Von schlaflosen Nächten und der Hoffnung auf Morgen

OneshotRomanze, Schmerz/Trost / P12
Tessa Gray Will Herondale
02.02.2020
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Von schlaflosen Nächten und der Hoffnung auf Morgen



Hallo ihr alle! Das ist ein kleiner Oneshot über Will und Tessa und darüber, wie sie mit der Situation nach Jems Verwandlung umgehen. Nichts spektakuläres also, einfach eine Situation, die ich schon seit Ewigkeiten in meinem Kopf habe und nun endlich teilen möchte. Viel Spaß!

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Will Herondale starrte zur dunklen Zimmerdecke hinauf. Neben ihm hörte er die ruhigen, gleichmäßigen Atemzüge seiner Ehefrau Tessa, die bereits seit Stunden schlief – was er auch tun sollte. Doch er konnte nicht schlafen. Mal wieder, wie so oft, seitdem vor einem Jahr sein bester Freund und Parabatai James Carstairs zu einem Bruder der Stille geworden war und ihn verlassen musste. Sie hatten sich seitdem nicht mehr gesehen und Will fühlte sich, als ob ihm ein Körperteil fehlen würde. Als er sich von Jem verabschieden musste, hatte er das Gefühl gehabt, vor einem Abgrund zu stehen; wie sollte seine Welt sich ohne ihn auch weiterdrehen? Aber natürlich war es weitergegangen. Will hatte Tessa geheiratet, seine wundervolle Tessa, und an einigen Tagen hatte er das Gefühl, glücklich zu sein, zumindest glücklicher, als er es sich jemals zu wünschen gewagt hatte. Ja, Tessa machte ihn glücklich, und nur ihr hatte er es zu verdanken, dass er nicht in einem tiefen Loch aus Traurigkeit und Verzweiflung versunken war. Sie brachte ihn zum Lachen und hatte die Gabe, ihn selbst in seinen düstersten Momenten aufzuheitern. Dank ihr hatte er nach Jems Weggang wieder begonnen zu essen, zu lachen, Scherze zu machen und am Leben im Institut teilzunehmen.

Doch wenn er allein war oder nicht schlafen konnte – was häufig vorkam – kamen die Gedanken wieder und damit auch die Trauer über alles, was er verloren hatte. Die Trauer um Jem, der wie ein Bruder für ihn war, um all die Jahre, die er sich verstellen und andere abweisen musste, und manchmal auch um Ella, die er sich lange Zeit verboten hatte und an die er nun, da er wieder Kontakt zu seiner Familie hatte, wieder erinnert wurde.

Schließlich hielt Will es nicht mehr aus. Leise, um Tessa nicht zu wecken, stieg er aus dem Bett, warf sich seinen Mantel über und verließ das Zimmer. Er schlich durch die verlassenen Flure des Instituts, wie er es schon so viele Male getan hatte, und gelangte schließlich durch die große Eingangstür nach draußen. Er sog die kühle Nachtluft ein und augenblicklich ging es ihm besser. Nach der Enthüllung, dass auf ihm nie ein Fluch gelastet hatte, war er eigentlich glücklich gewesen, diese nächtlichen Ausflüge in Zukunft nicht mehr unternehmen zu müssen, aber in manchen Nächten, wie in dieser, überkam ihn eine solche Ruhelosigkeit, dass er sich in diese alte Angewohnheit flüchtete, um seinen düsteren Gedanken zu entkommen.

Die Straßen Londons lagen auch nachts nie still; überall sah man betrunkene Männer aus den Gashäusern kommen und Kutschen, die auch zu später Stunde noch durch die Stadt fuhren. In diesem Treiben beachtete man Will nicht und er bahnte sich seinen Weg ohne einzukehren oder anzuhalten.


***


Ohne, dass Will davon wusste, lag auch Tessa in dieser Nacht wach. Natürlich hatte sie mitbekommen, dass ihr Mann in dieser Nacht wieder besonders unruhig war, aus diesem Grund hatte auch sie nicht tief geschlafen und war aufgewacht, als Will das Zimmer verlassen hatte. In den ersten Wochen hatte sie noch versucht, ihn daran zu hindern, nachts das Institut zu verlassen, doch aus irgendeinem Grund schien er diese Ausflüge zu brauchen. Sie beruhigten ihn. Seit einiger Zeit tat Tessa also so, als würde sie schlafen, wenn Will mal wieder das Bedürfnis dazu hatte, durch das nächtliche London zu streifen. Optimal war diese Situation nicht, doch Tessa hoffte, dass sich das von allein wieder legen würde. Sie seufzte. Sie brauchten wohl einfach noch etwas mehr Zeit. Ein Jahr war es nun her, dass Jem das Institut verlassen hatte und auch Tessa vermisste ihn jeden Tag. Es war nur natürlich, dass Will, der ihn schließlich länger gekannt hatte und sein Parabatai gewesen war, um ihn trauerte. Und es ging ihm ja auch schon viel besser. Er begann, sich in seine neue Rolle als ihr Ehemann einzufinden und konnte die Liebe, die sie ihm entgegenbrachte, viel besser erwidern als noch vor einigen Monaten. Er begann, wieder Menschen an sich heranzulassen. Hauptsächlich waren das sie selbst und Cecily, deren Anwesenheit sich als ein wahrer Segen entpuppt hatte, aber in letzter Zeit sah Tessa ihn auch häufiger mit Gideon. Sie begrüßte dies sehr, neue Freundschaften würden ihm sicher guttun.

Tessa drehte sich auf die Seite. Genauso, wie sie für Will eine Stütze war, war auch sie froh über die Gespräche, die sie führten. Niemand hatte Jem, der jetzt Bruder Zachariah war, so gut gekannt wie er, und es tat gut, über ihn zu reden. Sie beide liebten ihn, und dieses Wissen half ihnen beiden durch diese schwere Zeit.


***


Will hatte sich währenddessen doch in einem Park auf eine Bank an einem kleinen Teich gesetzt. Langsam atmete er ein und aus und versuchte, zur Ruhe zu kommen. Er befand sich in jenem Park, in dem er schon so oft mit Jem gewesen war. „Jem“, murmelte er leise und legte eine Hand auf die verblasste Parabatairune auf seiner Brust. Manchmal glaubte er, die Verbindung zwischen ihnen noch immer zu spüren, auch wenn er wusste, dass das eigentlich nicht möglich war. An solch erinnerungsträchtigen Orten war es besonders stark. Ob es Jem wohl genauso ging? Und ob er auch so oft an ihn dachte, wie Will an ihn? Eine Ente schwamm in einiger Entfernung an ihm vorüber. Will beobachtete sie misstrauisch, bereit, jederzeit aufzustehen, sollte sie ihm zu nah kommen. Mit diesen gruseligen Viechern wollte er noch immer nichts zu tun haben. Jem hätte ihn in dieser Situation aufgezogen oder anderweitig zum Lachen gebracht und die Ente gegebenenfalls verscheucht. Er mochte gern seine Witze machen, nahm Wills Furcht aber trotzdem ernst, so irrational sie auch sein mochte. Sie beide waren so ein eingespieltes Team gewesen, und es war so grausam, zwei Parabatai zu trennen… Aber es gab nun mal nichts, das Will hätte tun können. Er hatte alles in seiner Macht stehende getan, um Jem zu retten, und letztendlich lebte er, und das war das Wichtigste. Jem lebte, und Will würde ihn wiedersehen. Den Abschied zu akzeptieren, war hart, doch dieser Gedanke half ihm dabei.

Will erhob sich von der Parkbank. Er sehnte sich plötzlich nach Tessas Wärme und ihrem Trost, der ihn einfach hielt, ohne Fragen zu stellen, ohne, dass er sich erklären musste. Weil sie beide wussten, wie es sich anfühlte. Er lief den Weg durch die dunklen Straßen Londons zurück in Richtung Institut, der Morgen war noch immer nicht in Sicht. Der Spaziergang hatte ihn müde, aber auch hoffnungsvoller gestimmt, und Will hoffte, nun endlich einschlafen zu können.


***


Tessa hörte das leide Knarren der Schlafzimmertür; Will war zurück. Er legte seinen Mantel auf einem Stuhl ab und stieg vorsichtig zurück ins Bett. Als er wieder neben Tessa lag, zog sie ihn wortlos in eine Umarmung. Will schnappte überrascht nach Luft. „Du bist wach…“, murmelte er. „Natürlich“, antwortete Tessa; dann schwiegen sie wieder. Will entspannte sich ein wenig und begann, sich an Tessas Seite anzuschmiegen. So lagen sie noch sehr lange da. Keiner von ihnen sagte ein Wort, doch es war kein unangenehmes Schweigen, weil sie wussten, was der jeweils andere dachte. In dieser Situation brauchten sie keine Worte. Schlaf fanden sie beide erst in den frühen Morgenstunden, und als der Tag anbrach und es Zeit war, aufzustehen, waren sie noch immer eng umschlungen. Will lächelte sie vorsichtig an. „Guten Morgen, Tessa“, sagte er. Er wirkte übermüdet und gerädert, wie nach jeder Nacht, in der er nicht schlafen konnte, Tessa konnte aber auch einen Funken Hoffnung in seinen Augen erkennen. Sie war erleichtert; auch für sie war diese Nacht nicht einfach gewesen. Die Trauer verlangte ihnen beiden noch immer einiges ab, auch wenn diese Tage seltener geworden waren. Es war jedes Mal schön zu sehen, dass es auch wieder besser wurde. Sie wusste, dass sie beide das gemeinsam schaffen würden. Sie waren so stark zusammen, es würde schon gehen. Irgendwie. Und so begannen sie beide diesen neuen Tag in der Hoffnung, er würde die dunklen Stunden der Nacht vertreiben.