Wintersonnenwende

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
OC (Own Character) Yuri Plisetsky
09.02.2020
25.10.2020
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28.06.2020 4.098
 
Kapitel 21

St. Petersburg, Russland

Donnerstag, 04. April 2019

Yuri kann sich partout nicht erklären, wie es Daria gelungen ist, ihn zu diesem Abendessen mit Viktor und Katsudon zu überreden. Er möchte die beiden nicht sehen und das weder in der Eishalle, noch in deren Eisshow oder gar bei einem gemeinsamen Abendessen wie diesem hier.

Was hat sich Daria nur dabei gedacht, Viktors Einladung zum Abendessen anzunehmen?! Und warum musste er sie begleiten?! Yuri hat definitiv besseres zu tun, als gemeinsam mit dem alten Sack und Katsudon in einem überteuerten Lokal zu sitzen und sich von ihnen erzählen zu lassen, wie es dazu gekommen ist, dass sie eine eigene Show haben.

Er will lieber mit Daria an seiner Choreografie arbeiten und trainieren. Er will Musik hören. Er möchte alte Bilder von Otabek und sich löschen, auch wenn er genau weiß, dass er es auch diesen Abend nicht übers Herz bringen wird. Er hat es schon oft versucht. Irgendwann bei zwanzig hat er aufgehört mitzuzählen. Doch er schafft es einfach nicht. Er hört immerzu Darias Worte, die in seinen Ohren klingen und meinen, dass man Erinnerungen im Affekt nicht zerstören soll. So schmerzhaft sie in einem Moment auch erscheinen, umso dankbarer ist man schon im nächsten, sie gemacht zu haben.

Yuri weiß bis heute nicht, ob er dankbar ist, die Erfahrung einer Liebesbeziehung mit Otabek gemacht zu haben oder nicht. Diese Beziehung hat ihn sehr verletzt und ist in seinen Augen nur mit Schmerz, Wut und Einsamkeit verbunden.

Aber ist es das nicht auch bei Daria? Sie muss mit ihrem Verlobten den Tod in Zusammenhang bringen. Immer, wenn sie an Matthias denkt oder seinen Namen hört, muss sie denselben Schmerz, dieselbe Wut und dieselbe Einsamkeit wie er empfinden. Sie muss traurig, mitgenommen und emotional angeschlagen sein. Wie kann sie also ihren Verlobten und ihre gemeinsamen Erinnerungen in Ehren halten, wenn sie immerzu daran erinnert wird, dass alles vorbei ist und sie das Leben von damals nicht mehr führt und auch niemals wieder führen kann?

Yuri schaut zur Seite und mustert Darias Profil. Sie wirkt ruhig und entspannt. Das gemeinsame Essen mit Viktor und Katsudon scheint ihr sehr gefallen zu haben. Sie hat sich hauptsächlich mit Viktor unterhalten und das über alles Mögliche. Sie haben darüber geredet, wie es dazu gekommen ist, dass sie jetzt in St. Petersburg ist und warum er, Yuri Plisetsky, sie als Trainerin akzeptiert hat. Sie haben auch kurz über das Eislaufen und ihre jeweiligen Erfolge in den vergangenen Saisonen gesprochen. Dabei ist auch Matthias‘ Name oft gefallen.

Jedes Mal, wenn Yuri diesen Namen gehört hat, hat er auf Daria geschaut und sich gefragt, wie sie es aushält, über ihn zu reden. Sie und Viktor sind schon seit einigen Jahren miteinander befreundet. So viel weiß er mittlerweile. Sie haben sich auf diversen Meisterschaften und anschließenden After-Show-Veranstaltungen näher kennengelernt. Was sie damals miteinander verbunden hat, ist die Tatsache gewesen, dass Daria Russisch gesprochen hat und sich somit mit Viktor unterhalten konnte. Doch soweit Yuri das richtig verstanden hat, sind auch Chris und Matthias gute Freunde von Viktor gewesen, wodurch sie oft zu viert gefeiert und ihre Siege miteinander geteilt haben.

Yuri kann sich kaum ausmalen, wie es sich anfühlen muss, den Namen des toten Verlobten immer wieder hören zu müssen. Wenn jemand nämlich Otabek auch nur ein einziges Mal namentlich erwähnen würde, würde er wütend werden und gehen. Denn er will nicht über diesen kasachischen Idioten reden.

