Der Löwe von Kerry

GeschichteHumor, Romanze / P16
Fred Weasley George Weasley OC (Own Character)
31.01.2020
28.03.2020
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Kapitel 19: In dem Mae George wiedersieht und feststellt, dass er schlechter auf sie zu sprechen ist, als sie auf ihn

Sie hatten den kommenden Sonntag vereinbart, da Stefanie nicht wollte, dass sie von den Kindern gestört wurden. Es musste also Fred im Haus sein, um auf sie aufzupassen. Unter der Woche machten Mae und Stefanie gute Fortschritte im Haus und Mae brachte es auch endlich über sich, ein wenig mit dem Aufräumen der Sachen des verstorbenen Earls weiter zu machen. Sie hatte derweil allerdings festgestellt, dass er kaum persönliche Sachen im Haus gehabt zu haben schien. Sie hatte Bücher und Kleidung gefunden, aber keine Fotoalben, Dokumente oder Tagebücher. Auch nichts, das ihrem Vater gehört hatte, und das störte sie am meisten. Wo, wenn nicht hier, sollten die Sachen sein? Oder hatte er sie weggeschmissen?

Aber am Sonntag schob sie diese Gedanken beiseite und machte sich etwa zwei Stunden nach dem Mittagessen auf den Weg zum Witwensitz. Sie ging zu Fuß, denn das Wetter kam ihr schön vor und es war warm. Ein dünnes Seidenkleid umspielte ihre Beine und sie genoss es, mit ihren Händen durch das hohe Gras zu streichen, während sie ging. Amadán begleitete sie nicht, er war irgendwo unterwegs und fing vermutlich ein paar Mäuse.

Auf halbem Weg jedoch begann es zuzuziehen, etwas, das für Mae überraschend kam. „Euer Ernst?“, fragte sie in Richtung der Wolken, die die Sonne so plötzlich versperrten und schluckte, als sie in der Ferne ein Donnergrollen vernahm. „Wow, danke Irland.“

Scheinbar hatte sie etwas Falsches gesagt, denn schon spürte sie die ersten Tropfen und dann brach der Regen mit aller Kraft auf sie herein. Ihr blieb nichts anderes übrig, als die Beine in die Hand zu nehmen und zu rennen, so schnell sie konnte.

Der Regen kam wie aus Eimern auf das Land hinunter und schon nach wenigen Sekunden war Mae nass, als wäre sie ins Meer gefallen. Sie rannte trotzdem weiter, denn sie hatte Angst, dass zusätzlich zum Regen auch noch ein Gewitter kommen würde, und keine große Lust, vom Blitz getroffen zu werden.

Sie erreichte den Witwensitz vollkommen außer Atem und blieb keuchend unter dem Vordach stehen. Mit der Hand tastete sie an ihre schmerzende Seite und sie brauchte einige Sekunden, bevor sie sich soweit erholt hatte, dass sie sich ins Haus wagte. Sie klingelte nicht, weil es keine Klingel gab und Stefanie ihr gesagt hatte, dass sie einfach reinkommen sollte.

Wassertropfen fielen von ihren Haaren und ihrem Kleid, das an ihrem Körper klebte wie eine zweite Haut, und fast schon durchsichtig geworden war, auf den Boden und sie hoffte, dass ein guter Zauberspruch dieses Problem beheben würde.

In der Eingangshalle, an der Garderobe, sah sie Fred, der sich gerade seiner Jacke entledigte, und diese aufhing. Er wirkte kein bisschen nass, also war er vermutlich appariert.

„Hi, ich bin ein wenig früher, weil ich rennen musste und nass geworden bin ich auch“, begrüßte Mae ihn, woraufhin er sich umdrehte.

Ihr Herz setzte einen Takt aus, als ihr klar wurde, dass es nicht Fred, sondern George war, der sie mit einer Mischung aus Überraschung und irgendetwas verstörend negativem ansah. Und sie sah noch etwas, das noch viel verstörender war: Er hatte nur ein Ohr.

„MAE?!“ Nicht die Reaktion, die sie sich in ihren kühnen Träumen ausgemalt hatte.

„Ich dachte, du wärst dein Bruder“, sagte sie schnell und strich sich ihre klatschnassen Haare hinter die Ohren. „Ich bin mit Stefanie verabredet“, fügte sie dann hinzu, um ihre Anwesenheit zu erklären. Sie versuchte, nicht auf das zu schauen, was einmal ein Ohr gewesen war und fragte sich, was in aller Welt passiert war. War das in einem Kampf geschehen? Das, wovor er sie hatte schützen wollen?

„Wie, was, warum… was machst du hier?“, brach es aus ihm heraus und sie fand, dass ihre Beziehung nicht schlecht genug gewesen war, um diesen Schock zu erklären.

„Ich bin mit Stefanie verabredet“, wiederholte sie deshalb geduldig und befeuchtete nervös ihre Lippen, während sie ihren Blick von seinem nicht-mehr-Ohr zu seinen Augen zwang. „Und du?“

„Ich… Fred … Meine Anwesenheit ist wohl um einiges logischer als deine, oder?“

Dem konnte sie wenig entgegensetzen, immerhin war er Freds Bruder und vermutlich wegen einer geschäftlichen Sache hier. Trotzdem fand sie, dass er ziemlich entsetzt auf sie reagierte, als hätte sie ihm das Herz gebrochen und nicht umgekehrt.

„Ich wohne hier“, sagte sie schließlich, weil ihr der Gedanke kam, dass er nicht verstand, warum sie plötzlich im Leben seiner Schwägerin war. „Also, nicht hier, sondern nebenan. Ich bin ihre Nachbarin. Mein Großvater hat ihnen das Haus verkauft und ich habe den Rest des Besitzes geerbt. Zufrieden?“

Er starrte sie einige Momente lang fassungslos an, dann fragte er: „Wie lange wisst ihr das schon?“

„Dass ich nebenan wohne? Vielleicht zwei Wochen?“

„Zwei Wochen? Warum hat mir das niemand gesagt?“

Woher sollte sie das wissen? Sie war davon ausgegangen, dass er es wusste, immerhin war Stefanie vor einer Woche mit ihr zum Pubquiz gegangen und er hatte seinem Bruder beim Babysitten geholfen. Hatten er geglaubt, dass sie alleine hingegangen war?

„Mae!“, ertönte Stefanies Stimme von hinten und als sie sich umdrehte, sah sie, wie die junge Frau leichtfüßig auf sie zukam. Ihr entging aber auch nicht, dass sie einen nervösen Blick zu George warf.

„George? Was machst du hier?“

„Fred hat ein paar Unterlagen vergessen, ich dachte, ich bring sie ihm schnell vorbei“, erklärte er mit eindringlicher Miene, bevor er nachhakte: „Wieso habt ihr mir nicht gesagt, dass Mae nebenan wohnt?“

Mae konnte sehen, wie Stefanie den Mund öffnete, wieder schloss und deutlich sichtbar mit sich rang. Schließlich wandte sie sich an sie und sagte besorgt: „Mae, du bist komplett durchnässt! Du wirst dir noch den Tod holen! Komm, ich trockne dich, ich habe einen tollen Spruch dafür!“

Sie legte ihr eine Hand auf die Schulter und schob sie mit sich, weg von George.

„Ich hab dich was gefragt, Steph!“, rief George ihr hinterher und mit einem Seufzen blieb Stefanie stehen und ließ Mae los. Als sie sich umdrehte, konnte Mae sehen, dass ihre Kiefer zuckten.

„Also gut, George. Ich wollte es dir sagen. Ich wollte euch beide zum Essen einladen und wieder zusammenbringen, aber Fred hat es mir verboten. Er hat gesagt, dass das nicht meine Sache ist und ich mich nicht in fremde Angelegenheiten mischen darf. Du solltest also am besten ihn fragen, nicht mich.“

Ohne auf eine Antwort zu warten, führte sie Mae eine Treppe hinauf in das obere Geschoß und in einen Raum, der offenbar als ihr persönliches Zimmer diente.

Sie schloss die Türe, zückte ihren Zauberstab und machte eine lautlose Bewegung. Sofort spürte Mae, wie ein warmer, sehr starker Wind über sie hinwegfegte, um sie herum verharrte und sie trocken zurückließ.

Sie blinzelte einige Male heftig, um sich davon zu erholen, dann sagte sie: „Wow.“

„Ich weiß, es ist praktisch.“

Stefanie steckte den Zauberstab weg und ließ sich seufzend auf einen Lehnstuhl fallen. Die Wände waren mit Bücherregalen voll gestellt, nur die Fenster waren frei. „Meine Bibliothek.“ Sie deutete mit den Händen in den Raum und Mae nickte bewundernd.

„Das sind viele Bücher.“

„Es sammelt sich an. Aber es gibt ja auch so viele Bücher, die man haben möchte, nicht wahr?“

Das war etwas, das Mae nur bedingt nachvollziehen konnte, weswegen sie sich auf ein höfliches Nicken beschränkte. Stefanie hatte sich inzwischen einem T-Shirt zugewandt, das aus einem nicht offensichtlichen Grund auf dem Boden lag.

Sie hob es hoch und musterte es mit einem Anflug von Verwirrung. Es gehörte vermutlich Fred, denn es war ein Männer T-Shirt und auf der Vorderseite befand sich ein eindrucksvoller Fleck.

Mae warf Stefanie einen fragenden Blick zu und sah, wie ihre Mundwinkel zuckten. Ihr Gesichtsausdruck schien gleich verzweifelt, wie amüsiert.

„Ich denke, dass Fred mir damit sagen wollte, dass es dreckig ist und gewaschen werden muss“, erklärte sie und weil Mae anhand einer dermaßen altmodischen Rollenverteilung wohl eine Grimasse zog, fügte Stefanie hinzu: „Ja, das macht die Ehe. Heirate nicht.“ Dann jedoch lachte sie auf und schüttelte ihren Kopf. „Nur ein Witz – ich wette, dass Sophie es geklaut und mit irgendetwas darauf herum gemalt hat. Fred würde seine schmutzigen Sachen nicht einfach so im Haus verteilen, in der Hoffnung, dass ich sie finde und mich darum kümmere. Aber ich frage ihn wohl trotzdem besser, ob der Fleck von ihm ist. Vielleicht ist es irgendetwas aus der Werkstatt, das man anders behandeln muss, als das, womit Sophie darauf herum gemalt haben könnte. Was auch immer das war.“ Sie hatte ihre Stirn gerunzelt und ihre Lippen zusammengebissen, dann seufzte sie und sagte: „Ich bin gleich zurück.“

Während ihrer Abwesenheit, hatte Mae Muße, sich die Bücher in den Regalen näher anzusehen. Die meisten von ihnen waren Sachbücher, aber sie stammten nicht alle aus der magischen Welt. Natürlich war da eine Bandbreite an Werken aus der magischen Heilkunde, aber zu Maes Erstaunen auch eine ganze Reihe an Büchern über Chemie, Organische und Anorganische. Auch Physiologie und Pathophysiologie waren vertreten – es sah vermutlich so aus, wie bei einem Medizinstudenten, der genug Geld hatte, um sich alle Bücher zu kaufen, anstatt sie nur auszuleihen (und nicht nur Altfragen für die Prüfungen lernte).

