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M0nst3r

von Caidh
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Dino Ghiranze Ignis Scientia Prompto Argentum Titus Drautos
02.02.2020
02.03.2021
17
68.797
5
Alle Kapitel
17 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
23.02.2021 4.581
 
Tipptipptipptipptipptippti- "Huh, wie, sieben?"

Pause.

"Einzweidreivierfünfmist."

Er schloss die Augen und versuchte das Drehen zu ignorieren, dass ihn in die neu gewonnene Dunkelheit verfolgte.

"Einsweidreivi- narf!"

Er holte tief Luft, um sich zu konzentrieren. Ohne dass er dessen gewahr wurde, bewegte sich der Mittelfinger seiner Rechten auf und ab, hoch, runter auf den aufgeheizten Boden, hoch, wieder runter. Lautlos versuchte er mitzuzählen, wie oft er im Refrain eines seiner Lieblingslieder das trockene und dennoch satte Geräusch der Basstrommel hörte. Je nachdem, wie ein Song gemixt war, fiel es ihm schwerer oder leichter, das Instrument aus der melodischen Kakofonie und den schier unzähligen Soundspuren herauszuhören. Bei diesem Lied im recht simplen Viervierteltakt war das einfacher, das war nicht das Problem. Das wahre Problem war, dass der Drummer im Refrain einen der als plausibel anzunehmenden Anschläge quasi unter das Podest fallen ließ, und das mit einer Präzision wiederholte, die einfach nur beneidenswert war. Mit einer absurden Geschwindigkeit, die jedem Hobbytrommler den blanken Neid ins Gesicht schrieb.

"Wäre alless kein Prolem, wenn …" Er setzte seinen Gedanken nicht fort. Stattdessen gab er sein Vorhaben mit einem Seufzen auf, ausgerechnet jetzt, in der Mitte der Nacht, den Trommelwirbel eines Musikers zu entschlüsseln. Seine Hand tastete nach dem Telefon, das neben ihm lag. Er drückte einen der Seitenknöpfe. Aus den Stöpseln in seinen Ohren rauschte ein anderes Lied derselben Band. Schallte ihm in extremer Lautstärke durch das Hirn, um noch die Gedanken zu betäuben, die nicht bereits dem Alkohol erlegen waren.

Denn das eigentliche Problem war weder der Mix eines Songs noch der Mix eines Drinks. Nach einigen Gläsern Duscae Mule war ihm der Spicy Ginger ausgegangen und deswegen trank er nun nur noch das, was ihm geblieben war: Wodka. Während er weit nach Mitternacht mit dem Rücken ausgestreckt wie ein Seestern auf einer Decke auf dem Dach seines Wohnhauses lag. Die Decke hatte er dank eines Geistesblitzes von der Couch mitgehen lassen, damit ihm der von der Sonne aufgeheizte Beton nicht die Haut vom Rücken grillte. So viel Verstand hatte er noch besessen.

Vielleicht war der Mix seines Drinks doch ein Problem, aber das zu erkennen, dafür war er schon viel zu betrunken. Wahrscheinlich würde er nicht einmal mehr aufstehen und geradeaus gehen können, geschweige denn die wackeligen, metallenen Treppen hinuntersteigen, um wieder zurück ins Loft und von dort aus in sein Bett zu gelangen.

Wieder wechselte das Lied. Es begann mit einer Klaviermelodie und fast war Prompto gewillt, den Song zu überspringen, blieb aber doch dabei. Das Lied begann ruhig, würde aber in wenigen Takten in seiner Lautstärke anschwellen, Tempo aufnehmen und durch seine Gehörgänge rauschen. "Could be wrong, but it should have been right", nuschelte er vollkommen verständlich, wenn auch etwas langsam vor sich hin, als das erste Mal der Refrain spielte. Umstehende hätten annehmen können, dass Prompto völlig klar bei Verstand wäre.

Aber das war er nicht. Tatsächlich war er sehr weit davon entfernt.

Er versuchte alles ihm Erdenkliche, um Ignis aus seinen Gedanken zu verbannen und er hatte keinen besseren Weg gesehen, als den dumpfen Schmerz in seinem Herzen zu ertränken. Kaum, dass er nach Hause kam und feststellte, dass auch sonst niemand da war, hatte er den Wodka und die säuerliche wie scharfe Limonade genommen, und war mit Glas und Decke unterm Arm aufs Dach umgezogen. Um sich wegzulöten, mit Alkohol und ohrenbetäubend lauter Musik.

Aber irgendwie gelang ihm das nicht.

Ein Teil seines berauschten Hirns spielte mit sich selbst Pingpong und versuchte das Mysterium Ignis zu entschlüsseln.

Dieser Mann war ihm ein absolutes Rätsel. Attraktiv wie sonst was, klug, wortgewandt und elegant, dabei aber so überheblich und abweisend, dass Prompto sich wunderte, dass er in Ignis' Gegenwart nicht einfach zu Eis erstarrt war. Die Momente, in denen er seinen ganzen Mut zusammen nahm - oder in denen sein übermütiges Selbst schneller sprach als dachte -, hatten mit erstaunlicher Leichtigkeit und Präzision die Risse in Ignis' Panzer entlarvt. Prompto war während ihres gemeinsamen Spaziergangs ohnehin schon mit affenartiger Geschwindigkeit im emotionalen Kettenkarussell gefahren, auf und ab, rauf und runter. Von einer merkwürdigen Situation in die nächste, ohne einmal auf die Bremse zu treten.

Er schwitzte in der Hitze wie ein Schwein und er transpirierte in Ignis' Nähe noch schlimmer. Aus Angst, weil er sich für ein paar Atemzüge ernsthaft bedroht gefühlt hatte. Aus Verunsicherung und weil er bereits alle Felle hatte fortschwimmen sehen. Aus Glück darüber, dass Ignis ihn nicht einfach hatte gehen lassen, sondern ihn aufhielt.

"Das erse Mal", murmelte Prompto düster. Seine Hand wanderte zu dem Glas. Als er es fand, überkam ihn das Gefühl, dass er unmöglich auf dem Rücken liegend trinken könnte, ohne sich die Hälfte der farblosen Flüssigkeit über die Klamotten zu schütten. Also machte er das einzige, was ihm sinnvoll erschien. Er begann eher ungeschickt damit, sein kurzärmliges Sommerhemd mit einem dezenten Blumenprint aufzuknöpfen. "Boah kommscho", entfuhr es ihm, als sich zwei der kleinen Knöpfe als besonders widerspenstig herausstellten - oder seine Finger als besonders ungeschickt.

Als ihm ein Abkühlung versprechender Windhauch über die blanke Brust strich, seufzte er beglückt und zog das Glas näher an sich heran. Überdeutlich schwammen die Worte "I need you out of my head" des aktuellen Liedes durch sein Hirn, während Prompto mit mühsam erhobenem Kopf am Glas schlürfte. Das war eine so überraschend passende Zeile, dass er einen Schluck Wodka in einem feinen Nebel über seine Brust prustete. Er kicherte leise vor sich hin und begeisterte sich dabei noch mehr über das Wackeln seines ganzen Körpers. Nach einem weiteren großzügigen Schluck stellte Prompto das Glas zur Seite und schnaufte in die Dunkelheit hinein. In der Annahme, dass sich um ihn herum absolut alles noch schlimmer drehen würde, wenn er die Augen öffnete, hatte er sie die ganze Zeit geschlossen gehalten.

"Dimdedidedimmdimm", summte er wörtlich einen Klavierpart mit. Vielleischt lenkt misch das vom sweiten

Ja, das erste Mal hatte Ignis ihn nicht gehen lassen.

Aber das zweite Mal …

Als Titus im unpassendsten Moment seit Menschengedenken aus dem Nichts auftauchte und Besitz von Ignis ergriff. "Jaaajaaa", meinte er in die Dunkelheit. Es passte keine andere Beschreibung besser als jenes Wort: besitzergreifend. Ignis hatte sich der Situation ergeben, ob er nun wollte oder nicht.

Prompto hatte ihn beobachtet, hatte zugehört, wie er sprach, mit welchen Gesten er seine Worte unterstrich. Und er glaubte erkannt zu haben, dass Ignis nicht dort sein wollte. Nicht wirklich.

