Wintersonnenwende

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
OC (Own Character) Yuri Plisetsky
09.02.2020
25.10.2020
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05.07.2020 3.890
 
Kapitel 22

St. Petersburg, Russland

Samstag, 06. April 2019

Daria schaut in Gedanken versunken aus dem Fenster des Busses, in dem sie gemeinsam mit Yuri sitzt. Zusammen fahren sie zur Eisshow, zu welcher Viktor und der japanische Yuri sie am Dienstag eingeladen haben.

Draußen regnet es in Strömen. Der prasselnde Regen klopft heftig an die Fensterscheiben und hält dadurch sämtliche Passagiere wach. Draußen ist es schon dunkel. Alles, was Daria sieht, wenn sie aus dem Fenster schaut, sind die gelben Lichtkegel der Straßenlaternen, die sich in regelmäßiger Abfolge am Rand entlangziehen. Für einen kurzen Moment wird es hell im Bus, wenn sie unter einer Laterne vorbeifahren. Ein Licht wurde eingeholt. Doch es wird schon im nächsten Augenblick zum alten Licht, um dann unwiderruflich auf der Strecke zu bleiben und durch ein neues Licht ersetzt zu werden. Dieses Schauspiel wiederholt sich unaufhörlich und in einem stetigen Rhythmus.

Der Regen erinnert Daria an jenen Abend, als sie und Yuri vom gemeinsamen Essen mit Viktor und seinem japanischen Verlobten nach Hause gegangen sind. Ganz klar vernimmt sie Yuris Worte in ihrem Ohr, der sie an jenem Abend in dieser menschenleeren Seitenstraße gebeten hat, ihn nicht alleine zu lassen. Ganz genau kann sie sich auch noch an ihre eigenen Worte erinnern, die ihm versprochen haben, bei ihm zu bleiben. Zu gut entsinnt sie sich der innigen Umarmung, in welcher sie sehr lange gestanden sind und noch wesentlich länger geblieben wären, wenn der plötzlich einsetzende Regen sie nicht überrascht und nach Hause getrieben hätte.

In dieser Nacht haben sie sich zum ersten Mal ein Bett miteinander geteilt. Sie haben allerdings nicht miteinander geschlafen, sondern sind lediglich nebeneinander ins Reich der Träume geglitten, nachdem sie Beethovens Für Elise mehrere Male abgespielt haben.

Daria hat genau gewusst, warum Yuri in jener Nacht bei ihr sein und nicht in seinem Zimmer schlafen wollte. Sie hat ihn besser verstanden, als er es sich vermutlich vorstellen kann. Denn vor über einem Jahr ist es bei ihr nicht anders gewesen.

Nachdem Matthias verstorben ist, hat ihr bester Freund Chris eine ganze Woche lang bei ihr geschlafen, um sie nachts nicht alleine zu lassen. Sie hatten keinen Sex. Er hat sie lediglich gehalten und ihr dadurch das Gefühl vermittelt, nicht alleine zu sein. Auch wenn das im Angesicht der Situation, in welcher sie sich befunden hat, nur ein sehr schwacher Trost gewesen ist, so ist sie Chris für seine Hilfe, Unterstützung und Geduld nach wie vor sehr dankbar. Nie wird sie vergessen, was er in dieser Woche für sie getan und wie viel Kraft er ihr dadurch gespendet hat.

Und genauso wie Chris für sie da gewesen ist, möchte sie nun auch für Yuri da sein. Er soll wissen, dass er sich immer auf sie verlassen kann. Er soll wissen, dass er über alles mit ihr reden kann. Und er soll auch wissen, dass er immer ins Bett kommen und sich zu ihr legen kann, wenn er sich einsam fühlt. Denn genau dieses Gefühl der Einsamkeit sollte ein so junger Mann wie er nicht verspüren.

Wenn man einsam ist, denkt man viel nach. Man versucht zwar, gegen dieses Gefühl anzukämpfen, indem man sich rationaler Gedanken besinnt. Doch zugleich merkt man nicht, wie schnell man sich im Strudel der Negativität verliert und letzten Endes in einem tiefen, dunklen Loch sitzt. Der einzige Partner, der sich ebenfalls dort befindet, ist die Einsamkeit, die so plötzlich von einem Besitz ergreift, dass man schon bald nicht mehr in diesem Loch sitzt, sondern liegt. Man rührt sich nicht mehr. Das will man auch gar nicht. Man will einfach nur sterben.

