I wanna cry and I wanna love

KurzgeschichteDrama, Angst / P16
Bettina Weiss Dr. Frank Stern Hanna Winter Prof. Dr. Alexander von Arnstett
04.02.2020
25.02.2020
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Ihre Knie zitternden, während sie den schmalen Teststreifen auf dem Waschbecken anstarrte. „Bitte, Bitte, Bitte“, murmelte sie, die Hände zusammengefaltete wie bei einem Gebet. Dann stockte sie. Was wollte sie überhaupt? Hoffte sie auf ein positives oder auf ein negatives Ergebnis? Und was waren die Konsequenzen? Keine Frage, wenn der Test negativ ausfiel, würde ihr Leben weiter laufen wie bisher und niemand würde etwas von dem hier erfahren,  aber was war, wenn er gleich das Gegenteil anzeigen würde? Was war, wenn der Test positiv und sie tatsächlich schwanger war?

Betty musste sich erst mal auf den Badewannenrand setzten. In ihrem Kopf drehte sich alles. Ein Kind würde alles durcheinander. Die Trennung von Oli war noch nicht allzu lange her und auch ihre Beziehung mit Frank war noch frisch. Ein Kind zum jetzigen Zeitpunkt würde alles aufwirbeln und war so ziemlich das Letzte was sie gerade wollte und brauchte. Klar, sie hatte sich immer ein zweites Kind gewünscht, aber es hatte nicht mehr geklappt und irgendwann hatten sie die Hoffnung aufgegeben. Als Oli dann nach ihrem Umzug nach Aachen wieder davon gesprochen hatte, fühlte sie sich in die Ecke gedrängt. Sie hatte mit dem Thema Kinder längst abgeschlossen und konnte sich nicht vorstellen ein weiteres zu bekommen. Als sie sich dann mit dem Thema auseinandergesetzt und mit dem Gedanken an ein weiteres Kind angefreundet hatte, da hatte ihre Ehe angefangen zu bröckeln und wieder war das Thema verschwunden. Jetzt ganz plötzlich damit konfrontiert zu werden zog ihr fast den Boden unter den Füßen weg.

Sie blickte auf die Uhr. 12:25 Uhr. Das bedeutete, sie hatte noch etwas Zeit bis ihre Schicht im Krankenhaus begann. Nachdenklich spielte sie mit den Bändeln ihrer Hose und dachte an den Anfang ihrer Beziehung zu Frank zurück. Er hatte sie so oft nach einem Date gefragt und wurde auch nicht müde, obwohl Betty ständig neue Ausreden fand um ihn zu vertrösten. Bei jeder dieser Ausreden stritten sich zwei Stimmen in ihrem Inneren und auch ihre beste Freundin, die sie immer ermutigt hatte, konnte nichts ausrichten. Erst die Nonne, welche kurze Zeit auf ihrer Station gelegen hatte und am Ende sogar ihren Beruf aufgegeben hatte um mit dem Architekten des Klosters zusammen zu sein. Sie war diejenige gewesen, die Bettys Einstellungen gehörig ins Wanken gebracht hatte. Bei einer der Untersuchungen hatte Betty ihr von Oli und ihrer Angst ihn zu verletzten erzählt und die junge Nonne hatte gefragt, ob sie Oli nicht verletzte, indem sie versuchte ihre Beziehung zu retten, obwohl ihre Liebe nicht mehr so aufrichtig war wie zu Beginn. Über diese Worte hatte Betty lange nachgedacht und obwohl ihr tief in ihrem Inneren schon länger klar gewesen war, dass ihre Ehe nicht mehr zu retten war und sie dies auch gar nicht wollte, hatte es lange gedauert, bis sie ebendiese Erkenntnis zugelassen hatte. Erst nachdem die Nonne entlassen und sich dazu entschlossen hatte, das Kloster für einen Mann zu verlassen, war auch Betty klar geworden, dass sie ihre Gefühle für Frank nicht länger ignorieren konnte.

Wieder schaute sie auf die Uhr. 12:28 Uhr. Gleich würde sie das Ergebnis haben. Zitternd atmete sie tief ein und wieder aus um ihre Nervosität in den Griff zu bekommen. Mit Frank hatte sie nie über Kinder gesprochen. Klar, er ging sowohl mit Emil als auch mit den kleinen Patienten extrem liebevoll um, aber sie hatte ihn nie gefragt, ob er eigene Kinder wollte. Für sie war das Thema längst abgeharkt gewesen und plötzlich gesellte sich zu ihrer unendlichen Nervosität ein Gefühl von Angst. Angst, dass Frank gar keine Kinder wollte und sie dann von jetzt auf gleich alleine da saß. Mit einem Kind, was sie eigentlich gar nicht wollte.

Abermals glitt ihr Blick zur schwarzen Wanduhr, die über der Tür hing. 12: 30 Uhr. Ein paar Sekunden zögerte sie und blickte ängstlich zu dem dünnen Test, welcher, verdeckt, eine Armlänge von ihr entfernt lag. Ein letztes Mal schloss sie die Augen und atmete tief durch. Dann stand sie auf und griff mit zitternden Fingern danach. Gerade als sie das kalte Plastik zwischen ihren Fingern spürte klopfte es an die Badezimmertür. Mit einer schnellen Bewegung ließ sie den Test in der Hosentasche verschwinden und drehte anschließend den Schlüssel. „Man, was machst du denn so lange?“ Hanna drückte sich an ihr vorbei und ging auf den Spiegel zu. Dass Betty gar nicht antwortete und sie stattdessen erschrocken anblickte, während sich ihre Finger um den dünnen Gegenstand in ihrer Hosentasche verkrampften, bemerkte die Braunhaarige gar nicht. Stattdessen wühlte sie in einer Schubladen und erzählte dabei: „Ich hoffe du hast meine Nachricht gestern Abend noch gelesen. Nach dem Spiel ist es einfach total spät geworden und Alexander hat mir angeboten bei ihm zu schlafen.“ Offenkundig hatte sie gefunden was sie gesucht hatte, denn sie zog eine Wimperntusche aus der Schublade, während sie breit grinste und den Kopf zur Seite drehte. Betty nickte nur. Es war nicht das erst mal gewesen, dass Hanna bei ihrem Chefarzt übernachtete, aber Betty war viel zu aufgewühlt um einen ihrer üblichen Kommentare loszulassen. Auch das viel ihrer besten Freundin nicht auf, stattdessen erkundigte sie sich: „Und bei dir? War Frank gestern Abend noch da?“ „Ne, Nachtschicht“ Betty zuckte mit den Schultern und verließ das Badezimmer um sich für ihre eigene Schicht im Krankenhaus fertig zu machen.

Erst da viel Hanna auf, dass sie ungewöhnlich ruhig war. Sie streckte schnell den Kopf aus dem Badezimmer und erkundigte sich: „Ist alles in Ordnung bei euch?“ Kurz dachte Betty daran ihr von dem Schwangerschaftstest zu erzählen, entschied sich dann aber dagegen und nickte nur. „Klar, was soll sein?“ In der letzten Zeit hatte sie Hanna so oft mit ihren Problemen genervt und jetzt, wo sie selbst endlich wieder glücklich war, egal ob ihre Beziehung zu Professor von Arnstett nur freundschaftlich war oder nicht, wollte Betty sie nicht mit ihren Gedanken an eine mögliche Schwangerschaft belasten. Vielleicht war der Test ja auch negativ und all die Bedenken waren umsonst. Tatsächlich brachte sie bei dem Gedanken ein leichtes Lächeln zustande und bemerkte in Richtung Badezimmer: „Du solltest dich beeilen wenn wir nicht zu spät kommen wollen.“

Tatsächlich war Hanna wenige Minuten später fertig und sie konnten zusammen aufbrechen. Auf dem Weg in die Klinik erzählte Hanna ihr von ihrer Verabredung mit dem Chefarzt und Betty schaffte es tatsächlich ihre eigenen Sorgen und die Gedanken zur Seite zu schieben und ihre beste Freundin weiter auszuquetschen. „Und du bist dir wirklich sicher, dass er keine Gefühle für dich hat?“, erkundigte sie sich beim Aussteigen und grinste wissend um Hannas Gesichtsausdruck. „Man Betty. Ich hab keine Gefühle für ihn und er hat keine für mich. Wir sind nur Freunde.“ Jetzt grinste die blonde Krankenschwester noch breiter. In den letzten Wochen hatte Hanna diesen Satz bereits mehrfach aufgesagt und mittlerweile klang er weniger überzeugend, ehr auswendig gelernt. „Bist du dir da sicher?“, fragte sie deshalb erneut. Ihre beste Freundin verzichtete darauf zu antworten, hatten sie diese Unterhaltung in den letzten Wochen doch zu genüge geführt. Stattdessen steuert sie direkt auf Safis Kiosk zu. Betty folgte ihr.

Beim Näherkommen bemerkten sie einen jungen Mann, der lautstark auf den Kioskbesitzer einredete. „Was ist denn da los?“ Stirnrunzelnd drehte sich Hanna um und nachdem Betty nur interessiert mit den Schultern gezuckt hatte ging sie schnellen Schrittes auf den Mann zu. „Gibt’s ein Problem?“, fragte sie, blickte dabei aber zu Safi, der wiederrum den Mann anschaute. „Ne, wieso sollte es.“ Schnell stieg der braunhaarige Krankenschwester Alkoholgeruch in die Nase und sie rümpfte angewidert die Nase. In stummem Blickkontakt mit Safi erkundigte sie sich ob ihm dieser Geruch auch aufgefallen war- er war. Dem Mann war wohl klar geworden, dass er hier keinen Alkohol bekam, denn er schlug ein letztes Mal auf den Tresen, stieß dabei ein paar Topfkräuter um und drehte sich dann wütend um. Dabei prallte er grob gegen Betty, die direkt dahinter gestanden hatte. Überrascht von der Wucht des Stoßes stolperte sie und stieß unsanft gegen einen Stehtisch. Der Mann drehte sich nicht mehr um, er lief wutentbrannt Richtung Parkplatz.
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