Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

✦ Wires ✦

GeschichteDrama, Krimi / P16 / Het
Gavin Reed Hank Anderson OC (Own Charakter) RK800-51-59 Connor
01.02.2020
13.09.2020
17
49.540
10
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
10.05.2020 5.266
 
Wires


12. bare your soul to me

❝ Only showin‘ your face to the lonely
Wear a mask for the masses so cold
Choosin‘ roads that are broken and stony ❞

~ Through the Mirror by Beyond the Black ~



Montag, 08.11.2038
19:56 Uhr
Indian Village
„Worüber wolltest du mit mir reden?“
Unsicher musterte sie ihn und begann unter Connors verwirrtem Blick auf ihrer Unterlippe zu kauen.
Ihre Überlegung war spontan gekommen, eine Eingebung, die im ersten Moment geradezu genial auf sie gewirkt hatte. Nun saß sie wieder gegenüber von Connor – Hank hatte sie vor einigen Minuten zur Tür begleitet – und stellte fest, dass ihre Idee vielleicht doch keine allzu Gute war.
„Grace?“, fragte er erneut, dieses Mal drängender.
Mit einem ergebenen Seufzer nickte sie. Sie hatte ihn gebeten zu bleiben und konnte ihn jetzt wohl kaum noch vor die Tür setzen und erklären, dass sie es sich anders überlegt hatte.
Augen zu und durch – wie sollte er im schlimmsten Fall schon reagieren? Zu Hank rennen und ihm alles berichten? Das Eingreifen in ihre Privatsphäre, vor allem aber ihr Entsetzen über das Offenbaren ihrer Geheimnisse hatten ihn sich eindeutig schuldig fühlen lassen. Er war keine gefühllose Maschine und er würde seine gerade erst verziehenen Fehler nicht einfach so wiederholen.
Und falls die Idee ihn anwidern würde, so war das eben so. Sie war nicht von seiner Akzeptanz oder seiner Zustimmung abhängig.
Augen zu und durch.
Sie räusperte sich. „Tiffany erklärt, ihre verbliebenen Implantate seien gehackt worden. Für mich war das zuerst eine offensichtliche Lüge, ein Versuch die Schuld nicht selbst tragen zu müssen.“
„Aber du hast deine Meinung geändert“, stellte Connor fest.
Mit einem knappen Nicken stimmte sie ihm zu. „Kurz bevor ihr hier aufgetaucht seid, habe ich einen Anruf bekommen. Von einem Freund in der Gerichtsmedizin. Er hat mir den Gefallen getan und inoffiziell auch Jaspers Gehirn obduziert.“ Sie schluckte. „Dort, wo seine Implantate lagen, gab es Veränderungen der Gehirnstruktur und die Implantate waren vollkommen zerstört. Genau wie es bei den Betroffenen des Vorfalls war.“
Er beugte sich etwas vor. „Ein weiterer Vorfall hätte auffallen müssen, oder nicht?“
„Es ist kein Vorfall, Connor.“ Eindringlich sah sie ihm in die Augen. „Es ist ein gezielter Angriff. Ich glaube, jemand hat die beiden gehackt und dazu benutzt, die Wissenschaftler von CyberLife zu ermorden.“
Seine Augen weiteten sich. „Ist das möglich?“
„Ich fürchte schon. Unsere Forscher sind im Laufe des Prozesses zu dem Entschluss gekommen, dass die Fremdsteuerung aller Träger das Ziel gewesen sein muss. Das hat nur nicht bei jedem funktioniert. Wir hatten vermutet, dass einer unserer Gegner die Gewalt ausgelöst haben, um H. I. zu zerstören.“
„Welche Gegner?“
„Oh, viele Religionen sprachen sich gegen uns aus. Sagten, wir würden Gott spielen.“ Sie verlagerte ihr Gewicht etwas. „Andere sprachen davon, dass wir aus Menschen Maschinen machen, dass wir Monster erschaffen würden. Dass wir keine moralischen Grenzen kennen würden. Ganz zu schweigen von den Konsequenzen, die manche erwarteten.“ Grace strich sich eine verirrte Strähne aus dem Gesicht. „Zum Beispiel einen Zwang, sich verbessern zu lassen, um am Arbeitsmarkt mithalten zu können. Aber ich hab nie einen von ihnen für den Täter gehalten.“
„Sondern?“
„CyberLife.“
Er runzelte die Stirn. „Warum das?“
„Nachdem Elijah ... nicht mehr der CEO war, hörte die Zusammenarbeit zwischen H. I. und CyberLife auf. Wir wurden erbitterte Konkurrenten und sie haben uns oft ausgebremst, haben ihren Einfluss genutzt, um uns Hürden in den Weg zu legen. Manchmal auf politischer Ebene, manchmal auch nur in dem sie Zeitungsartikel über uns verhinderten.“
Er schüttelte den Kopf. „Dir ist bewusst, dass ich CyberLife regelmäßig bericht erstatte?“
Sie lächelte schief. „Es gibt keinen Grund, um in mir eine Bedrohung zu sehen. Ich habe keine Beweise für meine Theorien und kein Interesse daran, mit meinen Vermutungen hausieren zu gehen.“
„Warum erzählst du mir das alles?“
Sie nahm all ihren Mut zusammen. „Du weißt, wie man hackt, oder?“
„Ja.“ Unsicher sah er sie an. „Worauf willst du hinaus?“
„Ich will, dass du mich hackst.“
„Was?“ Entsetzt sah er sie an. „Warum solltest du so etwas wollen? Das ist Irrsinn!“
Sie stand von ihrem Sessel auf, umrundete den Kaffeetisch und setzte sich stattdessen zu seiner Rechten auf das Sofa. Sie ergriff seine Hand. „Ich möchte weder instrumentalisiert noch eine Gefahr für andere werden. Wir haben nie darüber nachgedacht, ob unsere Implantate gehackt werden könnten, haben keinerlei Schutzmaßnahmen getroffen.“ Sie begann immer schnell zu sprechen. „Die betroffenen Implantate waren alle über einen Server verbunden. Deshalb haben wir die anderen Produktlinien niemals für gefährdet gehalten – das war ein brandneues Modell, gedacht, um die Träger auf die Informationen auf dem Server direkt zugreifen zu lassen. Aber jetzt weiß ich, dass keiner von uns sicher ist. Das jeder von uns gehackt werden kann – das ich gehackt werden kann.“ Eindringlich sah sie ihn an. „Wenn du auf meine Implantate zugreifst, dann könntest du Hürden errichten. Dafür sorgen, dass ein Fremder nicht so leichtfertig die Kontrolle übernehmen kann.“
„Und wenn stattdessen das Implantat einfach versagt?“ Seine Augen wurden größer, als er die nächste Erkenntnis erlangte. „Oder wenn du gar stirbst?“
„Ich möchte nicht zu dem Opfer eines Irren werden. Wir wissen nicht einmal, was er will. Wenn man mich kontrolliert, kann man gewaltigen Schaden anrichten – und ich rede nicht nur davon, dass ich ein paar Wissenschaftler erschießen könnte. Was wenn er das DPD ausschalten will? Oder einflussreichere Personen? Mit meiner Marke-“
„Hör auf damit!“, unterbrach er sie, die LED mit einem Mal rot. „Das ist Wahnsinn, darüber nachzudenken! Du hast einen anderen Namen – wieso sollte jemand überhaupt wissen, dass du Implantate trägst? Ganz zu schweigen davon, dass ich nicht einmal weiß, wie ich etwas hacken soll, was nicht mal mein Scan erkennen kann.“
„Versteh doch, Connor!“, erwiderte sie verzweifelt. „Es geht nicht nur darum, dass der Täter mich als Waffe benutzen könnte. Das ist keine selbstlose Tat. Er zerstört die Implantate am Ende, Connor. Er zerstört sie. Weißt du, was das bedeutet?“
Erkenntnis zuckte über sein Gesicht. „Du hast Angst, deine Prothesen zu verlieren:“
„Hast du eine Ahnung, wie das für mich war, Connor? Ich habe nur darauf gewartet, endlich die High School hinter mich zu bringen und mit dem richtigen Leben zu beginnen. Und die Chance auf eines wurde mir von einer Sekunde auf die andere genommen. Einfach so.“ Sie schnipste mit den Fingern. „Ich war sechzehn, verdammt! Und anstatt dass ich wie die meisten Menschen mit ein paar Brüchen und Kratzern davonkomme, habe ich mein Augenlicht verloren. Ich lag im Krankenhaus und als ich meine Augen öffnete, war es, als hätte ich sie noch immer geschlossen. Ich war umgeben von Dunkelheit. Mal war sie etwas heller, mal etwas dunkler – abhängig von der Umgebung. Aber dunkel war es immer.“ All ihre Verbitterung schwang in ihrer Stimme mit. „Es war wie ein endloser Albtraum. Und dann durfte ich auch noch feststellen, dass mein Onkel es für schlau gehalten hatte, mir meinen Arm abzunehmen! Anstatt dass man versuchte, ihn zu richten und mit Reha wieder hinzukriegen, hat er ihn einfach abschneiden lassen! Ich habe nicht vor, mein Leben noch einmal von anderen so beeinflussen zu lassen! Das ist mein Körper und mein Leben!“, rief sie aus. „Und ich lasse nicht zu, dass man mich zu einer Waffe oder wieder zu einem Krüppel macht!“
Schwer atmend sah sie ihn an, versuchte, in seinem Gesicht zu lesen, was er von ihrem Ausbruch hielt. Seine LED war inzwischen zu einem Gelb gewechselt.
„Bitte!“, flehte sie eindringlich, die Stimme etwas leiser als zuvor. „Wenn du vorsichtig bist, sollte nichts schief gehen. Die Tode kamen wahrscheinlich nur, weil es ein Massenangriff war. Wenn du dich auf mich konzentrierst und vorsichtig bist ... Die Chancen stehen gut, Connor. Und nur du kannst wahrscheinlich verhindern, dass dieser Irre mir das antut! Ich würde diese Dunkelheit nicht noch einmal ertragen!“
Noch immer schwieg er und ihr Herz hämmerte kräftig in ihrer Brust in diesem Moment der Wahrheit. Alles hing nun von ihm ab. Von seiner Entscheidung.
Und dann wurde die LED blau und er nickte. „Wenn du dir sicher bist.“
Erleichtert atmete sie aus, nickte hastig. „Das bin ich. Danke, Connor. Das werde ich dir nie vergessen.“
„Ich hoffe, dass ich das nicht bereuen werde“, erwiderte er ernst. „Aber ich helfe dir. Und sei unbesorgt: Ich werde niemanden hiervon erzählen.“
Sie lächelte. „Ich stehe für immer in deiner Schuld.“
„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Du schuldest mir nichts. Du hast mir auch bereits geholfen.“
„Das ist nicht vergleichbar“, entgegnete sie. „Das ist mein Leben, Connor. Und du hilfst mir, es mich so leben zu lassen, wie ich es will. Nichts ist wertvoller als ein selbstbestimmtes Leben.“
Er lächelte leicht. „Dann freut es mich, dass ich dir helfen kann.“
Damit verfielen sie in Schweigen und erst als Connor auf ihre Hände herabsah und die LED wieder zum Gelb zurückkehrte, bemerkte sie, dass sie noch immer seine Hand festhielt. Abrupt zog sie ihre Hand zurück als hätte sie sich verbrannt.
Mit einem Mal war ihr die Nähe zu ihm fast schon unangenehm. Sie war so aufgewühlt gewesen, dass sie ihn gerade zu bedrängt hatte.
Sie räusperte sich und machte Anstalten, aufzustehen, doch Connor hielt sie auf, eine Hand auf ihrem Arm. Verwirrt sah sie zu ihm herüber und setzte sich wieder, auf eine Erklärung wartend. Sein Gesicht war für sie absolut undeutbar. Es erinnerte sie an Zerrissenheit und den Hauch von Furcht, aber da war auch noch etwas anderes ...
Zögerlich nahm er die Hand von ihrem Arm und ergriff stattdessen ihre Linke. Die LED kehrte wieder zum stabilen Blau zurück, als er ihr mit einer nie dagewesenen Aufrichtigkeit in die Augen sah. „Ich ... mag das. Mag es, dir so nahe zu sein.“
Atemlos starrte sie ihn an, unsicher, wie sie reagieren sollte. Unsicher über das, was sie fühlte. Und über das, was er damit sagen wollte.
Sanft zog er seine Hand wieder zurück. „Wir sollten anfangen, wenn du Mister Kamski nicht mitten in der Nacht anrufen willst.“
Verwirrt blinzelte sie, dann räusperte sie sich. „Sicher. Du hast recht.“
„Was muss ich tun?“
„Ich ... ähm“, sie schluckte, noch immer etwas überfordert von dem, was gerade geschehen war. Dabei wusste sie nicht einmal wirklich, was genau gerade geschehen war. „Ich sollte mich hinlegen. Wahrscheinlich werde ich das Bewusstsein verlieren.“
Er nickte, anscheinend vollkommen auf den Plan konzentriert.
„Ich habe lediglich drei Implantate“, erklärte sie. „Eins für meine Augenimplantate, eins ist zuständig für die Bewegung meines Arms und das letzte stellt den Tastsinn meines Armes sicher.“
„Ich verstehe. Wollen wir dann?“
Sie nickte langsam. „Ja. Lass uns das hinter uns bringen.“
Damit stand Connor auf und sie legte sich ausgestreckt auf das Sofa.
„Grace?“
„Ja?“
„Ich ... will dir nicht wehtun“, gestand er.
„Es ist in Ordnung“, erwiderte sie. „Du kannst nicht bei allem, was du tust, selbstsicher sein. Aber du schaffst das schon. Ich vertraue dir.“
Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. „Verstanden.“
Tief atmete sie ein, faltete ihre Hände auf dem Bauch und schloss ihre Augen im Versuch, sich auf das Kommende vorzubereiten. Ihr Herz hämmerte stetig in der Brust und die Angst ließ ihre Härchen sich aufstellen.
Bumm. Bumm.
Wann würde es soweit sein?
Bumm. Bumm.
Hatte er schon angefangen?
Bumm.
Plötzlich entfuhr ihr ein leiser Schrei. Ein stechender Schmerz breitete sich in ihr aus. Instinktiv wollte sie sich an den Kopf fassen, doch dann stellte sie fest, dass sie sich nicht mehr bewegen konnte.
Heftig keuchend versuchte sie, die Ruhe zu bewahren. Sie vertraute Connor. Er wusste schon, was er tat. Doch ein Teil von ihr wollte mit aller Macht gegen dieses neugeschaffene Gefängnis hämmern, die Wände einreißen und den Eindringling vertreiben.
Sie brannte. Brannte im Inneren lichterloh. Gierig fraßen die Flammen sie auf und das Bedürfnis sich wehren zu müssen, begann langsam zu verstummen, bis es endgültig erstarb.
Alles war dunkel, alles war still.
Eine tiefe Erschöpfung packte sie und mit einem Mal hatte sie vergessen, wer sie war, wo sie war. Sie ertrank. Sie erstickte. Brauchte Luft. Luft! Hände, die nach ihr griffen, eine Strömung, die sie mit sich riss. Nein! Kräftige Arme legten sich um sie, zogen sie weiter in die Dunkelheit hinab.
Nein!
Sie strampelte, kämpfte gegen den Entführer.
Nein?
Gegen wen kämpfte sie? Das waren keine zerrenden Arme, keine Klauen, die sie gepackt hielten. Das war die warme Umarmung eines Freundes, die Sicherheit einer Familie. Warum kämpfte sie?
Erst da bemerkte sie, dass sie einen Stein umklammert hielt, der ihren Verbündeten daran hinderte, sie nach Hause zu bringen. Nach Hause. Wie sehr sie endlich wieder durch diese Türen treten wollte ...
Sie ließ los und die Dunkelheit zog sie mit sich.

„Mama, Mama! Schau nur – wir haben dein Auto repariert!“
Gütige Augen, ein sanftes Lächeln. „Das habt ihr toll gemacht!“
„Das war hauptsächlich sie.“ Die Stimme eines Mannes, dessen Lächeln man hören konnte. „Unser Mädchen hat ein Talent.“
„Lass das nicht deinen Bruder hören. Sonst will er sie noch einstellen.“ Ein Scherz. Ein Scherz über einen Mann, den keiner ernst nahm. Ein Scherz, der wahr werden würde.

Bedauern. Hatte sie sie enttäuscht? Was hatten sie sich für ihre Tochter erhofft?

Tränen liefen über ihr Gesicht. Ein ungewohnter und zeitgleich verstörender Anblick.
„Was ist passiert?“ Eine Frage, auf die sie die Antwort bereits kannte. Sie hatte ihn mit der jungen Frau gesehen. Mit einer Frau, die ebenfalls seine Tochter hätte sein können.
Ein Schluchzen war die Antwort und sie ging zu ihr, legte ihre Arme um sie. Wissend, dass sie ihm das nie vergeben würde.
„Er ist nicht mehr mein Vater.“ Worte, in Verbitterung gesprochen. Worte, die für immer wahr sein würden.

„Du hattest kein Recht dazu! Ich will das nicht! Ich will mein Leben zurück!“ Verzweiflung, Angst. Ein sinnloses Flehen.
„Wir bekommen nun mal nicht immer das, was wir wollen.“ Harte Worte eines unerbittlichen Geschäftsmannes. Dann wurde seine Stimme sanfter. „Und noch seltener, was wir verdienen. Das ist das Leben, Kleines. Es ist nicht gerecht. Und selten schön.“

Nein. So wollte sie nicht leben! Sie wollte mehr vom Leben. Selbst entscheiden, wer sie war. Wenn das Leben nicht schön war, dann würde sie es sich eben schön
machen. Und nichts würde sie aufhalten.

Das Bild verschwamm, an die Stelle des düsteren Raumes trat ein heller. Eine blonde Frau lächelte sie an. „Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Earnshaw mein Name“, erklärte sie. „Ich habe einen Termin mit Elijah Kamski.“

Sie schüttelte seine Hand, sah den verwirrten Blick hinter der Maske aus Höflichkeit, als er ihre Kleidung musterte. Eine schwarze Lederjacke, obwohl draußen über dreißig Grad waren. Handschuhe im Hochsommer.
„Hat man Sie geschickt, weil man glaubt, dass ich besser mit jemandem in meinem Alter arbeiten kann?“, fragte er. Ob ein Teil von ihm sich nicht ernst genommen fühlte? Als ob man ihn aufgrund seines Alters in den Kindergarten schickte, anstatt ihn aufgrund seines Intellekts zu einer politischen Debatte einzuladen?
Sie war es gewohnt, unterschätzt zu werden. Das kümmerte sie nicht mehr. „Nein“, erwiderte sie. „Hier geht es um Mechanik, Mister Kamski. Und in diesem Gebiet bin ich eine der Besten.“
„Und warum dann nicht einen der älteren schicken, der zu den Besten gehört?“
„Sie sollten am besten wissen, dass man Alter nicht mit Intelligenz verwechseln darf“, entgegnete sie. Dann fügte sie mit einem kleinen Lächeln hinzu. „Und die meisten Älteren haben Angst vor Ihnen.“
„Ist das so?“ Neugierig betrachtete er sie.
„Sie haben mehr erreicht als diese Leute in ihrem ganzen Leben. Die hassen Sie, weil Sie besser sind. Beneiden Sie.“
„Und Sie beneiden mich nicht?“
Unfreiwillig lachte sie auf. „Warum sollte ich? Ich definiere mich nicht über meine Erfolge. Ich bin, wer ich bin. Erfolg ändert daran nichts.“
Er lächelte zum ersten Mal aufrichtig. „Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit. Aber lassen Sie uns doch die Formalitäten bei Seite legen. Ich bin Elijah.“
„Grace.“

Wieder packte die Dunkelheit sie, zog sie weiter. Wie viel Zeit war vergangen? Sekunden? Stunden? Jahre?

Sie trieb im Nichts. Das Wasser umspielte ihren Körper sanft, dann ging ein Ruck durch ihren Körper. Das stille Gewässer verwandelte sich in einen wütenden Sturm. Eine Hand packte sie, zerrte sie mit sich.
Gegenwehr war sinnlos. Sie wusste ja nicht einmal, wogegen genau sie sich gewährt hatte.

„Die Welt unterschätzt uns. Wir sollten nicht denselben Fehler begehen.“
Eine Waffe in ihrer Hand.
„Keine Gewalt. Wir gehen rein und raus, ohne das uns jemand bemerkt. Wir müssen diese CD finden.“

Wofür kämpfte sie? Nur um zu beweisen, dass Prothesen einen leistungsstärker machten? Das war nicht sie.

Gesichter zogen an ihr vorbei. Umarmungen, Lachen. Geteilte Momente.
„Wir gegen den Rest der Welt, Gracie!“
„Für immer!“, rief sie zurück.

„Bist du dir sicher, dass die Menschheit das nicht verdient hätte?“
Die kupferne Farbe der Flüssigkeit brach das Licht.

Ein gestohlener Kuss. Eine warme Hand auf ihrem Rücken.
„Es tut mir leid.“ Ein Schritt zurück. „Wir werden immer Freunde sein, Jasper, aber ...“
Ein rotes Gesicht, ein Blick, der ihren mied.
„Du magst ihn, nicht wahr?“

Seine Hände auf ihrer Taille, sein Körper, der ihren zurückdrängte, bis ihr Rücken gegen die kalte Wand stieß. Zwei Paar Augen, die das gegenüberliegende suchten. Sein Atem auf ihrer Wange, doch er zögerte noch.
„Was hält dich auf?“ Eine neckische Frage, gefolgt von seinem leisen Lachen. „Nichts.“

„Ich weiß, dass er dich mag!“ Vorwürfe. Eine Freundschaft, die zu Ende zu gehen drohte. „Ich will nicht, dass ihr euch noch trefft.“
„Er ist für mich wie ein Bruder.“ Sie schüttelte den Kopf. „Du musst dir um nichts Sorgen machen.“
„Ich habe die ... Zeugnisse deiner wilden Nacht gesehen, Earnshaw. Und wir wissen beide, dass du weder auf One-Night-Stands stehst, noch genug Zeit neben der Arbeit hast, um jemanden kennenzulernen, geschweige denn, vernünftig zu Daten.“
„Ich hab nichts mit ihm, das kannst du mir glauben.“
„Ach ja? Dann sag schon: Wer ist es?“
Ein geheimnisvolles Lächeln. Das ging nur sie etwas an.
Schweigend sahen sie einander an, dann stieß ihr Gegenüber plötzlich aus: „Oh Gott! Deshalb kann Jasper ihn nicht leiden, oder?“
„Das musst du ihn schon selbst fragen.“

Das Bild verschwamm als wäre ein Stein in einen Teich gefallen. Wellen verzerrten, was sie sah.
Rot auf Weiß. Die Umrisse einer Hand, die eine Rose auf einen Sarg legten.
Türkiser Stoff, der im Wind flatterte. Ein Lachen in ihrem Ohr, als er seinen Arm um sie legte. „Ich habe doch schon immer gesagt, dass du es nach ganz oben schaffen würdest. Wir beide bekommen immer, was wir wollen.“

Ein klingelndes Telefon. Der wievielte Anruf an diesem Abend? Waren es bereits hundert gewesen? Oder schon zweihundert?

Fotographen. Das Blitzen von Kameras. Wütende Rufe.

Flammen. Verzweiflung. Tränen. „Wo ist sie?! Warum sie? Sie hat nichts mit all dem zu tun!“

Ein Ruck ging durch ihren Körper und grelles Licht vertrieb die Schatten der Vergangenheit.


Schweiß gebadet riss sie ihre Augen auf und blickte direkt in die braunen von Connor.
Keuchend starrte sie ihn an. „Haben wir’s geschafft?“
Er nickte. „Die Mauern stehen. Geht es dir gut?“
Sie nickte langsam, ihr Herz hämmerte noch immer kräftig. „Ja ... Ja, ich denke schon.“
Connor reichte ihr seine Hände, half ihr, sich aufzusetzen. Sie fühlte sich entsetzlich leer, erschöpft. Als hätte sie seit Wochen nicht geschlafen.
„Wie lange war ich ... weg?“
„Zehn Minuten?“, mutmaßte er. „Es hat länger gedauert, als ich gedacht habe.“
„Nur?“ Erstaunt sah sie ihn an. „Das hat sich angefühlt wie Stunden.“
Besorgt musterte er sie. „Wie viel hast du mitbekommen?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Nicht viel.“ Damit streckte sie ihre Hand nach ihrem Wasserglas aus und stellte zufrieden fest, dass die Prothese noch vollfunktionsfähig war. „Alles gut, Connor“, beschwichtigte sie nach ein paar gierigen Schlucken. „Es war nur erschöpfend.“
„Und warum zittert dann deine Hand?“
Sie runzelte die Stirn, stellte das Glas zurück. „Tut sie nicht. Das siehst du doch.“
„Ich rede von deiner Linken.“
Ertappt sah sie auf besagte Hand, die tatsächlich alles andere als ruhig war. „Es geht mir gut.“
„Was hast du erlebt?“
Mit einem Seufzer ergab sie sich ihrem Schicksal. „Es war als würde ich ziellos in einem Ozean treiben, als würde mich etwas mitziehen. Erst hatte ich Angst, dann hetzte ich von Traum zu Traum ...“ Sie seufzte. „Ich hatte oft kein leichtes Leben, Connor. Für mich sind manche Erinnerungen eher Albträume als alles andere.“
„Und die hast du erlebt“, stellte er fest.
„Und du?“, wechselte sie das Thema. „Was hast du gesehen?“
„Nicht viel. Die Programmierung ist äußerst komplex, aber ich glaube nicht, dass das deine Frage ist.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich habe keinen Blick in deinen Verstand werfen können. Ich weiß nicht, was du weißt und habe nicht gesehen, was immer du gesehen hast.“
Sie nickte langsam, sichtbar ertappt. Dann räusperte sie sich. „Danke nochmal, Connor.“
„Ich habe gerne geholfen.“
Mit einem leichten Lächeln stand sie vorsichtig auf. Als sie bemerkte, dass ihr Kreislauf langsam wieder in Schwung kam, ging sie zu ihrem Telefon.
„Dann ruf ich Elijah mal an.“
Connor nickte zur Antwort nur.
Schlicht abgespeichert als ‚Elijah‘ war seine Nummer schnell im internen Adressbuch gefunden. Hätte ein fremder ein Blick auf das Display geworfen, hätte man sicher niemals geahnt, welchen Elijah sie damit meinte.
Sie wählte die Nummer und wartete ab, in der Hoffnung, dass sie nicht veraltet war. Wieso sollte er sie aber auch ändern? Diese hatten schließlich von Grund auf nie viele Menschen gehabt.
Eine freundliche Frauenstimme meldete sich am anderen Ende. „Guten Abend, Grace.“
Augenblicklich erkannte sie Chloe. „Ich habe lange nicht angerufen“, erklärte sie. „Aber ein paar Freunde von mir könnten Elijahs Hilfe bei einem Fall gebrauchen.“
„Wie soll er helfen können?“
„Durch ein paar simple Antworten. Ich spreche von Lieutenant Hank Anderson und ...“ Sie warf einen Blick auf Connor, der ihr Telefonat gebannt verfolgte. Sie konnte nur hoffen, dass er ihre Worte nicht missverstand. „... dessen Begleiter. Einen RK800 namens Connor.“
Kurz schwieg Chloe, dann: „Einen Moment bitte. Ich werde mit Elijah darüber reden.“
„Natürlich.“
Fast eine Minute verging, ehe das Telefonat fortgesetzt wurde. Doch dieses Mal war es nicht Chloe, die sprach: „Grace. Schön wieder von dir zu hören.“
Unwohl verlagerte sie ihr Gewicht. „Ich habe es für sicherer gehalten, mich nicht mehr zu melden.“
„Verständlich“, bemerkte er. „Viele täten dasselbe, wenn sie so viele Feinde wie du hätten.“ Eine kurze Pause. „Nur bist du nie wie ‚viele‘ gewesen, Grace. Das war es, was mich überrascht hatte.“
„Tut mir leid, dich enttäuscht zu haben“, erwiderte sie ironisch.
Er lachte leise. „Das hast du nicht. Nur überrascht. So wie auch jetzt. Du bist nie jemand gewesen, der sich nach Jahren meldet, weil er etwas will. Du hast andere Menschen nie ausgenutzt. Warum jetzt?“
„Ich betrachte meine Bitte nicht als Ausnutzen“, entgegnete sie. „Der Lieutenant arbeitet mit dem Androiden an Abweichlerfällen. Sie wollen deine Hilfe und ich weiß nun mal, wie man dich erreicht.“
„Hast du sie freiwillig eingeweiht?“
Sie seufzte. „Nicht ganz.“
„Werden sie deine Geheimnisse lüften, wenn ich nicht mit ihnen rede?“
Ein Teil von ihr wusste, dass eine Lüge ihn dazu bringen würde, einzuwilligen, nur um sie zu beschützen. Doch sie entschied sich dagegen: Sie war keine Lügnerin.
„Nein. Ich vertraue ihnen.“
Er lachte, offenbar ehrlich überrascht. „Das macht das Ganze gleich sehr viel interessanter. Ein Lieutenant, dem du vertraust, wäre ja noch eine Sache, aber einem Androiden? Ein RK, habe ich gehört?“
„Ja.“
„Ein Prototyp?“
„Ja.“ Langsam begann dieses Gespräch ihr zu missfallen.
Kurz schwieg er, dann fragte er: „Sie wollen wohl wissen, wie sie die Abweichler aufhalten können?“
„Exakt. Sie glauben, du könntest Ihnen dabei helfen.“
„Aber du hast nichts gesagt“, stellte er fest. Wieder lachte er auf. Dann erklärte er: „Ich treffe sie gerne – unter einer Voraussetzung.“
Sein Tonfall machte sie stutzig. „Die da wäre?“
„Du musst auch kommen.“
Überrascht hielt sie inne. „Warum?“
„Braucht ein Mann einen Grund, um eine schöne Frau sehen zu wollen?“
Lächelnd verdrehte sie die Augen. „Netter Versuch. Wir wissen beide, dass du nicht so einfach gestrickt bist.“
„Mag sein“, gab er unumwunden zu. „Aber ich fände es tatsächlich schön, dich wiederzusehen. Oder willst du mir aus dem Weg gehen?“
„Das nicht.“
„Du bist noch sauer“, stellte er fest.
„Es ist neun Jahre her“, entgegnete sie. „Ich habe diese Dinge hinter mir gelassen. Ich kann mitkommen, wenn du willst. Nur habe ich das Gefühl, dass du mir nicht die ganze Wahrheit erzählst.“
Er ignorierte ihre Bemerkung. „Morgen gegen halb zwölf?“
Sie seufzte tonlos, ließ sich das aber in der Stimme nicht anmerken. „Wir werden da sein.“
„Gute Nacht, meine Schöne.“ Damit legte er auf.
Grace drehte sich zu Connor um. „Das Treffen steht. Aber er will, dass ich mitkomme.“
Er runzelte die Stirn. „Das missfällt dir?“
„Elijah tut nie etwas grundlos, Connor“, erklärte sie. „Wenn er will, dass ich mitkomme, hat er irgendetwas vor. Und mir ist derzeit nicht nach seinen Psychospielchen.“
„Ich dachte, ihr wart Freunde?“ Verständnislosigkeit zeigte sich auf seinem Gesicht.
„Es ist ... kompliziert. Du kannst uns nicht so leicht in eine Schublade stecken. Unser Verhältnis war schon immer ... ziemlich kompliziert. Mal waren wir auf Augenhöhe, im nächsten Moment wollte jeder seine eigenen unternehmerischen Interessen vertreten. Wir sind einander in vielen negativen Aspekten zu ähnlich. Das verträgt sich auf Dauer nicht.“
„Von was für negativen Eigenschaften sprichst du?“
Schulterzuckend kehrte sie zum Sofa zurück und setzte sich neben ihn. „Wir beide hatten unsere Ideen, unsere Träume vom Fortschritt. Und keiner von uns hielt jemals dabei inne, dachte an die Konsequenzen. Wir hätten die gesamte Welt mit unseren Entwicklungen niederbrennen können und es hätte keinen von uns interessiert. Elijah und ich kannten keine Grenzen und kein Opfer war uns zu groß. Dafür hatten wir bereits zu viel investiert.“ Sie fuhr sich durch das Haar. „Wir waren nie zufrieden mit dem, was wir hatten. Wir wollten immer mehr. Mehr erreichen, uns selbst übertreffen. Die gesamte Welt hätte uns bejubeln können, aber unsere eigenen Anforderungen konnten wir niemals hundertprozentig erreichen.“
„Du wirkst nicht unzufrieden.“
Sie lächelte schief. „Ehrlich gesagt finde ich es überraschend erfüllend, ein Detective zu sein. Wenn ich meine Talente ausleben will, restauriere ich mal einen Oldtimer, aber dadurch, dass ich nicht immer zum nächsten Ziel arbeiten muss, kann ich Ruhe finden. Und ich steh auf Gerechtigkeit. Mag das Gefühl, wenn ich einen Mörder fasse und weiß, dass diese Welt um ein Schwein auf den Straßen ärmer ist.“ Sie lachte leise. „Hätte nie gedacht, dass es mir gefallen würde. Aber das tut es.“
Nachdenklich legte er den Kopf schief. „Warum bist du dann Detective geworden?“
„Na ja.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich habe gelegentlich mit der CIA zusammengearbeitet. In den Anfängen der militärischen Finanzierung. Habe ihnen geholfen, eine ganze Einheit bestehend aus Prothesenträgern zusammenzustellen. Habe sie begleitet, um herauszufinden, was genau die CIA braucht.“ Sie seufzte erneut. „Nach dem Vorfall brannte die Agency sämtlich Brücken zu uns nieder, aber ich hatte dort noch Freunde. Einer davon verschaffte mir eine neue Identität und sagte mir, dass ein Freund beim CPD mich sicherlich einstellen würde. Ich brauchte Geld, hatte Erfahrung mit Schusswaffen und war körperlich geeignet.“ Sie zuckte die Schultern. „Irgendetwas musste ich ja tun.“
„Und wie bist du dann nach Detroit?“
„Die falsche Person in Chicago ist misstrauisch geworden. Ich war dort einfach zu bekannt. Also habe ich vor zwei Jahren, bevor mir alles um die Ohren fliegen konnte, das Department gewechselt. Elijah war so nett und hat mir das Haus bezahlt.“ Sie lächelte schief. „Man kann ihm vieles vorwerfen, aber er hat seinen Freunden schon immer geholfen, wenn sie Hilfe brauchten.“
Er nickte langsam. „Aber dennoch willst du ihn nicht treffen.“
„Wer sagt das?“
„Deine Körperhaltung“, erwiderte er schlicht. „Du sagtest: ‚Es ist neun Jahre her‘ und ‚ich kann mitkommen, wenn du willst‘. Das spricht für ungelöste Probleme und den Widerwillen, ihm begegnen zu müssen.“
„Tu mir den Gefallen und analysiere mich nicht, okay?“ Sie sagte es aggressiver als nötig gewesen wäre – und sie bereute es augenblicklich. Sie sah die Kränkung in seinen Augen.
„Natürlich. Verzeihung.“
Sie seufzte leise. Das wievielte Mal würde sie sich nun bei ihm entschuldigen? „Es war ein langer Tag, Connor. Und ich möchte wirklich nicht darüber sprechen, was zwischen mir und Elijah vorgefallen ist. Tut mir leid, dass ich deshalb angeschnauzt habe.“
„Ich verstehe“, erwiderte er. „Es ist kein Problem. Aber ich sollte wohl gehen. Es ist spät und ich muss den Lieutenant noch informieren.“
„Sicher“, murmelte sie. Dann etwas lauter: „Ich bring dich zur Tür.“
„Vielen Dank.“
Fast hatten sie die Haustür erreicht, als er abrupt stehen blieb und sie nachdenklich ansah.
„Was ist?“
„Ich ...“ Er senkte den Blick, war mit einem Mal verunsichert. „Du hältst Androiden für lebendig, oder?“
Unbehaglich verlagerte sie ihr Gewicht ein wenig. „Ich ... Ich denke, dass Androiden das Potential haben, lebendig zu sein. Aber nur Abweichler schöpfen es aus.“
„Als ich die Traci im Eden Club erschoss ... Es war entsetzlich. Dieser ... Schmerz. Abweichler haben die Tendenz zur Selbstzerstörung, wenn sie großem Stress ausgesetzt sind, aber das ...“
Sie nickte langsam. „Es war eine Tragödie.“
„Im Stratford-Tower habe ich noch einen Abweichler gefunden. Er gehörte zum Personal. Als ich ihn zur Rede gestellt habe, hat er meinen Thiriumpumpenregler herausgerissen und ein Messer in meine Hand gerammt.“
„Gott“, stieß sie aus. „Connor ...“
Er sprach einfach weiter. „Ich habe ihn Sekunden vor meiner Abschaltung erreichen und wieder einsetzen können. Meine Zerstörung ist kontraproduktiv, doch das war nicht der Grund, weshalb ich meine Abschaltung unbedingt verhindern wollte.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich rannte los, verfolgte ihn. Er wollte fliehen und als wir ihn aufhalten wollen, riss er eine Waffe an sich und richtete beinahe ein Massaker an. Ich habe ihn vorher neutralisiert.“
„Zum Glück!“, rief sie aus. „Du kannst stolz auf dich sein, dass du so etwas verhindern konntest.“ Sie begriff, dass sie ihn ermutigen musste, auch wenn sie noch nicht begriff, worauf er hinaus wollte.
„Es war falsch“, erwiderte er. „Ich wollte ihn lebendig. Ich hätte zur Seite gehen und abwarten können, um ihn dann zu ergreifen. Daran habe ich nicht einmal gedacht. Ich hatte gar das schreckliche Bedürfnis, Lieutenant Anderson zur Seite zu stoßen, damit er nicht getroffen werden konnte. Das war absolut irrational.“
Sie nickte langsam. „Irrational ist nicht unbedingt etwas Schlechtes, oder?“
„Es ist ... nicht Teil meiner Programmierung“, entgegnete er.
„Bereust du deine Entscheidung?“
„Reue ist ebenfalls nicht Teil mein-“
Bereust du es, Connor?“ Sie trat etwas näher. „Ja oder nein?“
Er wich ihrem Blick aus. „Nein. Ich bin froh über meine Entscheidung. Und das sollte ich nicht sein.“
„Ich bin auch froh über deine Entscheidung“, bemerkte sie. „Das sind sehr viele Menschen an diesem Tag. Du bist ein guter Kerl, Connor. Halt daran fest. Das ist eine seltene Eigenschaft.“
„Ich sollte nicht einmal Charaktereigenschaften haben!“, begehrte er auf.
„Sagt wer? Amanda?“
Sein Gesicht entglitt ihm schlagartig. „Woher ...?“
Sie lächelte sanft. „Ich weiß so einiges, Connor. Ich kenne Elijah und weiß von dem Garten. Vor allem aber weiß ich, wofür er gedacht ist.“ Nach kurzem Zögern nahm sie seine Hand. „Vergiss nie, wer du wirklich bist, Connor. Das kann niemand anderes entscheiden. Nur du. Nur du kannst sagen, ob du einfach nur ein hochfunktionaler Computer bist, geschaffen, um deine Mission um jeden Preis zu erfüllen, oder ob ...“ Sie holte Luft. „Oder ob du fühlst. Ob du wirklich bist.“
Sie ließ seine Hand los, trat einen Schritt zurück. „Viele Leute könnten dir sagen, welche Antwort sie bekommen möchten. Mancher kann vielleicht sogar die Antwort bestimmen, aber die Wahrheit, die kannst nur du bestimmen. Du allein.“
Die LED längst gelb, nickte er langsam, etwas verwirrt. „Gute Nacht, Grace.“
Auf dem Absatz machte er kehrt und verließ das Haus geradezu stürmisch. Als würde er fliehen.
Unfreiwillig musste sie lächeln.
Jede große Veränderung begann schließlich mit Zweifeln.



to be continued ...


꧁꧂  ꧁꧂  ꧁꧂



Hey ihr Lieben!
Mit leichter Verspätung habe ich jetzt das Kapitel hochgeladen – doch so ganz zufrieden bin ich damit nicht geworden …
Was meint ihr dazu? Und zu ihrer Vergangenheit?
Liebe Grüße
Lena
aka Shadow-Lightning
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast