.`~°~´. Wenn das Maß voll ist…!

von - Leela -
OneshotAllgemein / P12
Boo Galger Zino
01.02.2020
01.02.2020
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Projektanmerkung: Diese Geschichte wurde für den Jahreskalender 2020 von lula-chan geschrieben.
      Das Zitat für den 26. Januar 2020 war: "Großmutter Shumway hat es einmal so formuliert: Wenn dir gar nichts nettes einfällt, das du jemandem sagen könntest, sag am besten gar nichts. Danach hat sie nie mehr mit mir gesprochen." (aus: ALF)
      Schaut doch auch mal bei den anderen Tagen rein:
      25. Januar 2020: »Heute wird gebackt!« von lula-chan
      27. Januar 2020: »Never surrender« von NamiraKayleighFaolan

Kommentar des Autors: Das Zitat inspirierte mich zu einer schönen Charakterstory über Galger und Zino, wobei zweiteres noch nicht einmal geplant gewesen ist. Das Schreiben hat nicht nur viel Spaß gemacht, sondern war auch sehr aufschlußreich für mich. Ich hoffe, das kleine Stück gefällt ein wenig.
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Wenn das Maß voll ist…!

Zino packte mit ernster Miene ein paar Sachen zusammen, die er zu dem Treffen mit seinem besten Freund Boo mitnehmen wollte. Selten hatte man den gayanischen Nationalhelden so ernst erlebt. Doch es war eine Grenze erreicht!
      Zu oft nun hatte es böse Zwischenfälle bei harmlosen Veranstaltungen gegeben. Gayaner waren dabei verletzt worden, und daß noch niemand dabei zu Tode gekommen war, glich einem Wunder. Urheber der Taten war jedes Mal der gleiche: Galger, und seine Brüder Bramph und Zeck, aber Zino war sich sicher, daß die Brüder des älteren, kleinen Schnurks nur Mitläufer waren. Drahtzieher der ganzen bösen Pläne war Galger, der Boss der Truppe. Und das mußte jetzt ein Ende haben!
      Entschlossen schnürte Zino seinen Rucksack zusammen. Es war Zeit zu handeln! Ein paar Mal war es ihm gelungen, auf einer Veranstaltung das schlimmste zu verhindern, ein paar Mal hatte der Zufall geholfen, daß eine Situation glimpflich verlaufen war. Wie lange würde es noch dauern, bis tatsächlich Opfer zu beklagen waren oder Gayaner ernstlich zu Schaden kamen? Das konnte er nicht zulassen. Und das würde er auch nicht! Mit diesen Gedanken schulterte der hochgewachsene Blonde den Rucksack und machte sich auf den Weg in den Ort.
      Wenig später kam er beim Gayanischen Dorfkrug an. Hier hatte er sich mit Boo verabredet. Der kleinere brünette Gayaner wartete bereits an einem der Tische in dem rustikalen, gemütlichen Gastraum der Gaststätte auf ihn.
      „Hey, Zino, hier drüben!“ Boo winkte ihm zu und lächelte ihm entgegen, als sein Freund sich zu ihm setzte. „Was willst du denn mit mir besprechen? Das klang ja ernst am Telefon.“ Das Lächeln des Erfinders rutschte etwas ab, als er die Miene seines Freundes sah. „Zino, was ist los? Ist etwas passiert?“
      „Noch nicht!“ erklärte der Angesprochene verheißungsvoll. „Ich möchte aber auch, daß das so bleibt!“
      Boo schauderte leicht. So hatte er den für gewöhnlich so fröhlichen, manchmal kindlich naiven und oftmals zu sorglosen Zino selten erlebt. „Worum geht es denn?“
      „Kannst du dir das nicht denken?“ Zino kramte bereits in seinem Rucksack und holte eine Mappe hervor, in der er Zeitungsartikel gesammelt hatte. „Die Schnurks sind eine Bedrohung, und es muß endlich mal ein für alle Mal etwas gegen die unternommen werden!“
      „Eine Bedrohung?“ Boo konnte die Verwunderung weder in seiner Stimme, noch in seinem Blick zurückhalten. „Die Schnurks sind nervtötend, weil sie einem den Spaß verderben, ja. Aber meinst du nicht, daß der Begriff »Bedrohung« etwas übertrieben ist?“
      „Nein, das meine ich nicht!“ entgegnete Zino ungewohnt scharf. Konsequent schob er seinem Freund die Artikel zu. „Schau es dir selbst an! Und dann sag mir, daß da keine Boshaftigkeit dahintersteckt!“
      Erstaunt nahm Boo die Mappe entgegen, rückte seine Brille zurecht und begann zu lesen.
