Wintersonnenwende

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
OC (Own Character) Yuri Plisetsky
09.02.2020
25.10.2020
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14.06.2020 2.859
 
Kapitel 19

Jubileiny-Sportkomplex, St. Petersburg, Russland

Dienstag, 02. April 2019

Seit dem Besuch seines Großvaters anlässlich Yuris neunzehnten Geburtstages ist mittlerweile ein Monat vergangen. In diesem Monat hat sich viel verändert und zugleich ist scheinbar alles beim Alten geblieben. Angetrieben durch die neuen, ermutigenden Worte seines geliebten Großvaters und Darias Vertrauen in seine Fähigkeiten, hat Yuri begonnen, das Training noch ernster zu nehmen, als er es ohnehin schon getan hat. Wenn er in der kommenden Saison ganz oben auf dem Treppchen stehen möchte, muss er besser werden.

Die Konkurrenz schläft nicht und die heutige Jugend schon gar nicht. Es gibt so einige gute Nachwuchstalente im Ausland, aber auch hier in den eigenen Reihen, gegen welche er sich durchsetzen muss. Das dürfte ihm auch gelingen, schließlich hat er mehr Erfahrung als jeder einzelne Läufer unter fünfzehn Jahren zusammengenommen. Aber dann wiederum gibt es auch erfahrene Läufer, denen er sich stellen muss. Jean Jaque Leroy ist einer von ihnen. Aber auch Phichit Chulanont sollte man nicht unterschätzen. Der Thailänder steht JJ und den anderen in nichts nach.

Yuri ist sich all dieser Tatsachen bewusst, weshalb er seit der Abreise seines Großvaters sein Herz und seine Seele ins Training steckt. Er trainiert sechs Mal die Woche und das sowohl morgens als auch abends. Am Abend arbeitet er meistens mit Yakov an seiner Technik. Er wiederholt Sprünge, feilt an seinen Pirouetten und trainiert seine Schnelligkeit in Hinblick auf die Schrittfolge im Kurzprogramm. Diese bringt ihn jedes Mal aufs Neue an seine Grenzen, da sie unheimlich fordernd ist.

Vormittags hingegen arbeitet er mit Daria an der Choreografie und Darbietung. Sie ermahnt ihn, seine Hände zu strecken und seine Schultern zu straffen. Sie macht ihn darauf aufmerksam, wenn er die Schrittfolge zu langsam ausführt oder er dem Takt hinterherhinkt. Auch feilen sie an seiner Haltung und Musikalität.

Der Grund, warum Daria den Vormittag und Yakov den Abend bevorzugt, ist leicht zu erklären. Am Vormittag ist in der Halle kaum etwas los. Die meisten Schüler sind in der Schule und die Erwachsenen an der Uni oder bei der Arbeit. Er und Daria können den Eislaufplatz für sich und seine Kür nutzen, ohne auf jemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Insbesondere in den frühen Morgenstunden sind sie sehr lange ganz alleine, wodurch der Platz nur ihnen gehört.

Am Abend muss er sich diesen wiederum mit anderen Sportlern teilen. Daher trainiert er an seiner Technik, denn für diese benötigt er nicht den gesamten Eislaufplatz. Zudem kann Yakov nicht nur ein Auge auf ihn, sondern auch auf seine anderen Schützlinge werfen. Dennoch entgeht ihm kein einziger Fehler, wenn Yuri einen macht. Dann brüllt er quer über den Platz, dass er sich konzentrieren und den Sprung oder die Pirouette gleich weitere fünf oder gar zehn Mal wiederholen soll.

Eine Woche später, nachdem sein Großvater abgereist ist, haben Yuris Muskeln hinsichtlich dieses intensiveren Trainings mit Daria und Yakov gestreikt. Als er wie üblich nach dem Mittagessen mit Daria alleine zu seinem Privatlehrer gefahren ist, sind seine Beine taub geworden und er hat nicht aus dem Bus aussteigen können. Erst nach zwei Stationen ist es ihm gelungen, diesen zu verlassen. Aus Angst, dass seine Beine erneut taub werden würden, hat er an jenem Tag die Strecke zu seinem Lehrer zu Fuß zurückgelegt. Seither steigt er immer eine Station früher aus und marschiert die verbliebenen Meter strammen Schrittes.

