Wintersonnenwende

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
OC (Own Character) Yuri Plisetsky
09.02.2020
25.10.2020
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21.06.2020 3.702
 
Kapitel 20

Jubileiny-Sportkomplex, St. Petersburg, Russland

Dienstag, 02. April 2019

Es gibt mittlerweile nicht mehr viel, was Daria überraschen kann, denn sie hat in ihrem noch jungen Leben schon so Manches erlebt. Ihr Vater hat sie von heute auf morgen verlassen, ihre Mutter ist gestorben, ihre Schwester hat ihr wie aus dem Nichts eröffnet, in Berlin zu studieren, sie hat die Disziplin beim Eislaufen gewechselt und vor wenigen Jahren auch einen Anruf erhalten, bei dem ihr mitgeteilt wurde, dass ihr Verlobter gestorben ist. Sie ist als Kind von Graz nach Lausanne gezogen, ist viel um die Weltgeschichte geflogen, um an diversen Meisterschaften teilzunehmen, und lebt nun zusammen mit Yuri Plisetsky in einer Wohnung in St. Petersburg – also ja. Es gibt wirklich nicht viel, was Daria in den letzten siebenundzwanzig Jahren ausgelassen hat.

Doch die Stimme, die sie nun vernimmt, lässt sie einen Moment lang tatsächlich sprachlos werden. Sie dreht sich langsam um und folgt Yuris Blick, der ungläubig auf jene Person schaut, die auf sie beide zueilt.

Es sollte Daria nicht wundern, dass Viktor Nikiforov in der Eishalle ist und bis über beide Ohren strahlt. St. Petersburg ist schließlich seine Heimat und er hat lange in dieser Halle trainiert, bis er dann vor vier Jahren nach Japan gezogen ist und seither nur ein einziges Jahr zurück nach Russland gekommen ist, um in seinem Heimatland zu trainieren. Es ist in seiner letzten aktiven Saison als Läufer gewesen, bevor er seine Karriere endgültig beendet und sich dem Trainierdasein in Japan gewidmet hat.

Womöglich ist auch genau das der Grund, warum Daria ihren eigenen Augen nicht trauen kann, als sie den großgewachsenen, schlanken Mann erblickt, der schnurstracks auf sie zugeht. Er wird von einem kleineren Mann mit dunklen Haaren und eckiger Brille begleitet. Daria erkennt ihn sofort. Es ist Yuri Katsuki.

„Yurio! Ich habe dich schon so lange nicht mehr gesehen! Ich habe schon gedacht, dass du nach dieser schrecklichen Saison mit dem Eislaufen aufgehört hast!“, fängt Viktor zu sprechen an. Noch ehe ihr Schützling die Flucht ergreifen kann, hat Viktor bereits seine Hände an Yuris Wangen gelegt und knetet diese, als wären sie elastisch.

„Du hast zugenommen, eh? Und was ist das mit deinen Haaren? Machst du mir etwa nach? Schon einmal was von einem Frisör gehört?“, spricht Viktor unaufhörlich weiter. Obwohl seine Worte sehr hart klingen, schwingt in seiner Stimme kein beleidigender oder verhöhnender Unterton mit. Er redet, als würde er gerade verkünden, dass das Wetter draußen herrlich ist – was es auch ist.

Trotz mehrmaliger Anläufe gelingt es Yuri nicht, sich aus Viktors Griff zu lösen. Er versucht es zu Beginn noch nicht einmal, da er über diesen plötzlichen Besuch genauso überrascht ist wie Daria. In seinem Gesicht steht geschrieben, dass er nicht damit gerechnet hat, Viktor heute in der Eishalle zu treffen. Doch er löst sich schnell aus seiner anfänglichen Schockstarre und fängt lautstark zu protestieren an.

