Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Halbeinsamkeit

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P18
03.02.2020
20.01.2021
189
504.744
51
Alle Kapitel
415 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
 
03.02.2020 4.399
 
Herzlich willkommen zu meiner zweiten, längeren Geschichte auf dieser Plattform!

Wie schön, dass Du hier gelandet bist. Hier entsteht 'Halbeinsamkeit': Eine Geschichte, über zwei ungleiche Mental Health Warrior, die (hoffentlich!) nach und nach zusammen finden. Hauptschauplatz ist eine Rehaklinik für Psychosomatik.

Ich stufe diese Geschichte mit P18 ein. Grund dafür sind Mental Health Issues und vor allem Erotik (sexuelle Handlungen werden an manchen Stellen explizit ausgeschrieben und wenn dem so ist, wird dies im Kapitelnamen gekennzeichnet).

Die Hauptthemen der Geschichte sind Familie, Freundschaft, psychische Gesundheit und eben Romantik.

Uploads erfolgen alle zwei Tage.

Nimm Dir eine Rhabarberlimo und mach's Dir bequem! Viel Spaß und lass mir gerne eine Rückmeldung da, wenn du magst.

mellow :]


___________
Sollte Dir Halb1 gefallen, schau doch gerne mal bei meinem Projekt Back Home rein. Diese Geschichte ist beendet und hat alles in allem in ihrem Aufbau einen ähnlichen Stil wie Halb1. Es ist eine Liebesgeschichte, die aus der Sicht einer jungen Frau erzählt wird, und es geht ziemlich viel um mental health und Familie. Es handelt sich zwar um eine FanFiction, aber einigen Halb1-Leser*innen zufolge kann man diese auch gut ohne Kenntnis über das Fandom lesen.

Ausserdem schreibe ich noch an Lockdown, Liebe, Lagerkoller. :]
___________





Prolog: Zitroneneis und Haribo (2005)


Sommer 2005.

„Nein, Caro. Er hat dich wirklich gefragt?“ Maras Augen sind weit aufgerissen, als sie das sagt. Sie rückt von mir ab und betrachtet mich von oben bis unten, als sähe sie mich gerade mit andern Augen.

„Hat er“, erwidere ich erhaben, lehne mich zufrieden grinsend an den Baumstamm, an dem wir sitzen, und recke das Kinn hoch.

„Klaus?!“, ruft Mara aus, um nochmal sicher zu gehen, dass sie sich nicht verhört hat. Sie kichert. Die Sonne fällt in ihre braunen Augen und der Wind spielt mit ihrem schulterlangen Haar.

„Ja, Klaus!“, antworte ich, und muss ebenfalls kichern.

Bei der Erwähnung des Typen aus der Oberstufe, der mich am Vormittag in der Schule gefragt hat, ob ich Lust hätte, auf seine Geburtstagsparty zu kommen, müssen wir beide immer wieder lachen. Sein Name ist so uncool. Gut, Namen tun eigentlich nichts zur Sache. Aber wir sind 15 und 17 Jahre alt. Wir lachen nun mal über sowas, wie über den altbackene Namen des heißesten Typen aus meiner Schule.

Strahlend lehnt Mara sich nach vorne. Sie umschlingt ihre Knie mit beiden Armen. Die Spitzen ihrer Turnschuhe berühren meine. Wir tragen dieselben Schuhe. Dasselbe Modell. Dieselbe Farbe. Mara hat unsere Eltern so lange bequatscht, bis sie ebenfalls die Converse mit dem bunten Blumenmuster bekommen hat. Und so sind wir nicht nur Schwestern, sondern heute irgendwie auch Schuhpartner.

„Wann ist denn die Party?“, fragt Mara neugierig.

„Nächsten Freitag“, antworte ich und grinse noch immer selbstgefällig vor mich hin. Tatsächlich bin auch ich noch immer baff darüber, dass der so viel ältere Junge nicht nur meine Freundin Dana, sondern auch mich gefragt hat, ob ich zu seiner Party kommen will. Dana ist schon mal sitzengeblieben und hat schon echt große Brüste. Ich mit meinen 15 Jahren wirke dagegen noch etwas klein und kindlich. Sieht Klaus wirklich etwas in mir? Oder will er eigentlich nur Dana dahaben, und sprach die Einladung für uns beide nur aus, damit sie sich auf der Party nicht alleine und unwohl fühlt? Mit ihrer blonden Mähne hat sie eine viel einnehmendere Ausstrahlung als ich.

Mara bemerkt, dass ich nachdenklich geworden bin. Sie stupst meinen Oberschenkel an, der im Gras zu ihrer Rechten liegt. „Mensch, Caro! Freu dich!“, ruft sie aufgekratzt. Sie zupft an den Grashalmen herum. „Meinst du, ich kann...?“

Ich runzele die Stirn. „Mitkommen? Vergiss es.“

Sie zieht die Nase hoch und schaut mich gekränkt von der Seite an. „Okay“, brummt sie. Das war ihr wohl schon klar, ehe sie gefragt hat.

Noch immer in meinen Gedanken an Klaus und Dana vertieft, lege ich schweigend den Kopf an den Baustamm und lasse meine Hände in das kräftige, grüne Gras sinken. Es kitzelt meine Handflächen. Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer werde ich mir, dass es Klaus bei seiner Einladung gar nicht um mich ging. Dabei hatte er sich beim Gehen nochmal umgedreht, mit beiden Zeigefingern auf uns gezeigt und uns zugezwinkert. Ich kann mir schon gut vorstellen, dass das eher mir galt. Er sah umwerfend aus, als er das tat. Er sieht eigentlich immer umwerfend aus. Er hat diesen Dreitagebart und immer diesen Hut auf. Er sieht nicht aus wie 18, sondern eher wie Anfang 20. Außerdem wirkt er so geheimnisvoll, mit seinen dunklen Augen und den leicht geschwungenen Brauen. Er ist ein absoluter Hingucker. Und seufzend nehme ich nun zur Kenntnis, dass er das ganz sicher auch selber weiß.

Noch immer hängt Mara abwartend an meinen Lippen. Der Träger ihres Tops ist von ihrer Schulter gerutscht, aber sie bemerkt es nicht. Viel zu gespannt ist sie auf die Jungsgeschichten, die ihre kleine Schwester in Begriff ist zu erleben. „Vielleicht küsst er dich dann!“, platzt es begeistert aus ihr heraus.

„Klaus? Mich?“, erwidere ich mit hochrotem Kopf. „Naja, ich glaube nicht, dass das so schnell...“

„Vielleicht ist er verliebt in dich!“, nickt Mara heftig und ihre Brille rutscht ihr immer weiter die Nasenspitze hinunter, während sie heftig mit dem Kopf nickt.

„Er kennt mich doch kaum!“, lache ich und setze mich auf.

„Na und?!“, ruft Mara euphorisch. Sie strahlt. „Vielleicht ist er heimlich schon ganz lange verknallt in dich!“ Der Gedanke daran, dass der coolste Junge meiner Schule nicht der Playboy ist, für den ihn alle halten, sondern ein hoffnungsloser Romantiker, sagt ihr wohl sehr zu. Ihre Augen leuchten, während sie fortfährt: „Er wird dir auf der Party endlich seine Liebe gestehen!“

Noch immer lachend schüttele ich den Kopf. Ich strecke die Hand aus und ziehe ihren heruntergerutschten Träger wieder auf ihre Schulter hoch. „Ach, Mar-Mar“, sage ich liebevoll. „Zu seinem 18. wird der sich eher sowas von abschießen und mit irgendeinem Mädchen mit großen Brüsten im Bett landen, als mir seine Liebe zu gestehen.“

„Er wird schon 18?“ Mara übergeht meinen Einwand. Ihre Hand drückt meinen Oberschenkel.

„Ja, genau wie du in ein paar Monaten!“, antworte ich.

Sie denkt kurz nach. Dann nickt sie. Die Sonne scheint durch die wippenden Baumkronen und wirft fleckige, tanzende Lichter auf ihren Scheitel. „Ja“, erwidert sie. Nachdenklich fügt sie hinzu: „18 sein ist cool.“

„Bestimmt“, erwidere ich und zucke die Achseln.

Mit zusammengepressten Lippen mustert meine Schwester eine Gruppe junger Erwachsener, die sich unweit von uns aufstellen und ein Ballspiel beginnen. Eine Mücke erscheint unter ihrer Achsel, die sie wild gestikulierend wegscheucht. Sie schiebt ihre rutschende Brille zurecht, zieht die Nase hoch und sieht mich an. „Du wirst ja auch irgendwann mal 18“, sagt sie.

„Muss ich nur noch etwas warten“, erwidere ich nickend. „Aber hey, wie läuft's eigentlich mit dem Führerschein?“

„Gut!“, sagt Mara und zupft wieder an den Grashalmen zwischen uns herum.

„Papa sagt, du hast Probleme mit der Theorie?“, hake ich nach.

Mara seufzt. Sie zuckt die Achseln und schaut mich an. Ihre Brille ist wieder runter gerutscht und sie sieht mich über die Gläser hinweg an. „Die Theorie ist sehr schwer“, erklärt sie. Sie wendet sich wieder dem Boden zu und widmet sich wieder den Grashalmen.

Nachdenklich betrachte ich sie. Jedem einzelnen unserer Familie war klar, dass Mara es mit dem Führerschein schwer haben wird. Ich erinnere mich genau daran, wie Mama und Papa einen Blick wechselten, als Mara sie am Esstisch vor einigen Monaten danach fragte. Doch es ist schwer, Mara etwas abzuschlagen. Obwohl ihre Entwicklungsverzögerung und ihre leichte Lernbehinderung es ihr oft nicht leicht machen, nimmt sie das Leben, wie es kommt. Bei allem, was sie macht, ist sie mit so einem bewundernswerten Eifer und mitreißender Begeisterung bei der Sache, dass ich selbst mich darüber oft wundere. Schließlich muss sie doch seit jeher mir, ihrer jüngeren Schwester, dabei zugucken, wie ich sämtliche Schritte vor ihr gehe. Obwohl ich volle drei Jahre jünger bin als sie, konnte ich früher und besser rechnen, gleichzeitig mit ihr Fahrrad fahren, und lernte vor ihr schwimmen. Ich konnte die Grundschule und das Gymnasium um die Ecke problemlos bewältigen, während Mara kurz nach Beginn der 5. Klasse in die Förderschule wechseln musste. Höchstwahrscheinlich wird sie mir dabei zusehen, wie ich vor ihr meinen ersten Freund habe und eventuell wird sie meine Beifahrerin, ehe ich ihre werde. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich im Gesicht meiner Mutter dieselben Gedanken und Befürchtungen las, als Mara unsere Eltern mit Tomatensoße verschmiertem Gesicht nach der Erlaubnis fragte, den Führerschein zu machen.

Meine Mutter wirkte flehend, mein Vater erwiderte ihren Blick allerdings mit unangebrachter Härte. Ohne die Finanzierung in Frage zu stellen, antwortete er mit fester Stimme: „Aber natürlich, meine Mara. Du wirst jetzt erwachsen! Das gehört doch dann dazu! Nicht wahr?“

Meine Mutter seufzte tief, während Mara begeistert aufschrie, und ich senkte den Blick. Denn dies war eine Sache, die die Erwachsenen unter sich ausmachen mussten, und nicht ich.

„Das ist bestimmt schwer“, stimme ich ihr also zu. „Aber du schaffst das schon.“ Ich lächele sie träge an.

Sie lächelt zurück.

Ich weiß nicht, ob es der richtige Weg ist, sie zu bekräftigen, da ich tatsächlich daran zweifele, dass sie den Führerschein schaffen wird. Doch weiß ich nicht, wie ich sie sonst unterstützen soll. Auch, wenn meine Schwester mit einer ausgeprägten Naivität an sämtliche Sachverhalte rangeht, wenn sie sich jetzt schon eine gemeinsame Zukunft zwischen mir und einem Jungen ausmalt, der viel zu cool für mich ist; auch wenn sie mir bestimmt nicht so gute Tipps im Umgang mit Klaus geben kann, wie meine Freundinnen und obwohl ich ihr so viele Dinge erklären muss, die sogar Mädchen klar sind, die noch jünger sind, als ich, trotzdem ist sie nicht nur meine Schwester, sondern auch meine Freundin. Durch ihre Adern fliest so viel ausgelassene Energie, solch unschuldige Begeisterung über die kleinsten Dinge, und selten hegt sie einen Groll gegen die Ungerechtigkeiten, die das Leben ihr mit auf den Weg gegeben hat, und fast nie hadert sie mit den Limits, die die Gesellschaft ihr setzt. Sie ist einfach immer glücklich, wenn sie in meiner Nähe ist, und wenn ich sie ein wenig an der Normalität eines Teenagers teilhaben lasse, die ihr verwehrt wird. So beispielsweise an Erzählungen über die die Party dieses Jungen.

„Du darfst aber abends nur bis 21 Uhr raus!“, sagt Mara plötzlich alarmiert und hebt den Kopf. Ihre Finger haben einen langen Grashalm aus der Wiese gezogen und sie dreht diesen zwischen Daumen und Zeigefinger um sich selbst.

„Offiziell, ja!“, erwidere ich mit einem dämonischen Grinsen.

Erschrocken öffnet sich ihr Mund. „Caro! Du...“

„Du verrätst mich nicht, oder?“, frage ich.

Ruckartig schüttelt sie den Kopf. Ihre schulterlangen, braunen Haare tanzen unter der Bewegung um ihr Kinn herum. „Nie!“, presst sie entschlossen hervor. „Aber du erzählst mir alles, ja?“

Ich nicke lachend. „Klar.“

Stolz lächelt sie mir zu und grinst. „Dann küsst du vielleicht Klaus“, fügt sie geheimnisvoll hinzu. Wieder kichert sie.

„Hoffentlich wird Klaus dann nicht zur Maus!“, erwidere ich albern und Mara prustet los.

Ich beobachte sie zufrieden, während sie ihren giggelnder Oberkörper zurück neben mich an den Baumstamm fallen lässt. Ich liebe es, sie durch dämliche Witze, zum lachen zu bringen, obwohl diese nicht mal lustig sind. Sie lässt sich so schnell auf komische Situationen ein, und lacht mit mir über die doofsten Gags und albernsten Wortspiele.

„Wenn du ihn heiratest, heißt du dann nicht mehr Carolina Fischer, sondern Carolina Maus“, sagt sie und diese Anmerkung ist so unpassend und bescheuert, dass ich in ihr Lachen mit einstimme.

Kopfschüttelnd komme ich schließlich neben ihr zur Ruhe und streiche mir durch das kurze Haar. „Carolina Maus...“, zitiere ich ihren Vorschlag. „Wie kommst du nur immer auf sowas?“

„Wäre das nicht lustig, wenn er so heißt?“, fragt sie kichernd. „Klaus Maus?“

Wieder schüttele ich den Kopf. „Du hast doch heute einen Clown gefrühstückt“, grinse ich. „Ich glaube, er heißt Hartmann oder so mit Nachnamen. Oder Hortmann. Keine Ahnung.“

„Carolina Hartmann!“, ruft Mara ausgelassen.

Ich vergrabe das Gesicht in den Händen. „Oh, hör einfach auf!“, keuche ich lachend. „Er hat bestimmt gar kein Interesse an mir!“

Aber Mara ist sich sicher. „Er ist verliebt in dich“, sagt sie inbrünstig. „Garantiert!“

Doch ich werde Recht behalten. Noch weiß ich nicht, dass ich mich auf dieser Party das erste Mal in meinem Leben hoffnungslos betrinken werde, schließlich Dana mit Klaus im Bett erwischen und heulend nach hause torkeln werde. Mit dem gebrochenem Herzen einer 15-Jährigen werde ich alleine durch die dunklen Straßen irren. Ein wandelndes Desaster werde ich sein. Obwohl ich mit meinem Angebeteten nie mehr als 2 Minuten geredet hatte, habe ich mir im Endeffekt doch mehr erhofft, und umso mehr wird es mich enttäuschen, dass meine angeblich so desinteressierte beste Freundin sich dort von ihm flachlegen lassen wird.

Ich werde vor die Haustür kotzen und von meinen auf mich wartenden Eltern zwei Wochen Hausarrest bekommen. Und das irgendwie zurecht.

Der Abend wird schrecklich werden. Aber das weiß ich in dem Moment noch nicht, in dem wir hier so lachend im Park an der alten Eiche gelehnt sitzen. Und tatsächlich weiß ich auch noch nicht, was der Anlass dafür sein wird, dass ich so unreflektiert zu den bitter schmeckenden Bieren greifen werde. Ich weiß nicht, wie sehr ich dem Moment den Zustand herbei sehnen werde, nicht mehr nachdenken zu müssen und nichts mehr zu fühlen. Denn jetzt gerade, wo wir hier so sitzen ist alles in Ordnung. Zumindest noch.

Wir beide haben die Beine ausgestreckt. Wieder berühren sich unsere Schuhe.

Die Sonne sinkt langsam den hellblauen Himmel hinab.

Erneut schiebe ich meiner Schwester den Träger die Schulter hinauf. Ihre Haut ist so schön gebräunt. Wohingegen ich mit meinen dunkelbraunen, kurzen Haaren stets blass bleibe, nimmt Maras Haut im Sommer immer einen olivfarbenen Ton an. Sie liebt den Sommer und der Sommer liebt sie. So fügt sie sich immer perfekt ein in die Natur und in die Wärme. Stets wirft sie sich mit so viel Leben in die Hitze, dass ich darüber meist nur schmunzelnd den Kopf schütteln kann, während ich sie im Schatten stehend beobachte und sämtliche Sonnenstrahlen meide.

Ich bewundere ihre Haut. Ich bewundere ihre Art. Ich habe viele Freundinnen in meiner Klasse, auch Dana. Doch mit niemandem säße ich gerade lieber hier in der Spätsommerhitze im Gras an einen Baum gelehnt, als mit meiner älteren Schwester, die in ihrem Wesen so viel jünger ist, als ich.

Sie fängt meinen Blick auf und runzelt die Stirn. „Was ist?“, fragt sie.

„Nichts, du Maus“, erwidere ich und sie kichert. „Vielleicht sollten wir mal nach Papa sehen.“ Ich schaue mich um. „Weißt du, wo er...?“

Doch unser Vater kommt mir zuvor. Er war mit unserm Schäferhund bei einem Freund am Bootsverleih gewesen, während wir hier gesessen und gequatscht hatten. Papa hatte Verständnis dafür gehabt. Zwei Mädels in der Pubertät – da hat er manchmal nichts dazwischen verloren. Und super viel ist uncool für uns - so auch der Bootsverleih. Er ruft uns, als er uns sieht. „Tamara! Carolina!“

Sein kahler Kopf glänzt hell in der Abendsonne. Er winkt. In der über seinem Kopf wedelnden Hand hält er eine Eiswaffel.

„Eis?!“, ruft Mara empört und schiebt sich die Brille hoch. „Nur für dich?!“

Unser Vater stemmt die Hand in die Hüfte und erwidert provokant: „Ihr wolltet ja nicht mit zu Peter! Zu uncool!“

Mara geht schimpfend darauf ein. „Wir wollten aber Eis!“, ruft sie wütend, während ich mich aufrappele und meine kurze Jeanshose abklopfe.

Meine Schwester schimpft noch immer, als sie meine ausgestreckte Hand nimmt und ich sie auf die Beine ziehe.

„Wir holen uns einfach auf dem Heimweg ein Eis“, rufe ich belustigt und klopfe auch ihren Hintern ab.

Sie kichert und weicht meinen Händen aus. „Caro, das...!“, setzt sie an, doch sie unterbricht sich. Sie hat einen Schritt von mir weggemacht, strauchelt plötzlich und stützt sich an der alten Eiche ab.

Stirnrunzelnd betrachte ich sie. „Was ist los, kannst du nicht mehr richtig stehen?“, frage ich, in der Hoffnung die Situation aufzulockern. Kritisch betrachte ich sie.

Maras Finger liegen auf der zerfurchten Rinde der Eiche. Ihre Hand ist aufgeschürft, so plötzlich musste sie Halt an dem Baum suchen. Gebückt steht sie vor mir und sieht mich verblüfft an. „Ich...“ Sie sieht besorgt aus und schaut auf ihre Knie herunter. Diese beben.

„Ist was?“, frage ich verunsichert und folge ihrem Blick.

Sie hebt den Kopf und schluckt. Ihre Augen sind klar, aber verwundert. Und ihre Brille ist ihr wieder zu ihrer Nasenspitze herunter gerutscht. „Nein...“, murmelt sie und strafft die Schultern. Sie richtet sich auf.

„Pennt ihr?“, brüllt unser Vater zu uns rüber. „Also mein Eis schmeckt super. Hmmm!“ Demonstrativ wedelt er mit der Waffel herum.

Ich verdrehe die Augen. „Erst gönnst du uns nix, und jetzt gibst du an!“, rufe ich ihm zu.

Mara neben mir lässt den Baum los. Sie sieht wieder aus, wie immer. „Alles klar“, sagt sie und steckt die Hände in die Taschen ihres Rockes. „Wir können los!“

Erleichtert nicke ich. Wir laufen über die Wiese zu unserm Vater herüber, der mittlerweile zufrieden in seine Eiswaffel beißt. „Lecker“, sagt er schmatzend. Er scheint von Maras kurzem Schwächeanfall nichts bemerkt zu haben.

„Fresssack“, sage ich grummelig.

„Das sagt die, die gestern die ganze Box Haribos verdrückt hat?“, erwidert mein Vater lachend, während wir zurück über die Wiese zum Parkweg schlendern.

„Wenn du mal wieder nicht kochst!“, stöhne ich.

Papa übergeht meinen Einwand. „Wer ist hier also der Fresssack?“, fragt er Mara freundlich.

Diese scheint wieder voll okay zu sein. Sie schüttelt den Kopf. „Caro ist eine Maus!“, erwidert sie überzeugt.

Mein Vater zieht fragend die Augenbraun hoch. „Eine Maus?“, fragt er mich.

Ich werfe Mara einen warnenden Blick zu. 'Bloß kein Wort mehr von Klaus!', sende ich ihr damit. Es wäre nicht das erste mal, dass meine Schwester sich total verquatscht.

Doch sie versteht den Hint und schlägt die Hand vor den Mund.

Meinem Vater ist nicht entgangen, dass er irgendetwas überhaupt nicht erfahren soll. Und er weiß sofort, auf wessen Mist das alles gewachsen zu sein scheint. „...Caro?“, fragt er mahnend und sieht mich forschend an.
„Ich bin eine Maus“, erwidere ich einfach unschuldig, als sei dies ein Fakt, den Mara und ich eben noch so festgelegt hatten. „Aber Papa, erzähl doch mal von Peter. Wie läufts mit dem Verleih?“ Ich will ablenken und genau das gelingt mir dabei.

Mein Vater berichtet von seinem langjährigen Freund, der sich für die Sommermonate aus seiner Langzeitarbeitslosigkeit heraus geflüchtet und Arbeit am Bootsverleih des Parks gefunden hatte. Ich entnehme seinen Erzählungen, dass Peter dabei tageweise sehr viel Stress hat und davon mächtig überfordert ist.

Auch Mara hört Papa gut zu, denn sie mag Peter gerne.

Während wir so zurück zum Parkausgang spazieren, mustere ich meine Schwester. Sie hatte wohl ein Kreislaufproblem. Das muss das grade gewesen sein.

Es ist nicht das erste mal, dass Mara einknickt beim Gehen. Und wie ich im Laufe des Abends feststellen werde, war das auch nicht das letzte mal.



Wir fahren mit der U-Bahn zurück nach Charlottenburg. Es ist frisch in den U-Bahn-Schächten, und ich bin froh, etwas abkühlen zu können. Ich schaue meine Arme hinab und erkenne die Rötung eines Sonnenbrandes auf ihnen. War ja klar. Selbst im Schatten sitzend hatte ich mich nicht genug vor der Sonne schützen können.

Mein Blick fällt auf meine Schwester, die angeregt mit meinem Vater spricht. Ihre Haut wirkt gleichmäßig gebräunt. Nichts weißt auf eine Irritation durch die Sonne hin. Natürlich nicht. Der Sommer liebt dieses Mädchen einfach.

An unserer Station im bayrischen Viertel steigen wir aus und fahren die Rolltreppen hoch. Die frische Luft des Sommerabends nimmt uns draußen im Empfang.

Die Menschen auf den Straßen sind friedlich und entspannt. Das warme Wetter beruhigt viele von ihnen. Mit Sicherheit waren wir nicht die einzigen, die heute Abend die Augustsonnenstrahlen genossen haben und sich ein paar Stunden an der frischen Luft, im Park oder an der Spree gegönnt haben.

Mara plappert noch immer mit unserem Vater. Sie lacht. Die beiden albern herum. Darin sind sie große Klasse und ein unschlagbares Team. Gemeinsam bringen sie meine Mutter mit ihrer ausgelassenen Blödelei oft zur Weißglut.



Ich werde mich auch noch in einigen Jahren noch genau an gerade diesen Spätsommerabend erinnern. An diese Momente, in denen ich mich über den brennenden Sonnenbrand auf meinen Armen ärgere. Wie wir an der Ecke zu unserer Straße von Papa dann doch noch je zwei Kugeln Eis spendiert bekommen. Den Geschmack von Zitroneneis auf meinen durstigen Lippen. Wie ein Auto mit heruntergeklapptem Dach an uns vorbei fährt, und wie „Feel Good Inc.“ durch die Straße dröhnt. Wie mein Vater über diesen Banausen flucht, und wie Mara sich vor uns laufend im Kreis drehte und übermütig „Windmill, windmill, nanana...“ singt.
In diesem Moment bin ich mir über die banale Perfektion dieses Moments nicht im geringsten bewusst. Aber das werde ich früh genug sein, wenn all das nur eine schöne Erinnerung sein wird, an die Zeiten, in denen alles noch okay war.

Ich werde diesen Hit der Gorillaz nie wieder hören können, ohne an diesen Tag zurückdenken zu müssen. Es war nur ein Sommerabend, und diesen hätte ich unter andern Umständen bestimmt vergessen, weil er sich sonst einfach in die Kindheitserinnerungen eines heranwachsenden Teenagers eingereiht hätte.


Aber manchmal passieren nun mal Dinge, die alles verändern. Und so stürzt meine ausgelassen lachende Schwester, die sich mit ausgestreckten Armen vor mir und meinem Vater im Kreis dreht, und fällt plötzlich hin.

Es ist kein Stolpern. Der Gehweg, der uns nach hause führt, ist eben und keine Huckel und kein Stein lag im Weg. Es ist einfach, als sacken ihre Beine weg.

Wie vom Donner gerührt bleibe ich stehen. Ich hatte genau gesehen, wie sie aussah, als sie fiel. Nicht, als verliere sie gerade durch einen Kreislaufkollaps das Bewusstsein. Sie sieht einfach nur verblüfft aus, und wach. Sie versteht das nicht. Und genauso verstehe ich es nicht. Und werde es auch jahrelang nicht verstehen.

Ich fahre mir mit der Zunge über die Lippen und bin unfähig, zu handeln. Ich schmecke Zitrone. Vom Eis. Die ganze Zeit schon. Dieses Lied von den Gorillaz ist in meinem Kopf.

Ich beobachte meinen Vater, der sich mit schnellen Schritten neben meiner Schwester nieder lässt und sie fragt, ob sie sich wehgetan hat.

Mara hebt den Kopf und sieht ihn an. Sie ist gestürzt, sagt sie ihm. Dabei sieht er das ja. Sie wisse nicht, wieso, fügt sie hinzu.

Ich stehe noch immer da und starre sie an. Es war nur ein Sturz. Das passiert. Sie wird gleich wieder aufstehen. Oder nicht?

Irgendetwas sagt mir sofort, dass ich gerade Zeuge von etwas Furchtbarem geworden bin. Ich starre meinen Vater und meine Schwester an und mich durchflutet diese tiefe Gewissheit, als habe ein Teil von mir das schon immer gewusst und nur auf diese Katastrophe gewartet.

Natürlich ist dieser Gedanke völliger Quatsch. Aber ich denke das, in dem Moment. Und ich sehe die zerbrochene Eiswaffel neben ihr. Und das Schokoeis, das langsam über den an der Seite etwas absinkenden Gehsteig hinunter rinnt.

Auf dem Boden kauernd sieht Mara mich an. Schokoeis klebt an ihrer Wange. Ihre Knie beben. Sie ist nicht mehr nur verblüfft. Sie hat Angst. Denn irgendwas ist auf keinen Fall in Ordnung.

Ich will etwas tun, doch ich kann nicht. Ich stehe nur da. Und beobachte, wie mein Vater sie auf die Beine ziehen will. Und das gelingt ihm auch schließlich.

Ich beobachte seine Bemühungen regungslos.

Meine Schwester ist einen ganzen Kopf kleiner als er, und so lehnt sie mit dem Kopf an seiner Brust, während ihre Beine beben und ihre Fußspitzen im rechten Winkel aufeinander treffen. Er hält ihre Hüften fest und erklärt uns beiden, dass alles okay ist. Doch er irrt sich. Nichts ist okay. Rein gar nichts.

Mara spricht nicht. Konzentriert spannt sie die Muskeln ihrer Beine an und versucht, Halt zu finden. Sie zittert.

Papa hat schon längst bemerkt, dass irgendetwas hier gar nicht okay ist. Doch er will es nicht akzeptieren. Sie solle sich zusammenreißen, schreit er sie an. Er verliert die Beherrschung. Er hat Angst.

Doch Mara gelingt es nicht, ohne seine Hilfe zu stehen. Sie beginnt zu weinen, unter seinen harschen, verängstigten Anweisungen.

Ein Blumenkübel aus Beton steht wenige Meter neben uns. Zu diesem bringt Papa Mara nun. Denn sie kann nicht alleine laufen und nicht ohne Hilfe stehen. Aber sie kann sitzen. Und ihr Gesicht ist voller Tränen und Schokoeis, als sie endlich auf dem Beton ankommt, und als ihre bebenden Finger den Steinrand des Kübels umfassen.

Und ich stehe da und beobachte, wie all unser Leben auseinander fällt. Währenddessen läuft mir Zitroneneis über die Finger und ich vergesse, wie schön das Leben sein kann. Denn ich weiß, dass ab diesem Moment nichts mehr so sein wird, wie es einmal war.

Während mein Vater in seiner hektischen Angst einen Krankenwagen ruft, kann ich mich endlich wieder bewegen. Ich werfe die klebrige Waffeltüte in die Blumen und setze mich zu Mara auf den Kübel.

Sie weint. Ihre dreckige Hand findet meine verklebte. Wir beide sind eklig, aber das ist gerade egal. Denn ich muss da sein, als ihr Kopf von Schluchzern erschüttert auf meine Schulter fällt. Ich sehe auf unsere Füße, die dieselben grün und pink geblümelten Chucks tragen.

Ich weiß noch nicht, dass Mara nie wieder rennen wird. Dass wir sie ab nun stützen müssen. Dass sie erst einen Rollator, und langfristig einen Rollstuhl bekommen wird. Mir ist noch nicht bewusst, dass ihr und meinen Eltern eine über Monate andauernde Arzt-Odyssee bevorstehen wird. Dass die Diagnose so lange auf sich warten lässt, weil sie so verdammt selten ist, und eigentlich erst ab dem 55. Lebensjahr ausbricht. Dass sie vererbbar ist. Und dass meine Eltern beide der Jackpot füreinander waren, als sie sich fortpflanzten und beide als Träger diesen seltenen Gendefekte an Mara weitergaben. Und dass diese sich in ihr zu der Erkrankung vereinten. Ich weiß noch nicht, dass ich lediglich Trägerin des Gens bin, Maras Erkrankung in meinem Fall aber nie ausbrechen wird.

Ich weiß noch nicht, dass wir alle bald schon gezwungen sein werden, aus unserer Wohnung in Charlottenburg auszuziehen, weil Mara die Treppen in den dritten Stock nicht mehr bezwingen kann. Dass das Absacken ihrer Beine an diesem Sommerabend nur der Anfang war. Und dass ich den Abbau ihrer Beinmuskeln weiterhin mit einer lähmenden Trägheit beobachten werde.

All das weiß ich noch nicht, als unsere klebrigen Hände einander fest umfassen und ich ihr leise sage: „Alles wird okay.“ Nicht wissend, dass das einfach nicht stimmt.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast