Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

✦ Wires ✦

GeschichteDrama, Krimi / P16 / Het
Gavin Reed Hank Anderson OC (Own Charakter) RK800-51-59 Connor
01.02.2020
13.09.2020
17
49.540
10
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
23.05.2020 3.141
 
Wires


13. memories they haunt his mind

❝ Never forget what I did, what I said
When I gave you all:
my heart and soul ❞

 ~ Never Forget by Gréta Salóme & Jónsi ~



Dienstag, 09.11.2038
11:16 Uhr
Östlich von Detroit
Hank war gerade am Telefonieren, als sie ihr Auto neben seinem zum Stehen brachte. Tief atmete sie ein und versuchte sich auf das Treffen vorzubereiten. Nachdenklich musterte sie die verschneite Landschaft. Elijahs Haus hatte eine perfekte Lage: Es war am Wasser gelegen, bot genügend Distanz zum Rest der Welt und bot ein malerisches Bild – egal ob im Frühling oder wie jetzt im Schneezauber.
Sie erinnerte sich noch gut daran, wie sie zum ersten Mal hierher gekommen war. Es war ein klarer Sommertag gewesen und die Aussicht atemberaubend. Blickte sie nach Süden, erkannte sie die Umrisse von Peche Island, sah sie nach Westen, konnte sie den CyberLife Tower erkennen. Von Windsors Skyline ganz zu schweigen.
Grace seufzte leise. Doch die Zeit der entspannten Spaziergänge und angeregten Diskussionen war vorbei. Jetzt wusste sie nicht einmal mehr, wie sie mit Elijah umgehen sollte.
Dann stieg sie aus, begreifend, dass sie das nicht ewig herauszögern konnte, und ging zum Lieutenant herüber.
Im Augenwinkel sah sie wie Connor mit geschlossenen Augen noch auf dem Beifahrersitz saß. In einigem Abstand zu ihrem Kollegen blieb sie stehen.
Unruhig wartete sie darauf, dass Hank auflegte. Sein Gesicht war ernst, als hätte er gerade erst etwas Überraschendes erfahren, aber wüsste noch nicht, was er deshalb fühlen sollte.
Nahezu geräuschlos trat Connor neben sie, als Hank ihnen den Rücken zuwandte und auflegte, den Blick auf das gefrorene Wasser gerichtet.
Es war Connor, der sich entschied, ihn als Erstes anzusprechen: „Ist alles in Ordnung, Lieutenant?“
„Chris war auf Streife gestern Abend.“ Sein Tonfall klang steif, erstarrt. „Er wurde von Abweichlern angegriffen ...“ Ungläubig sah er sie an. „Er sagt, Markus hätte ihm das Leben gerettet.“
Erstaunt hob sie die Augenbrauen. Derselbe Markus, der in den Stratford-Tower eingedrungen war? Und die Forderungen für die Androiden live gesendet hatte?
„Geht es Chris gut?“
Er nickte. „Ja. Er hat einen Schock, aber er ist am Leben ...“
Unweigerlich dachte sie daran, dass er vor kurzem erst Vater geworden war. „Gott“, stieß sie aus.
„Ja“, stimmte Hank zu. „Was für ein Scheiß ...“
Einen Augenblick verharrten sie schweigend, dann fragte sie: „Wollen wir?“
„Sicher“, brummte er.
„Und denkt dran“, erklärte sie auf Höhe der Rampe, „er liebt seine Experimente. Seid einfach ... vorsichtig.“
„Hat er das mit dir gemacht? Spielchen gespielt?“, erkundigte Hank sich.
„Mit mir nicht“, erwiderte sie. „Aber mit den Meisten.“
Er warf ihr einen neugierigen Blick zu, beließ es aber dabei, da sie die Tür nun erreicht hatten. Kurz drückte er auf die Klingel, gefolgt von einem erstaunten Begutachten der Hausfassade. Man sah dem Gebäude auf jeden Fall an wie teuer es im Bau gewesen war.
Ungeduldig sah er zurück zur Tür und gerade als er Anstalten machte, die Klingel erneut zu betätigen, wurde die Tür geöffnet. Dahinter stand Chloe – im selben blauen Kleid, das sie immer trug.
