Halbeinsamkeit

GeschichteRomanze, Familie / P18
03.02.2020
28.03.2020
19
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Halb1 hat wieder eine neue Empfehlung bekommen. Thank you so much <3



17. Schwarz und grau

Als wir mit dem Essen fertig sind, huscht Emily so schnell auf ihr Zimmer, dass ich gar nicht dazu komme, sie zu fragen, ob wir uns heute Abend noch draußen am See sehen wollen. Aber das bin ich gewohnt von ihr; sie haut öfter nach dem Essen fix ab und das ist nichts wirklich Ungewöhnliches für sie.
Matt ist direkt hinter mir, als ich mein Geschirr abgebe, und obwohl ich mich nicht nach ihm umdrehe, spüre ich, dass er da ist, weil er mir so nah ist, dass ich seine Wärme fühlen und ihn riechen kann. Es kann kein Zufall sein, dass er meine Nähe sucht, nicht nachdem ich nun weiß, wie viel Zärtlichkeit und Umsicht wirklich in ihm steckt.
Ich halte kurz inne, nachdem ich mein Geschirr auf den Stapel getürmt habe, und genieße für einen Moment, dass er hinter mir stehend warten muss, und dass er einfach da ist.
Um mich nicht völlig lächerlich zu machen, gebe ich mir einen Ruck und schlendere zum Ausgang des Speisesaals. Noch immer weiß ich gar nicht, wie ich mich ihm gegenüber verhalten soll. Ich weiß nur, dass zwischen uns gefühlt gerade alles anders ist, viel vertrauter. Und dass ich das auskosten will. Wer weiß schon, wie lange es anhält.

Nebeneinander laufen wir beide langsam in die Kliniklobby, wo wir zum Stehen kommen, weil unsere Zimmer in verschiedenen Richtungen liegen.
„Nun...“, brummt er und sein Blick huscht hastig durch den Raum und zu einer Gruppe lachender Frauen, die wohl kurz vor der Rente stehen. Nervös kratzt er sich am Kopf. „Dann... sehen wir uns bestimmt die Tage?“, schlägt er träge vor.
Im Smalltalk ist er wirklich verdammt schlecht. Vielleicht noch schlechter, als ich.
Ich blinzele und schaue irritiert zu ihm hoch. „Nicht vielleicht nachher draußen?“, schlage ich vor.
Er zögert. Dann lächelt er vorsichtig. „Ja, okay“, sagt er. Irgendwie ist er auf eine seltsame Art distanziert. Aber wie soll er auch sonst sein? Sämtliche Rehagäste laufen an uns vorbei, vom Abendessen in ihre Zimmer oder nach draußen in den Park. Privatsphäre ist grade total vom Tisch, aber selbst wenn wir welche hätten, was wären unsere Optionen? Dort weiter machen, wo wir aufgehört hatten? Oder mal mehr quatschen? Dem auf den Grund gehen, was das eigentlich ist zwischen uns, und was uns so am andern anzieht? Wenn ich ihn denn überhaupt anziehe?
Wortlos mustert er mich. Wieder mit so einer schamlosen Neugierde, wie er es dauernd tut, und erneut fühle ich mich massiv abgecheckt. Nun gut, ich hatte wohl auch schon geschätzt 20 mal in den letzten Stunden seinen Hintern in Augenschein genommen. Aber kann er sich nicht mal Mühe geben, das nicht so auffällig zu tun?!
Ich stupse ihn an, um seine Aufmerksamkeit zurück zu erlangen.
Ein wenig ertappt grinst er. „Machen wir so. Bis später“, sagt er knapp und hebt wieder zwei Finger zum Abschied, wie er es sonst auch tut – lässt die Hand aber schneller sinken, als sonst, ehe er losläuft und streicht mit den zwei Fingern zart über meinen Handrücken. Nur für einen kurzen Moment. Dann ist er auch schon verschwunden.
Während auch ich mich umdrehe und in mein Zimmer stapfe. Um die Haut noch minutenspäter dort glüht, wo er mich angefasst hat.

In meinem Zimmer angekommen, werfe ich mich erst mal ins Bett und schreie ins Kissen.
Wie irre trete ich in die Matratze (was ich bereuen werde, da ich in all dem Durcheinander die Schuhe angelassen hatte) und versuche mein völlig im Dreieck springendes Herz zu beruhigen, indem ich erst mal Dampf ablasse.
Mir fällt es schwer, mich zu beruhigen. Und erneut denke ich, dass ich im Zuge eines Katers nun eher über die ganze Matt-Jan-Caro-Situation nachdenken wollen würde, als bei klarem Verstand und aufgekratzt wie ein Erdmännchen auf Speed.
Ich lache und jammere abwechselnd in das klumpige Klinikkissen hinein. Und gerade, als ich glaube, mein pochendes Herz beruhigt zu haben, fange ich an zu heulen und greife wieder zum Kissen, um den Rest des Flügels nicht an meinem eigenen persönlichen Drama teilhaben zu lassen.

Was war hier überhaupt passiert in den letzten Stunden?! Vielleicht wache ich morgen einfach auf, und bemerke, dass alles einfach nur ein echt irrer und realer Traum war.

Erschöpft lasse ich mich zurück auf die Matratze sinken und kicke meine Schuhe von den Füßen. Ich fühle mich abwechselnd glücklich, unsicher, wie eine Verräterin und bin dann gleichzeitig noch dauerhorny. Wegen all den vielversprechenden Küssen und diesem nervösen Feuer, das Matt in mir entfacht hat. Ich muss nur wieder zurück daran denken, wie er vorhin an mir gelehnt in der Bushaltestelle stand. Wie vorsichtig er über meine Wange gestreichelt hatte, als er immer wieder den Kuss unterbrach, um meinem ungezügelten Verlangen nicht die Überhand zu geben. Wie seine Augen leuchteten. Wie weich seine Lippen waren. Und wie er all die Küsse dann zu etwas so Tiefen und Besonderen machte, das ich es kaum beschreiben kann.
In dem Moment bin ich mir voll und ganz sicher: Wie auch immer es weiter geht zwischen uns – wenn ich dem Gefühl nicht nachgehe und nicht weiterhin seine Nähe suche, werde ich es ewig bereuen. Und sehr wahrscheinlich werde ich ihn und unsere Küsse an der Bushaltestelle und auf dem Heimweg für immer idealisieren. Selbst, wenn er sich im Zuge der kommenden Wochen wie das letzte Arschloch verhalten sollte.

Jammernd schlüpfe ich endlich aus meinen Klamotten und werfe sie mit meiner total eingesauten Unterwäsche in meine Wäschetüte. Wenn der bloß wüsste, was er mit mir angestellt hatte. Ob er sich dann noch immer so vornehm beim Knutschen zurückhalten würde?
Wie es bloß wäre, mit ihm rumzumachen und sich alle Zeit der Welt zu nehmen, um den Körper des anderen zu erkunden – würde er dann auch so behutsam vorgehen? Und wie sähe er wohl aus und fühle sich an, wenn ich ihn an den Punkt bringen könnte, an dem er sich nicht mehr zügeln kann? Wenn er auf all dieses Wunderbare, Zärtliche und Langsame pfeifen würde. Und sich einfach von mir alles abholt, das er brauch und das ich ihm geben kann? Also ich wäre ja dabei. Er bräuchte sich echt nicht weiterhin zurückhalten, wenn er mich küsst, wenn er mich ausziehen wollen würde und...
Ich quieke hopsend unter die kalte Dusche und gebe mein Bestes, mich zu akklimatisieren. Ich bin so völlig im Eimer, dass ich es selbst kaum glauben kann. Und während ich mich hastig abtrockne und danach in meinen schwarzen Lieblingshoodie schlüpfe, kommt mir kurz der Gedanke, wie gut es mir tut, nur für diesen Moment alle Schwierigkeiten und Probleme, die zuhause auf mich warten, auszublenden und mich voll und ganz mit dem Klinikemo zu beschäftigen. Diese Einsicht lasse ich zu und ignoriere weiterhin sämtliche neuen Nachrichten auf meinem Handy, als die Tür hinter mir ins Schloss fällt.