Daria ist aber anders. Es scheint, als könnte sie stundenlang über Matthias sprechen, ohne je richtig traurig oder wütend zu werden. Sie ist die Ruhe selbst und lächelt sogar, wenn sie eine Anekdote aus ihrem und Matthias‘ Leben erzählt! Wie macht sie das nur?

„Wenn du mich noch länger so anschaust, dann wirst du früher oder später in jemanden reinlaufen“, hört er sie sagen. Sie dreht sich zu ihm und schenkt ihm ein sanftes Lächeln. Dieses Lächeln und ihre Worte lassen ihn ein wenig verlegen werden, weshalb er sich von ihr abwendet und auf den Boden blickt. Seine Hände hat er tief in den Jackentaschen vergraben.

Obwohl der Frühling langsam Einzug hält, ist es in St. Petersburg noch immer kalt, vor allem in der Nacht. Es halten sich nicht viele Menschen auf der Straße auf. Die meisten huschen schnell an ihnen vorbei, ohne sie überhaupt zu beachten. Ihre dünnen Jacken haben sie sich fest um den Leib gezogen. Ihre Köpfe sind eingezogen.

„Was willst du mich fragen?“, will Daria unvermittelt und nach einer etwas längeren Pause, in welcher es zwischen ihnen still gewesen ist, von ihm wissen. Er schaut sie kurz an. Als sich ihre Blicke treffen, wendet er sich wieder ab.

„Nichts“, nuschelt er. Als ob er ihr sagen würde, woran er gedacht hat! Er kann sich bereits denken, dass sie den Namen Matthias am heutigen Abend schon viel zu oft gehört hat. Er will ihn deswegen nicht in den Mund nehmen. Das liegt zum Teil auch daran, dass er diesen Namen sofort mit Otabek in Verbindung bringt und an ihn will er im Moment auch nicht denken, selbst wenn der Kasache immer wieder vor seinem inneren Auge erscheint und seine zum Zerreißen angespannten Nerven malträtiert. Es ist, als würde er auf diesen einen tölpelhaften, kasachischen Volkstanz aufführen und dabei schief trällern: „Hier bin ich! Nimm mich wahr!“ Doch das Ganze auf seine ruhige, herablassende Art mit diesen kalten, unergründlichen, braunen Kackaugen.  

Yuri verzieht bei der Vorstellung von Otabeks ruhiger Miene und seiner tiefen Stimme das Gesicht.

„Na gut. Wenn du mich nicht fragen willst, dann werde ich dich fragen, was dir am Herzen liegt. Und wenn du jetzt wieder ‚Nichts‘ sagst, dann werde ich ganz schön böse werden, hörst du? Ich kenne dich jetzt schon ziemlich gut und weiß genau, was es bedeutet, wenn du deine Nase rümpfst und die Lippen so verziehst.“

Yuri schnaubt, rümpft die Nase ein bisschen mehr und zieht seine Mundwinkel noch weiter nach unten. Er blickt genervt auf Daria. Stumm möchte er ihr vermitteln, dass er über die Tatsache frustriert ist, dass sie so viel über ihn weiß. Sie soll aufhören, ihn zu lesen.

Doch wie gewöhnlich reagiert sie auch dieses Mal nicht auf seinen bösen Blick. Sie verzieht keine Miene, sondern geht ruhig neben ihm her.

„Du bist ganz schön lästig, weißt du das?“, fragt er sie mit brummender Stimme.

„Du genauso. Und jetzt sag schon, was dir am Herzen liegt. Oder muss ich raten? Du weißt, dass ich richtig liegen werde. Und dann wirst du noch frustrierter sein.“

Bildet er sich das nur ein oder schwingt ein amüsierter Unterton in ihrer Stimme? Yuri schaut auf Daria und mustert sie genau. Mittlerweile glaubt er, dass er sie genauso gut lesen kann wie sie ihn. Doch heute Abend gelingt es ihm nicht, aus ihr schlau zu werden. Manchmal ist sie wie ein Buch mit sieben Siegeln.

Er seufzt.