Aber der Tod erlöst keine einsamen Seelen. Er sammelt sie nicht ein und bringt sie zu den anderen, damit man nicht mehr allein ist. Er nimmt einem nur den Körper, eine menschliche Hülle, sodass man sich letzten Endes als Geist in diesem tiefen, dunklen Loch befindet. Und das erneut vollkommen alleine.

Daria löst ihren Blick vom Fenster und schaut auf Yuri. Mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze sitzt er neben ihr. Er schaut auf sein Handy und betrachtet einige Bilder. Auf manchen kann sie bekannte Eisläufer sehen, die versuchen, sich auf ein gemeinsames Bild zu quetschen. Auf anderen wiederum erkennt sie Tiger und andere Großkatzen. Ein sanftes Lächeln stiehlt sich auf ihre Lippen.

Für alle anderen ist Yuri nach diesem Abend derselbe gewesen. Griesgrämig, schlecht gelaunt und für keinen Witz zu haben. Er hat sich auf sein Training konzentriert und sich weiterhin seiner Leidenschaft fürs Sammeln von Objekten mit Tigermuster hingegeben. Allerdings hat sich seit jener Nacht etwas zwischen ihnen verändert.

Daria hat zunächst nicht sagen können, was genau es ist. Aber sie hat klar und deutlich gespürt, dass nichts mehr so gewesen ist wie früher. Ihr Umgang miteinander ist irgendwie vertrauter geworden. Ihr Umgangston freundlicher. Ihre Gespräche offener. Es ist, als wäre in Yuri ein emotionaler Damm gebrochen, der ihn bisher daran gehindert hat, sich ihr zu öffnen. Sie haben zwar schon früher über Otabek und diese Liebesbeziehung gesprochen. Doch sie haben noch nie dermaßen lange und besonders intensive Gespräche über seine Gefühle für den Kasachen geführt.

Daria hat geahnt, dass Yuri Otabek aus ganzem Herzen geliebt hat. Aber wie tief diese Liebe tatsächlich gewesen ist, hat sie erst in den vergangenen zwei Tagen erfahren. Daher fällt es ihr zunehmend schwerer, ruhig zu bleiben und Otabek Altin für das, was er Yuri angetan hat, nicht zu verurteilen. Sie kennt ihn nicht. Sie weiß nicht, welche Beweggründe er für diese Trennung hatte. Sie weiß auch nicht, ob er selbst darunter leidet. Alles, was sie weiß, ist, dass sie für Yuri da sein muss und auch da sein wird. Sie wird ihm helfen.

Denn genauso, wie sie ihm hilft, hilft auch er ihr, indem er sie mit seinen Fragen in Hinblick auf Otabek zwingt, sich mit vielen Dingen aus der Vergangenheit und der Gegenwart in Bezug auf Matthias auseinanderzusetzen. Auf einmal erscheint ihr die Welt nicht mehr schwarz und weiß. Sie ist auch nicht mehr grau. Sie gewinnt zunehmend an Farbe, die Yuri in ihrem Leben verteilt. Er malt Tigermuster, was für sie keine Rolle spielt, solange seine Farben haften bleiben und Daria ihr Leben nicht mehr als tristen Schwarz-Weiß-Film wahrnimmt.

„Danke, dass du heute mitkommst. Das bedeutet mir viel. Und ich bin mir sicher, dass Viktor und Yuri sich auch freuen werden“, sagt Daria und schenkt Yuri ein sanftes Lächeln. Er mustert sie prüfend aus dem Augenwinkel heraus, bevor er sich wieder seinem Smartphone zuwendet.

„Ich gehe nur deinetwegen. Der alte Sack und Katsudon sind mir egal, dass das klar ist“, erwidert er mit ruhiger, aber bestimmter Stimme.

Daria nickt verständnisvoll und blickt erneut aus dem Fenster. Ja. Für alle anderen ist und bleibt Yuri ein griesgrämiger Tigerliebhaber. Doch für sie ist er mehr als das. Er ist so etwas wie ihr kleiner Bruder, auf den sie von nun an gut aufpassen wird.

