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Iruni

GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
OC (Own Character)
07.02.2020
07.02.2020
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Iruni

Iruni wurde an einem der letzten Herbsttage geboren, eine Tochter des Sommertreffens und ihrer Mutter Mahiri. Im Frühjahr darauf bekam sie ihren Namen verliehen und der alte Schamane erwählte die Eule zu ihrem Totem da sie wie ihre wilde Verwandten die Welt aus großen orangen Augen bestaunte die das Kind nur zum schlafen schloss.
Die weiteren Schritte in ihrem Leben waren die erste kleine Beute – eine Maus die sie mit den Zähnen fing noch ehe sie richtig laufen konnte und der Verlust ihrer Mutter. Mahiri war eine wilde und erprobte Jägerin, wie ihre Tochter trug sie die freie Eule als Totem und weigerte sich auch nur einen kleinen Teil ihrer Unabhängigkeit einem Partner zu opfern. Schon öfter war sie losgezogen um Beute zu machen die für einen Kobold eigentlich zu groß war, Bärentod nannte man sie auch wegen ihrer Vorliebe für die großen Raubtiere. Auch damals war sie losgezogen einen Bären zu erlegen, keinen der kleinen schwarzen sondern einen großen weißen aus dem Eis. Als man sie fand war der Bär tot, er hatte den Speer im Auge stecken aber auch die Jägerin lebte nicht mehr, ein Hieb des Bären hatte ihren halben Körper zerschlagen.
Die Großeltern nahmen das kleine Mädchen zu sich, versuchten sie ein wenig zu zähmen und statt der Wildheit ihren Wissensdurst zu wecken. Obwohl Iruni gerne mit der Schleuder und ihrem kleinen Speer jagte und auch früh eine erste echte Beute erlegte (eine Gans) hatten ihre Großeltern damit Erfolg. Ihre silberfellige Enkelin fragte jedem Erwachsenen wahre Löcher in den Bauch und schaute allen aufmerksam zu. Besonders der neue Geistsprecher hatte es ihr angetan nachdem der Uralte Mann der ihr den Namen gab sich eines Winters an den Berg zurückgezogen hatte.

Da er das Kind nicht abschütteln konnte beschloss Keru sie zu unterrichten, zeigte ihr welche Pflanzen sie für ihn suchen sollte und was damit zu tun war. Später erzählte er ihr von den Geistern der Ahnen, den Kindern der Großen Wölfin und lehrte sie ihre Lieder zu singen und die Trommel zu schlagen. Sie war nie ernannt worden aber Iruni wurde zur Gehilfin des Schamanen und somit sein Lehrling, nahm ihm immer mehr der alltäglichen Pflichten ab und ihre Trommel begleitete ihn auf seinen Reisen zu den Geistern.
Beim Fest des neuen Lebens mischte sie den Trank der die Sinne für die Geister schärft, ein besonderes Getränk das nur bei diesem Fest gebraut und getrunken wurde. Durtan hatte ihr verboten davon zu trinken da Iruni noch immer ein Kind war aber in der Nacht fand sie die Schüssel mit dem letzten Schluck. Die Trommeln riefen sie, dröhnten in ihrem Blut und das junge Mädchen folgte dem Ruf hinaus in die Wildnis und hinauf in die Berge, immer dem strahlenden Mond entgegen.

Weit fort vom Winterlager fand sie schließlich Schlaf, als sie erwachte lag Iruni Seite an Seite mit einem wilden Schneeleoparden in einer Höhle hoch am Hang, selbst als sie sich voll Schreck erhob streckte das große Tier sich nur, blinzelte ihr zu und gähnte müßig statt das kleine Wesen zu verschlingen.
Kalt aber erfüllt von ihrer merkwürdigen Begegnung kehrte Iruni ins Lager zurück, längst war sie vermisst worden und die Jäger suchten die Umgebung nach ihr ab. Als sie ihre Geschichte erzählte wurde Keru wütend weil sie ihm nicht gehorcht hatte, sagte sie habe die Geschichte nur erfunden um nicht wie das dumme Kind dazustehen das sie sei.
Iruni diente weiter als seine Gehilfin, ihr Lehrer jedoch wollte ihr nichts weiter über die tieferen Mysterien beibringen so das sie bei jedem Treffen mit anderen Sippen deren Schamanen um Wissen befragte bis sie in der Lage war die Macht der Großen Wölfin selbst herabzurufen. Während Iruni langsam stärker wurde verließen ihren Lehrer seine Kräfte, die Reisen vielen ihm viel schwerer als in früheren Jahren, die Geisterwelt schien ihn nichtmehr so recht zurück lassen zu wollen.

Seine junge Gehilfin, nicht einmal eine Frau geworden übernahm mehr und mehr der Aufgaben um ihrem Meister das Leben zu erleichtern, sie war es jetzt die die Verletzungen der Jäger versorgte, die jungen Mütter betreute, sie kümmerte sich um schwache Rentierkälber und alte Kobolde deren Gelenke knirschten. Das brachte Ansehen mit sich, ihre Schützlinge wollten das Iruni die Rituale vollzog statt des Alten der zwar große Gesten machte aber kaum noch Macht zeigte.
Beim nächsten Sommertreffen sollte sie in den Kreis der Geistsprecher aufgenommen werden, so versprach es Keru. Der Sommer kam und ging, Iruni blieb Gehilfin und ihr ehemaliger Lehrer weigerte sich für sie zu sprechen. Sie erfüllte weiterhin ihre Pflicht dem Stamm gegenüber und hoffte auf den nächsten Sommer. Als dieser kam verlangte der Geistsprecher das Iruni mit den ganz alten, den Kranken und den Schwachen zurückbliebe statt zum Treffen zu gehen, es fielen böse Worte.

In ihrer Wut und Enttäuschung schrie die junge Frau den alten Mann an das sie ihn verfluche: Seine Zähne sollten ihm ausfallen, der Pelz räudig werden und die Nase triefen damit jeder sehe was für ein Tattergreis er sei.

Man sollte aufpassen mit seinen Wünschen: niemand weiß wer zuhört. Der alte Schamane bekam tatsächlich üble Zahnschmerzen und musste sich von einem seiner Fangzähne trennen, ein schweres Los für einen Kobold. Als er dann auch noch eine hartnäckige Erkältung bekam und seine Nase gar nicht mehr aufhören wollte zu tropfen erinnerte er sich an den Fluch seiner verbitterten Schülerin und hetzte gegen sie. Irunis Großvater war einige Jahre zuvor in die Wildnis gegangen aber ihre Großmutter war eine der Ältesten und sprach deutliche Worte gegen den Schamanen. Man beschloss, auf dem Sommertreffen über den Streit zwischen Lehrer und Schülerin zu beraten.
Während der Vorbereitungen zum Aufbruch begann dem noch immer kränkelndem Schamanen dann das Fell zu jucken, innerhalb weniger Tage lösten sich ganze Büschel seines graubraunen Fells und hinterließen kahlen Schorf.
Außer sich vor Wut und überzeugt vom bösen Willen seiner begabten Gehilfin vergaß Keru jedes Versprechen von Geduld. Am abendlichen Feuer stand er auf und verkündete das seine Gehilfin von einem bösen Geist ermordet worden sei, um die Sippe zu schützen müsse der Geist ausgetrieben werden.
Zuerst verstand Iruni nicht, erst als nach und nach immer mehr ihrer Leute durch sie hindurchschauten und um ihren Tod klagten begann sie zu begreifen was geschehen war: Sie war gestorben, einfach so. Ihre Kindheitsfreundin Alana brachte weinend die Schlafpelze herbei und übergab sie dem Feuer, ihr Lehrer legte den guten Speer mit der Elfenbeinspitze in die Flammen, andere brachten Kleidung und Schmuck, beklagten sie und heulten.
Iruni irrte im Lager umher, ungesehen von allen außer den Kindern, die wurden von ihren Müttern sorgsam von ihr ferngehalten – Frauen mit denen sie gejagt, gebadet und gelacht hatte.
Einzig ihre Großmutter nahm Iruni in die Arme, sage sie sei zu alt um sich vor Geistern zu fürchten, vermutlich sei sie selbst einer, vor Schreck gestorben. Sie war es auch die ihrer Enkelin einen Satz guter Kleidung einpackte, den Speer ihres Großvaters – den mit der schön geschnitzten Knochenspitze und ihr eine ganze Kette Wanderwürste, Trockenfleisch und kleine, harte Äpfel verschnürte. Zum Schluss stahl die alte Frau den Medizinbeutel des alten Schamanen, der von Iruni schwelte bereits in den hungrigen Flammen.

Überzeugt davon nur noch Geister zu sein gingen die beiden Frauen unbehelligt fort, die junge und die alte. Noch war kaum Sommer, es gab noch Eis auf den Bergen und der Wind konnte Schnee mit sich bringen aber was stört Schnee die Toten? Viele Tage zoge sie gemeinsam durch den Norden, am Morgen zur Sonne, am Abend mit den gelben Strahlen im Rücken. Aus Furcht den Verwandten im Moor nördlich des Langwalds zu begegnen oder den Menschen südlich der Berge stiegen sie höher hinauf. Mitten im Mond des Sommertreffens waren die beiden einsamen Gestalten tief im Gebirge, an Orten die sie nicht kannten und mit wenig Nahrung – brauchten Tote Nahrung? Wenn sie nichts mehr hätten, würden sie dann endlich den weg ins Jenseits finden?

Vor einem Unwetter suchten sie Zuflucht in einer der zahlreichen Höhlen, saßen im Eingang und waren in ihre Gedanken versunken als der Besitzer der Höhle sie zurückforderte: eine große, gefleckte Katze wollte zu dem im hinteren Teil gut verborgenen Jungen. Die Schneeleopardin zerfetzte der alten Frau fast nebenbei dem Hals, der jüngeren riß sie tiefe Furchen ins Bein als diese schreiend wegsprang und nach dem Speer griff. Ohne einen Gedanken, gelenkt von Instinkten die weit älter waren als ihre Art stieß Iruni mit dem Speer zu, rammte ihn der wütenden Katze tief in die Brust als sie angriff. Hinten in der Höhle quiekte die jungen Katze, vorne lagen eine alte Frau und eine Leopardin und ihr Blut mischte sich mit dem Regen.
Iruni richtete ihre Großmutter weinend her für die Reise, den Pelz der Leopardin gab sie ihr mit denn sonst gab es wenig genug um ihr auf der Reise Glück zu bringen. Nur eine der großen, weißen Klauen wollte sich immerwieder an Irunis Kleidung verkaken, bohrte sich in Fell und Haut, piekte Finger und Füße. Schließlich wandte sich Iruni dem jungen Leoparden zu: Sie war sicher schon einige Monate alt, ängstlich und wild zugleich. Die junge Frau entschuldigte sich für ihre Unachtsamkeit und den Tod der Mutter, jetzt war es ihre Pflicht das Junge zu füttern bis es selber Beute schlug, schließlich hatte sie seine Mutter getötet. Die penetrante Klaue nahm sie an sich und machte eine Halskette daraus da sie ja offensichtlich nicht von ihr weichen wollte.

Als in der Nacht das Begräbnisfeuer niedergebrannt war und die junge Katze satt von Trockenfleisch schlief das sie begeistert zerkaut hatte fiel auch Iruni in tiefen Schlaf. Sie sah die Leopardin vor sich, sah das Blut, fühlte die Angst aber es war nicht ihre Angst, sie sah durch die Augen des Tieres. In der Nacht entzündete Iruni ein kleines Feuer, wollte einen Tee kochen um Ruhe zu finden und sich von den Träumen zu befreien. Es war nicht ihr Beutel aber sicher hätte sie an jedem anderen Tag die Knoten erkannt, sie waren ein wenig anders als am Teebeutel. Trotzdem, es roch nach Minze, etwas modrig aber das war jetzt egal. Iruni setzte den Tee auf, wartete die Zeit ab und stürtzte ihn hinunter – zu spät bemerkte sie den erdigen Geschmack. Sie hatte es doch gelernt: wenig duftende, starke Kräuter werden mit stark riechenden, harmlosen vermichscht und mit besonderen Knoten gekennzeichnet, sicher war auch der Beutel blau aber sie hatte gar nicht hingeschaut.

So tief war die junge Frau noch nie in die Geisterwelt vorgedrungen, nicht das es ihr Wille war, sie hatte etwa soviel Einfluss wie ein Grashalm der im Fluss trieibt entscheiden kann umzudrehen. Zwischen verwirrenden, beängstigenden Visionen sah sie die Geister ihrer Großeltern, ihrer Mutter an derern Gesicht sie sich nie erinnert hatte, die große Katze die zugleich eine Verwandte war. Sie selber lief nicht sondern schwebte auf gefiederten Schwingen. Allein hätte Iruni den Weg zurück wohl nicht gefunden, sie wäre ein Geist geblieben bis ihr Körper starb denn ohne die Seele würde er nicht lange leben. Nur war sie nicht allein, etwas war bei ihr, stubste und schob, trieb sie an und verwehrte den Bilck zurück.
Als Iruni erwachte war die Höhle leer, ihr Körper war steif und fühlte sich an wie aus Eis geschnitzt aber da war noch etwas bei ihr, sie hatte etwas aus der Welt hinter der Welt mitgebracht. Die gewaltige Schneeleopardin reckte sich gähnend, durch ihr prächtiges Fell waren die Wolken zu erahnen aber ihr Atem war warm als sie ich Iruni zuwandte.
Natürlich hatte sie schon von den Geistern gehört die viele Schamanen begleiteten und in magischen Fetischen wohnten, selbst einen solchen Geist zu gewinnen hatte sie aber nie erwartet. Es geschah längst nicht so oft wie behauptet wurde und nicht jeder Geistsprecher hatte einen solchen mächtigen Begleiter. Das so etwas ausgerechnet ihr passierte: Einer Toten, selber ein halber Geist, unerreichbar weit von ihrem Volk getrennt, wie konnte es dazu kommen?
Der junge Leopard kehrte nicht zurück, die Nahrung wurde immer knapper und ob tot oder nicht, Iruni hatte Hunger und musste ins Tal steigen und sehen was es zu finden gab. Noch war Sommer aber ihre Leute würden schon fleißig sammeln und die Lager für den kalten, dunklen Winter füllen. Wie sollte sie den Winter verbringen? Allein in den Bergen würde sich sich nur Frostbeulen und einen knurrenden Magen holen bis sie zu Eis wurde aber wohin könnte sie sich wenden? Ihr Stamm hielt sie für tot, würde sie irgendwo auftauchen wäre sie unsichtbar für alle außer den Geistsprechern und den Kindern, man würde sie als Plagegeist sicher vertreiben damit sie kein Unglück über die Leute brachte. Nein, Unglück wollte sie nicht bringen. Nun gut, wohin also sonst? Weg vom Eis, weg vom Winter, nach Süden. Zu den Menschen.

Iruni kannte Menschen: Jedes Jahr handelten sie zweimal mit ihnen, tauschten Elfenbein und Rentierpelze gegen Stahl und Wolle. Sie kannte ihre Sprache: auch weit entfernt lebende Stämme die zum Großen Treffen kamen benutzten sie. Was wusste sie über ihre exotischen Nachbarn? Sie lebten in Häusern ählich ihrem Winterlager, sie zerschnitten den Boden um Korn zu pflanzen, sie hielten keine Rentiere sondern Pferde und etwas das „Rind“ hieß und sehr gut schmeckte. Ansonsten wären sie wohl ähnlich wie ihre Leute, nur eben größer, mit platten, ausdrucksolsen Gesichtern und schrecklich nackt ohne Fell, nur manche ihrere Männer hatten struppiges Fell im Gesicht und länger wuchs es oben auf dem Kopf - mal mehr und mal weniger.
Mit diesem umfangreichen Fundus an Erfahrungen zog Iruni gen Süden, an der Seite den Geist des Schneeleoparden und im Herzen die Hoffnung das die Menschen sie nicht als Geist erkennen würden, wo sie doch offensichtlich in einem Körper steckte und sich fast anfühlte wie eine Lebende.
 
 
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