Nach dem Ende der Welt

von Afaim
GeschichteAngst, Suspense / P16 Slash
Carl Grimes Carol Peletier Daryl Dixon Negan Rick Grimes Shane Walsh
03.02.2020
27.02.2020
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Botschaften



I.



Es war nicht das Gebrüll, das Rick weckte, es war der Weinen und Jammern. Nach all den Jahren der Partnerschaft war er auf die Laute, die Lori von sich gab, wenn sie litt, geprägt. Sein erster Gedanke war, dass etwas mit Carl nicht stimmte. Sein zweiter, dass Hershel sie der Farm verwiesen hatte. Auch nach den Ereignissen des Vortages hätte Rick nie erwartet, dass Shane der Grund für Loris Leid sein könnte.

Shane und Lori stritten sich sehr offen vor dem Camper. Die meisten anderen standen etwas verwirrt und überfordert um sie herum. „Ich frage dich noch einmal, woher du die hast!“, brüllte Shane gerade und hielt ihr eine Packung Tabletten unter die Nase.

„Das geht dich gar nichts an! Ich sagte doch, dass ich sie nicht genommen habe!“, schrie Lori.

„Es geht mich nichts an?! Es geht mich nichts an, wenn du versuchst mein Kind zu töten?!“, empörte sich Shane, „Hinter meinem Rücken?!“

„Das habe ich nicht versucht, und selbst, wenn ich es versucht hätte, dann wäre das meine Entscheidung, nicht deine! Es ist mein Körper! Mein Kind! Du bist nicht einmal mein Gefährte!“, schrie Lori, „Alles, was das Kind betrifft, ist meine Entscheidung!“

„Es ist auch mein Kind! Es ist genauso meine Entscheidung!“, röhrte Shane und warf ihr die Packung Tabletten, die er in der Hand hielt, vor die Füße, „Ich frage dich noch einmal: Wo hast du das her?!“ Er machte einen bedrohlich wirkenden Schritt auf Lori zu.

Rick war schon zuvor losgerannt und sprang zwischen die beiden, und stellte sich dann schützend vor seine Frau. „Es ist nichts passiert. Sie hat gesagt, dass sie nichts genommen hat!“, verkündete der Omega und hob warnend eine Hand und deutete dem Alpha zu stoppen.

Shane blinzelte. „Rick“, stellte er fest, allerdings blieb er stehen, „Weißt du, was sie getan hat?! Sie wollte unser Baby töten!“

„Das hat sie aber nicht“, betonte Rick, „Und wer kann ihr verdenken, dass sie Zweifel hat? Die Welt von Zuvor gibt es nicht. Überall sind Tote. Wir haben kein Zuhause mehr. Wissen nicht, wo wir in zwei Wochen sein werden, geschweige denn wenn es an der Zeit für die Geburt ist. Sie hat Angst, Shane. Das ist alles.“ Er versuchte sein Möglichstes den aufgebrachten Alpha zu beschwichtigen – mit Worten, Gesten, Pheromonen, und mit seiner Körpersprache, er vermittelt zugleich Respekt aber auch die Bereitschaft sich zu verteidigen, wenn es soweit kommen sollte, die Bereitschaft Lori zu verteidigen, wenn es soweit kommen sollte.

Shane knurrte. „Ich will immer noch wissen, wo sie die Pillen herhatte. Keiner von uns hat sie rumliegen, und ich bezweifle, dass sie in der Hausapotheke der Farm zu finden sind“, verkündete er drohend, „Also? Wer hat ihr bei dem Versuch das Baby zu ermorden geholfen?“ Er blickte sich wütend um. Glenn und Carol hatten sich vor Angst beinahe auf den Boden geworfen. T-Dog hielt seinen Blick gesenkt, genau wie Andrea. Nur Dale und Daryl funkelten Shane trotzig an. Rick wünschte sich, sie würden das nicht tun. „Keiner von uns hat ihr das zugesteckt. Wo sollten wir das auch herhaben?“, sagte Dale dann.

Shane knurrte. Es war offensichtlich, dass er ihnen nicht glaubte. „Ich war’s. Ich habe ihr die Pillen besorgt. Bei meinem Ausflug in die Stadt. Lori hat mich darum gebeten sie ihr mitzubringen.“ Vollkommen furchtlos trat Maggie Greene in den Kreis, der sich um Ricks Familie herum gebildet hatte. „Ich hab’s getan, weil sie jedes Recht hat kein Kind in diese Welt bringen zu wollen, und weil es besser ist, wenn sie’s so macht, als wenn sie nach einem Kleiderbügel greift.“

Shane funkelte den weiblichen Omega feindselig an. „Es ist mein Kind“, betonte er, „Ihr dürft das nicht ohne mich entscheiden.“

„Ich wusste nicht, wessen Kind es ist, oder wer was alleine entscheidet, ich hab ihr nur mitgebracht, worum sie mich gebeten hat“, sagte Maggie.

„Tu das in Zukunft einfach nicht mehr“, schnappte Shane. Dann bückte er sich, hob die auf den Boden liegende Schachtel auf und stapfte davon.

Alle sahen ihm entsetzt hinterher. Merle Dixons Gestalt quälte sich aus dem Camper. „Nun das war knapp“, kommentierte er die Lage. Offenbar hatte er sich losgerissen - die Überreste seiner Fesseln hingen noch an seinen Handgelenken - und war bereit gewesen einzugreifen, wenn es notwendig werden sollte, was unterstrich wie ernst die Lage gewesen war. Beim Angriff auf die Scheune gestern, war er nicht aufgetaucht.

„Geht es dir besser, Merle?“, fragte Andrea, und Rick war ihr unendlich dankbar, weil sie damit vom Thema ablenkte.

„Hab mich nie besser gefühlt, Blondie. Allerdings hab ich Kohldampf. Ich könnte einen ganzen Hühnerstall verzehren“, meinte der Dixon-Alpha.

„Das wäre nicht angebracht, aber zumindest mit einem Huhn kann ich dienen. Komm mit in die Küche“, meinte Maggie.

„Gerne Süße, geh voraus!“, meinte Merle und folgte Maggie dann hinüber in Richtung Farmhaus. Glenn sah den beiden mit einem gar nicht glücklichen Gesichtsausdruck hinterher. Doch Rick hatte dringendere Probleme. Er schnappte sich Loris Ellenbogen und zog sie mit sich von den anderen weg. „Was zum Teufel ist passiert?“, wollte er von seiner Ehefrau wissen, sobald sie außer Hörweite waren.

„Ich weiß auch nicht. Es war ein Morgen wie jeder andere. Und dann ist er plötzlich ausgeflippt. Kam aus dem Farmhaus gestürmt mit dieser Packung in der Hand. Ich dachte, er will mich umbringen“, berichtete Lori. Sie musterte Rick prüfend. „Ich hab nichts genommen, aber es wäre mein Recht gewesen. Meine Entscheidung.“

„Hab ich irgendetwas anderes gesagt?“, hielt Rick dagegen.

„Ach, komm schon, du bist ein Omega. Ich weiß doch, was du über Betas, die abtreiben, denkst“, zischte Lori, „Vielleicht hätte ich es ja tun sollen. Wo soll ich dieses Kind bekommen? Irgendwo im tiefsten Wald? Welche Chance haben wir beide dort?“

„Vielleicht lässt Hershel uns ja hierbleiben. Jetzt, wo alles ans Licht gekommen ist….“, bot Rick an.

„Nach der Sache mit der Scheune? Das glaubst du doch wohl nicht mal selbst, oder?!“, spottete Lori, „Für dich ist das alles leichter als für mich. Du hast eine Zukunft. Gegen dich hätte er niemals seine Hand erhoben. Hat er ja nicht einmal gegen Maggie. Aber ich bin nur ein Beta. Diejenige, die für euch die Kinder auf die Welt bringt, zu mehr bin ich nicht zu gebrauchen. Was soll aus mir werden, wenn ich dieses Kind geboren habe? Wo soll ich dann hin?!“

Es war wieder einer ihrer alten Streits, von vor dem Ende. Lori überhäufte ihn mit Vorwürfen, die allesamt unfair und unwahr waren und ließ ihm keine Chance sich zu verteidigen. Nur weil er ein Omega war, war er deswegen noch lange kein Abtreibungsgegner. Außerdem hatte er sie nicht geschwängert und trug daher keine Verantwortung daran, dass sie in einer post-apokalyptischen Welt ein Kind bekam. Und die Unterstellung, dass sie für ihn nur eine bessere Brutmaschine war, nun das schlug dem Fass wirklich den Boden aus.

Natürlich war ihm klar, woher das kam. Es hatte Lori schon immer gestört, dass sie als Beta seine Hitze nicht mit ihm verbringen konnte, weil sie seinen Geruch nicht ertrug. Die Tatsache, dass es Betas gab, die dank einer Gefährtenbindung gegen den Hitzegeruch ihres Omegas immun wurden, hatte das noch schlimmer gemacht. Dass das Lori niemals widerfahren war, hatte sie vermutlich tief drinnen davon überzeugt, dass ihre Bindung nicht stark genug war, und nun dachte sie den Schuldigen identifiziert zu haben: Shane, den Alpha, den Rick mehr liebte als sie.

Wieso müssen eigentlich beide gleichzeitig durchdrehen? Das ist nicht fair. Rick seufzte. „Wenn das Kind geboren ist, dann bleibst du bei uns. Du bist Carls Mutter, meine Gefährtin, meine Ehefrau, denkst du wirklich das würde nichts bedeuten?“, erklärte er mühsam beherrscht, „Glaub mir, wenn ich dir sage, dass es eine Menge bedeutet. Ich liebe dich, Lori. Du gehst nirgendwohin.“

„Denkst du wirklich, dass er dir eine Wahl lassen wird?“, gab Lori zurück.

Rick zwang sich nicht an den Scheunen-Zwischenfall und Shanes Worte von danach zu denken. Das war nur eine Kombination aus Hormonen und Adrenalin gewesen, es bedeutete nichts, Shane sah in ihm keinen Hausomega, über den er zu bestimmen hatte, er sah in ihm seinen Partner. Hatte er ihn nicht gerade eben erst erfolgreich beruhigt? „Er war nur wütend, Lori. Der Kampf gestern, die Brunft, die er eben erst hinter sich hat. Du kennst Shane doch, so einer ist er nicht“, behauptete er.

Lori schüttelte nur ungläubig den Kopf. „Manchmal frage ich mich, ob du ihn überhaupt kennst, Rick“, meinte sie düster, „Oder ob du dich absichtlich blind stellst.“



II.



Es war keine leichte Nacht gewesen. Ein Teil von Rick war einfach nur froh darüber wieder in seinem eigenen Bett schlafen zu können und Carl in Sicherheit zu wissen, ein anderer Teil konnte an nichts anderes denken als an alles, was ab Morgen schief gehen konnte und würde. Und dieser Teil hatte keine Lust zu schweigen und ihm friedlichen Schlaf zu gönnen.

Als er aufstand waren Andrea und Michonne schon wach und machten Frühstück. „Die Kinder?“, erkundigte sich Michonne, als sie ihn sah.

„Schlafen noch“, erwiderte Rick, der beide seiner Nachkommen in seinen Bett zurückgelassen hatte. Genaugenommen war Carl zu alt um bei ihm im Bett zu schlafen, das wusste er, aber nach den letzten Ereignissen hatte alle drei Grimes-Omegas ihre gegenseitige Anwesenheit gebraucht. Carl hatte ihm vorm Einschlafen leise alles erzählt, was ihm im Sanctuary widerfahren war. Rick hatte ihm nur zugehört und Trost gespendet, und war dankbar dafür gewesen, dass offenbar wirklich niemand Hand an seinen Jungen gelegt hatte.