„Ich bin gespannt, was er uns heute zeigen wird. Viktor ist immer für eine Überraschung gut. Wer weiß, vielleicht ist ja das ein oder andere technische Element dabei, das ich in deinem freien Programm nutzen kann“, gibt sie nachdenklich von sich.

Sie arbeitet mittlerweile seit mehreren Wochen an Yuris freiem Programm, doch die einzelnen Elemente wollen sich zu keinem einheitlichen Ganzen zusammensetzen lassen. Die Choreografie ist nicht ineinandergreifend. Daher hat sie einige Passagen mehrmals geändert. Sie hat auch die Musik des Öfteren gewechselt. Nun ist sie zwar mit dieser zufrieden, doch die Reihenfolge der bisher geplanten Elemente muss überarbeitet werden.

Wie zum Teufel hat sie es geschafft, Yuris erste Choreografie in weniger als einer Woche zu erstellen? Sie muss entweder inspiriert gewesen sein, oder verdammt viel Glück gehabt haben. Denn das freie Programm führt ihr vor Augen, wie unglaublich schwierig und kräftezerrend das Erstellen einer mehr als vier Minuten langen Choreografie ist.

„Gib dir keine Mühe“, reißt Yuri sie aus ihren Gedanken. Er steckt sein Handy in die Hosentasche und steht auf. „Viktor hat nichts, was dich oder mich umhauen könnte. Ich kenne all seine Choreografien und sie sind langweilig.“

Sie folgt Yuri und steigt aus dem Bus. Noch bevor sie einen Schritt auf den Gehsteig setzt, spannt sie einen großen, schwarzen Schirm, damit Yuri und sie nicht nass werden. Sie stehen direkt vor der zweiten großen Eishalle in St. Petersburg, in welcher meistens die Eishockeyspieler trainieren. Die Saison ist allerdings schon zu Ende, weshalb die Halle dieses Wochenende für Viktors und Yuris Eisshow genutzt wird. Hunderte Menschen strömen aus allen Richtungen zum Eingang. Viele halten Schilder mit Viktors Namen in der Hand oder ein Plüschtier in Form jenes Hundes, den Viktor besitzt. Auf manchen Schildern sieht man auch Yuri Katsukis Namen stehen, doch diese sind im Ozean von Viktorschildern eine wahre Rarität.

Yuri schnaubt, bevor sie sich dem Strom anschließen und die Halle betreten. Im Inneren befinden sich mehrere hunderte Menschen. Manche stehen bereits vor den großen Schwingtüren zur Eishalle und zeigen der Security ihre Karten. Andere wiederum befinden sich an einer provisorisch aufgebauten Bar und bestellen etwas zu trinken. Einige wenige haben sich abseits des Geschehens zu kleineren Grüppchen zusammengefunden und unterhalten sich angeregt, darunter auch Mila, Yakov und Georgi. Mila ist die erste, die sie entdeckt. Sie winkt eifrig, um auf sich aufmerksam zu machen.

„Und ich dachte, dass es schlimmer nicht werden kann“, seufzt Yuri, was Daria amüsiert lächeln lässt.

„Es sind nur Mila, Yakov und Georgi. Das wirst du überleben.“

Gemeinsam gehen sie auf die kleine Gruppe zu, die sie mittlerweile ebenfalls entdeckt hat. Georgi mustert sie von oben bis unten, ehe er sie mit einem überheblich wirkenden Grinsen begrüßt. Yakov hingegen nickt ihr stumm zu.

„Na endlich! Ich habe schon gedacht, dass ihr gar nicht mehr kommen werdet“, verkündet Mila.

„Wäre auch besser so gewesen“, erwidert Yuri, der die Nase rümpft und mit missmutiger Miene neben ihr stehen bleibt. Daria kräuselt belustigt ihre Mundwinkel.

„Jetzt komm schon! Wie lange haben wir Viktor nicht mehr auf dem Eis gesehen, hah? Das ist eine einmalige Chance!“, sagt Mila enthusiastisch. Ihr ist bewusst, dass sie dadurch ein wenig an Yuris Ego krazt. Ihr zuliebe versucht sich dieser heute aber nicht provozieren zu lassen und dreht sich lediglich schnaubend zur Seite. Die Arme verschränkt er demonstrativ abwehrend vor der Brust.

„Vermutlich hat er dieselben Elemente wie sonst auch immer drinnen“, kommt es von Georgi.

„Du bist doch nur neidisch, weil du sie nicht kannst“, verteidigt Mila ihren ehemaligen Teamkollegen. Das scheint Georgi gar nicht zu gefallen. Er schnappt bereits nach Luft und möchte etwas sagen. Doch Yakov ist schneller und brummt: „Hört mit dem Kinderkram auf. Wie alt seid ihr?“

Er fasst sich an die Stirn und massiert sich die Schläfen. Manchmal könnte man wirklich glauben, dass das russische Eislaufteam aus kleinen Kindern und keinen erwachsenen Sportlern besteht. Georgi ist hochnäsig und lässt sich ungern etwas sagen, außer von Yakov. Mila kann es nicht unterlassen, Yuri bei jeder Gelegenheit aufzuziehen und Yuri ist ein miesepetriger Sturkopf. Diese reizende Gruppe wird mit Yakov als Trainer abgerundet, der manchmal über die Stränge schlägt und sich am Eislaufplatz von Georgi, Mila und Yuri provozieren lässt. Und sie? Sie ist eine etwas zu ruhige Persönlichkeit, die einen Hang zum Perfektionismus hegt und mit diesem früher oder später alle in den Wahnsinn treiben wird.

„Hm“, macht Georgi. Er wendet sich von der Gruppe ab, zückt seinen Geldbeutel und murmelt eher an sich selbst als an die Gruppe gerichtet, dass er etwas zu trinken kaufen würde.

„Oh ja! Ich auch!“, hängt Mila sich an. Sie packt Georgi an einem und Yuri am anderen Oberarm, bevor sie beide widerwillig in Richtung Bar zieht. „Los, Yuri! lass uns was zu trinken kaufen! Georgi spendiert uns allen was!“

Daria blickt den Dreien belustigt nach. Während Georgi verdutzt aus der Wäsche schaut und versucht zu erklären, dass er ihnen nichts zu trinken spendieren werde, versucht Yuri gegen Milas festen Griff um seinen Oberarm anzukommen. Doch sie lässt nicht locker und zieht ihn unbarmherzig hinter sich her zur Bar.

„Manchmal habe ich das Gefühl, einen Kindergarten zu erziehen und keine Eisläufer zu trainieren“, seufzt Yakov tief auf.

„Könnte man meinen, ja. Aber es ist schön, sie so zu sehen. Glücklich und zufrieden. Das sollte man zu schätzen wissen.“

Yakov erwidert nichts auf diese Aussage, sondern beobachtet seine drei Schützlinge, die noch immer am Argumentieren sind, wer nun die Getränke bezahlen wird. Georgi scheint von der Idee, dass er für sie alle blechen soll, nicht begeistert zu sein. Yuri hingegen will flüchten.

„Ich verstehe, warum du so denkst. Aber trotzdem. Sie sind doch keine Kleinkinder mehr. Sie könnten alle ein besseres Benehmen an den Tag legen“, brummt Yakov. Er atmet tief durch und verschränkt die Arme vor der Brust. Daria schenkt ihm einen freundlichen Blick.

„Sei froh, dass sie beim Training ihr Bestes geben.“

„Hm“, mach Yakov. Auch wenn es zwischen ihnen still wird, so ist es in der Halle laut. Hunderte Menschen reden wild durcheinander. Daria fühlt sich, als wäre sie in einem Bienennest. Von überall sind Stimmen zu vernehmen. Hohe Weibliche und tiefe Männliche. Gelegendlich dringt auch eine zarte Kinderstimme zu ihr hindurch und vereinzelt hört sie auch einige junge Mädchen, die beim Namen Viktor zu kreischen anfangen. Das Gedränge vor den großen Schwingtüren zur Eishalle wird immer größer. Dabei muss niemand um einen Platz kämpfen, denn diese sind nummeriert und den Gästen auf dem Ticket zugeteilt worden.

„Ist mit Yuri alles in Ordnung?“, zieht Yakov ihre Aufmerksamkeit auf sich. Daria wendet sich zu ihm, doch er erwidert den Augenkontakt nicht. Er schaut in die Ferne, ohne einen spezifischen Punkt zu fixieren.

„Natürlich. Was sollte denn nicht in Ordnung sein?“

„Er ist beim Training irgendwie ruhiger. Aufmerksamer. Weniger gereizt.“

Daria legt sich eine Hand in den Nacken und neigt den Kopf nachdenklich nach links und rechts.

„Er ist einfach konzentriert. Er hat sein Ziel vor Augen und will es erreichen. Mittlerweile haben wir schon April und er bereitet sich gedanklich auf die nächste Saison vor. Das wird alles sein“, sagt sie beschwichtigend. Dass Yuri die letzten Tage oft über Otabek gesprochen und ihr seine verletzliche Seite gezeigt hat, die ihn wohl müder macht, als ihm bewusst ist, will sie nicht erwähnen. Yuri hat ihr diese Sachen anvertraut und nicht Yakov. Daher wird sie niemandem etwas davon erzählen.

„Hm“, kommt es von Yakov, der sie aus den Augenwinkeln mustert. „Nur das? Oder ist zu Hause etwas vorgefallen?“

„Was meinst du?“

„Weiß ich nicht. Ich habe angenommen, dass du mir das sagen kannst. Ist zu Hause etwas passiert?“

„Nein“, schüttelt Daria den Kopf. „Es ist alles wie immer, wenn nicht sogar besser.“

„Besser?“

„Hm“, macht Daria und zuckt mit den Schultern. „Yuri ist konzentriert bei der Sache. Er schläft genug, seine Ernährung ist ausgewogen und abends lernt er. Seine Noten sind, soweit ich weiß, auch besser geworden. Sein Privatlehrer ist guter Dinge, dass er die Abschlussprüfung im Sommer schaffen wird.“

„Hast du mit ihm gesprochen? Also seinem Lehrer?“

„Ja. Er ist gestern bei uns gewesen, weil irgendetwas in seiner Wohnung repariert werden musste und Handwerker dort gewesen sind. Also haben sie den Unterricht kurzfristig zu uns nach Hause verlegt und da habe ich das ein oder andere Wort mit ihm wechseln können. Er hat Yuri für seine harte Arbeit gelobt und gemeint, dass es seit Neujahr besser laufen würde.“

„Hm“, brummt Yakov, der sie noch immer argwöhnisch beäugt.

„Nun schau doch nicht so skeptisch“, kommt es von Daria, die Yakov ein unschuldiges Lächeln schenkt. „Es ist alles in bester Ordnung. Yuri geht es gut und Zuhause läuft es auch super. Vielleicht ist er die letzten Tage einfach müde gewesen und hatte keine Energie, mit dir zu diskutieren. Vielleicht hat er auch eingesehen, dass er auf dich hören muss. Seitdem Viktor da ist, ist er so oder so ein bisschen gereizt. Aber das lässt er an ihm und nicht an uns aus.“

„Stimmt auch wieder“, kommentiert Yakov und nickt. Yuri ist über Viktors Anwesenheit in St. Petersburg nicht erfreut. Deswegen ärgert er sich oft über den russischen Sportler, wodurch er keine Zeit mehr hat, sich über ihr oder Yakovs anstrengendes Training zu beschweren.

„Wenn Viktor wieder nach Japan gehen wird, wird er der alte Yuri werden. Du wirst schon sehen. Dann verdreht er wieder die Augen, wenn du ihm sagst, dass er den Sprung noch einmal machen soll, weil er schlampig gewesen ist.“

Yakov nickt zustimmend und wendet sich von ihr ab. Er lässt seinen Blick über die Menschenmasse schweifen. Die meisten befinden sich mittlerweile in der Halle. Einige wenige Fans stehen noch im Foyer. Mila, Georgi und Yuri kommen zurück.

„Hier“, sagt Yuri und reicht ihr eine Wasserflasche. Daria hebt eine Augenbraue, nimmt die Flasche allerdings entgegen.