Mae hatte gerade eines der Bücher hinaus genommen, als Stefanie zurückkam. Das T-Shirt hielt sie nicht mehr in den Händen, aber ihre Stirn war umwölkt.

„Es war Sophie. Wir wissen jetzt sogar, dass es Aufpeppeltrank ist, obwohl ich wirklich nicht weiß, wie sie es geschafft hat, den in die Hände zu bekommen. Sie hat aber die leere Flasche rausgerückt. Weißt du, ich bewahre den in einem Badezimmerschrank auf, zusammen mit anderen Medikamenten, Salben und sowas und sie sollte den nicht erreichen können. Ob sie wohl gezaubert hat? Da wäre ich gerne dabei gewesen...“ Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen und zog einen Schmollmund, während Mae das Buch wieder zurückstellte.

„Vermutlich ist dann jetzt der richtige Zeitpunkt, um alles, was gefährlich ist, magisch zu verschließen? Oder kann sie das dann auch aufbrechen?“

Stefanie schmunzelte, ging aber nicht darauf ein. Stattdessen sagte sie: „Und dann hatte ich schon wieder ganz vergessen, dass George da ist und er hat sich in der Zwischenzeit nicht gerade beruhigt. Ich frage mich, ob ich ihn zum Essen einladen, oder einen Kuchen backen sollte, damit er uns verzeiht….“

„Ich dachte, dass ihr George gesagt hättet… du weißt schon“, sagte Mae vorsichtig, woraufhin Stefanie sich auf die Lippen biss und ein Hauch von Rosa ihre Wangen überzog.

„Nicht meine Schuld. Ich wollte es ihm sagen, wirklich. Es war das Erste, das ich Fred sagte, als wir dich getroffen hatten. Aber er kennt George besser als jeder andere und ich denke, dass er schon seine Gründe gehabt hat, es nicht zu tun.“ Sie runzelte ihre Stirn und fügte hinzu: „Obwohl er es ja früher oder später – so wie heute – sowieso herausfinden musste, nicht wahr?“

„Er war nicht gerade glücklich, mich zu sehen“, seufzte Mae und setzte sich auf einen der anderen Stühle. Ihr Blick fiel auf eine Reihe von Büchern, die auf dem Schreibtisch lagen. Wahrscheinlich würde sie aus einem von diesen hier Zaubersprüche lernen.

„Mach dir darüber keine Gedanken“, winkte Stefanie ab und hob eines der Bücher hoch. „Das lag weniger an dir, als daran, dass er nicht darauf vorbereitet war. Ich schätze, dass er sich verraten fühlt, meinst du nicht?“

Mae zuckte wage mit den Schultern. „Könnte ich nachvollziehen“, gab sie dann zu, was Stefanie dazu brachte, zu schnauben.

„Fred wollte sicher nur sein Bestes. Aber das kann er jetzt mit ihm ausmachen.“

„Was ist mit seinem Ohr passiert?“, brach es aus Mae heraus und Stefanie blickte überrascht auf.

„Oh, ja, stimmt. Ihm fehlt ein Ohr. Das hatte ich schon fast vergessen, ich bin es schon so gewöhnt. Er liebt es, wie er seine Umgebung, vor allem Muggel, verstören kann, wenn er so draußen herumrennt. Ohne irgendeine Mütze oder so etwas.“ Sie grinste leicht, runzelte dann aber ihre Stirn und schien an das zu denken, was dazu geführt hatte. „Es ist im Zuge einer … Mission passiert, kann man sagen. Es war das Werk eines Zaubers, aber wenn es dich trösten sollte: Er war nicht in Gefahr, denn der Schütze war in Wirklichkeit gar nicht böse, sondern hat nur so getan und… es ist kompliziert.“

Mae blickte sie mit weit geöffneten Augen an. „Das klingt furchtbar.“

„Es gibt eine tolle Geschichte ab, glaube ich.“

„Bei den Frauen?“, gab Mae spöttisch zurück und Stefanie biss sich auf die Lippen, als würde sie das Gesagte zurücknehmen wollen.

„Bei allen. Und es war nicht sehr lustig. Einer unserer Leute ist im Zuge der Mission gestorben und George ist jetzt löchrig. Obwohl er dir versichern wird, dass alle wichtigen Teile noch vollkommen in Takt sind“, beeilte sie sich, zu versichern und entlockte Mae ein Grinsen.

„Da bin ich ja beruhigt. Warst du auch dabei?“

Stefanies Augen blitzten amüsiert auf. „Schwanger? Natürlich nicht. Obwohl ich es damals noch nicht wusste, aber ich habe bisher bei jeder Schwangerschaft an Magieschwäche – das kannst du dir wie Schwangerschaftsdiabetes vorstellen – gelitten und obwohl ich nicht wusste, warum, war ich mir durchaus dessen bewusst, dass ich nicht sehr nützlich gewesen wäre.“ Sie schwieg eine Weile, während Mae über das Gehörte nachdachte, dann sagte sie: „Aber wir beide sollten uns jetzt mit Zauberei beschäftigen, oder?“

Sie verbrachten den ganzen Nachmittag damit, Zauber zu üben. Stefanies Lehransatz war ein anderer, als George, oder der Earl ihn gehabt hatten, aber er war für Mae geeigneter und sie kam viel besser damit zurecht. Tatsächlich hatte sie zum ersten Mal den Eindruck, gar nicht so unbegabt zu sein, wie immer angenommen.