„Lass mich gefälligst los, du alter Sack!“ Dabei versucht er immer wieder, Viktor an den Handgelenken zu fassen, damit dieser von seinem Gesicht ablässt. Aber Viktor knetet solange weiter, bis sein Blick auf sie fällt. Abrupt hört er auf, Yuri weiterhin vorzuhalten, dass er sich die Haare schneiden und ein besseres Benehmen an den Tag legen soll, wodurch sich ihr Schützling aus seinem Griff befreien und Viktor an den Kopf werfen kann, dass er kein kleines Kind mehr sei! Er ist ein erwachsener Mann, der sich so etwas nicht gefallen lassen muss und sich von Viktor erst recht nicht sagen lässt, was er zu tun und zu lassen hat!

Doch Viktor hört ihm nicht zu. Er schaut sie einfach nur überrascht an und erwidert ihren fragenden Blick. Daria kann den einstigen Spitzensportler und fünffachen Weltmeister förmlich denken sehen. In seinen blauen Augen spiegelt sich zunächst Verwirrung wider, ehe sich diese nach und nach lichtet, sodass sich ein Lächeln, das sie an ein Herz erinnert, auf seine Lippen legt.

„Daria!“, stellt er erfreut fest und schlingt seine Arme ohne Vorwarnung um ihren Leib. Er drückt sie dermaßen fest an sich, dass sich ihrer Kehle ein atemloses Keuchen entringt. Wie versteinert lässt sie seine stürmische Umarmung über sich ergehen, während ihr Hirn versucht zu realisieren, was gerade vor sich geht.

Sie fühlt sich, als hätte ihr jemand den Stecker herausgezogen, sodass sie nicht mehr denken kann. Egal wie angestrengt sie auch versucht, Viktor in einen passenden Kontext zu setzen, sie verliert diesen schier aussichtlosen Kampf mit ihrem Verstand immer wieder aufs Neue. Denn es scheint, als ob ihr Hirn einfach abgestellt wurde. Daria bemüht sich zwar, den Schalter umzulegen, um überhaupt reagieren und seine Umarmung erwidern zu können. Doch es gelingt ihr erst, als sie spürt, dass sich jemand zwischen sie und Viktor drängt.

„Sie braucht Luft, du alter Sack! Hast du eigentlich vor, alle hier zu töten, oder was?!“ keift Yuri, der sich beschützend vor sie stellt und seine Hände in die Hüften stemmt.

Daria blinzelt einige Male irritiert und mustert Yuris langen blonden Haare. Sie steht so dicht hinter ihm, dass diese sie an der Nase kitzeln. Aber womöglich braucht sie genau das, um wieder zu Sinnen zu kommen, denn ihre Hände regen sich nach einer gefühlten Ewigkeit. Eine fährt unter ihrer Nase entlang, während sich die andere auf Yuris Schulter legt und diese sanft drückt.

„Ich habe gar nicht gewusst, dass ihr zwei jetzt zusammen trainiert! Ich habe ja nicht einmal geahnt, dass Daria überhaupt in Russland ist!“, platzt es erfreut es Viktor.

Daria gesellt sich an Yuris Seite, ohne ihre Hand von seiner Schulter zu nehmen. Ein feines, wenn auch sichtlich überraschtes Lächeln legt sich auf ihre Lippen, während sie Viktor genau mustert.

Er schaut noch immer so attraktiv aus wie damals, als er aktiv an seiner Karriere gearbeitet und der Beste der Besten gewesen ist. Groß, schlank und gepflegt. Seine Haut ist rein und seine silberblonden Haare frisch gewaschen. Einzelne Haarsträhnen hängen ihm ins Gesicht und verdecken teilweise ein blaues Auge. Doch das scheint ihn genauso wenig zu stören wie ihren Schützling, der eine ähnliche, wenn auch sehr viel längere Frisur hat.

„Was für eine Überraschung, dich hier zu sehen, Viktor. Eigentlich sollte es das nicht sein, weil… aber…“, fängt Daria zu sprechen an, findet jedoch nicht die richtigen Worte, um das auszudrücken, was ihr gerade durch den Kopf geht. Ein Glück nur, dass Viktor sie auch ohne Erklärung zu verstehen scheint.