„Danke...? Das ist nett von dir“, murmelt sie ein wenig überrascht und mustert prüfend Yuri. Er erwidert ihren Blick ruhig, wendet sich jedoch schnell von ihr ab.

„Georgi ist so nett gewesen und hat uns alle eingeladen!“, verkündet Mila lachend. Georgi erwidert nichts darauf, doch sein langes Gesicht spricht Bände und lässt Daria erahnen, dass er nicht sonderlich glücklich über den Umstand ist, allen ein Getränk ausgegeben zu haben. Daria kichert leise.

„Na, dann muss ich mich wohl bei dir bedanken“, sagt sie an Georgi gerichtet. Sie schenkt ihm ein amüsiertes Lächeln, ehe sie Yuri folgt, der stumm vorausgegangen ist, um in die Halle zu kommen. Mila, Georgi und Yakov folgen ihr.

Wenn sich Daria zuvor schon wie in einem Bienennest gefühlt hat, so hatte sie keine Ahnung, was sie in der Halle erwarten wird. Es befinden sich nicht nur hunderte, sondern tausende Menschen in dieser. Viele Plätze sind bereits besetzt. Einige wenige sind noch frei, allerdings werden sich auch diese bald füllen, denn es strömen noch immer viele Menschen aus sämtlichen Eingängen in die Halle.

„Wow“, staunt Mila. Sie hat sich über Darias Schulter gelehnt und betrachtet mit großen Augen die Halle. Sie nickt anerkennend. „Das nenne ich, eine Halle füllen.“

„Ziemlich groß“, stimmt Daria zu. Auch sie fühlt sich im ersten Augenblick von der Größe und den vielen Menschenmassen förmlich erschlagen.

„Nun ja, ist ja auch Viktors Heimat. Würde mich wundern, wenn er die Halle nicht füllt“, kommentiert Mila. Da von hinten immer mehr Menschen drängen, setzen sie sich allesamt in Bewegung. Sie haben gute Tickets in der ersten Reihe geschenkt bekommen, weshalb sie recht weit nach unten gehen müssen. Je näher sie dem Eis kommen, umso mehr kann Daria von der Eisfläche sehen. Noch liegt sie im Dunkeln, aber einige kleine Details sind bereits erkennbar.

Sie lässt sich zwischen Yuri und Mila auf einen Plastikstuhl nieder und schaut ein weiteres Mal durch die Halle. Ihr Blick bleibt schlussendlich an Yuri hängen, der auf sein Handy starrt und weder der Eisfläche noch dem Publikum seine Aufmerksamkeit schenkt.

„Danke für das Trinken“, sagt sie leise an ihn gerichtet. Ohne aufzuschauen zuckt er mit den Schultern.

„Kein Problem. Soll eine längere Show ohne Pause werden.“

„Tatsächlich?“

„Hm“, nickt er und lässt sein Handy in der Jackentasche verschwinden. Daria schmunzelt über sein Verhalten und die Aussage, sagt aber nichts dazu. Sie kann sich bereits denken, dass er nicht darauf angesprochen werde möchte, sich über Viktors Eisshow informiert zu haben. Woher sonst sollte er wissen, dass sie länger dauert und es keine Pause gibt? Viktor mag zwar nicht auf der Liste jener Leute stehen, die Yuri zu seinen besten Freunden zählt, aber er kann nicht leugnen, dass ihm der einstige Eislaufweltmeister egal ist. Wäre das der Fall, würde er nicht all seine Choreografien und Techniken kennen. Daria kann sich gut vorstellen, dass Yuri einfach zu stolz ist, um zuzugeben, dass er noch immer zu Viktor aufsieht, oder sich zumindest an ihm orientiert.

„Vielleicht siehst du ja in der Show, was ich am Dienstag mit Musikalität gemeint habe. Es geht nicht darum, eine Choreografie auf Eis zu bringen, sondern alle in einen Bann zu ziehen, wobei Viktor das hier leichtfallen wird. St. Petersburg ist schließlich seine Heimat“, sagt Daria an Yuri gerichtet.

Er rümpft die Nase, ohne etwas zu erwidern. Daria kennt dieses Verhalten. Er will etwas sagen, verkneift es sich aber, da er genau weiß, dass es keinen Sinn hat, mit ihr darüber zu diskutieren. Sie würde ruhig bleiben und sich auf keine hitzige Diskussion einlassen.