Das Paradoxe daran war aber … Prompto hatte den Eindruck gewonnen, dass Ignis gehen wollte. Doch er tat es nicht. "Auswechem Gru-grund?" sinnierte er vor sich hin und tippte sich mit dem Daumen ans Kinn, während die Stimme in seinen Ohren sich wünschte, jemand würde alle Erinnerungen ausradieren. Die Finger seiner anderen Hand spielten unbewusst die Basstrommel des Songs mit.

Wurde Ignis erpresst? War er Titus verpflichtet? Was sorgte dafür, dass dieser so taff erscheinende Kerl für Sekundenbruchteile so zart wie ein Vogel wirkte. Eingesperrt in einen Käfig, dessen Tür zwar offen stand, doch Ignis schien dem Versprechen der Freiheit nicht zu trauen.

"Lalalalalalalala", unterstützte Prompto seine Gedankengänge lauthals und griff dabei abermals nach dem Glas, das rein vom Gewicht her bereits zum wiederholten Male bedenklich leer erschien. "Hmmmmmmm", brummte er vor sich hin. Vielleicht war es besser, wenn er dann erstmal nichts mehr trank, da er die restliche Nacht nicht über der Schüssel verbringen wollte.

Er blieb so liegen wie er war. "Ignis", flüsterte er sanft.

Und hinfort waren vorerst all seine Gedanken, die sich mit den Beweggründen des anderen beschäftigten, und da waren nun all die Erinnerungen an die Momente, in denen Prompto, wenn er wirklich, wirklich superviel Mut gehabt hätte, Ignis hätte küssen können. In der Bibliothek als Ignis das erste Mal seine Maske hatte fallen lassen, um Prompto unmissverständlich klar zu machen, dass er in diesen Kreisen nicht Ignis war, sondern Calidus. Oder als Prompto zaghaft versuchte, sich zu entschuldigen. Als er aus einem Impuls heraus nach der Hand des anderen gegriffen hatte, weil er das Gefühl gehabt hatte, aus Ignis wollte die pure Verzweiflung heraussprudeln.

Oder als sie nebeneinander auf der Terrasse standen, verborgen vor den Augen aller, im schützenden Schatten der Nacht. Aus dem Augenwinkel hatte Prompto Ignis lächeln sehen. Er wäre auf der Stelle dahingeschmolzen, wenn ihn nicht Titus mit seiner Ankunft unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt hätte. So hatte er all seine Fassung und seinen Stolz zusammenkratzen müssen, um sich erstens seine Verknalltheit nicht anmerken zu lassen und um zweitens noch einen einigermaßen coolen Abgang hinzulegen. Denn er hätte es nicht ertragen, noch mehr zu sehen. Es war ihm schon zu viel, dass Titus Ignis in seinen Arm zog. Und eines hatte er gewusst: Hätte er sich umgedreht, diesem quälenden Wunsch nachgegeben, Ignis noch einen letzten Blick zuzuwerfen, dann hätte es ihm sein Herz gebrochen.

"Ignis", wiederholte er tonlos. Die Musik rückte in den Hintergrund als er langsam Luft durch seine geöffneten Lippen sog. Er glaubte, grüne Augen in der Dunkelheit zu erkennen, die sich ihm näherten. Er spürte ein leichtes und ganz und gar nicht unangenehmes Gewicht auf seiner Hüfte. Ein Keuchen entkam seiner Kehle. Wärme erfasste seinen Körper und sofort rollte eine Welle der Erregung über ihn hinweg. "Was-" Er brach ab als sich ein Finger auf seine Lippen legte, dann zart darüber strich, über sein Kinn, über seinen Hals, über die Vertiefung, an der seine Schlüsselbeine aufeinandertrafen. Sein Herz trommelte gegen seinen Brustkorb, bereit, ihn zu sprengen und hinauszuhüpfen. Er legte mit einem Seufzen den Kopf in den Nacken, als Fingerspitzen über seine nackte Haut spazierten, als wären sie ein zärtlicher, warmer Sommerregen. Sie zeichneten die kaum sichtbaren Muskeln nach, die er sich in manischen Monaten mit Langhanteln und Gewichten mühsam antrainiert hatte. Als die Berührungen seine Leiste erreichten-

In seinen Ohren schrie es. Prompto schrie auch, und es war wahrscheinlich der aberwitzigste und lauteste Schrei seines gesamten jungen Lebens. Denn plötzlich war er eiskalt und klatschnass. Er fuhr auf wie eine Furie, mit schlackernden Beinen und wirbelnden Armen, bereit, sich verteidigen zu müssen. Er glaubte, Lachen zu hören. "Scheißfuck!" brüllte er in die Dunkelheit und zwang sich dazu die Augen aufzumachen.

Seine Illusion zerplatzte wie eine Seifenblase. Da war kein Ignis, der überraschend und unverhofft auf dem Dach aufgekreuzt war und ihn, Prompto, zu leidenschaftlichem Sex unterm Sternenhimmel verführen wollte. Nein, vor ihm stand Noctis, der seinem Gesichtsausdruck zufolge unverschämt laut und herzlich über seinen besten Freund lachte. In seiner Linken an einem Henkel baumelte ein Eimer hin und her.

"Scheiße Alter!!!" Prompto brüllte danach nur noch unverständliches Zeug. Seine Tirade mischte sich mit dem immer noch anhaltenden Gelächter aus Noctis' Mund. Wütend riss er die Ohrstöpsel raus und warf sie nach Noctis. Er versuchte angestrengt den Kampf gegen die Gravitation und seinen Alkoholnebel zu gewinnen, und sich auf seine Füße zu stellen; ein Unterfangen, das ihm verständlicherweise nicht besonders leicht fiel. Das machte ihn nur noch wütender. Als er sich endlich aufgerappelt hatte, stürzte er mit ausgestreckten Armen in Noctis' Richtung, bereit, dem verwöhnten, lachenden Pinkel möglichst unfreundlich die Visage zu polieren. Er holte zu einem Schwinger aus und visierte Noctis' Nase an. In einem großen Bogen flog seine Faust unausweichlich auf ihn zu …

Zumindest glaubte Prompto, dass sein Schlag unmöglich verfehlen konnte.

In der nüchternen Realität von Noctis jedoch machte der einfach einen Seitenschritt, und der vor sich hin schreiende Prompto rauschte mit Vollgas ins Leere. Geistesgegenwärtig drehte sich Noctis blitzschnell um und hielt seinen Freund am Hosenbund fest, bevor der womöglich stolperte und sich das Gesicht aufschlug.

"Fucking Arschkrampe, lass misch!" polterte Prompto.

"Eine sehr unglückliche Wortwahl", entgegnete Noctis und ließ los.

Mit einem Patschen seiner Hände klatschte er auf dem Boden auf und jaulte gleichzeitig, weil seine Knie schmerzten. Tränen schossen ihm in die Augen. Er ließ sich auf den Hintern plumpsen und hielt sich die Stirn. Das war ihm jetzt alles zu viel. Schritte näherten sich, die Sohlen von Noctis' Sneakern kratzten über den Beton als er sich zu ihm hockte. Eine Hand legte sich auf Promptos Rücken.

"Dude, hast du jetzt völlig die Kontrolle verloren? Lässt dich volllaufen und besorgst es dir an einem öffentlich zugänglichen Ort? Manchmal zweifle' ich hart an deinem Verstand, Prompto."

Er wehrte sich dagegen, dass Noctis nach seinem Arm griff, um ihn hochzuziehen, und versagte dabei kläglich. Auf wackligen Beinen und halb auf den anderen gestützt, brachte er irgendwie die erste Treppe hinter sich, die vom Dach ins Innere des ehemaligen Fabrikgebäudes führte. Nach diesen zwanzig, dreißig klaren Sekunden erinnerte sich sein Kopf an seinen Zustand und sofort begann alles sich um ihn zu drehen. Die andere Treppe wurde er von Noctis mehr geschleppt, als dass er noch selbst gehen konnte.

Bereits das Licht von den Deckenstrahlern im Flur jagte Prompto tausend kleine Nadeln durchs Hirn, und in seiner eigenen Wohnung wurde es nicht besser. Mit einem Wimmern versteckte er seinen Kopf in seinem Oberarm. Die genuschelten Worte zweier Stimmen hörte er zwar, doch er verstand sie nicht; sie ergaben einfach keinen Sinn und eigentlich gab er einen Scheiß drauf, was Noctis und Cindy nun für Blicke austauschen würden, die sich irgendwo zwischen Vorwurf und Besorgnis ansiedelten. Mit einer Handbewegung schob er ihm aktuell lästige Bemerkungen wie "schon wieder?" zur Seite. Noctis setzte sich abermals in Bewegung und damit auch Prompto. Nach nur wenigen weiteren Schritten erreichten sie die Dunkelheit seines eigenen Zimmers. Freundlicherweise verzichtete Noctis darauf, das Licht einzuschalten. Er wusste auch so, dass es von der Tür nur zwei Meter bis zum Bett waren, auf das er Prompto nun wie einen schweren Sack voll Reis plumpsen ließ.

Prompto blieb so wie er gelandet war bäuchlings liegen. Seine Ohren vernahmen ein monströs lautes, blechernes Geräusch. "Arrrrrr", schrie er gedämpft in die Decke, die unter ihm lag.

"Dude, hier drin ist es so heiß, ich muss das Fenster aufmachen. Woher soll ich denn wissen, dass du deine Hiha umgestellt hast?" kam es von Noctis zurück, nachdem das Klacken eines geöffneten Fensterschlosses und das leichte Quietschen des klemmenden Scharniers durchs Zimmer getost waren.

"Hi-Hatdammit", brüllte er hemmungslos in die Decke.

"Ich versteh dich nicht, wenn dein vorlautes Maul voller Flusen ist", entgegnete Noctis, nachdem er sich zurück zur Zimmertür gekämpft hatte.

Ein ohrenbetäubendes Plonk ertönte. "Eimer ist hier", ertönte Cindys Stimme.

"Brauchichnich", nuschelte er ohne den Kopf zu drehen.

"Prom-" begann Cindy, doch Noctis schnitt ihr das Wort ab.

"Schlaf mal das Arschloch raus, das heute in dir steckt, Alter."

Ein Klappen und dann war es endlich still. Prompto war mit sich, seinem betrunkenen Kopf und dem Schweigen allein. Seine Ohren pfiffen ein wenig, nachdem er sie mehrere Stunden mit lauter Musik malträtiert hatte. Zwei Atemzüge lang blieb er liegen, wie er war. Dann dachte er sich, dass er zumindest die Hose loswerden sollte. Nach der Aktion von Noctis musste er sich zumindest keine Sorgen mehr um seine Erektion machen; die war genauso dahin wie seine Fantasie von Ignis.

"Ignis", flüsterte er wieder, während er sich auf den Rücken kämpfte, mit einiger Mühe die Schnalle seines Gürtels öffnete und sich irgendwie so hin und her drehte, dass er die Hose von den Beinen strampeln konnte. Das war alles unglaublich anstrengend für ihn. Er stieß ein Zischen aus und spürte die Sommerhitze, die in seinem Zimmer gefangen war, am ganzen Leib. Doch er war ohnehin noch feucht, von dem Wasser, das Noctis über ihn ausgeschüttet hatte. Vom Fenster her kam ein kleiner Lufthauch. Der kühlte. Ein wenig. Immerhin.

"Ignis", hauchte er noch einmal. Die Tränen kamen wieder. Er presste die Handballen gegen seine Augen.

Einen klaren Gedanken fasste er etwa fünf Stunden später. Die digitale Anzeige des Weckers auf dem Nachttisch sagte ihm, dass es halb neun war. Prompto versuchte sich aufzusetzen und scheiterte am heftigen Schwindel, der ihn packte. Er ließ sich wieder auf die Matratze fallen. Menschliche Körper hatten die verdammt hinterhältige Angewohnheit, in ein paar Stunden nur so viel Alkohol abzubauen, dass er wieder einen akzeptables Niveau erreicht hatte und dass keine Vergiftung mehr drohte. Um dann den Betrunkenen wieder aufzuwecken. Wahrscheinlich ein Überlebensinstinkt. Sprich: Nach ein paar Stunden Schlaf blieb immer noch ausreichend Watte im Hirn zurück. Nur machte das dann so überhaupt keinen Spaß mehr.

Prompto hob den rechten Arm und fuhr sich durch das verklebte Haar. Immerhin hatte er sich nicht übergeben. Besser fühlte er sich deswegen nicht. Überhaupt fühlte er sich durch den Alkohol nicht besser, sondern nur noch miserabler und hoffnungsloser. Er hatte sich Hals über Kopf in einen Typen verknallt, der für ihn so gut wie unerreichbar war. Den er tunlichst aus seinem Herzen streichen sollte, wollte er nicht daran verzweifeln.

Er drehte den Kopf nach links und sah zum Fenster, durch das die Sonne kam. Sah Staubpartikel durch die Lichtstrahlen flirren. Sah sein Drumkit und erinnerte sich daran, dass Noctis dagegen gekommen war. Erinnerte sich daran, dass er Noctis fast ein Veilchen verpasst hätte und fühlte sich noch viel bescheidener als ohnehin schon. Da war wohl eine dicke Entschuldigung fällig.

“Ugh”, murmelte er. Er drehte sich nach rechts zum Nachttisch und tastete mit den Fingern nach seinem Telefon, doch das lag nicht an seinem üblichen Platz. Prompto schreckte auf und weckte damit nicht nur erneut den Schwindel, sondern auch die Übelkeit. Eines davon wollte seinen Körper möglichst schnell verlassen.

Er ließ sich nach rechts fallen, rutschte dabei vom Bett und konnte sich gerade noch so eben abstützen, bevor er den Teppich knutschte. Als er unten angekommen war, krabbelte er auf allen Vieren auf den Eimer zu, den Cindy fürsorglich neben der Tür abgestellt hatte, und ließ die ganze Nacht noch einmal Revue passieren. Das, was da aus seinem Magen rauskam, war weitestgehend klar, und das überraschte Prompto nicht wirklich, hatte er doch am vorherigen Tag kaum etwas gegessen.

Als sein Magen erst einmal Ruhe gab, lehnte Prompto sich an sein Bett und wischte sich mit dem Unterarm Schweiß wie Tränen aus dem Gesicht. Dann rümpfte er die Nase. Er stank. “Surprise”, murmelte er ironisch. Wenn er etwas daran ändern wollte, dann musste er sich wohl oder übel aufraffen und dem Badezimmer einen Besuch abstatten. Er rappelte sich hoch und stand nach elendig langen Sekunden immerhin auf wackeligen Beinen. Den Eimer nahm er gleich mit. Er öffnete die Tür und sah zu seiner Überraschung Cindy auf der Couch sitzen, die ihm einen langen und argwöhnischen Blick zuwarf.

Prompto sah an sich herunter. Er trug nicht viel mehr an seinem Körper als eine Retroshorts an seiner Hüfte und einen Eimer Kotze in der Hand.

Cindy winkte ab und widmete sich der Lektüre auf ihrem Schoß. “Nichts zu sehen, was ich nicht schon mal gesehen hätte. Hauptsache ist, dass du einigermaßen heile aussiehst. Geh erstmal ins Bad.”

Er nickte stumm und wandte sich zum Badezimmer hin. Er brauchte eine Weile, sich den gröbsten Part seines Katers aus dem Körper zu waschen und mit Zahnpasta zumindest den säuerlichen Geschmack in seinem Mund zu bekämpfen. In seinen knallgelben Bademantel gehüllt und mit einem formschönen Handtuchturban um den Kopf schlüpfte er wieder in seinen Raum, um sich in eine schwarze Skinny und ein ebenso dunkles ärmelloses Shirt zu hüllen. Mit dem Handtuch rubbelte er das feuchte Haar, fuhr ein paar mal mit den Fingern hindurch und konnte sich an diesem Tag nicht dazu aufraffen, seiner Frisur irgendeine Form zu verpassen. Das würde eher früher denn später darin enden, dass ihm Strähnen in die Stirn hängen würden, aber das war ihm gleich. Er hatte nichts vor, außer sich seinem Herzschmerz hinzugeben. Es sei denn natürlich, Titus-

Er schlug sich vor die Stirn und stürmte barfuß aus seinem Zimmer, als ihm sein Telefon einfiel.

"Dein Telefon und deine Stöpsel liegen hier", meinte Cindy just in diesem Moment, als hätte sie seine unsortierten Gedanken gelesen, und deutete neben sich auf die Sitzfläche des Sofas.

Prompto grinste schüchtern und ließ sich auf die Couch nieder, nachdem er seine Sachen mit einem kurzen Blick aufs Display des Smartphones zur Seite geschoben hatte. Er konnte sich schon denken, was ihm bevorstand. Doch Cindy schwieg, anders als sonst, wenn sie ihm den Kopf zurechtrücken wollte. Er schlug die ausgestreckten Beine übereinander und beugte sich vor, damit er seine Freundin nicht ansehen musste. "Du bist heute nicht in der Werkstatt?" meinte er schließlich.

"Nee, ich muss ja das Wrack reparieren, das mit mir die Wohnung teilt", erwiderte sie trocken und ohne die gewohnte Herzlichkeit in der Stimme. "Du schaust ganz schön scheiße aus der Wäsche."

Prompto schloss die Augen und ließ den Kopf hängen. "Es tut mir leid", sagte er deutlich.

"Wenn du jemandem eine Entschuldigung schuldest, dann ist es Noctis."

"Er ist ziemlich pissed nehme ich an?"

"Mhm", antwortete Cindy. "Da ist ein bisschen mehr fällig als ein dahin gestammeltes Sorry."

Er kratzte sich am Hinterkopf und schaute dann zu ihr. "Ich werd' mir was überlegen."

"Besser ist's." Cindy erwiderte seinen Blick ernsthaft und schwieg für den Augenblick. Nach ein paar Sekunden legte sie den Kopf schief. "Weißt du, es ist vielleicht nichts. Aber du hast gerade mal seit ein paar Tagen diesen Job, und wenigstens die vergangenen zwei davon warst du hackenstramm. Muss ich mir Sorgen um dich machen, Prompto?"

Kurz dachte er über ihre Worte nach. Dann schüttelte er zaghaft den Kopf, darum bemüht, mit der Bewegung keinen Anfall akuter Katerschmerzen darin auszulösen. "Ich lass erst einmal die Finger vom Alkohol", nuschelte er, obwohl er nicht vollends davon überzeugt war, dass er diesen Vorsatz einhalten könnte.

"Besser ist's", wiederholte Cindy. Anschließend holte sie tief Luft. "Und wenn dir das nicht gelingen sollte, dann musst du überlegen, ob das der richtige Arbeitgeber für dich ist", fügte sie hinzu.

Sie sagte das nicht einfach leichtherzig dahin, das wusste Prompto. Ihrem Tonfall allein entnahm er, dass sie sich um ihn sorgte. Er blickte geradeaus zum Fernseher, auf dem irgendeine Nachrichtensendung ohne Ton lief. "Das allein-" Er stellte seine Beine auf, stützte seine Ellenbogen darauf und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar, um es zu raufen. "Das allein ist es nicht."

"Hmm", machte sie nur. Als er nicht weitersprach, hörte er, wie sie ihre Lektüre zur Seite legte. Das Sofa knarzte ein wenig, während sie sich aufrichtete. Ihre Rechte legte sich auf seine Schulter. "Geht es um diesen Cal? Noctis meinte, du hättest ihn angelabert?"

Er holte Luft und wollte sie darüber aufklären, dass das nicht Ignis' richtiger Name war, doch für den Moment befand er das Ganze zu kompliziert zum Erklären. Er wollte sich lieber aufs Wesentliche konzentrieren. "Ja", antwortete er in seine Handflächen, mit denen er sich durchs Gesicht rieb. Prompto guckte abermals zu Cindy. "Ich konnte mich ein bisschen länger mit ihm unterhalten und … ich bin absolut in ihn verschossen. Aber ich befürchte …" Die Gewissheit zu äußern fiel ihm schwer, und so druckste er ein wenig herum, in der Hoffnung, es würde ihm leichter fallen, mit der Sprache herauszurücken. "Nun, also … ich glaube, fürchte, dass ich da nicht der einzige bin. Und … das ist die totale Katastrophe."

Cindy biss sich auf die Unterlippe. "Das ist die totale Katastrophe für dich, Prompto", bestätigte sie dann. Sie wuschelte sich durch die blonden Locken und knabberte anschließend an einem Stück Haut herum, das sie an ihrem linken Zeigefinger entdeckt hatte. "Titus nehme ich an?" erkundigte sie sich, während sie den Fingernagel begutachtete.

Er nickte.