Andrea drückte ihm eine Tasse Kaffee in die Hand. „Bist du bereit dich Shane zu stellen?“, wollte sie wissen.

„Kein bisschen“, erwiderte Rick wahrheitsgetreu, „Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er das genauso empfindet.“

„Du musst dich nicht mit ihm treffen, wenn du noch nicht so weit bist. Ich kann das an deiner Stelle tun“, schlug Andrea vor, „Wir haben uns immer gut verstanden.“

Rick schüttelte den Kopf. „Ich darf jetzt keine Schwäche zeigen. Shane würde es vielleicht verstehen, aber seine Männer nicht, und die könnten es Negan erzählen. Alphas respektieren Stärke, jeder Anflug von Schwäche könnte uns alles kosten. Ich muss das durchziehen, muss Rick Grimes der Rudelführer sein und nicht Rick Grimes der Ex-Liebhaber.“

Andrea drückte seinen Arm verständnisvoll, und Michonne gab ein abfälliges Geräusch von sich. „Dieser Ort hier hätte unsere sichere Zone sein sollen. Ein Ort, an dem wir nicht mehr andauernd hart sein müssen. Ein Ort jenseits der Wildnis“, brummte sie. Und sie hatte recht, mit einem Schlag war es als wären sie wieder dort draußen. Ständig auf der Flucht, ständig ohne Heimat, ständig zwischen zwei Katastrophen gefangen. Ricks Rudel war das gewohnt, doch die Bewohner von Alexandria hatten schon die Wölfe und die Horde nur mit knapper Not überstanden. Wie würden sie es aufnehmen eine belagerte Stadt zu sein?

Für sie musste er noch viel vorsichtiger sein als ohnehin schon. „Das wird es wieder sein“, erklärte er, „Nachdem wir das hier überstanden haben.“

Shane hatte sich offenbar in Deannas Büro eingenistet. Das machte Rick wütend, und er wusste, dass er nicht der einzige sein würde, dem es so ging, und dass niemand wütender sein würde als Spencer. Doch hoffentlich brachte ihn Rosita von jeder Art von Dummheit ab.

„Was machst du hier drinnen?“, wollte Rick von dem Alpha wissen, den er offenbar gerade dabei ertappte, wie er sich die Videointerviews ansah, die Deanna mit Neuankömmlingen geführt hatte. Genauer gesagt sah er sich Ricks Videointerview an.

„Morales hat diesen Ort gestern entdeckt. Hier gehört der Boss dieses Ortes hin, oder etwa nicht?“, rechtfertigte er sich.

„Das hier war Deannas Büro“, erklärte Rick, als würde das alles sagen, und vielleicht tat es das ja auch.

„Was ist mir ihr passiert?“, erkundigte sich Shane sanft.

„Sie hat es nicht geschafft“, meinte Rick nur.

„Sie muss eine bewundernswerte Person gewesen sein, wenn sie das hier alles aufgebaut hat. Und sie war klug. Hat nicht einfach jeden hier einziehen lassen“, Shane deutete auf den Monitor, „Hübscher Bart, aber nicht gerade vertrauenserweckend.“

„Ich war an meinem Tiefpunkt. Ich selbst hätte mich nicht aufgenommen, aber sie hat etwas in mir gesehen, Spuren vom alten Rick vielleicht. Ich habe ihr versprochen, dass ich diesen Ort für sie beschützen werde, vor Leuten wie deinen Freunden den Erlösern. Vor Leuten wie Negan“, erklärte Rick hart, „Vielleicht sogar vor Leuten wie dir.“

„Du denkst also, dass sie mich nicht aufnehmen würde, wenn sie hier wäre“, schlussfolgerte Shane.

„Keine Ahnung, ich bin nicht Deanna. Ich weiß nicht, was sie getan hätte und was nicht“, belehrte ihn Rick.

„Dann lass es uns ausprobieren. Hier, ich nehme dort Platz, wo der Interviewte sitzt, und du setzt dich auf ihren Platz. Bitte sehr. Frag mich, was immer du mich fragen willst. Finde heraus, ob man mir trauen kann“, meinte Shane eifrig und setze sich Rick gegenüber hin und blickte ihn erwartungsvoll an.

Frag mich, was du mich fragen willst, wie witzig. Ich will das doch alles gar nicht wissen. Und dann gab es da noch die paar Dinge, die er sehr wohl wissen wollte und das wirklich dringend, die er aber nicht fragen wollte. Bist du noch verrückt? Bist du wieder Shane? Liebst du mich noch? Shane tat so, als wäre er wieder bei Sinnen, als würde er Rick immer noch lieben, als würde er seine Fehler wieder gutmachen wollen, als hätte er sich Negan nur aus Selbsthass und dem Mangel an alternativen Optionen angeschlossen, aber wer sagte, dass das alles nicht nur Schauspiel war? Dass das alles nicht nur zu Negans Plan gehörte? Siehst du, Lori, ich stelle mich nicht mehr blind, ich stell mich paranoid. War das so viel besser?

„Wie viele Omegas hast du getötet?“, fragte Rick schließlich.

„Keinen, keinen einzigen, ich schwöre es. Und keine Kinder. Niemals“, erklärte Shane.

„Sieh an, du bist ein Heiliger“, konnte sich Rick nicht verkneifen.

„Ich weiß, du denkst schlecht von den Erlösern, Rick, und ich will nicht lügen, sie sind auch schlecht. Oder zumindest viele von ihnen sind es. Manche sind nur Mitläufer, die es nicht besser wissen. Ich könnte behaupten, ich wäre letzteres, aber wir wissen beide, dass das nicht stimmt. Ich habe mich ihren Reihen angeschlossen, gerade weil sie schlecht sind. Also, nein, ich bin kein Heiliger. Aber ich bin auch kein Monster. Nicht mehr“, erklärte Shane.