Nach und nach werden auch die letzten Plätze eingenommen und die großen Türen zur Halle schließen sich. Die Menge wird lauter, verstummt aber, als das Licht ausgeht. Nur die Eisfläche wird nacheinander in unterschiedliche Farben getaucht. Die ersten Läufer kommen aufs Eis und werden unter tosendem Applaus empfangen. Viktor und Yuri sind die letzten, die eine Runde um den Platz drehen und alle begrüßen. Ihr Applaus ist der lauteste. Insbesondere jener für Viktor.

Die Show an sich unterscheidet sich nicht besonders stark von gewöhnlichen Eisshows. Es werden einzigartige Figuren gezeigt, die man bei Wettbewerben nicht sieht. Es wird moderne Musik gespielt und wesentlich mehr Wert auf die Darstellung und Darbietung gelegt als auf Technik.

Das weiß Daria sehr zu schätzen. Sie will dem technischen Aspekt beim Eiskunstlauf keinen Wert absprechen, doch wenn sie viele junge Läufer beobachtet, so hat sie das Gefühl, dass sie Maschinen und keine Menschen sind. Jeder Sprung muss höher gesprungen werden als bisher. Jede Drehung schneller vollführt werden als zuvor. Jeder technische Aspekt muss ausgenutzt werden, um noch mehr Punkte zu gewinnen. Darunter leiden letztendlich die Choreografie und der künstlerische Aspekt beim Eislaufen, was nur solche Shows, die allerdings keinerlei Bedeutung für den Welteislaufverband haben, wett machen. Es ist schade, doch Daria kann nichts an diesem Umstand ändern. Sie kann lediglich versuchen, Yuris Choreografien so anspruchsvoll und zugleich künstlerisch wie möglich zu gestalten und diese Show hier genießen.

Das gelingt ihr auch, denn sie findet sich schon bald in diesen magischen Bann gezogen, von welchem sie Yuri vorhin erzählt hat. Viktor gelingt es immer wieder aufs Neue, sie zu faszinieren. Seine Bewegungen auf dem Eis sind betörend. Die Tatsache, wie er die Choreografie auf die Musik abgestimmt hat, einfach nur unglaublich. Und die Art, wie er sich rhythmisch zur Musik bewegt, macht sie sprachlos. Darias Augen folgen schon bald nur noch Viktors Bewegungen und seiner einzigartigen Darbietung, die sie lächeln lässt.

Allerdings wird sie nach und nach unruhiger. Das seltsame Gefühl, beobachtet zu werden, keimt in ihr auf. Daher schaut sie zuerst auf Mila, die neben ihr sitzt und genauso gebannt wie sie gerade eben Viktor beim Laufen beobachtet. Anschließend dreht sich Daria auf die andere Seite, wo sie direkt in Yuris Augen schaut. Seine Lippen sind einen Spalt breit geöffnet und seine hellen Augen schauen sie forschend an. Sie hat das Gefühl, als würde er sie nicht nur anschauen, sondern irgendetwas in ihren blauen Weiten suchen. Nur was?

„Yuri“, sagt sie leise und kommt ihm ein wenig näher. Ihr Schützling blinzelt einige Male irritiert, bevor er den Rücken strafft und seinen Blick wieder auf das Eis richtet.

„Ist alles in Ordnung?“

Yuri nickt bloß und murmelt, dass sie die Show weiterhin genießen soll. Schließlich ist es Viktor, der gerade läuft. Daria nickt zustimmend, kann ihre Skepsis gegenüber dieser Aussage aber nicht verbergen. Sie fragt sich, worüber sich Yuri gerade den Kopf zerbrochen hat. Kann es sein, dass er tatsächlich nach etwas gesucht hat? Und wenn ja, was ist es gewesen? Und hat er es gefunden?

Daria kann nur hoffen, dass er sich nicht wieder den Kopf über Otabek zerbrochen hat. Denn an einem solchen Abend in solch einer Show und solch reizender Begleitung in Form von Yakov, Mila und Georgi soll er nicht an seinen Ex-Freund und die Einsamkeit in seinem Herzen denken.
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