Vermissen

von dratho
GeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
Borussia Dortmund
04.02.2020
17.05.2020
3
3.261
7
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04.02.2020 1.326
 
Hennings Augen sind rotgeweint als er sich in den feuchtkalten Sand setzt. Es fühlt sich an, als wäre es genau die selbe Stelle, wie die, an der sie damals saßen. Damals, vor fast genau einem Jahr, als alles gut war, als die Welt sich anfühlte, als würde sie ihnen gehören.

Leise weint er in die Dunkelheit, die heißen Tränen fallen in den Sand, eine einzelne verirrt sich in seinen Mundwinkel, füllt seinen trockenen Mund mit Salz und erinnert ihn viel zu sehr an Julians vom Meerwasser salzige Haut unter seinen Lippen, daran wie seine Küsse schmeckten in dieser einen besonderen Nacht, als nur der Mond den Strand beschien und ihre nassen und nackten Körper sich in perfekter Harmonie bewegten.

Natürlich haben sie es bereut. Die Haut voller Sand, überall, es brannte und juckte, nur war es auch irgendwie okay. Mehr als okay, weil sie darüber lachen konnten, weil ihr halb schmerzverzerrtes und halb glückliches Lachen über den dunklen Strand hallte bis sie nicht mehr konnten und versuchten im mit jeder Stunde kälteren Nordseewasser all die tausend kleinen Sandkörner abzuwaschen und weil Julians Augen so sehr funkelten, Henning noch atemloser werden ließen als sie es sowieso taten.


Er fährt schon zu lange, ist schon zu lange wach, aber er konnte nicht länger am Strand sitzen bleiben, nicht während eine Flutwelle aus Erinnerungen ihn förmlich zerriss.

Im Radio läuft Musik, irgendwer rappt vom high sein und Henning muss an etwas denken, dass Julian ihm einmal erzählt hat, während sie auf dem Balkon von Julians Eltern saßen, mit Kuchen von seiner Mutter Heike und für Hennings Geschmack viel zu bitterem Ostfriesentee vor sich auf dem Tisch und der lauen Nachmittagssonne im Nacken.

Julian hat irgendwann angefangen zu sprechen, noch ein wenig Apfelkuchen im Mund und etwas zu hastig um wirklich beiläufig zu klingen.

„Hast du mal gekifft oder so?“
Wenn es nicht Julian gewesen wäre, der ihm diese Frage gestellt hat, hätte es Henning nicht gewundert, aber so hat er überrascht eine Sekunde gewartet, dann noch einen Schluck Tee getrunken, bevor er geantwortet hat.

„Ja. Also zumindest mal ausprobiert, war aber nicht wirklich meins.“
„Ich auch. Wenn da nicht der Fußball gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich ein ziemlicher Kiffer geworden.“
Henning hat sich fast an seinem Tee verschluckt.

„Glaub mir, das hätte ich fast jedem zugetraut, aber dir nicht.“
„Ich bin auch echt froh, dass das nicht so war. Ernsthaft, Gras ist geil, aber wir hätten uns nie getroffen, einfach weil ich nie nach Leverkusen gegangen wäre und das klingt jetzt irgendwie kitschig, aber ich bin nüchtern mit dir viel mehr high, viel glücklicher, viel sorgenfreier als ich es jemals mit Gras schaffen würde. Du bist eine verdammte Droge, ich kann kaum ohne dich sein und ich bin vollkommen schwerelos wenn du bei mir bist.“

Da hat Julian nach seiner Hand gegriffen und ein wenig schüchtern gelächelt.
„Ich liebe dich Henning. Wir sehen uns viel zu wenig, wir können kaum jemandem sagen, dass wir zusammen sind, obwohl ich es am Liebsten in die Welt schreien würde, obwohl ich dich gerne nach jedem Spiel küssen würde ohne darauf zu achten, ob uns jemand sehen könnte und das alles ist mir egal, weil ich irgendwo im Himmel schwebe sobald ich dich sehe.“

Henning ist sprachlos gewesen, hat kein Wort herausbekommen und dann einfach sanft eine Hand an Julians Wange gelegt, ihn zart geküsst und er war sich sicher, dass Julian noch nie so süß geschmeckt hat, ob wegen dem Apfelkuchen oder seinen Worten.

„Scheiße.“, murmelt Henning als schon wieder Tränen seinen Augen schwimmen. Er ist nahezu allein auf der Autobahn, die Straße liegt wie ein tiefschwarzer Fluss vor ihm, grell vom Fernlicht beleuchtet und seine Finger schließen sich fester ums Lenkrad.
Noch 165 Kilometer bis er zuhause ist.


Als Henning die Tür aufschließt kann er die Augen kaum noch offenhalten, er braucht unzählige Versuche bis er das Schlüsselloch findet. Es ist still in der Wohnung, seine Schritte unnatürlich laut. Nur seine Schuhe zieht er aus, wirft sie unordentlich neben die Tür, dann legt er sich auf sein Bett und braucht nur wenige Sekunden um einzuschlafen.


Die Stille empfängt ihn nach dem Aufwachen kalt, Julians leises Schnarchen, über das er immer Witze gemacht hat, fehlt.

Auch auf dem Weg in die Küche fühlt er sich unwohl, sieht überall Erinnerungen an sie als Paar und als er beginnt den Küchentisch für ein karges Frühstück zu decken sammeln sich wieder Tränen in seinen Augen, die mittlerweile ein wenig angeschwollen sind und schmerzen.

Kurz nach seinem Einzug war Julian hier, sie haben Pizza gegessen, viel mehr als Julian laut Ernährungsplan gedurft hätte und dann wie frischverliebte Jugendliche kichernd auf dem Tisch gelegen und geknutscht, einen Teller zerbrochen und ein Glas verschüttet, aber das war egal. Sie waren verliebt, hatten nur Augen füreinander und selbst der kleine Schnitt, den Henning sich beim Aufräumen zugezogen hat, war nicht wirklich schlimm, weil Julian seine Hand geküsst hat und ein lächerlich buntes Kinderpflaster auf die Wunde geklebt hat.

Henning seufzt auf, zwingt sich den Joghurt, den Julian immer gehasst hat, weil er viel zu süß war, aber er ihm kaum widerstehen konnte, zu essen.


Drei Wochen später liegt er in seiner Koje im Tourbus, allein, weil die anderen sich die Stadt anschauen wollen, hat sein Gesicht in Julians Schlafshirt vergraben. Es ist ein altes Stuttgarttrikot, ein langärmeliges, das Julian im Sommer nahezu jede Nacht ausgezogen hat.

Trotzdem riecht es nach ihm, gibt Henning zumindest den Funken einer Illusion, das Julian bei ihm ist. Er will texten, will ein Lied schreiben, aber alles was er zustande bringt tut ihm weh, weil es entweder voller Julian ist oder so schmerzhaft traurig, dass es ihm die Luft zum Atmen raubt.

Irgendwann greift Henning nach seinem Handy, öffnet den Chat mit Julian, den er immer noch ganz oben angepinnt hat und schaut eine Weile einfach nur auf sein Profilbild, auf dem er und Kai zu sehen sind, grinsend und ein wenig sonnenverbrannt, dann beginnt er zu schreiben, wie sehr es wehtut ohne Julian einzuschlafen, wie sehr er seine Küsse vermisst und seine Augen, die ihm den Verstand geraubt haben, wie riesig seine Wohnung mit einem Mal ist und dass er kaum noch atmen kann ohne Julian. Kurz schwebt sein Daumen über dem Sendebutton, dann macht er sein Handy aus und wirft es auf sein Kopfkissen, wo immer noch Julians Shirt liegt.

Er sollte Julian nicht schreiben. Es ist vorbei, egal warum, egal wie schmerzhaft es ist. Es ist egal, dass Jannis ihm gesagt hat, dass Julian sich vor kurzem absolut abgeschossen hat und dann weinend bei seinem Bruder angerufen hat. Es ist alles egal, das zwischen ihnen ist zu Ende.
Nur dass Henning trotzdem nicht loslassen kann.


Julian hat das Trinken nicht geholfen und ihm wird es auch nicht helfen, trotzdem sitzt Henning an einer Bar, einer namenlosen Insel der Schwäche, kippt mehr Shots herunter als gesund sind.

Seine Augenringe sind tief, seine Haare glanzlos. Er weiß, dass er nach hause gehen sollte, weiß, dass er schlafen muss, aber er kann nicht, kann nur weiter hier sitzen, den Geschmack von schlechten Whisky auf der Zunge und die Gedanken an Julian im Kopf.

Vielleicht hätte er es nicht hinnehmen sollen, um Julian kämpfen müssen, anstatt zusammenzubrechen, anstatt sich in seiner Trauer zu verlieren, doch er konnte es nicht und jetzt ist es zu spät, ihre Fehler haben sich unveränderlich in ihre Herzen gebrannt, tiefe Tattoos in ihrer Haut, die kein Laser jemals verschwinden lassen wird.


Er geht. Etwas torkelnd und langsamer als normal, aber er verlässt zumindest die stickige Kneipe, wartet kurz in der kalten Luft und folgt dann der Route auf seinem Handy bis nach hause, läuft lieber durch die Nacht als mit der Bahn zu fahren, in der Hoffnung ein wenig auszunüchtern.

Erst vor der Haustür schließt er Google Maps, zögert kurz und tippt dann ein wenig unschlüssig auf dem Handy herum, bevor er den Schlüssel dreht.


03:53 Henning hat dir eine Nachricht gesendet

Scheiße, ich vermisse dich so unendlich
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