„Und wem gilt deine Loyalität?“, fragte Rick dann, einfach nur weil er hören wollte, was der Alpha darauf sagen würde.

„Dir, Rick. Nur dir. Ich weiß, du siehst es nicht, aber alles, was ich getan habe, seit ich dich im Sanctuary gesehen habe, war für dich“, log Shane, denn das musste einfach eine Lüge sein, nicht wahr? Er hatte sich doch wohl kaum für Rick zu dessen Gefängniswärter ernennen lassen. Vielleicht redete er sich das ein, aber in Wahrheit hatte er zugestimmt, weil ihm das endlich die Macht über Rick verlieh, die er immer hatte haben wollen. Das hier war seine Rache für das Messer und die Verbannung.

Das war alles ein Test, ein letzter Test, mit dem ich dich retten wollte, und du bist durchgefallen!, hätte Rick ihn gerne angeschrien. Stattdessen ging er in Rudelführer-Modus über. „Deine Leute haben zu viele Vorräte mitgenommen. Wir können nicht auf Tara und Heath warten. Wir müssen bald eine Versorgungsfahrt machen“, erklärte er.

„Das sollte kein Problem sein“, meinte Shane, „Negan will niemanden verhungern lassen. Ja, er holt sich seinen monatlichen Anteil, aber bis dahin muss Alexandria versorgt werden.“

„Und wird einer deiner Männer mitgehen auf Versorgungsfahrt?“, wollte Rick als nächstes wissen.

„Ich denke nicht, das wäre doch ein schlechter Start für unsere Partnerschaft, oder? Würde implizieren, dass wir euch nicht trauen, und dabei trauen wir euch doch“, sagte Shane.

„Und die Tore? Die werden ab jetzt immer von euch überwacht werden?“, forschte Rick weiter.

„Mehr oder weniger. Es wird zwar nicht immer einer von uns am Wachturm sitzen, aber ich erwarte jedes Mal, wenn die Tore geöffnet werden dazu geholt zu werden um zu sehen, wer ankommt oder wer geht, wenn das nicht der Fall ist. Jeder, der Alexandria verlässt, muss sich austragen, und dann wieder eintragen, wenn er zurück ist. Und grundlose Ausflüge sollte es auch nicht geben“, meinte Shane.

„Manche der Kids klettern mitunter über die Mauern“, informierte ihn Rick, „Carl ist einer von denen.“

„Wenn es nur Kids sind, die Kids sein wollen, dann werde ich ein Nachsehen haben. Dann wird auch Negan ein Nachsehen haben. Aber die Dinge hier laufen jetzt nun mal anders als zuvor. Das müsst ihr einsehen. Es war nicht meine Entscheidung, vergiss das nicht. Es war die von Negan“, erklärte Shane dazu.

„Und du bist ein kleiner braver Soldat, der alles tut, was man ihm anschafft“, stellte Rick fest.

„Um dich und deinen Ort hier zu retten, ja, da tue ich alles, was man mir anschafft“, verkündete der Alpha daraufhin nur. Rick schüttelte nur seinen Kopf.

„Übrigens hätte ich mich gerne mit jedem, der hier lebt, kurz unterhalten. Nur damit ich meine neuen Nachbarn kennenlernen kann“, sagte Shane dann. Das war zu erwarten gewesen nach der Liste und den Durchsehen der Videos. Immerhin war Shane nicht nur als Wärter hier, sondern auch als Spitzel.

„Ich werde es weitergeben“, sagte Rick, „Gibt es sonst noch was?“

Shane zögerte. „Ich würde heute gerne mit Carl und Judith zu Mittag essen, wenn du nichts dagegen hast“, erklärte er dann.

„Willst du für sie kochen?“

„Ich schätze schon…“

„Hast du dir etwa inzwischen das Kochen beigebracht?“

Shane erwiderte darauf nichts.

Rick seufzte. „Also gut. Komm einfach zu uns zum Mittagessen. Ich werde kochen. Andrea und Michonne werden auch da sein. Vielleicht nur Daryl oder Glenn, jetzt wo Maggie…. Nun, sie werden da sein, damit musst du dich abfinden“, beschloss er dann.

„Ich habe nichts gegen ihre Gesellschaft“, versicherte ihm Shane.

Natürlich hatte er das nicht. Und er wirkte so, als hätte er gerade einen wichtigen Sieg errungen. Sei dir da mal nicht so sicher, mein Freund. Nur weil ich dich nicht von deinen Kindern fernhalte, heißt das nicht, dass ich dich zurück in mein Leben lasse oder dir auch nur ein Wort von dem, was du behauptest, glaube. Das hier ist alles nur Taktik, du sollst nur denken, du hättest eine Chance. Zumindest half es seine Entscheidungen so vor sich selbst zu rechtfertigen.



III.



„Du bist dabei durchzudrehen, Walsh, das ist dir doch klar, oder?“ Das musste sich Shane ausgerechnet von Merle Dixon sagen lassen. Dem Redneck-Junkie, der selbst nie nicht in Alpha-Rage zu sein schien. Merle saß in der Küche der Greenes und verschlang ein Huhn, das Maggie scheinbar nur für ihn gekocht hatte. Nach dem Zwischenfall mit Lori schien sich Merle jetzt für den guten Alpha zu halten, für den Heilsbringer. Shane hätte ihm gerne gezeigt, wie sehr er sich irrte, aber das würde ihn nur als Märtyrer hinstellen, und zur Zeit hatten sowieso scheinbar alle Angst vor Shane.

