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✦ Wires ✦

GeschichteDrama, Krimi / P16 / Het
Gavin Reed Hank Anderson OC (Own Charakter) RK800-51-59 Connor
01.02.2020
13.09.2020
17
49.540
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Wires


5. you sit and stay

❝ A thousand nights have passed
Change doesn’t happen overnight
Not visible at first (no)
It’s important to hold on, hold on ❞

~ Black Sea by Natasha Blume ~



Sonntag, 07.11.2038
09:21 Uhr
Indian Village
Als Connor aus dem Taxi stieg, fielen noch immer leichte Flocken vom Himmel, die Detroit langsam aber stetig mit Schnee bedeckten.
Detective Davenport lebte in einem überraschend wohlhabendem Viertel, das ihn sich automatisch fragen ließ, wie jemand mit dem Gehalt eines Detectives es hier her schaffte.
Zugegebener Weise wusste er aber auch nicht, wer genau sie vor dem Jahre 2031 gewesen war. Zwar enthielt die Akte eine Geburtsurkunde, Zeugnisse und anderes, doch erschreckende Lücken klafften in ihrem Lebenslauf. Es war, als hätte es nie eine Grace Lucille Davenport gegeben. Als wäre sie aus dem Nichts aufgetaucht. Als hätte es sie vor ihrer Bewerbung zum Police Officer in Chicago nie gegeben.
Doch Connor wusste inzwischen, dass man nicht immer alles über seine Mitmenschen erfahren konnte und so ließ er sich nicht weiter davon beirren. Schließlich wusste er, dass sie ihren Job gut machte, ernst nahm und von ihren Kollegen durchaus geschätzt wurde. Und zweifelsohne hätte man nicht irgendjemanden diese Karriere einschlagen lassen. Solange sie also kein Problem war, sollte er auch keines daraus machen.
Der Detective lebte in einem für diese Gegend typischen Haus: zwei Stockwerke, eine weiße Fassade und eine schwarze Ziegeldeckung. Umgeben war das Gebäude von einem gepflegten Garten, um den sie sich offensichtlich nicht selbst kümmerte – dafür war die Hecke zu gerade, die Beete zu ordentlich. Und doch war es nicht perfekt genug, um das Werk eines Androiden zu sein. Sie bezahlte also einen Menschen.
Er trat die drei Stufen empor, zur Linken die Auffahrt, die zur derzeit geschlossenen Garage führte, zur Rechten einen schmalen Steinweg, der zweifelsohne zum Hintergarten führte.
Ohne weiter zu Zögern betätigte er die Klingel und wartete. Keine Minute später wurde die Tür geöffnet.
„Guten Morgen, Detective“, grüßte er.
„Morgen.“ Sie schenkte ihm ein kurzes, schmales Lächeln und lud ihn mit einem Handwink ein. „Komm doch rein.“
Eines der ersten Dinge, die ihm an ihr aufgefallen waren, war ihr Kleidungsstil. Die Meisten auf dem Revier pflegten einen legeren Stil, sofern sie keine Uniform tragen mussten. Sie hingegen kleidete sich wie jemand in einer Führungsperson oder wie die wohlhabende Gattin eines Geschäftsmannes mit einem Ansatz von eigenem Stil. Sie trug keine auffallend teure Kleidung, doch sie kleidete sich elegant, geradezu vornehm. Schicke Blusen, dazu immer eine enge, schwarze Hose und Stiefeletten, während sie die blondierten, lockigen Haare stets offen trug, sodass sie ihr bis zur Brust reichten.
Das war an diesem Tag nicht anders – das bedeutete, dass es ihre eigene Präferenz war, nicht eine Auswahl, das sie speziell für das Revier als passend empfunden hatte.
„Tut mir leid, ich bin etwas früh“, entschuldigte er sich nach einem Moment der Stille.
„Nicht schlimm. Du musst nur noch ein wenig warten“, erwiderte sie mit einem Achselzucken. „Ich bin gleich soweit.“
Er nickte. „Natürlich.“
Neugierig ließ er seinen Blick umherschweifen, sobald sie ihn allein gelassen hatte. Er befand sich direkt vor einer Treppe, links vorbei an ihr führte ein länglicher Flur, von dem aus die anderen Zimmer angrenzten.
Interessiert betrachtete er die Fotos, die die weißgestrichene Wand schmückten. Fotos von Sonnenuntergängen, ein paar waren von einem Hund, andere zeigten den Detective in Begleitung von einem älteren Ehepaar – zweifellos ihre Eltern.
Ein Weiteres zeigte sie und Detective Reed lässig gegen ein Auto gelehnt. Einen 1967er Chevrolet Impala. Während Reed dezent lächelnd eine Zigarette in der Hand hielt, hatte Davenport einen Arm um ihren Partner gelegt und blickte mit einem sympathischen Lächeln in die Kamera.
Erstaunt stellte er fest, dass bis auf dieses keines der Bilder irgendwelche Freunde zeigte, sondern immer nur Familienmitglieder. Oder was er zumindest für Familienmitglieder hielt.
Eins der Bilder weckte sein Interesse besonders. Darauf war sie mit einem offensichtlich reichen Mann zu sehen, der freundschaftlich einen Arm um sie gelegt hatte, hinter ihnen ein modernes Gebäude. Ein H und ein teils verdeckter, weiterer Buchstabe waren über dem Eingang befestigt.
„Mein Onkel Lucien.“
Überrascht drehte er sich um. Er hatte sie nicht kommen gehört. Zur Antwort nickte er nur schlicht, nicht wissend, was er dazu sagen sollte.
„Ich bin so weit. Wollen wir?“
„Natürlich, Detective.“
Statt nach draußen führte sie ihn ein Stück durch den Flur, in die Garage hinein. Die Inhalte in den Regalen waren sauber aneinandergereiht, das Chaos, das einen üblicherweise hier erwartete, fehlte vollkommen.
„Sie mögen keine Unordnung?“
Sie lächelte schief. „Nein. Dann kann ich nicht klar denken.“
„Wie genau sieht denn Ihr Fall aus, Detective? Was haben Sie vor?“
Überraschend detailliert berichtete sie während der Fahrt von dem Mord im CyberLife-Tower. Bisher hatten alle, mit denen er zusammengearbeitet hatte, ihm die Situationen in so knappen Worten wie möglich geschildert, doch der Detective schilderte ihm nicht nur ausführlich die bisherigen Erkenntnisse und nannte die noch offenen Fragen, sondern erklärt gar ihre Gedankengänge. Als sie jedoch von den Überwachungsaufnahmen zu sprechen begann, waren ihre Sätze schlagartig kurz und das Thema schnell gewechselt.
Als sie zum Ende gekommen und ihm erzählt hatte, wer Miss Danielle Hemingway war und dass siebzig Androiden sie in der Villa erwarteten, sprach er sie ungeniert auf seine letzte Beobachtung an: „Warum wollen Sie nicht über die Aufnahmen sprechen?“
Erschrocken sah sie zu ihm hinüber. Dann riss sie sich zusammen, sah wieder auf die Straße und meinte betont ruhig: „Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“
Er runzelte die Stirn, erkannte, dass ihre Hände das Lenkrad unnötig fest umklammerten. „Sie verheimlichen etwas, Detective. Ich frage mich lediglich, ob ...“
„Es muss dich nicht interessieren, Connor“, entgegnete sie ungewöhnlich harsch. „Konzentrier dich auf deine Aufgabe.“
Was ihn zu seiner nächsten Feststellung brachte: „Sie sehen mich seit letzter Nacht mit anderen Augen, nicht wahr?“
„Wie meinst du das?“ Scharf sah sie ihn an.
„Sie sind immer sehr höflich. Entschuldigen sich, sobald Sie es mal nicht sind. Dieses Mal nicht.“
Sie blinzelte, scheinbar unsicher, was sie sagen sollte. „Stört dich das?“, fragte sie schließlich.
Er runzelte die Stirn.
„Wie möchtest du, dass ich mit dir umgehe, Connor?“
„Das ist ganz allein Ihre Entscheidung, Detective.“
Sie schüttelte den Kopf. „Darum geht es nicht. Ich frage dich, was du bevorzugst. Wenn ich mit dir rede wie ich es sonst tue oder wenn ich dich herumkommandiere ... oder wenn ich gar wie Gavin mit dir umspringe.“
„Um ehrlich zu sein, Detective, finde ich Ihre höfliche Herangehensweise angenehmer.“
Fast schon triumphierend lächelte sie. „Warum?“
„Ich ... Ich weiß nicht. Vielleicht ist es unkomplizierter?“, schlug er vor.
„Oder du wirst einfach nicht gerne als ‚Plastik-Arsch‘ herumgeschubst ...“ Eindringlich musterte sie ihn. „Connor. Du musst dich irgendwann entscheiden, ob du wie eine Maschine behandelt werden willst oder nicht.“
„Sie sagten, Sie würden generell mit allen höflich umgehen. Weil es um das Prinzip ginge“, entgegnete er. „Bei unserem ersten Treffen haben Sie das gesagt. Was hat sich geändert? Gilt Ihr Prinzip nicht mehr?“
„Ich beantworte deine Frage, wenn du meine beantwortest: Willst du wie eine Maschine behandelt werden?“
„Ich bin eine Maschine“, erwiderte er ausweichend.
„Aber willst du auch wie eine behandelt werden?“ Sie verstellte ihre Stimme, ließ sie einen autoritären, gar abfälligen Unterton bekommen. „Tu dies, Connor, tu das, Connor. Bring mir einen Kaffee, Connor. Steh nicht im Weg, Connor. Lass dich von mir schlagen, Connor.“ Sie warf einen Blick zur Seite, ihre Stimme kehrte zu ihrer normalen Tonlage zurück. „Ist es das, was du willst? Ja oder Nein?“
„... Nein“, gab er zu.
Wieder dieses triumphierende Lächeln.
„Gut“, erwiderte sie und atmete tief durch. „Entschuldige, dass ich dich angefahren habe.“
„Haben Sie mich testen wollen, Detective?“
„Ist das die eine Frage, die ich dir beantworten soll?“, erwiderte sie.
„Was, wenn ich Ihnen zwei Fragen stelle? Suchen Sie sich dann eine aus oder wären sie gar bereit, mir beide zu beantworten?“
Ihr Lächeln wurde herausfordernd. „Nur ein Weg, es herauszufinden.“
Er nickte langsam, traf eine Entscheidung. „Dann ist das meine erste Frage und meine zweite ist, warum Sie nicht über die Überwachungsaufnahmen sprechen wollen.“
„Ja“, gab sie zu. „Ich habe dich getestet, wollte herausfinden, ob es dich stört, wenn ich mich nicht entschuldige. Aber absichtlich angefahren habe ich dich nicht.“
„Denn Sie wollen, dass ich mehr bin, nicht wahr?“
„Vielleicht“, antwortete sie schlicht.
Eine Weile schwiegen sie, doch dann ergriff der Detective erneut das Wort: „Ich habe nichts Verdächtiges auf den Aufnahmen gesehen. Und das ist es, was mich so besorgt macht.“
„Warum wollen Sie über diese Sorge nicht reden?“
„Weil ...“ Sie biss sich kurz auf die Unterlippe, dachte anscheinend nach. „Weil es bedeutet, dass der Täter durch die Hintertür hereingekommen ist.“
„Es gibt keine Hintertür im Tower“, entgegnete er.
Ein undeutbares Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. „Es gibt immer einen weiteren Ausgang. Und in diesem Fall kenne ich ihn sogar.“
„Woher?“
„Das ist der Punkt“, erklärte sie mit einem kleinen Seufzer. „Ich will nicht über das woher oder das wie reden. Will nicht erklären, was ich weiß. Und auch dir werde ich diese Frage nicht beantworten. Nur eines sage ich dir, in der Hoffnung, dass du es für dich behältst: Ich befürchte, dass ich den Täter kennen könnte. Denn nicht viele wissen von dieser Tür. Und ich weiß von jedem, der sie kennt ... Eigentlich.“
Er nickte langsam. „Ich verstehe.“
Eine Weile dachte er darüber nach, was sie gesagt hatte. „Haben Sie einen konkreten Verdacht?“
„Ich habe ... eine stark eingegrenzte Gruppe Verdächtiger. Höchstens drei kommen in Frage – oder es ist jemand ganz anderes. Aber auch die Wunden des Opfers sprechen für diese Leute.“
„Und was gedenken Sie zu tun, sollte der Täter sich als Ihnen bekannt herausstellen?“
Sie schwieg lange. So lange, dass er schon nicht mehr an eine Antwort glaubte, als sie schließlich leise erklärte: „Ich werde das Gesetz vollstrecken. Tun, was ich tun muss.“
Interessiert musterte er sie, entdeckte eine springende Parallele. „Deshalb haben Sie es mir nicht übel genommen, als ich auf die Traci schoss. Sie selbst erfüllen Ihre Mission auch immer.“
„Vielleicht.“
„Neuerdings sagen Sie das ziemlich oft“, stellte er fest.
Detective Davenport lachte kurz und trocken auf. „Dabei neige ich überhaupt nicht zu so vagen Antworten. Du kannst dich geehrt fühlen, Connor.“
Mit schief gelegtem Kopf musterte er sie, entschied sich aber, diese zweifelhafte Ehre nicht weiter in Frage zu stellen.
„Warum begleitet Detective Reed Sie nicht?“
„Wir haben früh eine Abmachung getroffen: Steht Arbeit am Sonntag an, zu der wir nicht unbedingt zu zweit müssen, reicht es, wenn einer geht. Wenn nur einer von uns seinen freien Tag verliert. Ich habe mich einverstanden erklärt, das zu übernehmen.“
„Sie haben ihn nicht in Ihre Befürchtung eingeweiht, nicht wahr?“
„Nein. Das habe ich bisher nur dir gesagt.“
„Warum erzählen Sie es mir und ihm nicht?“
„Connor“, seufzte sie. „Musst du immer alles hinterfragen?“ Kurz schüttelte sie den Kopf, meinte dann aber: „Manchmal ist es einfacher, jemandem etwas zu sagen, der kein Freund ist.“
„Weil Ihnen seine Meinung wichtiger ist als meine?“
„Und weil ich weiß, dass es dich in keinen Konflikt bringt. Ihn schon. Mit Fowler, vielleicht dem Gesetz ... Während es dir nur um die Mission geht.“
Irgendetwas lösten diese Worte in ihm aus. Mit Ihrer Aussage lag sie durchaus nicht falsch, aber ein Teil von ihm wollte nicht, dass sie ihn auf diese Funktion reduzierte. Und es missfiel ihm, dass ihr seine Meinung nicht so wichtig war wie Reeds. Es war irrational – natürlich lag ihr mehr an der Meinung ihres Freundes und Partners. Dennoch war er mit einem Mal von dem Bedürfnis gepackt, ihr zu erklären, dass es ihm nicht immer nur um die Mission ging. Wollte ihr von dem Vorfall auf dem Dach berichten, wo er Hank rettete und den Abweichler entkommen ließ. Wollte ihr sagen, dass er im Eden Club vielleicht nicht die richtige Wahl getroffen hatte.
Doch stattdessen beließ er es dabei und schwieg. Eine Maschine musste die Meinung eines Menschen über sie nicht kümmern.

***

Empfangen wurde sie von einem AP700 mit kurzen, dunkelbraunen Haaren und einer speziell angefertigten Kleidung, die zwar die gesetzlich vorgeschriebenen Bedingungen erfüllte, aber stark an die Livree eines Butlers erinnerte.
„Guten Tag. Sie müssen der Detective vom DCPD sein“, begrüßte er sie mit einer angedeuteten Verbeugung. „Bitte, treten Sie ein.“
„Danke sehr.“ Sie folgte dem Androiden in das Innere des Hauses, dicht gefolgt von Connor, wo er ihren schwarzen Mantel entgegennahm und sie dann höflich darum bat, kurz einen Moment zu warten.
Interessiert ließ sie ihren Blick über die kostspielige Einrichtung wandern – Möbel aus Massivholz, teure Gemälde, eine Treppe aus Marmor: Man sah allzu deutlich, dass Hemingway mehr als ein gutes Gehalt von CyberLife bekommen hatte.
Der Butler tauchte wieder auf. „Miss Hemingway wird Sie nun empfangen. Bitte folgen Sie mir.“
Mit einem Nicken gab sie sich einverstanden und ließ sich von ihm nach links führen. Erst durchquerten sie eine Art Speisezimmer, das erschreckend groß für zwei Menschen war, die als sozial inkompetent galten, danach traten sie in das Wohnzimmer, von dem aus man einen fantastisch grünen Ausblick hatte und schließlich in das Arbeitszimmer. Sämtliche Räume schrien geradezu in die Welt hinaus, wie wohlhabend diese Familie war – aber nicht auf dekadente, prahlerische Weise, sondern mit einer stilbewussten Eleganz, in der man sich durchaus wohlfühlen konnte.
Miss Danielle Hemingway saß hinter einem massiven Schreibtisch, dahinter ein riesiges Fenster und Dekorationen, die zeigten, dass es ganz klar ihr alleiniges Reich war. Obgleich die Gemälde noch immer einer schockierenden Preiskategorie angehörten, hatten die Motive sich drastisch geändert. Wo bisher Landschaften, Skylines und Abstraktes dominiert hatte, grenzten die Motive hier ans Obszöne: Ein nackter Mann auf einem Pferd, sein gutes Stück nur von einem Schild bedeckt, in der Rechten ein Schwert; dann ein Liebespaar, engumschlungen im Bett, spärlich von einer dünnen Decke umhüllt; gefolgt von der Darstellung einer feenhaften, unbekleideten Frau, die dem Wasser entstieg, um den Mann davor zu empfangen, dessen nackte Rückansicht das Bild dominierte.
Motive, die so gar nicht zu der biederen Frau hinter dem Schreibtisch passen wollten, mit ihrer hochgeknöpften, weißen Bluse, einer altbackenen Frisur und einer dicken Perlenkette um den Hals. Sie war schockierend schlicht für eine Frau, deren Mode als schockierend, provokant und modern galt.
„Guten Morgen.“ Miss Hemingway ging um den Tisch herum und reichte ihr die Hand. Trotz hoher Absätze, ging die Geschäftsfrau ihr kaum bis zur Nase.
„Detective Davenport“, stellte sie sich vor. „Das ist Connor, er wird mir heute assistieren.“
„Der erste Android, der jemals Teil einer richtigen Ermittlung geworden ist.“ Sie lächelte mysteriös und Grace wusste sofort, dass sie die 27-jährige nicht ausstehen konnte. „Der berühmte Abweichler-Jäger persönlich.“
Skeptisch hob sie eine Augenbraue, musterte wie Miss Hemingway nah an Connor herantrat und ihn mit derselben Neugier musterte, mit der ein Kind die Welt zum ersten Mal erkundete.
Connor regte sich nicht, sah sein Gegenüber stumm an. Dann streckte Hemingway ihre Hand aus und fuhr ihm sanft über die Wange. „Vater sagte schon, was für ein Meisterwerk du geworden bist. Er bedauerte es sehr, nicht Teil deiner Entwicklung gewesen zu sein.“
Grace erkannte sogleich an Connors Körpersprache, dass ihm diese aufgezwungene Nähe unangenehm war – und bemerkte auch das seltsame Bedürfnis, ihn aus dieser Lage befreien zu wollen. Die Hand dieser Frau wegzuschlagen und ihr gefälligst zu sagen, dass sie ihn mit Respekt behandeln sollte.
Sie schwieg, wissend, dass damit jede Chance, mehr zu erfahren, verloren wäre.
Hemingway legte ihren Kopf etwas schräg. „Vater sagte schon, dass du mir gefallen würdest. Man sollte dein Äußeres auf jeden Fall für ein HR-Modell wiederverwenden.“
Es fiel Grace langsam schwer, sich zusammenzureißen. Das ging nun wirklich zu weit. „Miss Hemingway, ich hätte ein paar Fragen zu Ihrem Vater, wenn Sie gestatten.“ Sie war stolz auf sich, so höflich dabei geblieben zu sein.
Endlich ließ sie ab von Connor, wandte sich zu ihr um und faltete ihre Hände gesittet vor dem Oberkörper. „Natürlich, Detective.“
„Hatte Ihr Vater Feinde, denen Sie eine solche Tat zutrauen würden?“
„Reichtum schafft Neider und die Arbeit meines Vaters ist stets ein kontroverses Thema gewesen, doch am ehesten würde ich einen Abweichler als Täter sehen“, entgegnete sie entspannt.
„Davon ist derzeit nicht auszugehen“, erwiderte sie schlicht. Ein Android wüsste erst recht nicht von der Hintertür. „Wenn Sie mir die Frage erlauben: Wie kommt es, dass sein Tod Sie nicht aus der Bahn geworfen hat?“
„Mein Vater war kein einfacher Mensch“, gab sie ohne Umschweife zu. „Und seine Leiche ist nur Abfall – es gibt keinen Grund, warum nicht ein Android sich auch in diesem Fall um die Entsorgung des Mülls kümmern sollte. Es gäbe ohnehin niemanden, der zu seiner Beerdigung gehen würde.“
Verstört sah sie sie an, nickte aber nur. „Ich verstehe. Wenn Sie uns sonst nichts sagen können, das uns weiterhelfen kann, hätten wir gerne Ihre Erlaubnis, mit den Androiden im Haus zu reden, um die Zeit vor seinem Tod zu rekonstruieren.“
„Nur zu.“ Sie lächelte schmal. „Ich empfehle Ihnen, im Harem meines Vaters zu beginnen. Sie werden in der Kammer neben dem Schlafzimmer gelagert – die erste Tür rechts.“
Langsam kam sie sich vor, als wäre sie direkt in einem Horrorszenario gelandet. „Vielen Dank für Ihre Hilfe“, sagte sie steif.
„Fühlen Sie sich wie zuhause“, erwiderte sie mit diesem ekelhaften, leichten Grinsen und begab sich wieder an ihren Platz hinter dem Schreibtisch, sogleich dabei, die Skizze eines Kleides zu ergänzen, das mehr zeigte als es verhüllte.
„Komm, Connor“, murmelte sie und verließ das Arbeitszimmer. Kurz verharrte sie in dem Esszimmer, schloss die Tür zum Wohnzimmer und hatte die Garantie, fern von der seltsamen Tochter und den Androiden zu sein. Ungestört.
„Tut mir leid, wie sie dich behandelt hat“, sagte sie leise.
„Ich ...“ Er räusperte sich unsicher. „Es war unangenehm. Danke, dass Sie eingeschritten sind.“
„Dank mir nicht. Eine wirklich angemessene Reaktion wäre eine Backpfeife gewesen.“
Er lächelte leicht. „Ich fürchte, Sie hätte uns in dem Fall rauswerfen lassen. Und Sie dann verklagt.“
„Ersteres war auch das Einzige, was mich abgehalten hat.“
„Nicht die Klage?“
Sie grinste frech. „Manchmal sind dumme Entscheidungen ihren Preis wert.“ Dann atmete sie durch. „Wollen wir dann?“
„Nach Ihnen, Detective.“



to be continued ...


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Hey ihr Lieben!
Ich hoffe, das heutige Kapitel hat euch gefallen! ^^
Ich möchte nur kurz sagen, dass der nächste Upload-Termin sich um einen Tag nach vorne verschiebt: Da ich am Samstag keine Zeit habe, werde ich bereits am Freitag, den 06.03., das Kapitel hochladen.
Liebe Grüße
Lena
aka Shadow-Lightning
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