Der Fluch

GeschichteAllgemein / P16
07.02.2020
07.02.2020
1
4.483
6
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
 
07.02.2020 4.483
 
Es war eine finstere, wolkenverhangene, mondlose Nacht. Die Welt erschien wie ein leerer Ort, bar jeglichen Lebens, bar jeder Seele. Einige alte, knorrige Bäume erhoben sich wie finstere Schatten aus der nahezu undurchdringlichen Finsternis, und ausgerechnet an einem dieser Bäume war das einzige Licht zu finden, das gegen diese fast greifbare Dunkelheit anzukämpfen schien. Um genau zu sein, es waren zwei Lichter. Beide waren orange, und sie blinkten in einem gemeinsamen, monotonen Rhythmus stoisch, ohne Unterlass. Sie gehörten zu einem alten Sportwagen. Etwas abseits, auf einer finsteren, schmierigen Straße, stand ein Hirsch. In seinem Leib hämmerte das große Herz vor Aufregung und Panik, aber die Augen waren leer und bar jeglichen Mitgefühls, als sich das doppelte, orange Blinklicht des antiken Porsches in ihnen brach. Dann wandte er sich ab und hetzte davon. Dies war nicht mehr sein Problem, und er musste auch nichts lösen.

Der Wagen hatte versucht, dem Hirsch, der unvermittelt über die Straße gelaufen war, auszuweichen. Dies hatte er auch geschafft, dem Tier war nichts passiert. Aber das Fahrzeug selbst, ein Porsche aus den Siebzigern, war dabei von der Fahrbahn abgekommen und gegen den Baum geprallt, eine alte, stattliche Eiche, die so spät im Herbst keine Blätter mehr trug. Die Frau war gefahren. Sie hatte getan, was sie konnte, aber es hatte nicht gereicht. Hätte sich der Mann ans Steuer gesetzt, der den Wagen gut kannte und diese Strecke schon oft gefahren war, wären sie vielleicht alle drei, Frau, Mann, Hirsch, mit dem Schrecken davon gekommen. So aber war es die Eiche geworden.
Eine Sekunde früher, und der Porsche wäre über das brache Feld rechts von der Straße geschliddert und dort beschädigt und nach einem Überschlag liegen geblieben. Eine Sekunde später, und der Sportwagen wäre am Baum vorbei ins gleiche Feld gerutscht, von dort auf einen Wirtschaftsweg gekommen, hätte sich einmal um sich selbst gedreht und wäre ohne eine große Beschädigung zum Stehen gekommen. Aber es war eben genau dieser Moment gewesen, dieser eine Moment. Und der hatte an den Baum geführt.

Der Wagen sah furchtbar aus. Er war seitlich gegen den Baum geprallt, hatte sich die Front mit dem Motorblock abgerissen. Ein Glück für den Mann, denn sonst wäre der Tonnenschwere Koloss in den Fahrgastraum gedrückt worden und hätte ihm zumindest die Beine zerquetscht. Der gleiche Schlag aber hatte auch die Fahrerseite eingedrückt und der Frau einen traumatischen Schlag versetzt, der sie an Kopf, Schulter und Brustkorb schwer verletzt hatte. Hirn und Herz hatten beinahe sofort ausgesetzt, der Tod war so schnell eingetreten, als wäre ihr Leben nur die flackernde Flamme einer kleinen Kerze in einem Sturm gewesen. Der Mann hatte mehr Glück gehabt. Bis auf einem Anbruch des rechten Unterschenkels, einer Gehirnerschütterung und einer Menge blauer Flecken war er verschont geblieben. Jedoch war die Gehirnerschütterung die Folge einer kräftigen Bekanntschaft mit der Seitenscheibe gewesen, sodass er fast zwanzig Minuten lang bewusstlos war. Viel zu lange und viel zu spät, um noch überhaupt etwas für die Frau zu tun.
***
Als Conrad erwachte, tat er dies in der absoluten Finsternis der bleischweren Nacht. Nichts, nur die Ahnung des Warnblinkers, durchdrang die abgrundtiefe Schwärze. Er ahnte mehr, als dass er wusste, wo er war und was passiert war. Er wollte sprechen, aber anstatt Worte kam nur ein abgrundtiefer Husten aus seinem Rachen, der irgendetwas Schleimiges mit sich beförderte. Er rang nach Atem, kämpfte um die Luft, und dann war der Hustenreiz vorbei.