Zwischenzeitlich pausierten sie, Stefanie holte selbstgemachtes Gebäck aus der Küche, und sie sprachen über das Schloss und was sie in der kommenden Woche noch so vorhatten.

Als Mae sich endlich verabschiedete, war es Abend geworden. Es dämmerte bereits und würde sicher dunkel sein, bevor sie Zuhause angekommen sein würde.

Sie fürchtete sich nicht davor, immerhin war das einzig gefährliche da draußen ihr eigener Löwe, der sie vielleicht auf halbem Weg treffen und nach Hause begleiten würde.

Als sie in die Eingangshalle trat, traf sie auf George, der sich ebenfalls gerade auf den Heimweg zu machen schien, und seine Jacke anzog.

„Du gehst?“, fragte er sie und sie nickte, nicht, ohne auf den Fleck zu starren, wo früher sein Ohr gewesen war. Sie musste sich dazu zwingen, wegzusehen.

„Jepp, ich mache mich mal auf den Weg. Nicht, dass ich mich in der Dunkelheit verirre und ins Meer falle.“

Es war als Scherz gemeint, aber er kannte ihre Orientierungsschwierigkeiten und ein sorgenvoller Ausdruck huschte über sein Gesicht, bevor sich eine Falte in seine Stirn grub. „Bist du zu Fuß hier?“

„Ja, aber es sind nur zwei Kilometer“, relativierte sie diese heldenhafte Tat.

Ihn schien das nicht zu beruhigen. „Soll ich dich vielleicht besser nach Hause bringen?“

Ihr Herz machte einen Satz und ihr wurde klar, dass das einer der Gründe war, warum sie sich in ihn verliebt hatte. Er sorgte sich leicht um andere und schien immer bereit zu sein, zu helfen.

„Wenn du willst“, antwortete sie und wartete, bis er sich fertig angezogen hatte. „Es ist das Cottage am Meer, ich kenne aber die Adresse nicht“, erklärte sie, da sie annahm, er würde apparieren.

„Ich war schon einmal dort, ich finde es“, erwiderte er und sie traten hinaus ins Freie. Er hielt ihr seine Hand hin und sie nahm sie, obwohl sie ein wenig enttäuscht war, dass er sie nicht zu Fuß begleitete, was viel länger gedauert und ihnen Gelegenheit gegeben hätte, sich auszusprechen.

Aber sie sagte nichts dazu und nur Momente später spürte sie das vertraute, unangenehme Gefühl in ihrer Magengegend, das immer beim Apparieren auftrat und das sie schrecklich vermisst hatte. Und keine Sekunde später befand sie sich vor ihrem Cottage.

„Danke, das ging schneller, als ich dachte“, sagte sie und versuchte, zu lächeln. Er ließ sie los und steckte seine Hände in seine Hosentaschen. Im letzten Licht des Tages konnte sie sehen, dass er sie auf seltsame Art und Weise ansah.

„Du solltest keine dünnen Kleider tragen, wenn du nass wirst.“

Blut schoss in ihre Wangen, aber sie hoffte, dass er es in dem dämmrigen Licht nicht sehen konnte. „Nichts, das du nicht schon gesehen hast. Außerdem wusste ich nicht, dass es regnen würde. Ich wurde überrascht.“

„Ich dachte, in Irland regnet es immer“, spottete er und Mae schüttelte gereizt ihren Kopf. „Und denk nicht einmal daran, mich zu asnien. Ich sehe doch, dass dir das Wort auf den Lippen hängt“, fuhr er in der selben Leier fort.

Sie tastete nach dem Lichtschalter, der die elektrische Laterne außerhalb des Hauses anschaltete, und ließ das Licht aufflackern.

„Ich weiß nicht, wieso du mir gegenüber jetzt so aggressiv bist, aber ich finde, dass es keinen guten Grund dafür gibt und ich hoffe, dass du damit aufhörst.“ Sie holte Luft und fuhr fort: „Es ist drei Jahre her, und ich war nicht die, die Schluss gemacht hat. Wir sind beide darüber hinweg und sollten uns auch so verhalten. Außerdem mag ich deine Schwägerin und sie ist mir eine große Hilfe. Es kann also sein, dass wir uns noch öfter begegnen werden und ich bin sicher, dass es für alle angenehmer wäre, wenn wir uns so verhalten könnten, wie reife Erwachsene und nicht so, als wäre böses Blut zwischen uns. Okay?“

Sie sah zu ihm hoch, um eine Reaktion an seinem Gesicht abzulesen. Er sah sie an und etwas fremdes, das sie bei ihm noch nie gesehen hatte, und auch nicht deuten konnte, spiegelte sich in seinen Augen. Sie hatte keine Ahnung, was in ihm vorging.

„Okay“, sagte er schließlich und trat einen Schritt zurück. „Schlaf gut.“

Und noch bevor sie den Gruß erwidern konnte, war er mit einem Plopp verschwunden.

„Wow“, murmelte sie und starrte ein wenig fassungslos auf den Punkt, an dem er gerade noch gestanden hatte. „Das war seltsam.“

Sie sperrte die Haustüre auf und ließ sie offen, damit Amadán eventuell hinein konnte, und auch, um das Haus durchzulüften. Dann ging sie in die Küche, um etwas zu kochen und während sie Kartoffeln schälte und Fleisch anbriet, wurde ihr klar, dass sie selbst nicht über George hinweg war.

„Es ist drei Jahre her“, erinnerte sie sich und schnitt sich mit dem Messer in den Finger. „Autsch!“

Sie steckte den blutenden Daumen in den Mund und nuckelte daran herum. Aus dem Wohnzimmer drang das Geräusch schwerer Pfoten und sie hörte, wie Amadán die Türe hinter sich zustieß.

„Hallo Amadán“, rief sie und wickelte ein wenig Küchenrolle um den Finger. „Du glaubst nicht, was mir heute passiert ist. Erinnerst du dich noch an… nein, du warst da ja nicht dabei. Also, ich war vor drei Jahren mit einem Zauberer zusammen – George – und er hat Schluss gemacht. Und heute habe ich ihn wiedergesehen! Er ist der Zwilling von Fred, du weißt schon, dem Ehemann von Stefanie, deiner Mäusefangkameradin, und auf jeden Fall...“

Der arme Amadán musste sich ihre ganze Leidensgeschichte anhören, während sie fortfuhr, ihr Essen zu kochen, aber er trug es mit Fassung. Er setzte sich neben sie auf den Küchenboden und hörte ihr geduldig zu, oder vermittelte zumindest diesen Eindruck. Als sie das Essen in den Ofen schob, peitschte er mit seinem Schweif auf dem Boden und sie grinste.

„Seltsam, nicht wahr? Dabei habe ich ihm gar nichts getan! Das war doch seine Schuld, oder verstehe ich da etwas falsch? Warum sind Männer so kompliziert? Nichts gegen dich, du bist ja auch ein Mann, aber du verwirrst mich nicht so sehr, wie er.“

Amadán musterte sie aufmerksam und sie schüttelte ihren Kopf. „Ja, was sollst du dazu schon sagen, nicht? Ich wünschte nur, er hätte anders reagiert. Hätte er sich nicht freuen können? Ich weiß, es ist viel passiert, seit wir uns getrennt haben, aber nachdem er eigentlich nur Schluss gemacht hat, um mich zu schützen, müsste er doch keine negativen Gefühle mir gegenüber haben, oder? Warum also war er nicht erfreut, mich zu sehen? Ich meine, Steph hat gesagt, dass er mich sogar aufsuchen wollte, als die Gefahr vorbei war. Leider war ich gerade mit Ryan zusammen, aber trotzdem! Er hatte also noch Gefühle für mich. Sind die verschwunden? Ja, du hast Recht, wahrscheinlich hat er seitdem auch wieder andere Frauen getroffen und sich neu verliebt und…“ Sie stutze. „Du glaubst doch nicht, dass er sauer war, oder? Er hat mir nie gesagt, dass ich auf ihn warten soll! Immerhin war nicht absehbar, ob sich jemals etwas an der Lage ändern würde! Wenn er mir gesagt hätte, dass ich auf ihn warten soll, hätte ich es doch getan! Aber er hat gesagt, dass er mich nicht liebt und meine Mathematik ihn genervt hat! Er kann doch nicht von mir erwartet haben, dass ich, nach all dem, jahrelang auf ihn warte! Ich meine, ich habe ja irgendwie auf ihn gewartet, oder? Ich habe noch Gefühle für ihn und dabei habe ich mich wirklich angestrengt, ihn zu vergessen.“

Sie seufzte und umschloss die Muschelkette mit ihren Händen, während sie sich, den Küchenkasten entlang, zu Boden sinken ließ, und neben dem Löwen zum Sitzen kam. „Kannst du daraus schlau werden?“

Sie versenkte ihre Finger in seine Mähne und begann, ihn zu kraulen. „Was soll ich tun? Soll ich irgendetwas tun? Oder so tun, als wäre nichts? Wie ein reifer Erwachsener?“

Angesichts dieser Worte entglitt ihr ein trockenes Lachen. „Ach, ich weiß, dass ich wissen hätte müssen, das so etwas passieren kann, aber…“

Mae seufzte leise und lehnte ihren Kopf nach hinten, sodass er gegen das Holz des Schrankes stieß. „Aber es war doch schrecklich süß von ihm, dass er mich nach Hause gebracht hat, oder nicht? Ich weiß, er hätte das für jeden getan, und genau das macht es so unwiderstehlich. Und er sieht immer noch aus wie damals, ich kann also nicht von mir behaupten, ihn nach der Trennung optisch verherrlicht zu haben. Ihm fehlt ein Ohr, weißt du das? Aber sobald ich mich daran gewöhnt hatte, ist es mir gar nicht mehr aufgefallen! Und irgendwie finde ich schon noch, dass er sehr gut aussieht. Ob er wohl immer noch...“

Sie brach ab und entschied, dass sie auch nicht alle ihre Gedanken mit Amadán teilen musste.

Als sie abends im Bett lag, stiegen verschiedene dieser Gedanken, die sie ihm nicht mitteilen wollte, in ihr hoch und sie erkannte, wie viele Gefühle und Empfindungen sie die ganze Zeit nur verdrängt hatte. Jetzt, wo sie George wiedergesehen hatte, stiegen sie alle wieder in ihr hoch und sie war alles andere als begeistert davon.


„Hat George dich gestern nach Hause gebracht?“, erkundigte Stefanie sich am nächsten Tag, als sie in einem Haufen alter Kleidung saßen und durchsahen, ob man noch irgendetwas damit machen konnte. Vielleicht hatte ja ein Museum Interesse.

„Ja, hat er“, nickte Mae und hob eine gepuderte Perücke hoch. Hatte man so etwas nicht zuletzt im Barock getragen? Wie ekelig war es denn, so etwas aufzubewahren? Sie warf sie auf den Haufen, der im Müll landen würde und schüttelte ihre Hände aus, als könnte sie so die Berührung ungeschehen machen.

„Wie nett von ihm“, bemerkte Stefanie und warf einen nervösen Blick zum Kinderwagen, aus dem gerade ein leises Geräusch gedrungen war.

„Ja, vor allem, nachdem er meine Präsenz so positiv aufgefasst hat“, bemerkte Mae mit einem Hauch von Sarkasmus, der Stefanie dazu brachte, sich auf die Lippe zu beißen.

„George ist eben sensibel.“

„Das klingt aus deinem Mund nicht wie ein Kompliment“, gestand Mae und und versuchte nicht, die aufsteigende Erheiterung zu verbergen.

„Ich sage doch nur, dass er verletzlich ist, wie jeder andere“, verteidigte Stefanie ihre Wortwahl, und vielleicht auch George. Aus dem Kinderwagen drang Babywimmern, was sie dazu brachte, aufzustehen, und nachzusehen, welcher ihrer beiden jüngsten Sprösslinge, gerade etwas von ihr brauchte.

„Ja, aber er hat mit mir Schluss gemacht. So, wie er reagiert hat, könnte man meinen, ich hätte ihn betrogen und er mich in flagranti dabei erwischt“, gab Mae zu bedenken und breitete einen altmodischen Reitmantel auf ihren Knien aus. „Der ist cool, ob mir der wohl passt?“, murmelte sie leise, mehr an sich selbst, als an Stefanie gerichtet, die aber trotzdem einen Blick darauf zu werfen schien, denn sie erwiderte: „Der zerfällt doch zu Staub, sobald er das Tageslicht sieht.“

Ganz stimmen konnte das nicht, denn es fiel bereits Tageslicht auf ihn, aber angesichts der brüchigen Nähte und des bereits leicht bröselnden Leders, konnte Mae ihr nicht wirklich widersprechen. Seufzend warf sie ihn auf den Müllhaufen.

„Und, nein, natürlich hat er mit dir Schluss gemacht, und du hast ihn nicht betrogen, aber das bedeutet nicht, dass du ihn nicht irgendwie anders verletzt hast. Ich habe ihn nicht gefragt, weil Fred mich ins Schienbein getreten hat, als ich den Mund aufgemacht habe und später hat er mir gesagt, ich wäre so empathisch wie ein Stein, aber das habe ich schon öfters gehört, also muss es stimmen.“

Mae gluckste und warf ihr einen kurzen Blick zu. „Ich muss diese Windeln wechseln, aber danach sage ich dir, was ich vermute.“

Während sie fort war, sortierte Mae einen Haufen Hüte, die aufwendig mit Federn und glitzerndem Krimskrams dekoriert waren, auf den Müllhaufen und überlegte ziemlich lange, was sie von dem blutbeschmierten Degen halten sollte, den sie, eingewickelt in einen Haufen sehr alter Herrenunterhemden, gefunden hatte.

Gerade, als sie sich dachte, wie interessant es doch wäre, herauszufinden, wie alt das Blut war, kam Stefanie zurück.

„Oh, das ist ja spannend!“, rief sie aus und nur den Bruchteil einer Sekunde später kniete sie auch schon neben ihr. „Eine Mordwaffe!“

„Es muss keine Mordwaffe sein“, gab Mae zu bedenken und wog die schwere Waffe in ihren Händen. „Vielleicht hat jemand ein Bein amputiert, weil jemand von einer Schlange gebissen wurde, und das Gift sonst das Herz erreicht hätte?“

„Aber dann würde man es doch abbinden. Außerdem klingt das ziemlich unrealistisch. Weißt du, ich glaube, dass es verdammt schwer ist, ein Bein abzuschneiden. Vor allem mit so einem kleinen Klingchen wie diesem hier.“

„Du solltest nicht schlecht über eine Klinge reden, an der Blut klebt“, kicherte Mae und legte den Degen weg. „Vielleicht gibt es aber auch eine bessere Erklärung: Dieses Blut stammt von einem dreckigen Franzosen, und wurde in der Schlacht von Waterloo auf die Klinge gebracht, woraufhin mein Vorfahr so stolz war, dass er es nicht abwischen wollte.“

„Aber warum hat er es dann in seine Unterhemden gewickelt?“, hakte Stefanie, grausam realistisch, nach und zerstörte Maes Fantasie.

„Na gut, es sieht tatsächlich eher danach aus, als hätte er den Liebhaber seiner Frau im Duell besiegt. Appropos Duell: Wenn es ein illegales Duell war, dann hätte er den Degen vielleicht auch versteckt?“

„Ich sehe kein einziges Szenario, in dem man den Degen verstecken, anstatt säubern sollte“, meinte Stefanie mit gerunzelter Stirn. „Außer natürlich, er hat jemanden im Affekt ermordet, hörte Schritte, wollte nicht, dass es jemand sieht, und wurde dann selbst umgebracht, bevor er ihn putzen konnte.“

„Ich mag den Gedanken nicht, dass hier jemand ermordet wurde“, seufzte Mae und fragte sich, ob es ihr gelingen würde, sich einzureden, es wäre Farbe, und nicht Blut.

„Das passiert in den besten Häusern“, tröstete Stefanie sie und nickte überzeugt. „Und dieses Haus ist außerdem sehr alt. Nur mal so interessehalber – wo hast du den Degen gefunden?“

„Der war auch in diesem Kleiderschrank, aus dem ich das andere Zeug habe. Aus dem unbewohnten Schlafzimmer, das wir uns gestern angesehen haben. Und ich glaube, dass es schon sehr lange nicht mehr bewohnt war, denn sonst würden wir wohl kaum solche Sachen finden.“

Mae deutete mit den Augen auf die vermeintliche Mordwaffe und stieß sie dann mit ihrer Schuhspitze leicht von sich. „Gruselig.“

„Naja, so lange wir keine Leiche finden, bin ich beruhigt. Und bei Kleiderschränken weiß man nie: Du könntest auch einen vergessenen, inzwischen gestorbenen und skelettierten Liebhaber finden.“

Mae kicherte. „Du klingst, als hättest du dich schon eingehend mit den diversen Methoden, einen Liebhaber effizient zu verstecken, auseinander gesetzt.“

„Sei nicht dumm, doch nicht in den ersten Ehejahren.“ Aber sie musste ebenfalls lachen, bevor ihr etwas einzufallen schien.

„Appropos – wir waren gerade dabei, über George zu reden, nicht wahr?“

Ob sie die Assoziation über den Liebhaber, oder die Ehe geschlossen hatte, konnte Mae nicht sagen, aber sie tat, als wäre sie nur mäßig interessiert und zog einen alten Seidenschal aus dem Haufen vor ihr.

„Ich glaube, dass es ihn ziemlich verletzt hat, zu erfahren, dass du einen Freund hast, als er vor zwei Jahren nach dir gesucht hat“, fuhr Stefanie fort und schien ihren Diskomfort nicht zu bemerken.

Sie sah sie erwartungsvoll an und Mae zwang sich, aufzublicken. Sie seufzte leise, als sie Stefanies Gesicht sah, das deutlich ihre Sorge um Georges Wohlbefinden und Glück widerspiegelte.

„Er hat mich nicht gebeten, auf ihn zu warten“, konnte Mae nur wiederholen, was sie sich selbst am Vorabend gesagt hat. „Stattdessen hat er mir gesagt, dass er mich nicht liebt und dass ich endlich verschwinden soll.“

„Ja, aber das hat er doch nur getan, damit du in Sicherheit bist!“, verteidigte Stefanie George, woraufhin Mae wage mit den Schultern zuckte.

„Mag sein, aber ich sehe keine Schuld bei mir. Wenn er mir gesagt hätte, dass ich auf ihn warten soll, dann wäre es etwas anderes gewesen, aber so nicht. Niemand kann erwarten, dass ich bis an mein Lebensende alleine bleibe, nur weil er vielleicht irgendwann wieder auf mich zurückkommt? Es war ja auch nicht absehbar, dass sich eure Probleme mit eurem Ministerium bald lösen würden.“

Sie verstummte und suchte in Stefanies Gesicht nach einer Reaktion auf diese Worte.

„Ich gebe dir nicht die Schuld für irgendetwas“, seufzte Stefanie und nahm ihr den Schal ab, um ihn zu probieren. „Aber es ist die einzige Erklärung, die ich für sein Verhalten habe.“

„Es ist drei Jahre her. Ich bin sicher, dass er in der Zwischenzeit auch kein Heiliger war.“

Stefanie grinste schwach. „Vermutlich nicht. Aber habe ich schon erwähnt, dass er schon lange kein Date mehr hatte? Er hat gesagt, dass er sich jetzt fürs erste ausgetobt hat und vielleicht als nächstes nach etwas Ernstem suchen will.“

Ein kurzer Stich fuhr durch Maes Herz, als sie das hörte. Also war sie eigentlich nichts ernstes gewesen. Nun, jetzt wusste sie es wenigstens. Dafür hatte sie ja scheinbar ihren Beitrag geleistet, damit er sich austoben konnte. Vielleicht war ihr ja auch die Ehre zuteil, eine Kerbe in seinem Bettpfosten zu sein? Nicht, dass er so etwas hatte, sie war ja in seinem Zimmer gewesen, aber…

Stefanies Stimme riss sie aus ihren, zugegebenermaßen auf Selbstgeiselung ausgelegten Gedanken.

„Ich finde, dass das mit dem Ohr nicht wirklich stört. Er sieht dadurch vielleicht ein wenig… ich will nicht sagen, dass er gefährlicher aussieht, vielleicht verwegener? Auf jeden Fall sieht man, dass er schon einmal gekämpft hat, und das muss auf die eine oder andere Frau doch sexy wirken? Er ist mutig, und jetzt steht es auch in seinem Gesicht geschrieben.“

„Du kannst es ja auf sein Datingprofil für ein Zeitungsinserat schreiben“, schlug Mae vor und nahm ihr den Schal wieder ab, mit dem Stefanie während des Redens herumgespielt hatte.

„Den behalte ich, der ist noch gut“, erklärte sie und Stefanie nickte.

„Das wollte ich auch vorschlagen, er ist ziemlich hübsch. Und nein, George ist wirklich der Letzte, der ein Zeitungsinserat benötigt, um eine Freundin zu finden! Ich weiß nicht, ob es wirklich am Ohr liegt, aber wenn er den ’Gipfel der Welt’ betritt, dann kleben sich einfach alle weiblichen Blicke auf ihn!“ Sie schien kurz zu überlegen, dann gab sie zu bedenken: „Es könnte daran liegen, dass sie wissen, wie reich er ist.“

„Das erscheint mir nicht unwahrscheinlich“, murmelte Mae, die gerade nicht in der Stimmung war, George ehrliche Verehrerinnen zu gönnen, die hinter etwas anderem, als seinem Geldbeutel her waren. Sie wollte die einzige sein, der es um seinen Charakter ging.

Ein wenig schockiert von ihren eigenen Gedanken, schüttelte sie ihren Kopf, und legte den Schal um. Was war sie nur für ein Mensch? Natürlich verdiente er es, für mehr, als nur sein Bankkonto bewundernd zu werden und sie war sich sicher, dass dem auch so war. Warum nur hatte sie sich in einen Mann verliebt, bei dem es so viel Konkurrenz gab?

Aber wollte sie überhaupt noch etwas von ihm?

Vielleicht wäre es besser, sich darüber im Klaren zu sein, bevor sie ihm das nächste Mal unter die Augen trat, damit sie wusste, wie sie sich verhalten sollte.

„Davon abgesehen, dass die meisten Frauen sich unwiderstehlich zu Männern hingezogen fühlen, die den Ruf haben, Herzensbrecher zu sein, nicht wahr?“

War sich Stefanie eigentlich dessen bewusst, dass sie gerade mit einer dieser Frauen redete?

Mae warf ihr einen kurzen Blick zu und konnte sich den Gedanken nicht verkneifen, dass sie tatsächlich über keine Empathie zu verfügen schien.

Auch Mae selbst sagte oft Sachen, die andere verletzten, aber sie war sich zumindest dessen bewusst. Okay, das war noch schlimmer, gab sie zu und entschied, es nicht persönlich zu nehmen.

„Man glaubt halt immer, die eine, besondere Frau zu sein, die ihn ändern kann?“

Stefanie prustete, als wäre das absolut unmöglich, bevor sie sagte: „Ich glaube, dass man Menschen nicht ändern kann. Eigentlich mag ich den Gedanken, dass es nicht seinem Charakter entspricht, Herzen zu brechen, sondern nur eine Phase war, die jetzt zu Ende ist. Und ich glaube auch, dass du deinen Beitrag dazu geleistet hast, sie enden zu lassen.“

„Schmeichelhaft. Aber ich fürchte, dass wir diese Ehre wohl eher Clara geben müssen. Oder hatte er danach noch ein Date?“

„Ich war da in Österreich“, sagte Stefanie gedankenvoll, „ich kann es also nicht sagen. Aber danach habe ich nie wieder von einem gehört. Und während Marie bei ihm gewohnt hat, hätte ich es erfahren.“

„Vielleicht hatte er ja doch etwas mit ihr“, schlug Mae vor, die sich noch gut daran erinnerte, welchen Eindruck Marie auf sie gemacht hatte.

„Das würde er nicht wagen“, erwiderte Stefanie grimmig und ballte ihre Hand zu einer Faust. „Meine Schwester ist tabu. Außerdem ist sie zu … unreif für ihn. Sie muss sich erst selber finden. Sobald ihre Kleidung nicht mehr das Wichtigste in ihrem Leben ist, wird sie bereit für die wahre Liebe sein. Bis dahin kann sie für Quidditchspieler schwärmen.“

Die Worte klangen erstaunlich hart, dafür, dass sie von ihrer Schwester sprach, aber Mae hatte nie eine Schwester gehabt und konnte es nicht wirklich beurteilen.

„Außerdem ist sie nicht sein Typ. Und er ganz sicher nicht ihrer“, grinste Stefanie und nahm einen hübschen, aber etwas abgetragenen Handschuh, der am Rande des Haufens lag, in die Hand.

„Sein Typ scheint recht breitgefächert zu sein.“ Mae zog das passende Gegenstück aus dem Haufen und reichte es hier. „Die waren einmal hübsch.“

„Ich frage mich, wie das Leben hier früher aussah… als noch Muggel hier lebten, meine ich. Mit Dienstboten und Bällen und all dem...“

„Für Frauen vermutlich langweilig. Keine Beschäftigung außer endlosen Bällen und Dinnereinladungen. Bestimmen, wie sich das Menü zusammensetzen soll, war wohl das Höchste der Gefühle.“

„Vermutlich hast du Recht“, seufzte Stefanie und legte die Handschuhe weg. „Aber was anderes – ich habe George für heute Abend zum Essen eingeladen. Willst du nicht auch kommen?“

Mae warf ihr einen zweifelnden Blick zu. „Irgendetwas sagt mir, dass du diese Einladung gerade nicht mit deinem Ehemann abgesprochen hast, sondern die Kupplerin in dir unüberlegte Handlungen ausübt.“

Stefanie zuckte ungerührt mit den Achseln. „Irgendetwas musste über all die Jahre ja von den beiden auf mich abfärben. Sie haben schon so oft über meinen Kopf hinweg Entscheidungen getroffen, von denen sie glaubten, sie wären zu meinem Besten. Es ist also nicht ganz so verwerflich, wenn ich mich revanchiere.“

Mae schenkte ihr ein leichtes Lächeln, schüttelte aber den Kopf. „Ich will nicht der Grund sein, dass die Stimmung beim Essen mies ist. Danke für die Einladung, aber es ist sicher besser, wenn ihr das ohne mich macht. Vielleicht ein anderes Mal, wenn George sich mit meiner Anwesenheit abgefunden hat.“
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