„Also? Ich höre“, fordert sie ihn abermals auf. Er streicht sich mit einer Hand durch sein langes, blondes Haar. Heute trägt er es offen. Es fällt ihm über die Schultern und verdeckt wie immer eine Gesichtshälfte.

„Wie kannst du das?“, fängt er nach einer Weile leise an. „Wie kannst du nur mit Viktor und Katsudon über ihn reden? Tut das nicht weh? Jedes Mal, wenn sein Name ausgesprochen wird, musst du doch an ihn denken und dann wirst du daran erinnert, dass er tot ist.“

„Eigentlich bist jetzt du derjenige, der mich daran erinnert“, erwidert Daria. Sie bleibt stehen und seufzt.

Yuri hält abrupt inne und dreht sich zu ihr. Er schaut sie genau an. Unversehens scheinen all ihre sieben Siegel verschwunden zu sein. Auf ihrem Gesicht liegt ein Ausdruck, der Bände spricht. Sie ist traurig. Und das bringt Yuri dazu, sich schlecht zu fühlen. Er wollte sie nicht traurig machen oder daran erinnern, dass ihr Verlobter tot ist. Er ist doch kein Arschloch, schon gar nicht Daria gegenüber. Er hebt beschwichtigend seine Hände und geht einen Schritt auf sie zu.

„Es tut mir leid. Ich wollte das nicht sagen! Wirklich nicht“, kommt es schnell über seine Lippen. Er wagt es nicht, Daria anzufassen, auch wenn er gerne seine Hände an ihre Schultern legen würde. Sie soll wissen, dass sie nicht alleine ist. Er ist bei ihr, auch wenn er ein großer Idiot ist, der nicht besonders gut Trost spenden kann.

„Nein“, schüttelt sie ihren Kopf. Sie schaut ihm in die Augen und schenkt ihm ein liebevolles Lächeln.

„Entschuldige dich nicht. Es ist ja wahr. So irgendwie“, murmelt sie. Sie hakt sich bei ihm ein und zieht ihn die ersten Schritte nach vorne. Dann folgt er ihr von selbst. Während sie gehen, beobachtet er sie genau dabei, wie sie ihren Kopf im Nacken hält und in den Himmel schaut. Es wirkt, als würde sie nach Sternen suchen. Aber in der Stadt wird sie keine sehen.

„Weißt du, Yuri, wenn ich jedes Mal daran denke würde, dass Matthias tot ist, wenn ich einfach nur seinen Namen höre oder ihn ausspreche, dann wäre ich nicht hier. Ich würde wahrscheinlich keine Freunde mehr haben, nur in meiner Wohnung in der Schweiz sitzen und auf bessere Tage hoffen, die es nicht geben wird. Ein Name… ist ein Name. Man assoziiert gewisse Dinge damit, aber es wäre falsch, wenn ich den Tod damit in Verbindung bringen würde. Verstehst du?“

„Irgendwie?“

„Hm“, macht Daria, die geradeaus schaut. „Weißt du, Matthias ist gestorben und das werde ich nie vergessen. Es wird mich immer begleiten. Wie ein Schatten. Dieser Schatten wird nie von meiner Seite weichen, sondern mich immer daran erinnern, was geschehen ist. Aber nur, weil er mich immer daran erinnert, bedeutet das nicht, dass auch ich mich ständig daran erinnern muss, dass Matthias tot ist, wenn ich seinen Namen höre. Das wäre Folter und irgendwie ungerecht.“

„Ungerecht?“

„Ja. Ungerecht gegenüber Matthias. Stell dir vor, er würde wissen, dass ich traurig werde und den Tod mit ihm assoziiere, wenn ich seinen Namen höre. Das wäre nicht fair. Das wäre gegenüber all den schönen Erinnerungen, die wir gesammelt haben, einfach nicht gerechnet. Sie wären dann alle wie auf einem Schlag verschwunden, weil es nichts mehr gibt, woran ich sie festmachen könnte. Wenn nicht an seinen Namen und an unsere Leidenschaft, das Eislaufen, womit soll ich sie sonst in Verbindung bringen?“

„Hm“, macht Yuri und senkt nachdenklich den Kopf. In ihren Worten liegt etwas Wahres. Etwas, was er so noch nie gesehen hat. Wenn sie ständig an den Tod denkt, sobald sie den Namen Matthias hört, wie kann sie dann die guten Erinnerungen hervorrufen, die sie miteinander gesammelt haben? Denn die zwei werden, genauso wie Otabek und er, ebenfalls schöne Augenblicke miteinander gehabt haben.

„Trotzdem“, kommt es leise von Yuri. „Es muss schwer sein, nicht daran zu denken, dass er gestorben ist, oder? Ich kann meine Situation nicht mit deiner vergleichen, aber ich kann den Namen Otabek nicht hören, ohne wütend zu werden.“

„Natürlich ist es schwer. Glaubst du, dass es einfach ist, gute Erinnerungen mit jemanden in Verbindung zu bringen, der gestorben ist oder einen verlassen hat? Es ist ja auch nicht immer so gewesen“, antwortet ihm Daria. Sie biegen in eine Seitenstraße ein. Menschen kommen ihnen keine entgegen. Es ist, als wäre die Stadt leergefegt worden. Mit einem Wisch sind alle verschwunden. Nur die gelblichen Lichter aus den Fenstern lassen einen erahnen, dass Leben in dieser Stadt herrscht. Das, und die Ampeln, die von grün auf rot schalten, sodass sie stehen bleiben müssen.

„Als Matthias gestorben ist, habe ich seinen Namen ständig mit dem Tod in Verbindung gebracht. Ich habe noch nicht einmal an den Namen denken dürfen, schon bin ich in Tränen ausgebrochen. Es ist schlimm gewesen. Sehr schlimm. Aber als ich hierhergekommen bin, habe ich mich an so viel erinnert. Ich weiß zum Beispiel, wie es am Flughafen gewesen ist, als wir das zweite Mal in St. Petersburg gelandet sind. Ich hasse fliegen. Mir wird davon immer schlecht. Und Matthias hat sich so liebevoll um mich und das Gepäck gekümmert. Oder all die Stunden, die wir in der Sporthalle verbracht haben. Yakovs Anweisungen und Matthias, der immer die Augen verdreht hat.“

Yuri schaut auf Daria. Auf ihren Lippen befindet sich ein Lächeln.

„Manchmal erinnerst du mich an ihn, wenn du beim Training mit Yakov nichts sagst, sonst die Augen verdrehst. Das ist unglaublich süß. Und ich erinnere mich auch immer daran, wie Matthias sich geärgert hat, als wir das erste Mal von Yakov zum Training nach Russland eingeladen worden sind.“

„Wegen Yakov?“

„Nein“, schüttelt Daria lachend den Kopf, den sie wieder in den Nacken legt. Sie hält seinen Arm noch immer umschlungen. Die Ampel springt von rot auf grün, sodass sie die Straße überqueren können.

„Deinetwegen!“

„Meinetwegen?!“, platzt es aus Yuri heraus, der mitten auf der Straße stehen bleibt. Daria sieht ihn amüsiert an, ehe sie ihn weiterzieht und sie auf der anderen Seite ankommen.

„Ja. Deinetwegen!“

„Aber ich habe euch gar nicht gekannt!“

„Das nicht, aber du hast zusammen mit Yakov und Lilia immer den Platz blockiert.“

„Wann?“

„Vor… drei Jahren? Das war damals, als du für deine erste Meisterschaft in der Seniorenliga trainiert hast. Du warst mit Yakov und Lilia ständig in der Eishalle und hast sie besetzt. Matthias ist dann immer böse gewesen, weil er sich nach dir richten musste.“

„Das habe ich nicht gewusst“, kommt es nachdenklich von Yuri. Er runzelt die Stirn. Er ist noch jung gewesen, als die beiden in Russland trainiert haben. Zarte fünfzehn Jahre. Er hatte nur eines im Kopf, nämlich Gold zu gewinnen. Sei es nun beim Grand Prix oder bei den Europa- und Weltmeisterschaften. Yuri wollte es allen, insbesondere Viktor und Katsudon zeigen. Er hat hart trainiert und das nicht nur mit Lilia und Yakov, sondern auch mit Mila und manchmal auch mit Georgi. Es ist eine sehr intensive, aber auch schöne Zeit gewesen, in welcher Yuri ein klares Ziel vor Augen hatte. Daher haben ihn alle anderen auch nicht interessiert, schon gar kein Paar aus der Schweiz.

