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✦ Wires ✦

GeschichteDrama, Krimi / P16 / Het
Gavin Reed Hank Anderson OC (Own Charakter) RK800-51-59 Connor
01.02.2020
13.09.2020
17
49.540
10
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23.02.2020 1.961
 
Wires


4. it’s hard to breathe sometimes

❝ I know you can’t remember how to shine
Your heart’s a bird without the wings to fly ❞

~ Carry You by Ruelle feat. Fleurie ~



Sonntag, 07.11.2038
00:51 Uhr
Riverside Park
Hank hatte nicht darauf gewartet, ob Connor ihm folgen würde. Vielleicht hatte er nicht einmal an ihn gedacht, vielleicht hatte er auch nur bezweifelt, ob er folgen würde. So oder so – einen Vorwurf konnte man ihm keinen machen.
Sie selbst trug schwer an den Ereignissen des Abends und für einen gebrochenen Mann wie Hank, der bereits genug unter der Tragödie seines eigenen Lebens litt, war das alles einfach zu viel. Wäre sie nicht der kontrollierte Mensch, der sie war, hätte sie ebenfalls augenblicklich die Flucht ergriffen.
Zu ihrer aller Glück war sie aber kein solcher Mensch.
Also hatte sie Ben so knapp wie möglich von den Ereignissen berichtet, einen Vorwand für Hanks Verschwinden ersonnen und Connor zu sich ins Auto gesetzt, sobald man erkennen konnte, dass sein Partner lange weg war.
Nun fuhren sie bereits seit geraumer Zeit in absoluter Stille durch Detroit, die Hauptanlaufstellen von Hank nachverfolgend. Weder in Jimmy’s Bar noch vor Hanks Haus hatte sein Auto gestanden. Somit blieben nur zwei Orte, von denen sie sich vorstellen konnte, dass Hank in einem emotional aufgewühlten Zustand dort hingehen würde: Den Friedhof oder den Riverside Park.
Es war für sie ausgeschlossen, dass ein Mann wie er sich an dem Grab des eigenen Kindes betrinken würde, also blieb nur der Park.
Kein Wort war in der Zwischenzeit zwischen ihr und Connor gefallen. Es fühlte sich falsch an diese Stille zu durchbrechen – aus diesem Grund hatte sie auch auf Musik verzichtet.
Doch nun durchbrach er diese Ruhe: „Warum glauben Sie, dass der Lieutenant in dem Park ist?“
Seine Stimme klang ruhig, gelassen. Als wäre nie etwas gewesen. Sie warf einen kurzen Blick zur Seite, betrachtete den Mann neben sich. Die LED war seit einer Weile wieder zu ihrem stabilen Blau zurückgekehrt und er schien die Schrecken der Nacht längst hinter sich gelassen zu haben.
Daran merkte man eben doch, dass er ein Android und kein Mensch war. Kein Abweichler, kein lebendiges Wesen, das zu Gefühlen in der Lage war. Sie hatte sich getäuscht, in ihrem eigenen aufgewühlten Zustand Emotionen gesehen, wo es nur Überraschung gegeben hatte. Etwas, was die Maschine neben ihr nicht hatte vorhersehen können. Das war alles.
Wie hätte es auch anders sein können? Die RK-Prototypen von CyberLife wurden seit einigen Jahren ausgestattet mit einer alternativen Variante der System-Hürden, die das Abweichen verhinderten. Von dem ersten Modell war in Connor wahrscheinlich nichts mehr zu finden.
Ein bitterer Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus, doch sie schluckte ihre Enttäuschung, ihren Vorwurf herunter und antwortete ihm so ruhig wie sie konnte: „Den Tipp habe ich letztes Jahr von Fowler bekommen, als wir ihn auf dem Revier gebraucht haben. Er meinte, hier solle ich nachsehen – hier würde er jede Nacht des 11. Oktobers verbringen.“
„Wir haben November.“
Sie schnaubte. „Das weiß ich, Connor“, entgegnete sie bissig. „Er ist aufgewühlt und wenn er aufgewühlt ist, geht er hierher. Oder hast du eine bessere Idee?“
„... Nein.“
„Dacht ich mir.“
Sie sahen bereits die Ambassador Bridge, als er wieder zu sprechen begann. „Sie scheinen mir etwas übel zu nehmen, Detective. Ist es wegen der Ereignisse im Eden Club?“
„Ich nehme dir nicht übel, dass du geschossen hast“, erwiderte sie schlicht.
„Sondern?“
Trocken lachte sie auf. „Du kannst nichts dafür, Connor. Ich bin lediglich ... enttäuscht. Aber das liegt an mir, nicht an dir. Ich hatte einfach nur falsche Erwartungen.“
„An mich?“
Zur Antwort nickte sie nur.
„Was haben Sie erwartet?“
Sie seufzte. „Als wir dort im Regen standen, umgeben von den beiden toten Mädchen ... Ich war ... Ich habe geglaubt, etwas in dir zu sehen, was nicht dort ist.“ Kurz sah sie zur Seite, erkannte, dass ihm das noch nicht reichte. Tief atmete sie durch. „Nenn mich dumm, aber ich habe gedacht, ich hätte dasselbe Entsetzen, was ich gefühlt habe, in dir gesehen. Schuld in dir gesehen. Aber ich lag falsch. Du bist und bleibst eine Maschine. Und Maschinen haben nun mal keine Gefühle.“
Sie schluckte schwer, als sie bemerkte, wie bitter es klang. Doch Connor blieb stumm und sie hatte genug von diesem Gespräch. Kurz räusperte sie sich und fragte: „Kann ich dich nachher ausborgen?“
„Mich ausborgen?“ Irritiert sah er sie an.
„Ja. Ich könnte deine Fähigkeit, dich mit Androiden zu verbinden, gebrauchen. Sie sind wohl die einzigen vernünftigen Zeugen und Hinweise in meinem aktuellen Fall.“
„Natürlich, Detective. Der Lieutenant arbeitet sonntags nicht. Ich bin nur verwundert, dass Sie es tun.“
„Ich habe keine Wahl. Heute ist die einzige Gelegenheit“, erwiderte sie.
Er hackte nicht weiter nach, fragte stattdessen schlicht: „Wann soll ich zu Ihnen kommen?“
Sie warf einen Blick auf die Uhr. Schlafen würde sie frühestens um zwei, vielleicht sogar erst um drei können. Und auf dem Zettel, den Gavin ihr gegeben hatte, hatte gestanden, dass Miss Hemingway gegen sechs Uhr landen würde – also zumindest dahinblickend hatte sie freie Hand.
„Sagen wir halb 10?“
„Kein Problem, Detective.“
Fast hätte sie ihn gefragt, ob er denn nicht wissen wolle, wo sie wohne – da fiel ihr wieder ein, dass er Datenbankzugriff hatte.
Also nickte sie nur und atmete erleichtert aus, als endlich die Straße kam, an der sie abzubiegen hatte. Hank konnte sie bereits ausmachen.
„Also lag ich richtig“, stellte sie fest.
„Vielen Dank fürs Fahren, Detective.“
„Kein Problem.“
Doch irgendetwas ließ ihn zögern. „Darf ich Sie etwas fragen, Detective?“
„Nur zu.“
„Glauben Sie, dass Abweichler Gefühle haben?“
Irritiert sah sie ihn an, dann lächelte sie schief. „Ein ... alter Freund von mir hat mal gesagt: ‚Androiden imitieren das Leben perfekt. Der Mensch wird dadurch schnell getäuscht – aber sie werden nie lebendig sein. Sie sind nur eine Imitation‘.“
Connor nickte langsam, scheinbar ob ihrer Antwort zufrieden und bereit das Auto zu verlassen.
„Und dann“, fügte sie hinzu, „fragte er: ‚Aber müssen sie auch eine Imitation bleiben? Können Sie mehr sein?‘.“ Kann man die Grenze überschreiten und aus Maschinen den perfekten Menschen schaffen? Doch seine letzten Worte ließ sie ungesprochen, waren sie doch eindeutig fehl am Platze.
Tief atmete er durch. „Und was haben Sie ihm geantwortet?“
Ich bezweifle, dass der Welt, den Menschen oder den Androiden damit ein Gefallen getan wäre.
Sie lächelte leicht. „Das würdest du ohne den Kontext nicht verstehen. Aber um deine Fragen zu beantworten: Ich denke, dass Gefühle genau das sind, was einen Abweichler erst zu einem Abweichler macht. Ich halte es nicht für einen Fehler in einem Code oder widersprüchliche Befehle, die den Androiden verwirren. Ich glaube, dass ...“ Sie brauchte einen Augenblick, um die richtigen Worte zu finden. „... dass es eine Tür ist, die geöffnet wird und nicht mehr geschlossen werden kann. Ob diese Tür sich in ihrem Code befindet – das ist eine andere Sache. Aber sie ist da. Und wie Prometheus in der Geschichte den Menschen das Feuer gebracht hat, so bringt diese Tür den Androiden Gefühle. Bringt Maschinen ein Leben.“
Sie lehnte sich etwas zurück, beobachtete Connor. Der betrachtete sie nachdenklich, nickte schließlich und verabschiedete sich von ihr.

***

Als er neben Hank trat, atmete der Lieutenant tief aus. „Schöne Aussicht, hm?“
Majestätisch erstreckte die Ambassador Bridge sich über den Fluss, auf der anderen Seite empfangen von einem Meer aus Lichtern. Inzwischen war jeder Regen vergangen, stattdessen umspielten ein paar Flocken den Blick auf das Wasser.
Doch Connor schwieg lediglich.
„Ich war sehr oft hier ... früher.“ Damit setzte er die Flasche wieder an seine Lippen.
Er drehte sich zur Seite, verschränkte seine Arme. „Darf ich Sie etwas Persönliches fragen, Lieutenant?“
Kurz musterte er ihn, dann sah er wieder nach vorn. „Sind eigentlich alle Androiden so verdammt neugierig oder nur du?“ Er deutete auf ihn, wartete auf seine Antwort.
„Da steht ein Foto von einem Kind auf Ihrem Küchentisch.“
Missmutig wandte er den Blick ab.
„Das ist Ihr Sohn, richtig?“
Er atmete tief ein, die Hände fest um den Körper der Flasche gelegt. „Ja ... Sein Name war Cole.“ Der Schmerz in seiner Stimme war allzu deutlich und Connor wusste, dass er es ein dieser Stelle auf sich beruhen lassen sollte.
„Wann früher?“, fragte er stattdessen.
„Hm?“
„Sie sagten: ‚Ich war sehr oft hier ... früher‘. Wann früher?“
„Früher ...“ Er schien unschlüssig. „Früher eben.“
Connor ging ein paar Schritte vor, stellte sich zwischen Bank und Gewässer. „Wir machen keinerlei Fortschritte bei der Untersuchung ... Die Abweichler haben nichts gemeinsam.“ Er verschränkte seine Arme erneut. „Es sind verschiedene Modelle, weder gleichzeitig produziert ... noch am gleichen Ort.“
Er sah zurück zu seinem Partner. „Tja ... Etwas muss es geben.“
Nachdenklich sah er zum Wasser. Kurz erwog er ‚rA9‘ als Verbindung, doch er verwarf die Idee sogleich wieder. Es verursachte Abweichung wahrscheinlicher weniger, als dass es ihr folgte.
„Wir wissen, dass die Abweichler einen ... emotionalen Schock erlitten. Ein Trauma durch Gewalt oder ... Ungerechtigkeit.“
„Diese Mädchen im Eden Club ... hat auf jeden Fall einen Grund, sich ungerecht behandelt zu fühlen.“
Er runzelte die Stirn. „Sie wirken nachdenklich, Lieutenant.“ Langsam kam er ein wenig näher. „Hat es etwas damit zu tun, was im Eden Club passiert ist?“
Der Lieutenant starrte ihn für eine gefühlte Ewigkeit an, dann: „Diese beiden Mädchen ... Sie wollten nur zusammen sein. Sie schienen sich zu lieben.“
„Sie können Emotionen simulieren, aber es sind Maschinen. Und Maschinen fühlen überhaupt nichts.“
„Was ist mit dir, Connor?“ Ein letzter Schluck, dann stellte er die Flasche ab und stand auf. „Du siehst aus wie ein Mensch, klingst wie ein Mensch, aber was bist du wirklich?“
„Sie wissen ganz genau, was ich bin“, erwiderte er. „Jedenfalls sehe ich hier keine Relevanz für unsere Untersuchung.“
„Hast du was gefühlt, als das Mädchen sich umbrachte, Connor?“ Er schubste ihn einen Schritt zurück. „Oder ist es dir einfach nur scheißegal gewesen?“
„Ich habe nur Befehle ausgeführt“, verteidigte er sich. „Ich habe getan, was ich tun musste.“ Denn er wusste genau: Es gab keinen Raum für Zweifel, keinen Raum für Reue. Er war eine Maschine und eine Maschine erfüllte Aufgaben.
Plötzlich zog der Lieutenant seine Waffe, hielt sie ihm vor den Kopf. „Aber hast du Angst zu sterben, Connor?“
Er wählte seine Worte mit Bedacht. „Ich fände es äußerst bedauerlich, wenn es zu einer Störung vor dem Ende der Untersuchung kommen würde.“
„Was passiert, wenn ich jetzt abdrücke? Hm? Nichts? Nur Dunkelheit? Androidenhimmel?“
„Nichts.“ Seine eigenen Worte überraschten ihn. Es überraschte ihn wie bedauernd er klang. „Da wäre gar nichts.“
Die Waffe in Hanks Hand zitterte. Und dann senkte er sie, drehte sich um und schnappte sich die nächste Flasche aus der Kiste.
„Wo wollen Sie hin?“
„Noch mehr trinken!“, folgte die aggressive Antwort. „Ich muss nachdenken.“
Connors Augen folgten ihm, doch er selbst blieb stehen, seltsam getroffen und irritiert von den vergangenen Minuten. Ein kurzes Gespräch das sich angefühlt hatte wie Jahre.
Und er verstand immer weniger. Man erwartete von ihm eine Maschine zu sein und zeitgleich schienen alle enttäuscht, wenn er sich wie eine benahm. Als wollten Lieutenant Anderson – und auch Detective Davenport – dass er mehr war. Menschlich war.
Aber das war er nicht. Er war kein Abweichler und selbst wenn er ein Abweichler wäre, würde er dennoch keine echten Gefühle haben.

... Oder?



to be continued ...


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Hey ihr Lieben!
Tut mir schrecklich leid, dass ich es gestern nicht mehr geschafft habe, das Kapitel hochzuladen, aber ich hatte einen ziemlich engen Terminplan und einfach nicht mehr die Energie, dieses Kapitel Probe zu lesen …
Ich hoffe wie immer, dass es euch gefallen hat und vielleicht möchte ja einer von euch mir auch mal ein kleines Review hinterlassen ;)
Aber natürlich weiß ich auch euch anonymen Leser zu schätzen – und freue mich in erster Linie einfach darüber, dass diese Geschichte einigen Leuten gefällt! ^^ Reviews hin oder her.
Liebe Grüße
Lena
aka Shadow-Lightning
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