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Leere Stühle an leeren Tischen

SongficFamilie, Tragödie / P16 / Gen
Ray Yuugo
02.02.2020
20.02.2020
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20.02.2020 1.362
 
Und weiter geht es mit dem zweiten und bereits letzten Kapitel! Aus meiner Sicht ist es weniger gut geworden als das erste, aber ich hoffe trotzdem, dass es euch gefällt ^^ Insbesondere die Version des kapitelgebenden Liedes von Eddie Redmayne aus der neuesten Verfilmung von Les Misérables beeinflusste mich sehr beim Schreiben. Ich kann euch nur empfehlen, auch einmal hereinzuhören.


~ ~ ~



There's a grief that can't be spoken
There's a pain goes on and on
Empty chairs at empty tables
Now my friends are dead and gone



Dieser Schmerz war unaussprechlich, unaufhörlich, unerträglich. Er hatte sich in ihm festgebissen und nagte an ihm, zerstörte ihn von innen heraus, bis nichts mehr von ihm blieb als die leere Hülle, die er seinen Körper nannte. Zu jeder Zeit, nie endend ergriff diese Pein ihn, war sein einziger Begleiter geworden. Denn wenn er dann von seinen Streifzügen in die feindliche Welt da draußen zurückkehrte in den Schutzbunker, wartete niemand mehr dort auf ihn. Bis auf die Stille und Schatten und die verwaisten Tische, an denen seine Freunde einst gesessen hatten. Einst, als sie alle so jung, so zahlreich und voller Leben gewesen waren.

Doch seine Freunde würden nie hierher zurückkehren, so wie er.

Sie waren fort, für immer.

Tot.

Und Yuugo damit ganz allein.


Here they talked of revolution
Here it was they lit the flame
Here they sang about tomorrow
And tomorrow never came



Sie, die Kinder aus Glory Bell, die eine neue Zuflucht, ein neues Leben gesucht hatten und diesen Bunker fanden, waren tot. Eine andere Wahl als hierherzukommen hatten sie nicht mehr gehabt, nachdem sie hinter das Geheimnis ihrer Geburt gekommen waren. Ihre ach so glückliche Kindheit im Waisenhaus, ihre liebevolle Mama und die Zukunft, die ihnen versprochen gewesen war – nichts weiter als eine Lüge. Eine grausame Lüge. Nicht mehr als Vieh waren sie wohl in den Augen der Frau gewesen, die sie aufgezogen hatte, herangezüchtet für den Augenblick, in dem ihr Herz seinen letzten Schlag setzte und sie frei waren für die Monster, die es auf sie abgesehen hatten.

Lucas und er selbst waren hinter diese abscheuliche Lüge gekommen, die sich ihr Leben nannte, als es fast schon zu spät gewesen war. Was blieb noch anderes übrig als versuchen zu fliehen, um ein sicheres, ein wahrhaftiges Leben zu suchen? Nur sterben. Nur das Leben oder der Tod.

Und selbst diese Wahl hatte Yuugo seinen Geschwistern genommen.

Nach langen Tagen der Flucht, in stetiger Angst vor den Monstern, die sie jagten, und in noch größerem Horror vor den Menschen, die sie ihr Eigentum nannten, hatten sie diesen Schutzbunker gefunden. Spartanisch eingerichtet, ungemütlich und kalt. Dieser Ort war ihnen augenblicklich wie das Paradies vorgekommen, ein Traum, zu schön, um wahr zu sein. Nahrung, Wasser, ein Obdach.
Sicherheit. Grenzenlose, bedingungslose Sicherheit.

Sie hatten gesungen und gelacht in ihrer neuen, freien Welt, es nicht glauben können, welch Revolution ihnen mit ihrer Flucht aus der Menschenfarm gelungen war. Hatte so etwas schon einmal stattgefunden? Würde es sich wiederholen? Es war egal, nur das Hier und Jetzt hatte gezählt.
Wie naiv von ihnen.

Yuugo lächelte, das erste Mal seit langer, langer Zeit. Seine Geschwister und er, sie waren so glücklich, so lebendig wie nie zuvor in Glory Bell gewesen.

Dann hatte er William Minervas Aufzeichnungen entdeckt, den Weg in die Welt der Menschen. Er selbst war es noch gewesen, der seinen Brüdern und Schwestern davon berichtet hatte. Hier, in diesem Bunker, in ebendiesem Raum, hatte er ihrer aller Wunsch entfacht, ein neues Land zu suchen. Ein Land, von Minerva versprochen, ohne Monster, ohne Mamas.

Yuugo hatte ihnen allen eine neue Zukunft, ein neues Morgen versprochen.

Doch dieses Morgen brach nie an.