"Puh", war ihre einzige Antwort. Sie faltete ihre Hände schließlich zusammen und starrte für einige Atemzüge in die Leere. "Und du glaubst, dass das den Stress wert ist?" fragte sie mit einem langen Blick. "Ist Cal das wert? Ist er es wert, dass du dich in einer Tour volllaufen lässt und danach alles wieder ausröcheln musst?"

"Ich-"

"Nee", unterbrach sie ihn. "Ich hab' dir gestern ganz genau angesehen, was los war, als du uns gestört hast. Und da war nicht nur Noctis sauer auf dich. Wenn das so weiter geht, und du dich auf unsere Kosten so selbstzerstörerisch verhältst, prügel' ich dich selbst so windelweich, dass dir Hören und Sehen vergeht und du nicht einmal mehr weißt, wie dieser Cal eigentlich ausschaut."

Uff. Das saß. Mit ihr war nicht zu spaßen, wenn sie ihm Prügel androhte. Dazu hatte Cindy recht. In nur wenigen Tagen war er von einem respektablen Fotografen zu einem sabbernden Vollhonk verkommen, der offenbar jegliche Warnsirenen ignorieren und mit Anlauf in sein eigenes Verderben rennen wollte.

"Noctis hat dich vor Drautos gewarnt, und ich habe es selbst nicht ernst genommen. Aber langsam mache ich mir Gedanken darüber, ob da doch was dran sein könnte. Und ich möchte nicht, dass mein bester Kumpel unter die Räder kommt und sich in Angelegenheiten einmischt, die ihm nicht bekommen könnten."

Er wandte sich ab und schluckte. "Könntest du das so einfach?" fragte er bedrückt. Er fasste sich an die Brust, als sein Herz einen Takt schneller schlug, bei dem Gedanken, Ignis aufzugeben, ihn nicht mehr sehen, ihn niemals mehr berühren zu können. "Deine ganzen Gefühle unterdrücken, weil … weil jemand auf den ersten Blick nicht richtig für dich erscheint?"

"Moment mal", unterbrach ihn Cindy hörbar irritiert. "Ich denke wir reden hier von einem verknallten Prompto, von einer Verschossenheit. Von einer temporären Geilheit auf einen sexuell attraktiven Menschen, ohne dass du weißt, was dahinter steckt."

Prompto starrte die Uhr über der Tür an. Der längere der beiden Zeiger tickte unaufhaltsam weiter und weiter. Er spürte sein Herz schlagen. Es tickte doppelt so schnell wie dieser Zeiger während er an Ignis dachte. Die Augen. Das Lächeln. Seine Stimme. Die Worte.

"Prompto!" meinte sie ungeduldig und mit einem Tonfall, der deutlich an Schärfe gewonnen hatte.

"Scheiße", entfuhr es ihm laut. "Ich weiß es doch verdammt noch mal auch nicht!!" Er sprang auf und steuerte auf sein Zimmer zu. "Man, ich weiß es einfach nicht", fügte er schreiend hinzu, bevor er die Tür hinter sich zuknallen ließ. Er konnte das jetzt nicht auch noch; sich vor Cindy für Gefühle rechtfertigen, denen er vielleicht bis eben noch nicht einmal gewahr gewesen war. Viel lieber wollte er etwas schlagen, um den plötzlich aufgebrandeten Zorn loszuwerden. Deswegen ließ er sich hinter seinem Drumkit auf den Hocker fallen, schnappte seine Sticks, setzte seine Füße richtig auf die Pedale und drosch einfach drauflos. Mit sieben Anschlägen auf die Basstrommel, mit Toms, Hi-Hat und Snare, mit allem, was scheppern und rumsen konnte.

Es dauerte ein paar Minuten, bis sich irgendein Beat herauskristallisierte. Und ein paar weitere, bis Prompto sich so weit beruhigt hatte, dass er um des Spielen willens spielen konnte, und nicht einfach aus blinder Zerstörungswut. Während er die Floortom und die Snare bearbeitete, öffnete sich seine Zimmertür. Doch erst als er ein gebrülltes "Promptoooooo" hörte, hielt er die Sticks still und zonte aus seinem Drummerdasein zurück in sein übliches Promptoleben. "Was?!" erwiderte er wenig freundlich.

"Jemand ist hier, um dich zu sehen", erwiderte Cindy und wies mit dem Daumen hinter sich.
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