„Nun ja, meine Liebe, ich komme aus St. Petersburg. Also ist meine Anwesenheit wesentlich einfacher zu erklären als deine! Was machst du hier? Trainierst du etwa mit Yurio?“

„Das ist verdammt noch Mal nicht mein Name!“, protestiert Yuri und schnaubt wütend. Er verschränkt die Arme vor der Brust und straft Viktor mit einem giftigen Blick. Dieser quittiert Yuris Benehmen mit einem amüsierten Lachen, ehe er sich abwendet und zu seiner Begleitung blickt, die ein wenig schüchtern abseits von ihnen steht.

„Yuri!“, ruft Viktor und deutet dem Japaner an, sich an seine Seite zu stellen. Er legt sofort einen Arm um seine Schultern.

„Ich muss dir jemanden vorstellen! Kennst du Daria? Sie ist eine gute Freundin von mir und eine talentierte Eisläuferin!“ Viktor schaut aufgeregt zwischen dem japanischen Yuri und ihr hin und her.

Daria lächelt distanziert. Sie ist teilweise noch immer sprachlos, was nicht nur an Viktor und seiner äußerlichen Erscheinung liegt, sondern auch an seiner sehr direkten Persönlichkeit. Selten hat sie einen so positiven, offenen und insbesondere aktiven Mann getroffen, der mit seiner lebendigen Art alle in einen magischen Bann zieht. Egal wie sehr man auch dagegen ankämpft, man entkommt ihm nicht. Viktors Lächeln ist ansteckend, seine Worte stets schmeichelhaft und seine Art, mit Leuten umzugehen, unglaublich höflich und liebenswert. Obwohl er manchmal sehr direkt sein kann, so nimmt ihm das niemand übel, weil er auf eine ganz bestimmte Art und Weise charmant ist, der man kaum widerstehen kann.

Viktor ist schon immer eine Person gewesen, zu der Daria aufgesehen hat. Es ist diese unbekümmerte Art, aber auch sein unglaubliches Talent, das ihn dermaßen attraktiv macht, sodass man sich gesegnet und privilegiert fühlt, mit ihm zusammen in einem Raum zu sein.

„H-Hallo“, begrüßt der japanische Yuri sie leise. Er legt sich unsicher eine Hand an den Hinterkopf und kratzt sich verlegen, während er ihr die andere höflich hinhält.

„Hallo. Ich bin Daria. Und du musst wohl Yuri Katsuki sein, nicht wahr?“ Sie ergreift seine Hand.

„Oh? Äh, ja. Woher…“

„Ich habe dich einige Male laufen sehen. Sehr beeindruckend und unglaublich inspirierend.“

Ihr Lob schmeichelt dem Japaner. Auf dessen Wangen legt sich sogleich ein feiner Rotschimmer.

„Was machst du hier, Daria? Ich habe gedacht, dass ich Yakov in der Halle antreffen werde. Oder Mila. Oder Georgi. Aber dich? Was hat dich nach St. Petersburg verschlagen?“, erkundigt sich Viktor sogleich. Seine Augen mustern Daria neugierig – fast schon ein wenig zu neugierig, wie sie findet.

„Also ja. Das ist eine lange Geschichte-“

„Sie ist meine Trainerin und jetzt verschwinde, du alter Sack! Siehst du nicht, dass wir hier trainieren, hah?!“, fällt ihr Schützling ihr unhöflich ins Wort. Er packt sie besitzergreifend an der Hand und zieht sie demonstrativ zur Mitte der Eisfläche.

„Oh, wie süß! Tretet ihr jetzt zusammen im Paarlauf an?!“, ruft Viktor ihnen laut zu.

Daria ist sich einen Augenblick lang nicht sicher, ob Viktor sich tatsächlich für sie freut oder er einfach nur Yuri verhöhnen möchte. Ihrem Schützling kommt aber nicht annähernd in den Sinn, dass Viktor diese Aussage freundlich meint, sondern bellt sogleich zurück, dass der alte Sack lieber still sein soll.