„Ich weiß. Und das ist auch nicht schlimm. Du hast hart trainiert und das haben wir alle respektiert. Es hat sich ja auch ausgezahlt. Das hat Matthias dann wieder ruhig gestimmt. Ich weiß noch, was er gesagt hat, als du in Barcelona Gold gewonnen hast.“

„Was denn?“

„Er hat gesagt: ‚Na, dann hat sich all sein Kasperltheater auf dem Eis ja ausgezahlt.‘“

Kasperltheater?! Was nennt er hier Kasperltheater?!“, platzt es aus Yuri, der Daria einen empörten Blick zuwirft. Sie lacht auf.

„Nun schau mich nicht so an! Das ist Matthias‘ Art gewesen. Aber er hat es nicht böse gemeint, sondern ist von deiner Leistung wahrhaftig beeindruckt gewesen. Er hat die ganze Zeit auf den Bildschirm geschaut und konnte sich von deinem Anblick gar nicht lösen. Als du dann fertig gewesen bist, hat er gesagt, dass er bestimmt auch alles gewonnen hätte, wenn er im Einzellauf so gelaufen wäre wie du.“

Yuri mustert Daria skeptisch. Er ist sich nicht sicher, was er von ihrer Erzählung halten soll. Einerseits fühlt er sich gekränkt, denn er hat ganz bestimmt kein Kasperltheater abgezogen. Aber dann wiederum fühlt er sich auch geschmeichelt, weil solch ein Lob von einem erfahrenen Eisläufer nicht gerade oft zu hören ist.

„Er hat dann zu mir gesagt: ‚Lass uns auch so laufen!‘ In diesem Jahr sind wir dann vierter geworden und glaub mir, das ist für uns sehr gut gewesen, weil es unsere erste Saison im Paarlauf gewesen ist. Beeindruckend, nicht wahr?“

Yuri nickt, während er Daria aus dem Augenwinkel mustert. Sie sieht unglaublich glücklich aus. Wenn sie über Matthias redet, dann hat Yuri das Gefühl, dass sie in einer vollkommen anderen Welt ist und sich nicht mehr bei ihm befindet. Sie strahlt von innen heraus und das auf eine Art und Weise, die er nicht in Worte fassen kann. Es ist einfach schön und traurig zugleich. Yuri kann nämlich sehen, wie sehr Daria Matthias geliebt hat. Doch ihr Schmerz ist ebenfalls vorhanden. An manchen Tagen hat er das Gefühl, ihn ergreifen zu können. Dann würde er diesen Schmerz am liebsten erdrücken, ihn umbringen und in die tiefste Schlucht der Welt werfen, um Daria von ihrem Leid erlösen zu können. Wenn er es aber versucht, verraucht der Schmerz zwischen seinen Fingern.

„Und jetzt stell dir vor, dass ich all diese Erinnerungen, die ich an ihn habe, mit dem Tod in Verbindung bringen würde. Wäre das nicht schlimm? Dann würde ich mich ja gar nicht mehr an all das Gute, was uns verbunden hat, erinnern wollen, denn alles wäre schlecht. Und das ist es nicht gewesen! Es war nicht alles schlecht. Klar hatten wir gute und schlechte Tage und wir haben uns auch gestritten. Aber es wäre unfair, nur daran zu denken, dass alles schlecht und vorbei ist, weil er gestorben ist. Das wäre nicht fair. Das wäre ihm gegenüber einfach nicht gerecht, denn er hat sich im Leben so viel Mühe gegeben. Er wollte ein guter Mensch sein und wenn man dann nur schlecht über ihn denkt, würde ihn das traurig stimmen.“

„Aber bei Otabek ist das etwas anderes. Er ist ein schlechter Mensch. Er hat mich verletzt und mich im Stich gelassen. Wie soll ich da an all das Gute denken, das wir erlebt haben?“

„Meinst du, dass ich die ersten Wochen und Monate an das Gute gedacht habe?“, fragt Daria ihn. „Es hat erst ein Jahr später begonnen, dass ich mich an all die guten Dinge erinnert habe. Ein Jahr, in dem ich durch die Hölle gegangen bin. Ein Jahr, in dem ich alleine gewesen bin. Ein Jahr, in dem ich gelitten habe. Und das ist okay, weißt du? Jeder leidet anders und jeder leidet unterschiedliche lange. Es wäre nicht richtig von mir, wenn ich jetzt verlangen würde, dass du genauso denkst wie ich. Das kannst du nicht. Du bist noch nicht soweit. Aber ich verspreche dir, dass du eines Tages dazu bereit sein wirst! Eines Tages, wo du dann nicht mehr leiden wirst, sondern dieser Schmerz nach und nach erträglicher wird.“

„Und wenn ich das nicht will? Wenn ich weiterhin auf Otabek und alles, was er mir angetan hat, böse sein möchte?“

Daria stoppt und zwingt ihn dadurch, ebenfalls stehen zu bleiben. Er schaut ihr in die Augen. In ihrem vertrauten Blau, das im Schatten fast schon Schwarz wirkt, kann er eine stumme Aufforderung erkennen. Er weiß nicht, was sie ihm sagen möchte, aber sie bittet ihn mit diesem Blick eindringlich um etwas.

„Yuri“, fängt sie an. Sie legt ihre Hände an seine Schultern und drückt diese. Sie lässt ihn nicht aus den Augen. „Diese Wut, die du verspürst, ist normal. Aber sie soll nicht zu deinem ständigen Begleiter im Leben werden, hörst du? Es gibt so vieles auf dieser Welt, was du sehen musst. So vieles, was es wert ist, gesehen zu werden. Doch du kannst es nicht sehen, solange du auf Otabek wütend bist.“

Yuri wendet den Blick ab.

„Ich verlange nicht von dir, dass du deine Wut sofort ablegst, hörst du? Genauso wie jeder unterschiedlich lange trauert, ist jeder Mensch unterschiedliche lange wütend. Und das ist in Ordnung. Das darfst du sein. Aber lass nicht zu, dass dich diese Wut bis an dein Lebensende begleitet.“

„Du verstehst nicht“, murmelt er leise und schüttelt den Kopf. Er ballt seine Hände zu Fäusten. „Ich habe ihn geliebt. Ich habe ihn geliebt und bin bereit gewesen, alles für ihn aufzugeben! Er war… er war alles, was ich wollte. Er war alles, was ich neben Großvater und dem Eislaufen hatte. Und auf einmal verschwindet er aus meinem Leben. Er streicht mich einfach so, als hätte ich ihm nie etwas bedeutet! Wie soll ich an das Gute denken und nicht wütend auf ihn sein, wenn er mich einfach so aus seinem Leben gestrichen hat, als wäre ich nichts wert?!“

„Yuri“, hört er Daria sagen. Aber er hindert sie daran, indem er seine Hände an ihre Schultern legt und ihr eindringlich in die Augen schaut.

„Ich kann das nicht länger ertragen, okay?! Ich kann und will das nicht mehr! Ich habe es satt, an ihn zu denken! Ich habe es satt, mich daran zu erinnern, dass er mich aus seinem Leben gestrichen hat wie etwas vollkommen Wertloses! Ich habe es satt, diesen Schmerz zu spüren! Da ist mir all meine Wut auf ihn tausend Mal lieber, weil ich dann nicht leiden muss! Er hat mir wehgetan! Er hat mir wehgetan wie niemand zuvor! Und das in einer Zeit, in der ich ihn am dringendsten gebraucht hätte! Also sag mir, wie ich verdammt noch mal nicht auf ihn wütend sein soll?! Sag mir, wie ich mich an das Gute erinnern soll, wenn ich nur den Schmerz spüre!? Einen Schmerz, den er ausgelöst hat!“

Ohne es zu merken, haben sich seine Augen mit Tränen gefüllt. Sie rinnen stumm über seine Wangen und bleiben an seinem Kinn hängen. Daria betrachtet ihn schweigend. Sie sagt kein einziges Wort.

„Ich bin nicht so stark wie du! Okay?! Ich bin es einfach nicht! Ich kann nicht an das Gute denken! Nicht jetzt… noch nicht. Ich will einfach nicht. Ich will ihn einfach nur hassen, Daria… ich will ihn so abgrundtief hassen, aber ich kann nicht, weil ich ihn noch immer… liebe.“

Das letzte Worte haucht er nur. Er kann es nicht laut aussprechen, so wie die anderen Worte, die über seine Lippen gekommen sind. Er kann und will nicht laut zugeben, dass er noch immer Gefühle für diesen Mann hegt, der ihm das Herz gebrochen hat.

Er senkt seinen verschwommenen Blick und schließt die Augen. Er hält Daria noch immer eine Armlänge von sich gedrückt, doch seine bestimmende Art lässt langsam nach. Seine Hände sinken und baumeln schlaff an seinem Körper hinab. Er findet keine Energie mehr, sie zu heben. Er will es auch gar nicht. Er möchte einfach nur in dieser Kälte stehen und stumm weinen. Am liebsten würde er auch Daria wegschicken, damit sie ihn in solch einem erbärmlichen Zustand nicht sehen muss.

Doch er kann nicht. Er kann sie nicht wegschicken, denn er findet keine Worte dafür. Er weiß nicht, wie er das, was er fühlt, ausdrücken soll, zumal er genau weiß, dass das, was er im Moment braucht, nicht Einsamkeit ist, sondern Wärme. Und diese spendet Daria ihm auch. Sie geht einen Schritt auf ihn zu und schlingt ihre Arme um ihn. Zuerst nur zaghaft. Dann immer fester, als würde sie ihn daran hindern wollen, in ein tiefes Loch zu fallen. Er lehnt seine Stirn an ihre Schulter und beißt sich auf die Unterlippe.

„Warum tut es noch immer so weh? Wann wird das endlich besser werden? Wann werde ich nicht mehr das Gefühl haben, in tausend Teile zu zerspringen, wenn ich seinen Namen höre oder sein Gesicht sehe?“, flüstert er in ihr Ohr, während sie ihn fest in den Armen hält.

„Ich weiß nicht, wann es sein wird, aber es wird dieser Moment kommen, Yuri. Ich verspreche es dir. Er wird kommen und es wird besser werden“, antwortet sie leise. Ihre Worte hören sich irgendwie fern an. Als wären sie meilenweit entfernt. Doch zugleich berühren sie sein Herz und das auf eine Art, die ihm Angst macht. So viel Angst, dass er nach Luft schnappen muss, weil er unbewusst den Atem angehalten hat.

So schnell er nur kann, hebt er seine Hände und legt sie um Darias Leib. Er drückt sie fest an sich – so fest, dass er nach eine Weile Angst hat, sie zu erdrücken. Doch er will sie nicht loslassen. Wenn er das nun macht, dann fällt er in ein tiefes, dunkles Loch, aus welchem er nie wieder rauskommen wird. Er spürt es.

„Lass mich nicht allein“, haucht er in ihr Ohr. Er hält sie noch immer fest an sich gedrückt. Sein Gesicht in ihren dunklen Haaren vergraben.

„Werde ich nicht machen. Ich werde nicht gehen. Versprochen“, erwidert sie, was ihn nicken lässt.

Er weiß nicht, wie lange sie in dieser Position in der Seitenstraße verharren. Er weiß nicht, ob sie jemand beobachtet hat oder es noch immer tut. Er weiß auch nicht, ob andere Menschen an ihnen vorbeigegangen sind oder nicht. Er nimmt nichts um sich herum wahr, außer Daria und den Duft ihrer Haare, der ihn an einen warmen Frühlingstag am Kai erinnert.

Er hält Daria schweigend in seinen Armen, während er versucht, die vielen Teile seines Herzens zusammenzusetzen. Aber es ist nicht leicht. Es ist schwerer als ein tausendteile Puzzle, denn er weiß noch nicht einmal, wie das Bild, das er zusammensetzt – nämlich sein Herz –, aussieht. In diesem Augenblick spürt er aber eines. Er spürt, dass ihm eine helfende Hand gereicht wird, die ihm zärtlich ein Stück nach dem anderen gibt und dabei hilft, sein gebrochenes Herz wieder zusammenzusetzen. In einer Seitenstraße in der Innenstadt von St. Petersburg. In der Kälte. Bei Nacht.
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