Heute nicht (Februar)

von Ririchiyo
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Captain America / Steven "Steve" Grant Rogers Daisy "Skye" Johnson Hulk / Bruce Banner Iron Man / Anthony Edward "Tony" Stark Virginia "Pepper" Potts Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
01.02.2020
17.02.2020
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Wie immer begann Tony, zu essen, kaum dass Steve auch saß. Er hatte den anderen Mann nie darauf angesprochen, aber offenbar hatte Tony ein Problem damit, mit dem Essen anzufangen, bevor Steve nicht wenigstens saß. Eine angenehme Überraschung, wenn man ihn fragte.
     Tony schob sich eine Gabel mit Kartoffelbrei in den Mund, und nickte dann in Steves Richtung. „Haben Sie eigentlich jemals vor, aufzuhören, diesen lächerlichen Anzug zu tragen?“
     Oh. Das war … neu. Nicht die Gespräche an sich, Tony hatte in den letzten Tagen immer öfter mit ihm gesprochen, aber bisher hatte es sich eher um Gespräche gehandelt, die entweder kaum Inhalt hatten, oder in denen es darum ging, das Tony genervt war, oder dass Steve gehen sollte. Bisher hatte Tony nie irgendeine Abneigung gegen irgendetwas anderes an Steve vorgebracht, als die Tatsache, dass Steve da war.
     Seine Mundwinkel zuckten automatisch bei dem Gedanken, dass sein Gegenüber offensichtlich ähnlich begeistert von seinem Anzug war, wie er. Das war ja schon fast sowas, wie eine Gemeinsamkeit. „Ich bin nicht sicher“, meinte er dennoch, und zuckte mit den Schultern. „Wäre ein anderer Anzug mehr nach Ihrem Geschmack?“ Es würde ihn nicht mal wundern. Er hatte schon Leute gekannt, die nur etwas gegen ein bestimmtes Kleidungsstück gehabt hatten. Auch wenn er Tony nicht so einschätzte, aber wirklich wissen tat man ja doch nie, richtig?
     In diesem Falle allerdings schon, denn der Milliardär schnaubte sofort, und verzog abfällig das Gesicht. „Wie wäre es  mit gar keinem Anzug?“, wollte er wissen. „Oder erklären Sie mir wieder mal, dass Pepper Ihr Boss ist, wenn ich Ihnen sage, Sie sollen das Ding weg lassen?“
     Steve öffnete den Mund, schloss ihn wieder, und lächelte schließlich. „Ich könnte vielleicht eine Ausnahme machen“, bemerkte er dann. Den Anzug loszuwerden, wäre wirklich großartig. Egal, wie genau nun, und warum. Aber wenn er Tony genauso nervte, dann sprach eigentlich nichts dagegen, in alltäglicheren Klamotten zu kommen. Und Steve würde sich sicherlich nicht zwei Mal sagen lassen, dass er den Anzug ruhig weglassen dürfte.
     „Dann machen Sie‘s.“ Tony begann wieder, zu essen, sah Steve aber immer noch an, und runzelte dann plötzlich die Stirn. „Was? Ich bin nur der Meinung, dass der Anzug unpassend ist, mehr nicht. Niemand in diesem Haus interessiert sich dafür, ob sie ihn tragen, also ist es-“
     „Ich habe nichts gesagt“, unterbrach Steve ihn.
     „Sie grinsen.“
     Oh. Wirklich? Er räusperte sich, und hoffte, sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. „Tut mir leid, war keine Absicht“, meinte er dann, bevor er sich wieder seinem Essen zuwandte. „Wenn es Sie glücklich macht, komme ich morgen gerne ohne Anzug.“
     „Es würde mich auch glücklich machen, wenn Sie morgen gar nicht kommen.“
     Ah, ja, da war es ja wieder. Aber Steves Gegenüber klang nicht wütend, und eigentlich sollte ihm inzwischen klar sein, dass er mit diesem Wunsch auf taube Ohren stieß. „Kann sein, aber manchmal muss man eben mit dem Leben, was man bekommt.“ Steve lächelte leicht. „Schmeckt es ihnen?“
     Als er Tony fragend ansah, wirkte dieser für einen Moment, als würde er etwas sagen wollen, bevor er auf  seinen Teller hinunter sah. Schließlich zuckte er mit den Schultern. „Hatte schon Schlimmeres.“
     Beinahe hätte Steve sogar aufgelacht, aber er verkniff es sich lieber. „Wie nett“, meinte er stattdessen.
     Tony schob sich eine weitere Gabel in den Mund. „Nur ehrlich“, sagte er. „Darauf stehen Sie doch, oder nicht?“ Er sah Steve aufmerksam an, und dieser hatte Schwierigkeiten, eine Erwiderung zu finden. „Was denn, Zunge verschluckt?“ Tony grinste sogar. Das war auch relativ neu. Oder immerhin nicht alltäglich.
     Schließlich lächelte Steve und nickte einmal. „So kann man es auch nennen, ja.“
     „Wie würden Sie es sonst nennen?“ Bei der deutlichen Herausforderung in Tonys Stimme, seufzte Steve leise.
     „Ich bin einfach kein Freund von Lügen, mehr nicht.“
     Tony kratzte auch den Rest von seinem Essen zusammen, und schob den leeren Teller dann von sich, bevor er sich zurück lehnte. Das war auch nicht üblich. Tony blieb normalerweise nicht, oder nie lange, aber jetzt sah es tatsächlich aus, als hätte er nicht vor, recht bald zu verschwinden. Stattdessen starrte er Steve eindringlich an. „Dann haben Sie noch nie gelogen?“
     Uff. Was für Fragen. Steve dachte eine ganze Weile darüber nach, während er weiter aß. „Ich versuche, es zu vermeiden, so lange es geht“, meinte er schließlich.
     „Sind Sie schon so oft belogen worden?“
     Steve ließ die Gabel, die schon auf dem halben weg zu seinem Mund gewesen war, wieder sinken, während er darüber nachdachte. Woher kamen all diese Fragen denn plötzlich? „Das-“ Er zögerte, und sah wieder zu seinem Essen. „Ab und an, ja.“
     „Schlimm?“
     Er seufzte, führte die Gabel zu seinem Mund, und schob schließlich den Teller genau wie Tony von sich weg, als der leer war. „Warum so interessiert?“, wollte er wissen.
     Scheinbar war das genug Antwort. Tonys Blick gab Steve jedenfalls das Gefühl. „Nur neugierig.“ Steves Gegenüber neigte leicht den Kopf. „War‘s deine Ex?“
     „Was?“
     „Die Person, die gelogen hat“, sagte Tony. „War das deine Ex oder so?“
     Steve öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Öffnete ihn erneut. „Nein“, gab er am Ende wahrheitsgemäß zurück. „Nein, ich-“ Er seufzte wieder. „Ich hab keine Ex. Es-“ Er schüttelte den Kopf. „Es war niemand bestimmtes. Nicht wirklich. Ich habe generell etwas gegen Lügen. Schon immer.“
     „Nicht wirklich?“ Tony beugte sich wieder nach vorne, und stützte beide Ellenbogen auf den Tisch. „Also war da doch wer?“
     „Ich kann leider nicht darüber sprechen.“ Steve zögerte kurz. „Und ich will auch nicht.“ Er mochte diese Richtung nicht, in die das Gespräch gerade ging. Gar nicht.
     „Also lügen geht nicht, aber Geheimnisse sind okay?“ Der Milliardär musterte ihn weiterhin aufmerksam.
     „Das ist nicht das Gleiche“, gab Steve zurück.
     „Ist jemand gestorben?“ Dein Gegenüber musterte ihn immer noch.
     „Ich denke, das war genug für heute.“ Steve erhob sich, wobei er mitbekam, wie Tony ihn überrascht ansah. Er versuchte, es zu ignorieren. Um sich abzulenken, griff er nach den Tellern, und ging damit zur Spüle, um wieder einmal abzuwaschen.
     „Also-“
     Steve ließ den anderen Mann nicht aussprechen. „Vielleicht sollten Sie es heute wieder einmal mit schlafen versuchen, was denken Sie?“ Er wusste, dass es ein Tiefschlag war, aber im Moment könnte es ihn nicht weniger interessieren. Er drehte das Wasser auf, und sah sich dann zu Tony um, der ihn mit einem undefinierbaren Blick musterte, und schließlich aufstand.
     „Na schön“, meinte der Milliardär. „Schon verstanden. Ich frag nicht weiter.“ Er wandte sich um. „Schließen Sie die Tür ab, wenn Sie gehen.“
     Steve konnte ihm nur stumm nachsehen, als Tony die Küche verließ, und vermutlich wieder in seiner Werkstatt verschwand. Verdammt. Er fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht. Super. Das war jetzt wirklich reichlich unprofessionell gewesen. Er hätte nicht so reagieren dürfen.
     Die Augen schließend, atmete er mehrfach tief durch, und schließlich drehte er sich wieder zur Spüle, stellte das Wasser ab, und begann, das Geschirr zu säubern.
     Scheinbar hatte er die ganze Sache doch noch nicht so gut verarbeitet. Oder überwunden. Oder … generell. Er sollte aufhören, darüber nachzudenken. Er konnte ohnehin nichts mehr daran ändern. Peggy war tot, das war ein Fakt. Rumlow war ein Verräter und noch am Leben. Solche Dinge passieren. Nicht oft, und es machte sie auch nicht besser, aber sie passierten. Das hier war nur ein weiterer dieser Ausnahmefälle gewesen, und die anderen mussten damit genauso leben, wie er. Er sollte sich bei Tony entschuldigen. Nur vielleicht nicht jetzt. Jetzt war wohl für sie beide kein guter Zeitpunkt. Morgen. Sobald er wieder hier auftauchte, und er dem anderen Mann sein Frühstück brachte. Das musste auch reichen.
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