„Okay“, meint Daria schnell. Dieses Mal ist sie diejenige, die sich zwischen Yuri und Viktor stellt. Im Gegensatz zu ihrem Schützling, der vorhin den Eindruck erweckt hat, dass er sie vor Viktor beschützen möchte, versucht nun sie die Wogen zwischen den beiden zu glätten.

„Yuri, was hältst du davon, wenn wir das Training für heute sein lassen und du am Abend mit Yakov-“

„Ich lasse mein Training sicher nicht sausen, nur weil dieser alte, verlauste Sack mit seinem Schweinchen hier ist!“

„Yurio“, trällert Viktor aus der Ferne im Singsang. „Ich verstehe dich, wenn du Russisch sprichst und es gefällt mir nicht, wie du meinen Yuri nennst!“

„Klappe!“, keift Yuri zurück. Er schnaubt wütend und kehrt ihnen den Rücken zu. Schnellen Schrittes distanziert er sich von ihnen allen, um nichts mehr zu hören. Er ist wütend, was ihm Daria noch nicht einmal übelnehmen kann. Yuri kann ein angenehmer Zeitgenosse sein, wenn man sich während des Trainings tatsächlich auf ihn und seine Bedürfnisse konzentriert. Genauso wie Yakov und sie seine vollste Konzentration fordern, erwartet er von ihnen, dass sie alles geben und ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenken.

Dass Viktor nun in Begleitung seines japanischen Freundes in der Halle ist, geht ihm deswegen gewaltig gegen den Strich. Dadurch ist Daria gezwungen, sich mit Viktor zu unterhalten. Denn sie kann ihren alten Freund nicht einfach so stehen lassen.

Womöglich ärgert sich Yuri aber auch, weil es ausgerechnet Viktor ist, der in der Halle auftaucht. Wäre es irgendjemand anders, wie zum Beispiel Mila, Georgi oder gar Chris, würde es ihn herzlich wenig interessieren. Er würde mit seinem Training unbeirrt fortsetzen.

Viktor scheint aber jemand zu sein, der ihn aus dem Konzept bringt, was Daria durchaus nachvollziehen kann. Ihr Schützling will sich schließlich nicht vor ihm oder dem japanischen Yuri blamieren.

Daria seufzt. Sie legt sich ihren Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel und massiert diese. Langsam gleitet sie auf Viktor und seine Begleitung zu. Die Schritte, die sie auf dem Eis zieht, sind nicht zu hören.

„Tut mir leid. Yuri ist manchmal sehr gereizt.“

„Ah“, winkt Viktor ab, der die ganze Zeit über sein Lächeln nicht verloren hat. „Wir kennen ihn. Eigentlich hat er uns ganz lieb und freut sich, uns hier zu sehen, nicht wahr, Yurio?“

„Als ob! Sei doch einfach still, du alter Sack!“, keift Yuri als Antwort. Er steht mit seinem Handy in der Hand vor dem Lautsprecher und werkelt an diesem herum. Daria beobachtet ihn kurz dabei, bevor sie abermals seufzt und den Kopf schüttelt.

„Mich würde es viel eher interessieren, was du hier machst! Sag ja nicht, dass du wirklich mit Yuri im Paarlauf antrittst, hah?“, fragt Viktor sie. Daria lacht leise auf.

„Nein. Nein. Wir trainieren nicht als Paar. Ich bin seine Trainerin.“

Viktors Augen werden groß. Er schnappt nach Luft, als würde er etwas sagen wollen, schließt seine Lippen aber schnell wieder, als ihm bewusst wird, dass er nicht weiß, was. Er wiederholt das noch einige Male, öffnet den Mund, schnappt nach Luft und schließt ihn wieder. Öffnen, Luft holen, schließen. Dadurch erinnert er Daria an einen Fisch, der auf dem Trockenen liegt.

Sie schenkt ihm ein gequält wirkendes Lächeln, ehe ein lautes Geräusch sie erschreckt und schnell zur Seite schauen lässt. Yuri hängt über der Absperrung. Der Lautsprecher liegt auf der anderen Seite am Boden. Alles deutet darauf hin, dass er ihn umgestoßen und versucht hat zu fangen. Das ist ihm allerdings nicht gelungen.

„Yuri, hilf Yurio doch mal“, weist Viktor seinen Begleiter freundlich an. Er legt ihm liebevoll eine Hand auf den Rücken und schenkt ihm ein kurzes, sehr liebevolles Lächeln, bevor er sich ihr erneut zuwendet. Während sie Viktors Blick auf sich spürt, beobachtet Daria interessiert, wie der japanische Yuri ihrem Yuri hilft. Dass ihr Schützling über diesen Umstand nicht besonders glücklich ist, lässt er den Japaner sofort wissen, indem er die Nase rümpft und meint, dass er das auch alleine geschafft und den Lautsprecher irgendwie aufgehoben hätte.

„So ist er nun mal, nicht wahr? Yurio von seiner besten Seite“, hört sie Viktor sagen.

„Er kann auch ganz anders sein.“

Viktor schaut ihr lange und tief in die Augen. Er sagt nichts, sondern studiert sie auf eine Art, die andere nervös machen würde. Aber nicht Daria. Sie kennt diesen forschenden Blick. Es ist nicht das erste Mal, dass sie ihn sieht. Sie und Viktor haben nämlich so manch ein Gespräch miteinander geführt, das nicht nur glücklich und ausgelassen gewesen ist, sondern auch sehr tiefgründig, offen und emotional.

„Von allen Orten dieser Welt und von allen Berufen, die wir haben, habe ich wirklich nie angenommen, dass du ausgerechnet in St. Petersburg als Yuris Trainerin arbeiten wirst. Was hat dich hierher verschlagen?“, erkundigt sich Viktor leise, ohne sie aus den Augen zu lassen. Daria wendet sich ab und beobachtet die beiden Yuris dabei, wie sie versuchen, den Lautsprecher zu reparieren. Der japanische Yuri hält sich höflich zurück, während ihr Yuri unverständliche Laute über seine Lippen kommen lässt und aggressiv an den Knöpfen des Lautsprechers fummelt.

„Yakov“, lautet ihre Antwort.

Sie muss Viktor nicht sehen, um zu wissen, dass er seine Augenbrauen in die Höhe gezogen hat.

„Er hat mich letztes Jahr zu Weihnachten angerufen und mich um Hilfe gebeten. Er hatte Schwierigkeiten mit Yuri und er könne nicht mehr mitansehen, wie ich vergehe. Ich brauche eine Aufgabe und Yuri ein Ziel. Ich weiß nicht, wie er es geschafft hat, mich zu überreden, aber ich bin gekommen und dank Yuri auch geblieben.“

„Dank Yuri?“

„Hm.“ Auf Darias Lippen schleicht sich bei der Erinnerung an ihre lächerliche Wette ein sanftes Lächeln. „Wir haben eine Wette abgeschlossen. Und ich habe sie gewonnen.“

Viktor hört ihr aufmerksam zu. Manchmal verzieht er seine Miene zu seinem amüsierten Lächeln, doch es fällt schnell wieder, als er Daria genauer mustert.

Sie hat den Eindruck, als ob er sich Sorgen macht. Das kann sie verstehen. Viktor weiß, dass Matthias verstorben ist. Sie, Matthias, Chris und Viktor sind gute Freunde gewesen und beinahe unzertrennlich. Einzig und allein die Tatsache, dass sie in verschiedenen Ländern trainiert haben, hat sie dazu gezwungen, sich immer wieder aufs Neue voneinander zu verabschieden. Doch sie sind sich bei anderen Wettbewerben wieder begegnet und haben dort weitergemacht, wo sie das letzte Mal aufgehört haben, als wären dazwischen keine Wochen oder Monate vergangen. Sie hatten eine einzigartige Freundschaft, die sie auf immer miteinander verbinden wird. Obwohl sie sich nun nicht mehr so oft hören oder gar treffen, wird sie Viktor, Chris und Matthias für immer in ihrem Herzen tragen.