„Eileen?“, fragte er in die Dunkelheit. „Eileen?“ Er tastete um sich, drehte Regler und drückte Tasten, aber der Wagen schien tot bis auf das orange, rhythmische Blinken. Nach und nach verstand er, was passiert war. Wie sie ihn getriezt hatte nicht zu fahren, weil das sicherer war, denn sie hatte nichts getrunken, sein Widerspruch, es wären nur vier Bier in drei Stunden gewesen, der unerhört verhallt war, die Fahrt über die dunkle Landstraße über einen Abschnitt an Einsamkeit, den man in diesem Land erst einmal finden musste. Dann der große Schatten in der Dunkelheit, der sich als kapitaler Hirsch erwies, der natürlich genau dann über die Straße rennen musste, als er von den Scheinwerfern erfasst worden war, Eileens Versuch, auszuweichen, dann war der große Baum wie ein riesiger Unheilsbote aus der Schwärze aufgetaucht, und dann... Dann war die Schwärze auch in seinen Verstand gekrochen. „Eileen?“, fragte er nun fast panisch.
Ein Licht traf ihn ins Gesicht. „Leben Sie noch, Mann?“, rief jemand.
Er blinzelte in das Licht. „J-ja. Bitte, wie geht es meiner Frau?“
„Ich bin kein Ersthelfer, ich kann sowas nicht. Aber ich habe Notarzt und Feuerwehr gerufen. Die werden gleich hier sein, Mann. Sie sieht ganz friedlich aus, so als wenn sie nur schlafen würde.“
Conrad hätte nicht sagen können, was genau es war, aber diese Worte griffen nach seinem Herz wie Krallen aus Eis. Es war dieser Moment, in dem er bereits wusste, was er eigentlich mit aller Gewalt von sich schieben wollte, bis an den Rest seines Lebens: Sie war tot.
***
Stunden später, nachdem der Notarzt eingetroffen war, nachdem die Polizei den Unfallort gesichert gewesen war, nachdem man ihn aus dem Wrack befreit hatte, das einst ein gut erhaltener Porsche gewesen war, nachdem Notarzt und Sanitäter wirklich rührend um das bereits erloschene Lebenslicht seiner Frau gerungen hatten, saß er hier, neben ihrer aufgebahrten Leiche, das angebrochene Bein geschient und die anderen Verletzungen so weit versorgt, wie er es zugelassen hatte, auf ihrer Liege und starrte sie an. Sanft strich seine Rechte über ihr Antlitz. „Eileen“, hauchte er. „I-ich habe immer Trost darin gefunden, dass ich älter bin als du. Ich habe mir immer gesagt, dass ich vor dir sterben werde, und dass du noch viele gute Jahre haben wirst, wenn ich nicht mehr da bin. Ich wollte das nicht. Es sollte nicht so kommen. Ich bin älter als du. Ich sollte vor dir gehen.“
„Meinst du das ernst?“, fragte eine Stimme, die merkwürdig in seinen Ohren klang, so als ob jemand alle Worte, die er sprach, in Großbuchstaben formulierte.
Conrad fuhr herum. Er ersparte sich sämtliche Fragen, die ihm auf der Zunge lagen, nach dem wer, was, wie und warum. Stattdessen sagte er: „Ja. Ich meine das ernst. Ich sollte hier liegen, und sie sollte leben. Wenn es mir möglich wäre, würde ich mit ihr tauschen.“
Die Person, die in Großbuchstaben sprach, trat näher heran. Sie war Mann, sie war Frau, sie war jung, sie war alt. Sie war schön, sie war hässlich, sie erschien natürlich, sie erschien aufgedonnert.
„Es ist möglich, dies zu ändern“, sagte die Gestalt. „Du kannst mit ihr tauschen, Conrad.“ Das fremde Wesen, sah ihn an, der Blick war freundlich, das Lächeln ansehnlich, aber tief in den Augen lag etwas, das er nicht definieren konnte. Licht? Finsternis? Beides?
„Dann will ich mit ihr tauschen.“
„Bist du dir da sicher? Denkst du, sie ist stark genug, um deinen Tod zu verkraften? Ich habe absolut keine Lust, später vor ihr zu stehen und sie mich bitten hören, mit dir zu tauschen.“ Die Gestalt seufzte. „Nicht schon wieder, meine ich.“
„Was?“
„Du hast richtig gehört. Ihr habt dies schon einmal erlebt. Du bist gefahren, du hast den Hirsch mitgenommen, weil du gedacht hast, auf diese Weise könntest du euch beide davor bewahren, gegen einen Baum zu fahren, oder euch auf einem Feld zu überschlagen. Stattdessen kam der Hirsch durch die Windschutzscheibe und hat dich mit seinem Geweih aufgespießt. Du warst nicht sofort tot. Eine halbe Stunde hast du noch gelebt, bevor du ausgeblutet und gestorben bist. Daraufhin hat deine Frau hier gesessen, dich betrachtet und sich gewünscht, mit dir tauschen zu können. Bist du sicher, dass sie sich das nicht erneut wünschen wird?“
„Habe ich es mir schon einmal gewünscht?“, fragte Conrad.
„Ah, ein Profi. Ich liebe es, mit Profis zu arbeiten. Nein, Conrad. Dies ist dein erstes Mal. Also, was denkst du? Wird sie wieder mit dir tauschen wollen?“

Er betrachtete ihr Gesicht, das, halb zerschlagen und zerquetscht, noch immer ihr Gesicht war, das schönste Gesicht, das er je gesehen hatte, obwohl viele, die heute seine ehemaligen Freunde waren, ihn hatten überzeugen wollen, sich „was hübscheres fürs Geld zu besorgen“.
„Ich weiß es nicht. Aber wenn ich mit ihr reden kann, werde ich sie überzeugen“, versprach er.
„Dann bleibt nur noch ein Problem“, sagte das Wesen. „Du kannst mich übrigens bei meinem Namen nennen, wenn du möchtest.“
„Gott? Thor? Bhaal?“
„Ein belesener Mann. Nein, nenne mich Ain.“
„Ain.“ Conrad betrachtete den Fremden. „Was ist das für ein Problem?“
„Es geht um sie und ihre Zukunft.“ Ain lächelte, aber es war kein frohes, freundliches Lächeln. „Conrad, bist du dir sicher, dass du Eileen deine restlichen fünftausendsechshundertzwölf Lebensjahre schenken willst? Bist du sicher, sie hält ein solch langes Leben durch?“

Conrad war, als fiele er in ein tiefes Loch ohne Boden. So musste es sich anfühlen zu sterben, so und nicht anders. Ein ewiger Sturz, der sofort wieder vorbei war, ohne jedoch je zu enden. „Fü... Fünf...“
„Fünftausendsechshundertzwölf Jahre. Das ist deine Lebensspanne. Plus fünf Monate, drei Tage, elf Stunden und vier Minuten. Die Sekunden erspare ich dir. Es ist etwas kompliziert, und natürlich kann dein Leben früher enden, aber es sollte erst nach dieser Spanne vorbei sein. Bist du sicher, Eileen erträgt solch ein langes Leben?“
„Aber... aber... aber... Warum?“, stammelte Conrad.
„Warum du so lange leben sollst?“ Ain zuckte die Achseln. „Das hat nichts mit Schicksal zu tun, nichts mit Göttern, nichts mit irgendwas, das euch Menschen als Krücke dienen würde, damit ihr bestimmte Zusammenhänge versteht. Es ist einfach so. Mit anderen Worten: Du bist unsterblich. Was du daraus machst, was du in deiner Lebenszeit anstellst, ob du dein Leben bis zum natürlichen Ende lebst oder es frühzeitig zu beenden trachtest, das ist absolut deine Sache.“ Ain deutete auf den geschundenen Leib der Frau. „Oder ihre Sache.“
„Ich verstehe nicht. Menschen werden achtzig Jahre alt im Durchschnitt, wenn sie lange durchhalten, hundert oder mehr. Wie soll ich fünftausend Jahre leben können?“
„Und sechshundertzwölf.“
„Das ist Erbsenzählerei. Sag mir, wie kommst du auf diesen wahnsinnigen Wert? Kannst du die Zukunft sehen?“
Ain lächelte, und es war genauso furchterregend wie freundlich erhebend. „Nein, ich kann die Zukunft nicht sehen, denn das würde sie automatisch verändern. Aber... Manchmal erinnere ich mich an die Zukunft.“
„Du erinnerst dich an die Zukunft?“
„Ja.“ Ain legte die Hände auf den Rücken und begann, ein wenig im Raum auf und ab zu gehen. „Du musst zuallererst verstehen, wer ich bin. Oder vielmehr was ich bin. Genau wie du bin ich unsterblich. Ich habe jetzt sechstausend Jahre gelebt, und ich spüre, dass meine Spanne zum Ende kommt. Ich habe vielleicht noch dreihundert, eventuell vierhundert Jahre, wenn ich Glück habe. Und es ist ein Glück gewesen, so lange zu leben.“ Sein Lächeln wurde wehmütig, und nichts daran war zwitterhaft mit einer zweiten Emotion verwoben. „Und nein, bevor du fragst, ich habe dich nicht ausgesucht, damit du der neue Unsterbliche wirst, der nach mir kommen wird. Ich habe hierher gefunden, weil du es bereits bist. Du... oder sie.“
„Das ist ein...“
„Ein Schauspiel der Natur. Ein Mechanismus, der in den Genen jedes Menschen steckt. Es ist ein wenig, ah, wie mit einem Bienenvolk. Jede Arbeiterin kann eine Königin werden, aber nur eine kann es dann tatsächlich auch sein. Bei Menschen ist es ungleich komplizierter, aber ich bin nicht hier, um dir das zu erklären.“

„Vielleicht solltet ihr aufhören, dieses Thema zu besprechen, ohne Eileen zu beteiligen“, erklang eine zweite Stimme. Ein weißer, finsterer, durchsichtiger, dickwandiger Nebel waberte in den Raum. Er platzierte sich neben der Bahre. „Erwache, Kind.“
Und dies tat sie. Mit einem lauten Schrei. „DAS TUT WEH!“
„Entschuldige, Kind. Ich wollte nicht, dass du Schmerzen hast.“ Die Wolke umfloss Eileen, und sofort wurde sie ruhiger.
Als sich das Gebilde entfernte, setzte sich die junge Frau auf. Ihr Blick ging zu Conrad. „Du bist erstaunt, mich wieder am Leben zu sehen. Du freust dich, aber du hast auch Angst, weil hier etwas geschieht, was dir unbekannt ist, was dir unmöglich erscheint.“
„Hör auf, wieder so herumzuklugscheißen“, schluchzte er und nahm sie in die Arme.
Das verwunderte sie, und nur zögerlich umarmte sie auch ihn. „Das ist nicht fair“, murrte sie, Tränen in den Augen. „Das ist einfach nicht fair. Ich wollte es kalt und schnell haben. Abrupt. Ich wollte nichts fühlen müssen.“
„Dafür ist es zu spät, Kind“, sagte die Wolke.
Ain gesellte sich zu ihr. „Du solltest gar nicht hier sein, Meri“, tadelte er.
„Ich konnte nicht länger ansehen, wie ihr euch verliert, ohne Eileen eine Stimme zu geben. Das war falsch von dir.“
Der Getadelte wehrte ab. „Ich hätte sie schon noch beteiligt. Aber zuerst muss Conrad verstehen, was er hier verlangt, und was er Eileen abverlangen will.“
„Das ist einerseits gut, andererseits aber auch schlecht, schlecht von dir, Ain.“ Die Wolke wurde dichter, dann wieder flüchtiger, leuchtete von innen und strahlte doch Dunkelheit aus. „Wie ich schon sagte, ich will Eileen beteiligen.“

Conrad löste sich von seiner Frau, aber die wollte ihn nicht wieder loslassen. Es dauerte einige Zeit und viel gutes Zureden, bis sie die krampfenden Hände um seinen Rücken wieder löste. Er strich über ihre unverletzte Wange und lächelte wie ein Idiot. „Wir werden wieder tauschen“, sagte er entschlossen. „Du sollst leben, und ich werde sterben, so wie es zuerst passiert ist.“
„Nein. Nein, Conrad, das wirst du nicht tun! Ich habe mich entschlossen, dass ich gehen werde! Du sollst leben!“ Ihre Stimme klang befehlend und hartnäckig.
„Hast du Angst vor den fünftausend Jahren?“, fragte er . „Und sechshundertzwölf“, sagte Ain.
