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✦ Wires ✦

GeschichteDrama, Krimi / P16 / Het
Gavin Reed Hank Anderson OC (Own Charakter) RK800-51-59 Connor
01.02.2020
13.09.2020
17
49.540
10
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08.02.2020 1.664
 
Wires


2. you’ve kept a little secret

❝ I also hide a secret deep in my soul
And it’s a sad, sad feeling
But I can’t tell the truth to anyone ❞

~ Black by Blutengel ~



Samstag, 06.11.2038
14:07 Uhr
Greektown, im „Antichi Sapor“
„Irgendwas Interessantes herausgefunden?“
Mit einem missmutigen Brummen nickte er. „Ich weiß jetzt, dass du seine Kollegen hättest befragen sollen.“
Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte sie ihren Partner. „Was hast du angestellt?“
„Nichts! Aber plötzlich fing diese verdammte Wissenschaftlerin an zu heulen, weil sie glaubt, dass irgendwer es auf die gesamte U45ste abgesehen hat.“
Stirnrunzelnd verharrte sie einen Moment. Das Pizzastück schwebte vor ihrem Gesicht und nur langsam senkte sie die Gabel. „Warum nur deren Etage? Die R&D erstreckt sich über die Untergeschosse 44 bis 48.“
„Keine Ahnung ... Vielleicht sind die Etagen nach Projekten eingeteilt?“
„Gut möglich. Aber ich wette, die dürfen nicht darüber reden, woran die arbeiten.“
Gedankenverloren tunkte er sein Brot in die Soße seines Nudelauflaufs. „Auf jeden Fall war dieser Hemingway ein Spinner. Hatte keinen näheren Kontakt zu seinen Kollegen und war extrem auf die Arbeit fixiert. Es hat sich herausgestellt, dass keiner so wirklich was über ihn wusste.“
„Und deshalb ist er gleich ein Spinner?“ Skeptisch schnitt sie sich das nächste Stück ihrer Pizza ab.
„Das beste habe ich dir noch gar nicht erzählt: Nach der Scheidung ist sein gesamtes Hauspersonal mit der Frau mitgegangen und er ist allein mit seiner Tochter in der Villa geblieben.“
„Sie ist nicht mit der Mutter gegangen?“
„Sie ist das Kind aus erster Ehe. Die Frau war seine vierte.“
Pfeifend stieß sie Luft aus. „Da hat jemand Erfolg in der Liebe.“
Er nickte, den Mund voller Nudeln. Erst sobald er heruntergeschluckt hatte, fuhr er fort – eine von vielen Sachen, wegen der sie auf sich stolz sein konnte. Und wie die meisten Männer dachte er, er hätte sich selbst dazu gebracht, zivilisiert zu sein, wo er in Wahrheit erfolgreich von ihr umerzogen worden war.
„Wie gesagt: Die beiden waren allein im Haus und beide sind sich zu fein, um selbst irgendetwas zu machen. Also haben sie das Personal mit Androiden ersetzt.“
„Soweit noch nicht ungewöhnlich ...“
„Er hat siebzig Androiden.“
„Hui.“ Sie hob ihre Augenbrauen.
„Und mit denen macht er wohl alles, wenn man den Gerüchten auf der Etage glauben will. Viele sind wie Angestellte, aber manche ersetzen ihm wohl Freundschaften – er kann wohl nicht so gut mit Widersprüchen umgehen.“
„Und was ist da besser als ein Android, der immer nur ‚Ja und Amen‘ sagt“, schnaubte sie.
„Exakt.“ Bedeutsam wies er mit der Gabel auf sie. „Und das Beste kommt noch: Er hat keine Lust, sich Ehefrau Nummer fünf zu suchen, und hat sich stattdessen einen Androiden-Harem angelegt.“
Sie blinzelte. „Bitte was?“
Gavin lachte. „So hab ich auch geguckt.“
Kurz aßen sie schweigend, dann berichtete sie: „Fowler hat übrigens angerufen. CyberLife und der Bürgermeister drängen auf schnelle Resultate.“
„Wenn das so ist“, spöttelte er. „Dann sollten wir das dringend dem Mörder sagen. Bestimmt kommt er aus Freundlichkeit vorbei und stellt sich.“
Sie zuckte mit den Schultern. „Mir musst du das nicht sagen. Ich weiß das alles schon. Anscheinend war er irgendwie wichtig für die Prävention von Abweichung. Und sind schwer erleichtert, dass kein Abweichler dahintersteckt.“
„Ich auch“, brummte er. „Mir reicht schon Andersons neues Haustier. Da kann ich auf noch mehr Androiden echt verzichten.“
„Connor hat dir doch nichts getan“, entgegnete sie. „Lass ihn doch einfach in Ruhe.“
„Das will ich dich sagen hören, wenn CyberLife wieder antanzt und wir alle ersetzt werden.“
„Der Fehler liegt bei der Regierung, nicht bei den Androiden“, wies sie ihn zurecht. „Es bringt niemand etwas, wenn du es an Connor auslässt.“
Er stöhnte auf. „Sag nicht, dass du ihn magst.“
„Mögen ist ein bisschen übertrieben. Er ...“, sie zögerte. „Er scheint anständig zu sein.“
„Gott, du magst ihn!“ Sein Tonfall war irgendwo zwischen Entsetzen, Überraschung und Belustigung.
„Hörst du mir überhaupt zu?“, rief sie gereizt.
„Dein erster Eindruck von ihm war ein guter“, widersprach er. „Für gewöhnlich ist dein erster Eindruck von anderen eher negativ.“
„Das ist schlicht und einfach falsch“, entgegnete sie energisch.
„Ach ja?“ Herausfordernd sah er sie an und begann kurz danach sie nachzuäffen. „Ich zitiere: ‚Chen ist persönlichkeitslos‘, ‚der Captain ist viel zu aufbrausend‘, ‚du bist ein unzivilisierter Barbar, Gavin‘ ...“
„Also bitte“, schnaubte sie entrüstet. „Als ich über Chris gesprochen habe, habe ich gleich gesagt, dass er ein netter Kerl ist ...“
„Jeder mag Chris“, entgegnete er. „Das zählt nicht.“
„Über Hank habe ich gesagt, dass ...“
„... er ein gebrochener Mann ist und dir unverständlicherweise irgendwie sympathisch.“ Er schüttelte den Kopf. „Sogar sein Auto hast du repariert! Das beweist nur deinen schlechten Geschmack! Über Brown hast du gesagt, er sei zu unflexibel ...“
„Ich habe gleich gesagt, dass ich Ben mag“, warf sie dazwischen.
Missmutig starrte er sie an. „Von mir aus. Du bist nicht immer negativ. Meistens bist du negativ.“
„Ich bin halt wählerisch.“
„Aber Connor findest du nett.“
„Himmel“, sie verdrehte die Augen. „Falls es dir nicht aufgefallen ist: Wir schätzen unterschiedliche Eigenschaften an anderen. Du hasst Hank und magst Chen aus irgendeinem Grund – wieso überrascht es dich, dass wir uns hier nicht einig sind?“
„Weil ich nicht will, dass du den Plastikarsch magst!“, rief er aus. Abrupt verstummte er.
„Gavin“, meinte sie etwas sanfter. „Dir ist klar, dass ich dich nicht austauschen werde, oder? Es ist nicht so als wäre er dein Konkurrent – oder für was du ihn auch hältst.“
„Was glaubst du denn, welcher Detective als Erster ersetzt werden wird?“, fragte er leise. „Hank, der mit Fowler zur Schule ging und mit dem jeder Mitleid hat? Ben, der sein ganzes Leben lang hier war? Den einzigen weiblichen Detective weit und breit? Oder mich, den Arsch vom Dienst? Wer fliegt als Erstes, hm? Ich will dich als Verbündete, verdammt nochmal, Davy!“
Leise seufzte sie. „Gavin ... Es steht doch überhaupt nicht fest, dass jemand fliegt. Und selbst wenn: Du bist vielleicht kein Sympathieträger, aber du bist ein guter Detective und wir alle brauchen hin und wieder mal einen Hai – jemanden wie dich. Hank wird nicht bevorzugt behandelt – denn er ist unzuverlässig. Ben kommt langsam in ein Alter, in dem man von Pension sprechen kann und ich bin erst zwei Jahre hier.“ Eindringlich sah sie ihn an, griff mit ihrer Hand über den Tisch nach seiner. „Du bist kein Opfer. Mach dich nicht selbst zu einem.“
Kurz sahen sie einander schweigend an, dann nickte Gavin langsam und sie zog ihre Hand zurück.
„Aber erwarte nicht, dass ich plötzlich nett zu ihm bin.“
„Keine Sorge. Tu ich nicht.“
Schweigend aßen sie weiter. Ihre Teller waren fast leer, als Gavin schließlich fragte: „Was war eigentlich auf den Aufnahmen zu sehen?“
Kurz sah sie hoch, darum bemüht, nicht verdächtig zu wirken. „Nicht viel. Ich glaube nicht, dass unser Täter darauf zu sehen ist. Fast alle Besucher stiegen in der Fahrstuhl und der führte sie ganz woanders hin. Fast jeder hat ein Alibi oder war zu weit weg, um die Tat begangen zu haben.“
„Fast jeder?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Zwei konnten nicht beweisen, wo sie zum Zeitpunkt der Tat waren. Eine war eine schmächtige Frau – und die hätte kaum die Kraft für den Kampf gehabt. Nummer zwei ist zwar ein kräftiger Mann, aber meiner Meinung nach zu karrieregeil, um die Person zu töten, die ihn gerade erst befördert hat.“
„Wie ist der Täter dann rein gekommen?“
Ratlos zuckte sie mit den Schultern und schob sich dann den letzten Bissen Pizza in den Mund. „Vielleicht ergibt die Autopsie etwas, was uns weiterhelfen kann.“
„Vielleicht.“
Als sie aufsah, um seinen undeutbaren Ton zu ergründen, traf ihr Blick den forschen ihres Partners. Anscheinend war sie doch nicht so unauffällig geblieben, wie erhofft.
„Regt es dich nicht auf, dass wir keine Spur haben?“, bohrte er nach.
„Natürlich ist das scheiße, aber ...“, setzte sie an.
„Keine Zeugen, keine Verdächtigen, keine Mordwaffe und die Spusi hat keine Fingerabdrücke gefunden.“ Er beugte sich etwas vor. „Normalerweise würdest du in so einer Situation meinem Naturell Konkurrenz machen und wärst nicht so entspannt.“
Sie machte eine vage Handbewegung. „Das wird schon. Sei doch einfach froh, dass ich momentan so ausgeglichen bin.“
„Mhm.“
Besorgt sah sie ihn, sofort erkennend, dass irgendetwas in seinem Kopf vorging. „Was ist?“
„Da du ja so ausgeglichen bist, kannst du ja auch deinen Sonntag opfern, nicht?“
„Was meinst du damit?“
Er lehnte sich wieder zurück. „Besagte Tochter ist nur morgen in der Stadt. Sie landet morgen früh, war auf einer Fashion-Show oder so und fliegt Sonntagmorgen wieder, um mit einem potenziellen Investor ihrer ‚spektakulären Modelinie‘ zu reden.“
„Ihr Vater stirbt und sie macht einfach weiter?“ Entsetzt sah sie ihn an.
„Wenn der Vater ein Spinner war, wieso dann nicht auch die Tochter?“, entgegnete er. „Sind wahrscheinlich alle beide perverse Irre.“
„Und das willst du auf mich abwälzen?“
„Da sind siebzig Androiden und ich habe morgen eigentlich eine Verabredung und du bist ja momentan so ausgeglichen ...“ Schlagartig lächelte er, geradezu charmant. „Wärst du so nett, liebe Davy? Bitte?“
„Gott“, stieß sie mit einem kleinen Lacher aus, dann seufzte sie. „Du bist furchtbar ... Ich mach’s.“
„Wirklich?“ Er strahlte sie geradezu an. „Fantastisch!“
„Ist ja nicht so, als hättest du sowas nicht auch schon für mich gemacht“, meinte sie. „Und ich hab’s verdient mit meiner ‚ich bin so ausgeglichen‘-Rede.“
Mit einem kleinen Lacher holte er sein Portemonnaie raus und winkte den Kellner heran. „Die Rechnung bitte.“
Verblüffend wie viel freundlicher er immer wurde, sobald er seinen Willen bekam.
Wie ein Kleinkind.
Schnell verbarg sie ihr Lächeln mit einem Schluck Cola.



to be continued ...


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Guten Abend!
Heute ist das Kapitel ein wenig kürzer als sonst bei mir üblich, doch gewissermaßen waren die ersten beiden Kapitel lediglich das Fundament – zur „richtigen“ Handlungen kommen wir erst jetzt langsam ...
Sagt mir doch gerne, was ihr von der Dynamik zwischen Grace und Gavin haltet. Letzterem versuche ich eine etwas sympathischere, aber durchaus charaktergetreue Facette zu geben.
Liebe Grüße
Lena
aka Shadow-Lightning
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