„Es geht mir gut“, fängt Daria leise zu sprechen an. „Ich habe nie angenommen, dass ich das jemals wieder sagen werde, aber es geht mir wirklich gut, Viktor. Ich habe einen tollen Job, den ich gerne mache. Ich habe eine schöne, neue Wohnung, in der ich nicht alleine bin. Und ich habe gute Menschen um mich herum, die mir helfen. Es ist nicht immer leicht, weil ich recht oft an Matthias erinnert werde. Aber hier ist es anders als in der Schweiz, weißt du?“

„Ich kann es mir nicht vorstellen, weil ich noch nie in dieser Lage gewesen bin, aber ich glaube dir, wenn du mir das sagst.“

„Ich kann es schwer erklären“, seufzt Daria. Sie legt sich eine Hand in den Nacken und neigt den Kopf nach links und rechts. Dabei entgeht ihr nicht, dass ihr Schützling sie eingehend mustert.

„Wenn ich in der Schweiz an Matthias gedacht habe, dann habe ich mich so gefühlt, als ob ich einen großen Bären verschlungen hätte. Meine Trauer ist mir schwer im Magen gelegen. Ich konnte und wollte mich nicht bewegen. Ich wollte nichts Neues anfangen, sondern warten, bis das vergeht. Dieser Schmerz. Dieses Gefühl der Einsamkeit und der Trauer. Ohne es zu wissen, habe ich mich immer mehr zurückgezogen und dadurch ist dieser Bär in meinem Bauch größer und größer geworden.“

Daria macht eine kurze Pause.

„Aber hier ist es anders. Er sitzt noch immer in meinem Magen. Der Bär, meine ich. Ich habe ihn nicht verdaut. Aber er ist kleiner und bei weitem nicht so schwer, wie er es in der Schweiz gewesen ist. Der Schmerz ist noch da und ich weiß nicht, ob er jemals vergehen wird. Aber ich versuche, dieses Gefühl nicht als Schmerz zu sehen, sondern als eine Erinnerung dessen, was ich einmal hatte und wie schön es gewesen ist. Es schmerzt, dass er nicht mehr da ist. Aber er ist da gewesen und das versuche ich in Ehren zu halten. Im Moment in Russland. Und eines Tages vielleicht auch wieder in der Schweiz. Mal sehen.“

Viktor beobachtet sie nicht mehr, sondern hat sich genauso wie Daria den Jungs zugewandt. Sie reden über irgendetwas. Was genau, verstehen sie beide nicht. Sie sind nämlich zu weit weg. Hin und wieder fällt das Wort Katsudon, aber mehr kann sie dem Gespräch der beiden Yuris nicht entnehmen.

„Ich habe hier tolle Menschen gefunden, die sich gut um mich kümmern. Die Schweiz werde ich nie vergessen und vielleicht werde ich auch einmal, wenn der Bär noch kleiner sein wird, zurückkehren. Aber fürs Erste fühle ich mich hier sehr wohl. In dieser Stadt, mit meinem Job und den täglichen Herausforderungen, die ein Yuri Plisetsky so mit sich bringt.“

Sie schenkt Viktor ein ehrliches Lächeln, als sie den letzten Teil des Satzes spricht. Ja, sie ist selbst für Yuris Sturheit und seinen Dickkopf dankbar, denn manchmal ist es genau dieser, der sie daran erinnert, dass sie an wichtigen Dingen festhalten muss, egal wie schwer es erscheint. Ihm ist seine Hilfestellung vermutlich nicht bewusst. Doch das ist in Ordnung, solange sie Daria eine Unterstützung ist. Und das ist sie.