Draußen im Klinikpark am See ist es frisch und es riecht noch immer nach Regen. Das Gras ist noch immer etwas feucht, und einige der Liegen ebenfalls.
Es ist wirklich so anders hier, als in Berlin. Allein vom Klima her.
Ich lasse das Rehagebäude hinter mir und im Zuge dessen auch meine Ängste und Sorgen, was den kommenden Tag angeht. Denn endlich wird sich nach meiner Quarantäne die Therapie fortsetzen, und ich werde mich irgendwie wieder dem Plan stellen müssen. Der natürlich morgen früh direkt mit Walken um 8 Uhr beginnt. Wer auch immer die Planung gemacht hat, hatte mit meiner Bezugsgruppe kein Erbarmen.

Ich bin super hibbelig und sehe Emily und Matt schon von weitem. Auch die beiden sehen zu mir rüber. Sie erkennen mich, trotz meiner Kapuze. Oder vielleicht doch deswegen?
Beide lächeln, als ich näher komme, während ich aufgeregt an meinem schwarzen Pullover rumziehe.
Matt grinst so schelmisch zu mir hoch, dass ich am liebsten direkt losquieken würde. Auch er hat geduscht oder sich zumindest umgezogen, denn er trägt eine andere Kapuzenjacke, als vorhin noch. Wenngleich sie dieselbe Farbe hat, wie immer: schwarz.
„Caro! Unser zweiter Klinikemo!“, begrüßt Emily mich jauchzend und ich schäme mich etwas, da alle andern Klinikgäste im Park mein Eintrudeln aufgrund ihrer Lautstärke mitkriegen. Ob sie es nun wollen, oder nicht.
Peinlich berührt grüße ich sie mit einem: „Es wird für mich nicht besser, wenn du mir das schon wieder sagst. Das weißt du, oder?“ und lasse mich auf die Liege neben Matt fallen, ohne dieses mal groß darüber nachzudenken. Die Liege ist frei, ich will in seiner Nähe sein. Also – warum nicht?
Sein Blick folgt mir auffällig interessiert, während ich neben ihm Platz nehme. Er kann die Augen tatsächlich kaum von mir nehmen, und ich frage mich wieder, ob er mich so anglotzt, um mich mal wieder aus der Reserve zu locken, oder ob das einfach seine Art ist, und ob das zeigt, dass er mich mag. Seit unserer ersten Begegnung fällt mir das immer wieder auf, und mir wird bewusst, dass das wohl eine Eigenart von ihm ist, die irgendwie zu ihm gehört. Andere reden halt laut, um sich auszudrücken; er dagegen ist meist relativ still, und nimmt sich dann ab und an umso mehr Raum ein mit seinen interessierten Blicken. Na gut, soll er. Gerade jetzt ist mir nichts lieber, als voll und ganz in seinem Fokus zu stehen, zumal Matt doch auch oft so schwer zu erreichen ist. Und weil ich es ebenso von ihm kenne, dass er über Stunden abwesend und nachdenklich wirkt, und gedanklich dann ganz wo anders ist, als hier.
Wir sehen uns noch immer an, als ich schräg gegenüber von ihm am Ende meiner Liege meine Füße zu einem Schneidersitz an mich ziehe und dann Emily und Matt ein wenig durcheinander, aber glücklich in die Augen schaue. Matt grinst noch immer, und ich sage leise zu ihm: „Hey. Kapuzenjunge.“
Woraufhin er antwortet: „Meinst du nicht 'Mungo'?“
Wir grinsen beide kurz, dann fügt er hinzu: „Aber ja: Hey, Kapuzenmädchen.“ Und das sagt er mit so viel Wärme in seiner Stimme, dass ich den Blick abwenden muss, um nicht zu auffällig zu glücklich auszusehen, um Emily mit unserer leisen Begrüßung nicht total zu verwirren.
Diese hat von der Intimität unserer Worte wohl nicht so viel mitbekommen, wie ich befürchtet habe. Jedenfalls ruft sie: „Meine Güte! Ich glaube, ich sollte mir auch so einen schwarzen Kapuzenpullover kaufen. Bin ich bei euch denn überhaupt noch willkommen? Ich fall ja richtig auf.“ Erheitert blickt sie zu Matt und mir rüber, wie wir beide zu ihr zurückschauen, jeder von uns einkapuzt, ohne uns abzusprechen.
Wieder finden sich kurz unsere Blicke und er sieht mich so an, als teilen wir ein Geheimnis, versteckt unter unseren Kapuzen, und als habe uns jemand darauf angesprochen, ohne es zu durchblicken, weil das Geheimnis zu geheim und zu besonders ist, als dass irgendjemand verstehen könnte, was es ist. Wenn wir selbst schon solche Mühe haben, es genau zu packen, und so lange fassen wir es an, als sei es zerbrechlich wie Glas. All diese Assoziationen weckt er in mir mit diesem Grinsen, und die Sehnsucht packt mich erneut, obwohl er weniger als einen halben Meter von mir weg sitzt, und verscheucht damit meine Hibbeligkeit und meine Nervosität.
„Du solltest das tun, Em. Besorg dir auch einen schwarzen Hoodie“, sagt Matt schließlich und ich nicke heftig. Unter keinen Umständen will ich, dass sie sich ausgeschlossen fühlt, obwohl ich genauso wenig will, dass sie auch nur ahnt, dass da was ist, zwischen Matt und mir, das sie mit ihm wohl nie so haben wird. Obwohl sie sich ganz bestimmt nicht weniger danach sehnt, als ich, und obwohl sie sein Interesse mehr verdient hätte. Weil sie ihn vielleicht sogar mehr gerecht werden würde, als ich es je täte.
Ich versuche, die wirren Gedanken aus meinem Kopf zu scheuchen, während Emily loslacht, und so frage ich nun: „Sag bloß. Du hast wirklich keinen schwarzen Hoodie?“
Lachend schüttelt sie den Kopf. „Nein. Aber einen Pinken. Zählt das?“
Matt und ich verdrehen synchron die Augen, woraufhin Emily nur noch ausgelassener lachen muss. „Ich weiß, ich weiß“, sagt sie giggelnd. „Als Emofarbe zählt nur schwarz.“
„Oder vielleicht ganz, ganz dunkles grau“, nicke ich.
„Du kannst es ab und an mal mit weiß kombinieren“, stimmt Matt mir zu.
„Also tragt ihr nur Schattenfarben“, fasst Emily zusammen. „Verstehe.“
Ich überlege kurz. „Also, ich habe ein rotes Kleid“, meine ich schließlich. „Dunkelrot.“
„Oh lala!“, lacht Emily. „Das ist ja richtig farbenfroh! Kann ich mir ja gar nicht vorstellen! Das würde ich ja gern mal an dir sehen!“
„Ich auch“, grinst Matt und bringt mich damit mal wieder doppelt in Verlegenheit.
„Es ist bestimmt gar kein richtiges Dunkelrot, sondern dunkelgrau mit einem rot-touch!“, meint Emily, die Gott sei Dank erneut nichts von unserm Blickwechsel mitbekommen hat. Oder sie will es nicht mitkriegen.
„Rost-schwarz!“, fügt sie nachdenklich hinzu und wir drei prusten los.
Grummelnd drehe ich mich um und lasse mich an die Lehne der Liege sinken. Ich starre in den blauen Himmel, der langsam in die Dämmerung übergeht, und genieße, wie mein Körper noch immer von Endorphinen durchströmt wird. „Es ist wirklich ein sehr, sehr dunkles Rot“, gebe ich zu und lausche dem erheiterten Lachen der beiden neben mir, während mir die Perfektion dieses beiläufigen Moments eine Gänsehaut über die Arme jagt.
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