Nach einer Weile haben sich seine Muskeln an dieses Trainingspensum gewöhnt. Er ist fitter und kräftiger geworden. Das hat sich insbesondere daran gezeigt, dass seine Sprünge höher geworden sind und er dadurch mehr Zeit in der Luft gewonnen hat, um seine Pirouetten perfekt und vollständig auszuführen. Yakov ist von seiner Entwicklung dermaßen überrascht gewesen, dass es ihm eines Abends beim Training sogar die Sprache verschlagen hat und er nichts bemängeln konnte. Es sind solche kleinen, aber durchaus prägnanten Augenblicke, die Yuri in seinem Training bestärken und ihn zufrieden stimmen.

„Streck das Bein durch!“, vernimmt er die mahnende Stimme seiner Trainerin.

Er und Daria sind in der Eishalle und gehen zum gefühlt tausendsten Mal sein Kurzprogramm durch. Mittlerweile ist Yuri dessen überdrüssig geworden. Er kann die Choreografie in und auswendig. Jeder Sprung sitzt. Jede Drehung ist perfekt. Er fühlt sich sicher und könnte die gesamte Choreografie mit verbundenen Augen, ja sogar im Schlaf laufen. Trotzdem hat Daria immer wieder etwas daran auszusetzen. Mal ist sein Bein nicht gestreckt, dann sind seine Schultern nicht gestrafft und fast immer macht sie ihn darauf aufmerksam, dass er einen Einsatz nicht getroffen hat.

Eine Zeit lang hat Yuri gedacht, dass Yakov ein strenger Trainer sei. Aber nach und nach hat sich Daria zur Perfektionistin gemausert. Yuri weiß nicht, was er davon halten soll. Einerseits geht es ihm auf die Nerven, dass sie an seiner Darbietung ständig etwas auszusetzen hat. Egal wie gut oder sicher er sich fühlt, Daria wird immer etwas finden, was Yuri noch besser machen kann.

Andererseits schätzt er ihre Strenge und ihren Perfektionismus. Daria predigt immer, dass sich seine harte Arbeit in der kommenden Saison bezahlt machen wird und obwohl er ihr nie zustimmt, weil er sich auf sein Training konzentrieren muss und am Ende des Tages nicht mehr die Kraft hat, mit ihr darüber zu diskutieren, so weiß er insgeheim, dass sie recht hat. Vermutlich ist auch das der Grund, warum er ihre Kritik ohne Widerworte annimmt und die Choreografie immer wieder aufs Neue läuft, wenn sie ihn dazu auffordert.

Ein anderer Grund, warum er Daria nicht den Kopf abreißt, sondern ihr dankbar für ihre Hilfe ist, ist wohl jener, dass er sie nicht enttäuschen möchte. Er hat, als sie ihm das Kurzprogramm gezeigt hat, nicht gewusst, wie viel Arbeit sie in diese Choreografie gesteckt hat. Auch wenn sie alles mit ihm durchgegangen ist und ihm ihre Aufzeichnungen gezeigt hat, hat er angenommen, dass es ihr besonders leicht gefallen sei, sein Kurzprogramm zu erstellen.

Seitdem er mit ihr zusammenwohnt, ist ihm erst bewusst, wie viel Arbeit Daria tatsächlich in sein Training investiert. Es ist keine physische Arbeit, die sie auslaugt, sondern psychische. Seit einigen Wochen nun brütet Daria nach dem Abendessen an seinem freien Programm. Dann sitzt sie im Wohnzimmer, hat eine Hand in den Nacken gelegt und bewegt den Kopf nachdenklich hin und her, während sie konzentriert auf ihr Tablet schaut und in ihrem Notizblock blättert. Manchmal sitzt Yuri in seinem Fauteuil und beobachtet sie dabei.

Es ist jedes Mal aufs Neue ein einzigartiges Schauspiel. Daria fällt in diesen Momenten noch nicht einmal auf, dass er jede ihrer Bewegungen bewusst wahrnimmt. Das Massieren ihres Nackens und der skeptische Ausdruck, der sich auf ihr Gesicht legt, wenn sie nicht weiterweiß oder mit etwas unzufrieden ist. Dann zieht sie ihre Augenbrauen zusammen und verzieht ihre Lippen. Wenn sie hingegen eine Idee bekommt oder auf eine Lösung stößt, fangen ihre Augen an zu leuchten. Dann schreibt sie mit ihrem Stift beinahe schon unleserlich in ihrem Block und fängt an, sich etwas auf dem Tablet zu notieren.

Manchmal ist Yuri dermaßen gefesselt von diesem Spektakel, dass er noch nicht einmal bemerkt, dass er keine Musik mehr hört. Er beobachtet dann einfach nur Daria, die in ihrer Arbeit als Trainerin und Choreografin aufzugehen scheint.

Viellicht ist auch das der Grund, warum ihr just in diesem Augenblick auffällt, wie unkonzentriert er läuft.

„Yuri, du musst auf Eins landen! Und geh tiefer in die Knie, sonst verlierst du dein Gleichgewicht“, mahnt Daria ihn abermals. Ihre Stimme ist laut, doch in ihr schwingt weder ein aggressiver noch frustrierter Unterton mit. Sie macht ihn schlichtweg darauf aufmerksam, dass er wieder unsauber gewesen ist, was ihn laut seufzten lässt. Er gleitet einige Meter in seiner Position verharrend auf dem Eis, ohne weitere Intentionen zu machen, das Kurzprogram fortzusetzen. Er senkt sein gestrecktes Bein, stemmt die Hände in die Hüften und legt das Kinn an die Brust. Er ist müde und braucht dringend eine Pause.

Diese Geste scheint Daria zu verstehen. Sie schaltet die Musik, die über einen Lautsprecher kommt und per Bluetooth mit ihrem Tablet verbunden ist, aus. Er atmet einige Male tief durch, bevor er langsam zur Absperrung läuft und neben seiner Trainerin stehen bleibt. Die Wasserflasche, die sie ihm reicht, nimmt er dankend entgegen.

„Ist irgendetwas los mit dir? Du scheinst in Gedanken versunken zu sein“, will sie von ihm wissen. Ihre Frage klingt nicht aufdringlich, sondern ernsthaft interessiert. Sie macht sich Sorgen um ihn, auch wenn sie das nicht müsste. Es geht ihm gut. Er ist lediglich erschöpft, da ihr Kurzprogramm sehr fordernd ist.

„Nein“, antwortet er ihr, nachdem er einen großen Schluck genommen hat. „Es ist nur sehr anstrengend. Ich brauche eine kurze Pause.“

„In Ordnung“, nickt sie. Er schaut sie nicht an, sondern konzentriert sich auf einen Punkt in der Ferne. Trotzdem spürt er ihren teils besorgten Blick auf sich liegen.

„Deine Schrittfolge ist schnell und die Kombination bei den Sprüngen kräftezerrend. Das ist alles“, konkretisiert er seine Aussage und nimmt noch einen Schluck von seiner Trinkflasche.

„Ich weiß. Aber es wird Eindruck schinden und dir viele Punkte einbringen“, sagt Daria. Erst nun wendet sie sich von ihm ab und notiert sich etwas am Tablet.

Yuri schließt seine Augen und lässt den Kopf hängen. Er wird bestimmt noch eine oder gar zwei Stunden mit Daria auf dem Eis verbringen. Daher sollte er sich seine Energie gut einteilen. Denn am Abend steht noch das Training mit Yakov an, obwohl sich Yuri mittlerweile fragt, woran er noch arbeiten soll. Seine Technik ist sauber.

„Wir müssen an deiner Musikalität feilen“, reißt Daria ihn aus seinen Gedanken. Yuri öffnet seine Augen, dreht sich zu ihr und verzieht unwirsch das Gesicht.

„Was?“

„An deiner Musikalität. Wir müssen an deiner Musikalität arbeiten, damit du nicht zum Lied läufst, sondern das Lied läufst.“

„Ich laufe doch zum Lied!“

„Genau das ist es ja. Du läufst zum Lied, aber du läufst nicht das Lied. An dem will ich noch mit dir arbeiten.“

„Was meinst du damit?“, fragt Yuri. Er lehnt sich an die Absperrung und mustert Daria argwöhnisch. Sie erwidert seinen Blick nicht, sondern tippt seelenruhig auf ihrem Tablet. Erst nachdem sie alles aufgeschrieben hat, schaut sie ihn an.

„Was ich meine, ist, dass ich mit dir an ein paar Passagen arbeiten möchte, bei denen du mit dem Lied nicht harmonierst. Es wirkt so, als würdest du einfach nur zum Lied laufen. Dabei solltest du das Lied laufen.“

„Aha“, macht Yuri, der noch immer nicht versteht, was Daria ihm damit sagen möchte.

„Wie soll ich dir das erklären?“, fängt sie an und lässt ihren Blick über den Eislaufplatz schweifen. „Du läufst sensationell, aber manchmal hinkst du der Musik etwas nach oder bist zu schnell. Das fällt mir bei deinen Sprüngen und Drehungen auf. Ich rufe dir deswegen auch immer zu, dass du versuchen sollst, auf Eins zu landen, weil die Betonung des Liedes auf Eins liegt. Das macht diese Choreografie aus. Das und ihre Geschwindigkeit.“

„Was hat das mit Musikalität zu tun?“

„Ich habe es einfach mal so genannt, weil mir kein besseres Wort dafür einfällt. Aber was ich sagen möchte, ist, dass du die Musik spüren und sie laufen musst. Deine Darbietung auf dem Eis ist die visuelle Untermalung zum Lied. Das Lied steht nicht mehr für sich alleine, sondern wird durch dich und deine Kür zum Leben erweckt. Deswegen darf es nicht so wirken, als ob du einfach nur eine Choreografie aufführst, sondern du das Lied tatsächlich verkörperst.“

Yuri zieht seine Augenbrauen skeptisch zusammen. Was will Daria ihm damit sagen? Ist er etwa nicht gut genug? Ist sie wütend darüber, dass er es nicht schafft, auf Eins zu landen? Hat sie überhaupt eine Ahnung, wie schwer es ist, so etwas zu planen? Nur weil im Lied der Einser betont wird, heißt das noch lange nicht, dass Yuri auch auf Eins landen muss! Was für eine Rolle spielt das denn schon? Solange er richtig und vor allem schön landet, wird niemand darauf achten, auf welchen Zähler er das macht.

„Du glaubst mir nicht, hm? Aber in Ordnung. Ich habe es dir vermutlich auch nicht gut genug erklärt. Also“, sagt Daria. Sie legt das Tablet zur Seite und holt tief Luft.

„Warum meinst du wohl, ist es dermaßen faszinierend, Viktor und Yuri Katsuki beim Laufen zuzuschauen, hm?“ Es ist eine rhetorische Frage, die sie ihm stellt. Denn sie beantwortet sie sogleich, ohne ihm überhaupt die Möglichkeit zu geben, darüber nachzudenken.

„Weil sie im Einklang mit der Musik laufen. Sie haben nicht nur eine Choreografie und führen diese auf. Sie haben ihre gesamte Choreografie auf einem speziellen Lied aufgebaut und erwecken das Lied zum Leben, indem sie es visuell darstellen. Auf dem Eis. Mit Sprüngen und Pirouetten.“

„Hörst du dir beim Reden eigentlich zu?“, fragt Yuri. In seiner Stimme vernimmt man einen genervten Unterton. Er weiß nicht, was Daria ihm damit sagen möchte und warum sie ausgerechnet dieses japanische Schweinchen als Beispiel heranziehen muss.

„Jetzt schau nicht so griesgrämig und hör mir zu! Wenn du Viktor schon einmal laufen gesehen hast, dann weißt du, dass er immer etwas Magisches an sich hat. Etwas, was dich dazu zwingt, ihm beim Laufen zuschauen zu müssen – und nein, das liegt nicht an seinem Outfit oder an der Tatsache, dass er attraktiv ist.“

Yuri verzieht angeekelt das Gesicht.

„Hör auf zu reden“, bittet er Daria. Sie ist eine junge Frau die auf Männer steht. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass sie sagt, Viktor sei attraktiv. Doch Yuri kann und will sich das irgendwie nicht vorstellen. Für ihn ist Viktor keineswegs attraktiv, sondern ein in die Jahre gekommener Idiot, der mit einem japanischen Fettsack zusammen ist.

„Jetzt stell dich nicht so an. Als würdest du gerade das erste Mal hören, dass Viktor attraktiv ist“, kommentiert Daria, die mit ihrer Erklärung fortsetzt. „Viktor weiß ganz genau, wann er zu einem Sprung ansetzen muss, um auf einem bestimmten Zähler zu landen. Dadurch lässt er das Lied lebendig wirken. Dort, wo im Lied Spannung aufgebaut wird, baut auch er mit seinem Sprung oder eher seiner Landung Spannung auf. Dort, wo die Choreografie sich dem Höhepunkt zuneigt, macht er das auch. Seine Pirouetten werden dann schneller und schneller. Wenn das Lied mit drei Schlägen endet, beendet er seine Choreografie eben auch mit drei gezielten Bewegungen. All das lässt ein Lied lebendig wirken. Es wird greifbar. Fassbar. Real. Und dasselbe müssen wir auch bei dir hinbekommen.“

Yuri schweigt und lässt Daria nicht aus den Augen. In ihrem mittlerweile vertrauten Blau kann er ein zartes Flämmchen flackern sehen. Es ist die Flamme der Hoffnung. Sie hofft, dass er sie verstanden hat und das hat er auch – glaubt er. Seine Stirn legt sich in Falten. Seine Mundwinkel verziehen sich. Er sagt noch immer nichts, sondern erwidert Darias fordernden Blick, welchen sie nach einiger Zeit seufzend abwendet.

„Ah, ich muss mir wohl ein besseres Vokabular zulegen, um dir das zu erklären“, sagt sie und massiert sich dabei die Stirn.

„Oder weniger Läufe von Viktor anschauen. Du hast eindeutig zu viele gesehen“, erwidert Yuri und nippt an seiner Wasserflasche. Als ob dieses japanische Schweinchen und Viktor die Musik so sehr verinnerlichen, dass sie auf alle Einsätze und Betonungen hören. Sie laufen auch nur zur Musik wie jeder andere auch. Was sie unterscheidet, ist ihre ausgezeichnete Technik. Diese hebt sie von anderen ab. Das und ihre komische Musikauswahl, bei der man sich immerzu fragt, ob sie an einer Geschmacksverwirrung leiden.

Bei Viktor kann er es noch verstehen. Er kennt seinen Ansatz. Dieser Idiot will sein Publikum immer wieder aufs Neue überraschen und wählt daher die seltsamsten Stücke mit den eigenwilligsten Choreografien aus. Yuri hat angenommen, dass er damit früher oder später auf die Schnauze fallen wird, aber dem Publikum hat es immer gefallen. Irgendwann hat er daher aufgehört, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wieso Viktors Stil so vielen gefällt. Er hat es darauf geschoben, dass die meisten Leute keine Ahnung vom Eislaufen haben und einfach nur große Fans von ihm als Person und nicht als Läufer sind.

Und dieses japanische Schweinchen? Zugegeben, seine Technik ist gut, aber bei weitem nicht so ausgefeilt wie jene von Viktor. Er kann sich einfach nur glücklich schätzen, sich in Viktors Glanz sonnen zu dürfen, sonst hätte er bei weitem nicht so viele Fans.

„Hm, nein“, sagt Daria nachdenklich klingend und schüttelt den Kopf. „Bei den beiden sieht man das, was ich dir erklären möchte, einfach sehr gut.“

„Ich habe kein Interesse daran, mir Viktor und dieses japanische Schwein anzuschauen! Wir sollten weitertrainieren“, schlägt er vor. Er stellt seine Wasserflasche auf die Absperrung neben Darias Notizblock und will sich bereits abdrücken, um in Position zu gehen. Doch er hält abrupt inne, als er jemanden hört, der laut durch die Halle trällert: „YURIO!“

Ein eiskalter Schauer erfasst Yuri und lässt ihn erzittern. Er zieht scharf die Luft ein, während er in seiner Position verharrt. Das kann nicht wahr sein. Das darf nicht wahr sein! Von allen Menschen auf dieser Welt, die gelegentlich nach St. Petersburg kommen, muss hier und heute ausgerechnet dieser Idiot auftauchen? Und so, wie Yuri ihn kennt, wird er nicht alleine sein, sondern in Begleitung.

Auch wenn alles in ihm danach schreit, es nicht zu tun, dreht er seinen Kopf langsam zur Seite. Er hat sich nicht geirrt. Die Stimme, die lauthals seinen Namen gerufen hat – seinen falschen Namen! –, gehört tatsächlich ihm: Viktor Nikiforov.
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