„Ich freue mich wirklich, dich hier zu sehen. Du siehst gut aus“, hört sie Viktor sagen. Sie senkt verlegen den Kopf und streicht sich eine dunkle Haarsträhne hinter das Ohr.

„Es geht mir auch gut.“

Sie neigt ihren Kopf zur Seite und schenkt ihm ein sanftes Lächeln, welches Viktor erwidert. Für einen kurzen Augenblick scheint es nur sie und ihn zu geben. Dieses alte Band der Freundschaft, das sie miteinander verbindet, löst sie von Raum und Zeit und zieht sie in eine eigene Welt, in welcher alles in Ordnung ist. Sie können reden, worüber sie wollen. Sie können die Menschen sein, die sie sind. Sie können einander vertrauen, denn es gibt niemanden, der sie belästigt oder stört. In diesem Augenblick gibt es nur das, was sie, Viktor, Chris und Matthias miteinander verbunden hat. Auch wenn sie niemals wieder zu viert unterwegs sein oder miteinander reden werden, wird es diesen Raum der Freundschaft, in dem sie sich gerade befinden, immer geben. Er wird stets für sie bereitstehen und sie mit offenen Armen empfangen.

„Was machst du eigentlich in Russland, hm? Ich habe gedacht, dass du in Japan bist?“, erkundigt sich Daria nach einer Weile, in welcher es zwischen ihnen still gewesen ist.

„Oh“, macht Viktor, der sich mit der geballten Faust in die Handfläche schlägt. Er dreht sich zum japanischen Yuri und deutet ihm an, dass dieser kommen soll. Mit dem Lautsprecher in der Hand folgt er Viktors Anweisung, während ihr Schützling an Ort und Stelle stehen bleibt. Lauthals beschwert er sich darüber, dass Katsudon – der japanische Yuri – den Lautsprecher gefälligst bei ihm lassen soll.

„Du auch, Yurio!“, trällert Viktor im Singsang und deutet dem Sportler an, dass er kommen soll. Yuri wehrt sich, doch als Daria ihn mit stummen Blicken darum bittet, gleitet er widerwillig über das Eis zu ihnen.

„Wir wollten euch zu unserer Eisshow einladen!“, fängt Viktor an.

„Eisshow?“, fragt Daria und hebt eine Augenbraue. Der japanische Yuri nickt.

„Wir haben eine Eisshow und sind damit durch Japan getourt. Nun kommt Russland dran. In Moskau sind wir schon gewesen“, sagt er, bevor Viktor übernimmt und weiterspricht: „und jetzt kommt noch meine Heimatstadt! Das Grande Finale!“

„Beeindruckend“, erwidert Daria, die einen Blick auf Yuri wirft. Er hält die Arme vor der Brust verschränkt und spitzt weniger erfreut über diese Botschaft die Lippen.

„Wann ist denn die Show?“, fragt Daria.

„Am Samstag und ich erwarte mir, dass ihr beide kommt! Keine Widerrede!“, antwortet ihr Viktor.

„Als ob“, schnauzt Yuri. Daria straft ihn mit einem strengen Blick.

„Was?“, kommentiert Yuri und zieht seine Augenbrauen missmutig zusammen. „Wir müssen trainieren!“

„Ach Yurio, bei deiner Leistung spielt es doch keine Rolle, ob du ein paar Stunden mehr oder weniger trainierst. Du wirst nie wieder an dein Level rankommen! Also komm und genieß die Show!“

Mit diesen Worten legt Viktor einen Arm um den japanischen Yuri. Er dirigiert ihn langsam aus der Halle und fängt an, ihm über seine Zeit in Russland zu erzählen. Ihr Schützling hingegen versucht, die Aufmerksamkeit von Viktor zu erlangen – erfolglos. Dieser hört nämlich nicht auf Yuri, der ihm hinterherruft, dass der alte Sack und Katsudon nicht mit dem Lautsprecher verschwinden sollen. Doch sie sind schneller aus der Halle verschwunden, als Yuri sie aufhalten kann. Und mit ihnen auch der Lautsprecher.
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