„Fü... fünftausend Jahre?“, haspelte die Frau. „Was? Aber... was?“ Ihr Blick ging zu Ain und Meri. „Was wird hier gespielt? Wo sind wir da reingeraten? Meri? Ain?“
„Es ist wahr“, sagte die Wolke. „Conrads künftige Lebensspanne sind fünftausendsechshundertzwölf Jahre. Und diese Lebenszeit will er dir überlassen. Dabei übersieht er vollkommen die Tatsachen, die ein solch langes Leben mit sich bringen wird.“ Obwohl die Wolke keinen Körper hatte, sah es so aus, als lege sie den Kopf schräg. „Als wir das erste Mal hier zusammen standen, Eileen, nach dem ersten Unfall, stellte sich für uns keine Frage nach der Lebensdauer, denn du hattest zwar stattliche einhunderfünfzig Jahre vor dir, aber keine fünftausend.“ Die Wolke wandte sich Ain zu, mit warnendem Ton in der Stimme, und dieser verkniff sich eine Ergänzung.
„Jetzt aber will Conrad dir sein Leben geben. Und das bedeutet, dass du fünftausendsechshundertzwölf Jahre leben wirst. Warum ist das so? Weil es, seit es Menschen gibt, immer einen Menschen gibt, der Tausende von Jahren alt wird. Ein Wesen, das Wissen und Erfahrung anhäuft und die Menschheit begleitet, und, wenn er es kann, verhindert, dass sie sich in der Zeit verliert, und stattdessen dafür sorgt, dass sie auch morgen noch existiert. Diesen Unsterblichen gab es immer und wird es immer geben. Manchmal gibt es mehrere zugleich, manchmal nur zwei, manchmal nur einen. In meiner Lebensspanne gab es fünf andere Unsterbliche, aber drei ertrugen die Lebenslast nach eintausend Jahren nicht mehr, und zwei töteten sich gegenseitig aus Eifersucht darüber, nicht einmalig zu sein. Ach, und dann gibt es natürlich noch den hier.“ Die Wolke sprach von Ain, und alle drei wussten es.
„Was das diffuse Ding da erklären will“, sagte Ain mit rollenden Augen, „ist, dass Ihr eine Zeitreise machen werdet. Derjenige von euch, der letztendlich leben wird, erlebt die kommenden Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende Tag für Tag, Morgen für Morgen, Stunde für Stunde. Und auf diesem Pfad in die Unendlichkeit sieht er Generationen von Menschen heranwachsen und wieder vergehen, ihre Nachkommen groß und bedeutend werden und wieder vergehen, dann die Enkel, die Urenkel, und, und, und... Generation auf Generation wird er oder sie leben, während rund um einen alles wieder vergeht, und nichts für die Ewigkeit gemacht zu sein scheint. Es kann passieren, dass jeder einzelne Tag zur Last wird, der Moment, in dem man sich aus dem Bett quält jener Moment ist, an dem man am liebsten sterben möchte, weil man alleine durch die Zeit eilt und sich alles wieder und wieder und wieder wiederholt, wie ein nicht enden wollendes Mantra. Und manche Unsterbliche beenden ihre Leben dann auch an einem solchen Morgen.“
Meri räusperte sich, und es war ein lautes, aber angenehmes Geräusch, das Aufmerksamkeit forderte. „Aber es ist auch ein Wunder und ein Segen. Man sieht Menschen kommen, die man sonst nie kennengelernt hätte, man erlebt die Wunder, welche die Zukunft bereithält, man ist am Glück ganzer Generationen beteiligt, und auch an ihrer Trauer, denn das Werden und Vergehen ist das Natürlichste, was es gibt, und ihm liegt eine Schönheit inne, die zu sehen, über die vielen Jahrhunderte, eines der größten Dinge ist, die man erleben darf. Stellt euch einen Freund vor, der vor fünfhundert Jahren zu Asche zerfallen ist... Und dennoch ist da sein Urgroßenkel, der das tut, was auch sein Vorfahr tat, ein Leben lebt und dies so gut er kann auskostet. Zu vergehen ist nicht schlecht, es ist Teil des Ganzen, genau wie der Anfang. Und auch wenn es traurig ist – das soll es auch sein. Denn wäre das Leben ein einziges Freudenfest, wäre es in seiner Last überhaupt nicht zu ertragen. Erst die Trauer lässt uns begreifen, welch kostbares Geschenk das Leben ist, und wie unendlich viel kostbarer die Unsterblichkeit ist.“

Die beiden, Ain und Meri, schwiegen nun. Conrad und Eileen sahen einander an. Ein zynischer Zug ging um den Mund der Frau. „Altert man als Unsterblicher weiter? Ich meine, was nützt einem ein so langes Leben, wenn man als ausgetrocknete Mumie herumlaufen muss?“
„Das ist eine gute Frage“, lobte Ain. „Der Schlüssel zur Unsterblichkeit ist die Reproduktion der Zellen. Es gibt einen Mechanismus in jeder Zelle, der auf Abnutzung beruht. Nachdem aus Spermien und Eizellen neues Leben entstanden ist und anhand der DNS-Baupläne ein neuer Körper geschaffen wurde, tickt in jeder der neu entstandenen Körperzellen ein Schlüssel, eine Art Uhr. Mit jeder Zellteilung geht diese Uhr ein Stück weiter, und je weiter sie kommt, desto schlechter wird die Reproduktion der Zellen. Irgendwann einmal ist die Uhr dann abgelaufen, und die Zellen teilen sich nicht noch einmal. Dies ist der Zeitpunkt kurz vor dem Tod. Wir Unsterblichen haben diesen Schlüssel nicht. Unsere Zellen teilen sich ewig fort, und das immer in der bestmöglichen Qualität.“
„Das ist gelogen, und das weißt du auch“, tadelte Meri. „Auch wir haben diese Schlüssel, aber sie nutzen sich nicht ab. Oder vielmehr fast nicht. Und dieses „fast“ ist es, das dazu führt, dass wir doch einmal sterben müssen.“ Die Wolke dachte nach. „Dürfen. Denn vergehen zu können ist ein Privileg. Dies liegt für uns in der Zukunft, weiter als bei normalen Menschen, aber es steht uns bevor.“
„Und ich habe diesen besonderen Schlüssel?“ Conrad fuhr sich durch die Haare. „Ich dachte bisher, ich sehe deshalb so jung aus, weil ich gute Gene habe. Ich wusste nicht, wie recht ich damit habe.“
„Das ist so korrekt, man möchte es niederschreiben“, spöttelte Ain.
„Aber wenn es in Conrads DNS ist, wie soll ich es denn bekommen können?“, fragte Eileen. „Das ergibt keinen Sinn.“
„Es ergibt für dich keinen Sinn, Eileen“, sagte Meri. Die Wolke waberte heran und umschlang sie für einen Moment, bevor sie sich wieder zurückzog. „Genauso wie dieser Moment, den du mit Ain und mir und Conrad teilst, eigentlich unmöglich sein sollte, während du seit Stunden tot bist und dein Gehirn wegen Sauerstoffmangel eigentlich vollkommen verödet und abgestorben ist. Und nicht zuletzt erlebst du dies hier zum zweiten Mal, und das wieder im exakt gleichen Zeitraum. Nur, weil du es dir nicht erklären kannst, heißt das nicht, dass es unmöglich ist. Schließlich steckst du mittendrin, in der Unmöglichkeit. Es gibt Wege und es gibt Möglichkeiten. Das ist so sicher wie die Großen Pyramiden in Gizeh.“
Ain sprach weiter. „Wichtig ist, dass einer von euch beiden diese Reise durch die Zeit antritt. Einer von euch beiden muss unsterblich werden. Warum, fragt ihr euch? Nun, es ist das Privileg der Unsterblichen, Wissen anzuhäufen, Erfahrung, auch Vermögen. Es wird erwartet von einem Unsterblichen, dass er die Menschheit mit diesen Gaben führt und geleitet, damit sie sich weiter entwickeln kann, dass er verhindert, dass sie erlischt. Ihr habt beide die Veranlagung dafür, großartige Ratgeber für die Menschheit zu sein. Ihr seid beide gleichermaßen dazu geeignet, sie in eine utopische Zukunft zu führen. Es gibt andere Unsterbliche in dieser Generation, aber sie sind... schlecht. Sie werden das Gegenteil tun. Sie werden die Menschheit in den Untergang stürzen. Es gibt sie immer wieder, diese eigensüchtigen, selbstbezogenen Scheiß egal außer mir-Menschen, die unsterblich werden. Jemand muss sich ihnen entgegenstellen, jener Einfluss sein, der die Menschheit in das Weiterleben führt, nicht in die Auslöschung. Dies ist eine Aufgabe, die ihr beide bewältigen könnt. Ihr habt die Kraft, die Fähigkeiten, und ihr werdet die Zeit haben. Aber dafür müsst ihr auch etwas geben, nämlich eine Antwort: Wer soll sterben, und wer soll leben, Conrad, Eileen?“

Zweifelnd sahen die beiden Menschen zu den Unsterblichen herüber. Dann sahen sie einander an. Sie ergriffen sich an den Händen, falteten sie ineinander. „Ich will das nicht“, hauchte sie. „Nicht ohne dich.“ „Ich will auch nicht ohne dich sein“, sagte er mit brüchig klingender Stimme.
„Einverstanden“, sagte da Ain.
Sie fuhren herum zu dem Wesen mit den vielen Erscheinungsformen. „Einverstanden, was?“
„Einverstanden. Ihr wollt zu zweit durch die Ewigkeit gehen, und das halte ich für eine wirklich gute Idee. Alles, was ihr dafür tun müsst, ist, euch die fünftausendsechshundertzwölf Jahre zu teilen.“
„Das geht?“, fragte Eileen erschrocken.
„Nun, wir haben diese Lösung bisher nicht in Betracht gezogen“, sagte Meri, „aber ja, wenn ihr beide einverstanden seid, dann geht das. Dann wird nicht einer die ganze Zeitspanne leben, die Conrad noch hat, sondern ihr zwei lebt zusammen seine halbe Lebensspanne.“
Das Glück, das beide in diesem Moment überwältigte, war so fassbar, so greifbar, dass es den Raum zu erfüllen schien. Eileen und Conrad ließen einander' Hände fahren und umarmten sich erneut. Dann küssten sie sich lange und gierig, und Conrad sagte: „Ich will mit dir unsterblich sein.“
Eileen lachte ihre Tränen fort und sagte: „Und ich will mit dir unsterblich sein.“
„Dann ist es beschlossen“, sagte Meri. Sie waberte auf, umschloss die beiden, und dann... Dann war der Raum leer.
***
Der Porsche fuhr mit voll aufgeblendetem Fernlicht über die einsame Kreisstraße. Wolken verdunkelten den Himmel, kein Stern und auch kein Mond waren zu sehen. Beinahe wie Tinte breitete sich die Dunkelheit dieser Nacht aus. Sie fuhren bereits eine längere Zeit, und es würde auch noch etwas dauern, bis sie Zuhause waren. Eileen fuhr, und Conrad saß auf den Beifahrersitz.
Plötzlich legte er ihr eine Hand auf die Schulter. „Brems.“
Eileen fragte nicht lange nach und bremste den Wagen. Dabei trat sie das Pedal nicht durch, sondern sie bremste bedächtig ab. Der Wagen wurde langsamer und blieb endlich stehen. Als die Sportmaschine stand, kletterte ein großer, stattlicher Hirsch über die Straße, sah ins Licht der Scheinwerfer und war mit zwei weiteren Sprüngen über die Fahrbahn. Auf der anderen Seite der Straße begann er in aller Seelenruhe, Gras abzurupfen und zu fressen.
Eileen und Conrad wechselten einen langen Blick. Seine Hand kam von ihrer Schulter und legte sich auf ihre Rechte, die noch immer auf dem Steuerknüppel lag. „Wir gehen gemeinsam durch die Ewigkeit.“
Ihr Lächeln machte ihr Gesicht so schön wie noch nie. „Nur gemeinsam. Wir beide.“
Eileen legte den ersten Gang ein und drückte mit dem rechten Fuß aufs Gaspedal. „Langsamer, vielleicht. Wir haben ja Zeit.“
„Wir haben jetzt zweitausendachthundert Jahre“, sagte Conrad nickend. „Wir hätten fragen sollen, ob wir uns fortpflanzen können.“
Sie sah ihn zweifelnd an. „Willst du dich denn fortpflanzen und vielleicht deinen Kindern beim Sterben zusehen müssen?“
„Wir würden auch unsere Enkel, unsere Großenkel und unsere Urgroßenkel sehen können, und das ist es vielleicht wert.“
Eileen schaltete einen Gang höher, der Wagen beschleunigte, aber moderat, angepasst an die Unfallgefahr und die Schwärze der Nacht. „Wir werden darüber reden müssen.“ Dann war der Porsche fort, und kurz darauf war auch das rote Licht der Rücklichter zu schwach, um noch gesehen werden zu können.

Der Hirsch aber hörte auf zu grasen. Er verschwand, und an seiner Stelle erschienen zwei Menschen, eine Frau und ein Mann. Der Mann spuckte Gras aus. „Nächstes Mal bist du das Vorderteil, und ich bin das Hinterteil, Meri.“
„Was auch immer“, erwiderte die Frau, aber ihr breites Grinsen entlarvte die stoische Antwort als Schelmerei. Sie sah in die Richtung, in der der Porsche auf der Landstraße verschwunden war. Ain und sie würden Eileen und Conrad schon sehr bald wiedersehen. Und dann würde das neue Leben der zwei und ihre große Aufgabe beginnen.
Ain schien das Gleiche zu denken. „Unsere Zeit ist damit um, denkst du nicht?“
„Unsere Ära, meinst du.“ Sie lachte, und es klang ein wenig traurig, aber auch erfrischend. „Als wir unsere Leben begonnen haben, unsere Mission, da erschien es uns das Beste, die junge Menschheit wie auf einem Wetzstein zu schärfen, weißt du noch?“
„Bah“, machte Ain. „Sie hätten auch ohne uns Konflikte geführt und Kriege ausgetragen.“
„Schon. Aber wir haben es gefördert. Wir haben Rom als Weltmacht vernichtet, als es die Menschheit ins Dunkel zu führen drohte, wir haben das China des Ersten Kaisers zerschlagen, damit die Konflikte Kriegskunst und Wissenschaft auf neue Stufen bringen.“
„Wir haben aber auch die Aewaga-Kultur vernichtet, als sie halb Zentralafrika im Zerstörungsrausch vernichtet hat, und das hunderte Jahre vor dem Aufstieg Roms zum Imperium“, erinnerte Ain.
„Dennoch standen wir immer für den Konflikt als Motor der Evolution des Menschen. Aber jetzt, sechstausend Jahre später, bestehen wohl keine Ängste mehr, die Menschheit könnte so leicht aussterben.“
„Außer durch einen Atomkrieg“, sagte Ain.
„Den wir verhindert haben. Dreimal“, erwiderte Meri.
Der Mann nickte zu ihren Worten. „Ja, das haben wir.“

„Jedenfalls ist jetzt ein Punkt erreicht, an dem wir nicht mehr darum kämpfen müssen, dass das Licht der Menschheit nie mehr erlöscht. Nun ist es an der Zeit, sie von den Konflikten und Kriegen wegzuführen, sie die Zukunft friedlich erforschen zu lassen. Und diese beiden sind dafür die richtigen Kandidaten.“ Die Frau lächelte verschmitzt. „Denkst du, sie werden es merken?“
Ain lachte leise auf. „In zweitausendachthundertundsechs Jahren werden sie es auf jeden Fall merken. Aber die beiden sind schlau. Sie werden früher wissen, was wir getan haben. Und warum wir es getan haben.“ Sein Blick ging in eine Ferne, die kein Mensch zu durchschreiten vermögen sollte. „Wir haben es so oft gesehen, dass man die Unsterblichkeit am besten zu zweit durchwandern sollte, dass man Glück und Leid auf zwei Rücken verteilt, dass man einander braucht, um diese Reise durch die Zeit meistern zu können.“ Ain lächelte und ergriff Meris Rechte. „Die beiden werden eine sehr viel friedlichere Zukunft erschaffen. Sie werden auch dafür sorgen, dass eine Menschheit diese Zukunft betritt, die auch dafür bereit ist. Und wir werden ihnen dabei helfen.“
„Nur, wenn sie es wollen“, sagte Meri tadelnd. Sie zog an seiner Hand, ließ ihn einen Schritt auf sich zu kommen, und wandte sich dann um, Ain hinter sich. Beide verschwanden in der Finsternis, als hätte es sie nie gegeben.
Review schreiben