Außer vielleicht Maggie, die strafte ihn mit Missachtung und verhätschelte stattdessen Merle. Glenn hat’s wohl versaut. Oder hat sie auch einmal Lust auf einen richtigen Alpha bekommen? Übrigens Alpha…. „Hast du eine Ahnung, wo Hershel steckt?“, erkundigte sich Shane. Der Greene-Alpha hatte sie noch nicht rausgeworfen, was Shane doch ziemlich verdächtig vorkam.

„Das ist weg. Hat sich abgesetzt“, erklärte Maggie, die wieder in der Küche auftauchte und Merle einen Kartoffelsalat hinstellte.

„Danke, Süße“, meinte Merle fröhlich.

„Sie will dich nur mästen um dich im Notfall zu essen“, behauptete Shane.

„Vielleicht kümmere ich mich einfach um den einzigen richtigen Alpha hier“, meinte Maggie und tätschelte Merles Arm, „Um denjenigen, der tut, was ein Alpha tun sollte. Der andere beschützt.“

Shane schnaubte nur. „Sorry, Schätzchen, aber da bist du bei dem hier an der falschen Adresse. Der beschützt niemanden. Frag nur mal Daryl danach“, sagte er abfällig.

„Hey, rede keine Scheiße über mich und meinen Bruder, klar?“, fuhr Merle ihn an.

„Siehst du? Keinerlei Selbstkontrolle“, befand Shane.

Maggie spießte ihn mit einem Blick auf. „Bis jetzt hat er noch keine verängstigte Schwangere angebrüllt, also ziehe ich ihn vor“, befand sie, tätschelte noch mal Merles Arm, und verließ dann wieder die Küche. Shane sah ihr kopfschüttelnd hinterher.

„Wie’s aussieht, komme ich heute noch zum Zug bei ihr“, grinste Merle und sah Maggie mit lüsterndem Blick hinterher.

„Sei dir da mal nicht so sicher. Du bist nicht ihr Typ. Das hier macht sie alles nur um mich zu ärgern“, korrigierte ihn Shane, „Aber versuch ruhig dein Glück, wenn du mir nicht glaubst.“

„Du bist nur gierig, Walsh. Officer Friendly reicht dir nicht. Ich weiß, wenn ein Omega scharf auf meine Alphakraft ist, und sie ist das mit Sicherheit“, schnaubte Merle, „Du wirst schon sehen.“ Eher sehe ich eine Kastration.

Shane beschloss sich auf keine weitere Diskussion einzulassen. Er war nicht einmal mehr sicher, warum er überhaupt in die Küche gekommen war. Was hatte er hier gewollt? Er konnte sich nicht erinnern. Vielleicht lag Merle ja nicht so falsch, vielleicht drehte er wirklich gerade durch. Loris Verrat hatte ihn vollkommen durcheinander gebracht. Wie konnte sie nur?

Er beschloss nach Carl zu sehen. Der Junge wusste nichts von der jüngsten Konfrontation, er würde sich freuen Shane zu sehen. Carl lag in seinem Zimmer. Shane sah sich suchend nach Beth um, fand sie aber nicht. Normalerweise schwirrte der blonde Omega immer um Carl herum und betreute ihn. Heute wohl nicht.

„Hey, Kumpel, alles klar mit dir? Hast du Beth heute schon gesehen?“, erkundigte sich Shane bei dem Jungen.

Der schüttelte den Kopf. „Heute noch nicht, aber ich habe sie in ihrem Zimmer weinen gehört“, erklärte er. Mhm. Hershel abgängig, Beth weinend in ihrem Zimmer, Maggie auf Konfrontationskurs …. Vielleicht hatte Rick doch nicht so falsch gelegen, und es wäre besser gewesen die Wahrheit über die Infektion nicht einfach so zu entpacken. Nein, das ist Unsinn. Es ist besser, wenn sie die Wahrheit wissen. Illusionen sind gefährlich, besonders in dieser Welt, in der wir jetzt leben. Es tut mir ja leid, dass der Lernprozess schmerzhaft für sie ist, aber er ist notwendig, wenn sie überleben wollen.

„Wegen Sophia … ich würde gerne bei ihrer Beerdigung dabei sein“, erklärte Carl.

„Klar, Kumpel, wir würden sie niemals ohne dich beisetzen“, versicherte ihm Shane, „Vielleicht können wir sie ja mit den Greenes gemeinsam beerdigen.“ Das wäre eine gute Gelegenheit für Hershel und seine Töchter ordentlich Abschied zu nehmen und sich endlich der Realität zu stellen. Shane hätte früher daran denken müssen, vielleicht hatte er das ja auch, aber die ganze Sache mit Lori hatte ihn abgelenkt. Aber Ablenkungen konnten mitunter tödlich sein. Das sollte Lori inzwischen wissen, sie sollte es besser wissen als so ein Stück zu spielen.

Die Beerdigung fand ohne Hershel statt und beinahe auch ohne Beth, die zwar auftauchte, aber verweint und verhärmt aussah. Shane musterte sie mit einer gewissen Sorge. Wo steckte Hershel? Er sollte sich um seine Tochter kümmern und sich nicht einfach absetzen! Welcher Alpha tat das? Merle hatte seinen Arm tröstend um Maggie gelegt. Glenn starrte das ungleiche Paar frustriert an.

Shane selbst wich Loris Blick und Anblick aus. Er musste nur in ihre Richtung sehen und wurde schon wieder wütend, und das durfte nicht sein, er konnte es sich nicht leisten sich von seiner Wut ablenken zu lassen. Seine Wut hatte bereits genug Schaden angerichtet, da alle anderen mit Ausnahme von Carl und Rick und der unbeeindruckten Maggie sowie den Brüdern Dixon ihn jetzt ständig besorgte Blicke zuwarfen und ihm nach Möglichkeit auswichen.

Warum tun sie so, als würde mit mir was nicht stimmen? Lori ist es doch, die …. Nein, er musste endlich damit aufhören sich gedanklich im Kreis zu drehen.

