ausgezeichnet trainiert und obwohl sie das nun nicht mehr macht, kann nicht nur er sich an dieses harte Training, das gefruchtet hat, erinnern, sondern auch sein Körper. Es gibt also rein gar nichts, was Yuri Plisetsky verdammt noch mal nicht kann! Und daran werden selbst Darias Worte nichts ändern!

Musikalität, schießt es ihm durch den Kopf, bevor er sich schnaubend aufrichtet und die Nase rümpft. Er schnappt sich sein Handy, das neben ihm auf einem Nachtkästchen liegt und sucht nach Viktor. Daria hat davon gesprochen, dass man das, was sie ihm erklären möchte, besonders gut an Viktor und Katsudon sieht. Sie hat die beiden schließlich als Vergleich herangezogen und vor wenigen Stunden noch wie unter einem magischen Bann stehend beobachtet. Also müssen diese zwei etwas anders machen als Yuri! Nur was?

Um das herauszufinden, sucht Yuri nach einem Video. Es spielt dabei keine Rolle, welches Video von Viktors Läufen er nimmt, denn Daria scheint generell von ihm angetan zu sein. Das bedeutet, dass er das, worüber sie gesprochen hat, in jedem von Viktors Läufen zu sehen sein müsste, nicht wahr?

Schnell findet Yuri ein Video. Er kennt es so wie alle anderen Videos von Viktor und die meisten von Katsudon. Er hat sie sich alle angeschaut und das sogar mehrmals – nein! Er hat sie sogar bis ins kleinste Detail analysiert, um von ihnen zu lernen.

Ja. Yuri kann alles, aber selbst er muss von jemandem lernen und so ungern er es auch zugibt, gibt es Dinge, in denen Viktor nach wie vor besser ist als Yuri. Das heißt aber nicht, dass Yuri sie nicht kann. Viktor kann es einfach nur besser.

Yuri studiert das Video genau. Doch entgegen seiner Annahme, dass er besser verstehen wird, was Daria ihm vor einigen Tagen erklären wollte, findet er nichts, was ihn beeindruckt. Ob es womöglich daran liegt, dass er dieses Video bereits kennt? Oder es Viktor ist, der läuft? Vielleicht hat er jedes seiner Videos viel zu oft analysiert, um sie aus einem unbefangenen Blickwinkel unter die Lupe nehmen zu können. Egal wie viele Videos sich Yuri von Viktor anschaut, so sieht er nie das, was Daria darin sehen würde. Er sieht einfach nur Viktor, einen großartigen Sportler, der sich mal elegant, mal doppeldeutig und mal anmutig auf dem Eis bewegt, als wäre es das Leichteste auf der Welt. Er lässt seine Kür so wirken, als könnte sie jeder laufen, weil dies ja ach so normal ist wie das Atmen selbst. Aber Yuri weiß es besser. Er weiß ganz genau, dass Viktors künstlerische und technische Leistungen alles andere als leicht sind. Sie sind schwer und bringen selbst ihn in seiner Topform an seine Grenzen.

Yuri seufzt leise, bevor er nach Katsudon sucht. Bei Viktors Videos wird er nämlich nicht fündig. Jede Darbietung des russischen Sportlers befindet sich bereits in seinem Kopf. Er kann sie abrufen, ohne sich Videos ansehen zu müssen. Er kennt sie in- und auswendig, genauso wie jene von Yuri Katsuki. Zwar hat er diesen nicht so genau studiert wie Viktor, doch er hat sich seine Läufe ebenfalls genau angeschaut. Er hat seine Sprünge analysiert und seine Pirouetten unter die Lupe genommen. Er hat sich seine Schrittfolgen genaustens angeschaut und auch seine künstlerische Darbietung betrachtet. Doch er fühlt nicht das, von dem er glaubt, dass Daria es gefühlt haben muss, als sie den beiden beim Laufen zugesehen hat.

Was verdammt ist es nur?! Was sieht sie in den beiden, was sie in ihm nicht sieht? Findet sie die zwei etwa attraktiv? Liegt es daran, dass Viktor älter ist als sie? Er, Yuri Plisetsky. ist schließlich neun Jahre jünger als Daria. Vielleicht kann sie ihn deswegen nicht so anhimmeln, wie sie Viktor und Katsudon anhimmelt. Aber dann wiederum ist auch das japanische Schweinchen jünger als Daria. Oder liegt es an ihrer Freundschaft mit Viktor? Die zwei kennen sich schließlich schon lange und haben viel zusammen erlebt. Das allerdings erklärt nicht, warum sie von Katsudon angetan ist.

„Sie ist meine Trainerin“, versucht Yuri sich einzureden. Wenn Daria nicht seine Trainerin wäre, dann würde sie ihn bestimmt genauso anschauen und seine Darbietung auf dem Eis gebannt verfolgen. Da sie ihn aber für die kommende Saison in Topform bringen muss, sieht sie alles wesentlich kritischer und enger, als es bei Viktor und Katsudon der Fall ist. Ja, das muss es sein.

Yuri legt das Handy in seinen Schoß und lässt sich nach hinten ins Bett fallen. Abermals schaut er an die Decke. Seine Gedanken kreisen unaufhörlich um Viktor, Katsudon und Daria. Er hat das Gefühl, ihren Blick noch immer sehen zu können, wenn er die Augen schließt. Diesen Blick, der so viel Bewunderung und Faszination ausstrahlt. Ein Blick, der sich vom Objekt seiner Begierde nicht lösen kann. Ein Blick, der gefüllt ist mit weitaus Bedeutenderem als Liebe und Zuneigung. Es ist ein Blick voller Anerkennung, von dem jeder Eisläufer träumt, ihn in den Augen jener Menschen zu sehen, die ihn beobachten.

Als Yuri eine leise Melodie hört, öffnet er seine Augen. Er vernimmt Für Elise. Daria geht wohl ins Bett und hat ihre Spieluhr aufgezogen. Ein kurzes Lächeln legt sich auf seine Lippen.

Als er noch im Studentenheim gelebt hat, hat er sich täglich über die laute Musik seiner barbarischen Nachbarn beschwert. Sie ist ja auch schrecklich gewesen. Wer möchte denn schon den lieben langen Tag deutschen Schlager hören und das so laut, dass das Zimmer vibriert und man die ganze Nacht nicht schlafen kann, weil ein Ohrwurm den nächsten jagt? Daher hat er sich insgeheim auf das Zusammenleben mit Daria gefreut, denn sie hat ihm versprochen, ruhig zu sein und ihn nicht mit lauter Musik zuzudröhnen. Und daran hält sie sich auch.

Sie hört gelegentlich beim Kochen oder Backen klassische Musik. Doch diese ist so leise, dass Yuri sie nicht hört, wenn er seine Zimmertür schließt. Und selbst wenn er diese nicht schließt und er hin und wieder das ein oder andere Stick vernimmt, ärgert er sich nicht darüber. Gegen klassische Musik hat er schließlich nichts einzuwenden. Auch die Tatsache, dass er jeden Abend, wenn er im Bett liegt, Für Elise hört, stört ihn nicht, ganz im Gegenteil. Obwohl die Geschichte hinter Darias Spieluhr mehr als nur traurig ist, hat er das Gefühl, dass Beethovens Melodie ihn jede Nacht aufs Neue ins Reich der Träume führt. Sie hebt ihn sanft hoch und trägt ihn in eine Welt, in welcher er sich entspannen und genießen kann. Die Tatsache, dass Daria die Spieluhr jede Nacht vor dem Schlafengehen aufzieht und er sie durch die Wand, die ihre Schlafzimmer voneinander trennt, hört, ist mittlerweile zu solch einer Gewohnheit geworden, dass Yuri sich fragt, ob er ohne diese Melodie überhaupt einschlafen könnte. Es ist wie ein konditionierter Reflex. Wenn er Für Elise hört, wird er müde und schläft ein.

Aber nicht heute. Er setzt sich schnell auf und starrt mit leicht geöffnetem Mund an die gegenüberliegende Wand. Unversehens hat ihn eine Eingebung getroffen, welcher er sofort nachgehen muss, da er ansonsten nicht zur Ruhe kommen wird. Er schaut auf sein Handy. Dieses Mal möchte er sich aber weder ein Video von Viktor noch von Yuri Katsuki anschauen, sondern eines von Daria. Er hat sich zwar über sie informiert und weiß mittlerweile das ein oder andere wichtige Detail aus ihrem Leben in Hinblick auf ihre Karriere. Aber wirklich laufen gesehen hat er sie nur ein einziges Mal und das ist an jenem Tag gewesen, als sie ihm seine Choreografie präsentiert hat.

Nun erinnert er sich wieder daran. Er hat sich vom Anblick seiner jetzigen Trainerin nicht lösen können, weil er von ihrer Choreografie und Darbietung überwältigt gewesen ist. Er hat bis jetzt angenommen, dass das einzig und allein an der Musikauswahl und der Abfolge der Bewegungen gelegen ist. Doch was, wenn es nicht nur diese zwei Faktoren gewesen sind? Was, wenn Daria selbst eine Rolle gespielt hat?

Wenn Mila diese Choreografie gelaufen wäre, wäre er überrascht gewesen, aber er wäre in keinen magischen Bann gezogen worden. Bei Daria ist aber genau das passiert. Er hat seine Augen nicht von ihr nehmen können. Er hat keine Sekunde ihrer einzigartigen Darbietung verpassen wollen. Das liegt weder daran, dass sie eine Freundin gewesen ist, noch dass er sie attraktiv findet. Es hat nichts mit ihrer Technik zu tun gehabt, denn diese hat aufgrund ihrer langen Pause mehr als nur zu wünschen übriggelassen. Es lag ganz allein an der Art und Weise, wie sie gelaufen ist und das aufs Eis gezaubert hat, was er nun mal wahrgenommen hat. Wut. Hass. Und die Nachricht an alle, dass man ihn – oder an jenem Tag eben sie – nicht unterschätzen soll.

Es gibt nicht viele Videos von Daria auf dem Eis. Doch die wenigen, die er findet, versetzen ihn in denselben tranceähnlichen Zustand, den er während der Eisshow bei ihr wahrnehmen konnte und in welchem er sich selbst bereits befunden hat, als sie ihm seine Choreografie für das Kurzprogramm präsentiert hat. Obwohl es nur kurze Videos sind, deren Qualität mehr als nur schlecht ist, so kann er sich dennoch nicht von ihnen lösen. Er muss zuschauen. Er muss wissen, wie ihre Choreografie weitergeht, denn sie scheint das zu sein, worüber Daria mit ihm am Dienstag geredet hat: Eine Visualisierung des Liedes.

Das, was er hört, stellt Daria auf dem Eis dar und weckt dadurch ein Gefühl in ihm, welches er nicht beschreiben kann. Es ist eine Mischung aus Ruhe und Aufregung. Er fühlt sich zufrieden und glücklich, denn das, was seine Augen sehen und seine Ohren vernehmen, passt einfach zusammen. Es fließt ineinander und ist dermaßen stimmig, dass es einem die Luft zum Atmen nimmt. Es ist wie ein Puzzle und den Lauf, welchen man hat, wenn man ein Stück nach dem nächsten findet und es sogleich an die richtige Stelle setzt. Man fühlt sich zufrieden und zugleich aufgeregt, denn man will nicht, dass diese Glückssträhne aufhört.

So will auch er nicht, dass Daria zu laufen aufhört. Er beobachtet sie, fragt sich, was als nächstes kommt, ist überrascht über ihre Übergänge und einzigartige Choreografie, bevor er mit einem zufriedenen Gefühl, aber auch voller Enttäuschung feststellt, dass diese bereits zu Ende ist. So schaut er sich ein Video nach dem nächsten an und verliert sich vollkommen in diesem magischen Bann, in den Daria ihn versetzt.

Nach und nach fragt er sich, was genau es ist, was Daria macht, um ihn so zu faszinieren. Er will wissen, wie es ihr gelingt, alle Zuschauer in eine andere Welt zu versetzen und sie das erleben zu lassen, was Daria fühlt. Anfangs hat er angenommen, dass es einfach nur ihre Choreografie ist, die ihn fesselt. Doch er merkt schnell, dass es nicht nur an dieser liegt, sondern auch an ihrer Ausführung. Wenn Daria springt, springt sie auf einen betonten Zähler. Wenn sie landet, landet sie auf einem betonten Zähler. Wenn sie sich dreht, ist die Musik lebhaft und schnell. Wenn sie langsamer wird, wird auch Daria langsamer. Ihre Sprünge sind so gesetzt, dass sie zur Musik passen und jene Stellen hervorheben, die auch im Lied stark betont werden. Langsame und langgezogene Passagen nutzt sie als Übergänge für weitere Kombinationen. Ihre Schrittfolgen wechseln sich ab. In manchen Choreografien sind sie lebhaft und schnell. In manchen langsam und flüssig. Bei den langsamen Liedern erinnert sie ihn an eine Fee, die über eine dünne Eisschicht auf einem gefrorenen See tanzt. Ihre Bewegungen sind grazil und weich. Sie wirkt fragil und klein. Doch bei den schnellen Läufen setzt sie ihre Schritte gekonnt und schnell. Wie eine Tänzerin, die sich ihrer Ausstrahlung genau bewusst ist. Sie animiert das Publikum, ohne diese in irgendeiner Art und Weise aufzufordern. Sie läuft einfach und reißt allesamt in ihre Welt mit. Selbst Yuri. Bei den langsamen Choreografien hält er die Luft an, als würde er befürchten, dass nur ein falscher Atemzug Daria verängstigen und sie davonlaufen lassen könnte, wie eine Fee, die von Menschen beim Tanzen beobachtet wurde. Bei ihren schnellen Läufen muss Yuri sich zurückhalten, sich nicht ebenfalls bewegen und sie animieren zu wollen.

Es ist seltsam, eine Choreografie so zu erleben und sie auf diese Art und Weise zu analysieren, wie er es macht. Doch zum ersten Mal seit langer Zeit hat Yuri das Gefühl, dass er etwas Neues und Wesentliches gelernt hat, was ihm tatsächlich helfen könnte, eine neue Stufe des Eislaufens zu erreichen. Und um dieses neugewonnene Wissen nicht zu verlieren, setzt er sich an seinen Schreibtisch und fängt an, all seine Gedanken in Bezug auf Darias Stil aufzuschreiben.
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