      Zino kommentierte derweil die Berichte. „Erinnerst du dich an dieses Spielefestival hier? Galger hat diverse Stationen vom Hindernisparcours manipuliert, nur damit er gewinnt!“
      „Ja, ich erinnere mich.“ bestätigte Boo bedächtig. „Galger ist ein schlechter Verlierer. Seine Aktionen waren unfair, aber…“
      „Zum Beispiel hat er die Stege über den Fluß angesägt!“ unterbrach Zino ihn ungehalten. „Es hat dazu geführt, daß einige Teilnehmer »nur« ins Wasser gefallen sind! Wie schnell hätte sich da aber jemand ernsthaft verletzen können? Das Holz ist gesplittert, die Stege waren recht hoch und das Wasser an einigen Stellen recht seicht, mit Steinen auf dem Untergrund! Es hätte gereicht, daß ein Gayaner falsch gefallen wäre. Und das hat Galger billigend in Kauf genommen. Nur um zu »gewinnen«!“ Er konnte sich nicht zurückhalten, das letzte Wort mit den Fingern in Anführungszeichen zu setzen.
      „Naja, das stimmt.“ meinte Boo nachdenklich. „Er hat bestimmt nicht darüber nachgedacht, was das für Konsequenzen hat…“
      „Bei den Seilen auch nicht, die er an der nächsten Station manipuliert hatte? Die, an denen wir uns über einen Graben schwingen sollten?“ erinnerte Zino mit forscher Stimme. „Als eins der Seile gerissen ist, ist ein Gayaner im Krankenhaus gelandet, weil er so unglücklich gefallen ist, und einem zweiten wäre es ähnlich gegangen, wenn ich ihn nicht durch Zufall hätte abfangen können!“
      Boo schwieg. Ihm fiel gerade keine passende Erwiderung ein. Statt dessen nahm er den nächsten Zeitungsbericht, bevor Zino auch die anderen Stationen des Parcours kommentieren konnte, an die er sich ebenfalls noch gut erinnerte.
      „Ah ja, das Autorennen!“ Zinos Stimme hatte einen verheißungsvollen Klang. „Erinnerst du dich noch daran, wie er den Wagen von Tarvis mitten in der Fahrt sabotiert hat? Das Ding hat sich überschlagen und ist in Flammen aufgegangen! Es ist ein Wunder, daß er da lebend rausgekommen ist! Und das ist nur ein Beispiel aus der Veranstaltung!“
      Boo atmete leicht betroffen durch. Darauf fiel ihm erst recht keine Antwort ein. Er war bei dem Rennen dabei gewesen, lebhaft, und hatte selbst mitbekommen, wie Zino Galger aus dem Rennen geschmissen hatte, nachdem der mit unfairen und zum Teil wirklich sehr gefährlichen Mitteln die anderen Teilnehmer außer Gefecht gesetzt hatte. Ihm war aber nie bewußt gewesen, wie ernst Zino die Geschehnisse aufgenommen hatte – und er konnte nicht leugnen, daß die Sorge zu recht bestand.
      „Oh ja, die Wahl zur Miss Gaya!“ kommentierte Zino bissig, als Boo wie in Trance zum nächsten Artikel umblätterte. „Selbst da konnte er nicht an sich halten!“
      „Ich erinnere mich. Er hat die Stimmzettel manipuliert, das ist zwar nicht schön, aber…“
      „Erinnerst du dich auch daran, daß er unsere amtierende Miss Gaya zu Fall gebracht hat, damit sie vom Wettkampf ausscheiden mußte, und die einzige Kandidatin von den Schnurks gewinnen konnte?“ fuhr Zino auf. „Das war auf der Treppe gewesen, damit es auch ja wirkt! Und das hat es auch! Gaya sei Dank ist sie »nur« mit einem verstauchten Knöchel und kleineren Blessuren ins Krankenhaus gekommen!“
      „Daran hatte ich tatsächlich gar nicht mehr gedacht…“ gab Boo zu.
      „Aber ich denke daran! Jeden Tag! Und es kommen immer mehr Sachen dazu!“ Erbost deutete Zino auf den Haufen Zeitungsartikel. „Was muß erst passieren, damit diesem… Schnurk das Handwerk gelegt wird? Muß erst jemand zu Tode kommen?“
      Boo blätterte oberflächlich durch die weiteren Artikel. An viele der Veranstaltungen erinnerte er sich, und er war sicher, in jedem der Berichte steckte mindestens ein Detail wie diese, die Zino eben gerade ausgeführt hatte. Sonst hätte sein Freund sie nicht in dieser Mappe gesammelt. „Zugegeben, das ist ein beängstigendes Resumée.“
      „Nicht wahr?“ Zinos Miene ließ jedes Lächeln vermissen. „Galger geht über Leichen, und das im wahrsten Sinne des Wortes, wenn es darauf ankommt, um sein Ziel zu erreichen!“
      Nachdenklich schaute Boo auf den Stapel Papier vor sich, der überwiegend aus dem »Gaya Express«, aber auch aus anderen Zeitungen stammte. „Ich glaube, Galger will einfach nur Aufmerksamkeit.“ sinnierte er.
      „Ach, komm mir jetzt nicht mit, Galger hatte eine schlimme Kindheit! Das kann doch keine Entschuldigung für sein Verhalten sein!“ fuhr Zino ärgerlich auf.
      „Eine Entschuldigung nicht, aber eine Erklärung!“ spezifizierte Boo. „Du bist in Gaya ein gefeierter Held, du bist berühmt und wirst bewundert. In deinem Schatten hat kaum ein anderer eine Chance, bemerkt zu werden! Viele stört oder interessiert es nicht, andere nehmen es so hin oder arrangieren sich damit. Einige versuchen sich daran, einmal einen Geniestreich wie du in der gayanischen Öffentlichkeit zu landen, und scheitern, sind dann vielleicht traurig oder verbittert und geben auf. Dazu gehören sicher auch so einige Schnurks. Aber Galger kann nicht aufgeben. Und wenn es ihm nicht gelingt, im guten aufzufallen, dann sorgt er dafür, daß er negativ auffällt, Hauptsache, er fällt auf!“
      Zino schwieg einen Moment verkniffen. „Willst du mir damit sagen, ich bin schuld daran, daß Galger Gaya terrorisiert?“
      Boo seufzte tief. „Das habe ich doch gar nicht gesagt! Ich habe nur versucht zu analysieren, wie Galger tickt! Er möchte auch ein bißchen Anerkennung vom gayanischen Volk! Und wenn er die nicht kriegen kann, dann zumindest ein bißchen Aufmerksamkeit! Und das geht eben am besten, wenn er Unfrieden stiftet, oder dich offen affrontiert. Was meinst du, warum er es so extrem auf dich abgesehen hat, und keine Gelegenheit ausläßt, dich in Mißkredit zu bringen? Weil er an dir nicht vorbeikommt!“
      „Das zeugt von einer Charakterschwäche allerersten Ranges!“ behauptete Zino. „Ich lasse mich ja nicht feiern, weil ich mich feiern lassen will! Das tun die Gayaner von ganz alleine, weil ich etwas gutes für Gaya tue. Darauf kommt es an!“
      „Du siehst das so.“ erwiderte Boo ruhig. „Fakt ist aber, du kriegst den Ruhm und die Ehre, und Galger nicht! Und er möchte auch mal in der Zeitung stehen und im Rampenlicht auftreten. Und das tut er!“ Boo klopfte auf die Mappe mit den Artikeln.
      Das brachte Zino nicht dazu, sich zu beruhigen. „Sorry, Boo, mit deiner Pro-Schnurk-Rede bist du bei mir an der falschen Adresse! Ich werde doch nicht aufhören, Gayanern in Notsituationen zu helfen, damit Galger seinen großen Auftritt hat und sich gebauchpinselt fühlt, nur weil die Gayaner sich dazu berufen fühlen, mir einen großen Empfang zu liefern und mich mit mehr Bewunderung und Verehrung zu überschütten, als es für die ganze Sache not tut!“
      „Das verlangt ja auch gar keiner.“ lenkte Boo ein. „Du mußt aber auch zugeben, daß du den ganzen Trubel, der um dich gemacht wird, genießt! Oder etwa nicht? Die Gayaner jubeln dir zu, der Bürgermeister hält große Reden und hängt dir Medaillen um, die Frauen liegen dir zu Füßen… Du bist in Gaya berühmt geworden, eine Ikone, die angebetet und verehrt wird, und der ganz Gaya zu Füßen liegt. Der strahlende und noch dazu attraktive Held. Du willst mir doch nicht erzählen, daß das nur Show ist, wenn du dich in dem Ruhm sonnst.“
      Zino atmete tief durch. „Natürlich detemiere ich das nicht. Aber das hat sich so ergeben. Es ist einfach so… Boo, du kennst mich. Ich hab’ nichts anderes. Das ist das einzige worauf ich wirklich stolz sein kann, weil ich mit nichts anderem punkten kann. Wäre das nicht, würde niemand einen so…“ Der große, blonde Gayaner ließ die Ohren sinken. „… naiven, dummen Gayaner wie mich beachten.“
      Boo schluckte unmerklich. Manchmal war ihm sein Freund sich zu sehr über seine eigene Lage im klaren. Und er konnte es noch nicht einmal entkräften. Dabei konnte Zino nicht einmal etwas dafür, daß er nicht mit übermäßiger Intelligenz gesegnet war, und in vielen einfachen Dingen nicht mit anderen Gayanern mithalten konnte. Selbst eben hatte er nicht einmal gemerkt, daß er »dementieren« nicht hatte korrekt aussprechen können. Dafür hatte er so viele Eigenschaften, die diese Defizite ausglichen; Mut, Entschlossenheit, Einfallsreichtum, Phantasie… All das, was ihn zu dem gemacht hatte, was er heute war.
      All das hätte Boo ihm jetzt gerne gesagt, doch da fuhr sein Freund schon verbissen fort: „Aber selbst wenn es nicht so wäre, dann würde ich es so hinnehmen und das beste daraus machen, und nicht den Gayanern das Leben zur Hölle machen! Und darum geht es schließlich hier!“
      Damit waren sie wieder beim Kernthema, und auch dem hatte Boo nichts entgegenzusetzen.
      „Galger ist und bleibt ein Verbrecher! Wer sich auf so ein Niveau begibt, könnte gar nicht mehr tiefer sinken!“ Zino klopfte erneut auf die Mappe mit den Artikeln. „Und so etwas macht mich richtig wütend! So etwas darf doch nicht ungestraft bleiben!“
      „Das habe ich ja auch gar nicht bestritten.“ lenkte Boo ein. Er mußte zugeben, daß er sich noch nie die Mühe gemacht hatte, die ganzen Zusammenhänge zu sehen, die Zino anscheinend schon über einen längeren Zeitraum beobachtet hatte. Jetzt, wo Zino ihn explizit darauf hinwies, mußte er sich aber ebenso eingestehen, daß sein Freund Recht hatte. Die Tendenzen, die in den Zeitungsartikeln über die verschiedenen Festivals und Veranstaltungen wie ein stetiger Nebentenor präsent waren, waren mehr als bedenklich. Trotzdem machte sich ein ungutes Gefühl in seiner Magengegend breit. Eine weitere von Zinos Tugenden war sein Gerechtigkeitssinn, auch das war Boo sehr wohl bewußt, und Zino war bekannt für seine Zivilcourage. Der kleinere Gayaner hoffte sehr, daß sein Freund wußte, wie weit er gehen konnte, ohne sich dabei selbst in ernstliche Gefahr zu bringen.
      Daß er mit seiner Sorge nicht ganz unberechtigt lag, zeigte der folgende Gefühlsausbruch des heldenhaften Gayaners, als er knurrte: „Ich schwöre dir, wenn mir Galger in die Hände fällt, dann werde ich ihn mir vornehmen. Dem werde ich die Meinung geigen, bis der nicht mal mehr weiß, wie man »Schnurk« buchstabiert!“
      „Dann hast du jetzt die Gelegenheit!“ bemerkte Boo trocken, als er zufällig gerade zur Tür der Gaststätte sah, wo Galger in diesem Augenblick mit seinem typischen breiten Grinsen hereinkam.
      Zino senkte die Ohren, sein Gesicht sprach Bände. Die Mundwinkel hätten nicht tiefer hängen, und der Blick allein war schon geneigt, den kleinen Schnurk zu pulverisieren. „Wenn ich dieses breite Grinsen schon sehe, könnte ich zum Zeldon werden!“
      Daß Zinos Worte keine leere Drohung gewesen waren, stellte Boo erschrocken fest, als sein Freund jetzt von seinem Platz aufsprang, und sich anschickte, von der Wut, die in ihm brodelte, angetrieben zu seinem Widersacher herüberzustapfen, um seine Worte in die Tat umzusetzen. Dem glücklichen Umstand, daß der Tisch im Weg war, verdankte es Boo, daß er rechtzeitig reagieren konnte, packte geistesgegenwärtig seinen Freund am Arm und hinderte ihn so an seinem Vorhaben. „Zino, mach dich nicht unglücklich!“
      „Ich mach’ ihn gleich unglücklich!“ stieß der Nationalheld Gayas wütend hervor, während er seinen Widersacher nicht aus den Augen ließ.
      „Zino, du machst alles nur schlimmer!“ rief Boo verzweifelt. „Es gibt andere Wege, dem beizukommen, bessere! Ich habe auch schon eine Idee!“
      Damit brachte er den Gayaner in Rage schließlich tatsächlich dazu, innehalten, und Boo war mehr als erleichtert, als sich sein Freund wieder hinsetzte. „Was ist das für eine Idee?“ fragte er interessiert.
      Und genau da lag das Problem. Boo hatte keine Idee. Das hatte er nur gesagt, da er keine andere Möglichkeit gesehen hatte, Zino zur Ruhe zu bringen. Allerdings war es ihm auch zuwider, seinem besten Freund offenbaren zu müssen, daß er ihn gerade angelogen hatte. „Öhm…“ In Boos Geist arbeitete es. Und dann sagte er das erste, was ihm in den Sinn kam. „Wir spendieren Galger einen Drink! Das heißt, du spendierst Galger einen Drink! So demütigst du ihn, ohne daß er eine Handhabe hat, eine Aktion gegen dich einzuleiten!“
      Zino sah seinen Freund, der ihn gerade mit einem verlegenen Grinsen bedachte, einen Moment lang entgeistert an. „Spinnst du?“
      „Es war nur so eine Idee!“ wich Boo aus, glücklich darüber, daß es ihm zumindest gelungen war, vorerst die Geschwindigkeit aus der Situation zu nehmen.
      Zino senkte wenig amüsiert die Ohren. „Das war eine bescheuerte Idee!“
      „Dann laß uns etwas anderes überlegen.“ sagte Boo schnell.
      In dem Moment regelten sich die Geschicke aber schon von selbst, denn gerade war Galger auf das Duo aufmerksam geworden und kam, von einem Ohr zum anderen grinsend, zu dem Tisch der beiden herüber. „Sieh mal an! Wenn das nicht der minderbemittelte Nationalheld Gayas und sein schlauer aber unscheinbarer ständiger Gefährte sind!“
      „Viel intelligenter bist du anscheinend auch nicht!“ biß Zino zurück. „Sonst würdest du dich nicht so freizügig auf die Stelle des »minderbemittelten Nationalheld Gayas« bewerben wollen!“
      Ein anerkennender Blick Boos war ihm dafür gewiß. Der Konter war nicht schlecht gewesen. Aber Galger hatte sein Pulver noch lange nicht verschossen. „Aber, aber! Wir wollen den Tatsachen doch mal ins Auge blicken! Gaya hat immerhin einen intelligenteren Nationalhelden verdient. Was könnte mich mehr motivieren, um diesen Posten zu kriegen? Wobei… wenn ich es richtig bedenke, reicht es dafür schon aus, eine Scheibe Toastbrot zum Nationalhelden zu erklären…“
      Selbstherrlich betrachtete Galger seine Fingernägel, während Boo ein zweites Mal all seine Energie aufwenden mußte, um Zino davon abzuhalten, Galger an die Kehle zu springen, der gerade erneut mit grimmiger Miene von seinem Platz aufgesprungen war.
      „Nun laß dich doch nicht provozieren!“ herrschte Boo seinen Freund an und drückte ihn auf die Bank zurück, was ihm nur mit der Kraft der Verzweiflung gelang, da ihm der blonde Gayaner kräftemäßig bei weitem überlegen war. Zinos Miene zeugte allerdings noch immer von der in ihm kochenden Wut.
      Galger fand offensichtlich seinen Spaß an der Sache. „Nana, wer wird denn gleich aggressiv werden? Das macht aber keinen guten Eindruck!“
      „Der einzige, der hier in Gaya keinen guten Eindruck macht, bist du, Galger!“ Zino spuckte dem Schnurk seinen Namen förmlich vor die Füße.
      An der Stelle versuchte Boo einzugreifen. „Jetzt laßt uns doch erst mal alle wieder beruhigen. Es gibt doch keinen Grund, so miteinander umzugehen! Wenn wir uns jetzt wie vernünftige Gayaner zusammensetzen und nett zueinander sind, können wir doch alle Probleme und Mißverständnisse aus dem Weg räu…“
      Damit hatte Boo den Schnurk genau auf dem richtigen Fuß erwischt, um aus sich herauszugehen. „Nett? Ich gebe dir gleich nett! Nett ist was für Anfänger! Ich wäre heute nicht da, wo ich bin, wenn ich nett wäre!“
      „Offensichtlich!“ murmelte Boo.
      „Darauf scheinst du ja auch noch stolz zu sein!“ knurrte Zino.
      Das Lächeln des Schnurks wandelte sich in eine Miene, die eine deutliche Warnung aussprach. „Jetzt paß mal auf, du »Held in strahlender Rüstung«! Nicht jeder ist mit der Aura des »hübschen, anbetungswürdigen Helden«, der keinen Grips im Kopf braucht, weil er in den Augen der Weiber so umwerfend aussieht, daß er keine anderen Qualitäten mehr nötig hat, gesegnet! Das habe ich schon sehr früh in meinem Leben herausgefunden, also komm mir nicht mit »nett«, klar?“
      Dieser Affront traf Zino so unerwartet, daß er sich erst mal davon erholen mußte. Er war so perplex von der Ansprache, daß ihm dazu gar nichts zu sagen einfiel.
      Boo musterte Galger indes abschätzend. „Und das ist wirklich deine Überzeugung und allumfassende Lebenseinstellung, ja?“ Sein Tonfall konnte nicht verbergen, für wie armselig er seinen gegenwärtigen Gesprächspartner hielt.
      „Von nichts kommt nichts!“ proklamierte Galger fröhlich. „Unsereins muß sich alles hart erarbeiten!“
      „Mir scheint eher, deine großkotzige Art wurde dir schon in die Wiege gelegt.“ stieß Zino hervor, und spürte kurz darauf die Hand seines Freundes in einer beschwichtigenden Geste auf seinem Arm. „Ist doch wahr.“
      Galger schien es eher als Kompliment aufzufassen. „Tja, entweder man hat’s, oder man hat’s nicht! Man muß sein Talent nur zu nutzen wissen! Und das Talent, aus Verschlagenheit Aufsehen zu machen, das habe ich ganz sicher! Das ist nun mal mein Image! Meine Großmutter hat es einmal so formuliert: Wenn dir gar nichts nettes einfällt, das du jemandem sagen könntest, dann sag am besten gar nichts. Danach hat sie nie mehr mit mir gesprochen.“ Mit dem Lächeln hochmütigen Stolzes verschränkte er die Arme, um seinem Schlußwort Ausdruck zu verleihen.
      „So? Dann scheint in den Worten deiner Großmutter ja eine ganze Menge Wahrheit zu liegen.“ stellte Boo fest.
      „Meine Oma war eine sehr kluge Frau! Ich habe sie sehr verehrt! Der Dalamit hab sie selig!“ bestätigte Galger.
      „Wenn das so ist, und du so viel auf das Wort deiner Großmutter gibst, warum befolgst du dann nicht ihren Rat?“ warf Boo im betont lockeren Plauderton ein. Als Galger ihn verwirrt ansah, schoß er hinterher: „Gedenke der Worte deiner Großmutter! Hier ist die beste Gelegenheit! Warum fängst du nicht gleich damit an und hältst Zino gegenüber den Mund?“
      Ein Moment der Stille entstand. Es war eine seltsame Atmosphäre, in der selbst Galger nicht mehr wußte, was er sagen sollte.
      Boo registrierte mit Wonne, daß er den Schnurk mit seinen eigenen Waffen geschlagen hatte. Als Galger aus dem Tritt gebracht schwieg, schürzte Boo die Lippen. „Mir scheint, du hast Recht. Deine Oma war nicht nur eine kluge, sondern auch eine sehr weise Frau. Schade, daß sich ihre Weisheit nicht bis zu ihrem Enkel vererbt hat.“ Er wußte, daß er den Schnurkboss jetzt bei der Ehre gepackt hatte. Er konnte nichts mehr gegen Zino sagen, ohne die Weisheit seiner verehrten Großmutter in Frage zu stellen.
      Die beiden Gayaner an dem Tisch warteten, ob noch ein Gegenschlag kam. Doch der Schnurk sah sich offenbar in einem Schachmatt. Und so tat er das einzige, das ihm blieb, um seine Ehre zu retten – er folgte dem Rat seiner Großmutter, drehte sich pikiert um und ging ohne ein Wort.
      Boo konnte sich ein amüsiertes Lächeln nicht verkneifen, als er Galger nachsah. Mit eben diesem triumphalen Grinsen wandte er sich nun seinem Freund zu. „So macht man das!“
      Zino, der die Geschehnisse ebenfalls verblüfft beobachtet hatte, sah seinen Freund abschätzend an. „Ach, komm schon. Das hat sich so ergeben!“
      „Und wenn schon! Es hat funktioniert!“ erwiderte Boo gelassen. „Man muß nicht immer gleich einen perfekten Plan haben. Aber man muß Möglichkeiten erkennen, wenn sie sich offenbaren und den Schwung der Gelegenheiten ausnutzen, wenn sie sich einem bieten. Und diese großartige Vorlage mußte ich eben einfach ausnutzen!“
      Zino lächelte ebenfalls ob dieses kleinen gelungenen Intermezzos. „Da hast du Recht. Das hast du wirklich sauber hinbekommen.“ Gleich darauf wurde er aber wieder ernst. „Aber das hilft uns nicht bei unserem wirklichen Problem! Diese Spielereien sind eine Sache; mir geht es darum, daß diese Anschläge auf unschuldige Gayaner aufhören, damit Gaya wieder sicherer wird, und damit bei unseren Veranstaltungen auch wieder ein Fair Play hergestellt wird, damit es den Leuten wieder Spaß macht.“
      „Ja, das ist ein echtes Problem.“ Boos Stolz über seinen Genieschlag wandelte sich wieder in Nachdenklichkeit. „Und das ist etwas, was man nicht auf die leichte Schulter nehmen darf.“ Gedankenverloren blätterte er noch einmal durch die Zeitungsartikel und dachte an das, worauf Zino ihn aufmerksam gemacht hatte. „Weißt du was? Wir gehen diese ganzen Artikel jetzt einmal durch, arbeiten die ganzen Informationen sauber auf und gehen dann damit zum Sicherheitsdienst. Wenn wir eine gründliche Vorarbeit leisten, können die gar nicht mehr anders, als einzugreifen. Genug Fakten sind in den Berichten ja schon drin.“
      Zino lächelte zufrieden. „Jetzt sprichst du meine Sprache!“
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