Wenige Stunden nach der Beerdigung beobachte er, wie Merle schlecht gelaunt aus dem Farmhaus gerannt kam, und danach sah er Maggie wieder öfter mit Glenn zusammen, zumindest dieses Problem schien sich damit erledigt zu haben, doch neue machten sich am Horizont bemerkbar. Hershel war immer noch verschollen, und Shane bekam mit wie sich Jimmy bei Patricia darüber beschwerte, dass Beth mit ihm Schluss gemacht habe und nicht mehr mit ihm sprechen wollte. Hershel sollte hier sein, dachte er wieder, das hier war der Ärger des anderen Alphas, nicht der Ärger von Shane.

Beth ging es zunehmend schlechter, sie sperrte sich in ihr Zimmer ein, weigerte sich zu essen, oder auch nur irgendjemanden zu sich herein zu lassen. Maggie starrte Shane ständig so an, als wäre das seine Schuld. Ist es aber nicht. Ich bin weder ihr Vater, noch ihr Alpha, ich habe ihr nie eingeredet, dass die Toten geheilt werden könnten! Ich habe ihnen allen nur die Wahrheit gesagt.

Und dann überraschte er Rick dabei, wie er sich auf einen Ausflug vorzubereiten schien. Gemeinsam mit Glenn füllte er seine Waffe auf und hatte seine festen Schuhe angezogen. „Was soll das hier werden?“, wollte Shane alarmiert wissen.

„Beth geht es schlechter. Wir können nicht mehr warten. Maggie hat uns ein paar Hinweise geliefert, denen wir nachgehen. Wir holen Hershel zurück“, erklärte Rick.

„Ihr beide ganz alleine?“, wiederholte Shane gar nicht erfreut.

„Er wird nicht weit gekommen sein“, meinte Rick, und Glenn nickte.

„Das ist nicht der Punkt“, widersprach Shane, „Wenn du gehst, Rick, dann komme ich mit.“

Rick blinzelte ihn irritiert an und wechselte dann einen kurzen Blick mit Glenn. „Ich glaube nicht, dass das nötig ist“, setzte sein Omega an, doch Shane unterbrach ihn. „Ohne mich gehst du nirgendwo hin“, erklärte er, „Die Farm ist im Augenblick sicher. Jetzt, wo Merle wieder clean ist, kann er auf die anderen aufpassen. Ich komme mit.“ Vielleicht würde ihm das dabei helfen seinen Kopf freizubekommen, nicht mehr ständig an Lori zu denken, oder an Maggie oder Beth, oder Otis. Ohne Ricks Einverständnis abzuwarten, griff er nach seiner eigenen Waffen und füllte ihre Patronen nach. Er konnte Ricks Blick auf sich spüren und wandte sich zu diesem um. „Und? Gehen wir endlich?“

Vielleicht war dieser Ausflug das, was er im Moment brauchte. Von dieser verfluchten Farm wegzukommen wäre eventuell genau das Richtige. Es wäre fast wie Urlaub. Und würde ihm die Gelegenheit geben Herhsel seine Meinung zum Thema Verantwortung des Alphas zu sagen. Was konnte man sich mehr wünschen?



IV.



Es war ein sehr angespanntes Mittagessen. Daryl warf Shane andauernd düstere Blicke zu, genau wie Glenn. Rick hatte ihn ja vorgewarnt, dass die anderen beiden Omegas anwesend sein würden, aber nachdem er zuletzt ganz okay mit ihnen ausgekommen war, hatte er sich etwas mehr Herzlichkeit und etwas weniger Feindseligkeit erwartet, aber nein, die beiden blickten ihn über den Tisch hinweg an, als wäre er der Feind.

Das war belastend. Aber Shane versuchte es zu ignorieren und sich auf Judith zu konzentrieren, die ihn mit großen Augen anstarrte, und nie woanders hinzusehen schien, und darüber fast zu Essen vergaß. Carl sah zwischen seiner Schwester und Shane hin und her und schüttelte über ihr Verhalten nur den Kopf.

Sie weiß, wer ich bin. Sie spürt die Verbindung zwischen uns. Da war sich Shane ganz sicher. Rick hatte ihn dem Mädchen als ihren Papa vorgestellt, aber die Tatsache, dass sie ihn daraufhin freudig begrüßt hatte, hätte nur Zufall sein können. Doch da sein Anblick und seine Gegenwart sie nach wie vor zu faszinieren schien, war es das nicht gewesen, sie wusste einfach, wer er war, dass er mehr war als nur irgendein verlorener Freund ihres Vaters, dass er wirklich ihr Papa war.

Das Gefühl, das das Wissen begleitete, dass dieses kleine Wesen von ihm abstammte, war allumfassend und unglaublich stark. Und genau deswegen durfte er sich davon nicht überwältigen lassen, er musste vorsichtig sein, durfte die Kontrolle nicht verlieren, nicht schon wieder.

Shane wusste, dass Rick ihn nachdenklich beobachtete. Er wollte ihm gerne sagen, dass er sich keine Sorgen machen musste, dass alles in Ordnung war, aber er wusste, dass Rick ihm das vermutlich nicht glauben würde.

Die anwesenden Nicht-Omegas, Andrea und Michonne, waren weniger offen feindselig als ihre Gäste, aber Shane konnte spüren, dass ihnen seine Anwesenheit hier keine große Freude bereitete. Sie verbargen das nur besser.

Das Essen war auch deswegen unangenehm, weil sie offenbar nicht wussten, worüber sie reden sollten. Es hätte genug Themen gegeben, doch keiner wollte diese vor den anderen anreißen, so viel war klar. Also redeten sie die meiste Zeit über gar nicht. Doch das Schweigen, was sich über den Tisch legte, war kein entspanntes Schweigen, es war ein angespanntes.

Schließlich war es Shane, der das Schweigen brach. „Und wer wird auf diese Versorgungsfahrt gehen?“, wollte er wissen und sah sich fragend am Tisch um.

„Daryl und ich vermutlich“, meinte Rick, „Vielleicht nehmen wir Jesus mit.“ Diese Antwort gefiel Shane gar nicht – nicht nur weil er keine Ahnung hatte, wer diese Person namens Jesus sein sollte, sondern aus diversen Gründen. Rick war ihm einen herausfordernden Blick zu, der Shane klar machte, dass das hier ein Test war. Wenn er nun versagte, würde Rick denken, dass er sich nicht geändert hatte, dass er immer noch der verrückte Alpha von der Farm war.

Shane zwang sich das gekochte Gemüse, das er vor Ricks Antwort in den Mund genommen hatte, herunterzuschlucken, bevor er sanft erwiderte: „Okay. Das hört sich nach einer schlagkräftigen Gruppe an. Wenn ihr sogar den Sohn Gottes auf eurer Seite habt….“

Der Witz starb einen grausamen Tod angesichts der steinernen Mienen, die ihn anblickten. „Das war ein Scherz. … Wer ist dieser Jesus?“, wollte er dann wissen.

„Paul Rovia“, erklärte Rick, „Er lebt noch nicht lange hier, hat aber Erfahrung dort draußen.“

Shane nickte nachdenklich. „Ihr nehmt also immer noch gerne Streuner auf“, stellte er fest.

„Er ist mein fester Freund“, verkündete Daryl, was nicht nur Shane dazu brachte ihm einen verwunderten Blick zuzuwerfen. „Ich meine, das ist der Grund, warum er jetzt hier lebt, bei uns“, stotterte Daryl angesichts der unerwarteten Aufmerksamkeit, mit der er bedacht wurde.

„Verstehe“, behauptete Shane, obwohl er gar nichts verstand. Irgendwie war das keine Information, die er erwartet hätte zu bekommen, oder von der die anderen erwartet hätten, dass er sie bekommen würde, wenn man nach ihrer Reaktion ging, und überhaupt hatte er sich, wenn er ehrlich war, nie Gedanken über Daryl Dixons Sexleben gemacht. Nach Eds Tod und besonders nach Sophias Verschwinden waren Daryl und Carol einander näher gekommen, aber er hatte nie wirklich darüber nachgedacht, ob sich daraus jemals mehr entwickeln würde als eine Freundschaft zwischen zwei geschlagenen Omegas. Und anders als alle anderen Mitglieder ihrer Gruppe von damals hatte Daryl nie Interesse an irgendjemanden gezeigt, der ihm über den Weg gelaufen war. Und seine Hitzen hatte er immer unterdrückt. Es war also alles möglich, aber trotzdem wunderte Shane irgendwie der Gedanke daran, dass Daryl Dixon mit jemanden, den er noch nicht besonders lange zu kennen schien, zusammen sein sollte. Das geht mich aber im Grunde nichts an.

„Nun auf jeden Fall wünsche ich euch viel Glück“, fügte er lahm hinzu. Ihm gefiel der Gedanke nicht, dass Rick und Daryl ohne Schusswaffen dort hinausgehen würden. Aber er konnte ihnen nicht einfach seine eigene oder die seiner Männer anbieten – das würde zu Negan durchdringen und hätte böse Konsequenzen für ihn. Rick und die anderen waren entwaffnet worden, und das nicht ohne Grund, Negan wollte sie so haben, es stand Shane nicht zu seine Anweisungen einfach so wieder aufzuheben.

Wenn er nun aber vorschlagen würde, dass er selbst oder einer der anderen Erlöser mit gehen sollten, dann würde das erstens seiner Aussage widersprechen, dass er ein Vertrauensverhältnis zu den Bewohner von Alexandria aufbauen wollte, und zweitens die Botschaft senden, dass er Omegas nicht zutraute alleine klar zu kommen. Dass er Rick nicht zutraute ohne ihn klar zu kommen. Das hatten sie alles schon hinter sich, und Shane wollte es dieses Mal besser machen, er wollte den Test bestehen, aber er konnte nicht anders als die Situation zu hassen. Er wollte so gerne nachfragen welches Geschlecht dieser Jesus-Paul-Kerl hatte, aber er wusste, dass er durchgefallen wäre, wenn er das tat. Omega-Selbstbestimmung war eine heikle Sache.

„Was für Waffen wollt ihr mitnehmen?“, erkundigte er sich wie nebenbei.

„Was uns gelassen wurde, und das ist nicht viel. Messer hauptsächlich“, meinte Rick. Daryls Armbrust hatten sie samt allen anderen Waffen wohl nicht mehr in ihren Besitz. Shane sollte wohl wirklich daran arbeiten dieses Schwert vom Sanctuary zurück zu bekommen. Dann hätten sie hier zumindest das wieder. „Mhm, wir sollten nachsehen, ob wir nicht noch was Nützlicheres finden“, erklärte Shane. Hatten die Erlöser wirklich alles Brauchbare mitgenommen? Wie dachten sie, dass dieses Rudel sich von nun an verteidigen sollte?

Rick neigte nur zustimmend Kopf, doch in seinen Augen blitzte es. Shane kannte ihn gut genug um zu wissen, dass es in ihm brodelte. Vielleicht wäre es klüger das Thema fallen zu lassen und den Rest der Mahlzeit schweigend zuzubringen.

Shane verbrachte den Rest des Tages damit einen Bogen zu basteln und die Bewohner von Alexandria zu interviewen. Dieser Paul Rovia tauchte auf, und es stellte sich heraus, dass auch er ein Omega war. Wieso nur überrascht mich das nicht?

Shane befragte ihn zu seiner Kampferfahrung, und Rovia behauptete er wäre gut im Nahkampf und wäre es gewohnt Beißer ohne Schusswaffen abzuwehren. Shane war versucht um eine Demonstration zu bitten, aber das würde eventuell falsch rüber kommen, wenn schon nicht bei Rovia, dann mit Sicherheit bei Daryl. Daryl. Shane konnte sich den langhaarigen bärtigen Omega, der ihm gegenüber saß, nicht zusammen mit Daryl Dixon vorstellen. Beim besten Willen nicht.

„Daryl also, ja? Kennt ihr euch schon lange?“, erkundigte er sich schließlich.

Der Omega blinzelte. Offenbar hatte er nicht erwartet, dass Shane von ihm und Daryl wusste. „Eigentlich nicht“, erklärte Rovia ausweichend.

„Und wir habt ihr euch kennengelernt?“, wollte Shane wissen.

„Wir haben uns versucht gegenseitig unsere Beute abzuluchsen“, erklärte Rovia. Nun das konnte sich Shane schon besser vorstellen. So war die Liebe zwischen den beiden offenbar zustande gekommen, durch vorhergehende Abneigung. Ja, das machte im Fall von Daryl Sinn.

Shane reichte dem Omega den Bogen. „Gib Daryl das, wenn du nach Hause kommst. Ihr müsst noch Pfeile herstellen, aber es ist besser als gar nichts. Wenn ihr schon rausfahrt, dann sollt ihr das gut gerüstet tun“, erklärte er.

Rovia betrachte den Bogen mit gerunzelter Stirn. „Okay“, meinte er dann. Shane hatte das Gefühl, dass er der Botschaft hinter dem Bogen misstraute. Vermutlich würde er nicht der einzige sein. Babyschritte sind besser als gar keine. Ich werde nicht aufhören daran zu arbeiten ihnen zu beweisen, dass ich auf ihrer Seite stehe, schwor sich Shane trotzdem.

Als er sein Büro verließ, suchte er Morales auf. Der hatte am Wachturm und hinter der Mauer Dienst geschoben. „Ist was vorgefallen?“, wollte Shane von ihm wissen.

„Nein, sie waren alle gesittet“, erwiderte Morales, „Sie scheinen uns allerdings nicht sehr zu mögen.“ Also ging es nicht nur Shane so. Er nickte Morales zu und machte sich dann auf zu Ricks Haus. Dort angekommen hielt er verunsichert inne. Wie sollte er weitervorgehen? Sollte er klingeln? Anklopfen?

Noch während er mit sich rang, tauchte Rick in der Tür auf. „Du hast nicht gesagt, dass du auch zum Abendessen vorbeikommst“, begrüßte ihn der Omega.

„Bin ich auch nicht. Ich würde mich nicht ohne Vorankündigung einfach selbst einladen“, sagte Shane und ignorierte aufblitzende Erinnerungen an die Zeit, als er das wie selbstverständlich getan hatte – sie stammten aus einem anderen Leben, aus der Zeit davor. „Ich wollte dir das hier geben.“ Shane reichte Rick die Mini-Axt, die nun schon seit langer Zeit an seinem Gürtel hing. „Für deinen Ausflug. Damit kannst du mehr Zerstörung anrichten und musst weniger genau zielen“, sagte er.

Rick starrte die Waffe einen Moment lang einfach nur an. Dann nahm er sie entgegen. „Ist das nicht deine?“, wollte er dann wissen.

Genaugenommen gehörte sie eigentlich wohl am ehesten Negan. Aber Shane trug sie nun schon so lange bei sich, dass er sie fast schon als Teil von sich selbst betrachtete. „Du brauchst sie im Moment dringender als ich“, erklärte er bestimmt, „Pass auf dich auf, wenn du dort draußen bist, ja?“

Rick musterte ihn prüfend, und da lag etwas in seinen Augen, etwas sanftes, wissendes   - und Shane drehte sich schnell weg, um so zu verbergen, dass er errötete, und verkündete: „Ich muss dann los. Mach noch einen letzten Rundgang. Gute Nacht, Rick. Grüß die Kinder von mir.“

Es war nur eine Waffe gewesen, kein Geschenk im eigentlichen Sinn, rief er sich in Erinnerung. Er war nur um Ricks Sicherheit besorgt, das war alles. Zu blöd, dass ihm erst jetzt einfiel, dass ein Alpha einen Omega nicht einfach so etwas schenken konnte, das zuvor ihm selbst gehört hatte, ohne dass jeder gleich annahm, dass da eine gewisse Absicht dahinter steckte. Die alten Codes und Gesten bedeuteten in dieser neuen Welt doch nichts mehr. Rick würde schon wissen, wie das gemeint gewesen war.

„Danke!“, rief ihm Rick hinterher, Shane drehte sich nicht zu ihm um.

Rick würde das alles mit Sicherheit nicht missverstehen. Es war nur eine Waffe. Kein Geschenk im eigentlichen Sinn. Und Daryl hatte er einen selbstgemachten Bogen zukommen lassen. Der würde das auch nicht missverstehen. Hoffte er zumindest.

Omegas. Shane hatte in den letzten Jahren beinahe vergessen, wie es war von Omegas umgeben zu sein. Kein Wunder, dass Negan durchdrehte - der war das vermutlich noch weniger gewohnt als Shane. Ob Rick weiß, dass er das hier gewinnen kann ohne einen einzigen Schuss abzugeben? Soll ich es ihm sagen? Würde er mir das überhaupt glauben?

Das Schlimmste an allem war, dass das erst Tag Eins gewesen war. Shanes Zeit in Alexandria hatte erst begonnen. Und sie würde mit Sicherheit so schnell nicht einfacher werden.



A/N: Was etabliertes Desus?, werdet ihr vielleicht fragen. Nun, nein, nicht wirklich. Das war Daryls nicht so kluge Ausrede, die noch Folgen haben wird.



Frohen Valentinstags!



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