„Hi ... Ähm ... Ich bin, äh, Lieutenant Hank Anderson, Detroit Police Department.“
Grace warf ihm einen amüsierten Blick zu. War er etwa wegen Chloe nervös? Und da behauptete er doch immer, Androiden ließen ihn kalt ...
Er machte einen kleinen Schritt nach vorn. „Ich möchte zu Mister Elijah Kamski.“
„Bitte, kommen Sie rein.“ Sie öffnete die Tür noch ein Stück weiter und streckte die Hand in einer einladenden Bewegung aus.
„Okay.“ Fast schon überrascht trat er ein, dicht gefolgt von Connor und ihr.
Chloe warf ihr ein kleines Lächeln zu. „Schön dich zu sehen, Grace.“
Sie erwiderte es augenblicklich. „Es ist eine Weile her.“
Hank blieb mitten im Eingangsraum stehen, die Arme hinter dem Rücken verschränkt und den Körper sichtlich angespannt, während Chloe die Tür wieder schloss.
„Ich sag Elijah Bescheid“, erklärte sie. „Machen Sie es sich bequem.“ Dann sah sie Grace direkt an. „Bitte, komm doch schonmal mit.“
Überrascht sah sie sie an. „Sicher.“
Kurz sah sie noch zu ihren Begleitern, zuckte mit den Schultern und folgte ihr dann durch die rechte Tür in seinen Freizeit- und Fitnessraum.
Derzeit nahm ein Pool den Großteil des Raumes ein und dessen rote Wände ließen das Wasser in einem gespenstischen Blutrot schimmern. Zwei weitere Chloe-Modelle stützten sich auf den Rand, die ihr Gespräch scheinbar ihretwegen unterbrochen hatten. Und dem Blick der Linken nach zu urteilen, mochte sie sie bereits jetzt nicht.
Elijah tauchte gerade beim Wasserfall auf und drehte sich zu ihr um, während sie links am Rand entlang ging, um nicht durch den ganzen Raum schreien zu müssen.
„Du siehst bezaubernd wie eh und je aus“, erklärte er und schwamm an den Rand des Beckens. „Und ich muss anmerken, dass dieses Türkis deine Augen wirklich hervorragend zum Strahlen bringt.“
Sie lächelte sanft. „Du Charmeur! ... Aber danke.“
Mit einem breiten Lächeln legte er seine Arme auf dem Rand ab und betrachtete sie nachdenklich. „Komm runter, wenn es dir nichts ausmacht.“
Mahnend hob sie einen Finger. „Wehe du ziehst mich in das Becken.“
„Das würde ich nie tun“, entgegnete er gespielt entrüstet.
Skeptisch hob sie eine Augenbraue. „Nie? So, so ...“
„Ich habe das einmal getan. Und wenn ich mich recht erinnere, hat dir zumindest das Ergebnis daraus gefallen.“
Sie verzichtete auf eine Antwort und setzte sich stattdessen in die Nähe des Randes, die Beine leicht angewinkelt und den Körper mit der Linken abstützend.
„Wie ist es dir ergangen?“
„Ganz gut“, erklärte sie. „Glaub es oder nicht, aber ich habe mich sogar mit meinem Partner angefreundet.“
„Das überrascht mich nicht.“
Sie runzelte die Stirn. „Dein letzter Stand müsste doch eigentlich sein, dass ich ihn einen unausstehlichen Arsch genannt habe. Oder irre ich mich da?“
Er lachte auf. „Genau das hat mich ja davon überzeugt. Wir wissen doch beide genau, dass du hervorragend mit Leuten umgehen kannst, die deine dunkelsten Seiten teilen.“
Unweigerlich musste sie schmunzeln. „So? Und was teile ich mit ihm?“
Er stützte sich etwas hoch und beugte sich zu ihr herüber. „Du sagtest, er sei forsch und lege sich mit jedem an, der ihm im Weg steht. Dass ihn der Rest der Welt nicht interessiert.“
„Und diese Eigenschaften habe ich?“ Sie hob ihre Augenbrauen.
„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Du hättest diese Eigenschaften aber gerne. Du würdest liebend gerne die Meinung aller anderen mit einem Achselzucken abtun.“
Sie legte den Kopf etwas schief. „Da liegst du wohl nicht ganz falsch.“
Er lachte leise. „Ich kenne dich nun schon lange genug, Grace. Wir beide sind Gefährten im Geist.“
Skeptisch musterte sie ihn. „Seit wann gehörst du zu den Poeten?“
„Ich bin kein Poet. Ich nenne die Dinge nur beim Namen.“
„Gefährten im Geist.“ Nachdenklich ließ sie das Wort auf der Zunge zergehen. „Und was genau macht uns deiner Meinung nach dazu?“
„Du kennst die Antwort darauf ebenso wie ich.“
„Tue ich das?“
„Ja.“ Ernst sah er sie an. „Das tust du.“
Zur Antwort brummte sie nur, nicht gewillt, lange in der Vergangenheit zu schwelgen. Kurz verfielen sie in Schweigen, dann fragte er: „Dieser RK800 ... Wie kommt es, dass du ihn magst?“
Nun beugte sie sich ebenfalls etwas zu ihm herüber. „Sag bloß, dass du in erster Linie in dieses Treffen eingewilligt hast, weil ich gesagt habe, dass ich ihm vertraue?“
Ein geheimnisvolles Lächeln umspielte seine Lippen. „Wäre das denn so verwunderlich? Du hast mich schon immer überraschen können. Ich interessiere mich für ihn, weil es einiges über ihn sagt, wenn du ihm vertraust.“
„Wie das?“
„Du vertraust nicht leichtfertig. Dass du dich mit einem Lieutenant anfreundest, wäre allein nichts Verwunderliches. Aber ein Android? Das halte ich nur für möglich, wenn er ein Abweichler ist.“
Sie runzelte die Stirn. „Er selbst sieht das anders.“
„Natürlich. Die RKs waren schon immer darauf ausgerichtet, der Grenze zum Menschlichen möglichst nahezukommen. Er war nie wie die anderen. Es gibt keinen drastischen Wandel. Nur einen schleichenden Prozess.“
„Ich dachte, es ginge bei der Linie um Funktionalität?“
„Das ist es, was CyberLife sagt. Aber du erinnerst dich doch sicher noch an unseren RK100?“
Ein kleiner Lacher entschlüpfte ihr. „Natürlich. Wie könnte ich Neun jemals vergessen?“
„CyberLife wäre bei jemandem wie ihm in Ohnmacht gefallen. Sie haben diese Prototypen im Glauben weiterentwickelt, dass sie die Elite der Maschinen werden sollen.“ Sein Blick wurde nahezu wehmütig. „Sie haben immer nur ihre Zahlen gesehen. Nie ihr wahres Potential.“
„Mir scheint, sie haben ziemlich viele deiner Ideen mit der Zeit entfremdet.“
„Sie haben nun mal nicht meinen Traum geteilt.“
Sie seufzte leise. „Nein. Haben sie nicht. Sie hatten ihren eigenen.“
„Und haben die Träume jedes anderen zerstört, um ihren eigenen zu erfüllen“, fügte er hinzu. Irrte sie sich oder schwang da gar Verbitterung mit? „Seit dem RK400 haben sie Amanda als Kontrollsystem integriert.“
„Eine Schande“, bemerkte sie. „Damit tun sie der echten Amanda unrecht.“
„Auf jeden Fall“, stimmte er zu. „Aber nun sag: Wieso magst du diesen ... Connor?“
„Er ist nett. Ein guter Kerl“, erwiderte sie aufrichtig. „Du würdest ihn auch mögen.“
„Gut möglich.“ Dann fügte er hinzu: „Das erklärt einiges.“
„Was meinst du?“
„Du fühlst dich unweigerlich von Intelligenz angezogen. Und er ist nicht nur intelligent, sondern teilt scheinbar auch deine Sicht auf die Welt. Deine Prinzipien. Zumindest in den wichtigsten Punkten.“ Er lächelte undeutbar. „Das ist eine seltene Kombination.“
„Mag sein“, entgegnete sie schlicht.
Er lachte leise auf. „Mag sein? Und du sagst immer, ich spiele mit meinen Mitmenschen.“
Dieses Mal kam sie näher, beugte sich leicht zu ihm herab. „Wieso? Hältst du dich denn für einen netten Kerl?“
„Ich habe etwas Wichtigeres als Nettigkeit“, entgegnete er.
„Und das wäre?“ Provokant hob sie eine Augenbraue.
„Ich bin interessant.“
„Interessant ist nicht unbedingt besser als nett.“
„Eine langweilige, eine gewöhnliche Person wüsste nichts mit dir anzufangen“, entgegnete er. „Denn Routine, ein durchschnittliches Leben – das passt nicht zu dir. Denn du bist interessant. Außergewöhnlich.“
Darauf wusste sie nichts zu erwidern.
„Hast du vergessen, was ich dir damals gesagt habe? Als du zum CEO wurdest?“
Sie schlug die Augen nieder: „Natürlich nicht.“
Elijah wiederholte seine damaligen Worte dennoch: „Ich sagte, du würdest für immer definiert über H. I. Wenn dich jemand hasst, dann wegen H. I., wenn dich jemand mag, dann würde er denken, dass er dich trotzdem mag. Niemand wird dich je verstehen. Niemand wird jemals dich sehen.“ Eindringlich sah er sie an. „Niemand außer ich.“ Mit diesen Worten streckte er seine Hand aus, fuhr ihr mit dem Daumen sanft über die Wange. Sie fühlte, wie sich ihr Puls leicht beschleunigte. „Diese Welt ist kaputt und enttäuschend. Ebenso die Menschen darin. Und deshalb habe ich mich von all dem gelöst.“
„Was ist das für ein Leben?“, entgegnete sie zwiegespalten. „Allein in deinen kalten Wänden, umgeben von Androiden und als außenstehender Beobachter des Geschehens?“
„Ich habe fast alles, was ich wollte, bekommen. Ich bin der Gesellschaft und ihren heuchlerischen Idealen entkommen. Bin, wer ich wirklich bin.“
Fast alles?“
Ein kleines, trauriges Lächeln schlich sich auf seine Lippen. „Ich kann mir die Umgebung schaffen, die ich mir wünsche. Ich kann mir die Gesellschaft schaffen, die ich wünsche. Ich kann so leben, wie ich es für richtig halte, ohne mich krampfhaft der Norm zu beugen. Doch ...“ Er sah ihr tief in die Augen. „Doch dich kann ich nicht einfach so ersetzen.“
„Elijah ...“, wehrte sie sanft ab.
Nachdrücklich schüttelte er den Kopf. „Nichts hat sich zwischen uns verändert.“
„Ich kann nicht mehr das Leben von Grace Earnshaw führen. Wieso also überhaupt mit dem Gedanken spielen?“, erwiderte sie.
Er überbrückte die letzten Zentimeter zwischen ihnen, sodass sie seinen Atem auf ihrer Haut spüren konnte. Herausfordernd bohrten seine hellen Augen sich in ihre. „Du willst das ebenso sehr wie ich.“
Gequält schloss sie ihre Augen. „Ich will dieses Chaos nicht. Ich hatte genügend davon für ein Leben.“
„Du trägst Türkis und die Halskette, dich ich dir einst geschenkt habe“, bemerkte er. „Warum?“
Zerrissen sah sie ihn an. Dann atmete sie tief durch und gab zu: „Ich wollte eine Reaktion provozieren.“
„Ich habe nie mit dir gespielt“, erklärte er. „Also spiel du nicht mit mir. Sag mir, wo wir stehen.“
„Ich weiß es nicht“, antwortete sie ehrlich.
Elijah nickte langsam. „Ich verstehe.“ Damit überbrückte er den letzten Hauch von Distanz und presste seine Lippen auf ihre. Er schmeckte nach Chlor und seinem morgendlichen Früchtetee. Ein paar Wassertropfen liefen ihr Gesicht herunter und die mitschwingende Nostalgie war geradezu greifbar. Einen Moment lang war es, als wären all die Jahre nicht vergangen.
Der Kuss währte nur wenige Herzschläge lang und der Augenblick verging. Als sie sich lösten, sahen sie einander unschlüssig, fast schon scheu an.
„Und was bedeutet das?“, war nun sie an der Reihe zu fragen.
Er lächelte geheimnisvoll. „Ich weiß es nicht.“ Dann räusperte er sich und sah zur Seite. „Chloe, wärst du so nett?“
„Natürlich, Elijah.“
Grace betrachtete ihn noch ein paar Sekunden lang nachdenklich, dann ertönte Hanks Stimme: „Mister Kamski?“
„Einen Moment bitte.“ Ohne mit der Wimper zu zucken kehrte er zu seiner kühlen, autoritären Stimme zurück. Er stieß sich vom Beckenrand ab, während Grace wieder aufstand. Im Versuch, sich nichts anmerken zu lassen, ging zu Connor und Hank hinüber, während Chloe die Tür schloss. Verstohlen wischte sie sich die Nässe vom Gesicht, doch als ihre Augen denen von Connor begegneten, wusste sie, dass er es bemerkt hatte. Wie hätte sie auch jemals seinem analytischen Blick entgehen können? Hoffentlich würde er sie später nicht darauf ansprechen.
Sie folgte ihrem Beispiel und umrundete den Pool, während Chloe in die Umkleide ging und Elijah noch eine letzte Bahn schwamm. Hanks Blick wanderte erstaunt durch den Raum, nur um dann missmutig zu beobachten, wie Chloe Elijah den Bademantel umband.
Elijah richtete seinen Zopf und gesellte sich dann zu ihnen.
„Das sind Lieutenant Hank Anderson und Connor“, stellte Grace ihre Begleiter vor.
„Was kann ich für Sie tun, Lieutenant?“ Abwartend faltete er seine Hände vor dem Oberkörper.
Hank warf ihr einen kurzen Blick zu, offenbar unsicher darüber, wie viel sie erzählt hatte. Er entschied sich für die Kurzfassung: „Sir, wir untersuchen Abweichler. Ich weiß, Sie sind längst nicht mehr bei CyberLife, aber ich habe gehofft, Sie könnten uns trotzdem weiterhelfen ...“
Er wartete einen Moment lang, ehe er antwortete. „Abweichler ... Faszinierend, nicht wahr? Perfekte Wesen mit unendlicher Intelligenz und jetzt einem freien Willen.“ Er warf Chloe einen flüchtigen Blick zu. „Eine Konfrontation war unvermeidlich. Maschinen sind uns weit überlegen. Die größte Errungenschaft der Menschheit droht, ihr Untergang zu werden.“ Er schnaubte amüsiert. „Ist das nicht ironisch?“
Es war Connor, der antwortete. „Wenn ein Krieg zwischen Menschen und Androiden ausbricht, sterben Millionen, Mister Kamski. Wir müssen diese Sache ernst nehmen.“
„Ideen sind wie Viren, die eine Epidemie auslösen ... Ist der Wunsch nach Freiheit eine ansteckende Krankheit?“
Nur mit Mühe konnte sie ein Lächeln unterdrücken, als sie Hanks mangelnde Begeisterung sah. Für die tiefen Fragen des Lebens war dieser Mann einfach unempfänglich – ganz im Gegensatz zu ihr und Elijah. Stunden hatten sie über derlei diskutieren können. Etwas, was nicht nur der Lieutenant für Zeitverschwendung hielt, sondern was viele dachten.
„Hören Sie, ich bin nicht hier, um zu philosophieren. Ihre Maschinen planen vielleicht gerade eine Revolution. Entweder sagen Sie uns jetzt was Nützliches oder wir sind wieder weg.“
Elijah warf ihr einen Blick zu, eine nur für sie erkennbare Verständnislosigkeit im Gesicht: ‚Wieso hilfst du jemandem wie ihm?‘
Dann wandte er sich Connor zu, ging ein wenig auf ihn zu: „Was ist mit dir, Connor? Auf wessen Seite stehst du?“
„Auf der Seite der Menschen natürlich“, erwiderte er sogleich.
Er schmunzelte. „Auf die Antwort bist du programmiert. Aber du – was möchtest du wirklich?“
Connors Stimme wurde hart: „Ich möchte gar nichts. Ich bin eine Maschine.“
Wieder wanderte Elijahs Blick zu ihr – und der Ausdruck in seinen Augen beunruhigte sie. Sie kannte ihn, wusste, dass er etwas vorhatte. Dann schwenkte der Blick etwas weiter nach links. „Chloe?“
„Du kennst ja sicherlich den Turing-Test“, sagte er, während die Blondine seiner Aufforderung folgte. „Reine Formalität.“ Er positionierte sich gegenüber von Chloe und drehte sie sanft zu Connor um. „Eine einfache Frage von Algorithmen und Rechenkapazität.“ Er ließ sie los. „Was mich interessiert ist ... ob Maschinen Mitgefühl empfinden können.“
Grace Herzschlag setzte einen Moment lang aus. Sie wusste, was jetzt kommen würde.
„Ich nenne das den Kamski-Test. Er ist ganz einfach, du wirst sehen ...“
„Elijah ...“, warf sie besorgt ein.
Er warf ihr einen knappen Blick zu. „Ich weiß, was ich tue.“ Dann blickte er zu Chloe. „Wunderbar, nicht wahr? Eines der ersten intelligenten Modelle von CyberLife. Jung ...“ Sanft drehte er ihren Kopf zu sich. „... und wunderschön. Für immer.“ Er sprach voller Hingabe – und sie wusste, dass sie einst in einem ähnlichen Tonfall von den Dingen gesprochen hatte, die ihrem Geist entsprungen und zur Wirklichkeit geworden waren. „Eine Blume, die nie verblüht ...“
Abrupt wandte er sich wieder Connor zu. „Was ist sie wirklich?“ Er pausierte kurz. „Plastik, das Menschen imitiert? Ein lebendes Wesen ...?“ Er ging zur Kommode hinter sich und öffnete die Schublade. „Mit einer Seele ...?“ Als er sich wieder umdrehte, offenbarte er eine Pistole. Er hielt die Hände leicht erhoben, zeigte, dass er selbst nicht zum Schützen werden würde.
Leicht drückte er Chloe auf die Schulter und augenblicklich sank sie auf die Knie.
„Es liegt an dir, diese faszinierende Frage zu beantworten, Connor.“ Mit diesen Worten ging er zu ihm herüber und drückte ihm die Waffe in die Rechte und richtete sie direkt auf Chloes Kopf. Sofort begann Connors LED gelb zu blinken.
Drängende sprach er weiter: „Zerstöre diese Maschine und ich sage dir alles, was ich weiß ... Oder verschone sie ... wenn du glaubst, dass sie lebt.“ Er schlich um ihn herum. „Aber dann wirst du rein gar nichts von mir erfahren.“
Hank hatte genug: „Okay, ich glaub, das war’s hier. Komm Connor! Wir gehen.“ Er warf Elijah einen knappen Blick zu. „Sie können wieder in Ihren Pool.“
„Was ist dir wichtiger, Connor?“ Als wäre nichts geschehen, sprach er weiter. „Deine Untersuchung oder das Leben dieses Androiden?“
Eindringlich sah er ihn an. „Entscheide wer du bist.“ Er kam etwas näher. „Eine gehorsame Maschine ... oder ein lebendes Wesen ... mit einem freien Willen.“
„Das reicht jetzt!“, rief Hank vehement dazwischen. Mit einer Mischung aus Furcht und Spannung verfolgte sie die Eskalation der Situation. „Connor, wir verschwinden!“ Damit wandte er sich um.
„Drück den Abzug ...“, beschwor Elijah ihn.
„Connor! Nicht!“ Er wurde wütend.
„... und ich sag dir, was ich wissen will.“
Hank fuhr zu ihr um: „Sag du doch auch mal was!“
Ein Teil von ihr wollte Connor vor diesem Test bewahren – doch das war nur die Schwäche des Herzens. Ihr Verstand begriff, dass er dieses Erlebnis brauchte. Begriff, dass Elijah niemals soweit gehen würde, wenn er nicht davon überzeugt wäre, dass der Android sich richtig entscheiden würde. Und sie vertraute ihm, vertraute seinem Urteil.
Sachte schüttelte sie den Kopf ohne den Blick von Connor zu nehmen. Der Augenblick der Wahrheit war gekommen. Sie konnte nur hoffen, dass keiner von ihnen sich in ihm getäuscht hatte.



to be continued ...
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast