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Alexithymia

von Gegenwind
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Gen
08.02.2020
09.09.2020
11
7.408
4
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08.02.2020 1.030
 


A L E X I T H Y M I A
30 days – 30 letters
Dreißig Versuche, das Unmögliche in Worte zu fassen

Beitrag zum Projekt „Dreißig Tage, dreißig Briefe


→☆←

day 1 - 12 - 16
a l e x i t h y m a

n. | the inability to express your feelings

a love letter to my best friends

→☆←


part one. The one who hurt me the most.
    Die meisten Briefe beginnen mit einer Begrüßung. Doch da du dies vermutlich niemals lesen wirst, ist das überflüssig. Es war schwer genug, meine Gedanken zu sortieren, um überhaupt etwas zu Papier zu bringen, aber du kennst mich – ich verarbeite alles irgendwie alleine. Und ich weiß, dass du das nicht willst. Zumindest dachte ich das noch vor wenigen Wochen. Jetzt allerdings bin ich mir da nicht mehr so sicher.
    Du weißt, dass du mich zutiefst verletzt hast. Und du weißt auch, dass ich bereit bin, das alles hinter uns zu lassen, damit diese Stille zwischen uns nicht erdrückend wird. Der Bruch zwischen uns ist deutlich spürbar und das nicht nur für uns beide – auch andere haben schon mitbekommen, dass etwas nicht stimmt und ich bin hin und her gerissen zwischen Schreien und Weinen. Es gibt so viele Dinge, die ich dir sagen möchte, aber momentan nicht kann. Jedes Mal, wenn ich dich sehe, möchte ich in Tränen ausbrechen – es fühlt sich einfach so an, als hätte ich dich für immer verloren. Dabei habe ich dir doch eigentlich nichts getan. Und falls es doch so sein sollte, dann entschuldige ich mich aufrichtig dafür. Ich will doch einfach nur meine beste Freundin zurück.
    Jeden Morgen stehe ich auf und denke an dich – ungelogen. Der Drang, einfach wieder mit dir zu reden und zu lachen, ist unglaublich groß. Aber ich weiß, dass es lange nicht mehr so sein wird, wie es einmal war. Ich bin immer noch verletzt und skeptisch. Du hast mein Vertrauen aufs Spiel gesetzt und bis ich dir dieses wiedergeben kann, wird es noch lange dauern. Momentan zweifle ich an der Echtheit unserer Freundschaft. Wie viel war in den letzten Monaten echt? Wie viel davon war gelogen? Hast du dich jemals wirklich für mich gefreut? War ich nur gut genug, weil gerade niemand anderes zur Verfügung stand? Mein Selbstvertrauen ist in tausend Scherben zerbrochen.
    Und dennoch – dennoch vermisse ich dich. Ich vermisse unsere stundenlangen Gespräche, die immer damit enden, dass dich deine Eltern ins Bett schicken. Ich vermisse den ganzen Blödsinn, über den wir uns immer unterhalten haben. Ich vermisse unsere Shoppingtouren. Unsere Spaziergänge. Die vielen Stunden, in denen wir einfach nur gequatscht haben. Aber momentan habe ich das Gefühl, dass dir das nicht so viel wert war wie mir.

    Du kennst mich – ich hätte jederzeit mein eigenes Glück für deines geopfert. Aber nicht jetzt. Gerade, weil es da noch jemanden gibt, der da ein Wörtchen mitzureden hat. Du weißt selber, was du genau aufs Spiel gesetzt hast und ich weiß auch, dass du genauso unsicher bist wie ich. Da ist jede Menge Wut, Schuld und Traurigkeit, jede Menge Unsicherheiten und Tränen und jede Menge Dinge, die zwischen uns stehen, doch ich hoffe, dass wir die eines Tages überwinden können.
    Mit dir lachen zu können, ist meine liebste Beschäftigung.

Ich hab dich lieb. Sehr sogar. Und ich vermisse dich so sehr, dass es weh tut.


part two.
    Es ist unsinnig, nochmal etwas zu schreiben. Aber ich kann und will dich nicht in irgendeine andere Sparte stecken. Das wäre weder dir noch meinen Gefühlen gegenüber fair. Auch wenn das hier kurz ausfallen wird und du es wahrscheinlich auch nicht lesen wirst.
    Die Entscheidung, die ich getroffen habe, war die schwerste meines Lebens, glaub mir. Aber ich denke, momentan ist es besser so – für uns beide. Dein Leben ist Chaos, mein Leben ist ein gefährliches Dazwischen. Ich bin sehr beeinflussbar und das letzte, was ich momentan gebrauchen kann, ist mehr Chaos. Es mag so aussehen, als würde ich dich in einer schweren Phase alleine stehen lassen, doch glaub mir, ich besitze nicht die emotionale Ausdauer, dir in dieser schweren Zeit eine gute Freundin zu sein. Ich würde mit in diesen Sog gezogen werden und das würde gegen meine Prinzipien sprechen, die ich mir selber auferlegt habe, um ein besseres Leben führen zu können.
    Die Zukunft ist immer ungewiss, vergiss das nicht. Sie ist etwas, das wir nicht kontrollieren können – wir können sie nur durch die Entscheidungen, die wir in der Gegenwart treffen, in eine gewisse Richtung lenken. Doch auch diese ist nicht gewiss. Manchmal muss man die Dinge eben auf einen zukommen lassen. Auch wenn wir beide nicht wirklich gut darin sind.

Eigentlich ist alles gesagt. Bis auf die zehn Millionen Dinge, die noch in meinem Kopf schwirren.


part three. My best internet friend and the one who lives too far away.
    Endlich mal was Positives. Wo kämen wir denn auch sonst hin, wenn das hier in einem depressiven Kauderwelsch enden würde? Honey, du bist und bleibst die Beste. Ich habe keinen Zweifel daran, dass ich in dir meine Seelenverwandte gefunden habe. Auch wenn wir in letzter Zeit nicht mehr so viel miteinander gesprochen haben, wie ich es gerne gehabt hätte. Du bist busy, ich bin busy und irgendwie bleiben lange Konversationen über die Unmöglichkeiten im Fandom auf der Strecke. Aber ich glaube fest daran, dass sich das eines Tages wieder einpendelt und wir damit weitermachen können, unsere beiden Schreckensschwestern zusammen zu quälen.
    Es ist wirklich schade, dass du so weit weg wohnst und dass ich dich nicht so oft besuchen kann, wie ich es eigentlich möchte. (Verflucht sei das Leben der verantwortungsbewussten Erwachsenen.) Aber wenigstens können wir einander sehen, das ist ein kleiner Lichtblick. (Und wehe, ich schaffe es dieses Jahr nicht, dann werde ich sauer.)
    Und da du weißt, wie schlecht ich darin bin, persönliche Dinge zu schreiben, halte ich mich kurz; es ist mir eine Ehre, mit dir befreundet sein zu können. Und ich werde dich hier noch in weiteren Briefen erwähnen, also bleib gespannt, hehe.

You’re still my soulmate, honey.

© Gegenwind
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