From the table in the corner
They could see a world reborn
And they rose with voices ringing
And I can hear them now
The very words that they had sung
Became their last communion
On this lonely barricade at dawn



Sie trafen ihre Vorbereitungen; Ausrüstung, Proviant, Waffen, alles bereit. Minerva hatte für sie vorgesorgt, ihr Glaube an ihn war unerschütterlich. Die Jüngsten unter ihnen, sie verspürten wohl die Angst vor dem Fremden, wollten lieber bleiben, wo sie waren, in Sicherheit. Yuugo überredete sie auch noch… Erzählte ihnen von diesem neuen Land, das ihnen versprochen worden war. Dabei hatte er selbst keinen blassen Schimmer von dem, was ihn erwartete, wohin er seine Gefährten lockte. Nur eines wusste er: Dann wären sie endlich nicht mehr eingesperrt, in kein Waisenhaus und keinen Bunker. Frei zu leben, wie sie allein es wollten.

Wie nur hätte er es ahnen können? Wie hätte er seinen Fehler erkennen können, wenn es längst zu spät war, umzukehren?

Er hätte es gemusst. Dann wären die Kinder niemals losgezogen. Wären nie auf die Monster gestoßen. Nie gestorben.

Und auch jetzt noch, dreizehn endlos lange Jahre später, verfolgten sie Yuugo. Er hatte es nicht besser verdient. Die Stimmen der Jungen und Mädchen, die er in die Vernichtung gesandt hatte.
Genau, wie Mama es getan hätte...

Ihr aller Lachen und Gesang, er hallte noch immer wider in den verlassenen Gängen, wie zu der Zeit, als ihre Herzen noch schlugen. Doch in Yuugo existierten nur andere Stimmen. Ihr Schreien, ihr Flehen, ihre letzten Atemzüge, als die Monster sie fanden, sie töten und einen nach den anderen…

Im Abendrot kamen sie und färbten den Boden zu ihren Klauen im gleichen Ton, mit dem Blut seiner Geschwister. Damian, John, Maria, Pedro und Viviana, Mike, Anny…

Dina.

Lucas.

Yuugo fiel auf seine Knie, zitternd und die Hände auf seine Ohren pressend. Warum? Warum nur er? Warum nur er und ihre Stimmen?


Oh my friends, my friends forgive me
That I live and you are gone
There's a grief that can't be spoken
There's a pain goes on and on



Alles, einfach alles hätte er dafür gegeben, sie ein letztes Mal sehen zu dürfen. Sie um Entschuldigung zu bitten, um Verzeihung für das Unverzeihliche, das er getan hatte. Zu leben, obwohl seine Brüder und Schwestern fort waren.

Tot.

Und er ganz allein die Schuld dafür trug.

Doch dieser Schmerz, sein Verlangen nach Vergebung, würde nie ein Ende finden. Er war unaussprechlich, unaufhörlich, unerträglich
Egal wie sehr Yuugo noch versuchte zu büßen, ihrer aller Namen in die Wände schlug, nach ihnen rief und am Schweigen verzweifelte.

Er lebte.

Seine Freunde nicht.


Phantom faces at the windows
Phantom shadows on the floor
Empty chairs at empty tables
Where my friends will meet no more



Trotzdem waren sie noch immer ihrer, trotz ihres Todes. Yuugo sah sie, wenn er nicht mehr sehen wollte. Schatten in den verwaisten Gängen, an den Türen, die entwichen, wenn er sich ihnen zuwandte. Mal groß, mal klein, schmal oder kräftig, er wusste immer, wer sich da vor ihm verbarg.
Wer nie mehr da sein würde.

Yuugo zweifelte nicht an seinem Verstand. Er wusste, dass dieser ihm entglitt und verfluchte sich dafür, dass es nicht schon eher geschehen war. Zu lange schon hatte er an diesen leeren Tischen, neben leeren Stühlen gesessen. Sollte er sich doch einbilden, seine Geschwister wären wieder an seiner Seite.

Selbst wenn sie es nie mehr seien konnten.



Oh my friends, my friends, don't ask me
What your sacrifice was for
Empty chairs at empty tables
Where my friends will sing no more



Yuugo wollte sie sehen, die Jungen und Mädchen aus Glory Bell, wollte sie um alles in dieser verrotteten Welt wiedersehen, sie hören und an sich ziehen, sie nie wieder loslassen. Aber er konnte es nicht. Er durfte es nicht. Sie waren tot. Er lebte.
Es war allein seine Schuld, ihr Tod, sein Leben, alles, alles, alles.

Alles für nichts. Für einen Traum, für ein Versprechen, das es nie gegeben hatte.

Alles dafür, dass er lebte und seine Freunde nicht. Er wusste nicht, wofür sie dieses Opfer erbracht hatten, denn was hatte es ihnen geschenkt als einen sinnlosen Tod? Doch nicht für ihn, der da saß an leeren Tischen, neben ihm die leeren Stühle dieser Kinder.

Langsam nahm Yuugo den Revolver aus seiner Tasche und presste ihn gegen seine Schläfe.

Sie würden nie mehr leben und lachen und singen.

Zumindest nicht mehr ohne ihn.


~ ~ ~
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