Leere Stühle an leeren Tischen

SongficFamilie, Tragödie / P16
Ray Yuugo
02.02.2020
20.02.2020
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02.02.2020 1.116
 
Hallo und ein herzliches Willkommen zu dieser kleinen Songfic! Ich habe in letzter Zeit ein Faible für dieses Format entwickelt und konnte es mir nicht nehmen lassen, eine Geschichte zu dem Lied Dunkles Schweigen an den Tischen beziehungsweise Empty Chairs at empty Tables aus dem Musical Les Misérables zu verfassen. Aus meiner Sicht passen beide Songtexte wunderbar zu der Prämisse von The Promised Neverland, und da ich sowohl die deutsche als auch die englische Version sehr mag, gibt es einfach mal zwei Oneshots meinerseits ^^
Ich wünsche euch jedenfalls viel Freude mit diesem ersten Kapitel und würde mich über jeden Kommentar, jede Kritik oder Anmerkung sehr freuen!


Man liest sich!


~ ~ ~



Dieser Schmerz kennt keinen Namen,
niemand bringt sie wieder her.
Dunkles Schweigen an den Tischen,
meine Freunde sind nicht mehr.



Mit einem kaum zu vernehmenden Klacken schloss er die Tür hinter sich und trat ein in die Dunkelheit. Weder die schwach glimmende Lampe, die er in seiner Hand trug, noch der durch die Fenster hereinfallende Mondschein vermochten die Finsternis zu vertreiben. Wie überaus passend.

Alles, was Ray im Moment empfinden konnte, war ebenjene Schwärze.

Langsam schlich er durch den Speisesaal, ohne Ziel und ohne Sinn. Seine Lampe stellte er auf einen der zahlreichen Tische, während der Junge sich von ihr entfernte, hinabtauchte in die Dunkelheit und ihn nichts umfing als flackernde Schatten und eine ohrenbetäubende Stille.

Schließlich blieb er mit regungsloser Miene vor einem der Holzstühle stehen, seine Hände auf die Lehne legend. Kalt und leer und unbrauchbar geworden. Der Stuhl gehörte niemanden mehr. Denn ebenso war nichts geblieben von dem Kind, das einst hier gesessen hatte, inmitten seiner Brüder und Schwestern. Von hier aus würde es nichts mehr geben als Schweigen, und es würde sich weiter ausbreiten, bis gleichfalls nichts mehr blieb vom Licht, das hier geleuchtet hatte.

Ray keuchte auf, krümmte sich vor Schmerzen, die keinen körperlichen Grund entsprangen. Conny. Seine kleine, süße Schwester Conny. Sie war fort, würde nie mehr zurückkehren.

Adoptiert in eine liebende Familie.

So dachten alle.

Verraten und ermordet und ausgelöscht.

So wusste es Ray.


Hier erhob sich ihre Flamme,
hier ergriff sie Mann für Mann.
Hier besangen sie die Zukunft,
doch die Zukunft brach nicht an.



Conny war fort, war tot, wie all ihre Geschwister zuvor. Hao und Sadie und… viel zu viele Namen, als dass Ray sie je hätte vergessen können.

Sie alle hatten hier gelebt, im Grace Field House, als eine glückliche Familien voller Fremder, die sich näher standen als es Blutsgeschwister je gekonnt hätten. Ja, gelebt und geträumt von einer strahlenden Zukunft, davon gesprochen, was aus ihnen werden würde, wenn sie nur erst erwachsen wären…

Diese Kinder hatten immer nur an ihr Leben und ihre Zukunft denken können, nichts weiter.

Doch die Zukunft brach nie an.


Von dem Tisch dort tief im Winkel
schauten sie die neue Welt,
und ihr Lied, stieg hoch zum Himmel,
ich vernehm' sie noch,
denn jedes Wort hat sie geeint
zum Abendmahl der Freundschaft
für den Barrikadentod als Held.



Stattdessen waren sie gestorben, nur noch ferne Erinnerungen, die selbst für Ray, der nie vergessen konnte, langsam verblassten.

Doch wie er nun hier stand, ganz allein in all seiner Dunkelheit, da glaubte er sie wieder sehen zu können. Seine geliebten Geschwister, die nicht mehr waren, so vernahm er doch ihr Lachen, ihre fröhlichen Stimmen, wie sie jeden neuen Tag begrüßten, so lebendig, so… glücklich.
Alle waren sie glücklich, die lebenden wie die toten Kinder. Sie alle liebten doch ihre Zeit im Grace Field House, liebten ihre Geschwister und ihre Mama. Diese Liebe, und die Träume einer nicht mehr allzu fernen Zukunft einten sie.

Der Wunsch zu leben.

Alle, außer Ray.


Meine Freunde, seid mir gnädig,
ich vermisse euch so sehr.
Dieser Schmerz kennt keinen Namen,
niemand bring euch wieder her.



Es schnürte ihm die Kehle zu, diese längst vergessenen Schatten, diese längst vergessenen Gefühle heraufzubeschwören; ein Schluchzen entfloh ihm, als er Connys Stuhl losließ, die Hände an sich pressend, als hätte er sich verbrannt.
Es tat so weh, an sie zu denken. Und es tat ihm leid, so unendlich leid, dass sie gestorben waren. Conny und seine Schwestern, seine Brüder, er hatte sie alle sterben lassen. Dabei hatte er es immer schon gewusst, dass es keine Zukunft für sie geben würde. Keine liebende Familie, kein Leben außerhalb der Mauern.

Nur ein schrecklicher Tod.

Nichts weiter.

Und Ray hatte darum gewusst und hingenommen, denn er konnte sie nicht retten, keinen einzigen.

Er konnte ja nicht einmal sich selber retten.


An den Fenstern starr'n Gespenster,
werfen Schatten in den Raum.
Dunkles Schweigen an den Tischen,
keiner teilt mit mir den Traum.



Doch warum nur tat es immer noch so weh? Warum konnte er mit ihrem Tod nicht abschließen?

Ray sah über den Tisch hinweg in die dunkelste Ecke, sah sie alle, die er im Stich gelassen hatte, wie sie ihn anstarrten, ohne jegliches Gefühl in ihren viel zu jungen Gesichtern.

Der Junge hingegen fühlte einen unbeschreiblichen Schmerz, der ihn ergriff; er wollte sie um Gnade anflehen, um Entschuldigung bitten, selbst wenn es dafür längst zu spät war. Doch kein Wort entfloh seinen Lippen. Eine Antwort würden sie nie erhalten, und er gleichsam nicht. Ganz egal wie sehr er auch litt und sie vermisste. Seine Geschwister würden nie mehr zurückkehren.

Nie mehr.

Ihre Stühle blieben verwaist, bis sie ersetzt worden durch neue Kinder. So, wie Ray einst ein Kind ersetzt hatte.

Wie auch er bald ersetzt würde.

Bis dahin blieb ihm nichts mehr als sein Traum, die Leben zu retten, die er noch retten konnte.

Und sein Traum, den er mit niemanden teilen konnte.

Zu sterben.


Meine Freunde, fragt mich niemals,
ob sich solch ein Opfer lohnt.
Dunkles Schwiegen an den Tischen,
weil kein Freund die Nacht bewohnt.



Ray würde sterben, genau wie seine Geschwister. Aber sein Tod würde zumindest einen Sinn haben und vor allem ihm allein gehören. Nicht den Dämonen, nicht Mama. Nur für sich selbst würde er sterben, und für seine Geschwister.

Er hatte es verdient.

Jahre hatte er bereits darauf verwendet, sein Ende zu planen, bis ins kleinste Detail. Es würde grandios werden.

Auch wenn Ray das selbst nicht mehr erleben würde.

Doch keiner seiner Freunde, seiner Brüder und Schwestern, durfte je davon erfahren, von seinem
Opfer, das er zu erbringen versuchte. Keiner würde ihn verstehen, keiner ihm verzeihen können.

Nicht dafür und nicht für all das, das er nicht hatte tun können.

Er hoffte bloß inständig, dass sein Tod wenigstens den Funken einer Bedeutung hätte.

Anders als der seiner Geschwister.

Anders als der Connys.

Emmas verzweifelter Schrei hallte durch die Nacht und eine Träne rann Rays Wange hinab.

In dieser Nacht hatte er mehr als nur eine Schwester verloren.


~ ~ ~
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